Berliner Schloss - architektur- und kunstgeschichtliche Aspekte

  • Die Ruine des Schlosses und die Umgebung

    Die Bilder vermitteln einen schlimmeren Eindruck, als es wirklich der Fall war.


    Vieles im Schloß war noch völlig unbeschädigt und alles weitere hätte man durchaus im Laufe der Jahre wieder daher richten können, wenn man nur Willens gewesen wäre.

  • Vielleicht auch noch mal eine Anmerkung zur Kriegslücke auf der Nordseite - diese Stelle wurde offensichtlich von einer Sprengmine getroffen.


    Ein jedes Mietshaus wäre nach einem solchem Einschlag perdü gewesen, nicht so das Schloß.


    Auch die Sprengung des Stadtschlosses war keine Eintagsfliege, es wurde mehrfach gesprengt, bis der alte greissliche Spitzbart es endgültig los war.


    Ich weiß garnicht an wie viel Tagen die Sprengungen stattfanden, aber es muß sich über Tage hingezogen haben.


    Schon anhand dieser Tatsachen dürfte wohl klar sein, daß selbst die Ruine des Schlosses über etliche Jahrzehnte überdauert hätte ohne nennenswert in sich zusammenzufallen.

  • Ich weiß garnicht an wie viel Tagen die Sprengungen stattfanden, aber es muß sich über Tage hingezogen haben.

    Die Sprengungen begannen am 6. September 1950 mit dem Apothekerflügel und endeten am 30. Dezember 1950 mit der Vernichtung des Eosanderportals. Für diese schnelle und gründliche Durchführung war eine penible und aufwendige Planung, Organisation, spezifische Infrastruktur und Logistik notwendig. Man denke nur an die geschätzt 20.000 Tonnen Schutt, die per LKWs und einer Lorenbahn (dafür wurden extra Schienen verlegt) abtransportiert werden mussten (siehe Bild).

    Die Philosophin Hannah Arendt nannte den Holocaust in einem Aufsatz "Die vollendete Sinnlosigkeit", was abgesehen von dem in dieser Formulierung nicht berücksichtigten moralisch-menschenrechtlichen Aspekt genau die treffende Bezeichnung ist. Und auch der Holocaust ließ sich nicht ohne eine penible Planung und extra dafür geschaffene Infrastruktur durchführen. Daher kommt mir die Formulierung "Vollendete Sinnlosigkeit" auch bei der Vernichtung des Schlosses immer wieder in den Sinn.

    "80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs wiederholen Politiker jedes Jahr die Worte 'Nie wieder'. Und nun sehen wir, dass diese Worte wertlos sind." (Wolodymyr Selenskyj)

  • Die Sprengungen begannen am 6. September 1950 mit dem Apothekerflügel und endeten am 30. Dezember 1950 mit der Vernichtung des Eosanderportals.

    Man bedenke daß die Sprengung ganzer Straßenzüge bereits an einem Tag erledigt waren und für das Schloß brauchte man Monate...


    Vielleicht hätte man Ulbricht damals mal nahelegen sollen, die Ruine bis zur Wende einfach mal stehen zu lassen, um dem Klassenfeind diese Kosten aufzwingen zu können >;-}:biggrin:

  • Ist es nicht erstaunlich, welche baulichen Ähnlichkeiten in der Kubatur und Fassade des Dynamowerks der Siemenswerke in Berlin-Spandau, zu den Portalen IV und V des Berliner Schlosses besteht

    Mein spontaner, erster Gedanke: Mit genug Boshaftigkeit einflussreicher Modernisten hätte das Dachrestaurant des Berliner Schlosses auch so aussehen können. Da haben wir ja nochmal Glück gehabt...

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    Gutmensch = Gut gemeint, nicht zuende gedacht, schlecht gemacht

  • .... wobei die Architektur - für sich genommen, um Längen besser ist als die Hochhäuser, die derzeit in Berlin und anderswo gebaut werden, zumal man noch von einer von Türmen dominierten Stadtsilhouette ausgeht: mit Petrikirche und im Ursprungszustand wiederhergestellten Ecktürmen des Domes.

    Nimm das Recht weg, was ist der Staat dann noch anderes als eine große Räuberbande? (Augustinus von Hippo)

  • Besteht ein Unterschied zwischen Nazi- und Stalin-Architektur?

    Das Eine soll besser sein als zeitgenössische Architektur?

    Überlegt mal, was Ihr da sagt.

  • Ja da bestehen einige Unterschiede und ich würde auch wagen zu behaupten, dass die Nazi- und Stalinarchitektur schönere Öffentliche-, Partei- und Repräsentationsbauten geschaffen hat, als die Moderne in ihrer gesamten Existenz.

    Hat die Schönheit eine Chance-Dieter Wieland

  • Ich glaube, das kann man unterschreiben, was VonSalza meint. Ich finde zum Beispiel das ehemalige NS-Reichsbank-Gebäude (heutiges Außenministerium) ein ganz tolles Gebäude mit seiner Muschelkalkfassade, den schönen Innenhöfen und der imposanten Eingangshalle. Oder auch den Stadtflughafen Tempelhof. Die Frankfurter Allee mit den Stalinbauten finde ich auch sehr gut und qualitätsvoll, wenn auch ich beide mörderischen Ideologen von Haus aus natürlich ablehne, aber das wird uns allen hier so gehen.


    In diesem Zusammenhang passt auch, was Architekt Mäckler sagte: "Ich habe mich nie für Ideologien interessiert und halte diese in der Architekturdebatte für schlimm, weil sie unseren Berufsstand schwächen." Kann man natürlcih darüber diskutieren, aber ich halte es wie Herr Mäckler.

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Besteht ein Unterschied zwischen Nazi- und Stalin-Architektur?

    Ähnliches dachte ich auch, als ich den Entwurf sah.


    Irgendwie hat sich die "Weltstadt Germania" auch in den kommunistischen Köpfen gehalten - allein es fehlte an wirtschaftlichen Mitteln.


    In wie weit ich eine solche Architekur als schön empfände, steht nicht zur Debatte.


    Aber in der Tat hat die stalinistische Architektur mit jener Albert Speers, recht viele Ähnlichkeiten.


    Wer hier von wem geklaut hat, vermag ich nicht zu beurteilen.


    Nur ich befürchte, bei einem solchem Bau hätte man sich möglicherweise schwerer getan es für den Wiederaufbau des Schlosses zu beseitigen.


    Diese Glas-Stahl-Asbest Kiste namens PdR hat jedenfalls (bis auf ein paar ewig Gestrige) keiner so recht vermißt.

  • Zum Beispiel dieser Wohnkomplex hier in Moskau, wobei mir gar nicht bewusst war, dass man teilweise auch gewöhnliche Wohnungen so ansehnlich baute:


    https://de.wikipedia.org/wiki/Zuckerbäckerstil#/media/Datei:MoskauWohnhausKotelnitscheskaja-Uferstrasse.JPG


    Man stelle sich vor, dass Köln-Chorweiler so aussehen würde oder das Ihme-Zentrum in Hannover...

    Da würde man gar nicht mehr aus dem Staunen herrauskommen.

    Hat die Schönheit eine Chance-Dieter Wieland

  • Im Grunde genommen kann man froh sein, daß die Diktatoren des 3. Reiches so wie der DDR, aus verschiedenen Gründen, nicht in der Lage waren die Stadt mit solchen Monumenten zu zu betonieren.


    Hätten die damaligen Diktatoren ihre Bauvorhaben durchsetzen können, hätte es möglicherweise Schwierigkeiten für den Wiederaufbau historischer Gebäude, wie das Schloß, geben können.

  • Besteht ein Unterschied zwischen Nazi- und Stalin-Architektur?

    Ja, natürlich. Es geht um den architektonischen Ausdruck unterschiedlicher politisch-ideologischer Systeme, der in verschiedenen kulturellen Kontexten entstanden ist. Es dürfte jedem klar sein, dass es einen Unterschied zwischen deutscher und russischer Kunst gibt.


    Das Eine soll besser sein als zeitgenössische Architektur?

    Nun, das ist auch eine Geschmacksfrage. Zeitgenössische oder moderne Architektur ist aber nicht per se demokratisch. In den kommunistischen Staaten wurden viele Bauten im modernen Stil errichtet. Und in den autoritär regierten Staaten unserer Zeit wird oft hochwertig modern gebaut.


    Irgendwie hat sich die "Weltstadt Germania" auch in den kommunistischen Köpfen gehalten

    Nein, mit den Germania-Plänen hat das nichts zu tun. Die Gruppe Ulbricht kam aus Moskau. Stalin war ihr Idol. Die SED orientierte sich nicht an den Nazis, die ihre Todfeinde und die Verlierer der Geschichte waren.


    Zum Beispiel dieser Wohnkomplex hier in Moskau, wobei mir gar nicht bewusst war, dass man teilweise auch gewöhnliche Wohnungen so ansehnlich baute:

    Naja, so ganz gewöhnlich waren diese Wohnungen nicht.


    Die sieben Stalin-Hochhäuser, die ab 1947 in Moskau errichtet wurden, waren propagandistische Inszenierungen. In jenen Jahren lebten die meisten Menschen in sehr schlechten Verhältnissen. Es herrschte große Not (auch als Kriegsfolge). Das ganze Land war schwer traumatisiert. Mit geschickter Propaganda wurde vor der Weltöffentlichkeit kaschiert, wie kaputt das Sowjetland war. Die Baukunst leistete dazu ihren Beitrag.


    Man stelle sich vor, dass Köln-Chorweiler so aussehen würde

    Das ist nicht möglich. Solche aufwendigen Hochhäuser sind Solitäre. Wohngebiete für die Volksmassen bestanden in den sozialistischen Ländern aus kostengünstigen Typenbauten.

  • Ja, natürlich. Es geht um den architektonischen Ausdruck unterschiedlicher politisch-ideologischer Systeme, der in verschiedenen kulturellen Kontexten entstanden ist. Es dürfte jedem klar sein, dass es einen Unterschied zwischen deutscher und russischer Kunst gibt.

    So gern es mir leid tut, aber hier muß ich Dir widersprechen.


    Man hat gerne von einander abgekupfert - das ist aber keine neuere Erscheinung.


    Der Klassizismus ist auch der griechischen Architektur übernommen worden.


    Wer das Schloß genau betrachtet, wird hier griechisch klassizistische Elemente wahrnehmen können.


    Ähnliche Gemeinsamkeiten hatten auch die stalinistische und die Diktatur des 3. Reiches gehabt.


    Das DDR Regime hatte anfangs versucht sich dem anzuschließen.


    Das Schloß hätte man durchaus wieder instant setzen können - aber das DDR Regime setzte zunächst auf faschistische Architektur.

  • aber das DDR Regime setzte zunächst auf faschistische Architektur.

    Nein, das stimmt nicht. Man hat natürlich nicht den Stil des Regimes zitiert, das für die Katastrophe des Zweiten Weltkrieges verantwortlich war.


    Und die Sowjetunion hatte es nicht nötig, sich künstlerische Anregungen beim Dritten Reich zu holen. Die UdSSR war ja schon vorher da und verfügte über eine vitale Architekturszene. Eiserner Pirat hatte eingangs einen nicht realisierten Hochhausentwurf gezeigt. Die Idee, ein abgestuftes, repräsentatives Hochhaus ins Zentrum einer sozialistischen Hauptstadt zu setzen, geht auf den Wettbewerb für den Palast der Sowjets in Moskau zurück, der in einem mehrstufigen Verfahren 1931 bis Anfang 1933 duchgeführt wurde. Der Siegerentwurf von Boris Iofan stammt von 1932, in wesentlichen Zügen schon von 1931. Er wurde dann unter Mitwirkung der neoklassisch orientierten Architekten Schtschuko und Helfreich überarbeitet. Dabei wurden die Dimensionen von 250 m auf 415 m mit Leninstatue erhöht. Das Gebäude sollte also höher sein als das Empire State Building in New York. Das alles geschah, bevor Speer mit seinen Germania-Planungen anfing.


    Entwurf für den Palast der Sowjets von Iofan, Helfreich und Schtschuko, überarbeitete Fassung, um 1933

    (Abbildung aus Б. М. Иофан, В. Г. Гельфрейх, В. А. Щуко, "Высотные здания в Москве" [Hochhäuser in Moskau], 1950, CC-BY-NC)


    Und nun kehren wir wieder zurück zum Berliner Schloss mit seinen menschlichen Dimensionen.

  • Es ist falsch, den damals international sehr beliebten Neoklassizismus als eine Erfindung Albert Speers zu betrachten. Neoklassizistische Monumentalbauten entstanden zu dieser Zeit auch in den USA, in Frankreich, in Japan usw. Wenn man einen "Urheber" dafür finden möchte, müsste man vielleicht in die Zeit der griechisch-römischen Antike zurückgehen.

  • Hierzu gibt es prominente Beispiele, die sich ebenfalls dieser Formensprache bedienen. Beides in demokratischen Ländern.


    Die Federal Reserve Bank (Eccles Building) in Washington von 1937, die aufgrund des zentralen Adlers und in Schwarz/Weiß vermutlich von vielen dem deutschen Kulturraum zugeordnet würde


    Das Basler Kunstmuseum (1931-1936)



    Dass dieser Stil durch Speer diskreditiert wurde (auch wenn die Neue Reichskanzlei m.E. ein äußerst interessanter Bau war) und teils versehentlich, teils sehr bewusst ausschließlich mit dem Dritten Reich assoziiert wird, ist bedauerlich, da er sehr viel Potenzial gehabt hätte und noch heute hätte.


    (Bilder sind von Wikipedia)