Berliner Schloss - architektur- und kunstgeschichtliche Aspekte

  • ich weiß nicht wie es mit den Reliefs war, aber zumindest den Adler samt Kartusche hats auch schon zur Barockzeit gegeben und wurde erst im 19. Jh entfernt. Insofern doch Rekonstruktion des Barockzustandes. :lehrer:


    Das ist aber interessant. Das wusste ich nicht. :) Wollte man im 19. Jahrhundert den Triumphbogen klassifizieren oder wie? Habe angenommen, es gab die Reliefs und das Wappen vorher nicht, weil die Schlossfreiheit dicht bebaut war und man ohnehin kaum einen guten Blick auf den Zierkram gehabt hätte.

  • Das gleiche in Bunt:



    Ich muss mal bei Albert Geyer schauen, ob er sich darüber auslässt. Mal schnell scannen:


    "1888 wurden für die Balustrade über Portal II und 1889 für die Balustrade über Portal l je vier Statuen in Auftrag gegeben und aufgestellt (Bild 21). —1902 wurde am Portal III die giebelartige Aufrollung, die ihm einst Eosander gegeben hatte1030, neu herausgearbeitet und außerdem Teile des Festschmuckes von 1897, der von Otto Lessing zunächst in Gips ausgeführt war, als dauernde Zierde in wertvollerem Material angebracht (vgl. Bild 43): die große Königskrone in Zinkblech, das Wappenschild in Sandstein, die Inschriften-und Relieftafeln in vergoldeter Bronze1031. Auf der rechten Seite wurde folgende Inschrifttafel eingelassen:
    FRIDERICVS I
    BORVSSORVM REX, ELECTOR BRANDENB. MDCLXXXVIII - MDCCXIII.
    SIC GESTVRVS SVM PRINCIPATVM VT SCIAM REM POPVLI ESSE, NON MEAM PRIVATAM. Darunter [wurde] die Relieftafel [angebracht], die die beiden großen Abschnitte des Schloßbaues in Erinnerung bringt: Schlüter führt das Modell für den Umbau des Schlosses vor; auf der Staffelei [sieht man] die Zeichnung für die Front des Neuen Schlosses an der Schloßfreiheit [und] im Hintergrunde Eosander, sich vor der Königin Sophie Charlotte, seiner hohen Gönnerin, hofmännisch verbeugend1032.
    Eine weitere Bereicherung erfuhr die Schloßfreiheitfront 1901 durch die Anlage von Terrassen, freilich nach den gegebenen Verhältnissen nur in einer Tiefe von 6m1033. Vor Beginn des Baues entstand zwischen der Krone und der Stadt ein langer Rechtsstreit wegen der Eigentumsfrage betreffend der Straße Schloßfreiheit und wegen des Rechtes, hier irgendwelche Anlagen zu machen. Oberhofmarschall Graf Eulenburg setzte sich in einem Schreiben vom 16. Januar 1897 an den Minister für öffentliche Arbeiten Thielen bedingungslos für die Ansprüche des Schloßherrn in höchst interessant begründeten Ausführungen ein1034. Er berief sich vor allem auf die Abtretung des umstrittenen Gebietes durch die Städte Cölln und Berlin 1442 und 1448 an den Kurfürsten Friedrich II. und seine Erben auf ewige Zeit1035; damit sei auch für die jetzigen Schloßherren die Eigentumsfrage entschieden. Die Stadtbehörden hätten also kein Recht, sich dem Terrassenbau zu widersetzen. Auch König Friedrich Wilhelm I. habe sich schon einen Streifen an der Schloßfreiheit und auf der Lustgartenseite mit einem Gitter abgeschlossen und König Friedrich Wilhelm IV. habe die große Terrassenanlage am Lustgarten geschaffen.
    "


    aus Albert Geyers Buch zum Schloss w. o. nicolai 2001

  • Was immer noch nicht erklärt, wann und warum die bauzeitliche Gestaltung beseitigt wurde. Könnte es im Zuge des Baus der Kuppel Mitte der des 19. Jhdts. erforderlich gewesen sein?


    Wer sich für die Genese der äußeren Gestaltung des Schlosses nach der Schlüterschen Demission interessiert, sei diese sehr interessante Ausarbeitung empfohlen:
    Das asymmetrische Berliner Stadtschloss - Torsten Pöschk


    Dass auch die Nordseite wohl drei Portale haben sollte, war mir bislang neu. Da gab es wohl eine außerordentliche Planungsdynamik und Flexibilität unter Eosander v. Goethe und Martin Böhme. Gut, dass damals Apothekenflügel, Kurfürstenflügel und das östliche Eckrondell erhalten blieben - aber was soll's im Hinblick auf heute. :weinenstroemen:


    Von oben kaum wahrnehmbar, dass der südliche Westflügel einige Meter kürzer ist.

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

    Edited once, last by Mantikor ().

  • Die Gestaltung des Portals III nach Eosander wurde bei Ausbesserungsarbeiten auf Geheiß Friedrich Wilhelm III. entfernt. (Anmerkung 748 in vorgenanntem Buch von Albert Geyer)


    "Wohl um den Gegensatz der Stilrichtungen des Barocks und der Schinkelschen Nachzeit zu mildern"


    Zitat aus dem Buch:


    "Unter Friedrich Wilhelm III. war sie bei Ausbesserungsarbeiten auf Anordnung des Königs nicht wiederhergestellt worden 748. Sicher aber [gereichte] 749 dies zum Schaden der Erscheinung des Portals, und auch für den Kapellenbau war [das] 750 nicht vorteilhaft. Die Häufung der horizontalen Gesimse: Hauptgesims und Sockelgesims des Portals, Hauptgesims des Schlosses, Gesims der Schloßbalustrade und Gurtgesims zwischen den Pilastern des Aufbaues ließen den Übergang zwischen Portal und Kapelle vermissen. Als das noch vorhandene Holzmodell des Portals aus der Eosander-schen Zeit 751 Kaiser Wilhelm II. gezeigt wurde, befahl er bei den Überholungsarbeiten am Portal III im Jahre 1902 die Gesimsaufrollung wiederherzustellen; das war um so erwünschter, als das große Wappenschild des Jubiläumsschmuckes vom Jahre 1897 dadurch eine passende Umrahmung erhielt. Immer ist man überrascht, wie unauffällig der Aufbau der Schloßkapelle sich trotz dieser Wiederherstellung der Gesimsaufrollung dem Schloßbaukörper anpaßt und damit die Stile der Zeiten um 1700 und 1850 miteinander in Einklang kommen. Die Verschiedenheit der Stilrichtungen wird kaum empfunden.
    "

  • Endlich mal wieder ein langes Wochenende in Berlin... mit neuer Nikon, bei perfektem Wetter und es wurden genau ab Donnerstag doch so einige Sandsteinteile eingebaut. Leider sind bereits alle Baustellenführungen bis September ausgebucht, aber auch so gab es eine Menge zu sehen, auch Dank eines freundlichen Torwächters sowie eines schwenkbaren Kameramonitors zum über-den-Zaun-linsen...


    von Südosten hat sich noch nicht viel getan


    Schlossplatzfassade, Westseite


    Das Kuppeloktogon sieht an der Südwestseite seiner Vollendung entgegen, der Tambour folgt


    Südwestecke, Donnerstag, bestes Mauerwetter


    Material ist schon genug da



    Das Gerüst für das Regenfallrohr ist nun wieder weg, nun muss noch der Sockel komplettiert werden, dann kann es auch hier weitergehen


    Fleissig dabei


    Weils so schön ist, nochmal in gross


    Die ovalen Rahmungen und die Konsolen waren morgens noch nicht da


    Oktogon von Westen, Betonpumpe, erste Tambourschalung


    ...und auch der grosse Meister passt gut auf


    Für einen Webcam-Beobachter ist dies hier die Rückseite des Mondes. Überraschung! Auch an der Nordseite wird schon gemauert, und das nicht zu knapp


    Hier - nun wieder am Boden - die Lustgarten- (Nord-) Fassade, Ostseite


    Gesamtansicht, allmählich irgendwie vertraut


    Es wird immer noch fleissig betoniert, und die Tambourschalung wächst derweil


    Besseres Licht jetzt und nun durfte ich direkt durchs geöffnete Tor knipsen


    Südwestecke im Überblick

    Wer zwischen Steinen baut, sollte nicht (mit) Glashäuser(n) (ent)werfen...

  • Irgendwie konnte ich nicht genug bekommen, das Wetter war immer noch perfekt, der Akku noch voll, also schauen, ob es auch nach einem Tag sichtbare Fortschritte gibt...


    Lustgartenfassade, Ostseite, ein paar Ziegel und Gesimssteine mehr


    Südwestecke, auch hier ist etwas dazugekommen


    Überblick Südwestecke


    Mehr ovale Rahmungen und Konsolen


    Der Sockel ist nun auch komplett


    Schlossplatzfassade, Westseite, mehr Gesimse


    Sieben Euro ärmer und einige sportliche Treppenstufen höher gibts den Überblick


    Die Dachkonstruktionen dürften demnächst komplett sein


    Blick von einer fertigen Kuppel zur roh gebauten


    Wieder unten, nach Feierabend, man beachte den Fensterrahmen... Ja, schon wieder was neues an der Lustgartenfront

    Wer zwischen Steinen baut, sollte nicht (mit) Glashäuser(n) (ent)werfen...

  • Nochmal zum vorläufigen Abschied... das Richtfest werde ich mir nicht entgehen lassen!


    Noch mehr Tambour


    Ob da noch Blindfenster reinkommen?


    Etwas Sockel ist dazu gekommen... etwa noch am Samstag?


    Schlossplatzfassade, Westseite


    nochmal im Überblick. Etwas schief, aber ich musste mich beeilen, da ein Regenschauer kam...


    Ein Wahrzeichen integriert sich

    Gesehen von der Dachterrasse des Park Inn by Raddisson Alexanderplatz

    Wer zwischen Steinen baut, sollte nicht (mit) Glashäuser(n) (ent)werfen...

  • Herzlichen Dank für die Bilder. Der Baufortschritt ist wirklich erfreulich, aber auf dem letzten Bild, da rammt sich ja die gesamte Plumpheit der Ostfassade so richtig ins Sichtfeld. Es ist doch ein janusköpfiges Bauwerk: So unbeschreiblich wichtig, prächtig und gut nach drei Seiten hin, doch zur vierten offenbart sich die Tristesse einer Stadt, der man nun zwar das Herz wieder einsetzt, das aber nicht über den Verlust seiner Venen hinwegtäuschen kann. Der alte Spreeflügel war das Scharnier zwischen dem alten und dem barocken Berlin. Nun fehlt die Mitte, es gäbe nichts, womit ein alter Ostflügel korrespondieren könnte, und so behält man sich die hilflose Option vor, ein Nichts zu errichten, eine Aussage voller Sprachlosigkeit.

    Form is Function.


    "Fürchte nicht, unmodern gescholten zu werden. Veränderungen der alten Bauweise sind nur dann erlaubt, wenn sie eine Verbesserung bedeuten, sonst aber bleibe beim Alten. Denn die Wahrheit, und sei sie hunderte von Jahren alt, hat mit uns mehr Zusammenhang als die Lüge, die neben uns schreitet."

    Adolf Loos (Ja, genau der.)

  • So öde die Ostfassade auch ist, wir haben mit Stella dennoch auch viel Glück gehabt. Stella steht der Rekonstruktion des Schlosses positiv gegenüber und dank ihm bekommen wir mehr Barock, als eigentlich geplant war. Immerhin drei weitere historische Portale sowie die "Runde Ecke", für die Stella sogar brav mit seiner Ostfassade Platz gemacht hat. Hätten so viele andere Architekten gehandelt? Ich glaube nicht. Stellt euch mal vor, ein zweiter Kulka würde das Humboldt-Forum bauen. Da gäbe es wieder nur jede Menge Zoff und das Ganze Vorhaben würde ausgerechnet vom Erbauer unterminiert werden...eben wie beim Potsdamer Schloss/Landtag.

  • Unglaublich, wie schön es ist, das Berliner Schloss emporwachsen zu sehen. Mit der Betonkubatur konnte ich ja noch nicht viel anfangen, aber diese Sandsteingesimse, eingebettet in Ziegel, sind doch einfach nur schön.


    Ich glaube allerdings nicht, dass die Ostfassade ein schlechtes Omen für das Marienviertel ist. Ich denke, wenn den Bürgern erstmal bewusst gemacht wird, was man dort wiedergewinnen kann, und auch erste Erfahrungen, was Wiedergewinnung städtischer Räume angeht, aus Potsdam kommen, dann wird das Marienviertel schon ansprechend kommen. Wichtig ist zunächst, dass der alte Straßengrundriss und kleinteilige Grundstücke kommen - dann sehe ich auch für Rekonstruktionen kein Problem. Die Ostfassade ist sicher klobig aber nicht grottenschlecht. Das Auswärtige Amt hat die Kronprinzengärten auch nicht verhindert...

    Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
    Karl Kraus (1874-1936)

  • Um das noch klarzustellen: Ich sehe das Problem keineswegs bei Stella. Nach dem, was man bisher von ihm gehört hat, ist der Mann höchst bodenständig, offen für den Dialog und in seiner Arbeit organisiert und zuverlässig. Wer da an die beschämend infantilen Kapriolen mancher Diven der Architekturszene denkt (ich nenne mal keine Namen...), weiß, dass hier zweifelsohne eine gute Entscheidung getroffen wurde - keine ideale, aber eine nachvollziehbare und begrüßenswerte Entscheidung. Manche Dinge, wie die Schlosspassage, würde ich gar eine urbanistische Bereicherung nennen, und die Baukörper selbst passen sich der Gliederung der Barockfassaden zumindest an und inszenieren sich wenigstens nicht über sie. Aber eben bei der Gliederung, die eine barocke ist und keine der märkischen Renaissance, fängt das Problem schon an:
    Was mich stört, ist der kaum wiederbringliche Verlust dessen, was hinter dem Schloss kam (man merkt es bereits am Wort "hinter": obwohl einst die Keimzelle Berlins, liegt der Bereich nunmehr jenseits dessen, was jetzt als Mitte bezeichnet wird). Es ist die auswegslose Situation an dem Ort, der einst den Übergang zur Stadterweiterung, die Verflechtung mit dem urberlinerischen Stadtbild, mit solcher Bravour meisterte. Denn dieser Ort existiert nicht mehr, die unsägliche Städtebaupolitik und ideologische Brandstiftung haben ihn geplättet wie die Römer Karthago. Und so wunderbar, so hoffnungsvoll der Wiederaufbau auch ist, so gut er umgesetzt wird, diese Wunde wird er allein nicht heilen können. Und das macht den Ostflügel in meinen Augen mit unerbittlicher Konsequenz zu einem Symbol bitterer Resignation vor der Unbarmherzigkeit des Status Quo, des Nichtraums, der urbanen Katastrophe.

    Form is Function.


    "Fürchte nicht, unmodern gescholten zu werden. Veränderungen der alten Bauweise sind nur dann erlaubt, wenn sie eine Verbesserung bedeuten, sonst aber bleibe beim Alten. Denn die Wahrheit, und sei sie hunderte von Jahren alt, hat mit uns mehr Zusammenhang als die Lüge, die neben uns schreitet."

    Adolf Loos (Ja, genau der.)

  • Die Gestaltung der Ostfassade sehe ich als schlechtes Omen für das neu zu gestaltende Marienviertel.Hoffentlich irre ich mich !


    Wenn das ME Forum (hoffentlich architektonisch ansprechend) bebaut wird, fällt die Ostfassade ja kaum noch ins Gesicht. Und setzt man dort greissliche Betonwürfel ala "Babys Bauklötzchsen" wie am Fuße des Fernsehturmes daher, wird man wohl die Ostfassade als des angenehmere Übel betrachten

  • Wieder unten, nach Feierabend, man beachte den Fensterrahmen... Ja, schon wieder was neues an der Lustgartenfront


    Hier kann man auch schon ganz gut erkennen, dass zum Glück die barocke Fassade komplett bis zum Rücksprung und dem Beginn von Stellas Ostflügels durchgezogen wird und man sie nicht auslaufen und seltsam mit der glatten, modernen Fassade verwachsen lässt, wie es am Anfang noch geplant war. Lässt die barocken Fassaden kompletter und weniger vorgehängt erscheinen (was ja immer Hauptangriffspunkt ist). In die Ausparung direkt an der Grenze zum Rücksprung kommt wohl noch eine abschließende sandsteinerne Eckquaderung/Rustizierung.