Augsburg

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    • Ich kann deine Entgegnung schon nachvollziehen.

      Ich denke durch den Wiederaufbau der eben zwar seine Fehler gemacht hat, aber nicht mit ideologischem Städtebau versucht hat eine Zäsur gegen alles "Deutsche"/Bisherige zu setzen, ist kein dermaßen großer "Leidensdruck" vorhanden. Und die Sehnsucht nach baulichem Erbe ist durchaus gestillt. In Städten die, nun einmal vornehmlich nördlich der Mainlinie, mit Vorsatz flächendeckend verstümmelt wurden in den Jahrzehnten nach dem Krieg - nicht nur beim direkten Wiederaufbau - ist das verständlicherweise anders.

      Das Problem an Rekonstruktionen ist in Augsburg ein relativ seltenes, dadurch dass die Stadt so ungewöhnlich alt ist und ungewöhnlich weit zurückreichende städtische Bautradition besitzt. Wie gesagt, das was anderswo Klassizismus des 19. Jh. ist ist in Augsburg "echte" Renaissance, etc.

      Das ergibt das Problem welche "Zeitschicht" man denn überhaupt rekonstruieren will? Schon ob der beengten Verhältnisse, selbst nach Schleifung der Stadtmauern, wurde unentwegt herumgebaut am Stadtbild. Und "sortenreine" Gebäude gab es wenige, am besten illustriert das der augsburger Dom, der im Kern 1.000 Jahre alt ist und alle Stilrichtungen seit der Erbauung in sich vereint, weil er immer wieder erweitert und umgebaut wurde. Pauschal die Zeitschicht bis zur Bombennacht im zweiten Weltkrieg? Bitte nicht!! Beispielsweise wurde das Weberhaus, wie auch manche andere Fassadenmalerei die in Augsburg früher sehr verbreitet waren, in der Nazizeit grotesk mit völkischem Gedankengut entstellt. Oder am Prinzregentenplatz wurden große Gebäude in der plumpen typischen Naziarchitektur errichtet, die dort noch heute stehen. Standen freilich auch vor der großen Bombennacht schon.

      Und was ist mit der Nutzung? Keiner weiss heute noch dass Augsburg mal eine sehr bedeutende Börse hatte - sogar die erste Wertpapierbörse im deutschsprachigen Raum. Ein riesiges prunkvolles Gebäude was sich auf dem heutigen Rathausplatz befand (den es bis zum Krieg schlicht nicht gab!). Aber wenn man die Börse rekonstruiert, sie wäre zwar sicherlich ein beeindruckendes Baujuwel. Aber Augsburg hat heute schlicht keinen Börsenhandel mehr, der Bedarf nach Parketthandel ist heutzutage auch nicht mehr gegeben - und die Augsburger lieben inzwischen ihren Rathausplatz, keiner würde wollen dass dieser offene weite Raum wieder zugebaut wird. Egal womit!

      Ich finde den Grundgedanken des augsburger Wiederaufbaues bis heute richtig. Alte und aus gutem Grund über viele Jahrhunderte gewachsene Straßenfluchten, Stadträume, Parzellierungen und Maßstäbe behalten (nicht einfach nur museal "erhalten"). Und in diesem Rahmen gerne auch jeweils populäre zeitgenössische Architektur umsetzen. Im Übrigen gibt es meiner Meinung nach gerade aus den 50ern und 60ern noch eine ganz spezifische augsburger Architektur, die es heute natürlich nicht mehr gibt ("internationale Architektur" ist gesichtslos). Und darunter sind wirklich viele tolle Gebäude, die auf vielen Ebenen überzeugen. Sei es statische Meisterleistung, neue Raumkonzepte oder Materialwahl. Diese Gebäude haben das Problem hinter den doch noch zahlreichen historischen Gebäuden die zweite Geige zu spielen, keiner interessiert sich für sie. Daher ist ihr Erhaltungszustand oft mangelhaft, viele Schönheiten sind da in einem abgetragenen schäbigen Gewand versteckt. Und viele Pinselsanierungen und Umbauten, alles möglichst billig und schnell, haben die Ästhetik und Konzepte der damaligen Architektur noch zusätzlich verwässert. Die Antwort kann aber für mich nicht sein "Abriß" und dann Rekonstruktion auf breiter Linie sondern diese Entstellungen rückgängig machen, wo wirklich erhaltenswerte Architektur der Nachkriegsjahrzehnte zu finden ist. Und das fügt sich dann ebenso wie das Ältere in das städtische architektonische Erbe ein - und Neues braucht auch Platz.

      Ich möchte kein geschlossenes Stadtbild a lá Rothenburg. Das reizt mich nicht. Und noch wichtiger: das wäre nicht mehr meine Heimatstadt. Ich bin kein Kriegskind, dem seine Heimat "genommen wurde" durch Kriegszerstörungen. Ich bin im Nachkriegsaugsburg aufgewachsen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von Datschi ()

    • Datschi schrieb:

      Ich finde den Grundgedanken des augsburger Wiederaufbaues bis heute richtig.

      Ich nicht. Denn der Grundgedanke (bzw. die Grundideologie) führte auch in Augsburg an zu vielen Stellen zur Negierung des Ortes und ließ die Anlehnung an ortstypische Bautraditionen vermissen. In durch Kriegszerstörung identitätsgeschwächten Städten m.E. ein gravierender Fehler. Das Ensemble ist in den Wiederaufbauarealen Augsburgs gestört, die ureigene Aura geschwächt. Die originelle Weiterentwicklung bislang vorherrschender Baustile unter Beibehaltung ortstypischer Merkmale wäre durchaus in meinem Sinn, nicht aber die bewusste Abkehr von und Abstrahierung der verlorenengegangenen Stadt. Als Einheimischer mag es Dir vielleicht nicht (mehr) auffallen, als Besucher aber kann ich Dir ohne jede lokalpatriotische Verzerrung versichern: Auch Augsburg ist durch Krieg und Wiederaufbau "verstümmelt" worden.
      Ich entschuldige mich von Herzen für meine früheren arroganten, provokanten, aggressiven und unfreundlichen Beiträge!
      Jesus ist mein Herr und Retter!
    • Datschi schrieb:

      Im Übrigen gibt es meiner Meinung nach gerade aus den 50ern und 60ern noch eine ganz spezifische augsburger Architektur

      Mit dieser Bauweise ist es gelungen, auch Neubauten ein Antlitz zu geben, das ob seiner räumlich engen Verbreitung als typisch ausgburgisch empfunden wird und damit die gefühlsmäßige Bindung an diese Stadt vertieft.

      Dass diese Gebäude mittlerweile nicht selten ziemlich schäbig geworden sind, weil in die Jahre gekommen, ist schade.
    • zu "Datschi"
      Was soll man dazu sagen? Typisch süddt. Selbstgefälligkeit. Der Wiederaufbau Augsburgs war um keinen Deut besser als anderswo, ja vielleicht sogar besonders inferior. Augsburg verdankt sein schönes Stadtbild einfach nur dem Glück, über manche Strecken noch halbwegs im Bombenkrieg davon gekommen zu sein. In den Altstadtteilen, wo das nicht der Fall war, gibt es auch heute ein völlig letztklassiges Stadtbild zu bewundern. Leider sind auch in relativ gut erhaltenen Bereichen die Abrisssünden drastisch, siehe Drei Mohren.


      Nein, was in Augsburg nach dem Krieg geschaffen wurde (vom Goldenen Saal abgesehen, der aber das einzige Interieur blieb: Augsburg hatte das unfassbare Glück, dass seine beiden Großkirchen relativ unbeschadet davon kamen, Moritzkirche und einige kleinere Beispiele lassen erahnen, was sonst geschehen wäre!), ist schlicht und einfach zu vergessen oder besser abzureißen.

      Ich möchte kein geschlossenes Stadtbild a lá Rothenburg. Das reizt mich nicht. Und noch wichtiger: das wäre nicht mehr meine Heimatstadt. Ich bin kein Kriegskind, dem seine Heimat "genommen wurde" durch Kriegszerstörungen. Ich bin im Nachkriegsaugsburg aufgewachsen.


      Das erinnert an so manche Potsdamer Zeitgenossen, die sich drüber empören, dass sie in ihre herrlichen Freiräume "ein Schloss vor die Nase geknallt" bekommen oä.
      Nun, wie es aussieht, fühlen sich die heutigen Deutschen in dem Sauhaufen, an dessen Stelle einst einige der herrlichsten Städte weltweit standen, recht wohl. Ihre europaweit einzigartige Hässlichkeit scheint sie nicht zu stören, im Gegenteil. Auch eine Folge des Bombenkriegs und damit verbundenen Niedergangs.
      ... dass jeder troglodytischen Lebensart, beruht sie nur fest in sich selbst, etwas schlechthin faszinierendes eignet, überhaupt für solche, die einen Ansatz dazu schon besitzen und mitbringen, der dann nur noch einer gewissen Entwicklung bedarf. (HvD)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von ursus carpaticus ()

    • Sehe ich ähnlich.
      Ich weiß auch nicht, was die Klage über ein "geschlossenes Stadtbild a la Rothenburg" im Vergleich zu Augsburg genau bedeuten soll. Schließlich spielen bei Rothenburg ja auch noch andere Faktoren herein (Größe, touristische Ausrichtung, Region). Natürlich kann und soll es in einem Stadtbild auch Kontraste geben. Nichts ist auch gegen einzelne qualitätvolle moderne Bauwerke zu sagen, aber "ursus carpaticus" drückt es schon richtig aus. Augsburg ist einfach halbwegs glimpflich davongekommen. Würde man sich sämtliche historischen Bauwerke wegdenken und dann die Stadt betrachten, hätte man die Essenz des Wiederaufbaus. Ob die dann noch so beeindruckend ausfällt? Ich denke nicht.
    • Das stimmt meiner Meinung nach einfach nicht. Vielleicht muss man in einer Stadt auch leben um das auf den zweiten Blick zu sehen. Beispielsweise wurde das alte Theater beim Alten Einlass nicht rekonstruiert sondern zeitgenössisch wiederaufgebaut. Dabei hat man die Fassade, dem geschlossenen Stadtbild an dieser Ecke zuliebe, in vereinfachtem Historismus gestaltet. Aber das Innere gänzlich neu geplant. Dabei gab es nicht nur funktionelle Zugewinne wie eine der größten Bühnenräume eines europäischen Theaters, was die Arbeit der Theatermacher revolutionierte. Sondern die Neugestaltung ist ungeheuer stilvoll und steht zurecht unter Denkmalschutz. Weitere Beispiele sind das Kongresszentrum, der Hotelturm oder die Hochbauten am Königsplatz Haltestellendreieck. All diese Bauten vereinen Funktionalität mit Baukunst. In der Kernstadt ist der Wiederaufbau gelungen. In dem Stadtteilen ist das Bild durchwachsen.

      Dieser Beitrag wurde bereits 2 mal editiert, zuletzt von Datschi ()

    • Ohne einen Absolutheitsanspruch erheben zu wollen, aber bezgl. des Theaters klingt das bei Wikipedia weniger euphorisch.

      Nach der Zerstörung durch einen britischen Bombenangriff im Februar 1944 wurde das Theater in den Jahren 1952 bis 1956 äußerlich vereinfacht wiederaufgebaut. Die reichhaltige Ornamentik der erhalten gebliebenen Fassadenfront wurde dabei weitestgehend entfernt. Das Innere des Theaters wurde im Stil der Fünfzigerjahre neu gestaltet. Mit Mozarts „Hochzeit des Figaro“ wurde das Theater wiedereröffnet. Es bietet heute Platz für 950 Zuschauer, da zwei Logenreihen über dem Parkett nicht mehr eingefügt wurden
    • Datschi schrieb:

      die Hochbauten des Königsplatz Haltestellendreieck

      Die (Konrad-Adenauer-Allee 2) finde ich auch nicht so schlecht.

      Womit ich mich aber nie anfreunden werde, ist der Neubau der Lechwerke (Ihr wisst schon, dieser Kasten hier: comenius-koenigsbrunn.de/images/verwaltung.jpg - Schaezlerstraße 3). Bekanntlich haben für ihn zwei Villen dran glauben müssen. Das war 1982.

      Wäre übrigens dankbar, wenn jemand Bilder dieser Villen hat.
    • Ja, und für die Sparkassen-Hauptstelle musste auch ein opulenteres Vorgängergebäude weichen. Das Problem war wie bei den Villen weniger irgend ein architektonisches sondern dass diese inzwischen in der Mitte der Stadt waren, als die Stadtmauer bzw. das Gögginger Tor geschliffen wurde und der Königsplatz geschaffen wurde war es ja noch ein randständiges Entwicklungsgebiet. Und deren Bebauung war relativ dünn, mit Gärten und allem. Da war es fast unvermeidbar dass diese weichen, für eine größere Nutzungsdichte.
    • Datschi schrieb:

      Vielleicht muss man in einer Stadt auch leben um das auf den zweiten Blick zu sehen.

      Vielleicht muss man den nötigen emotionalen Abstand zu einer Stadt haben, um die Dinge neutral und objektiv bewerten zu können.

      Datschi schrieb:

      In der Kernstadt ist der Wiederaufbau gelungen.

      Objektiv lässt sich das so nicht feststellen. Deiner persönlichen Sichtweise mag es entsprechen - also bitte auch so formulieren.
      Ich entschuldige mich von Herzen für meine früheren arroganten, provokanten, aggressiven und unfreundlichen Beiträge!
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    • In der Kernstadt ist der Wiederaufbau gelungen.


      Das Problem dieses Satzes ist nicht sein Subjektivismus, sondern seine Absurdität. Schließlich kann jeder noch so große Unsinn für den einen oder anderern "subjektiv wahr" sein, weshalb mit diesem Verweis nicht allzuviel gewonnen ist.
      Im Rahmen des Möglichen, des Erzielbaren,des realistisch zu Erwartenden, ist gerade der Wiederaufbau Augsburgs als völlig letztklassig zu beurteilen. Sicher sieht das Stadtbild heute über weite Strecken gefälliger aus als jenes von Nürnberg oder Braunschweig, aber die Aufgabenstellung war auch eine weit einfachere: weit geringerer Zerstörungsgrad und weit unaufwändiger wiederherzustellende bzw leicht imitierbare Fassaden. Was in Danzig mit seinen reichstuckierten Fassaden geglückt ist, hätte im vorbarocken Augsburg ein Kinderspiel sein sollen. Umso schwerer wiegt das Versagen, weshalb man über obige Aussage nur den Kopf schütteln kann. Aber in Bayern scheint es ja ein Dogma zu sein, dass alles richtig gemacht wurde und dass die zerstörten Städte vielleicht sogar schöner als denn je sind.
      In Wahrheit stellt der Verlust der fränkischen Stadtbilder eines der schweren Vakua dar, die dieser unselige Krieg in Mitteleuropa geschlagen hat. Man stelle sich vor, Florenz oder Verona würde es nicht mehr geben, diese Altstadtflächen wären mit billigen Genossenschaftswohnungen übersäät... Bei Nürnberg und Würzburg ist dies der Fall, und keinem stört es in Franken.
      Dass es mit Augsburg deutlich besser steht, ist nicht diesem billigen und geschmacklosen Wiederaufbau zu verdanken.
      ... dass jeder troglodytischen Lebensart, beruht sie nur fest in sich selbst, etwas schlechthin faszinierendes eignet, überhaupt für solche, die einen Ansatz dazu schon besitzen und mitbringen, der dann nur noch einer gewissen Entwicklung bedarf. (HvD)

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von ursus carpaticus ()

    • ursus carpaticus schrieb:

      Das Problem dieses Satzes ist nicht sein Subjektivismus, sondern seine Absurdidät. Schließlich kann jeder noch so große Unsinn für den einen oder anderern "subjektiv wahr" sein, weshalb mit diesem Verweis nicht allzuviel gewonnen ist.

      Jeder kann und darf seine Sichtweise äußern (so abstrus sie auch sein mag), diese sollte dann aber bitte auch als solche kenntlich gemacht und nicht als allgemeingültige Tatsache formuliert werden (außer, man kann deren Objektivität belegen). Dass ich mit der Äußerung auch inhaltlich nicht einverstanden bin, habe ich deutlich gemacht.
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      Dieser Beitrag wurde bereits 3 mal editiert, zuletzt von youngwoerth ()

    • Pardon, aber wenn ich solche unqualifizierte Polemik lesen muss habe ich dafür kein Verständnis.

      In Augsburg gab es dereinst nicht nur viel "Barock" sondern den sog. "Augsburger Geschmack", wie von Zeitgenossen diese Sonderform des Spätbarock und Rokoko bezeichnet wurde. Übrig geblieben ist davon als namhaftes Gebäude leider nur das Schaezler-Palais. Die Beseitigung dieser Epoche begann aber bereits im 19. Jahrhundert, wie auch soviel anderes im 19. Jahrhundert abgerißen wurde um Raum für Gründerzeit-Planungen zu gewinnen. So gab es noch einen mir namentlich entfallenen Patrizier-Wohnturm und manche andere Kuriosität. Das hat aber alles nichts mit dem 2. Weltkrieg oder Wiederaufbau zu tun. Mein Eindruck ist einfach dass dieser Zeitrahmen, Bombenkriegsschäden und Wiederaufbauzeit, zum Sündenbock für all das gemacht wird was einem subjektiv - auf diesem Begriff wird hier ja sehr stark herumgeritten - nicht gefällt. Fakt ist dass die Zeiten sich einfach geändert haben und in europäischen Staaten deren Städte keinen Bombenkrieg zu erleiden hatten die selben Zerstörungen historischen Stadtbildes stattgefunden haben. Je wohlhabender ein Staat ist umso stärker (nur in den ärmsten Staaten haben sich historische Stadtbilder, mangels Ressourcen, kaum verändert). Bestes, vielleicht abschreckenstes, Beispiel sind wunderschöne französische Städte, selbst Paris, wie durch Beton-Brutalismus und Ideologien a lá Charta von Athen. Das war halt der Zeitenlauf, der Zeitgeist und ein hochkomplexes Thema mit Aspekten wie ökonomisierung der Architektur, verändertes Selbstverständnis von Architekten als Berufsstand etc.

      Das alles wenigen Bombennächten und dem Wiederaufbau anzulasten halte ich für, nun ja, sehr subjektiv.

      Ich bereue es fast mich hier angemeldet zu haben, was ist denn das für eine Diskussionskultur sich aufgrund von max. Besuchen in einer Stadt und Fotographien ein apodiktisches Urteil a lá "ist gerade der Wiederaufbau Augsburgs als völlig letztklassig zu beurteilen". Und was Franken jetzt damit zu tun hat ist mir ein noch viel größeres Rätsel. Einen schärferen Schnitt in Kulturgeschichte und Architektur als zwischen dem heutigen Nord- und Südbayern kann es kaum geben. So musste man auch vor dem Krieg Fachwerkhäuser südlich der Donau mit der Lupe suchen, waren eben so eine Seltenheit wie der norddeutsche Backsteinstil. Ein ganz eigenes Kapitel von Städtebau und Architektur, das hier so in einem Nebensatz vermischt zu sehen bestärkt mich darin dass es hier nicht sachlich sondern, nunja, subjektiv, zugeht.
    • Die gründerzeitliche Überformung war in Augsburg relativ gering, kein Vergleich zu München oder wirtschaftlich dynamischen Städten wie Leipzig oder Köln. Dass einige Bauten im Laufe der Zeit verlustig gehen, ist freilich unausweichlich. Man darf jedoch niemals übersehen, dass der Bombenkrieg Augsburg ins Herz der Altstadt getroffen hat und dort Veränderungen bewirkte, die ohne ihn niemals stattgefunden hätten. Den Abriss eines unzerstörten Bäckerzunfthauses, des Schaurhauses, des Höchstetterhauses oder der Drei Mohren in der Nachkriegszeit kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen. Genau solche unersetzlichen Bauten (die übrigens als profane Glanzstücke höchsten Anspruchs ganz andere Kaliber waren als das Augsburger Massenbürgerhaus, welches sich durch eine traditionelle, zumeist giebelständige Neubebauung gut hätte imitieren lassen) müssen rekonstruiert werden - sie durch neue Architekturen ersetzen zu wollen, musste von Anfang an scheitern. Dass sich diesbezüglich in Augsburg nichts bewegt, ist höflich ausgedrückt sehr schade.

      Augsburg steht städtebaulich heute zwar ohne Zweifel viel besser da als etwa Nürnberg oder Würzburg, aber eben weil es schlichtweg weniger hart im Krieg getroffen wurde und nicht etwa weil ein besonders gelungener Wiederaufbau betrieben worden wäre.
      "Meistens belehrt uns der Verlust über den Wert der Dinge."
      Arthur Schopenhauer
    • In der Augsburger Altstadt ist doch vergleichsweise sehr wenig Bausubstanz in der Gründerzeit geopfert worden. Tatsache ist doch das wesentliche Bauten wie das Stammhaus der Welser in der Karolinenstraße, das Höchstetter- und von-Stettenhaus am Kesselmarkt, das Schaurhaus am Metzgplatz, das Beckenhaus, einer der wichtigsten Bauten Elias Holl´s, das Hummelhaus mit seiner einzigartigen Fassade oder einer der wichtigsten Gesichtspunkte an der Maximilianstraße, der 3 Mohren, usw. nicht wiederaufgebaut wurden.
      Der heutige Zustand von Rathausplatz, Steingasse, Karlstraße, Ludwigstraße, Im Thäle, Obst- und Kesselmarkt und ganz besonders der hochbedeutsame Straßenzug nördliche Maximilianstraße / Karolinenstraße etc kann mE mit seinen unaugsburgischen Flachdachkisten anstelle hochbedeutsamer qualitätvoller Bürgerhauskultur doch nur als inferior bezeichnet werden. Den Wiederaufbau Augsburgs als gelungen zu bezeichnen ist mE nichts anderes als eine Verhöhnung des großartigen alten Augsburgs, das 1940 noch +/- intakt war und durch diesen fürchterlichen, geschmacklosen Wiederaufbau im zentralen Bereich völlig entstellt wurde. Wie schon geschrieben, Augsburg hatte einfach nur das Glück, das der Zerstörungsgrad nicht wie in Nürnberg oder Braunschweig war und die Altstadt eben sehr groß ist, so daß den Bombenterror und die Bereinigungen danach eben auch noch ein paar wenige der bedeutsamsten Bürgerhäuser überlebt haben (man braucht nur im Buch "Das Bürgerhaus in Augsburg" zu blättern, Wahnsinn wie wenig vom wesentlichsten geblieben ist!). Das soll die nichtsdestotrotz immensen Wiederaufbauleistungen nicht schmälern. Ich würde mir jedenfalls für Augsburg wünschen, das die anfangs genannten Gebäude wieder auferstehen dürften, sie hätte es verdient!
    • Das war halt der Zeitenlauf, der Zeitgeist und ein hochkomplexes Thema


      Ich würde empfehlen, sich mal Städte jenseits der Bundesgrenzen anzuschauen, bevor man solche (gelinde gesagt, es gäbe trefflichere Attribute) sehr verallgemeinende Aussagen trifft. Krakau, Olmütz, Vicenza, Graz, um nur einige Beispiele zu nennen. Abrissorgien in unzerstörten Städten gab es im mitteleuropäischen Kontext eigentlich nur in Deutschland.
      Man darf nicht vergessen, dass Augsburg zur Creme europäischer Stadtkultur zählte und auch im Nichtzerstörungsfalle (vgl zb Erfurt) wohl ein anderes Schicksal als zB Recklinghausen erfahren hätte (und daher nach der Zerstörung auch eine andere Bebauung verdient hätte). Mit Polemik hat die Konstatierung der Wiederaufbauarmseligkeit nichts zu tun - es handelt sich einfach um einen schmerzlichen Befund (im Gegenteil: das Verkennen dieses Befundes erscheint mir als Verdrängung, Realitätsverweigerung, zu denen im süddt. Raum -daher der Bezug zu Nürnberg, wo ähnliche Phänomene zu beobachten sind - ein allzu selbstgefälliger Moment tritt). Die traurige Wahrheit ist: so beschissen wie in westdeutschen Städten - egal wie reich ihre Kulturgeschichte war - sieht es eben nur in westdeutschen Städten aus (wurscht, wie ihre Kulturgeschichte war).
      Im europäischen Raum war nur Polen von einer vergleichbaren Zerstörungswelle betroffen. Dort hat man sich indes nicht mit dem Elend abgefunden, obwohl die wirtschaftlichen Verhältnisse nicht allzu rosig waren. Gut, das war eine ander Zeit und andere moralische Voraussetzungen. Aber heute daherzukommen und den Wiederaufbau Augsburg, der zum erbärmlichsten und kulturvergessensten zählt, was das Wirtschaftswunderland zu bieten hatte, zu loben, noch dazu hier in diesem Forum, ist schon ein besondere Anmutung.
      ... dass jeder troglodytischen Lebensart, beruht sie nur fest in sich selbst, etwas schlechthin faszinierendes eignet, überhaupt für solche, die einen Ansatz dazu schon besitzen und mitbringen, der dann nur noch einer gewissen Entwicklung bedarf. (HvD)