Frankfurter Altstadt (Dom-Römer-Areal)

  • Die inneren Fensterflügel in den Museumsräumen der Goldenen Waage sind doch kein Mangel. Solche Doppelfenster kennt man schon seit langem. In den Ausstellungsräumen werden wertvolle historische Möbel und andere Objekte gezeigt. Durch die zusätzlichen Fensterflügel verbessern sich die konservatorischen Bedingungen. Ich denke, dass dies der Hauptgrund für ihren Einbau ist: Raumklimatisierung und Schutz der wertvollen Ausstattung. In den äußeren Fensterflügeln ist offenbar nur dünnes Einscheibenglas.


    Man kann die Fensterproblematik mit dem Einbau einer elektrischen Beleuchtung vergleichen. Für uns heute ist es selbstverständlich, dass in den Räumen elektrisches Licht zur Verfügung steht, obwohl es die Menschen des 17. Jahrhunderts, von deren Leben die Ausstellung erzählt, noch nicht kannten. Möglicherweise gab es aber auch schon vor dem Krieg innere Fensterflügel.


    Die Goldene Waage ist ein sehr schönes Rekoprojekt. Die prächtige Stuckdecke ist für ein Fachwerkhaus ungewöhnlich und das Belvederchen ganz allerliebst. Dazu die Lage so dicht am Dom. Was will man mehr?

  • Die Goldene Waage ist auch ein sehr schönes Rekoprojekt, keine Frage. Es muss aber auch mal Kritik erlaubt sein, was man besser machen kann und nicht alles gelobt werden, Hauptsache es sieht halbwegs traditionell aus. Die Außenrekonstruktion ist wahnsinnig gelungen, auch die Stuckdecke. Aber ansonsten ist die Anmutung im Inneren wenig überzeugend, sieht man auf den Fotos vielleicht auch nicht so gut, wie wenn man selbst in den Räumen steht, wozu ich bereits Gelegenheit hatte. Doppelfenster gab es in der Goldenen Waage bis 1944 keine, aber man hätte - wenn man schon Doppelfenster macht- die Innenfenster zumindest historisch gestalten können.

  • Solche Vergleiche sind schwierig. Ist aus dem Goethehaus z.B. die Rekonstruktion einer solchen Stuckdecke (siehe hier) bekannt?...

    Ja ist bekannt das Goethehaus ist eine 1:1 Fotogleiche Umsetzung der Stuckdecken , Tapeten , des Schmiedeeisernen Geländers im Treppenhaus usw. usw.

  • Natürlich ist Kritik erlaubt. Kannst du denn näher beschreiben, was nicht so gelungen ist? Von den Fenstern mal abgesehen. Gerade wenn es früher keine Innenfenster gab, finde ich es eigentlich richtig, dass die heutigen Innenfenster keine Sprossen haben. Wo siehst du weitere Probleme? Liegen sie bei der baulichen Seite (Fußböden, Wände, Decken) oder mehr bei der Einrichtung als Museumsräume (Möblierung usw.)? Die Fotos, die ich bisher gesehen habe, waren nicht die allerbesten zur Beurteilung der Innenräume. Man kann Räume auf jeden Fall besser beurteilen, wenn man sich in ihnen aufgehalten hat.

  • Mann soll doch froh sien das es endlich reko-Viertel gibt mt super reko's wie Goldener Waage!


    Möchte am Altmarkt in Dresden auch so eines Projekt sehen, oder in Berlin rund der Leipziger Strasse, Marienplatz, Mehring Platz oder Moritz Platz. Oder total Wiederherrstellungen Gründerzeitlicher Prachtbauten, die fast allen heute entstellt oder verstümmelt sind: Rathäuser wie in Dresden, Frankfurt, Kassel; Justizpaläste in Berlin, Magdeburg und Leipzig. Die heute so fehlende super Gründerzeitfassaden und Bauten in Bremen, Bochum, Köln, Berlin und Frankfurt. Karstadt am Hermann Platz usw. Es soll doch viel mehr gemacht werden, dann heute in Leipzig, Potsdam oder Frankfurt.

  • Man soll froh sein ja... Und das bin ich auch. Kritik sehe ich auch nicht als Nörgelei, sondern als Anregung zur Verbesserung für zukünftige Projekte.


    Zum Beispiel verstehe ich nicht, warum die doppelten Fenster überhaupt eingebaut wurden. In meiner Nachbarschaft wird gerade ein Fachwerkhaus hervorragend saniert (Bilder folgen). Dieses hat hervorragend rekonstruierte Fenster mit Bleiverglasung die die Energievorgaben sehr wohl erfüllen.


    Probleme bei der Goldenen Waage sehe ich wie gesagt bei den Fenstern und ganz besonders bei den Fußböden, die die Anmutung von "gehobenen Holzfachmarkt Fertigböden" haben. Dies gilt auch für den Aussenbereich um das Belvederchen und insbesondere für die Treppe zu diesem.

  • "...Hinter äußeren Holzfenstern verstecken sich Aluminiumfenster, und manch Fachwerkhaus erhält einen bis zu zwölf Schichten dicken Wandaufbau zur Erfüllung der EneV, da bei den Rekonstruktionsbauten auf WDVS verzichtet wird." (Quelle: Dom-Römer-Areal in Frankfurt am Main, Bauwelt, 16.2017)

  • Wobei es in meinen Augen wirklich Schwachsinn ist, ausgerechnet bei derartigen Rekonstruktionsprojekten auf den Passivhausstandard zu bestehen. Als ob bei den 10 Häusern, wo es wirklich um das historische und kulturelle Erbe geht, nicht ein paar Abstriche gemacht werden können. Und das heißt ja nicht, dass gar nicht gedämmt würde. Hier wurden meiner Meinung nach aber einfach die falschen Prioritäten gesetzt, was sich sicherlich auch negativ auf die Kosten ausgewirkt hat und sich in den Innenräumen bemerkbar macht.


    Aber es bleibt immer wichtig zu betonen, das eine derartige Kritik nicht dazu da ist, das großartige Projekt zu zerreden oder schlecht zu machen, sondern dass es eben berechtigte Verbesserungsvorschläge gibt, die man für zukünftige Projekte beachten sollte.

  • Selbstverständlich ist die Goldene Waage eine hervorragende Rekonstruktion. Bezüglich der Gestaltung der Innenräume möchte ich Götzenhainer aber zustimmen. Warum stellt man die wunderbaren Möbel auf plumpe fliederfarbene Podeste? Warum wurden die Wände teils so monoton gestaltet? Warum erhielten die Kastenfenster, gegen die generell gar nichts zu sagen ist, eine so moderne Gestaltung? All dies verfremdet das, was eigentlich gezeigt werden soll: bürgerliche Wohnkultur der Renaissance.
    Das Gegenbeispiel des Goethehauses ist sehr gut gewählt. Schon vor dem Krieg war kaum etwas original aus der Goethezeit also schon damals mehr Dichtung als Wahrheit und dennoch vermittelt selbst die Nachkriegsrekonstruktion das Gefühl der Authentizität. Der Schriftsteller Martin Mosebach, der als Abiturient im Goethehaus als Fremdenführer gearbeitet hat, beschrieb es in einer Rede, die in der FAZ abgedruckt wurde (28.8.2015), einmal so:

    Quote

    Die alten Herren, die mich in das Handwerk des Fremdenführens einwiesen, gaben sich nicht groß mit irgendwelchen scheinbar gesicherten Fakten ab, sondern versuchten vor allem, ihr Publikum zu unterhalten, das es zum größten Teil ja auch gar nicht so genau wissen wollte, das aber durchaus den Reiz empfand, in einem fremden Privathaus in die Küche zu gucken. […]
    Das wesentliche Bestreben dieser Führungen war, die Besucher vergessen zu lassen, dass das Haus eine Rekonstruktion war.

    Überhaupt bezeichnet er sich als „Freund der Rekonstruktionen“, denn:

    Quote

    Es ist das eine, die Geschichte des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation zu kennen, und ein anderes, zu sehen, in welchem ästhetischen Rahmen sie sich entfaltet hat.

    Um diesen ästhetischen Rahmen, das Gesamtkunstwerk geht es. Durch moderne Zutaten und Verfremdungen wird der Blick auf das authentisch Alte nur verstellt.

  • Die Fotoausrüstung, die ich benutze ist sicherlich noch ausbaufähig, trotzdem möchte ich euch ein paar Bilder zeigen, die ich am vergangenem Wochenende am Römerberg, bzw. in der neuen Altstadt am Dom/Römer Areal nach Einbruch der Dunkelheit gemacht habe.


    Krönungsweg Richtung Römer fotografiert, links Großer Engel, rechts das Steinerne Haus.



    Hinter dem Lämmchen Richtung Hühnermarkt



    Rebstockhof:



    Haus zur Goldenen Waage:



    Vollmond überm Großen Engel:


  • Geniale Fotos !! Wären die gleichen in S/W, man würde denken die Bilder seien vor der Zerstörung.

    Hut ab, klasse Aufnahmen.

    "Die Modernisten sollten sich endlich eingestehen, dass sich die Qualität einer Stadt konventioneller Architektur verdankt" - (H. Kollhoff).

  • Wie viel Prozent der Gesamtfläche der einstigen Frankfurter Altstadt wurde mit den Dom-Römer-Projekt eigentlich wiederhergestellt?


    Wir brauchen diese Zahl unbedingt mal, um das Projekt ins Verhältnis zu setzen und zu signalisieren, wie viel es noch zu tun gibt. Es wird ja oft so getan, als sei damit quasi die ganze Altstadt wieder geheilt...

  • Die Fläche des Stadtteils "Altstadt" wird mit rund einem halben Quadratkilometer angegeben (hier). Die Fläche des Dom-Römer-Projekts betrug 7000 Quadratmeter (hier).

  • Also die Frankfurter Altstadt innerhalb der Mittelalterlichen Stadtmauern hat eine Ausdehnung von ca. 1,2 * 1km

    Stadtgrundriss Frankfurt


    Als releativ intakte Altstadt vom Dom bis zur Paulskirche würde ich mal 7ha anrechnen. Man möge mich verbessern, wenn man noch weitere Straßen und Gassen in ihrer Anmutung als mehr der Vorkriegszeit als den 50-er und 60-er Jahren angehörig empfindet.
    Stadtgrundriss Frankfurt


    Die Fläche des Dom-Römer Projektes liegt mit 1ha bei unter 1% der gesamten Frankfurter Altstadt.

    Stadtgrundriss Frankfurt




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    (Übrigens sind in der Dresdener Altstadt bei ca. 900m x 700m ursprünglicher Fläche (56ha) der gesamten Altstadt innerhalb der Renaissance-Stadtmauern 30ha Fläche nun zusammenhängend wiederaufgebaut bzw. gerade im "fertig werden" (1,3ha), davon ca. 10ha "bürgerliche Stadtquartiere" (allerdings incl. Frauenkirche und Polizeigebäude) und 19ha "Staatsbauten der Residenz", wie Schloss, Stallhof mit Kanzlei und Johanneum, Zwinger, Taschenberg-Palais, Kunstakademie, Ständehaus, Katholische Hofkirche, Sekundogenitur, Albertinum).
    Das Hilton-Quartier aus Vorwende-Zeiten habe ich aus den 30ha mal rausgelassen.


    Stadtgrundriss Altstadt Dresden


    Stadtgrundriss Dresden Rekobereich


    Die Restlichen 26ha der ehemaligen Inneren Altstadt sind überwiegend durch

    - Nachkriegs-Neubauten (z.B. Altmarkt, Wilsdruffer Straße, Gebiet "Weiße Gasse")

    - Gebäude der intenationalen Moderne (Kulturpalast)
    - Nachwendezeitliche Investorenarchitektur (z.B. Altmarkt-Galerie, Altmarkt-Südseite bis Ring) und

    - wenige historische Solitäre (Rathaus, Kreuzkirche, Gewandhaus) geprägt.


    Insgesamt kann man für Dresden die komplette Wiederherstellung einer "historischen" Altstadt auf über 50% der Gesamtfläche der historischen Inneren Altstadt (Stadtmauer-Ring) attestieren. ("Außen rum", in den historischen Vorstädten, sieht es dafür an vielen Stellen leider weniger ansprechend aus, da man die überwiegend gründerzeitlich geprägten Vorstädte nach der Totalberäumung bis heute unmaßstäblich großräumig wieder bebaut hat und bebaut. Auch existieren große Brachflächen und Siedlungen mit vorstädtischem, wenig urbanem Charakter in ehemals dicht gründerzeitlich bebauten Gebieten, wie man sie auch in Frankfurts Innenstadt beispielsweise westlich des Römer-Areals noch findet.)


    Gerade in diesen Flächen besteht Potential.

    Das sollte doch für Frankfurts Altstadt weiterer Ansporn sein!

  • Das ist eigentlich eine sehr gute Idee, der Vergleich mit Dresden. Hier ist tatsächlich, trotz der katastrophalen Zerstörung, eine fast komplett "geheilte" Altstadt wiedererstanden (nur die Pseudogassen westlich des Altmarkts hätte ich nicht miteinbezogen - diese "Altmarktgalerie" mit der scheusslichen Sektion an der Wilsdruffer mit grotthässlichem Bau zum Postplatz hin, betrachte ich noch heute als Affront gegen die Dresdner Bevölkerung. Aber dies ist anderes Thema).


    Als wiederzurekonstruierende Frankfurter Altstadt würde ich wie auf dem von Erygium geposteten 1. Luftbild das Gebiet zwischen Buchgasse im Westen, Berliner Strasse (die es vor dem Krieg nicht gab) im Norden und Domplatz/Fahrgasse im Osten als ungefähre Grenze bezeichnen. "Ungefähr" deswegen, da auch Gebäude wie z.b. das Goethehaus im Grossen Hirschgraben etwas weiter nordwestlich liegen

    (Bitte nicht auf der Luftsicht durch die paar adaptiven Dächer der Nachbarhäuser täuschen lassen - es sieht beim Durchgehen durch die Gasse in real einfach scheusslich und traurig aus, das arme Haus des grossen Goethe eingekeilt zwischen 60er-Jahre Parkhäusern und ähnlicher Makulatur. Eine Schande ist das, zumal Frankfurt eher als wohlhabende Stadt gilt. Ich konnte bereits als 10-jähriges Kind nie verstehen, warum man nach dem Krieg in dieser Strasse nur dieses einzige, mitleiderweckendes einsames Haus aufgebaut hatte. Und ich habe meine Sichtweise bis heute nicht geändert).


    Auf jeden Fall wollte ich nur darauf hinweisen, dass diese o.g. Grenzen meiner Meinung nach ungefähr den Kern der Frankfurter Altstadt festlegen könnten, aber dass sie noch etwas weiter ging.

    "Die Modernisten sollten sich endlich eingestehen, dass sich die Qualität einer Stadt konventioneller Architektur verdankt" - (H. Kollhoff).

  • Die Fläche des Stadtteils "Altstadt" wird mit rund einem halben Quadratkilometer angegeben (hier). Die Fläche des Dom-Römer-Projekts betrug 7000 Quadratmeter (hier).

    Das Dom Römer Projekt umfasst 7.000 qm. Zum Vergleich: Das Einkaufszentraum MyZeil hat 77.000 qm. Der darin befindliche Elektromarkt hat 7.500 qm. Also der wiederaufgebaute Teil der Frankfurter Altstadt hat gerade einmal die Größe eines Elektromarktes auf der Zeil.

  • Wobei: Die eigentliche Fläche der „neuen Altstadt“ mag ja klein sein. Ihr Wert liegt darin, dass einige bislang isoliert stehende Rest-Inseln der Altstadt verbunden wurden, nämlich der Komplex Römer-Samstagsberg mit der Paulskirche, die Braubachstraße und der Dom mit ein paar angrenzenden Bauten. Unterm Strich ergibt sich damit schon ein sehr viel größeres Ganzes, mit einem doch recht umfänglichen „Altstadt-Erlebnis-Raum“, der immerhin ca. 1/6 der Fläche der Dresdner Rekonstruktionsfläche mit seinen weitläufigen Plätzen ausmacht – wie Eryngium das weiter oben so schön ausgewiesen hat.