Frankfurter Altstadt (Dom-Römer-Areal)

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    Jahreshauptversammlung 2019: 1. und 2. Juni in Balingen/Zollernalb. Mach mit!

    • An Weihnachten war mein Schwager zu Besuch - bis hierhin uninteressant. Er arbeitet und wohnt unter der Woche allerdings in Frankfurt, und hat sich natürlich mittlerweile auch die neue Altstadt angeschaut. Sein Urteil fällt jedoch alles andere als begeistert aus. Er meint, das wirke alles total künstlich, wie eine Filmkulisse, unglaubwürdig. Diese Rekonstruktionen wären überhaupt nicht sein Fall (wobei er damit nicht von irgendeinem ideologischen Standpunkt argumentiert, sein Eindruck war eben nur negativ). Ich beließ es bei dem Einwand, dass die Gebäude ja mit den Jahrzehnten Patina annehmen und auch teilweise erst bewohnt werden müssen, damit sich dort authentisches Leben einstellt. Allerdings finde ich, man muss auch solche Urteile respektieren, zumal wenn sie von Leuten kommen, die nicht im Verdacht stehen irgendwie voreingenommen zu sein. Der Weihnachtsfrieden nahm jedenfalls keinen Schaden, da wir es damit bewenden ließen.
      Ich selbst habe die neue Altstadt noch nicht besucht, ich weiß also nicht wie mein Eindruck wäre. Grundsätzlich glaube uch, dass Rekonstruktionen von mittelalterlichen Gebäuden schwierig sind, weil sie naturgemäß nie den durch Jahrhunderte entstandenen Charme der Abnutzung, Unvollkommenheit und Alterung ihrer Vorbilder erreichen, krumme Balken kann man eben nicht einfach so nachahmen. Eine Reko eines z.b. klassizistischen Gebäudes wirkt sicherlich glaubwürdiger, weil bereits das Vorbild mit fortgeschrittener Bautechnik errichtet wurde. Ist also was dran an der Kritik?
      In dubio pro reko
    • @Stuegert

      ich verstehe was dein Schwager meint und kann seine "Kritik" in gewisser Hinsicht verstehen. Mir geht und ging es partiell ähnlich, wobei es deutliche Unterschiede gibt, was die Qualität der Rekos angeht, ich hatte darauf ja bereits hingewiesen.
      Woher kommt dieser leicht künstliche Eindruck?

      1. Zunächst einmal ist alles neu. Keine Altstadt sieht so perfekt und geleckt aus. Nicht mal wenn die Bauten saniert wurden, denn man würde ja nie einen ganzen Altstadtblock auf einmal sanieren, so fehlt jegliche Patina, was einem das Auge etwas übel nimmt, weil es das so eben nicht kennt, schon gar nicht in Deutschland.

      2. Man muss leider festhalten, dass es sich um Neubauten handelt. Und wenn man etwas Anhung hat, dann sieht man das leider auch. Das hat nichts damit zu tun, dass man sich seitens der Architekten etc. keine Mühe gegeben hat, aber bestimmte Dinge lassen heutige Baunormen einfach nicht mehr zu. Am krassesten fällt dies bei den Decken auf. Diese sind, weil es Betondecken sind, auch bei den Fachwerkbauten kerzengrade, wie mit dem Strich gezogen. Kein historisches Fachwerkhaus sieht so aus. Man muss nur zum Römer gehen und dort steht ja noch ein erhaltener Bau. Wenn man diese mit den Rekos vergleicht, dann wird offenkundig, woran es hapert. Es sind die kleinen schiefen Ecken, die durchhängenden Decken, das nicht perfekte Sichtfachwerk, etwas abblätternde Farbe und und und. So wirkt die Altstadt eben nicht nur wegen des aktuell noch perfekten Äußeren, sondern auch konstruktiv so perfekt, dass das Auge in der Summe einen zu cleanen Eindruck bekommt.

      3. Die Farben sind teils nicht besonders glücklich gewählt. Gerade am Rebstockhaus sind sie so speckig und unnatürlich satt, dass man fast den Eindruck bekommt, es ist kein Holz, sondern Plastik, was da im Sonnenschein glänzt. Gerade der Rebstock fällt bei den Rekos deutlich ab. Dazu diese völlig unnatürliche Brandschutzwand, eine völlig missglückte Idee!

      4. Letztlich ist alles vielleicht ein bisschen zu gut geraten, das Pflaster ist perfekt, der Brunnen neu, alles durchsaniert. Auch der Stadtraum an sich ist eben komplett neu und vollkommen einheitlich. Auch das trägt ein bisschen zum Filmseteindruck bei, weil auch sowas findet man in historischen Altstädten so nicht.

      Als Fazit muss man sagen, dass man dem Projekt etwas Zeit geben muss, einige der genannten Faktoren werden sich mit der Zeit abschwächen, die konstruktiv leider notwendigen Einschränkungen werden aber bleiben. Ich muss sagen, dass die Ostzeile am Römerberg wesentlich organischer wirkt. Und dies trotz gerade erfolgter Sanierung und obwohl fast alles Sichtfachwerk ist. Ob dies an den Alterungsprozessen liegt oder ob man beim Wiederaufbau etwas anders gemacht hat, das weiß ich nicht zu beurteilen, als Laie finde ich die Rekos am Römerberg in der Summer zum aktuellen Zeitpunkt aber gelungener.
      APH - am Puls der Zeit
    • Die Ostzeile-Rekos sind im Aufbau authentischer, weil da noch Lasten und Tragen mit dem optischen Eindruck übereinstimmt, vielleicht nicht durchgängig, aber weitgehend. Diese Rekos hatten noch keine Wärmedämmverordnung zu erfüllen. Die Mauern sind noch weitgehend durchgängiges Ziegelmauerwerk (siehe Baubilder von damals). Wer genaueres weiß, korrigiere bitte!
      Man kann verallgemeinern, je weiter der Wiederaufbau vom Zerstörungszeitpunkt entfernt liegt, desto künstlicher erscheint er uns, da die Bautechnologie sich weiter in Richtung industrieller Rationalisierung, mehr künstlichen Baustoffen und den knebelnden Bauverordnungen hin entwickelt hat. Ein Goethehaus heute aufgebaut, würde sicher weniger authentisch wirken, als die bestehende Reko, selbst wenn sie bauhistorisch exakter ausgefallen wäre, oder!?
      Es sei denn, man geht streng wissenschaftlich und mit traditionellen Handwerk und Materialien vor.
      Authentische Rekos kann man wohl heutzutage nur erzielen, wenn man mindestens wie der Dresdner Neumarktverein mit seinem Vorzeigebau in der Rampischen vorgeht, oder wie bei der Frauenkirche oder im Extremfall wie die Franzosen mit ihrem Burgenprojekt in Guedelon. Darin ließe sich auch modernste Haustechnik einbauen, die Mauern wären aber 100% authentisch handwerklich und materialgerecht errichtet.
      Das atmet die Kraft der händischen Ausführung, mit einer guten Verwurzelung im Boden. Das Gebäude ist dann wie eine Ausstülpung der Erde. Und wir dürfen nicht vergessen. Wir sind Kinder der Erde und unsere Gebäude haben sich in den letzten mehr als 100 Jahren immer mehr davon abgehoben. Eine "Moderne", die sich immer mehr von der natürlichen Herkunft des Menschseins abspaltet! Letztlich wäre eine Architektur, die Himmel UND Erde verbindet eine der Zukunft!
    • Ich finde das Pflaster ist der Hauptgrund warum es Kulissenhaft wirkt. Ich weiß dass es alles aufgrund der Barrierefreiheit so gemacht werden musste aber
      nirgendwo sonst in Frankfurt ist das Pflaster so glatt und noch mit Riffeln und Streifen durchzogen wie dort - außer am Bahngleis.
      Ich finde es zwar überaus löblich, dass wohl die Form der alten Bürgersteige im Pflaster aufgenommen wurde, da diese aber eben sind (also "Bürgersteig" und "Straße" gleiche -höhe) und somit keinen Absatz haben wirkt das auch wieder sehr unorganisch...künstlich leider.

      Ich würde tatsächlich so weit gehen zu sagen, dass dieser künstliche Eindruck zu 90% am Pflaster liegt.
    • Ich hätte von deinem Schwager, @Stuegert, und allen die diese ja durchaus begründete Kritik anbringen, dann aber gerne eine Sache gewusst:
      Was hätten sie sich denn stattdessen gewünscht? Wäre ihnen eine Sanierung des technischen Rathauses lieber gewesen? Oder ein modernes Viertel mit abweisender, steriler Klotzarchitektur, wie in dem bekannten Siegerentwurf für das Areal?

      Dass die neue Frankfurter Altstadt mit erhaltenen Altstädten an Authentizität nicht mithalten kann, ist klar und keine neue Erkenntnis, @Apollo hat das gerade ja noch einmal sehr treffend zusammengefasst. Ich finde diesen Vergleich aber ungerecht, in meinen Augen sollte man die neue Frankfurter Altstadt mit seinen Brüder und Schwestern aus der Zeit vergleichen, in der sie erbaut wurde: der heutigen Zeit.
      Und ob all den Kritikern, denen rekonstruierte Häuser und Viertel nicht so recht gefallen mögen, ein Europaviertel in Frankfurt oder das neue Bahnhofsviertel in Berlin wirklich mehr zusagen, wage ich stark zu bezweifeln.

      Was sagt der Schwager denn beispielsweise zum Marktplatz in Stuttgart? Findet er den schön?

      Ich habe so Diskussionen auch schon geführt und darüber nachgedacht, sollte man überhaupt rekonstruieren? Ist gar keine Altstadt dann besser als eine neue, rekonstruierte Altstadt? Sind die Nachteile der neuen Bautechniken so groß, dass man am Besten komplett auf Rekonstruktionen verzichtet? Aber was soll denn stattdessen gebaut werden?
      Und dann läuft es in meinen Augen am Ende immer auf Folgendes hinaus:
      Eine Rekonstruktion mag nicht perfekt sein, aber sie ist in den allermeisten Fällen im Vergleich zu den Alternativen die beste Lösung, die es gibt!

      Gleichzeitig müssen wir dabei aber vielleicht auch einpreisen, zu lernen, vor allen Dingen bei der Bautechnik: Wie bekommt man es noch authentischer, noch schöner hin? Müssen es wirklich Stahlbetondecken sein? Gibt es bessere Techniken, Fachwerk zu rekonstruieren? Welche Rolle spielt die Ausgestaltung der Innenarchitektur und damit verbunden die Nutzung? Wir stehen ja erst (hoffentlich) am Anfang einer größeren Rekonstruktionsbewegung und dass da nicht alles perfekt läuft und man bei den einzelnen Projekten dazulernt, sollte jedem klar sein und positiv gesehen werden.
    • SchortschiBähr wrote:

      Die Ostzeile-Rekos sind im Aufbau authentischer, weil da noch Lasten und Tragen mit dem optischen Eindruck übereinstimmt, vielleicht nicht durchgängig, aber weitgehend. Diese Rekos hatten noch keine Wärmedämmverordnung zu erfüllen. Die Mauern sind noch weitgehend durchgängiges Ziegelmauerwerk (siehe Baubilder von damals). Wer genaueres weiß, korrigiere bitte!
      Hier mal ein Bild vom Bau des Hauses "Schwarzer Stern" am Römerberg:

    • Hier einige Antworten zum zuvor Geschriebenen (aus "Römerberg - Samstagsberg" aus dem Jahre 2006):

      Riegel wrote:




      Augenfällig sind Teile des Verputzes und der Putzgefache herausgefallen (oder aus Gründen der Sicherheit und Sondierung herausgeschlagen worden?). Jedenfalls hat man sich hier bei der detailgetreuen Rekonstruktion nicht an die historischen Vorbilder mit Lehm- oder Backsteinausfachungen gehalten, sondern mit Leisten, Dübel, Platten und Hohlräumen ein schliesslich misslungenes Experiment gewagt!





      In der Natur des Holzes liegt dieser Bauschaden begründet. Überall Spalten zwischen den Balken und den Gefachen (Rückseite von Nr. 18 )! Im Gegensatz zum Möbelbau hat man im Hausbau seit je her frisch geschlagenes Holz verarbeitet. Jeder, der schon mit Holz gearbeitet hat, weiss, dass saftfrisches Holz leichter zu bearbeiten ist als trockenes Holz. Nach dem Aufrichten eines Hausgerüstes verkeilt sich dieses durch den Trocknungsprozess des Holzes (Schwinden und Verdrehen) von allein; ein willkommener Nebeneffekt! Schon historische Bauten wurden in relativ kurzer Bauzeit erstellt. Dies bedeutete, dass die Gefachfüllungen bereits zwischen die noch feuchten Holzbalken eingebracht wurden. Durch das Trocknen der Holzbalken und der damit einhergehenden Verringerung des Balkenquerschnittes entstanden Spalten zischen den Füllungen und Balken.

      Aus bauarchäologischen Untersuchungen geht oft hervor, dass dieser Baumangel schon früher in Kauf genommen wurde, ja sogar als normal angesehen wurde. Oft hat man die Füllungen durch einschlagen kleiner Holzkeile und Verfüllen der Spalten mit feinem Mörtel wieder gefestigt.

      Gut ist hier auch die Oberflächenbearbeitung des Holzes ersichtlich: die rohen Sägespuren heben die neuen Balken deutlich von den zweitverwendeten (vorwiegend an der Vorderfront eingebauten) alten Balken ab. Eine ehrliche, feine Spur, welche die Rekonstruktion verrät.





      Die vorgenannten Schäden sind beim Engel bereits behoben worden, wie man es an den Verputzrändern erkennen kann. Gekünstelt wirken hier die geschrobbten Balkenoberflächen (auch in Querrichtung des Holzfaserverlaufs!!), ein Vorgang, welcher das Holz auf alt trimmen sollte. Ein Vorgang, welcher vergebens nach einem historischen Vorbild sucht, dem Laien aber nicht ins Auge springen dürfte.
    • @Centralbahnhof

      Wolf Jobst Siedler hat es in seinem berühmten Aufsatz über das Berliner Schloss mal so ausgedrückt: Man wird den Verlust nicht ungeschehen machen können und die Rekonstruktion ohne Triumphgeheul angehen müssen. Denn jeder, der die Rekonstruktion ablehnt, muss doch die Frage beantworten, was denn sonst an dieser Stelle, an diesem Ort?! Es gibt nichts, was der Geschichte sonst gerecht würde. Deswegen bleibt nur die Rekonstruktion in Demut trotz ihrer Unzulänglichkeit.

      (aus dem Gedächtnis)
    • stuegert wrote:

      Sein Urteil fällt jedoch alles andere als begeistert aus. Er meint, das wirke alles total künstlich, wie eine Filmkulisse, unglaubwürdig. Diese Rekonstruktionen wären überhaupt nicht sein Fall (wobei er damit nicht von irgendeinem ideologischen Standpunkt argumentiert, sein Eindruck war eben nur negativ). Ich beließ es bei dem Einwand, dass die Gebäude ja mit den Jahrzehnten Patina annehmen und auch teilweise erst bewohnt werden müssen, damit sich dort authentisches Leben einstellt. ...
      Ich selbst habe die neue Altstadt noch nicht besucht, ich weiß also nicht wie mein Eindruck wäre. Grundsätzlich glaube auch, dass Rekonstruktionen von mittelalterlichen Gebäuden schwierig sind, weil sie naturgemäß nie den durch Jahrhunderte entstandenen Charme der Abnutzung, Unvollkommenheit und Alterung ihrer Vorbilder erreichen, krumme Balken kann man eben nicht einfach so nachahmen. Eine Reko eines z.b. klassizistischen Gebäudes wirkt sicherlich glaubwürdiger, weil bereits das Vorbild mit fortgeschrittener Bautechnik errichtet wurde. Ist also was dran an der Kritik?

      Die möglichen Antworten der letzten Frage liegen schon in deren Denkansatz.
      Was will man eigentlich?
      Für meinen Teil ist es leicht gesagt: Schöne alte Gebäude, falsch, doch nicht ganz so leicht, schöne, leider untergegangene Gebäude wiederhaben.
      Natürlich können diese Gebäude nicht alt sein. Natürlich kann die FFer Altstadt keine Patina aufweisen. Wären wir über eine solche Patina wirklich glücklich? Würde eine solche Patina nicht gewisse Beschimpfungen evozieren, und das, wie gesagt werden muss, nicht ganz ohne Berechtigung? Warum darf ein neues Haus nicht frisch und neu, in diesem Fall "künstlich" aussehen? Es ist ja gewissermaßen "künstlich", also nicht "organisch"aus der Epoche seines Stiles stammend oder gewachsen.
      Die alte Altstadt ist untergegangen, was nicht rückgängig gemacht werden kann. Man kann sie nur neu erbauen. Die Alternative war, etwas anderes zu erbauen, hinzustellen. In FF hat man beides probiert. Ich würde sagen (ohne die neue Altstadt gesehen zu haben): kein Vergleich.
      Wirkt eine Reko klassizistischer Gebäude "glaubwürdiger"?
      Nun, sie ist leichter zu bewerkstelligen und wird vom Ergebnis her weniger "künstlich" wirken*, aber was soll uns diese "Glaubwürdigkeit"? Sind wir Fälscher?
      Sonst freut man sich ja auch oft darüber, dass Dinge nagelneu sind, und auch im Mittelalter haben sich die Leute über die neuen Häuser gefreut.
      *Generell schlage ich diese Formel vor: je aufwendiger und formal komplizierter, desto unproblematischer die Reko.
      Man vergleiche in DD bloß das Hotel de Saxe mit der Rückseite des gleichnamigen Hotels.
      ... dass jeder troglodytischen Lebensart, beruht sie nur fest in sich selbst, etwas schlechthin faszinierendes eignet, überhaupt für solche, die einen Ansatz dazu schon besitzen und mitbringen, der dann nur noch einer gewissen Entwicklung bedarf. (HvD)
    • Stuegert wrote:

      Er meint, das wirke alles total künstlich, wie eine Filmkulisse, unglaubwürdig. Diese Rekonstruktionen wären überhaupt nicht sein Fall (wobei er damit nicht von irgendeinem ideologischen Standpunkt argumentiert, sein Eindruck war eben nur negativ).
      Die Frage wäre jetzt allerdings, ob dieser Gesamteindruck bei ihm durch die echten Rekonstruktionen entstanden ist oder vielleicht doch eher durch die (mehr oder weniger) "traditionellen Neubauten".

      Unter letzteren finden sich einige, die wirklich sehr künstlich, platt und kulissenhaft wirken, weil sie "nicht Fisch, nicht Fleisch" sind, also weder Rekos, noch kreative Neuschöpfungen im Geist der Vergangenheit. (Übrigens neben anderen, die sehr gelungen sind, weil sie genau das sind: kreative Neuschöpfungen aus dem Geist der Tradition).

      Das kann bei jemandem, der dafür sensibel ist, schnell den Eindruck hervorrufen, alles sei bloße Kulisse. Zudem ist das Dom-Römer-Viertel natürlich auch sehr, sehr klein und zwischen die vielbefahrene Braubachstraße und die unsägliche modernistische Schirn eingequetscht. Dadurch fehlt dem Viertel völlig der städtebauliche Kontext, was auch zu einem "kulissenhaften" Eindruck führen kann.
    • Stuegert wrote:

      Eine Reko eines z.b. klassizistischen Gebäudes wirkt sicherlich glaubwürdiger, weil bereits das Vorbild mit fortgeschrittener Bautechnik errichtet wurde. Ist also was dran an der Kritik?
      Das Gegenteil ist der Fall: Am wenigsten authentisch wirken - auch meinem Eindruck nach - in der "neuen Altstadt" die Rekos von klassizistischen Bauten/Fassaden bzw. diejenigen "traditionellen Neubauten", die versuchen, sich an den Klassizismus anzulehnen.

      Am authentischsten wirken demgegenüber die Rekos mittelalterlicher bis frühneuzeitlicher Bauten: Goldene Waage, Rotes Haus, Goldenes Lämmchen, Haus Rebstock. Gerade die wirken, als hätte sie immer da gestanden, während man den anderen sofort anmerkt, dass sie von 2018 sind.
    • Ich denke, man sollte da keiner Selbsttäuschung verfallen, die bei dem Begriff Patina hier im Forum immer ganz gerne mitschwingt. Die Gebäude sind neu und sie dürfen auch gerne so aussehen. Generell habe ich zur These der charmanten Alterung ein eher gespaltenes Verhältnis. Einerseits gilt natürlich auch das Gegenteil zum erstgenannten, dass man einem alten Gebäude natürlich sein Alter ansehen darf und sollte. Aber wo verläuft die Grenze zum Verfall? Schon bei der Kupfer- oder Bronzepatina bin ich kein Freund der oft gelobten Türkisfärbung.
      Das ist für mich in erster Linie ein Zeichen der Notwendigkeit baldiger Erneuerung (Wenn es schon wieder braun durchschimmert) und zudem lästig beim Bemühen ums Erkennen von Details. Am besten gefällt mir dort der dunkelbraune Farbton der ersten Jahre. Für Fassaden gilt das gleiche. Ich erlebe gern die Farbigkeit der barocken Fassaden am Dresdner Neumarkt. Von der eher tristen Stimmung auf dem Platz vor dem Krieg wäre ich in Kenntnis des heutigen Farbspektrums wohl eher enttäuscht. In Frankfurt ist es ja nicht viel anders. Man sollte sich doch an der Farbprächtigkeit der Goldenen Waage erfreuen, solange es geht. Dreckig und verschmutzt ist es meiner Ansicht nach schneller, als uns lieb ist.

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    • Stuegert wrote:

      Grundsätzlich glaube uch, dass Rekonstruktionen von mittelalterlichen Gebäuden schwierig sind, weil sie naturgemäß nie den durch Jahrhunderte entstandenen Charme der Abnutzung, Unvollkommenheit und Alterung ihrer Vorbilder erreichen
      Doch, natürlich können Rekonstruktionen von mittelalterlichen Gebäuden durchaus den durch Jahrhunderte entstandenen Charme der Abnutzung, Unvollkommenheit und Alterung erreichen. Man muss halt nur ein paar Jahrhunderte warten. ;)


      Auch wenn es ironisch klingen mag, aber ich meine das ernst. Selbstverständlich sieht ein "altes" Gebäude im 21. Jahrhundert seltsam aus, wenn es gerade fertiggestellt wurde d.h. brandneu ist aber durch seinen mittelalterlichen Baustil etwas ganz anderes suggeriert. Ein totaler Widerspruch. Geht mir auch bei einigen Neumarkt-Bauten in Dresden so. Das ist natürlich ein bitterer Beigeschmack so mancher Rekonstruktion, und insofern ist auch der Ansatz der Fakemodernisten richtig. Aber der Gedanke ist eben nur im Ansatz richtig und nicht in der Konsequenz. Da es keine Alternative zur Rekonstruktion gibt, bleibe ich pro-Reko.

      Wir bauen eben nicht für uns, sondern für die kommenden Generationen. Und auch ihnen wird es nur "geliehen" werden. Ich glaube man braucht keine Jahrhunderte zu warten, bis die Frankfurter Altstadthäuser authentisch aussehen. Warte mal ein paar Jahrzehnte, das ist historisch gesehen nicht viel, dann werden sie alles andere als neu aussehen.

      Ich finde man sollte das alles nicht so eng sehen. Die Reko hat Nachteile, klar. Aber sie ist, so ungerne ich eine gewisse Staatschefin zitiere, "alternativlos". Nicht vergessen, es gab einen Weltkrieg dem fast jede Deutsche Stadt zum Opfer fiel, und entweder man rekonstruiert, oder man gibt das Erbe auf. Ich werde unser Kulturerbe auf keinen Fall aufgeben, und gott sei dank sehen das viele Leute so. Daher ist die Reko, auch wenn mir das Original lieber wäre, für bestimmte Bereiche die einzige Lösung. Auch die beste Reko ist kein vollständiger Ersatz für das Original, das wird selbst von den pro-Reko Befürwortern immer wieder betont, wie z.b. Prof Dr. Magirius. Aber die 2. Option "Brache" stellt sich nicht und die 3. Option Burgerking-Shoppingverblödungs-Betonkasten Architektur erst recht nicht.

      PS - im Mittelalter sahen die Häuser auch mal neu aus.....man muss einfach etwas Geduld haben bis der "alte" Character kommt.

      The mills of god grind slowly....but they grind. ;)
      "Die Modernisten sollten sich endlich eingestehen, dass sich die Qualität einer Stadt konventioneller Architektur verdankt" - (H. Kollhoff).

      The post was edited 1 time, last by Petersburg ().

    • Es ist auch lustig zu sehen, dass bei einschlägigen Zeitungsartikeln und Werbeanzeigen für das Viertel, aber auch ausländischen Berichten (die zumeist positiv sind) fast immer der Hühnermarkt oder der Eingang zum Krönungsweg mit dem Haus zur Goldenen Waage abgebildet wird.
      Die "Ensembles" von Nordseite des Krönungswegs mit der Schirn-Kunsthalle, vom Alten Burggraf mit dem Kunstverein, der Braubachstraße oder auch nur das Haus zu den Drei Römern am Ende des Krönungswegs scheinen kaum Resonanz zu finden.
      Mann, die Menschen wissen wohl moderne Architektur einfach nicht zu schätzen. ;)
    • Mir fiel schon vor Jahrzehnten auf, wenn Frankfurt für die Stadt warb - egal ob Zeitung oder Internet etc - dass man überwiegend mit historischen Gebäuden warb.

      Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Werbung , eine Art Postkarte mit vier Bildern: Davon war eines die herrliche Oper die auch mein Profil zieert (und die ich noch schöner finde als die Dresdner Semperoper - kommt vermutl. daher da ich Frankfurter bin), das zweite war der Römer (Rathaus), das dritte war die damals klägliche Anzahl von ca. 6 Fachwerkhäusern. Und nur ein einziges Bild, das vierte, hatte "Modernes" nämlich die Wolkenkratzer zum Motiv.

      Bemerkenswert also, dass eine Stadt zu 75 Prozent mit etwas wirbt, das sie fast nirgendwo hat - nämlich historische Bausubstanz. Das erinnert mich an die Firma ECE, die die grottenhässlich-abartige Dresdner "Altmarktgalerie" in einer aufwändigen Brochüre anpries mit zwei Bildern vom Altmarkt: Eines mit den denkmalgeschütztern Schneider-Rascher Bauten im Stalinbarock die wohl kaum der Verdienst von ECE sind, und das zweite mit einer Zeichnung des Altmarkts im 18. Jahrhundert wie er bereits zu Kaisers Zeiten schon nicht mehr existierte.

      Das heisst, diese "moderne" Firma warb mit allem Möglichen, aber ihr spuckhässlichesn eigenes Fakemoderne-Gebäude zu zeigen traute man sich offenbar nicht - denn von diesem war kein einziges Bild in der gesamten Brochüre zu finden!
      Und ich denke, die wussten auch warum.

      Diese Strategie, die eigene hässliche Dilettantenarchitektur ängstlich verstecken, aber zu Werbezwecken genau das misbrauchen was man sonst aggressiv bekämpft, seh ich immer wieder bei den Herren "Modernen". Sehr überzeugt scheinen die ja von ihrer eigenen Architektur nicht zu sein......
      "Die Modernisten sollten sich endlich eingestehen, dass sich die Qualität einer Stadt konventioneller Architektur verdankt" - (H. Kollhoff).

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    • Die Altstadt von Frankfurt ist (wie die Innenstadt) auch nach der Rekonstruktion größtenteils futsch. Als Stadtteil ist es der kleinste Frankfurts, und die rekonstruierte "Neue Altstadt" mit 35 Häusern wiederum auch nur ein winziger Bruchteil dessen. Dennoch ist das Projekt großer Erfolg!
      Dass Frankfurt aber fast nirgendwo historische Bausubstanz hat, stimmt auch nicht. In entlegeneren (und zum Teil eingemeindeten) Stadtteilen wie Sachsenhausen und Bockenheim ist der Anteil schon größer, das berüchtigte Bahnhofsviertel hat sogar zum größten Teil den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegs-"Sanierungen" überstanden.
    • Entschuldigung, ich komme zufällig aus Frankfurt. Wir reden doch vom "historischen" Frankfurt, d.h. von der Innenstadt. Bist du denn wirklich mal durch die Innenstadt gelaufen?

      Was du meinst, sind die Viertel um die Innenstadt herum. Ja, die sind schön und Urban, aber eben nicht "historisches Frankfurt". Hier war doch vor 100 Jahren noch Feld und Acker. Am Ortsnamen "Bockenheim" erkennt man eigentlich sehr schnell, dass dies ursprünglich ein Dorf war das eingemeindet wurde. Diese Viertel haben mit dem historischen Frankfurt wenig zu tun.

      Das Bahnhofsviertel fand ich als Kind auch schon toll, auch heute noch. Aber unter "historisch" verstehe ich nicht nur Gründerzeit, so schön ich die auch finde. In der Innenstadt gibt es so gut wie keine Historische Bausubstanz, nicht mal Gründerzeit, ich weiss also nicht von welcher Stadt du sprichst, sicherlich nicht von der, aus der ich komme.

      ich empfehle dir einen Gang über die Zeil , über die Hauptwache, über die "Fressgass" (Grosse Bockenheimer Strasse) . (Bitte Spucktüte mitnehmen). Bevor man das Bahnhofsviertel baute, gab es heftige Diskussionen in Frankfurt, und weisst du was die Gegner als Argument anführten? Man könne doch einen Hauptbahnhof "nicht so weit draussen vor der Stadt bauen". ;) Das Bahnhofsviertel ist zwar de-facto heute wie Innenstadt, hat aber eben eine völlig andere entwicklung als das historische Frankfurt zwischen Taunus- und Allerheiligenanlage. Die meiste Zeit, in der in Frankfurt längst Kaiser gekrönt wurden, war dies nur Feld und Wald.

      Wir sind hier im Thema "Altstadt".....die Frankfurter Innenstadt ist eine Katastrophe. Ich weiss wovon ich rede, denn ich komme zufällig aus dieser Stadt. Dass die Viertel um die Innenstadt herum sehr urban und zum Teil auch sehr schön sind, weiss ich doch selber, hier hatte ich auch mal gewohnt. Aber unter "Historisch" verstehe ich im Altstadt-Thread ein bischen mehr als Gebiete die vor ca. 100 Jahren noch Feldwege waren.

      Frankfurt hat in der Innenstadt die wenigen Fachwerkhäuser , die alte Oper , ein paar wenige schöne Ecken, und das wars. Es gibt ein paar uralte, den Krieg überlebt habende echte Fachwerkhäuser zum Teil aus dem 16. Jahrhundert wie die "Krawallschachtel" (mit einer Kneipe im EG) nordöstlich der Zeil. Das kann ich empfehlen, die kennt bestimmt auch kein Tourist. Habe den Namen der Gasse vergessen. Ich glaube die Elefantengasse. Aber, sehr viel ist es nicht. Extrem kleines verstecktes Gebiet, mit viel Nutten, Strichern, Peep-show Ambiente et cetera. Also auch nicht besonders einladend, historisch jedoch interessant. Allerdings kann man so etwas kaum als repräsentativ für Frankfurt nehnmen. Ich schätze mal 90 Prozent der Wohn-- oder Geschäftshäuser der Frankfurt City sind unter Amerikanischer Besatzung d.h. nach 1945 gebaut.

      Aber sorry, jemand der behauptet die Frankfurter City sei voll von "historischem", der war offenbar noch nie in der Stadt. Die Frankfurter City ist eine extrem geschichtslose Stadt. Rate mal, warum ich da weg bin....

      Denn damals, als ich wegzog, gab es auch Null Diskussionen um eine Altstadt, kein Mensch sprach darüber. Das kam erst ca. 2005 in Bewegung.
      "Die Modernisten sollten sich endlich eingestehen, dass sich die Qualität einer Stadt konventioneller Architektur verdankt" - (H. Kollhoff).
    • Entschuldige "Petersburg", aber ein wenig muss ich doch widersprechen. Sicherlich ist der Frankfurter Altstadt-/Innenstadtbereich im Krieg stark zerstört oder modern wieder aufgebaut worden. Das ist ja bekannt. Es gibt aber neben den Fachwerkhäusern und der alten Oper schon ein paar historische Gebäude in der Innenstadt. Ich zähle nur mal Hauptwache, Katharinenkirche, Palais Thurn und Taxis, Stadtbibliothek/Literaturhaus und Börse auf. Oder den Eschenheimer Turm. Oder das Goethehaus. Daneben gibt es immer wieder einige Gründerzeitler, zum Beispiel in der Goethestraße. Zudem existiert auf der Fressgass und den Gassen nördlich davon durchaus noch etwas historische Substanz. Klar, extrem viel ist das nicht, und man muss schon genauer hingucken, aber eine Spucktüte braucht es auch nicht.

      In die "Krawallschachtel" können Besucher natürlich gehen, um ein Bier zu trinken. Allerdings sollten sie sich nicht wundern, wenn sie dort keine Frauen antreffen. Der Laden ist ein Treffpunkt für Männer, die gerne Männer treffen. ;) Stricher wirst Du in der Gegend vielleicht treffen, Huren aber keine (die sind dann noch zu einem kleinen Teil in der Breiten Gasse am Ostende des Areals, vor allem aber im Bahnhofsviertel). Und - ich weiß ja nicht, wie lange Du schon aus Frankfurt weg bist - Peep Shows sind schon seit den 80er Jahren verboten. Ein übrigens ziemlich bescheuertes Verbot, denn Verkehr darf man im Bahnhofsviertel haben, durch ein Guckloch beobachten aber darf man nicht, weil das "frauenverachtend" sei. :S
    • Wenn man die Gründerzeit schon von dem Prädikat "Historisch" ausschließt, sieht es natürlich recht dünn aus in Frankfurt. Aber gerade der Historismus ist in dieser Stadt in einer Qualität vorhanden, die allenfalls noch in Berlin erreicht wurde. In welcher deutschen Großstadt gibt es in noch so eine zu großen Teilen erhaltene Prachtstraße des Historismus wie die Kaiserstraße in Frankfurt? Nichtmal der Ku'damm in Berlin kommt da ran. Was Frankfurt außerdem auszeichnet ist die räumliche Nähe unterschiedlichster Architekturstile und -epochen, von Mittelalter über Gründerzeit bis zu modernen Hochhäusern. Das macht die Stadt so vital und interessant.
      In dubio pro reko

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