Frankfurter Altstadt (Dom-Römer-Areal)

  • Jojojetz: So erfreulich auch die Altstadtplanung ist: Ansonsten wird in Frankfurt/M. rigoros abgerissen und bei neuen Bauten wird absolut kein Bezug zum historischen Kontext genommen. In erster Linie entsteht hier "Investorenarchitektur" - massive, renditeträchtige streng-modernistische Geschäftshäuser und an der klassischen moderne angelehnte weiß-getünchte austauschbare Eigentumswohnungs-Solitäre mit Flachdach und Staffelgeschoss ohne örtlichen Bezug. Mir fällt auf Anhieb kein einziger gelungener Neubau der letzten 10 Jahre in Frankfurt/M. ein. Ein eigenes Thema sind die Wolkenkratzer in der Stadt: Hier gibt es zumindestens mit dem Opernturm von Mäckler ein kleines Highligt der letzten Jahre. Ansonsten reichen die Hochhäuser in der jüngsten Vergangenheit nicht mehr an Bauten wie dem Messeturm heran. Mit dem Eingriff in die Großmarkthalle durch den Coop H.- EZB-Bau wird zudem ein neues Kapitel der Stadtzerstörung aufgeschlagen.

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  • In Sachen Großmarkthalle muss man aber ehrlicherweise auch sagen, dass das Gebäude seit 2004 ohne Funktion war und es ohne die „EZB-Lösung“, so unbefriedigend sie in Sachen Durchbruch auch sein mag, wahrscheinlich zu jahrelangem Leerstand und Verfall gekommen wäre. Denn mal Hand aufs Herz: welcher Investor außer einer Großbank hätte überhaupt die Finanzmittel gehabt, ein Gebäude dieser Größe einer neuen Funktion zuzuführen, und das auch noch mit den Auflagen des Denkmalschutzes?


    Natürlich ist die Welt ungerecht: Wenn man bedenkt, dass in Sachsen tausende Denkmäler aus Gotik, Renaissance und Barock vor sich hingammeln, die ich subjektiv als tausendmal wertvoller betrachte, und man andererseits sieht, wie schnell es in Frankfurt am Main mit einem Industriedenkmal der 1920er Jahre geht, so bleibt wieder mal zu konstatieren, dass der Wohlstand in unserem Lande mehr als ungerecht verteilt ist.

  • Das ist wohl richtig, die EZB-Lösung hat dem Bauwerk zumindestens einen jahrelangen Verfall und Leerstand erspart. Das zukünftige Torso ist trotzdem mehr als Unbefriedigend. Das im Osten weit wertvollere Bauten verloren gehen steht allerdings in keinem Zusammenhang mit der Situation in Frankfurt/M.

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  • Aber ich vertraue darauf oder hoffe zumindest, daß die Interessenten, die wirklich rekonstruieren wollen, weil sie das schon immer wollten und die auch das Geld dafür haben - z.B. Frank Albrecht - daß diese Leute ihr Vorhaben auch durchziehen werden, unabhängig davon, was es für Alternativvorschläge gibt.



    Quelle: FAZ

  • Und noch zwei interessante Gegenüberstellungen:


    Kollhoff hat teilweise zitiert, aber sich auch verschiedene Freiheiten genommen. Dennoch hat das Ergebnis überhaupt nichts modernistisches an sich, sondern ist im Gegenteil klar historisierend.


    Bei dem Entwurf des Büros mit dem ulkigen Namen Eckert Negwer Suselbeek scheinen die Unterschiede zum Original so minimal zu sein, daß man wohl von einer - geringfügig vereinfachten - Rekonstruktion sprechen kann. Und das ist eigentlich eine kleine Sensation. Man muß sich das mal auf der Zunge zergehen lassen: Ein Architekturbüro soll eine zeitgemäße Alternative zur Reko entwerfen, ist dabei nur an einer Gestaltungssatzung gebunden, die recht eng ist, aber (wie man ja am Wettbewerb gesehen hat) durchaus noch Schlupflöcher für modernistische Merkmale läßt. Das Büro entscheidet sich aber eine Art "90%-Reko" - und gewinnt damit auch noch den ersten Preis! Wer hätte denn mit so einer Verhaltensweise von Teilnehmer und Jury gerechnet?





    (Quelle: FAZ vom 01. und vom 02.04.2011

  • Allmählich werden die Entwürfe zweifelhafter - auch wenn die große Katastrophe m.E. auch hier nicht dabei ist.



    Haus Schildknecht: Daß auf die Bemalung verzichtet wurde, ist nicht problematisch; daß ein Giebelgeschoß zum Vollgeschoß wird, ist unnötig.





    Markt 26: Die unruhige Fassade stört - sie ist ebenso wie die seltsame eckige Riesengaube ein gutes Beispiel dafür, wie der Architekt ein Schlupfloch in der Gestaltungssatzung gesucht und gefunden hat, um noch etwas Moderne einzubringen - einerseits schlau, andererseits ein eher verzeifelter Versuch, unbedingt etwas anders machen zu wollen, als allgemein erwartet wird.






    Markt 13: Einfach mal ein zusätzliches Geschoß dazugemogelt, merkt ja keiner - wie beim Hotel Adlon oder am Neumarkt im Q II. Man darf natürlich nicht vergessen, daß es sich um einen Füllbau handelt und es keine Vorgabe war, sich möglichst genau am Original zu orientieren. Mit Sprossenfenstern würde das Ganze deutlich besser wirken.


  • Markt 20 ist eine etwas steril wirkende Coverversion des historischen Gebäudes. Nicht schlecht - aber überflüssig. Denn ich frage mich, was hier an einer Reko des Originals aufwendiger oder gar teurer sein sollte.




    Nun kommen wir in die Braubachstraße: Wütend macht mich nur das im Artikel beschriebene Schicksal des Originalbaus. Der neue Entwurf ist annehmbar, wenn auch mit einem etwas zu hohen Glasanteil. Schade, daß sich Landes hier nicht durchsetzen konnte.




    Zur Orientierung für nicht Ortskundige: Das ist die Braubachstraße; das neue Gebäude wird links an das gelb-braune Haus anschließen.


  • http://www.fnp.de/fnp/region/lokales/frankfurt/ein-erster-blick-auf-die-fassaden_rmn01.c.8833686.de.html


    Da seht Ihr meine Befürchtungen.... Guntersdorf rudert schon zurück. Es ist ja auch eine Gemeinheit. Erst bekommt man erzählt, die Häuser hätten zu wenig Licht, bzw. die Decken sind zu niedrig.... dann ist aber auf einmal z.B. bei der Linde Platz für ein weiteres Geschoss (bei unveränderten Bauvolumen)..... Welcher Investor springt da nicht drauf an.......

  • Ich möchte dazu auf folgenden (kommentierbaren) Artikel auf der heutigen faz.net aufmerksam machen: "Frankfurter Altstadt - Mittelmaß und Kontrollwahn"


    http://www.faz.net/s/RubFAE83B…Tpl~Ecommon~Scontent.html


    Hm, zumindest im ersten Drittel mal wieder ein selten dämlicher Artikel, der nur deshalb in seiner Phrasenhaftigkeit "funktioniert", weil er das Ausmaß der Zerstörungen durch den 2. Weltkrieg entweder nicht begreift oder nicht begreifen will:

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    Die Altstadt hat sich dem Neuen nie verschlossen. Auf die Gotik folgten Barockbauten, und mancher Alteingesessene wird im späten 18. Jahrhundert mit Argusaugen die Neuerungen des Klassizismus verfolgt haben.

    Herr Alexander: die Altstadt von Frankfurt gibt es seit dem 22. März 1944 nicht mehr. Sie wurde an diesem Tag ausgelöscht, alle 2500 Häuser des 13. - 18. Jahrhunderts, die da standen ... ausgelöscht, vernichtet, ausradiert. Warum geht das in diese Feuilletonistenschädel nicht hinein?! Sie kann sich also auch "dem Neuen nicht verschließen". Sie muss erst einmal überhaupt wiedererstehen, damit man die Frage stellen kann, ob sie sich dem Neuen verschließen soll oder nicht.


    Auch das hier zeigt, dass der Autor nicht einmal im Ansatz kapiert, worüber wir überhaupt reden:

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    Noch eine Hypothese: Angenommen, es hätte das „Dritte Reich“ nie gegeben und die Frankfurter Altstadt wäre unbeschädigt geblieben. Dann hätte die Moderne in den fünfziger Jahren des vorigen Jahrhunderts in den Häuserreihen um Dom und Römer Einzug gehalten, das Hauptzollamt hatte in den zwanziger Jahren schon einen Anfang gemacht.


    Sicher hätte die "Moderne" in den 50'iger Jahren Einzug in die Frankfurter Altstadt gehalten - aber hätte sie alle die 2500 Häuser ersetzt, die im Krieg ausgelöscht wurden und dann durch Neubauten ersetzt wurden?! Nein, sie hätte vielleicht 100 Häuser im Altstadtbereich ersetzt. Dieser Schreiber versteht offenbar nicht einmal ansatzweise die Dimensionen des Verlustes, wenn er die Auslöschung einer gesamten Altstadt mit ein paar Nachkriegsneubauten gleichsetzt, die es ohnehin gegeben hätte.

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    Meistens wurde durchaus der beste Entwurf gekürt. Aber genau daran ist auch ablesbar, wie dürftig viele Beiträge ausgefallen sind. Wirklich originelle Entwürfe sind rar, auch unter den Preisträgern. Als erfreuliche Ausnahmen sind etwa die Baseler Architekten Morger + Dettli zu nennen, die sich für die Parzelle Markt 30 mit einem eigenständigen Entwurf durchsetzen konnten. Und auch der siegreiche Entwurf von Ulrich von Ey für das Haus Markt 10 zeugt von einer gewissen ironischen Souveränität im Umgang mit der Aufgabe.


    Der Autor hat schon einen seltsamen Geschmack - oder sagen wir: Den typischen Geschmack eines Architekten - und den hält er offenbar für allgemeinverbindlich. Die historisierenden Entwürfe kanzelt er ab, und ausgerechnet Markt 30 hebt er lobend hervor; für mich ist das ein grauenhafter Ausreißer zwischen guten und passablen Entwürfen, wirklich mit Abstand der schlechteste Entwurf von allen, hinter dem die erkennbare Absicht steht, ein ansonsten relativ stimmiges Ensemble zu (zer)stören. :kopfschuetteln:
    Siehe hier: http://www.domroemer.de/web/site/neubauten/markt-30/

  • Wer soll das ernst nehmen, Herr Alexander! Da wo endlich einmal im Nachkriegsdeutschland ein winziges Stück hochwertiger Altstadt neu erstehen soll, da wünschen Sie sich "einen freieren Geist", "originelle Entwürfe", "eigenwillige, selbstbewusste, streitlustige Bauherren". Dabei hätte der Rest der Republik mit einer abertausendmal so ausgedehnten Vorstadttristesse nichts nötiger als eben dies. Aber an dem Thema kann sich kein Kritiker profilieren. Außerdem propagieren Sie ein Bild vom Architekten, das schon genug Unheil angerichtet hat, in Altstadtbereichen wie auch in der sog. Zwischenstadt. An "originellen Entwürfen" haben wir uns gründlich sattgesehen, "eigenwillige, selbstbewusste, streitlustige Bauherren" sind ohnehin hierzulande nahezu ausgestorben, und der "freiere Geist" mündet allenfalls in eine Karikatur des architektonischen Originalgenies. Was wir brauchen, ist eine Baukultur, die gerade von der mittelalterlichen Stadtbaupraxis mit ihrer Einheit in der Mannigfaltigkeit und dem Gemeinschaftsgeist der Bauschaffenden zu lernen bereit ist.

  • Markt 30 ist wahrlich der übelste Entwurf auf dem Areal, aber inmitten der Rekos und der doch recht guten Füllbauten wird er wieder als Beweis für die ansonsten Armseligkeit "zeiitgenössischer" Architektur stehen - der Vergleich macht uns reich.

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Ja, Matthias Alexander offenbart selber, dass er von der ganzen tieferliegenden Problematik nichts verstanden hat. Für ihn ist das nur ein weiteres City-nahes Areal, in dem er gerne seine Vorliebe für moderne Architektur befriedigt sehen würde. Zur geschichtlichen Tiefendimension, zur örtlichen Identität fehlt ihm jeder Zugang.


    Zwei Äußerungen in dem Text sind hervorhebenswert:

    Quote

    Ein gelungenes Beispiel der Altstadtsanierung: die Häuserzeile Ecke Großer und Kleiner Hirschgraben, Weißadlergasse und Am Salzhaus


    Dieses Areal, bestehend aus einem 30er-Jahre-Bau, einigen Nachkriegsbürohäusern und einem Parkhaus - zerschnitten von einer oft von Autos verstauten Straße und belebt nur duch zwei Cafés und eine urtümliche Diskothek - wird hier als Beispiel für "Altstadtsanierung" genannt. :lachen:


    Zitat:

    Quote

    Es kommt zu einer paradoxen Schlussfolgerung. Wer moderne Architektur schätzt, der muss sich für weitere Rekonstruktionen aussprechen.


    Na, immerhin. Soll er (und manch anderer) doch endlich aufhören, immer noch rumzumeckern, und sich statt dessen für mehr Rekonstruktionen einsetzen. Unfreiwillig hat er das ja mit seiner bebilderten FAZ-Serie bereits gemacht.

  • Dr. Matthias Alexander war 2010 Teilnehmer des Symposiums "Konferenz zur Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt" des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst. Dort wurden einvernehmlich die "Grundstätze für die Stadtbaukunst heute" veabschiedet: http://www.dis.tu-dortmund.de/…sk=view&id=101&Itemid=108
    Vielleicht sollte er sich noch mal genauer anschauen, was dort besprochen wurde und was er dort unterstützt hat...

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