Rekonstruktion und Gegenwart

  • Wenn eine große Mehrheit der Dresdener für einen historischen Wiederaufbau ist (was noch zu beweisen wäre - 63.000 Unterschriften sind nur 15 % der Bevölkerung), heißt das aber trotzdem, daß nicht alle dafür sind. So haben wir doch wieder verschiedene Meinungen und keine totalitäre Einheitspartei, pardon, Einheitsmeinung. Da kann man einfach nicht erwarten, die eine Lösung zu finden, die alle befriedigt. Das wäre dann wohl der Stein der Weisen...
    Was mich viel eher traurig stimmt, ist die Tatsache, daß moderne Architektur (betrifft auch andere Künste) so sehr an breiter Akzeptanz verloren hat, daß dieser ewige Streit überhaupt entstehen konnte. Die Menschen unserer Zeit mögen ihre eigene zeitgenössische Kunst und Kultur nicht mehr. Das ist für mich ein Ausdruck der Überlebtheit unserer westlichen Zivilisation. Sie ist einfach nicht mehr vital. Alles bewegt sich irgendwo im Retrobereich (wozu ich auch die Rekonstruktion von Städten rechne) oder am Rande der Provokation.(moderne Architektur)
    Wie stolz und zufrieden könnten wir alle sein, wenn es eine zeitgenössische Architektursprache gäbe, die allgemein hoch geschätzt wäre...
    Ich bin immer hin und her gerissen. Auf der einen Seite finde ich die alten Bauten auch sehr ästhetisch aber andererseits sind sie nur leere Hüllen, weil wir einfach nicht mehr die alten Nutzungsstrukturen haben. Daran würde auch "geziegelter" Wiederaufbau nichts ändern. So bleiben sie ästhetisierende Hüllen zur Befriedigung unserer Sehnsucht nach der guten alten Zeit.
    Was schaffen wir, daß vom hier und jetzt kündet ? Neualte Betonhäuser, alte Opern und Sinfonien und ein Foto der Sixtinische Madonna?

  • Quote from "Vossi"

    Auf der einen Seite finde ich die alten Bauten auch sehr ästhetisch


    Es geht nicht vordergründig um Ästhetik, es geht um Stadtreparatur! Ist es wirklich so schwierig zu begreifen, dass sich Deutschland nun mal nicht in der Situation befindet, in der es sich erlauben kann, architektonisch umher zu experimentieren und neue Architekturstile durchzuboxen, während überall die Wunden offen liegen und durch die Gegend eitern? Ein zutiefst geschundener Mensch wird sich im Krankenhaus zunächst einmal seine alte gesunde Form zurück wünschen, bevor er sich neue Trendlooks auf den Kopf setzt!

    Ich entschuldige mich von Herzen für meine früheren arroganten, provokanten, aggressiven und unfreundlichen Beiträge!
    Jesus ist mein Herr und Retter!

  • Quote

    Wie stolz und zufrieden könnten wir alle sein, wenn es eine zeitgenössische Architektursprache gäbe, die allgemein hoch geschätzt wäre...
    Ich bin immer hin und her gerissen. Auf der einen Seite finde ich die alten Bauten auch sehr ästhetisch aber andererseits sind sie nur leere Hüllen, weil wir einfach nicht mehr die alten Nutzungsstrukturen haben. Daran würde auch "geziegelter" Wiederaufbau nichts ändern. So bleiben sie ästhetisierende Hüllen zur Befriedigung unserer Sehnsucht nach der guten alten Zeit.



    dieses 'leere hüllen' gerede nervt mich.
    inwieweit steht qualitative weiterentwicklung gesellschaftlicher kultur in zusammenhang mit ästhetischer und klassischer fassadengestaltung? doch nur in gewissen halbgedanken..!


    überlege dir schon mal, wie du pizza, ausschlafen und sonnenschein weiterentwickeltst, doch nur über den umbau der rasse mensch allgemein.
    und das kann momentan ja wohl noch nicht grundlage deiner überlegung sein... deine aussagen sind argumentativ haltlos.


    weiterhin schlage ich dir vor, einmal zeitgenössische und somit neu traditionelle architektur im ausland (Frankreich, USA, Russland) anzuschauen. fazit:
    ästhetische gestaltung mit neuen und tradierten elementen, plus nötige stadtreperatur im falle deutschlands, mit dem ziel, ästhetische stadtlandschaften und lebensräume zu schaffen: dies alles existiert bereits in der praxis.


    wo BITTE IST DA DAS ERKENNTNISPROBLEM?


    "Sehnsucht nach der guten alten Zeit"
    wo haste das denn bitte wieder abgelesen.
    wer bitte hat denn sehnsucht nach der alten zeit, nur weil er sich eine schöne, lebenswerte stadt wünscht? das ist doch nirgends der fall, also so ein unsinn!

  • Quote from "Vossi"


    Was mich viel eher traurig stimmt, ist die Tatsache, daß moderne Architektur (betrifft auch andere Künste) so sehr an breiter Akzeptanz verloren hat, daß dieser ewige Streit überhaupt entstehen konnte. Die Menschen unserer Zeit mögen ihre eigene zeitgenössische Kunst und Kultur nicht mehr. Das ist für mich ein Ausdruck der Überlebtheit unserer westlichen Zivilisation. Sie ist einfach nicht mehr vital. Alles bewegt sich irgendwo im Retrobereich (wozu ich auch die Rekonstruktion von Städten rechne) oder am Rande der Provokation.(moderne Architektur)
    Wie stolz und zufrieden könnten wir alle sein, wenn es eine zeitgenössische Architektursprache gäbe, die allgemein hoch geschätzt wäre...


    So pessimistisch sehe ich das nicht.
    In der Innenarchitektur, bei der Gestaltung ihrer Wohnzimmer, Küchen und Schlafzimmer, können die Menschen ihre ästhetischen Vorstellungen einer angenehmen Wohnumgebung am ehesten, freiesten und schnellsten selbst verwirklichen.
    Da kann man sehen, wie die Trends laufen, daß zeitgenössische moderne Wohnkultur immer einen hohen Stellenwert besitzt und sehr geschickt inszeniert wird.


    Wichtig ist nicht, ob man auf IKEA oder furnierte Eichenschrankwand steht. Wichtig ist, daß die Dinge zueinander passen und miteinander harmonieren!
    Das ist es, was die Zimmer mit Straßen und Plätzen gemeinsam haben.

  • Interessanter Gedanke Miwori. Es würde sich lohnen dafür einen eigenen Strang aufzumachen. Nur so viel: ich wunder mich immer über die Diskrepanz zwischen Wunsch und Wirklichkeit- mit anderen Worten Viele schimpfen über die Stadtbilder und über Kisten, umgeben sich aber selber zu Hause mit einem Sammelsurium aus unterschiedlichsten Möbeln- das meiste aus einem schwedischen Möbelhaus, was auf den Namen "Lack", "Ivar" und "Billy" hört.


    Zurück zur Gestaltungskommission!

  • Quote from "youngwoerth"

    Es geht nicht vordergründig um Ästhetik, es geht um Stadtreparatur! Ist es wirklich so schwierig zu begreifen, dass sich Deutschland nun mal nicht in der Situation befindet, in der es sich erlauben kann, architektonisch umher zu experimentieren und neue Architekturstile durchzuboxen, während überall die Wunden offen liegen und durch die Gegend eitern? Ein zutiefst geschundener Mensch wird sich im Krankenhaus zunächst einmal seine alte gesunde Form zurück wünschen, bevor er sich neue Trendlooks auf den Kopf setzt!


    Doch, es geht bei der Diskussion am Neumarkt eigentlich nur um die Ästhetik, die Wahrnehmung der Gebäude. Eine Stadtreparatur findet auch bei einem modernen Wiederaufbau mit entsprechender Kleinteiligkeit auf den alten Parzellen statt. Wir aber wollen die alten Lochfassaden mit ihrer Ornamentik wiederhaben, weil sie schöner sind als moderne Lochfassaden. Warum ist unsere Wahrnehmung heute so. Das gab es in der Menschheitsgeschichte noch nie. Auch Semper hat neben den Zwinger kein feines angepasstes Barockgebäude gesetzt, sondern selbstbewust einen riesigen modernen Neorenaissanceblock.
    Was würden wir sagen, wenn alle Argumente, die man für Semper heute aufbringen könnte (angepasst, kongenial im Geiste von..., Materialwahl) am Neumarkt verwirklicht hätte, aber in zeitgenössischer Architektursprache. Wären wir damit zufrieden ?
    Das Schloß hat man 1908 auch modern umgebaut, heute rekonstruieren wir möglichst alle Zeitschichten auf einmal und schreien laut über das fast unsichtbare Glasdach.
    Es geht mir nicht um das Verdammen irgend einer Meinung zu dem Thema, ich möchte nur mal wissen, warum wir heute so wenig selbstbewußt sind, und das Neue schlechter einschätzen als das Alte.
    Geht mir übrigens genauso, nur um das mal klarzustellen...

  • Quote from "Vossi"


    Was mich viel eher traurig stimmt, ist die Tatsache, daß moderne Architektur (betrifft auch andere Künste) so sehr an breiter Akzeptanz verloren hat, daß dieser ewige Streit überhaupt entstehen konnte. Die Menschen unserer Zeit mögen ihre eigene zeitgenössische Kunst und Kultur nicht mehr. Das ist für mich ein Ausdruck der Überlebtheit unserer westlichen Zivilisation. Sie ist einfach nicht mehr vital. Alles bewegt sich irgendwo im Retrobereich (wozu ich auch die Rekonstruktion von Städten rechne) oder am Rande der Provokation.(moderne Architektur)
    Wie stolz und zufrieden könnten wir alle sein, wenn es eine zeitgenössische Architektursprache gäbe, die allgemein hoch geschätzt wäre...


    @ na,na, marc als Unsinn würde ich das von Vossi geschriebene nicht bezeichnen wollen. Auf was er aufmerksam machen will ist, glaube ich, in dem auch von Miwori zitierten Abschnitt zu finden.
    Die Kraftlosigkeit unserer heutigen kulturellen Entwicklung. Eine Orientierungslosigkeit aus der resultierend es völlig an einer verbindlichen stilbildenden Formensprache fehlt. Da ist der Rückgriff auf reine Rekonstruktionen eher Ausdruck der Hilflsoigkeit mangels adäquater befriedigender, sinnlich und ästhetisch nährender Äußerungsformen. Das sogenannte Moderne spielt sich dann in einigen intellektuellen Zirkeln ab, entspringt konzeptuellen Vorstellungen, die auch nur Rückgriffe aus den letzten 80 Jahren Architekturgeschichte sind.
    Letztlich kann eine neue Architektursprache, neue Formen nur entstehen, wenn sich ein Bewußtseinswandel vollzieht, der sich danach in der Identifikation mit neuen Werten und Einstellungen, sprich neuen Paradigmen zeigt. Bis dahin herrscht Krise, Chaos, Provokation, Beliebigkeit Rückwärtsgewandheit und Suche, ja Sehnsucht... Hauptsache es wird gesucht!!! Dann ist Aufbruch zu neuen Ufern. Aber bitte sich auf die Wurzeln besinnen und diese gut gießen und düngen! :zwinkern:

  • Quote

    Da ist der Rückgriff auf reine Rekonstruktionen eher Ausdruck der Hilflsoigkeit mangels adäquater befriedigender, sinnlich und ästhetisch nährender Äußerungsformen.


    Genau das - und darin liegt auch meine Antwort - auf Vossi, sehe ich dezidiert nicht so.


    Der Antrieb hinter der Rekonstruktion ist gerade nicht, wie vielfach behauptet, das tatsächliche oder vermeintlich Ungenügen moderner Architektur oder eine "dekandente" Ablehnung moderner Architektur (oder deren Dekadenz selbst), wie Vossi vermutet. Auch wenn manches Ungenügen der modernen Architektur die Hinwendung zur Rekonstruktion verstärken mag.


    Der eigentliche Antrieb lässt sich aber nur auf dem Hintergrund der weltgeschichtlich einmaligen Zerstörung praktisch des gesamten baulichen kulturellen Erbes der größeren Städte Deutschlands im 2. Weltkrieg erklären. Wir wurden, wie Jörg Friedrich es so richtig formuliert hat, "aus unserer Geschichte herausgebombt". Dieses Problem unseres "Aus-der-Geschichte-Gebombt-Worden-Seins", des weitgehenden Verlustes unserer steingewordenen kulturellen Identität würde auch noch bestehen, wenn das moderne Bauen noch so schön und wundervoll wäre und noch so akzeptiert.


    Es geht bei der Rekonstruktion um nichts mehr und nichts weniger, als die Wiedergewinnung dieses Erbes und damit die Wiedergewinnung unserer kulturellen Identität. Mit irgendwelchen trivialen "Retro-" oder "Nostalgie-"Wellen hat das nicht das geringste zu tun.


    Wir müssen zunächst unser bauliches Erbe, unsere kulturelle Identität, soweit sie sich in Stein und Holz manifestierte, wiedergewinnen, bevor wir irgendwelche weiteren Schritte machen können. Wenn die Altstädte von Frankfurt, Dresden, Nürnberg, Köln, Braunschweig, Hildesheim, Würzburg, Mainz, Kassel, Hannover, Stuttgart etc. wiederaufgebaut sind, können wir auch über modernes Bauen wieder reden. Bis dahin allenfalls außerhalb der Altstadt-Bereiche.

  • @ Philon


    "Es geht bei der Rekonstruktion um nichts mehr und nichts weniger, als die Wiedergewinnung dieses Erbes und damit die Wiedergewinnung unserer kulturellen Identität. Mit irgendwelchen trivialen "Retro-" oder "Nostalgie-"Wellen hat das nicht das geringste zu tun.


    Wir müssen zunächst unser bauliches Erbe, unsere kulturelle Identität, soweit sie sich in Stein und Holz manifestierte, wiedergewinnen, bevor wir irgendwelche weiteren Schritte machen können."


    Ja, das ist ja alles nachvollziehbar, verstehbar und mitfühlbar. Geht mir auch ähnlich. Unterstütze ich innerlich auch.
    Doch wenn ich mich da hinterfrage und beobachte, wie ich da denke und die Entwicklungen durchschaue muß ich u.a. feststellen:


    1. daß die Rekonstruktion unserer verlorenen Altstädte ein insgesamt gesehen aussichtloses Sysiphos-Unternehmen darstellt.


    2. daß es weit auseinandergehende Vorstellungen von Authentizität der wiederaufzubauenden Einzelbauten und Stadtviertel gibt und damit leider viel "Kulissenschrott" entstand und noch entstehen wird.


    3. Der Gaul von hinten aufgezäumt wird! Wie soll ein kulturelles Selbstbewußstein wieder entstehen, wenn man versuchen will es über äußere Objekte wieder herzustellen, wo doch die Originale Ausdruck des in anderen Zeiten im Innern einer Volksseele herrschenden Bewußtseins war, bzw. der künstlerische Ausdruck des Bewußtseins, des Genius herausragender, gebildetet Fürsten und Künstler/Architekten


    4. ergo stellt sich die Frage, wie entsteht ein kulturelles Selbstbewußtsein von innen her neu mit dem sich die Mitglieder einer Volksgemeinschaft identifizieren können. Indem die Gemeinschaft ein künstlerisch freiheitliches Klima anbietet, in dem charismatische Künstlerseelen sich frei entfalten können!?


    Na ja, haben wir eigentlich ein Stück weit schon hier bei uns, aber schau ich mir die Ergebnisse an, hmmh!?


    Aber was ich sagen will ist:
    Zuerst ist die Wandlung im Bewußtsein zu vollziehen und danach der Ausdruck in der Form, was letztendlich ein sich gegenseitig befruchtender Prozeß ist.
    Ob da rekonstruierte Altstädte so hilfreich sind!? Ich glaube im einen Sinne schon:
    Sie lassen die nachfolgenden Generationen erahnen wie schön und kulturell reich Deutschland in seinen Großstädten einmal war, lassen aufwachen und sich engagieren, sich am kulturschaffenden Prozeß zu beteiligen. Also einen "Hallo-wach-Effekt" könnte ich mir da vorstellen, der
    neue Sehgewohnheiten entstehen läßt , einen Impuls bewirkt, der von den kulturellen Hinterlassenschaften ausgeht, sozusagen die Kraft der Ahnen, der Väter und Mütter wird sichtbar uind stärkt den Rücken(=Selbstbewußstein). Daraus folgt der Wunsch eine ästhetische Erscheinung gebauter Umwelt fortzuführen, ornamentalen Reichtum, harmonische, klassische Proportionen und ein auch emotional ansprechendes, befriedigendes Stadtgefüge als lebensförderlich anzuerkennen, ja zu fördern, zu gestalten und die inneren Gesetzmäßigkeiten künstlicher Lebenswelten(Architektur) zu verinnerlichen und in neuen Formen auszudrücken.
    Das wäre dann der Durchbruch, den wir uns alle so herzlich wünschen.


    PS: Verschieben der ganzen theoretischen Diskussion in geeigneten Strang!?

  • Quote from "Vossi"


    Doch, es geht bei der Diskussion am Neumarkt eigentlich nur um die Ästhetik, die Wahrnehmung der Gebäude. Eine Stadtreparatur findet auch bei einem modernen Wiederaufbau mit entsprechender Kleinteiligkeit auf den alten Parzellen statt. Wir aber wollen die alten Lochfassaden mit ihrer Ornamentik wiederhaben, weil sie schöner sind als moderne Lochfassaden. Warum ist unsere Wahrnehmung heute so. Das gab es in der Menschheitsgeschichte noch nie. Auch Semper hat neben den Zwinger kein feines angepasstes Barockgebäude gesetzt, sondern selbstbewust einen riesigen modernen Neorenaissanceblock.
    Was würden wir sagen, wenn alle Argumente, die man für Semper heute aufbringen könnte (angepasst, kongenial im Geiste von..., Materialwahl) am Neumarkt verwirklicht hätte, aber in zeitgenössischer Architektursprache. Wären wir damit zufrieden ?
    Das Schloß hat man 1908 auch modern umgebaut, heute rekonstruieren wir möglichst alle Zeitschichten auf einmal und schreien laut über das fast unsichtbare Glasdach.
    Es geht mir nicht um das Verdammen irgend einer Meinung zu dem Thema, ich möchte nur mal wissen, warum wir heute so wenig selbstbewußt sind, und das Neue schlechter einschätzen als das Alte.
    Geht mir übrigens genauso, nur um das mal klarzustellen...


    Du stellst die entscheidende Frage: Warum finden wir das Alte schön und das Neue hässlich?


    Deine Argumentation ist auch ganz legitim, tatsächlich hat man zu allen Zeiten zu dem Alten etwas zeitgemäß "Modernes"/Neues gesellt. Doch es gibt einen wesentlichen Unterschied: Egal ob ein Barockhaus neben ein Renaissancehaus oder ein Historismusbau neben einen Barockbau etc. gestellt wurde, beide haben eine gemeinsame Sprache gesprochen. Die Vokabeln bestanden aus Säulen, Pilastern und Gesimsen. Die klassische Moderne hat leider eine völlig neue Sprache entworfen, die zwar klare Linien und durchsichtige Strukturen enthält, jedoch das Vokabular der Tradition ablehnt. Nicht unsere Wahrnehmung ist folglich das Neue in der Menschheitsgeschichte, sondern die Ästhetik der Moderne. Diese verlangt vielmehr von uns einen Wandel unserer Wahrnehmung dahingehend, dass wir die modernen Gebäude als schöner als die Alten akzeptieren. Meiner Meinung nach üben die modernen Architekten seit nunmehr fast 100 Jahren ein brutales Geschmacksdiktat auf die Menschen aus, denen nunmal die traditionelle, über 2500 Jahre alte Formensprache viel besser gefällt.

  • Vitruv

    Quote

    Deine Argumentation ist auch ganz legitim, tatsächlich hat man zu allen Zeiten zu dem Alten etwas zeitgemäß "Modernes"/Neues gesellt. Doch es gibt einen wesentlichen Unterschied: Egal ob ein Barockhaus neben ein Renaissancehaus oder ein Historismusbau neben einen Barockbau etc. gestellt wurde, beide haben eine gemeinsame Sprache gesprochen. Die Vokabeln bestanden aus Säulen, Pilastern und Gesimsen. Die klassische Moderne hat leider eine völlig neue Sprache entworfen, die zwar klare Linien und durchsichtige Strukturen enthält, jedoch das Vokabular der Tradition ablehnt

    .


    Ita est.
    Genau das ist der Punkt.
    Auch der Historismus, ja selbst weitgehend der Jugendstil und folgende Baustile orientierten sich in formaler Fassadengestaltung (Fenster-, Geschoßproportionen, Achsenanordnung etc) auch wenn das traditionelle eigentliche Vokabular wie Pilaster, Gesimse etc aufgegeben wurde, an aus der Renaissance entstammenden Formschemata. Das gilt auch für Loos, für viele ein Vater der Moderne.
    Eine Moderne, die dies beibehalten und für die nähere Ausgestaltung ein völlig zeitgenössisches Vokabular entwickeln würde, würde genauso Bauten schaffen, die sich zwanglos in die nähere Umgebung integrieren, und unter Umständen auch innerhalb wertvoller Altbauensembles als Bereicherung empfunden werden würden, so wie etwa eine aufwändige Jugenstilfassade innerhalb einer Fachwerkzeile.
    Das Problem ist die zur Norm gewordene ewige Verneinungshaltung der Moderne. Derlei ermüdet auf die Dauer ungemein und wird zur abgenützten, kraftlosen, dabei Widerwillen erregenden Geste.
    Wo die alten Proportionen noch halbwegs gewahrt bleiben, wie etwa bei dem Glashaus unweit der Erfurter Krämerbrücke, funktioniert die Sache noch halbwegs. So gesehen ist dies aber kein moderner Bau, denn Rücksichtnahme widerspricht der modernistischen Grundhaltung.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Ursus, es gibt eine Editierfunktion, wenn Du auf "ändern" klickst. :zwinkern:

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  • Interessantes Interview von dem Architekt Christoph Mäckler: http://www.morgenpost.de/kultu…e_sind_potthaesslich.html


    Quote

    Mäckler: Klar ist jedenfalls, dass Städte bis heute vor allem nach soziologischen, ökonomischen oder verkehrstechnischen Kriterien geplant werden. Dabei werden essenzielle gestalterische Fragen vernachlässigt. Gestaltung spielt in der Stadtplanung kaum eine Rolle, weil der Stadtplaner hiervon nichts versteht. Die Gestaltung eines Platzraumes findet heute – wenn überhaupt – nur in Platzbelägen, Bänken und Beleuchtungskörpern statt. Was den Platz charakterisiert, sind aber die Fassaden, und die überlassen die Planer dem individuellen Geschmack des Architekten. Und der plant lediglich das einzelne Haus – meist ohne Rücksicht auf das Ensemble. Für den Bürger zählt am Ende aber nur die Gestaltung des Gesamtplatzes, seiner Fassaden, seiner Proportion. Er will sich wohlfühlen, im Platzraum wie im Wohnraum. Es gibt nicht einen einzigen modernen Platz der letzten 100 Jahre, bei dem der Bürger sagen könnte: Hier fühle ich mich wohl. Die alten Plätze dagegen funktionieren sogar, wenn dort Häuser aus ganz verschiedenen Epochen stehen.


    Quote

    Heute haben wir Bürgermeister und Stadtparlamente, aber diese sind völlig hilflos, weil ihnen entweder nur ideologisch denkende Architekten oder wortgewaltige Planer ohne architektonisches und städtebauliches Wissen zur Verfügung stehen. Genau genommen kann man es genau andersrum formulieren: Jeder Architekt, der an irgendeine Stelle sein aufregendes medienwirksames Häufchen stellt, handelt eigennützig, ja geradezu diktatorisch, statt an das Gemeinwohl zu denken. Nehmen Sie Günter Behnischs gläserne Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin – was für ein Egotrip innerhalb der einheitlichen Platzgestaltung! Die Gestaltungssatzung war hier eine politische Vorgabe des Senats, und der wird von den Bürgern gewählt. Sie müsste auch für Behnisch gelten.


    Quote

    Ich denke nicht so Schwarz-Weiß, wie Sie es suggerieren. Der Ort ist das Ausschlaggebende. Wenn man ein Bauwerk für einen Park entwirft, kann das ruhig eine wilde Skulptur sein, das ist für mich völlig akzeptabel. Aber es kann nicht sein, dass wir unsere Städte mit solchen Skulpturen zerstören. Ich sehe das auch gar nicht rückwärtsgewandt. Man muss vom Ort ausgehen und darauf aufbauend eine Architektur entwickeln, die dazu passt. Ich baue doch in Hamburg anders als in München und anders als in Stuttgart oder Heidelberg. Es ist wesentlich leichter, in intakte Städte irgendein verrücktes gefaltetes Glasgebäude hineinzustellen, als Gebäude bautypologisch am Ort festzumachen, ohne dabei Retro-Architektur zu produzieren. Das ist die größte Herausforderung überhaupt. Aber das wird an den Architektur-Hochschulen kaum gelehrt. Hier werden kleine Stars herangezogen, denen man die neuesten Moden beibringt, ohne die Grundlagen der Baugeschichte zu vermitteln: die Grammatik der Stadt.


    Ach, herrlich. Herr Mäckler spricht mir aus dem Herzen. Endlich mal ein Architekt, der es verstanden hat. :applaus:


    Quote

    Morgenpost Online: Haben Sie sich mit einem Entwurf am Berliner Schloss-Wettbewerb beteiligt?


    Mäckler: Dies ist ein anonymer Wettbewerb.


    Ja!!! Bitte, bitte, bitte! Hoffentlich. Das wäre das Beste, was dem Schloss passieren kann. Der Wiederaufbau wäre in den richtigen Händen. :applausueberkopf:


    Das ist übrigens der Lindencorso: http://www.schwegmann-co.com/Lindencorso.jpg von dem Herr Mäckler spricht.

  • Und in Berlin will man Mäcklers Vorstellungen anscheinend auch umsetzen:


    http://www.morgenpost.de/berli…mt_strenge_Bauregeln.html


    Quote

    Berlins historische Mitte bekommt strenge Bauregeln
    Nicht höher als 30 Meter, Glattputz oder Stein, keine leuchtenden Farben. Unter den Linden, am Gendarmenmarkt, der Museumsinsel und auf dem Schlossplatz sollen Neubauten künftig äußerst strengen Regeln unterliegen

  • ^ Das wurde doch alles schon zig mal geposted :augenrollen:
    Aber trotzdem gut, damit man's wiederfindet.


    Schade ist nur, dass Mäckler nicht wirklich das umsetzt, wovon er spricht. Gewisse bautraditionelle Reminiszenzen sind zwar in einigen seiner Werke erkennbar (vorallem am sehr gelungenen OpernTurm in Frankfurt), aber bei solch vielversprechenden Zeilen erwartet man da schon etwas mehr.


    Mäckler sollte gemeinsam mit Patzschke, Kollhoff, Stuhlemmer und Konsorten eine Art "Architektengremium der klassischen Architektur" gründen :) Dieses hätte sicher einiges an Einfluss und könnte die Neohistorismuswelle endgültig ins Rollen bringen!

  • Dieses Lindencorso finde ich seltsam. Mischung aus Nationalsozialismus, Modernisten-Kubus und wilhelminischer Steinbearbeitung. Habe immer darüber gerätselt, ob ich es hässlich oder schön finden soll, als ich davor stand.

    Ich entschuldige mich von Herzen für meine früheren arroganten, provokanten, aggressiven und unfreundlichen Beiträge!
    Jesus ist mein Herr und Retter!

  • Quote from "erbsenzaehler"

    ^ Das wurde doch alles schon zig mal geposted :augenrollen:
    Aber trotzdem gut, damit man's wiederfindet.


    Schade ist nur, dass Mäckler nicht wirklich das umsetzt, wovon er spricht. Gewisse bautraditionelle Reminiszenzen sind zwar in einigen seiner Werke erkennbar (vorallem am sehr gelungenen OpernTurm in Frankfurt), aber bei solch vielversprechenden Zeilen erwartet man da schon etwas mehr.


    Mäckler sollte gemeinsam mit Patzschke, Kollhoff, Stuhlemmer und Konsorten eine Art "Architektengremium der klassischen Architektur" gründen :) Dieses hätte sicher einiges an Einfluss und könnte die Neohistorismuswelle endgültig ins Rollen bringen!


    Ein Blick auf die Seite von Professor Mäckler lässt in mir das Gruseln aufkommen.


    http://www.chm.de/start.html\r
    http://www.chm.de/start.html


    Ich meine er waere in Deinem Gremium fehl am Platze. Den Frankfurtern macht er dauernd das Leben schwer, obwohl er letztens wohl ein paar mildere Toene floetete.

  • Abschnitt aus dem Strang "Wiederaufbau des Schlosses Herrenhausen, Hannover"



    Die ganzen Rekos wären gar nicht nötig wenn die BDA-Mitglieder in der Lage wären, vernüftige regionalbezogene Bauten zu errichten. Solange die "Modernisten," Bauwerke wie die Erweiterung der TU Darmstadt oder das Stadtbibliothek in Nürnberg liefern wird der Wunsch nach Rekos bestehen. Und das ist auch gut so. Es bleibt spannend, ob die vielen Rekos irgendwann eine etwas ruhigere Haltung der BDA hervorbringt. Ich glaube auf jedem Fall, dass jede Reko weitere Rekos mit sich zieht (das Braunschweiger Schloss hat wohl zum reko-Beschluss in Hannover beigetragen?). Leider ist es immer noch einfacher Schlösser und Kirchen zu rekonstruieren als einfache Bürgerhäuser. Und gerade dort gibt es am meisten zu tun i. D.

    Unsere große Aufmerksamkeit für die Belange des Denkmalschutzes ist bekannt, aber weder ökonomisch noch kulturhistorisch lässt es sich vertreten, aus jedem alten Gebäude ein Museum zu machen. E. Honecker

  • Quote from "Brandmauer"

    Bei Rekonstruktionen in Deutschland würde es um die Wiedergewinnung deutscher kultureller Identität gehen. Diese ist für die kulturellen und intellektuellen Eliten nicht legitim.
    (...)
    Und letztendlich geht es denen darum, daß den Deutschen die Folgen des Zweiten Weltkrieges vor Augen bleiben sollen.


    Wenn dem so wäre, hätte die Unesco schon vorher dem Dresdner Elbtal den Titel entziehen müssen (bzw. gar nicht vergeben dürfen), weil ja die Frauenkirche, eine weit ins einst unescogeschützte Elbtal sichtbare "gestörte geschichtliche Kontinuität", rekonstruiert wurde.

  • Quote from "Däne"

    Die ganzen Rekos wären gar nicht nötig wenn die BDA-Mitglieder in der Lage wären, vernüftige regionalbezogene Bauten zu errichten. Solange die "Modernisten," Bauwerke wie die Erweiterung der TU Darmstadt oder das Stadtbibliothek in Nürnberg liefern wird der Wunsch nach Rekos bestehen. Und das ist auch gut so. Es bleibt spannend, ob die vielen Rekos irgendwann eine etwas ruhigere Haltung der BDA hervorbringt. Ich glaube auf jedem Fall, dass jede Reko weitere Rekos mit sich zieht (das Braunschweiger Schloss hat wohl zum reko-Beschluss in Hannover beigetragen?). Leider ist es immer noch einfacher Schlösser und Kirchen zu rekonstruieren als einfache Bürgerhäuser. Und gerade dort gibt es am meisten zu tun i D.


    Mit Deinem ersten Satz legst Du den Finger in eine offene Wunde, Däne. Sehr gut gesagt! :applaus: