Fachwerkbauten in Nürnberg

    This site uses cookies. By continuing to browse this site, you are agreeing to our Cookie Policy.

    • Die Beiträge Riegels zu den Fachwerkbauten rundum Am Ölberg zeigen im übrigen, wie groß die Kriegszerstörung auch in der westlichen Sebalder Altstadt leider war. Von den qualitätvollen Fachwerkbauten am oberen Ende der Burgstraße hat kein einziges überlebt, auch ist keines rekonstruiert worden. Ein großartiges Ensemble, das die Burg zur Stadt hin einrahmte, ist hier restlos verloren gegangen. Auch um die Zeile in der Schildgasse ist es sehr schade. Diese wäre theoretisch rekonstruierbar, da der Platz noch frei ist. Das würde mit einem rekonstruierten Toplerhaus diese Ecke der Stadt wieder sehenswert machen.
      VBI DOLOR IBI VIGILES
    • Die beiden Kopfbauten der "Mittelzeile" in der Schildgasse


      Die Schildgasse führt von der Burgstrasse her ostwärts zur Tetzelgasse / Paniersplatz. Die heutige Situation ist gegenüber der historischen ziemlich verunklärt:

      Gegen Westen, also zur Burgstrasse hin, verbreitert sie sich trichterförmig, ohne dass an der breitesten Stelle ein Blickpunkt, wie einem Kopfbau oder Brunnen, vorhanden wäre. Hier stand bis 1945 eine kurze Häuserreihe mitten in der Gasse, die dann aber nicht mehr wieder aufgebaut wurde. Diese Reihe reichte bis an die Flucht der Burgstrasse, und endete gegen Osten etwa kurz vor dem zweiten Baum.

      Das östliche Ende der Schildgasse läuft ziemlich diffus in die Tetzelgasse und den Paniersplatz aus. Bis 1945 lief die südliche Häuserzeile gleich weit wie die nördliche Zeile bis an den Paniersplatz, wo sie mit dem Grolandhaus endete. Zugunsten der massiv verbreiterten Teztelgasse und anders geführten Einmündung der Schildgasse wurde die südliche Zeile nur noch verkürzt wiedererrichtet. Die Fundamentmauern des Grolandhauses dürften heute noch ziemlich genau unter dem nördlichen Trottoir der Tetzelgasse auf der Höhe des zweitletzten Baumes vor dem Paniersplatz zu finden sein.




      a) Westlicher Kopfbau der "Schildgasse-Mittelzeile" an der Burgstrasse



      Blick von der Burg aus in Richtung Südosten; im Vordergrund "Am Ölberg", nach hinten hinab die "Burgstrasse"

      Das Fachwerkhaus im Hintergrund gehörte zur Zeile, die mitten in der westlichen Schildgasse stand, und letztere somit wie einen Reissverschluss teilte.
      (Zitat aus Beitrag 241 oben)



      Westlicher Kopfbau des Häuserblocks in der westlichen Schildgasse an der Burgstrasse
      (vergrösserter und entzerrter Ausschnitt aus der oben stehenden Fotografie)



      Wenn man sich das Haus im verputzten Zustand vorstellt, würde man denken, dass es sich um ein einheitliches Haus handelte. Die markante Teilung in der Mitte (Brandmauer oder Kamin?) und die unterschiedlichen Bodenniveaus und Verlaufsrichtung derer Balkenlagen deuten eher auf eine Zusammenfassung von zwei einst eigenständigen Bauten. Spätestens als die Fensteranordnung regularisiert wurde, dürfte diese Zusammenfassung erfolgt sein.

      Das Fachwerk um die Fenster herum war mit diesen zusammen entstanden, und zeigte Merkmale von konstruktivem Fachwerk (18./19. Jh.) wie geschosshohe Fensterpfosten, leere Fensterbrüstungen oder solche mit nur einer Brüstungsstrebe. Beim Giebeldreieck ist es schwer zu bestimmen, ob es sich auch um konstruktives Fachwerk handelte.

      Beim linken, nördlichen Hausteil zeigten die eng gelegten Balkenlagen das höhere Alter des Hauses mit ursprünglichem Sichtfachwerk an. Der gegenüber den Schwellen viel dickere Rähm (nur über dem 1. Obergeschoss) ist nur bei Sichtfachwerken bekannt; bei konstruktiven Fachwerken tendieren alle Balkenmasse zu einer einheitlichen Dicke. Nur das Brüstungsfachwerk im 1. Obergeschoss stand nicht im Einklang mit den beiden Fenstern, und setzte einen durchgehenden Brustriegel voraus. Die beiden Fussstreben waren relativ dünn, und demnach eher eingezapft als angeblattet.

      Die Seitenwand des 1. Obergeschosses war massiv gemauert. Dass das 2. Obergeschoss einst auskragte, ist unwahrscheinlich, denn dann hätte die Balkenlage quer verlaufen müssen. Hier weiter über die Baugeschichte zu spekulieren ist müssig, solange nur eine so unscharfe Aufnahme vorliegt (nachträgliche Aufstockung? nachträglicher Bau der massiven Seitenwand anstelle einer Fachwerkwand?).

      Beim rechten, südlichen Hausteil fielen die um 90 Grad gedrehten Balkenlagen auf. Das 1. Obergeschoss war zudem mit zwei kurzen Kopfstreben und evtl. auch zwei kurzen Fussstreben ausgesteift, und zeigte einen durchgehenden Sturzriegel. Dies sind Merkmale des 15. Jahrhunderts. Der Rest lässt keine weiteren Schlüsse zur Baugeschichte zu.




      b) Östlicher Kopfbau der "Schildgasse-Mittelzeile"


      Vergrösserung
      Schildgasse von Osten nach Westen (falsche Angabe im Bild!) ca. 1930/40
      Links im Hintergrund der östliche Kopfbau mit freigelegtem Fachwerk

      (Quelle: bildindex der Kunst und Architektur)



      Der Kopfbau der einst mitten in der Schildgasse stehenden Häuserreihe besass zwei fast identische Fachwerkobergeschosse. Die Lage der Bundpfosten ist unklar; einerseits gibt es einen in Fassadenmitte mit Kurzstrebe, und andererseits einen rechts neben dem Fenster mit einem K-Strebenpaar. Die rechten Eckpfosten zeigen nur am 1. Obergeschoss eine lange Fussstrebe.

      Eine "Zick-zack-Linie" gibt es hier nicht; doch weitere Nachforschungen über allfällige Veränderungen sind nur aufgrund des unscharfen Bildausschnitts unmöglich. Vielmehr interessiert hier wiederum der Fenstererker, unter welchem die Kurzstreben sitzen. Im Gegensatz zum Haus am Schulgässchen sind die Fenstererker hier mit Sicherheit keine historistische Zutat, wenn man ein Bild mit dem noch verputzten Fachwerk beizieht.
      (Zitat aus Beitrag 203, dort auch erläuterndes Bild zu einer "Zick-zack-Linie")



      Östlicher Kopfbau des Häuserblocks in der westlichen Schildgasse; Ausschnitt aus dem Bild oben
      Quelle: bildindex der Kunst und Architektur



      Die Anordnung der Streben an beiden Obergeschossen erinnert an das 3. Obergeschoss von Am Ölberg 3. Dort war der Zick-zack-Verlauf der Strebenrichtungen auch unterbrochen, allerdings wahrscheinlich verursacht durch ein Kamin an der Aussenwand.

      3. Obergeschoss:
      Hinter dem Regenabflussrohr in der Mitte der Nordfassade ist eine K-Verstrebung auszumachen. Generell die dünneren Balken dieses Geschosses und die Auskragung gegen das westwärts anschliessende Nachbarhaus Am Ölberg 5 lassen dieses Geschoss als eine nachträgliche Aufstockung erscheinen. Fenstererker mit eingezapften Fussstreben darunter sind im Zusammenhang mit K-Streben für das 16./17. Jahrhundert möglich. Die Zick-zack-Linie in der Strebenabfolge ist hier mit der K-Strebe oder der Fussstrebe rechts davon gestört. Möglicherweise wurde bei dieser Aufstockung auch das Kamin hier angelegt, das sich unmittelbar an die Fassade anschmiegte, und diese von innen verdeckte. Aus Symmetriegründen von der Innenansicht her wurde wohl die Fussstrebe rechts des Kamins zusätzlich angeordnet. Jedenfalls ist dies ein Anzeichen auf den beginnenden Verfall des Fachwerkbildes, wie es schon bei einem Haus an der Schildgasse beobachtet werden konnte.
      (Auszug aus dem Beitrag 244 zum Haus Am Ölberg 3)

      Beim Kopfbau in der Schildgasse aber ist nicht einmal mehr klar, ob die Felder mit den K-Strebenpaaren zum linken oder rechten Raum gehörten. Da das Haus möglicherweise einen trapezoiden Grundriss besass, wäre es denkbar, dass der rechte Raum an der Giebelwand nur so schmal in Erscheinung trat, und sich gegen hinten verbreiterte.

      Im Giebeldreieck sind das Andreaskreuz aus geraden Balken, das rundbogige Fenster (ursprünglich Aufzugsöffnung?) und die Giebelnase erwähnenswert. Diese Details sollten bei weiteren Bauten beobachtet werden, ob sie vor allem bei Fachwerkbauten mit K-Streben vorkommen. Beim Grolandhaus beispielsweise waren beim K-verstrebten Giebeldreieck ebenfalls ein rundbogiges Fenster und eine Giebelnase vorhanden.


      Bei beiden Kopfbauten gilt, definitive Rückschlüsse durch baugeschichtliche Forschung nur anhand schärferer Aufnahmen zu tätigen. Auf ein Fazit verzichte ich daher noch.

      The post was edited 1 time, last by Riegel ().

    • Schildgasse ca. 27


      Vergrösserung
      Schildgasse von Osten nach Westen (falsche Angabe im Bild!) ca. 1930/40; in der Bildmitte Schildgasse ca. 27
      (Quelle: bildindex der Kunst und Architektur)




      Entzerrter Ausschnitt aus dem Bild oben


      Das 2. und 3. Obergeschoss waren identisch; fassadenbreite Fenstererker, allseits verstrebte Eck- und Bundpfosten, sowie einige Brüstungspföstchen. Auf dem vergrösserten Bildausschnitt sind evtl. sogar aufgesetzte Pilaster zu erkennen wie bei Albrecht-Dürer-Str. 24!

      Wen man das ganze Bild [...] betrachtet, erkennt man auf der Haustrennwand eine fast geschosshohe Strebe, welche in dieser Form kaum eine Blattverbindung, sondern eher eine Zapfenverbindung besessen haben dürfte. Die Grösse der Strebe entspricht einer Fussstrebe bei einem K-Strebenpaar. Somit denke ich, dass auch die Fussstreben der Vorderfassade eingezapft gewesen waren. Dies könnte eine schärfere Aufnahme nachweisen.
      (Zitat aus Beitrag 207)


      Zu diesem nicht mehr existierenden Haus kann ich nichts Neues schreiben, hingegen lohnt sich eine bildliche Gegenüberstellung mit Albrecht-Dürer-Str. 24 von 1570. Auf einer älteren Aufnahme aus dem Marburger Bildindex sind die Pilaster besser zu erkennen, weshalb ich diese Aufnahme für die Gegenüberstellung heranziehe. Solches Fachwerk mit eingezapften Fussstreben an jedem Eck- und Bundpfosten sowie spärlichen Brüstungspföstchen entstand zur gleichen Zeit wie Fachwerk mit K-Streben, wie weiter aus Beitrag 207 hervorgeht, und in Beitrag 209 im Abschnitt "4. Bauten nur mit kurzen Fussstreben und mit Fenstererker" erläutert wird.


      . .
      Links: leicht entzerrter Ausschnitt aus bildindex.de/bilder/mi12955a05a.jpg; rechts: Albrecht-Dürer-Str. 24, erbaut 1570

      The post was edited 1 time, last by Riegel ().

    • Am Ölberg 1 (2. Teil)


      Link zum 1. Teil: Fachwerkbauten in Nürnberg

      Von Ölberg 1 standen mir nur Aufnahmen der Giebelfassade zur Verfügung (sicher wird es auch Aufnahmen der Trauffassaden und evtl. Grundrisse geben), aber für einen Rekonstruktionsversuch sind noch mehr Kenntnisse über das Haus erforderlich.

      Im Beitrag 241 oben stellte ich drei Fotos vor, welche die Häuserzeile Am Ölberg von Norden zeigen. Auf zwei von ihnen ist das freigelegte Fachwerk der nördlichen Trauffassade von Am Ölberg 1, und in seinen Umrissen klar erkennbar, nicht aber in den Details der Verbindungen. Das Fachwerk wurde gemäss diverser Fotos sicher nach jenem der Giebelseite freigelegt, wahrscheinlich erst Ende der Dreissigerjahre.



      Blick von der Burg aus in Richtung Südosten; im Vordergrund "Am Ölberg", nach hinten hinab
      die "Burgstrasse"; rechts die Nordseiten von Am Ölberg 1 und 3



      Weiter findet sich im Marburger Bildindex eine Flugaufnahme der Burg von Osten (ca. 1942/44), auf der unten links wiederum Am Ölberg 1 festgehalten ist, diesmal mit dem freigelegten Fachwerk der südlichen Traufseite und der Giebelwand:



      Flugaufnahme der Burg von Osten ca. 1942/44; Vergrösserung (Quelle: bildindex der Kunst und Architektur)



      Ausschnitt aus dem Bild oben mit der Häusergruppe Am Ölberg 1-11 zum
      Zeitpunkt, als die Nr. 7 bereits einen ersten Bombentreffer erlitten hatte

      (Quelle: bildindex der Kunst und Architektur)





      Im Folgenden interessieren mich vier Aspekte, die ich anhand der Aufnahmen aller drei Fassaden genauer betrachten möchte:
      - a) die Verteilung der Bänder
      - b) der Dachstuhl
      - c) die Bundebenen
      - d) die Ausbildung der Fensterstürze
      Auf eine detaillierte Beschreibung der beiden Traufseiten wie bei der Giebelwand (im 1. Teil) verzichte ich, da diese nichts wesentlich Neues mehr hergeben.



      links: Südfassade, entzerrter Ausschnitt aus der Flugaufnahme oben; Mitte: Ostfassade, entzerrter Ansichtskartenausschnitt aus dem
      1. Beitrag zu Am Ölberg 1; rechts: Nordfassade, entzerrter Ausschnitt aus der ersten Fotografie dieses Beitrags
      (Vergrösserung)





      a) Die Verteilung der Bänder:

      Im 1. Teil zur Giebelwand wurde Folgendes festgestellt:
      - kurze, breite Fuss- und Kopfbänder am 1. Obergeschoss, demnach Stube und Nebenstube mit Bohlenausfachungen hinter der östlichen Giebelfassade
      - lange Fuss- und kurze Kopfbänder am 2. Obergeschoss, doppelte Fussbänder an den Eckpfosten



      Durchzeichnung der Rahmen und Verstrebungen, vermutete Bohlenausfachungen, angenommener Dachstuhl (Vergrösserung)


      Während an beiden Traufseiten die Bänderanordnung am 2. Obergeschoss analog der Giebelwand wiederholt wird, ist sie am 1. Obergeschoss unklar. Bei der Giebelfassade ist aufgefallen, dass im 1. Obergeschoss die linken beiden Wandfelder schmaler sind als das rechte, und daher postulierte ich hinter den schmaleren beiden Feldern die Stube (Südosten) und hinter dem breiteren Feld eine Nebenstube (Nordosten). Breite Fuss- und Kopfbänder und dünne Brüstungspföstchen sind die Merkmale von Bohlenausfachungen anstatt Lehm- oder Mauerwerkausfachungen.

      Für die Tiefe der Stube würde man zwei Wandfelder an der Südfassade annehmen, doch sitzen hier lange Fussbänder, teilweise in Verdoppelung, anstatt zu erwartender kurzer, breiter Bänder, und demnach ebenfalls Bohlen. Lange Fussbänder "vertragen" sich aber wegen dem dickeren Balkenquerschnitt nicht mit Bohlenausfachungen. Aus diesem Grund sind in der Durchzeichnung nur beim rechten Wandfeld Bohlen eingezeichnet. Vielleicht helfen schärfere Aufnahmen und andere Vergleichsbauten diese Frage einmal zu klären. Für die Tiefe der Stube mit zwei Wandfeldern statt nur mit einem spricht auch die Lage des mächtigen Kamins (mit drei Zügen?), das unmittelbar links vom mittleren Bundständer stand (s. Abb. im nächsten Beitrag).

      Sonst ist es denkbar, dass am 1. Obergeschoss an allen Bundpfosten doppelte Fussbänder angeschlagen sind, und nicht wie am 2. Obergeschoss nur an den Eckpfosten.

      An der nördlichen Traufseite erkennt man im 1. Obergeschoss am ersten Wandfeld von links wiederum breite Kopfbänder, was mit einer postulierten Nebenstube übereinstimmen würde. Am zweiten Wandfeld ist je ein breites und normales Kopfband angeschlagen, was die Bestimmung der Ausfachungsart erschwert (die Fussbänder sind durch einen Baum verdeckt). Zudem stand davor ein Aussenkamin. Ein Rückschluss auf den Grundriss ist daher auch hier nicht möglich.

      Bei den rechten beiden Wandfeldern ist die Bänderanordnung ebenfalls konfus. Nebst den normalen Kopfbändern am mittleren Bund- und rechten Eckpfosten sind am Bundpfosten links der Türe zwei sehr kurze Kopfbänder angeschlagen, während am rechten Türpfosten an unlogischer Lage ein weiteres, breites Kopfband sitzt. Möglicherweise wollte man damit den Hauseingang betonen, vorausgesetzt, dass die Lage der Türe mit Oblicht original oder mindestens sehr alt ist.
    • b) Der Dachstuhl:

      Gemäss den Pfosten in der Giebelwand handelt es sich um einen zweifach oder dreifach stehenden Dachstuhl. Auf der Aussenaufnahme ist allerdings nicht ersichtlich, ob im Firststud unter der Kehlbalkenlage ein Unterzug eingezapft war, und ob zuoberst eine Firstpfette sass.
      (aus dem 1. Teil)



      links: Südfassade, entzerrter Ausschnitt aus der Flugaufnahme aus dem letzten Beitrag; Mitte: Ostfassade, entzerrter Ansichtskartenausschnitt aus dem 1. Beitrag zu Am Ölberg 1; rechts: Nordfassade, entzerrter Ausschnitt aus der ersten Fotografie des letzten Beitrags (Vergrösserung der Giebelwand)


      Beide seitlichen Stuhlpfosten tragen Mittelpfetten. Allfällige Schwellen der "Stuhlwände" sieht man auf der Aufnahme nicht; deren Köpfe könnten durch die Schwelle des Giebeldreiecks verdeckt sein, aber dann erwartete man mindestens einen durchgesteckten Zapfen in der Schwelle. Aber nicht mal ein solcher ist feststellbar. Ich vermute, dass Schwellen unter den "Stuhlwänden" in Nürnberg eher selten vorkommen (s. hierzu auch Beitrag 175 über den Vergleich der Dachstühle von Bergstr. 10 und Weissgerbergasse 10).

      Schwellen hätten generell den Vorteil, dass in Längsrichtung zur besseren Stabilisierung des Dachstuhls auch Fuss- oder sogar auch Steigbänder eingebaut werden könnten. Ohne Schwellen sind aber nur Kopfbänder möglich, so wie in der Durchzeichnung eingezeichnet. Schwellen würden dafür die Dachraumnutzung als "Stolperschwellen" beinträchtigen, da sie ja über der Balkenlage liegen würden.

      Markant ist vor allem der durch alle drei Dachgeschosse verlaufende Firststud. In ihm könnten Unterzüge eingezapft gewesen sein, die beide Kehlbalkenlagen zusätzlich unterstützt hätten, aber auch bei dieser Annahme müssten im Firststud mindestens die durchgesteckten Zapfen solcher Unterzüge sichtbar sein. Eine Firstpfette ist wegen Schattenwurfs auf der Foto nicht erkennbar, und bei Sparrendächern auch nicht anzunehmen.

      Unterzüge und eine Firstpfette würden zusammen eine "Firstwand" bilden, in die zusätzliche Glieder zur Längsaussteifung eingebaut werden könnten. Beim Dachstuhl von Am Ölberg 1 sind aber nur in den beiden Mittelpfetten längsaussteifende Kopfbänder möglich, was ungenügend scheint. Anders als gezeichnet könnten (oder müssten?) längere Kopfbänder oder gar doppelte Kopfbänder vorhanden gewesen sein.



      Durchzeichnung der Rahmen und Verstrebungen, vermutete Bohlenausfachungen, angenommener Dachstuhl (Vergrösserung)



      Zur Sparreneinteilung:

      . .
      links: mutmassliche Sparreneinteilung auf der nördlichen Dachfläche (Grundlage: 2. Bild aus Beitrag 241); rechts: mutmassliche
      Sparreneinteilung auf der südlichen Dachfläche
      (Grundlage: Flugbildausschnitt aus dem letzten Beitrag)


      Die Einteilung der Sparren erfolgte zuerst auf der Nordseite gefühlsmassig aufgrund des gewohnten Sparrenabstandes, und eine Übereinstimmung mit den Dachgauben ergab eine Einteilung in 9 Sparrenfelder. Auffallend sind die Lagen des sechsten und achten Sparrens von links exakt über den Bundpfosten. Das Resultat wurde dann auf der Südseite anhand des unscharfen Flugbildauschnitts nachgeprüft, und auch dort eine Übereinstimmung mit den Dachaufbauten und dem Kamin festgestellt. Ich gehe aber aus, dass die giebelförmigen Dacherker und insbesondere auch der Kamin nicht original waren. Der zweigeschossige (Aufzugs?)-Erker nahm etwa eineinhalb Sparrenfelder ein, und durfte wohl aus nachbarrechtlichen Gründen nicht auf die Haustrennwand abgestellt werden.

      The post was edited 1 time, last by Riegel ().

    • c) Die Bundebenen:

      Erklärungsversuch für den Begriff "Bundebene"

      Da Holzbalken früher von Hand durch Beilen oder Sägen angefertigt wurden, hatten sie jeweils unterschiedliche Dicken, und waren teilweise auch leicht konisch. Je nach konstruktiver Funktion wurden die Balkenstärken zusätzlich variiert. Um die Anfertigung einer Fachwerkwand zu erleichtern, wurden auf der einen Seite die Balken flächenbündig eingebaut, und auf der andern Seite variierend, so wie es sich eben ergab. Das heisst, dass so eine "schöne Seite" und eine "wüste Seite" entstanden (die letzten beiden Begriffe sind von mir).

      Auf der "schönen Seite" wurden die Balkenlängen, Zapfen, Einschnitte, Zapfenlöcher etc. eingezeichnet (die Zimmerleute, zumindest in der Schweiz, nennen das "aufreissen") und anschliessend bearbeitet. Insbesondere für die Anschlagung von angeblatteten Bändern war eine "schöne Seite" von Vorteil, wenn nicht sogar Voraussetzung. Diese Seite ist die Bundebene.

      Die Bundebene liegt immer an der Aussenseite eines Hauses, sodass eine flächenbündige Fassade entsteht. Auch für die Zwischenwände und "Stuhlwände" müssen Bundebenen bestimmt werden. Analog zu Forschungen zum Fachwerkbau in St. Gallen wird auch in Nürnberg die Bestimmung der Bundebenen im Grundriss vom Hauptraum, der Stube, ausgegangen sein, das heisst, dass die Bundebenen immer an die Aussenseiten der Stube zu liegen kamen. Paradoxerweise kamen so zur Stube hin lauter "wüste Seiten" zu liegen, dafür aber wurde das Bild nicht durch Fuss- und Kopfbänder beeinträchtigt, da diese an der Aussenseite der Bohlen lagen. Dies sei am Beispiel von Kugelgasse 5 (erbaut 1458) in St. Gallen erläutert:


      Kugelgasse 5 in St. Gallen, 2. Obergeschoss (Süden oben!); der Grundriss des 1. Obergeschosses ist analog

      Die Stube befindet sich rechts oben (im 1. Obergeschoss!). Ihre Eckpfosten, die durch zwei Geschosse hindurch laufen, haben einen Querschnitt von bis zu 30 cm, und die Wände ca. 15 cm. Deshalb stehen alle Pfosten stubenseitig vor, ebenso die beiden seitlichen Deckenbalken (gestrichelt) mit einem Querschnitt von 20 bis 25 cm. Rechts unten liegt die Nebenstube mit drei "wüsten Seiten" und einer "schönen Seite" gegen die Hauptstube. Rückseitig (links) befinden sich wiederum zwei Räume, die wie die beiden Stuben ein eigenes "Gehäuse" bilden. Die Bestimmung der Bundebenen erfolgt wiederum von dem in der Axe der Stube liegenden grösseren Raum aus.

      Die Bundebenen befinden sich demnach
      - an allen vier Aussenseiten des Hauses
      - links ausserhalb der Stube und Nebenstube zum Mittelraum hin
      - rechts ausserhalb der beiden rückwärtigen Räume zum Mittelraum hin
      - unterhalb der beiden (im Grundrissplan horizontal liegenden) Querwände.
      (in diesem Beitrag und vier Beiträge später wird die Kugelgasse 5 in St. Gallen weiter beschrieben).



      Am Ölberg 1; von links nach rechts: Südfassade, Ostfassade, Nordfassade; Eintragung der Bundebenen (rot) und der Geschossböden (blau)

      Bei Am Ölberg 1 können anhand der Fotografien die Bundebenen ebenfalls ermittelt werden. Bei der Giebelwand (Photo) fluchten jeweils die rechten Kanten des mittleren Bundpfostens des 2. Obergeschosses und des Firststuds. Bei den linken Kanten ist dies nicht der Fall. Demnach kann für das 2. Obergeschoss und die Dachgeschosse eine Mittellängswand angenommen werden, deren Bundebene nordseitig liegt. Dies stimmt auch mit der asymmetrischen Lage des Unterzuges über dem Bundpfosten überein.

      Die Eruierung der Bundebene zwischen der Stube und Nebenstube im 1. Obergeschoss ist an der Fassade nicht abzulesen. Idealerweise sollten auch die Deckenbalken in diesen Bundebenen liegen, doch in Nürnberg ist mir aufgefallen, dass dies meistens nicht der Fall ist. Ich registriere dies vorerst mal als eine Nürnberger Eigenheit. Zwischen der Stube und Nebenstube nehme ich die Bundebene rechts an, auch wenn kein Deckenbalken mit ihr fluchtet.

      Eine Bundebene muss also nicht unbedingt durch alle Geschosse hindurch gehen, da jedes Geschoss unabhängig von den andern in sich gezimmert ist. Wenn jedoch Wände übereinander liegen, ist es von Vorteil, dass die Bundebenen jeweils auf der gleichen Seite angenommen werden.

      An der nördlichen Traufseite könnten an allen Bundpfosten Bundebenen liegen, doch von einem vernünftigen Raummass her darf jeweils an den mittleren Bundpfosten eine Zwischenwand angenommen werden. Tatsächlich liegen die rechten Kanten der beiden Bundpfosten exakt übereinander, und die linken nicht. Dies würde übereinstimmen, dass folglich die Bundebene ausserhalb der links vom Bundpfosten befindlichen Nebenstube liegt.
      >> Dies ist allerdings noch kein Beweis, dass sich tatsächlich hier eine Zwischenwand befand; lediglich die Indizien sprechen dafür!

      Für eine ideale Lastabtragung des Dachstuhls wird ein Dachbinder (eine parallel zu den Giebelwänden stehende, tragende Dachstuhlebene) am besten über der Zwischenwand des 2. Obergeschosses platziert. Tatsächlich lag über dem mittleren Bundpfosten das 6. Sparrenpaar (siehe vorangehenden Beitrag), und kein Sparrenfeld, sodass also die Annahme möglich scheint. Für die Herstellung von Dachbindern sind ebenfalls Bundebenen erforderlich, und diese werden möglichst auf der gleichen Seite wie jene der darunter liegenden Zwischenwände angeordnet.

      Gleich verhält es sich auch mit den "Stuhlwänden" (oder "Mittelpfettenwänden"); die Bundebenen liegen auch hier ausserhalb des "Gehäuses", das durch die Giebelwände, Stuhlpfosten und Mittelpfetten gebildet wird.

      Die Böden (Balkenlagen) werden nicht in Bundebenen definiert, obwohl auch dort solche für den Abbund angenommen werden müssen. Von Hand gefertigte Deckenbalken sind jeweils nie genau gleich hoch, aber für die Aufnagelung der Dielen müssen deren oberen Flächen logischerweise auf gleicher Höhe liegen. Die unterschiedlichen Balkenhöhen werden innerhalb der Verkämmung ausgeglichen, mittels derer sie auf den Rähmen der unteren Wände aufliegen.

      Für die Rekonstruktion der ursprünglichen Masse eines historischen Hauses wird immer von der Oberkante der Balkenlage zur nächst höheren gemessen, und die Grundrissmasse von Bundebene zu Bundebene. Der Nachweis, dass die Grundriss- und Höhenmasse in Schuhlängen und Teilen davon aufgehen, gelingt sehr oft, wenn man das exakte Schuhmass des jeweiligen Ortes kennt. Mit den mir zur Verfügung stehenden dürftigen Unterlagen von Am Ölberg 1 geht diese Massrekonstruktion natürlich nicht, aber mit Hilfe des Stadtvermessungsplanes vor 1945 und allfällig noch vorhandener Pläne des Hauses würde vielleicht Erfolg beschieden. Nach der Entzerrung der Fotos fällt aber auf, dass die drei Dachgeschosse exakt gleich hoch waren, gemessen von

      Oberkant Balkenlage 2. OG > Oberkant 1. Kehlbalkenlage > Oberkant 2. Kehlbalkenlage > First (blaues Mass "b").

      Für die beiden Vollgeschosse gelang dieser Massvergleich nicht exakt, doch dürfte die Massdifferenz im Bereich von weniger als 5 cm liegen (blaues Mass "a"). Dies dürfte mit der Entzerrung der nur sehr kleinen Photoausschnitte zusammenhängen.


      (Bemerkung: der Beitrag zu den Bundebenen ist jetzt ausserordentlich lang geworden, und ursprünglich hatte ich nur vor, einen kurzen Erläuterungstext zur Abbildung mit den Bundebenen zu schreiben. Das Thema "Bundebene" ist aber von sehr grosser Bedeutung für die Herstellung, Erforschung und Rekonstruktion von Fachwerkbauten, weshalb ich es als nötig erachtet habe, diesen komplexen und mit viel Fachbegriffen befrachteten Beitrag zu schreiben. Es ist mir aber klar, dass der Beitrag deshalb für einen Laien schwer verständlich ist, und viel mehr erläuternde Abbildungen nötig wären.)

      The post was edited 5 times, last by Riegel ().

    • Die Bundebenen in den Grundrissen:


      1. Obergeschoss:

      . .
      (Norden oben)

      Die ostwärts gerichtete Grundrisshälfte dürfte von einer Stube und Nebenstube mit eng gelegten Balkendecken eingenommen worden sein. Ihre Bohlenwände sind schwarz dargestellt, und die hypothetische Möglichkeit von Fenstererkern mit einer Linie ausserhalb der Fassadenfluchten. Allerdings ist unklar, wo überall Bohlenwände bestanden; normalerweise waren jeweils alle vier Wände der Stuben mit Bohlen ausgewandet, was aber speziell bei Am Ölberg 1 fraglich ist:
      Für die Tiefe der Stube würde man zwei Wandfelder an der Südfassade annehmen, doch sitzen hier lange Fussbänder, teilweise in Verdoppelung, anstatt zu erwartender kurzer, breiter Bänder, und demnach ebenfalls Bohlen. Lange Fussbänder "vertragen" sich aber wegen dem dickeren Balkenquerschnitt nicht mit Bohlenausfachungen. Aus diesem Grund sind in der Durchzeichnung nur beim rechten Wandfeld Bohlen eingezeichnet.
      (aus Beitrag 251)

      Wie die westliche Grundrisshälfte unterteilt war, geht aus den Fassaden nicht hervor. Hier befanden sich der Hauseingang, und wohl auch die Treppen und Küche. Weiter gehe ich hier von einem normalen Sprungmass der Balkendecken aus, d.h. jeder zweite Deckenbalken der Stuben lief durch das ganze Haus hindurch. Theoretisch kommen drei Positionen für eine Raumunterteilung in Betracht:
      - in der Verlängerung der Stubentrennwand, was statisch am besten wäre (Pos. 1)
      - in der Gebäudemitte (Pos. 2)
      - in der Ebene des Bundständers der Stube (Pos.3, am wenigsten wahrscheinlich, weil hier wahrscheinlich gar kein Deckenbalken lag)

      Gegen das Nachbarhaus Am Ölberg 3 (links) bestand offenbar eine Brandmauer. Fachwerkbauten brauchen aus Stabilitätsgründen aber in jedem Fall vier "eigene" Wände, auch wenn eine massive Brandmauer vorhanden ist. Dann ist die davor gestellte Fachwerkwand nicht ausgefacht, und nur mit den notwendigsten Balken (Schwellen, Pfosten, Rähm, evtl. Strebeglieder) gebildet, wie bei einer Stuhlwand in einem Dachgeschoss.

      Im rechten Grundriss sind nun die Bundebenen rot eingezeichnet, und zwar an allen vier Aussenseiten der Fassaden (also auch an der nicht vollständig ausgebildeten "Westwand" gegen die Brandmauer), sowie an den von der Stube abgewandten Seiten der beiden Binnenwände (für die Längswand wurde "Pos. 1" angenommen).



      2. Obergeschoss:



      Im 2. Obergeschoss gibt es nur eine Verschiebung der Längswand in die Gebäudemitte. Hier gab es ja keine Hauptstube mehr, von der aus die Lagen der Bundebenen bestimmt worden wären. In Analogie zum 1. Obergeschoss wurden normalerweise von derselben Gebäudeecke aus die Lagen der Bundebenen bestimmt. Dass die Lage der Bundebene auf der nördlichen Seite der Längswand bestand, konnte auch an der Beschreibung der Giebelfassade im letzten Beitrag schon angenommen werden.



      Dachgeschoss:



      Im Dachgeschoss bestanden ausser der Giebelwand keine eigentlichen Wände mehr. Vielmehr muss man sich diese bis auf die allernotwendigsten Balken reduziert vorstellen, wie Schwellen (teilweise), Pfosten, Mittelpfetten (als Rähme), Kehlbalken (als Rähme) sowie aussteifende Bänder. Freilich können diese "Wände" dennoch mit sekundärem Fachwerk oder mit Bretterwänden verschlossen worden sein, sodass auch im Dachraum abgeschlossene Räume entstanden. Da an der Giebelfassade über alle drei Dachgeschosse ein Firststud verlief, wäre dahinter eine "Firstwand" vorstellbar, aber aufgrund der nicht nachgewiesenen Schwelle, Kehlbalkenunterzug und Firstpfette unwahrscheinlich. Vielmehr sehe ich im Vorhandensein eines Firststuds ein Überbleibsel einer älteren Bauweise vor dem 15. Jahrhundert.
    • Einer der neusten Zugänge in meine Ansichtssammlung zeigt eine Luftaufnahme der Burg von Südosten. Links davor ist wiederum die Häusergruppe Am Ölberg erkennbar, und das alles in schärferer Auflösung als die in Beitrag 251 verwendete Luftaufnahme aus dem Marburger Bildindex:


      Die Burg von Südosten; Ansichtskarte vor 1944; Verlag Ludwig Riffelbacher, Fürth


      Der stark vergrösserte und entzerrte Bildausschnitt zeigt das Fachwerk der Südfassade ein bisschen besser:


      Grundlage: Ausschnitt aus der Ansichtskarte oben


      Die bisher verwendete Ansicht:




      Die beiden einzigen Präzisierungen entfallen auf das rechte Wandfeld des 1. Obergeschosses: rechts oben fehlt der Kopfbug, und links unten ist nicht nur ein langes Fussband, sondern auch ein kleines Fussband (in den Ansichten der letzten Beiträge ist dies nun korrigiert, sodass kein Vergleich mehr möglich ist). Mit diesen doppelten Fussbändern kann ich mir hier Bohlenausfachungen nur schwer vorstellen, und trotzdem gehörten solche hierher. Könnte es sein, dass man hier auf Bohlen verzichtete, weil es eine Südwand war? Die Frage bleibt offen...

      The post was edited 1 time, last by Riegel ().

    • d) Die Konstruktion der Fensterstürze:

      Im 1. Beitrag zu Am Ölberg 1 versuchte ich eine Rekonstruktionszeichnung der Ostfassade anzufertigen, ohne aber sichere Befunde zur Ausbildung der Fensterformate zu kennen:


      Mutmassliches ursprüngliches Aussehen

      [...]
      Im 2. Obergeschoss war insbesondere die Höhenlage der Sturzriegel unbekannt. [...] Grundsätzlich ist es auch möglich, dass die Sturzriegel nicht von Pfosten zu Pfosten liefen, sondern zwischen zwei bis an den Rähm reichenden Fensterpföstchen lagen [Anm.: so wie bei den Einzelfenstern im Giebeldreieck].
      (aus Beitrag 123)

      Die von Pfosten zu Pfosten durchlaufenden Brust- und Sturzriegel sind die klassische Form der Fensterausbildung beim alemannischen Fachwerkbau bis ins 16. Jahrhundert. Bei Am Ölberg 1 finden sich in den Ansichten keine Hinweise, wie die ursprünglichen Stürze tatsächlich ausgebildet waren. Da es sich bei Am Ölberg 1 um einen ersten weitgehenden Rekonstruktionsversuch innerhalb dieses Stranges handelte, nahm ich so die klassische Form an.

      Nun bin ich aber bei andern Bauten in Nürnberg sehr oft auf eine ursprüngliche Fensterkonstruktion mit zwischen die Fensterpfosten eingespannte Sturzriegel gestossen. Ein eigenes Kapitel zur "Fenstersturzfrage" würde den Rahmen innerhalb von Am Ölberg 1 sprengen, sollte aber bald einmal angegangen werden. Somit werden jetzt nur einige bisher behandelte Gebäude bezüglich der "Fensterfrage" nochmals betrachtet und hinterfragt.

      Weiter muss unterschieden werden in "Hauptstubenfenster", die oft als Fenstererker hervorgehoben, und zwei- bis dreigliedrig sind. Hier bildet ein durchgehender Sturzbalken die Regel, da die Fenster meisten nahe bis an die tragenden Pfosten reichen. Die restlichen Fenster sind zumeist Einzelfenster, und diesen gilt das Interesse hier.

      Bei niedrigen bis normalen Geschosshöhen bildet der Rähm zugleich auch die Fensterstürze, und bei normalen bis hohen Geschosshöhen sowie bei Fenstern im Estrichbereich werden separate Sturzbalken eingebaut. Bei weiteren Forschungen ist aber aufgefallen, dass die ältesten Fenster bei mit Fuss- und Kopfbändern versteiften Fachwerken mehrheitlich einen Sturzriegel zwischen den Fensterpfosten aufweisen, und nicht wie in der Rekonstruktion der Ostfassade gezeichnet von Pfosten bis Pfosten durchlaufende Sturzriegel! Bei jüngeren Bauten mit X- und K-Verstrebung treten jedoch mehrheitlich durchgehende Sturzriegel auf. Von der Fachwerkentwicklung her würde man es genau umgekehrt erwarten. Dazu einige Beispiele in chronologischer Reihenfolge:



      Bergstr. 10 (1407)



      Die Fensteranordnung ist im 19. Jahrhundert vollständig verändert worden. Im 1. und 2. Obergeschoss der Seitenfassade um am 2. Obergeschoss der Giebelfassade sind Spuren von einst durchgehenden Sturzriegeln vorhanden. Die zwischen die Fensterpfosten eingelassenen Sturzriegel betreffen Fensteröffnungen des 19. Jahrhunderts. (> Beitrag)



      Albrecht-Dürer-Str. 39 "Albrecht-Dürer-Haus" (1418/19)



      Freilich sind auch am Albrecht-Dürer-Haus Fensteröffnungen verändert worden, doch bei allen sind separate Sturzriegel vorhanden, und keine Reste einstiger durchgehender Sturzriegel erkennbar. Dies legt den Schluss nahe, dass schon die ursprünglichen Fenster mit einem separaten Sturzriegel abschlossen.



      Albrecht-Dürer-Str. 6 (1437)



      Am 1. Obergeschoss existieren immer noch die ursprünglichen Sturzriegel der Hauptstubenfenster. Die Fenster des 2. Obergeschosses zeigen ein Format des 19. Jahrhunderts. Die Fenster des 3. Obergeschosses dürften sehr alt, aber in der Breite zugunsten regulärer Fensterachsen verschoben worden sein. Wie beim Albrecht-Dürer-Haus finden sich keine Anzeichen von einst durchgehenden Sturzriegeln, ebensowenig beim Fenster des Dachgeschosses und an der Trauffassade. (> Beitrag)



      Weinstadel (1446-48)



      Auch wenn beim Weinstadel die meisten Fenster nicht mehr ursprünglich sind, gleicht der Befund denjenigen an Albrecht-Dürer-Str. 6 und 39. Jedenfalls befinden sich nirgends Reste von einst durchgehenden Sturzriegeln, auch an beiden Traufseiten nicht.



      Untere Krämersgasse 18 (2. OG ca. 1450, 3. OG 1477)



      Das 2. Obergeschoss ist relativ niedrig, sodass keine speziellen Fensterstürze erforderlich waren. Beim aufgestockten 3. Obergeschoss sind kleine Einzelfenster mit separaten Fensterstürzen vorhanden, die noch aus der Bauzeit stammen könnten. (> Beitrag)



      Prechtelsgasse 10 (15. Jh.)

      . .

      Die zeichnerische Rekonstruktion des zerstörten Hauses mit durchgehenden Sturzriegeln erfolgte ohne Befunde, und dürfte im Vergleich zu den vorangehenden Beispielen eher falsch sein! (> Beitrag)



      Unschlittplatz 8 (1. H. 15. Jh.)



      Die Fensterformate sind bei der Fachwerkfreilegung in den 1970er Jahren wahrscheinlich verändert worden. Dieser Massnahme entstammen die rekonstruierten, durchgehenden Sturzriegel am 1. Obergeschoss. Für die Baugeschichtsforschung darf dieses Gebäude daher nicht herangezogen werden; es sei denn, dass eine baugeschichtliche Untersuchung samt Dokumentation vorgenommen worden war. (> Beitrag)



      Ludwigstr. 74 (2. H. 15. Jh.)



      Das Beispiel ist eine Fotomontage mit dem rekonstruierten, mutmasslich ursprünglichen Zustand. Den Befund durchgehender Sturzriegel zeigt einzig ein kleines erhaltenes Stück rechts oben zwischen Kopfband und Eckpfosten. (> Beitrag 1. Teil)], 2. Teil

      Weitere Beispiele von Bauten mit X-Verstrebung und hohen Geschossen sind noch unerforscht oder unerkannt.



      Dötschmannsplatz 13 (16. Jh.)



      Bei Bauten mit K-Verstrebung ging man offenbar wieder zur altertümlicheren Fenstersturzlösung mit durchlaufenden Sturzbalken über, nur dass sie nicht mehr zwischen die Pfosten, sondern zwischen die Kopfstreben eingezapft wurden. Bei Dötschmannsplatz 13 war dies am 3. Obergeschoss und 1. Dachgeschoss gut sichtbar, wenn auch mit kleinen Änderungen. (> Beitrag)



      Fazit zu den Beispielen:
      Erstaunlicherweise zeigen gerade die ältesten Bauten aus dem 15. Jahrhundert mehrheitlich zwischen die Fensterpfosten eingespannte Sturzriegel, und die jüngeren Bauten aus dem 16. (und evtl. 17.) Jahrhundert durchgehende Fensterstürze. Entwicklungssgeschichtlich würde man es gerade umgekehrt erwarten, aber die geringe Anzahl der Beispiele lässt noch keinen definitiven Schluss zu, wie sich die Konstruktion der Fensteröffnungen in Nürnberg entwickelte.



      Fazit zum Rekonstruktionsversuch der Ostfassade:
      Die Fenster im 2. Obergeschoss dürften anders ausgesehen haben als im Rekonstruktionsversuch. Gemäss vielen Beispielen von Fachwerkbauten derselben Epoche und mit angeblatteten Bändern waren offenbar keine durchgehenden Sturzriegel vorhanden, sondern zwischen die Fensterpfosten eingespannte Sturzriegel.


      Damit möchte ich die Betrachtungen zu Am Ölberg 1 vorläufig abschliessen.

      The post was edited 1 time, last by Riegel ().

    • Fachwerkbauten mit Rutenflechtwerkausfachungen


      Bei einigen Fachwerkbauten, insbesondere bei solchen auf Ruinenaufnahmen, sind mir Gefachsfüllungen aus Rutenflechtwerk aufgefallen. Ihnen ist gemeinsam, dass sie grosse Gefache aufweisen, oft mit keinerlei Unterteilung der Fensterbrüstungen zwischen zwei tragenden Pfosten.



      Neutormauer 42, westliches Nachbarhaus des Albrecht-Dürer-Hauses, während des Abbruchs (1951?)
      Abbildung aus "Das Bürgerhaus in Nürnberg", T. 6b



      Freilich ist die Grösse der Gefache kein Kriterium für die Ausfachungsart, beispielsweise mit Natur- oder Backsteinen, oder mit lehmverstrichenem Rutenflechtwerk. Im fränkischen Fachwerkbau hat sich die Ausfachung mit Flechtwerk sehr lange gehalten, auch bei Fachwerkbauten mit kleinen Gefachen. Wie lange sich in Nürnberg die Tradition mit Flechtwerkfüllungen halten konnte, weiss ich nicht.

      Einen Nachteil hat die Ausfachung mit Flechtwerk: sie ist statisch nicht belastbar.

      Gefachsfüllungen sollten auch keine statische Funktion übernehmen, dafür ist ja das Holzskelett da. Trotzdem können Füllungen mit der Zeit unweigerlich statisch belastet werden, wenn
      - einzelne Holzbalken abgefault sind
      - das Wandgefüge durch Tür- oder Fensterausbrüche geschädigt wird
      - einzelne Wände durch Aufstockungen zusätzlich belastet werden.

      Zudem gibt es bei der alemannischen Fachwerkbauweise einen Schwachpunkt, der ebenfalls Auswirkungen auf die Füllungen haben kann: die Bauweise ist geprägt von weiten bis sehr weiten Pfostenabständen (ausser im Badisch/Württembergischen Gebiet), sodass sich lange Rähme durchbiegen können, was dann Auswirkungen auf die darunter liegenden Gefachsfüllungen nach sich zieht. Vor allem bei Bohlenstuben kann diese Durchbiegung beobachtet werden, wenn in den ersten Jahren die horizontal liegenden Bohlen durch Austrocknung schwinden, was bei einem Geschoss schnell 4 bis 6 cm ausmachen kann.

      Wohl aus diesem Schwachpunkt heraus wurde beim alemannischen Fachwerkbau der Rähm doppelt ausgebildet. In Nürnberg konnte ich dieses Merkmal allerdings noch nie sehen; dafür fallen oft die mächtigen Dimensionen der einzeln geführten Rähme auf, im Gegensatz zu den sehr schlanken Schwellen. Die doppelte Ausführung der Rähme hört meist im Verlauf des 15. Jahrhunderts auf. Was den Ausschlag dazu gegeben hat, müsste noch untersucht werden.



      "Zu den vier Winden", Webergasse 15, St. Gallen (CH)
      Das Haus dürfte im dritten Quartal des 15. Jahrhunderts als zweigeschossige Ständerkonstruktion über
      einem gemauerten Erdgeschoss entstanden sein. Im 16. Jahrhundert wurde es gegen Süden (rechts)
      verbreitert, und im 19. Jahrhundert aufgestockt und stark verändert.
      Der Durchhang des wohl von Anfang an nur einfachen Rähmes oberhalb des Erkers ist unverkennbar.



      In St. Gallen bspw. wurden beim Wiederaufbau der Stadt nach dem Stadtbrand von 1418 Ständerbauten mit doppelten Rähme und relativ flach geneigten Dächern aufgeführt. Erst bei Bauten ab den 1450er Jahren kommen teilweise einfache Rähme vor, oft mit Steildächern, und ab ca. 1470 finden sich bei Neubauten und Aufstockungen keine doppelten Rähme mehr. Ob dies mit dem Dachneigungswinkel in Zusammenhang steht? Oder mit der Ausfachungsart der Füllungen? In diesem Zeitraum kommen bereits die ersten (Sicht-!)Backsteinfüllungen vor.


      In den nächsten Beiträgen sollen daher folgende Bauten, bei denen Rutenflechtwerkfüllungen bekannt sind, eine Betrachtung erfahren:
      - Obere Schmiedgasse 25
      - Schlotfegerstr. 8
      - Untere Krämersgasse 18, 2. OG
      - Albecht-Dürer-Str. 6
      - Neutormauer 42

      Das Haus Obere Schmiedgasse 25 zeigte eine eigentümliche Strebenanordnung, und hat bisher noch kein Vergleichsbeispiel gefunden. Sein Abriss ist umso bedauerlicher, weil es den Krieg relativ heil überstanden hatte und in den Jahren danach noch als beheizbares Wohnprovisorium benutzt werden konnte, und weil heute seine Fläche lediglich als Parkplatz dient.
      Die nächsten drei Objekte werden nur wegen derselben Ausfachsungsart mit Rutenflechtwerk vorgestellt und verglichen.
      Spannend war die in den 1950er Jahren schliesslich abgerissene Ruine des südwestlichen Nachbarhauses des Albrecht-Dürer-Hauses an der Neutormauer, von dem einige Ruinenaufnahmen existieren (s. Bild am Anfang des Beitrags), und deshalb unweigerlich nach einer näheren Untersuchung rufen. Bauhistorisch ist sein Abriss ebenfalls sehr bedauerlich, doch war die Ruine bezüglich der Erhaltensfähigkeit ein Grenzfall.

      The post was edited 2 times, last by Riegel ().


    • Riegel hat geschrieben:

      "Westliches Nachbarhaus des Albrecht-Dürer-Hauses an der Neutormauer (ca. Nr. 34?), während dem Abbruch (1951?)
      Abbildung aus "Das Bürgerhaus in Nürnberg", T. 6b"


      "Bauhistorisch ist sein Abriss ebenfalls sehr bedauerlich, doch war die Ruine bezüglich der Erhaltensfähigkeit ein Grenzfall."


      Während des Abbruchs doch wohl.. Städtebaulich ist sein Abriß erst recht eine Katastrophe, vor allem auch in anbetracht dessen, was nachkam. Selbst ein Parkplatz wäre besser gewesen. Es wird interessant zu sehen, ob das Haus des rekonstruieren würdig sein würde.
      VBI DOLOR IBI VIGILES
    • Brandmauer wrote:

      Städtebaulich ist sein Abriß erst recht eine Katastrophe, vor allem auch in anbetracht dessen, was nachkam. Selbst ein Parkplatz wäre besser gewesen. Es wird interessant zu sehen, ob das Haus des rekonstruieren würdig sein würde.

      Für diejenigen, die die Situation nicht kennen: heute steht hier der Saalanbau des Albrecht-Dürerhauses von ca. 1971, der von der Architektur her vielmehr ein Solitär darstellt als denn ein Reihenhaus wie das abgebrochene Haus.

      Da das Haus noch mindestens 5 Jahre nach dem Krieg stand, vermute ich, dass hier die Möglichkeit einer Wiederherstellung bewusst offengehalten worden war, während praktisch alle Ruinen des Umfeldes innert kurzer Zeit nach Kriegsende abgeräumt wurden. Immerhin handelte es sich um ein Nachbarhaus des Albrecht-Dürer-Hauses, das nach immensen Sprengbombenschäden bereits 1947 bis 49 eine Instandstellung erfuhr.

      Betreffend "Grenzfall": von der Ruine werde ich im Beitrag über das Haus drei Fotos zeigen. Zwei davon wurden vor den Abbrucharbeiten gemacht, und von daher kommt meine Beurteilung als "Grenzfall". Darauf werde ich dann zurückkommen. Die bereits gezeigte Abbildung im vorletzten Beitrag zeigt die Abbrucharbeiten in der Anfangsphase, bei der erst die eingestürzten Teile des Daches entfernt sind.
    • Obere Schmiedgasse 25


      Im Buch "Das Bürgerhaus in Nürnberg" ist auf Tafel 13 die Fassade von Obere Schmiedgasse 25 abgebildet, einem dreigeschossigen Haus mit massivem Erdgeschoss und darüber Fachwerk. Auf das Haus wird im Textteil nicht näher eingegangen, ausser einem Hinweis auf die Rutenflechtwerkausfachungen.

      Der Verputz ist infolge Brandhitzeeinwirkung der gegenüberliegenden Häuser grösstenteils abgeplatzt, und ein Ofenrohr durch ein Fensteroberlicht im 1. Obergeschoss verrät, dass das Haus noch als Notunterkunft nach dem Krieg genutzt wurde.



      Obere Schmiedgasse 25,
      Abbildung aus "Das Bürgerhaus in Nürnberg", T. 13b



      Interessant sind die Rutenflechtwerkausfachungen am 2. Obergeschoss. Bemerkenswert ist dabei, dass die Brüstungen ausser durch die Fussbänder durch keine Pföstchen oder dergleichen unterteilt sind. Am 1. Obergeschoss sind die Befunde unklar. Links scheint noch der Gefachsputz des einstigen Sichtfachwerks zu existieren, rechts ein Rest des deckenden Verputzes, und in der Mitte sind nur Gipslättchen sichtbar. Darunter könnten sich Bohlen befunden haben, deren Vorderflächen gegenüber den Balken normalerweise zurückstanden.

      In Beitrag 241 ist bereits einmal folgende Ansicht aus dem Marburger Bildindex beschrieben worden:



      Aussicht von der Burg südwärts
      Quelle: bildindex der Kunst und Architektur



      Direkt unterhalb der Bildmitte verlaufen die Rückseiten der Häuserzeile Obere Krämersgasse / Bergstrasse. Das Haus davor, unter einem Notdach, konnte mit Obere Schmiedgasse 25 identifiziert werden. Die Chancen schienen nicht schlecht, auf dem vergleichsweise hoch aufgelösten Bild die im "Bürgerhaus-Bild" abgeschnittenen Partien zu erkennen.



      Vordergrund Mitte: Obere Schmiedgasse 25; Hintergrund von links nach rechts: Bergstr. 10 (mit provisorisch verschalter Giebelwand), 12, 14 und 16 (letztere bestehend aus dem schmalen, hell eingedeckten Dach und dem mit sehr dunkeln und hellen Dachziegeln eingedeckten Dach)
      Quelle: Ausschnitt aus dem oberen Bild



      Der Bildausschnitt zeigt die Rückseiten der in Beitrag 173 eingehend beschriebenen Häuser Bergstr. 10 -16. Die an der Oberen Schmiedgasse gelegenen Hinterhäuser von Bergstr. 10, 12 und 14 sind durch Sprengbomben vollständig zerstört.

      Als einziges dieser Hinterhäuserzeile überlebte Obere Schmiedgasse 25 den Bombenhagel, auch wenn es sein Satteldach einbüsste und gegen die Strasse abgestützt werden musste. Es ist auffallend, dass seine Seitenwände mit jenen von Bergstr. 16 durch einen Seitenflügel und eine hohe Mauer verbunden waren, was es wahrscheinlich auch als Hinterhaus auszeichnete.



      Rekonstruktionsversuch der Fassade:

      Die Abbildung in "Das Bürgerhaus in Nürnberg" ist scharf genug, um die Balkendetails erkennen und nachzeichnen zu können. Nur ist rechts leider eine Partie abgeschnitten. Nach der Entzerrung der Fotografie und dem Nachzeichnen der Balkenkanten auf einer separaten Zeichnungsebene resultierte folgende Ansicht:



      Entzerrte Abbildung aus "Das Bürgerhaus in Nürnberg" mit nachgezeichnetem Fachwerk


      Als nächster Schritt folgte die Entzerrung des sehr kleinen Ausschnittes aus der Ansicht aus dem Marburger Bildindex. Trotz der grösseren Unschärfe gelang es, den Ausschnitt so zu entzerren, dass er haargenau hinter die Zeichnungsebene mit dem nachgezeichneten Fachwerk passte, und somit die rechte fehlende Partie ergänzt werden konnte:



      Entzerrter Ausschnitt aus der Bildindex-Ansicht mit darüber gelegter Nachzeichnung des Fachwerks und Ergänzung der rechts fehlenden Partie


      Als letzter Schritt folgte die Separierung der Zeichnungsebene. Dabei wurden die sicher jüngeren Fensteröffnungen "ausradiert", und die fehlenden Partien des Traggerüsts ergänzt. Zudem wurden die durch die Fensterausbrüche entstandenen Einschnitte in den Brustriegel und Rähmen ergänzt.

      Von der Binnenteilung des Traggerüsts konnte im 2. Obergeschoss ein einziges Pföstchen ausgemacht werden, das sicher nicht mit der jüngeren Fensteranordnung in Zusammenhang stand, und deshalb wurde dieses in die Rekonstruktion übernommen. Ob er zu einem älteren oder gar ursprünglichen Fenster gehörte, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Es wurde lediglich de Versuch unternommen, sein linkes Gegenstück (gestrichelt) symmetrisch zu ergänzen, um so vielleicht auf ein ursprüngliches Fenstermass zu kommen. Dieses "Fenstermass" wurde dann ins mittlere und rechte Wandfeld kopiert.



      Rekonstruktion des Traggerüsts von Obere Schmiedgasse 25
    • Erdgeschoss:

      Das Erdgeschoss war aus Sandsteinblöcken gemauert, in dessen Verband wohl nur noch die Rundbogentüre bestand. Zu beiden Seiten hin waren grosse Fensteröffnungen ausgebrochen, wie solche erst ab etwa dem 19. Jahrhundert vorkamen.

      Ein Deckenbalken lag knapp über der Rundbogentüre. Immerhin gab es deshalb keine statischen Schäden, weshalb ich nicht unbedingt annehme, dass das Erdgeschoss nachträglich anstelle einer Fachwerkwand untermauert worden war. Einen Befund zu Neutormauer 42 als Vergleich möchte ich hier schon vorwegnehmen: das Fachwerk der beiden Obergeschosse war von ähnlichem Typ und Alter, und die Erdgeschossfront war sehr wahrscheinlich schon beim Bau des Hauses massiv errichtet worden. Allerdings lagen dort die Deckenbalken nicht direkt auf dem Mauerwerk auf, sondern auf einer separaten Schwelle. Eine sichere Aussage, wie das Erdgeschoss von Obere Schmiedgasse 25 ursprünglich gebaut war, kann mit dem jetzigen Kenntnisstand nicht gemacht werden.


      1. Obergeschoss:

      In der Breite war die Fassade in drei Räume gegliedert, von denen die beiden äusseren an allen vier Ecken mit kurzen, breiten Bändern ausgesteift waren, und der mittlere Raum eigenartigerweise ohne Bänder auskam. Die Bänder waren so nahe an die Ecken gerückt, dass zwischen ihnen und den Rahmenbalken (Schwellen, Pfosten und Rähme) keine Zwickel übrig blieben. Ihre breite und kurze Form deutet auf Bohlenausfachungen hin, worauf auch die Befunde an der linken und mittleren Brüstung hindeuten. Überspannt war die ganze Wand von einem sehr mächtigen Rähm. Die beschriebene Konstruktion deutet auf das 15. Jahrhundert.

      Die Fenster waren sicher nicht original, da sie die Kopfbänder teilweise einschnitten. Mit ihrem Ausbruch dürften auch der mittlere und rechte Brustriegel ausgewechselt worden sein. Hinweise auf ältere Fenster oder auf Fenstererker können keine ausgemacht werden.


      2. Obergeschoss:

      Die Pfosteneinteilung entsprach jener im 1. Obergeschoss, und die Verstrebung erfolgte nur durch lange Fussbänder. Das rechte Fussband war kürzer und stärker geneigt als die anderen, wohl aber auch original. Die Brüstungsfelder überdauerten alle Jahrhunderte ihres Bestehens, und waren nicht durch Pföstchen gegliedert, sondern vollflächig mit Rutenflechtwerk versehen. Die Dicke des Rähms kann nicht festgestellt werden.

      Auch hier waren die Fenster sicher nachträglich vergrössert und in die Brustriegel und den Rähm eingeschnitten worden. Im linken Wandfeld bestand ein Pföstchen, das nicht mit den Fenstern in Zusammenhang stand. Um herauszufinden, ob es sich um ein ursprünglichen Fensterpföstchen handelte, ist in der Rekonstruktion ein Gegenstück mit gleichem Abstand zum Eckpfosten gestrichelt eingezeichnet. Freilich wäre diese hypothetische Fensteröffnung für das 15. Jahrhundert zu gross, aber als Zwillingsfenster mit tiefer liegenden Sturzriegel nicht auszuschliessen. Dasselbe Fensterformat wurde versuchsweise ins mittlere und rechte Wandfeld übertragen.

      Ebensowenig kann eine Aussage gemacht werden, ob das 2. Obergeschoss nachträglich aufgestockt worden war. Der dicke Rähm über dem 1. Obergeschoss und seine beiden vorstehenden Enden (Vorhölzer) sagen zu dieser Frage noch nichts aus (s. weiter unten "Vergleich mit dem Vorderhaus Bergstr. 16").


      Dach:

      Gemäss den in Beitrag 173 gezeigten Ausschnitten aus Flugaufnahmen war das Haus mit einem schmalen Satteldach bekrönt.



      Bergstr. 10-18 (von rechts nach links). Das Satteldach von Obere Schmiedgasse 25 ist hinter Bergstr. 18 am linken Bildrand angeschnitten
      (Ausschnitt einer Flugbildansichtskarte vor 1934 (Verlag Liebermann & Co., Nürnberg)



      Seitenwände:

      Rechts gegen Westen stiess das Haus an eine mehrere Geschosse hohe Brandmauer, die über den Hof bis zum Vorderhaus Bergstr. 16 durchlief (s. 3. Bild im letzten Beitrag). Ihre Zugehörigkeit zur Nr. 25 oder zum Nachbarhaus, oder auch gemeinschaftlicher Besitz, kann nicht ausgemacht werden. Die linke, östliche Seitenwand ist nicht sichtbar. Jedenfalls musste hier das Haus mit einem Balken zur Strasse hin gegen Umkippen abgestützt werden.


      Bundebenen:

      Nebst den üblichen Bundebenen an den Fassaden können zwei weitere an beiden Innenwänden ausgemacht werden, und zwar jeweils an den der beiden "Stuben" im 1. Obergeschoss abgewandten Seiten. Die beiden Bundebenen laufen ins 2. Obergeschoss weiter, und stimmen auch mit den Deckenbalken über dem 1. Obergeschoss überein. Dass die Deckenbalken mit den Bundebenen übereinstimmen, ist in Nürnberg keine Selbstverständlichkeit! Ob auch die Erdgeschossbalken mit den Bundebenen übereinstimmten, ist ungewiss, da sie an den fraglichen Stellen auf den Fotos verdeckt sind, und in der Rekonstruktion lediglich ergänzt sind.


      Vergleich mit dem Vorderhaus Bergstr. 16:

      Unabhängig davon, ob Obere Schmiedgasse 25 das Hinterhaus von Bergstr. 16, oder immer ein eigenständiges Haus war, folgt nun ein Vergleich beider Fassaden. Zu beachten ist, dass Bergstr. 16 um 1679 aus der Vereinigung von zwei Bauten von 1436/38 und von ca. 1460 entstand. Die Breite der Nr. 25 fluchtete zwar auf beiden Seiten mit der bereits vereinigten Nr. 16, aber erstere entstand schon mindestens 200 Jahre vor dieser Vereinigung. Nur ein Studium des Parzellenplans vor 1944 könnte hier Klarheit schaffen.



      Bergstr. 16
      linker Hausteil: dunkelrot = Kernbau um 1460, gelb = Fassadenumbau 18. Jh.(?), blau = Ergänzungen, Reparaturen 1975
      rechter Hausteil: nicht analysiert; Kernbau 1436/38, Anpassung an linken Hausteil 1678/79, Fassadenumbau 18. Jh.(?)



      Rekonstruktion des Traggerüsts von Obere Schmiedgasse 25


      Bergstr. 16 wies ursprünglich wohl im 1. Obergeschoss auch eine Fassadenkonstruktion mit kurzen, breiten Fuss- und Kopfbändern auf, und im Gegensatz zu Obere Schmiedgasse 25 an allen drei Wandfeldern. Die Konstruktion lässt sich nur noch anhand der Blattsassen im Rähm rekonstruieren. Gemeinsam ist beiden der sehr stark dimensionierte Rähm mit den Vorhölzern (bei Nr. 16 nur links). Die Balkenlage darüber ist bei Nr. 16 enger gelegt als bei Nr. 25.

      Das 2. Obergeschoss von Nr. 16 ist mittels Fuss- und Kopfbändern ausgesteift, jenes von Nr. 25 nur mit Fussbändern. Über das ursprüngliche Aussehen der Brüstungsfelder von Nr. 16 ist nichts bekannt, sodass hier kein Vergleich angestellt werden kann.

      Eine gleichzeitige Errichtung von Bergstr. 16 und Obere Schmiedgasse 25 ist eher unwahrscheinlich, aber nicht ganz auszuschliessen. Bei gleichzeitiger Errichtung könnte man sich für ein Hinterhaus einige Vereinfachungen gegenüber dem Vorderhaus vorstellen. Wenn man aber bedenkt, dass die Variation von Fachwerk im 15. Jahrhundert in Nürnberg eher begrenzt war, verwundern Gemeinsamkeiten beider Bauten nicht.



      Fazit:

      Obere Schmiedgasse 25 reiht sich in die Bauten aus dem 15. Jahrhundert mit angeblatteten Fuss- Und Kopfbändern ein. Insbesondere die sehr kräftigen Pfosten und der Rähm des 1. Obergeschosses muteten sehr archaisch an, und es wäre mit Vergleichsobjekten zu prüfen, ob eine Entstehungszeit vor dem 15. Jahrhundert in Betracht käme.

      Speziell ist die Verteilung der Bänder am 1. Obergeschoss nur an den beiden aussen liegenden Räumen, nicht aber beim Mittelraum. Vielleicht bestand zu beiden Seiten der Erschliessungszone je eine Stube. Am 2. Obergeschoss überdauerten Rutenflechtwerkausfachungen. Im 18./19. Jahrhundert musste die Fassade eine Vergrösserung und Regularisierung der Fenster über sich ergehen lassen.

      Möglicherweise bildete es als Hinterhaus von Bergstrasse 16 zusammen mit dieser eine grosse Liegenschaft.

      The post was edited 3 times, last by Riegel ().

    • Nun folgen drei hier bereits vorgestellte Bauten mit Rutenflechtwerkausfachungen:


      Schlotfegerstr. 8 (1970/74 abgebrochen)



      Schlotfegergasse 8 (Ausschnitt aus einer Fotografie von Erich Mulzer, abgebildet in
      "Nürnberger Altstadtberichte Nr. 19, 1994")


      Das sehr altertümlich wirkende Haus besass an der Giebelseite zwei überkreuzte Strebenpaare, weshalb ich es vorerst in die Reihe mit Wunderburggasse 19 einordne (Umzeichnung der beiden abgebildeten Seiten mit dem Fachwerk auch in "Das Bürgerhaus in Nürnberg", S. 38). Das Fachwerk der Giebelwand wiederum stimmte sehr mit jenem am 2. Dachgeschoss von Untere Krämersgasse 18 überein. Die starke Auskragung der Walmflächentraufe war ebenfalls vorhanden, dafür aber kein Windloch.
      (aus Beitrag 234 über Halbwalmdach-Bauten)

      An der Traufseite bestanden nur lange Fussbänder, und die Brüstungen waren ununterteilt und ebenfalls mit Rutenflechtwerk ausgefacht. Interessant ist das Nebeneinander von "nur langen Fussbändern" und überkreuzten Bändern, denn bei letzteren bin ich bisher davon ausgegangen, dass sie tendenziell jünger sind.



      Untere Krämersgasse 18, 2. OG/3. OG (1454/1477)

      (zum Beitrag über das Haus)



      Photomontage der Nord- und Westfassade von Untere Krämersgasse 18 ab dem 1. Obergeschoss

      Das 2. Obergeschoss von 1454 ist ebenfalls nur mit langen Fussbändern ausgesteift (mit Ausnahme eines kleinen Kopfbandes an der rechten Ecke) und besitzt ununterteilte Brüstungen (irgendwo hatte ich mal gelesen, dass ein Grossteil der Gefache auch mit Rutenflechtwerk ausgefacht ist). Ursprünglich folgte darüber die Dachtraufe, sodass das Gewicht des Daches gleichmässig verteilt auf der Wand auflag, und die sehr breiten Brüstungen nicht ausbauchten.

      Das 1477 aufgestockte 3. Obergeschoss und 1. Dachgeschoss besitzen auch solche breiten Brüstungen, die aber wenigstens durch ein Brüstungspföstchen unterteilt sind. Ohne diese Pföstchen würden wohl die Brüstungsgefache ausbauchen, da sie von den jeweils versetzt angeordneten Pfosten im Geschoss darüber via die Fensterpfosten zu viel Gewicht aufnehmen müssten.

      >>> Diese Feststellung von vereinzelten Brüstungspföstchen und bis an den Rähm reichenden Fensterpfosten könnte eine Nürnberger Weiterentwicklung im Alemannischen Fachwerkbau sein, um den oft beobachteten Durchbiegungen der Rähme breiter Wandfelder bei alemannischem Fachwerk entgegen zu wirken, und so ein Ausbauchen der Brüstungsgefache zu verhindern.



      Kraftabtragung der versetzt angeordneten Pfosten
      rot: der linke Stuhlpfosten steht über einem Fensterpfosten, der einen allenfalls sehr breiten Brustriegel durchbiegen
      würde, der wiederum das Brüstungsgefach stauchen würde. Der geringen Abmessung wegen passiert hier nichts, und
      somit ist kein Brüstungspföstchen erforderlich
      orange: der mittlere Stuhlpfosten steht auf einer Schwelle und Rähm, die durchbiegen könnten, wenn kein Fensterpfosten
      darunter wäre. Die Fensterpfosten ihrerseits würden den Brustriegel durchbiegen und damit das Brüstungsgefach stauchen,
      wäre darunter kein Brüstungspföstchen angeordnet




      Albecht-Dürer-Str. 6 (1437)

      (zum Beitrag über das Haus)




      Gemäss der Aufnahme im Marburger Bildindex, welche die teils freiliegende Trennwand zum Nachbarhaus zeigt, dürfte Albecht-Dürer-Str. 6 an den Fassaden auch Rutenflechtwerkausfachungen besitzen. Allerdings sind die einzelnen Wandfelder durch die engere Pfostenstellung nicht übermässig breit, und an jedem Pfosten sind zudem Kopfbänder angeschlagen.

      The post was edited 3 times, last by Riegel ().

    • der einen allenfalls sehr breiten Brustriegel durchbiegen
      würde, der wiederum das Brüstungsgefach stauchen würde.
      Was wiederum durch die überblatteten Fußstreben einigermaßen verhindert wird.

      Eigentlich wäre es doch statisch geschickter gewesen, wenn man die Fenster konsequent zwischen Ständern eingebaut hätte, wie es zur selben Zeit in England gemacht wurde
      s0.geograph.org.uk/photos/94/34/943487_29788ccc.jpg
    • @ Mündener

      Wobei die Durchbiegung in der Mitte am grössten ist, und die Fussbänder nur an den Enden der horizontal liegenden Rähme und Brustriegel sitzen, wo die Durchbiegung noch nicht so gross ist. Zudem sind die Bänder schwächer dimensioniert, und ihre Verbindungen mit den Balken haben ein Spiel, was insbesondere durch das Schwinden des Holzes begünstigt wird. Bei Bohlenwänden haben die Bänder nur eine Dicke von 3 bis 5 cm. Somit haben die Bänder nur eine kleine Wirkung gegen die Durchbiegungen.

      Dass die Fenster zwischen geschosshohe Ständer eingebaut wurden, war dann die Weiterentwicklung im alemannischen Fachwerkbau, zu einer Zeit, als die alemannische und fränkische Bauweise im Verlauf des 16. Jahrhunderts miteinander verschmolzen.
    • Neutormauer 42


      (Vorbemerkung: ich werde in den Beiträgen zu diesem Haus mit vielen historischen Fotos arbeiten. Gerade die Fotos aus dem Marburger Bildindex sind leider oft falsch datiert, weshalb ich die Datierungen speziell hinterfragen werde)



      Neutormauer 42, westliches Nachbarhaus des Albrecht-Dürer-Hauses), während des Abbruchs (1951?), dahinter das Dach des
      1947 bis 1949 instand gesetzten Albrecht-Dürer-Hauses
      (Abbildung aus "Das Bürgerhaus in Nürnberg", T. 6b)



      Riegel wrote:

      Spannend war die in den 1950er Jahren schliesslich abgerissene Ruine des südwestlichen Nachbarhauses des Albrecht-Dürer-Hauses an der Neutormauer, von dem einige Ruinenaufnahmen existieren (s. Bild am Anfang des Beitrags), und deshalb unweigerlich nach einer näheren Untersuchung rufen. Bauhistorisch ist sein Abriss ebenfalls sehr bedauerlich, doch war die Ruine bezüglich der Erhaltensfähigkeit ein Grenzfall.
      (aus Beitrag 257)

      Brandmauer wrote:

      Städtebaulich ist sein Abriß erst recht eine Katastrophe, vor allem auch in anbetracht dessen, was nachkam. Selbst ein Parkplatz wäre besser gewesen. Es wird interessant zu sehen, ob das Haus des rekonstruieren würdig sein würde.
      (Beitrag 258)

      Riegel wrote:

      Für diejenigen, die die Situation nicht kennen: heute steht hier der Saalanbau des Albrecht-Dürerhauses von ca. 1971, der von der Architektur her vielmehr ein Solitär darstellt als denn ein Reihenhaus wie das abgebrochene Haus.

      Da das Haus noch mindestens 5 Jahre nach dem Krieg stand, vermute ich, dass hier die Möglichkeit einer Wiederherstellung bewusst offen gehalten worden war, während praktisch alle Ruinen des Umfeldes innert kurzer Zeit nach Kriegsende abgeräumt wurden. Immerhin handelte es sich um ein Nachbarhaus des Albrecht-Dürer-Hauses, das nach immensen Sprengbombenschäden bereits 1947 bis 49 eine Instandstellung erfuhr.

      Betreffend "Grenzfall": von der Ruine werde ich im Beitrag über das Haus drei Fotos zeigen. Zwei davon wurden vor den Abbrucharbeiten gemacht, und von daher kommt meine Beurteilung als "Grenzfall". Darauf werde ich dann zurückkommen. Die bereits gezeigte Abbildung [...] zeigt die Abbrucharbeiten in der Anfangsphase, bei der erst die eingestürzten Teile des Daches entfernt sind.
      (Beitrag 259)


      Dann lasse ich die Katze gleich aus dem Sack, und stelle die beiden anderen Ruinenfotos vor:



      Blick von der Albrecht-Dürer-Strasse in Richtung Nordwesten an die Rückseite von Neutormauer 42
      und die Stadtmauer mit dem Turm "grünes M" - Vergrösserung
      (Quelle: bildindex der Kunst und Architektur)


      Die Trümmergrundstücke sind schon weitgehend abgeräumt, und am Stadtmauerturm "grünes M" finden erste Instandsetzungsarbeiten statt. Gerade dieses Bild zeigt, dass dem Haus Neutormauer 42 noch gewisse Erhaltungschancen zugestanden wurden, sonst wäre es doch gleich mit den Ruinen in der Nachbarschaft abgeräumt worden. Immerhin waren der Dachstuhl und die Erdgeschosswand der Rückseite akut einsturzgefährdet.

      Vergleich mit der heutigen Situation: Bing Maps - Anfahrtsbeschreibungen, Verkehrsinfos und Straßenbedingungen
      (der blaue Punkt markiert den ungefähren Aufnahmestandort)



      Entzerrter Ausschnitt aus dem oberen Bild mit der Rückseite von Neutormauer 42



      Neutormauer in Richtung Nordostost; von links nach rechts: Mauerturm (grünes M),
      Tiergärtnertorturm, Pilatushaus (mit Giebeltürmchen), Dach des Albrecht-Dürer-Hauses,
      davor die Ruine von Neutormauer 42 - Vergrösserung
      (Quelle: bildindex der Kunst und Architektur)




      Ausschnitt aus dem oberen Bild mit Blick an die westliche Trennwand und Rückwand
      sowie in den offenen Dachstuhl



      Vor der Zerstörung sah das Haus so aus:



      Das Albrecht-Dürer-Haus von Nordosten, rechts davon Neutormauer 42
      Vergrösserung
      (Quelle: bildindex der Kunst und Architektur)



      Neutormauer, vorne links Nr. 42 - Vergrösserung (Quelle: bildindex der Kunst und Architektur)


      Und die älteste auswertbare Ansicht des Hauses (vgl. mit der vorletzten Aufnahme):



      Das Albrecht-Dürer-Haus von Nordosten in Richtung Neutormauer (Radierung von Johann Christoph Erhard, 1816)

      The post was edited 1 time, last by Riegel ().

    • Da das Albrecht-Dürer-Haus seit langer Zeit ein beliebtes Mal- oder Fotosujet war, kam auch Neutormauer 42 in den Genuss einer häufigen Dokumentation (edit. 15.7.2012: Hausnummer korrigiert). Beim Sichten der auch im Internet zahlreich zugänglichen Abbildungen musste ich aber bald einmal feststellen, dass die angegebenen Aufnahmedaten oft falsch sein mussten (bei beiden von Zeno im letzten Beitrag angegebenen Bildlinks dürften die Daten stimmen).

      Um Ordnung in dieses "Daten-Chaos" zu erhalten, sind hier die wichtigsten (Bau-)Daten zum Albrecht-Dürer-Haus angegeben, die ihre Spuren an seinem Äusseren hinterliessen:

      1827/28 Einrichtung zum Museum unter "Heideloff"; neugotische Zwickel in den Fenstern des 2. Obergeschosses
      1882 Umgestaltung des Museums unter "Wanderer"; Entfernung der neugotischen Zwickel
      1899 Aufsetzung eines Dacherkers als Ersatz für den um 1790 abgebrochenen originalen Dacherker
      1947/49 Instandsetzung nach Bombenschäden
      1970/71 Saalanbau auf der Fläche des abgetragenen Hauses Neutormauer 42

      (alle Daten aus der Schrift "Das Albrecht-Dürer-Haus - Baugeschichte, Denkmalpflege, Künstlerhaus", Museen der Stadt Nürnberg, 2006)

      So entstand die folgende Reihe von Ausschnitten aus historischen Abbildungen:



      1816 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1891 . . . . . . . . . . . . . . . . . . zw. 1882 und 1899 (1893?) . . . . zw. 1882 und 1899



      zw. 1882 und 1899 (1892?) . . . .1947/49 . . . . . . . . . . . . . . . . 1951 . . . . . . . . . . . . . . . . . .1959


      In der Folge werde ich die einzelnen Bilder erläutern:



      . .
      links: Ausschnitt aus der Radierung von Johann Christoph Erhard, 1816; rechts: entzerrte Ansicht

      Die älteste Abbildung von 1816 zeigt das Haus noch mit seinem Fachwerk (ganze Abbildung am Schluss des vorletzten Beitrages). Da das Fachwerk des Albrecht-Dürer-Hauses sehr detailgetreu wiedergegeben ist, sollte man dies auch von der Nr. 42 erwarten, doch steht das Haus nicht im Vordergrund der Radierung, und von der Blickrichtung her ist die Fassade sehr verkürzt gezeichnet. Eine Entzerrung des Bildausschnitts bringt kein sinnvolles Resultat:

      Das Erdgeschoss ist massiv, und zeigt eine Türen- und Fensteranordnung, wie sie bis zum Abbruch des Hauses bestand.
      Beim 1. Obergeschoss ist unklar, was Fenster und was Fensterläden sind. Fünf Pfosten teilen die Fassade in vier Wandfelder. Die paarweise angeordneten Fussbänder sind teils an Fensterpfosten und teils an Bundpfosten angeordnet, nicht aber an den Eckpfosten.
      Beim 2. Obergeschoss teilen sechs Pfosten die Fassade in fünf Wandfelder, und an den Bundpfosten sind paarweise Fussbänder angeordnet, wiederum aber keine an den Eckpfosten. Den fünf Wandfeldern entsprechen fünf Einzelfenster, die zwischen einem Brust- und Sturzriegel angeordnet sind.
      Das Dachgeschoss zeigt im linken Drittel eine halbe Giebelwand mit Aufzugsöffnung, und beim Rest eine Traufe.


      *****************


      Nicht in der Reihe enthalten ist das folgende Bild, welches das Albrecht-Dürer-Haus noch mit den neugotischen Zwickeln in den Fenstern des 2. Obergeschosses zeigt. Das Bild ist demnach spätestens 1882 aufgenommen worden. Neutormauer 42 ist darauf nur knapp sichtbar, aber offenbar im gleichen Zustand wie auf den nächsten beiden Bildern, weshalb das Haus hier noch keine Betrachtung erfährt.

      upload.wikimedia.org/wikipedia…t-D%C3%BCrer-Haus_002.jpg


      *****************



      Ausschnitt aus einem Bild von wikimedia.de (ganzes Bild)

      Als Aufnahmedatum ist 1891 angegeben. Sicher ist die Aufnahme nach 1882 entstanden, da die Fenster am 2. Obergeschoss des Albrecht-Dürer-Hauses die neugotischen Zwickel nicht mehr zeigen. Neutormauer 42 zeigt dieselbe Hausform mit dem halben Giebel zur Gasse, wie in der Radierung von J.C. Erhard, und ist nun verputzt. Ebenso zeigt das 2. Obergeschoss fünf kleine Fenster. Acht quadratische Fenster belichten das 1. Obergeschoss, von denen die mittleren beiden ein bisschen höher sind, so wie sie bis zum Abbruch des Hauses bestanden hatten. Die Sprosseneinteilung zeigt ein Kreuz mit vier gleich grossen Flügeln, wie sie im 18. und frühen 19. jahrhundert üblich war.


      *****************



      Ausschnitt aus einem Bild von bildindex der Kunst und Architektur (ganzes Bild)

      Als Aufnahmedatum der Fotografie ist hier 1893 angegeben, und sie zeigt Neutormauer 42 in der gleichen Form wie im letzten Bild. Diese Jahrzahl ist unsicher, denn das übernächste Bild zeigt Neutormauer 42 mit einem traufständigen Dach auf der ganzen Hausbreite und Dacherker in der Mitte, und ist mit 1892 datiert.

      Wenn Neutormauer vor 1892 einen grossen Umbau erfahren haben sollte, so kann das Datum 1893 nicht stimmen. Ebenso ist natürlich auch die Jahrzahl 1892 fraglich.

      Als kleines Detail ist die Dacheindeckung des halben Giebels erwähnenswert, wo ungewohnt lange Dachziegel zu sehen sind. Dies ist mir unerklärlich; möglicherweise handelt es sich um eine provisorische Eindeckung im Vorfeld des Umbaus.


      *****************



      Ausschnitt aus einem Bild von bildindex der Kunst und Architektur (ganzes Bild)

      Laut Beschriftung soll die Aufnahme im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts entstanden sein. Dies kann nicht stimmen, denn sie zeigt das Albrecht-Dürer-Haus noch ohne den Dacherker, der 1899 aufgesetzt worden war.

      Neutormauer 42 ist hier mit einem Baugerüst zusehen, und bereits mit der neuen Dachform. Der neu aufgesetzte Dacherker zeigt ein Spitzdächlein über der Abwalmung, und ist eindeutig eine historistische Zutat.


      *****************



      Ausschnitt aus einem Bild von bildindex der Kunst und Architektur (ganzes Bild)

      Neutormauer 42 ist hier nach dem Umbau mit der neuen Dachform und vergrösserten Fenstern im 2. Obergeschoss zu sehen. Das Aufnahmedatum 1892 ist fraglich, wenn man das vorletzte Bild von 1893 betrachtet (vgl. mit dem Text dort). Aufgrund des fehlenden Dacherkers auf dem Albrecht-Dürer-Haus ist die Fotografie sicher vor 1899 aufgenommen worden.


      *****************



      Ausschnitt aus einem Bild von bildindex der Kunst und Architektur (ganzes Bild)

      Neutormauer 42 hatte bei der Bombardierung vor allem Sprengbodenschäden erlitten, aber keine Brandschäden davongetragen. Das Dach steht teilweise noch mitsamt der Ziegeleindeckung aufrecht, aber der Verputz ist grösstenteils abgeplatzt, sodass das Fachwerk sichtbar wurde. Das Albrecht-Dürer-Haus hatte gleiche Schäden erlitten, und wurde von 1947 bis 1949 wieder instand gestellt.

      Die Aufnahme zeigt das Albrecht-Dürer-Haus bei der Instandsetzung des Rohbaus, und dürfte demnach 1947/48 entstanden sein


      *****************



      Ausschnitt aus einem Bild von bildindex der Kunst und Architektur (ganzes Bild)

      Sofern das Aufnahmedatum 1951 stimmt, wurde in diesem Jahr Neutormauer 42 definitiv abgebrochen. Nur noch die massive Erdgeschossmauer steht aufrecht, aber in ziemlicher Schieflage.


      *****************



      Ausschnitt aus einem Bild von wikipedia.org (de.wikipedia.org/w/index.php?t…etimestamp=20100707080440)

      1959 liegt das Grundstück brach, und wurde erst 1970/71 mit dem Saalanbau des Albrecht-Dürer-Museums wieder überbaut.

      The post was edited 7 times, last by Riegel ().