Fachwerkbauten in Nürnberg

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    • Dass wir beide unabhängig voneinander auf das Haus Wunderburggasse 19 gestossen sind, ist ein weiterer Hinweis, dass überkreuzte Streben in Nürnberg doch eher eine Seltenheit waren. Mit dem von Dir erwähnten Haus Beckschlagergasse 22 wären es erst vier Beispiele.

      "baukunst-nbg" wrote:

      Auch dort (Anm.: Wunderburggasse 19) sind überkreuzte Streben zu erkennen, sogar in Verbindung mit doppelten Fußstreben!

      Hmmm... das wird mir aber langsam zuviel... ist aber theoretisch möglich! Oder kommen die überkreuzten Streben und die doppelten Fussstreben an verschiedenen Geschossen vor? Dann könnte es sich auch um eine Aufstockung handeln. An der Giebelfassade sieht man zu wenig Hinweise dazu, insbesondere beim 2. Obergeschoss. Gerade solche Hinweise wären wichtig, um die unterschiedlichen Verstrebungsformen in eine zeitliche Chronologie setzen zu können.

      Zu den Büchern "Nürnberger Erinnerungen":
      Es handelt sich ja um eine ganze Reihe mit verschiedenen Themen. Soviel ich mich erinnere, hast Du die ersten drei Bände mit je 180 Abbildungen empfohlen. Haben alle drei Bände Photos vorwiegend aus der Altstadt? Und wie steht es mit Band 4 "Nürnberg nach 1945. - Ein Bildband mit 132 Fotos aus den Jahren 1945 - 1948" aus? Gibt dieser Band auch Wesentliches zur Bauforschung in der Altstadt her?
    • Ich denke auch, daß die überkreuzten Streben die Ausnahme waren. Allerdings muß man auch bedenken, daß freigelegtes Fachwerk auch bis 1945 noch die Ausnahme war. Sicher gab es noch jede Menge interessanter Konstruktionen, die mitsamt dem Putz in Schutt und Asche gesunken sind. Ich denke, daß das Haus Wunderburggasse 19 durch sein Fachwerk, die Lage (Ecke, im heute unvorstellbaren, urigsten Altstadtkern gelegen) einfach einen besonders urtümlichen Eindruck machte, so daß es als Motiv nicht völlig unbekannt war.

      Die erwähnte Verbindung kommt übrigens im gleichen Stockwerk vor!

      Natürlich kann auch die Heranziehung allein der Bildindex-Aufnahmen in keinster Weise zu einem wirklichen Urteil über die Verbreitung der Überkreuz-Streben in Nürnberg genügen, dazu müßte man schon das Stadtarchiv mit Zigtausend Vorkriegsbildern durchforsten. Es wäre kein Problem, Dir das zugänglich zu machen ... wenn Du ein paar Monate Zeit mitbringst :)

      Band 4 der Nürnberger Erinnerungen enthält im ersten Teil Bilder der zerstörten Altstadt. Interessant sind die schon, soweit man herausfinden will, was tatsächlich noch stand und was nach dem Krieg noch Intaktes entfernt wurde. Im zweiten Teil sind mehr Fotos von den Besatzern, den Nürnberger Prozessen und dem Nachkriegsleben zu finden.
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      Nürnberger Bauernhausfreunde e. V.
    • Jetzt habe ich es doch eingeschoben, weil ich auf Riegels Reaktion gespannt bin (danke übrigens für die fantastischen Umzeichnungen der sichtbaren und hypothetischen Konstruktionen).

      Hintere Beckschlagergasse 22, ganz am Rand oben vermute ich gekreuzte Streben:



      Quelle: Ausschnitt aus Nürnberger Erinnerungen, Band 2, S. 65

      Wunderburggasse 19, auf der rechten Seite zur Judengasse sind im 2. OG ziemlich ausgefallene Verstrebungen zu sehen, die, auch wenn im Schatten liegend, alles bisher Gesehene in den selbigen stellen:







      Quelle jeweils: Ausschnitt aus Nürnberger Erinnerungen, Band 3, S. 36

      Bedauerlicherweise ist die Qualität ziemlich schlecht, aber vielleicht finden sich irgendwann noch bessere Aufnahmen. Ich werde auch mal anfangen, in Nürnberg danach zu forschen, ob jemand sich schon mal mit diesem Phänomen beschäftigt hat.
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    • Noch ein paar echte Schmankerl - anscheinend gab es die überkreuzten Streben doch häufiger als gedacht:

      1) Zeichnung von G. Chr. Wilder: Ecke Hans-Sachs-Gasse/Ebnersgasse (auch in der "Steppe"). Heutige Situation:



      Besonders schön ist die "dekonstruktive" Situation der gekreuzten Streben am mittleren Gebäude im 1. u. 2. OG zu sehen. Doch auch das linke Gebäude wies im 2. OG solche gekreuzten Fuß- und Kopfstreben auf.



      2) Zeichnung von G. Chr. Wilder: Ecke Fünferplatz/Bindergasse/Obstmarkt, Haus "Zum gläsernen Himmel", 1855 abgerissen. Wunderschöne "Kreuzbänder". Zusätzlich noch eine Fotografie (!) von Georg Schmidt von 1853, kurz vor dem Einsturz. Auch hier sind die Bänder deutlich erkennbar.



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    • Nun wird es ja immer spannender! Vielen Dank für die sehr aufschlussreichen Bilder!

      "baukunst-nbg" wrote:

      Wunderburggasse 19, auf der rechten Seite zur Judengasse sind im 2. OG ziemlich ausgefallene Verstrebungen zu sehen, die, auch wenn im Schatten liegend, alles bisher Gesehene in den selbigen stellen:



      "baukunst-nbg" wrote:

      Die Seitenfassade ist tatsächlich, wenn auch im Schatten, mit zu sehen. Auch dort sind überkreuzte Streben zu erkennen, sogar in Verbindung mit doppelten Fußstreben!


      Wunderburggasse 19: Die überkreuzten Streben sind nicht nur in Kombination mit Fussbändern, sondern auch mit Kopfbändern! Und auf dieser Photographie erkennt man ganz deutlich, dass im Rähm des 2. Obergeschosses der Giebelfassade je zwei Blattsassen sehr nahe beieinander liegen, was auch dort überkreuzte Streben in Kombination mit Kopfbändern nachweist. Das Haus muss ich einmal genauer aufzeichnen (aber in Frankfurt-Qualität), wenn ich mal mehr Zeit und den Grundstock über die Fachwerkforschung in Nürnberg zusammen habe.

      @ baukunst-nbg: wie Du sicher bemerkt hast, offenbart das Entzerren von Photos, wenn auch nicht ganz orthogonal, sehr viel Verborgenes, und es dauert keine Minute, bis man so ein Bild hat.

      Bei der Hinteren Beckschlagergasse 22 sieht man deutlich, wie die Fussstrebe den Brustriegel überschneidet, und die Kopfstrebe ihrerseits die Fussstrebe, und dass beide angeblattet sind. Dies lässt einen Rückschluss auf den Aufrichtevorgang zu: zuerst wurden alle horizontal und vertikal verlaufenden Balken zusammengefügt, als zweitletztes die Fussstreben, und zuletzt dann die Kopfstreben. Dies war so möglich, weil die Streben "von aussen" aufgeblattet wurden. Eingezapfte Streben hingegen mussten in einem Zug mit dem Aufrichtevorgang eingesetzt werden. Somit wird auch klar, weshalb bei Fenstererkern immer nur kurze Bänder, und keine (fast) geschosshohen Streben vorhanden sind, da die Fenstererker zusammen mit der Wand vor dem Einbau der Streben eingefügt werden mussten. Sieht man einen Fenstererker über eine wandhohe Strebe verlaufen (wie bei Waaggasse 7), so kann man behaupten, dass er nachträglich angefügt worden ist.

      Zu den Zeichnungen der Häuser an der Ecke Hans-Sachs-Gasse/Ebnersgasse und Fünferplatz/Bindergasse/Obstmarkt, Haus "Zum gläsernen Himmel" möchte ich erwähnen, dass es sehr bemerkenswert ist, dass der Künstler das Fachwerk originalgetreu gezeichnet hat. Normalerweise wurde ein Fantasie-Fachwerk gezeichnet, und so eignen sich 99 Prozent der historischen Zeichnungen und Stiche nicht für die Fachwerkforschung.

      Zur Photographie von 1853 mit dem Haus "Zum gläsernen Himmel": ist ja extrem alt für eine Photographie, und eine wahre Rarität! Wisst ihr, wann und wo die weltweit erste Photosausstellung stattgefunden hat? 1840, und natürlich in - St. Gallen. :gg: Leider existiert kein Bild mehr davon, aber der Katalog mit Angabe der Sujets (Bauten unserer Stadt!) ist noch vorhanden.
    • @Philon: Tatsächlich wohl das Abgefahrenste, was in Nürnberg jemals stand. Selbst so etwas zu erfinden, wäre wohl kaum jemandem eingefallen. Das wäre heute wahrscheinlich auf jeder Deutschlandpostkarte zu sehen.

      @Riegel: Ich habe im Stadtlexikon noch eine vollständige, aber kleinformatige Aufnahme von der Beckschlagergasse 22 entdeckt, das die Vermutungen bestätigt. Ich schau mal, ob ich kurzfristig etwas scannen kann.
      Kannst Du nun schon eine Vermutung bezüglich des Alters der überkreuzten Strebenkonstruktionen abgeben?

      G. Chr. Wilder (1794-1855) war i. ü. tatsächlich ein ganz bemerkenswerter Grafiker. Er hatte auch ein starkes chronistisches Interesse und zeichnete auch Ereignisse, wie den Abriß baufälliger Häuser. Ich sehe mir seine Bilder sehr gerne an. Vor allem in der Gegenüberstellung zum Foto zeigt sich die ideale Ergänzung zum realistischen Abbild, denn der Künstler hat die Gasse aus kompositorischen Gründen stark verbreitert, um das ganze Fachwerkhaus abbilden zu können. Übrigens stellt der Ausschnitt aus dem Bild Ecke Hans-Sachs-Gasse/Ebnersgasse den Abriß des alten, echten Hauses von Hans Sachs (1494-1576) im Jahr 1835 dar, welches schon Jahre zuvor baufällig war und einzustürzen drohte. Heute würde man es mit Sicherheit retten können, wenn auch mit hohem Aufwand.

      Schon Dürer hat übrigens Fachwerk in bemerkenswert realistischer Weise wiedergegeben, was der Hausforschung sehr hilft (insbesondere bezüglich "unserer" Schwedenhäuser).
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    • Mit einer ansatzweisen Datierung bin ich noch vorsichtig; als erstes sollte ich alle Beispiele von Verstrebungsarten einander gegenüberstellen, und chronologisch in eine Abfolge bringen. Natürlich wären auch Dachkonstruktionen einzubeziehen, aber bis jetzt hatte ich erst die Möglichkeit, die Häuser von aussen zu betrachten. Insbesondere hoffe ich, dass bei Umbauten bestehender Häuser nicht nur Datierungen vorgenommen wurden, sondern auch Dokumentationen mit Bezeichnung der Grundstruktur und Innenwandkonstruktionen. Auch Deckenkonstruktionen sind einem Wandel unterworfen, und geben ebenfalls Anhaltspunkte für eine zeitliche Einordnung eines Hauses.

      Weiter kann auch die Vorrangstellung einer Stadt einen Einfluss auf die Fachwerkentwicklung gehabt haben. Bei Frankfurt beispielsweise wird behauptet, dass eine gewisse Konstruktion eher früher datiert werden kann, als die gleiche Konstruktion im ländlichen Umland. Diesbezüglich bin ich mir nicht sicher, denn ich habe auch einige Städte in der Umgebung Frankfurts angeschaut, und keine nennenswerten Unterschiede feststellen können. Wohl können im städtischen Umfeld die Balkendimensionen stärker, und auch die Schmuckfreudigkeit ausgeprägter sein. An "altmodischen" Konstruktionen hat man auf dem Lande aber eher länger festgehalten.

      Weiter ist auch der Einfluss des fränkischen Fachwerks auf das alemannische Fachwerk zu berücksichtigen. Gemäss Literatur hat diese Entwicklung von der Mitte des 15. bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts gedauert. Überkreuzten Streben kommen beispielsweise in Frankfurt seit Beginn des 15. Jahrhundert vor (s. auch den Strang Fachwerkbauten in Frankfurt, dort allerdings meist in gebogener Form. Diese Verstrebungsform war dort im 15. und 16. Jahrhundert die hauptsächliche Form.

      Die Konstruktionen mit überkreuzten Streben in Nürnberg würde ich als Arbeitshypothese frühestens ins Ende des 15. Jahrhunderts ansiedeln, eher ins 16. Jahrhundert. Mit der Wunderburggasse 19 habe ich allerdings noch meine Mühe; ich würde sie in die Übergangszeit der Bauten mit doppelten Fussbändern ("gotisch anmutend") und der Bauten mit überkreuzten Streben wie Waaggasse 7 ("renaissançehaft anmutend" ansiedeln, und dies wegen der Kombination von überkreuzten Streben mit Fuss- und Kopfbändern. Allerdings scheint mir diese Kombination eine sehr ausgereifte Form, und nicht eine Übergangsform, was eher für das späte 16. Jahrhundert sprechen würde...

      Markant ist bei diesem Gebäude auch das Halbwalmdach, sowie der liegende Dachstuhl. An datierten Halbwalmdächer verweise ich spontan mal auf Untere Krämersgasse 18 (Aufstockung des 3. Obergeschosses und Dach nach 1477) und auf das Dürerhaus (Erhöhung 1502/04). Diese beiden Bauten haben allerdings stehende Dachstühle, und solche sind tendenziell älter als liegende. Man müsste daher auch untersuchen, wie lange in Nürnberg Halbwalmdächer gebaut worden sind.

      Dies sind erst mal Gedankengänge, betrachtet diese daher erst mal als Arbeitshypothese! Es scheint, dass jetzt ein Zeitpunkt gekommen ist, bald mal eine Gegenüberstellung der Verstrebungsformen zu präsentieren, auch wenn noch nicht alle Formen durch ein Hausbeispiel dokumentiert sind. Ich möchte allerdings noch ein Beispiel eines Hauses mit doppelten fussstreben voranstellen, und dann folgt die erste Quintessenz.

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    • Ich bin gespannt, ob das anhand der paar übrigen Häuser und verifizierten Datierungen gelingen kann. Man müßte erst einmal anhand der bisherigen Forschungsdaten (Bauakten, Urkunden, Dendrodaten, bisherige Abhandlungen) den Wissensstand nacharbeiten. Allerdings gibt es m. E. (noch) kein Buch über Fachwerk.

      Hinweisen möchte ich noch auf Michael Taschners Artikel aus den Altstadtberichten 1994: Wie alt sind die Halbwalmdächer in der Nürnberger Altstadt?, S. 75-88. Ich habe den Artikel allerdings nicht bei mir.

      Online ist allerdings folgender Artikel von Erich Mulzer:

      [url=http://mdz1.bib-bvb.de/cocoon/mvgn/Blatt_bsb00000971,00311.html]Der Nürnberger Fachwerkbau. In: Mitteilungen des Vereins für Geschichte der Stadt Nürnberg (MVGN), Band 55 (1967/68), Seite 300-331[/url]

      Den Frankfurt-Strang habe ich im übrigen interessiert mitgelesen.

      Jetzt noch Hintere Beckschlagergasse 22:





      Quelle: StAN / Lexikon.

      Auch hier wieder - in "schlichter" Form - die überkreuzten Streben im 2. OG.
      Könnte es sich auch um ein Schmuckelement gehandelt haben? Ich finde, die bisherigen Verwendungsbeispiele haben durchaus gestalterische Akzente; beim vorliegenden Beispiel mittig im 2. Stock, sehr mittenbetonend.
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    • @ Herzog: Eine geschosshohe Strebenanordnung beidseits eines Pfostens wird immer als "Mannsfigur" bezeichnet. Ich finde es eine blöde Bezeichnung, aber sie hat sich in der Kunstgeschichte schon seit über hundert Jahren eingebürgert. Es gibt dann noch Abwandlungen wie "halber Mann", "schwäbisches Männle", "schwäbisches Weible", "wilder Mann" etc. . Ich persönlich versuche, diese Bezeichnungen zu vermeiden.

      @ baukunst-nbg: Der Artikel von Erich Mulzer ist sehr interessant und ausführlich. Ich wusste gar nicht, dass er auch fachwerk-kunsthistorisch so bewandert war, sondern kannte seinen Namen nur als Präsident der Altstadtfreunde. Er beklagt denn auch gleich am Anfang seines Artikel, dass es in Nürnberg noch nie eine Fachwerkforschung gegeben hätte. Für einen Laien ist der Artikel allerdings sehr schwer verständlich, insbesondere weil auch die Bilder gebündelt, und aus druck- und kostentechnischen Gründen nicht in den Text eingebunden sind. Bemerkenswert ist der Artikel auch deshalb, weil er 1968, also vor der grossen Freilegungswelle von Fachwerken und einzelnen baugeschichtlichen Untersuchungen, verfasst worden ist. Nach einem ersten schnellen Durchlesen würde ich behaupten, dass der Artikel heute noch zu mindestens 95 % Gültigkeit hat!

      Zu Hintere Beckschlagergasse 22:
      Von einer Mittenbetonung würde ich nicht sprechen. Das linke Wandfeld im 2. Obergeschoss mit den zwei kleinen Fenstern wird ursprünglich genau gleich wie das mittlere Wandfeld ausgesehen haben. Auch von einem Schmuckelement würde ich bei den überkreuzten Streben nicht sprechen, denn es ist lediglich eine technische Verbesserung gegenüber der Verstrebung mit kurzen Fuss- und Kopfbändern. Gerade auf deiner Entzerrung sieht man, dass es mit der Weiterentwicklung bis zur "K-form" nicht mehr weit war (den Namen K-form habe ich schon lange gesucht, und im Mulzer-Artikel wiedergefunden. Die Strebenanordnung, bei welcher die Kopfstrebe in die Fussstrebe eingezapft ist, wird als K-form bezeichnet).

      Übrigens fehlt bei diesem Gebäude die rechte Seitenwand. Diese fiel wahrscheinlich einem Um- oder Neubau des massiven Nachbarhauses zum Opfer. Oft geschah dies dann, wenn sich zwei Nachbarn auf eine gemeinsame Brandwand einigten.

      @ Oliver: Wie kommst Du auf ein Lagerhaus? Und wenn es ein solches gewesen wäre... auch ein Lagerhaus brauchte doch Fenster. Hingegen werden die Gauben beidseits des Dacherkers eine spätere Zutat sein.
    • Ich habe den Artikel kurz überflogen, und stimme Dir zu. Ohne übertreiben zu wollen, kann man Mulzer wirklich nur als geniale Persönlichkeit im Hinblick auf die Nürnberger Altstadt bezeichnen. Allerdings ist es wirklich erstaunlich und unbefriedigend zugleich, daß bisher keine eingehendere Untersuchung des Nürnberger Fachwerks erfolgt ist. Nachdem jetzt so viele neuere Bauforschungsdaten vorliegen, wäre der richtige Zeitpunkt gekommen. Und es ist doch ein recht interessantes und m. E. dankbares Thema.

      Die überkreuzten Streben hat er nicht gesondert erwähnt, soweit ich erkennen konnte. Ich halte es auch für möglich, daß es sich um eine Zwischenform - womöglich zwischen 1450 und 1550? - handelte, als die Verstrebungen aufkamen, die sich aber nicht durchgesetzt hat.

      Ich meinte auch nicht, daß es eine Schmuckform im eigentlichen Sinne (wie zB Andreaskreuze) wäre, sondern daß bei gleichzeitiger Verwendung von K- und "X"-Streben (so nenne ich das jetzt mal) im Ergebnis auch ein gestalterischer Effekt auftritt. Ob das bewußt war, läßt sich freilich nur spekulieren.

      Traurig beim Durchlesen stimmt nur, daß seitdem einige der von Mulzer beschriebenen Gebäude verschwunden sind - nach dem Krieg! Die Zerstörung der siebten Zeile am Webersplatz 1974 hat ja Mulzer zur Gründung der Altstadtfreunde in der heutigen Form veranlaßt.

      EDIT: zur Hinteren Beckschlagergasse 22: Bist Du dir sicher, daß auch das linke Feld im 2. OG gekreuzte Streben hatte? Es könnten doch auch nur Fußstreben gewesen sein, oder Fußstreben mit kleinen Kopfbändern. Auch bei den bisherigen Fundstücken haben wir doch kaum zwei gleiche Felder nebeinander gesehen, nicht wahr?[/i]
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    • "baukunst-nbg" wrote:

      Die überkreuzten Streben hat er (E. Mulzer) nicht gesondert erwähnt, soweit ich erkennen konnte. Ich halte es auch für möglich, daß es sich um eine Zwischenform - womöglich zwischen 1450 und 1550? - handelte, als die Verstrebungen aufkamen, die sich aber nicht durchgesetzt hat.

      Doch, auf S. 305 unten beschreibt er (in nur zwei Sätzen) die Entwicklung der Fussstrebe, und in der zugehörigen Anmerkung 12) gibt er vier Beispiele zu Bauten mit überkreuzten Streben. Er hat sich aber auch nicht mit der Entwicklung der Strebenform befasst, sondern vielmehr mit der Verbindungsart (verblattet oder gezapft).

      Trotzdem ist aber E. Mulzer auf S. 324 zu einem Schluss gekommen, welchem ich widersprechen muss:
      Das Nürnberger Fachwerk gehört dem "Fränkischen" Stil an. Es zeigt jedoch in seinen älteren Formen bemerkenswerte Anklänge an die Schwäbische [Bem.: alemannische] Bauweise. [...] Im späteren Verlauf gleichen sich fränkische und schwäbische Bauweise stark an, so dass Unterscheidungen fragwürdig werden.

      Er zählt dann Baudetails der alemannischen Bauform auf, welche in Nürnberg vorkommen, und anschliessend Details der Fränkischen Bauform, welche in Nürnberg nicht vorkommen. Und trotzdem kommt er zum Schluss, dass das Nürnberger Fachwerk dem "Fränkischen" Stil angehöre. Dabei ist es doch eindeutig alemannische Bauweise, welche (wie er richtig erwähnt) mit der fränkischen Bauweise verschmolzen ist.

      Gerade im letzten Satz sitzt doch der Grund für das Aufkommen von überkreuzten Streben! Diese Strebenform, mit Ursprung im Fränkischen Gebiet, hat sich dann allerdings nicht wie dort zu einer "Mannsfigur" mit 3/4-wandhohen Fussstreben und Kopfwinkelhölzern weiterentwickelt, sondern eben zur Nürnberg-typischen "K-Form".

      "baukunst-nbg" wrote:

      EDIT: zur Hinteren Beckschlagergasse 22: Bist Du dir sicher, daß auch das linke Feld im 2. OG gekreuzte Streben hatte? Es könnten doch auch nur Fußstreben gewesen sein, oder Fußstreben mit kleinen Kopfbändern. Auch bei den bisherigen Fundstücken haben wir doch kaum zwei gleiche Felder nebeinander gesehen, nicht wahr?

      Dass die Fenster nächträglich "eingeschnitten" worden sind, hast Du ja auch bemerkt, somit können wir davon ausgehen. Nur Fußstreben könnten es auch gewesen sein, hingegen Fußstreben mit kleinen Kopfbändern nicht. Denn der Abstand zu den Pfosten und Neigungswinkel der Fussstreben ist identisch mit jenen im mittleren Wandfeld, wodurch auch kleine Kopfbänder überkreuzt werden müssten. Die Originalaufnahme könnte das natürlich beantworten.

      Gleiche Felder kommen doch oft nebeneinander vor! Allein beim schon sehr unregelmässig wirkenden Haus Waaggasse 11 kann man dies feststellen. Und speziell bei der Hinteren Beckschlagergasse 22 erscheint die Reihung sogar sehr ausgeprägt, wenn man das 1. Obergeschoss beobachtet. Allein schon aus diesem Grund würde ich dieses Haus jünger als die mit ihm verwandte Waaggasse 11 einschätzen.
    • Also an der Waaggasse 11 kann ich keine exakt zwei gleichen Felder nebeneinander entdecken, hilf mir doch mal.

      Bei dem besagten Feld der Hinteren Beckschlagergasse 22 könnte ich es mir jedoch durchaus vorstellen, zumal das Fehlen des Mittelpfostens ab dem Brustriegel darauf hinweisen könnte, daß ursprünglich auch nur ein Fenster in der Mitte vorhanden war.

      Ich werde nun noch in das Buch "Fachwerk in Franken vor 1600 - eine Bestandsaufnahme" von Konrad Bedal hineinschauen, da müßte sich auch etwas zum Thema finden. Aber ich komme frühestens morgen dazu.
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    • Also exakt gleiche Wandfelder gibt es dort auch nicht, abgesehen von den vier Feldern der Eckstube im 2. Obergeschoss (wo ich vermute, dass der Fenstererker nachträglich angefügt worden ist). Aber immerhin wird die Verstrebungsart bei jedem Feld im 2. und 3. Obergeschoss angewendet, wo kein Fenstererker sitzt. Und das ist doch das Wesentliche; nicht, ob es ein oder zwei Fenster sind, oder ob ein Wandfeld ein bisschen breiter als das andere ist. Die Wiederholung eines solchen Standardfeldes sehen wir im 3. Obergeschoss viermal, und im 2. Obergeschoss (wenn man sich den Fenstererker weg denkt) sogar fünfmal.

      Somit verbleiben nur zwei unterschiedliche Wandfeldtypen:
      - Typ 1 mit kurzen Fuss- und evtl. Kopfbändern infolge Fenstererker
      - Typ 2 mit Kreuzverstrebung
      (rechts gibt es noch zwei Wandfelder ohne Verstrebungen; spätere Abänderung?



      Waaggasse 11

      Man könnte nun diese Feststellung als weitere Arbeitshypothese an anderen Gebäuden nachprüfen, z.B. am Pilatushaus. Auch dort kommt man auf zwei Wandfeldtypen. Diese Feststellung habe ich gestern Abend auch bei ersten Zeichnungsarbeiten zu Wunderburggasse 19 gemacht.

      Am Abend werde ich eine Betrachtung von Obstmarkt 1 einstellen; vielleicht stimmt's auch dort? :wink:

      The post was edited 1 time, last by Riegel ().

    • ... aber zwischenrein noch mein überraschender Fund einer Kreuzverstrebung, die es noch gibt! Mein eigenes Foto, aus der Nürnberg-Galerie - Irrerstraße 9! Da kann man auch mal vor Ort in Ruhe schauen und es bietet sich die Perspektive, Dendro-Daten zu gewinnen.



      Foto: baukunst-nuernberg.de

      Jetzt habe ich es verzerrt:



      Denkmalliste: "Ehem. Handwerkerhaus, später Gasthaus, dreigeschossiger breiter Traufseitbau mit Satteldach und Schleppgauben, Erdgeschoss Sandstein verputzt, Obergeschosse freigelegtes Fachwerk, im Kern 2. Hälfte 15. Jh., Aufstockung des 2. Obergeschosses wohl um 1500, Umbau um 1672 (bez.)."

      Mir wirft es allerdings einige Fragen auf, vielleicht kannst Du es mal analysieren.

      Meine persönlichen Recherchen haben ergeben, daß das "Nürnberger K", die von Dir beschriebene, wohl charakteristischste Konstruktion des Nürnberger Fachwerks, erstmals im 1. Jahrzehnt des 16. Jh. nachweisbar ist. Warum die "X-Verstrebung" in Nürnberg so selten ist, obwohl sie in Franken doch häufiger auftaucht, ist nicht geklärt. Ich werde das aber demnächst mal mit den hiesigen "Eggsbäddn" diskutieren.
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    • Zwischenergebnis unserer Fundstellen gekreuzter Streben:

      Waaggasse 11
      Wunderburggasse 19
      Wunderburggasse, Eckhaus neben Nr. 5
      Hintere Beckschlagergasse 22
      Bindergasse/Ecke Obstmarkt, "Zum Gläsernen Himmel"
      Hans-Sachs-Gasse, altes Hans-Sachs-Haus
      Spitalplatz Ecke Hans-Sachs/Ebnersgasse
      Irrerstraße 9
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    • Ob das Haus Irrerstr. 9 in nächster Zeit dendrochronologisch datierbar ist? Wohl kaum, es scheint erst vor kurzem renoviert worden zu sein, und zudem birgt es eine Hotelnutzung. Von daher dürfte infolge Schallschutzmassnahmen im Innern keine historische Bausubstanz freiliegen. Aber ich bin froh, jetzt wenigstens ein Objekt zu kennen, welches bezüglich Details 1:1 betrachtbar ist!

      Bei meiner Suche nach den ältesten datierten K-Streben bin ich auf die mehrgeschossigen Dacherker der Mauthalle (1498/1502) gestossen (nach dem Krieg in Massivbauweise erneuert). Ob sie ursprünglich waren oder eine spätere Ergänzung, weiss ich allerdings nicht.

      Die Beantwortung der Frage, weshalb in Nürnberg die X-Verstrebung so selten ist, müsste man geographisch wohl weiträumig angehen. Aber ich denke, dass sie effektiv eine Vorform der K-Verstrebung war, und nur eine Übergangsform darstellte.

      Im Artikel von E. Mulzer wird noch Mittlere Kreuzgasse 14 erwähnt.
    • Obstmarkt 1


      Beim zuletzt eingehend untersuchten Objekt, Prechtelgasse 10, habe ich auf die doppelten Fussbänder hingewiesen. Nun möchte ich diese spezielle Verstrebungsart am (ebenfalls zerstörten) Eckhaus am Obstmarkt 1 vorstellen. Ich denke, dass es sich hierbei um eine ältere Form als bei Wunderburggasse 19 handelt, wo eine Kreuzverstrebung mit Fuss- und Kopfbändern kombiniert ist.

      . . 41
      links: Traufseite gegen Süden; rechts: Giebelseite gegen Osten, Chor der Frauenkirche (nicht von St. Sebald!)
      (Quelle: bildindex der Kunst und Architektur)



      Bauweise:

      Über einem gemauerten Erdgeschoss (um 1900 verändert?) folgen drei in sich abgezimmerte Fachwerkobergeschosse und zwei Dachgeschosse. Das Fachwerk ist, im Gegensatz zur regelmässigen Fensterteilung, unregelmässig gegliedert. Die markante Pfostengliederung mit vielen Fuss- und Kopfbändern übertönt optisch die klassizistische Fensterteilung.

      Das 1. Obergeschoss weist nur noch konstruktives Fachwerk auf; nicht einmal die ursprünglichen Eckpfosten sind vorhanden. Die Fenstergrösse steht in Kontrast mit dem Chörlein aus dem 18. Jahrhundert, sodass ich vermute, dass die Fensterteilung erst aus dem 19. Jahrhundert stammt.

      Gegen das nördlich angebaute Haus (rechts) ist das Gefüge über alle Stockwerke nicht mehr in Ordnung. Insbesondere wenn man den Fusspunkt des Dachorts betrachtet, sieht man, dass die Vollgeschosse ca. einen halben Meter breiter sind. Wahrscheinlich steht dies im Zusammenhang mit einem Neubau des Nachbarhauses, oder es befand sich einst ein schmales Gässchen (Ehgraben) zwischen beiden Gebäuden.

      Der Dacherker ist wohl eine spätere Zutat. Ob er der Renaissance (Ende 16. Jh.) oder der Neo-Renaissance (Ende 19. Jh.) entstammt, kann ich nicht beurteilen.


      Entzerrte und zusammengefügte Ausschnitte aus den ersten beiden Abbildungen


      Beschreibung


      Die Beschreibung der konstruktiven Merkmale soll hier nach dem Muster von Waaggasse 7 geschossweise in Stichworten erfolgen:

      Erdgeschoss:
      - massiv
      - Balkenlage auf Mauerwerk aufliegend, nicht auf Schwelle, in Gebäudetiefe verlaufend
      - Balkenabstand eng (11 Felder), evtl. mit längslaufenden Bohlen gefüllt?

      1. Obergeschoss:

      - auf beiden Seiten nur konstruktives Fachwerk des 19./evtl. 18. Jh's.
      - im Rähm links und rechts des Erkers erkennt man auf dieser Abbildung je zwei Blattsassen einstiger sehr breiter Kopfbänder, deren Lage eine Teilung der Fassade mit zwei Bundpfosten wie im 2. und 3. Obergeschoss belegt
      - auf Grund der Breite der Kopfbandsassen ursprünglich wohl Fenstererker am 1. Obergeschoss
      - Anschluss gegen Norden unklar
      - Balkenlageabstand eng (11 Felder), evtl. mit längslaufenden Bohlen gefüllt?

      2. Obergeschoss:
      - relativ enge Pfostenstellung ohne Berücksichtigung der Balkenlage
      - Pfostenstellung gibt die innere Grundrissstruktur nicht offensichtlich wieder
      - Verstrebung zu jeder Seite der Pfosten mit je zwei angeblatteten Fussbändern und einem angeblattetem Kopfband
      - Ausnahme: am linken Bundpfosten der Giebelwand nur je ein angeblattetes Fussband!
      - Brustriegel ursprünglich wohl durchgehend, auch zwischen Fussbändern und Pfosten
      - Anschluss gegen Norden unklar
      - Balkenlageabstand eng (11 Felder), evtl. mit längslaufenden Bohlen gefüllt?

      3. Obergeschoss:

      - relativ enge Pfostenstellung ohne Berücksichtigung der Balkenlage, an der Giebelfassade ein Bundpfosten gegenüber dem unteren versetzt
      - Pfostenstellung gibt die innere Grundrissstruktur nicht offensichtlich wieder
      - Verstrebung zu jeder Seite der Pfosten mit teils einem oder zwei angeblatteten Fussbändern und einem angeblattetem Kopfband
      - Brustriegel durchgehend, auch zwischen Fussbändern und Pfosten
      - Balkenlageabstand nur noch relativ eng (10 Felder), kaum mit längslaufenden Bohlen gefüllt
      - Anschluss gegen Norden unklar, aber unter dem Traufpunkt ein Pfosten

      1. Dachgeschoss:

      - zwei stehende Stuhlpfosten mit je einem angeblatteten Steig- und einem Fussband
      - ein Bundpfosten, beidseits mit angeblatteten Fuss- und Kopfbänder

      2. Dachgeschoss:

      - Schwelle über Kehlbalken
      - Streben an Fensterpfosten angelehnt, Verbindungsart unklar


      Verstrebung:

      Die Verstrebung der Vollgeschosse erfolgt ausschliesslich mit angeblatteten Fuss- und Kopfbändern. An allen Eckständern sind zudem zwei Fussbänder übereinander angeordnet, an den Bundständern hingegen nur teilweise. Diese Unterscheidung folgt offenbar nach einem Muster: an der Traufseite (Hauptfassade) ist im 2. Obergeschoss an jedem Pfosten eine Verdoppelung der Fussbänder vorhanden, im 3. Obergeschoss hingegen nur an den Eckpfosten, nicht aber an den Bundpfosten (da die Bundpfosten nicht in Bezug zu den Balkenlagen stehen, vermute ich, dass nur ein Raum die Hausbreite einnahm). An der Giebelseite ist keine Unterscheidung nach Geschossen auszumachen, dafür aber vermutlich nach der dahinterliegenden Raumaufteilung. Je die linken beiden Bundständer dürften sich in Raummitte befinden, und demnach nur mit einem Fussband pro Seite ausgesteift worden sein.


      Fenstererker:

      Anzeichen von Fenstererkern gibt es, ausser evtl. am 1. Obergeschoss, keine. Insbesondere am 2. und 3. Obergeschoss scheinen überall die originalen, fassadenbündigen Brustriegel oder Teile davon überdauert zu haben (ein nachträgliches Zurückschroten ist unwahrscheinlich). Das Anblatten von über die Brusthöhe reichenden Fussbändern am Schluss des Aufrichtens, also nach der Anbringung der vorstehenden Brustriegel, wäre unmöglich; es sei denn, dass die Erkersimsen nachträglich auf fassadenbündige Brustriegel angebracht worden wären.

      Die Blattsassen im Rähm des 1. Obergeschosses auf der Südseite sind viel breiter als die Kopfbüge der oberen Geschosse. Dies könnte ein Hinweis auf einst dort vorhanden gewesene Fenstererker sein. Beim Grolandhaus und Waaggasse 7 konnte man diese Unterscheidung in der Breite (und in der Länge) der Büge auch feststellen.


      Dachstuhl:

      Gemäss den Pfosten in der Giebelwand unter den Mittelpfetten handelt es sich um einen stehenden Dachstuhl. Ich weiss aber nicht, ob in Nürnberg auch Mischformen vorkamen (d.h. stehende Binder in den Giebelwänden, liegende Binder im Dachinnern).


      Fazit:

      Eine Datierung dieses Fachwerktyps nehme ich noch nicht vor. Es gibt noch andere Typen mit Fuss- und Kopfbändern, welche zuerst einer Betrachtung und anschliessendem Vergleich untereinander bedürfen. Hier interessiert zuerst viel mehr, nach welchem Muster die Bänder, einfache oder doppelte Fussbänder, verteilt sind. Hinsichtlich dieser Frage sollen weitere ähnliche Bauten wie Am Ölberg 1 oder Prechtelsgasse 10 miteinander verglichen werden.

      Die Bund- und Eckpfosten stehen im Gegensatz zu den bisher betrachteten Fachwerkbauten ziemlich nah beieinander, was im alemannischen Fachwerk atypisch ist. Im württembergischen Einzugsgebiet des alemannischen Fachwerkbaus kann dies öfters beobachtet werden, ebenso die Verdoppelung der Fussbänder. Das Esslinger Rathaus ist das bekannteste Beispiel hierfür.

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