Zerstörungen des 2. Weltkriegs in Polen

  • Quote from "Philon"


    Das mag für die Normalfälle richtig sein, in denen das Neue zum Alten lediglich noch dazukam. Unsere Situation in Deutschland ist aber, daß der alliierte Bombenkrieg gegen Zivilbevölkerung und Kulturgüter die Altstädte praktisch aller größerer und unzähliger kleinerer Städte ausradiert hat.
    Das ist eine historisch absolut einmalige Situation des Totalverlusts der steingewordenen kulturellen Identität einer ganzen Nation, auf die es nur eine Antwort geben kann: Wiedergewinnung des Verlorenen und Vernichteten durch Rekonstruktion.


    Na ganz einmalig sicher nicht. Man bedenke das den Polen nicht nur ihre Städte zerstört wurden sondern vorsätzlich auch ihr kulturelles Gedächtnis (Bibliotheken) ausgelöscht, ihre Eliten umgebracht wurden und sie einen Teil ihres Staatsgebietes gegen ein weitgehend fremdes eintauschen mußten. Die kulturelle Identität der Polen hat in einer Weise gelitten wie wir und das wahrscheinlich gar nicht vorstellen können. Deshalb ja dort der starke Wille zur Rekonstruktion, der quasi der Wiederbaufbau der Nation war.
    Entschuldigung für die Abschweifung.

  • Quote

    Man bedenke das den Polen nicht nur ihre Städte zerstört wurden


    Ich kenne mich zwar mit polnischer Geschichte nicht besonders gut aus, aber welche größere polnische Stadt außer Warschau wurde denn im 2. Wk zerstört??? Lublin, Krakau, Radom, Lodz, Rszeszów und Posen sind meines Wissens praktisch unversehrt und die zerstörten deutsche Städte wie Danzig, Breslau, Stettin usw., die nach dem Krieg an Polen fielen, wird man wohl kaum als polnisches Kulturerbe begreifen können.

  • Quote from "Philon"

    Ich kenne mich zwar mit polnischer Geschichte nicht besonders gut aus, aber welche größere polnische Stadt außer Warschau wurde denn im 2. Wk zerstört??? Lublin, Krakau, Radom, Lodz, Rszeszów und Posen sind meines Wissens praktisch unversehrt und die zerstörten deutsche Städte wie Danzig, Breslau, Stettin usw., die nach dem Krieg an Polen fielen, wird man wohl kaum als polnisches Kulturerbe begreifen können.


    @ Philon


    Da hast du zumindest teilweise Recht! Man könnte Bromberg, Lemberg und Thorn dazurechnen. Posen wurde aber stark zerstört. Man sollte aber nicht vergessen, dass Polen einige, für die polnische Geschichte sehr wichtige, Städte verloren hat: Wilna, Lemberg und Grodno. Vor allem Lemberg ist eine unglaublich interessante Stadt - ein zweites Krakau.


    Quote

    Na ganz einmalig sicher nicht. Man bedenke das den Polen nicht nur ihre Städte zerstört wurden sondern vorsätzlich auch ihr kulturelles Gedächtnis (Bibliotheken) ausgelöscht, ihre Eliten umgebracht wurden und sie einen Teil ihres Staatsgebietes gegen ein weitgehend fremdes eintauschen mußten. Die kulturelle Identität der Polen hat in einer Weise gelitten wie wir und das wahrscheinlich gar nicht vorstellen können


    Völlige zustimmung. Sofort nach dem Überfall in 1939 wurden zehntausende Intellektuelle von den Deutschen ermordert. Die 3 Millionen polnischen Juden fehlen ja auch - darunter waren grosse teile der Intelligenz. Das gilt übrigens auch für die ehemalige Sowjetunion, wo unzählige Städte zerstört wurden: Vitebsk, Smolensk, Kiew, Sewastopol, Kharkow usw. Was die Deutschen in Osteuropa zwischen 1939 und 1945 angerichtet haben ist einfach unbegreiflich. Der Ausmass der ungeheuerlichkeiten ist immens. Aber das ist natürlich off-topic. Was Deutschland betrifft: natürlich kann man und darf man zerstörte Bauwerke rekonstruieren. Ich möchte nicht auf das Schloss Charlottenburg, die Frauenkirche und die Alte Waage in Braunschweig verzichten.


    Quote

    DrZott hat Folgendes geschrieben:


    Es ist richtig, man hat zur Barockzeit nicht im Stil der Gotik gebaut - weißt du warum? Weil die damals neuen Bauten den "ersetzten" Altbauten in architektonischer Hinsicht gleichwertig bzw. nicht selten selten überlegen waren.


    Es gibt einige Beispiele für Neo-Gotik aus dem 18 JH....

    Unsere große Aufmerksamkeit für die Belange des Denkmalschutzes ist bekannt, aber weder ökonomisch noch kulturhistorisch lässt es sich vertreten, aus jedem alten Gebäude ein Museum zu machen. E. Honecker

  • Quote

    Da hast du zumindest teilweise Recht! Man könnte Bromberg, Lemberg und Thorn dazurechnen. Posen wurde aber stark zerstört.


    Eben! Daß allerdings Posen stark zerstört wurde, schien mir nach den Fotos, die ich gesehen hatte nicht der Fall. Aber offenbar hast du Recht und es handelt sich großen Teils um Rekos. Posen ist aber insofern auch wieder ein Sonderfall, als es von den Alliierten als "deutsche Stadt" bombardiert wurde, obwohl nicht mal ein Drittel der Bevölkerung deutsch war.


    Quote

    Man sollte aber nicht vergessen, dass Polen einige, für die polnische Geschichte sehr wichtige, Städte verloren hat: Wilna, Lemberg und Grodno.


    Richtig (bis auf Wilna, das kulturell und ethnisch immer eine durchweg litauische Stadt war), aber die wurden eben nicht zerstört, sondern gingen durch Annexion verloren. Ich habe mich ja nur auf Karaseks Aussage bezogen, Polens Städte seien in derselben Dimension zerstört worden wie die deutschen.
    Ich würde so umgekehrt eher sagen, Polen war eines der Länder, dessen Städte - immer mit Ausnahme Warschaus - sogar am wenigsten stark zerstört wurden. (Nord-)Frankreich hat es da wesentlich härter getroffen, von der Sowjetunion ganz zu schweigen.

  • @ Philon,


    yep - um so bitterer muss der Verlust von Lemberg, Wilna und Grodno sein... Ich glaube nicht, dass die Polen mit der Westverschiebung aus Städtebaulicher Sicht zufrieden sein können: Ausgerechnet der am stärksten zerstörten Teil des Reiches haben sie bekommon (Ausnahme: Teile Schlesiens). Wer die Städte in Pommern, Ostbrandenburg und Ostpreussen kennt, wird es auch so sehen.


    Ich meine gelesen zu haben, dass Danzig auch von den Briten bombardiert wurde. Weiss jemand, ob es stimmt?

    Unsere große Aufmerksamkeit für die Belange des Denkmalschutzes ist bekannt, aber weder ökonomisch noch kulturhistorisch lässt es sich vertreten, aus jedem alten Gebäude ein Museum zu machen. E. Honecker

  • Quote

    Ich meine gelesen zu haben, dass Danzig auch von den Briten bombardiert wurde. Weiss jemand, ob es stimmt?


    Ja, wurde es. Die größeren Zerstörungen haben aber sowjetische Truppen nach der Einnahme angerichtet, die nämlich die durch die Bombenangriffe nur mäßig beschädigte Stadt geplündert und danach mehr oder weniger niedergebrannt haben (übrigens genauso wie Frankfurt an der Oder).

  • Quote

    Ich habe mich ja nur auf Karaseks Aussage bezogen, Polens Städte seien in derselben Dimension zerstört worden wie die deutschen.
    Ich würde so umgekehrt eher sagen, Polen war eines der Länder, dessen Städte - immer mit Ausnahme Warschaus - sogar am wenigsten stark zerstört wurden. (Nord-)Frankreich hat es da wesentlich härter getroffen, von der Sowjetunion ganz zu schweigen.


    Interessant ist auch, dass Warschau vor allem von ukrainischen SS-Verbaenden zerstoert wurde-waehrend die Russen (Sowjets) vor der Stadt lagen und warteten, bis sie unter dt. Oberbefehl ganz zerstoert worden war, um sie dann einzunehmen. Anscheinend entlud sich auch hier ein unvorstellbarer Voelkerhass.
    Jedenfalls ist die Zerstoerung Warschaus sehr bedauernswert, nicht nur menschlich und kunstgeschichtlich, sondern auch, weil sie von den Polen (und deren deutschen und uebrigen Sympathisanten) immer wieder als Inbegriff deutscher Kriegsverbrechen gilt. Und so auch politisch genutzt wird.
    In Nordfrankreich ist es interessant, dass selbst in den schlimmsten Kampfzonen des 1. Weltkrieges viele Staedte nur teilweise zerstoert wurden. Das gilt z. B. fuer Lille, Arras, St. Omer, Laon, Soissons, Reims, Amiens, Metz und selbst Verdun(!) In allen diesen Staedten stand ein bedeutender Teil der Bausubstanz noch. Viel der zerstoerten wurde spaeter rekonstruiert. Totalzerstoert waren z. B. Ypern und Diksmuide in Belgien. Aber Veurne und Poperinge standen erstaunlicherweise noch.
    Der unterschied zu den Luftangriffen im 2. Weltkrieg war, dass diese sich ganz gezielt gegen die historischen Stadtzentren und deren Einwohnern richtete. Und da hat es nur eine Kampagne in den Dimensionen einer fuenfjaehrigen ununterbrochenen Angriffsfolge gegeben, die immer weiter perfektioniert wurde: den anglo-amerikanischen Luftkrieg gegen Deutschland. Deshalb wurden die deutschen Staedte am meisten zerstoert.

  • >>bis auf Wilna, das kulturell und ethnisch immer eine durchweg litauische Stadt war<<


    Das wage ich aber mal sehr zu bezweifeln. Richtig ist zwar, daß es immer einen gewissen litauischen Bevölkerungsteil in Wilna gegeben hat (ebenso wie einen polnisch-kaschubischen in Danzig), prägend für die kulturellen und wirtschaftlichen Belange waren seit Ausgang des Mittelalters jedoch hauptsächlich Polen und Juden. Mag sein, daß der Großteil der polnischsprachigen Einwohnerschaft aus Nachfahren "bekehrter" Litauer u.a. Ureinwohner bestand, jedoch kann derlei Argument auch auf fast ganz Ostpreußen angewendet werden.

    Nein, die werden gedünstet

  • Quote from "Wissmut"

    >>bis auf Wilna, das kulturell und ethnisch immer eine durchweg litauische Stadt war<<


    Das wage ich aber mal sehr zu bezweifeln. Richtig ist zwar, daß es immer einen gewissen litauischen Bevölkerungsteil in Wilna gegeben hat (ebenso wie einen polnisch-kaschubischen in Danzig), prägend für die kulturellen und wirtschaftlichen Belange waren seit Ausgang des Mittelalters jedoch hauptsächlich Polen und Juden. Mag sein, daß der Großteil der polnischsprachigen Einwohnerschaft aus Nachfahren "bekehrter" Litauer u.a. Ureinwohner bestand, jedoch kann derlei Argument auch auf fast ganz Ostpreußen angewendet werden.


    So ist es. Das Gebiet ausserhalb der Stadt war aber überwiegend Litauisch - erst nach 1920 erhöhte sich der Polnische Anteil sehr stark. Als ich in Wilna war, gab es viele polnische Touristen - oft waren es Vertriebene. Die Stadt hat aber noch polnische Kirchen (und ist auf jedem Fall ein Besuch wert).

    Unsere große Aufmerksamkeit für die Belange des Denkmalschutzes ist bekannt, aber weder ökonomisch noch kulturhistorisch lässt es sich vertreten, aus jedem alten Gebäude ein Museum zu machen. E. Honecker

  • Ja, in Wilna waren die Litauer vor dem 2. Weltkrieg nur eine Minderheit. Das mehrheitlich polnische Lemberg hatte ebenfalls ein mehrheitlich nicht-polnisches, d. h. ukrainisches Umland, war also eine polnische Sprachinsel. Insgesamt stellten die Polen innerhalb ihrer verlorenen Ostgebiete allerdings bei weitem nicht die Bevölkerungsmehrheit.

    "Meistens belehrt uns der Verlust über den Wert der Dinge."
    Arthur Schopenhauer

  • Das ist richtig, laut offizieller Statistik etwa 35 %, realistischerweise eher unter 30 %.


    Sprachinseln wie Brüssel erscheinen uns heute sehr seltsam, waren früher aber ziemlich verbreitet, beispielsweise waren Metz, Brünn oder Maribor/Marburg deutsche Sprachinseln.

  • Äh...Metz ? Mal kurz. Aber du hast Recht - allerdings sind sie zum gewichtigen Teil für den Zusammenbruch der Ordnungen verantwortlich, die ihr Entstehen begünstigt haben. Ich denke hierbei an die ethnische Halbinsel Danzig oder eine der historisch mißverstandensten Städte Europas, nämlich Prag. Nationalismus und Sozialismus haben sie weitgehend erlegt.



    Aber keine Sorge, die Sprachinseln kommen wieder. Auch bei uns.

    Nein, die werden gedünstet

  • Eine Frage, das Stadttheater von Seeling in Bromberg: Wurde es im 2. Weltkrieg oder danach zerstört? Konnte absolut nichts dazu finden.

  • Ich kann kein Polnisch, aber in der Englischen Version des Wikipedia-Eintrags steht, dass das Theater ab der Saison 1944/45 geschlossen war. Anfang 1945 - im Kampf um die Stadt - wurde es mit Brandmunition beschossen, weil dort Sowjetische Soldaten untergebracht waren. Das Gebäude brannte aus und wurde 1946 abgerissen. Ein neues Theater wurde an anderer Stelle gebaut.


    Das Theater 1900

    Quelle: Wikipedia


    Die ausgebrannte Ruine


    Abrissarbeiten 1946

    Quelle beider Bilder

  • Bromberg gehörte seit 1920 zum polnischen Staat. Das Stadttheater war fortan ein Zentrum des polnischen Kulturlebens.


    Die Kämpfe um die Befreiung der Stadt begannen am 22. Januar 1945 mit einem Vorstoß sowjetischer Panzertruppen, der raschen Erfolg hatte. Straßenkämpfe, an denen auch polnische Einheiten beteiligt waren, zogen sich bis zum 27. Januar 1945 hin. Die Zerstörungen in der Stadt durch Kampfhandlungen waren relativ gering. Das Stadttheater wurde durch Artilleriebeschuss beschädigt. Danach (vielleicht einige Tage später?) brannte es aus. Der Brand wurde mutmaßlich durch Angehörige der Roten Armee verursacht. Die Ruine hätte man wiederaufbauen können, heißt es in der polnischen Wikipedia. Aber die polnische Stadtverwaltung beschloss den Abriss, der bereits im Frühjahr 1946 erfolgte. Der Standort des einstigen Stadttheaters wurde als Grünfläche gestaltet und ist Teil des Theaterplatzes (Plac Teatralny). Ein neues Theater wurde bereits 1948/49 erbaut, aber an einem anderen Standort. Es war der erste Theaterneubau in Polen nach dem Krieg. Das schlichte Gebäude wurde Polnisches Theater (Teatr Polski) genannt.


    Es ist schade, dass das Stadttheater von Seeling zerstört und nicht wiederaufgebaut wurde. In Bromberg hätten die Polen an die Zwischenkriegszeit anknüpfen können. Der Neubau des Polnischen Theaters innerhalb kürzester Zeit dürfte nationalistisch motiviert gewesen sein.

  • Nachtrag: Da war classica etwas schneller. Ja, in der englischen Wikipedia steht das so, ergibt aber keinen rechten Sinn. Meine Angaben beruhen auf der polnischen Wikipedia. Also vermutlich Schäden durch Beschuss und nachfolgend durch Brand, wobei die Ereignisse zeitlich nicht unmittelbar aufeinander folgen und nicht kausal miteinander zusammenhängen müssen. Wenn es Brandstiftung durch die Russen gewesen sein sollte (laut deutscher Wikipedia war das so), dann hat man dies hinterher natürlich lieber verschleiert.


    Bromberg (Bydgoszcz), Einzug polnischer Truppen unter General Józef Dowbor-Muśnicki am 20. Januar 1920, im Hintergrund das Stadttheater

    (Foto: Narodowe Archiwum Cyfrowe / Digitales Nationalarchiv, CC0)


    Das Foto steht symbolisch für den Übergang Brombergs an die Republik Polen aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrages. Ich finde interessant, dass der unbekannte Fotograf das Stadttheater als Hintergrundmotiv wählte. Der an der Spitze reitende General Dowbor-Muśnicki war Oberbefehlshaber der polnischen Streitkräfte in den von Preußen zurückgewonnenen Teilen Polens.


    Ein kleiner Trost: Vor dem Polnischen Theater steht heute die "Bogenspannerin", eine Bronzeplastik von Ferdinand Lepcke aus dem Jahr 1910, die ursprünglich unweit des Stadttheaters aufgestellt war. Auf dem letzten Foto von classica ist sie neben der Theaterruine zu sehen.


    Bromberg, Polnisches Theater (1948/49), davor die Bogenspannerin von Ferdinand Lepcke (1910) (Foto: Pit1233, Oktober 2013, CC0)


    Ein Zweitguss der Bogenspannerin steht im Kolonnadenhof der Berliner Museumsinsel.

  • Dass es sich um einen Seeling-Bau handelt, sieht man sofort, die Parallelen zu seinem Frankfurter Schauspielhaus sind evident (sofern das auf diesem Strang nicht schon jemand zuvor bemerkt hat).