Nürnberg - Augustinerhof

  • Warum gelingt es so wenigen Architekten, sich gerade beim Bauen in der Altstadt von ortstypischen Elementen inspirieren zu lassen???

    Weil das mit nationalen und internationalen Wettbewerben verhindert wird. Schon vor 100 Jahren, wenn überregionale Gesellschaften in Nürnberg gebaut haben haben die einen internationalen Stil verwirklicht. Das heute hoch wertvolle kaufhaus Tietz, heute Wöhrl am Weißen Turm, ist ein gutes beispiel dafür. Nur hat man damals eben auch überall repräsentativ und wertvoll gebaut. Heute ist das freilich nicht so, umso wichtiger wäre es ortsangepasst zu bauen, wenn man schon nicht hochwertig gestalten will.

  • Das Jahn-Projekt wäre zumindest interessanter gewesen als die 0815-Investorenarchitektur, die da jetzt gebaut wird.Ich verstehe auch nicht wirklich das Agieren der Altstadtfreunde in der ganzen Sache: Gegen das Jahn-Projekt hat man voll mobilisiert - und es mit Erfolg verhindert -, aber gegen den ungleich schlechteren alpha-Gruppe-Bau haben die AF keinen Finger gerührt

    Ja, mit dem Abwenden der "Aufgeplatzten Bratwurst" waren die Altstadtfreunde sehr erfolgreich. Später, als es um die Verhinderung der Verschandelung des Luitpoldhauses ging, war aller Protest vergebens. Auch die Rathaussalausmalung hat nicht geklappt. Und am Pellerhaus hat man mit dem Hof bisher nur einen Teilerfolg errungen.


    Warum also haben die AF nichts gegen die Neubebauung am Augustinerhofgelände unternommen? Ich weiß es nicht, aber ich kann es mir denken: Erstens: Bei allen zuletzt fehlgeschlagenen Vorhaben hatte man es mit der öffentlichen Hand als Gegner zu tun. Das Luitpoldhaus war ein Prestigeprojekt der Stadt (neue Stadtbibliothek), die Rathaussaalausmalung wollte ebenfalls die Stadt und ihr Kulturbetrieb verhindern. Und jetzt beim Augustinerhofgelände? Da kam recht bald der Freistaat ins Spiel, der Nürnberg dort ein prestigeträchtiges Museum spendieren will. Sich dem entgegenzustellen ist recht wagemutig. Beim Jahn-Entwurf ging es "nur" um einen privaten Investor. Zweitens: Die ersten Entwürfe für den Augustinerhof waren noch erdfarben dominiert, und nicht grau. Mit mehr Fenstern, also durchaus weniger kritikwürdig wie der jetzt realisierte Bau. Man war sogar recht zufrieden mit dem damaligen Ausgang des Wettbewerbes, wenn ich mich recht erinnere. Im Nachbarforum kann man die Metamorphose der Entwürfe noch gut nachverfolgen. Drittens: Die Nürnberger waren mit der jahrelangen Brache als kostenpflichtiger Parkplatz ziemlich unglücklich. Und den Altstadtfreunden schrieb man dies zu, sie hätte damals verhindert dass hier etwas neues entstehe, stattdessen sei da nun nichts. Viertens: Einen Abriss zu verhindern ist nochmal was andres als die Bebauung einer schmerzhaften Brache zu verhindern. Da wird dann gerufen: Ja legt doch selbst einen Entwurf vor, oder kauft es selbst usw. usf. So unsachlich wird es dann.
    Summa summarum kann ich persönlich also gut nachvollziehen dass man gegen die Entwicklungen am Augustinerhof öffentlich nichts unternommen hat, sondern versuchte in den Gremien und Entscheidungen ein bisschen mitzubestimmen. Es gab einfach andere Kämpfe, die zu kämpfen waren.

  • Gestern (12. Januar 2020) habe ich ein paar Bilder vom Baufortschritt am Augustinerareal gemacht. Die Bilder sind eher spontan mit dem Mobilfon in der Dämmerung entstanden und von entsprechender Qualität, zeigen das Areal aber aktuell und aus allen möglichen Richtungen.


    Blick von der Ecke Augustinerstraße / Karlstraße nach Südosten, entlang der südlichen Bebauung der Augustinerstraße mit dem entrüsteten Flügel des Neubaus und einigen Altstadtresten in der Fortsetzung:


    Blick von der nördlichen Karlsbrücke, die die Trödelmarktinsel mit der Sebalder Altstadt verbindet, nach Norden, entlang der Karlstraße:



    Detail der Südfassade:


    Blick von der nördlichen Karlsbrücke nach Nordosten, über die Pegnitz auf das Neubauareal:


    Blick von der nördlichen Karsbrücke nach Osten über den nördlichen Pegnitzarm zum Schleifersteg, mit Neubau links und Trödelmarktinsel rechts:


    Blick in entgegengesetzter Richtung, vom Schleifersteg nach Westen auf den nördlichen Pegnitzarm, mit Trödelmarktinsel links, nördlicher Karlsbrücke geradeaus und Neubau rechts:


    Blick durch die Winklerstraße nach Norden, links der Neubau, rechts beim angeschnittenen gelben Eckhaus die Einmündung der Tuchgasse:


    Blick von der Tuchgasse nach Westen auf den Neubau, rechts wiederum das gelbe Eckhaus:


    Blick durch die Tuchgasse nach Westen auf den Neubau, vom Hauptmarkt aus:

  • Das Areal bei GoogleMaps aus der Luft:

    https://www.google.com/maps/pl…3d49.4521018!4d11.0766654


    Geht man hinein, sieht man verschiedene Zeitschichten des Areals, so z.B. die Nutzung als Parkplatz...

    https://www.google.com/maps/@4…DcPSRg!2e0!7i13312!8i6656


    ...ohne die Vorbebauung an der südöstlichen Ecke von Karlstraße/ Augustinerstraße:

    https://www.google.com/maps/@4…u2Nj5A!2e0!7i13312!8i6656


    ...und einmal mit der alten Vorbebauung:

    https://www.google.com/maps/@4…1drcJw!2e0!7i13312!8i6656

  • Leider gibt es bei Button "Reagieren" kein "Zum Erbrechen", obwohl das noch freundlich wäre für so eine archtitektonische Minderleistung. Aber immerhin fügt sich dieser scheinbar mehrmals zusammengeklebte Pappkarton in das restliche Ensemble Gruselkabinett nahtlos ein...Nürnberg ist wirklich eine Stadt zum Abgewöhnen. Einmal Nürnberg im Leben hat mir vollends gereicht. Wenn ich von Leipzig nach Wien mit dem Zug fahre und regelmäßig in N umsteigen muss, dann tun mir immer die amerikanischen und asiatischen Touristen leid, wenn sie ihre wertvolle Zeit dort verschwenden und nicht weiter nach Regensburg oder Bamberg mehr fahren können...

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Auch hier sieht man Bauhaus-Einfluss. Der Architekt hat eben ein wenig der altbekannten Kästchen-Ornamentik von Piet Mondrian übernommen und diese nun monochrom übertüncht. Und dies in einen pseudo-traditionellen Kontext eingepasst (spitzes Dach, aber viel zu flach und ohne Giebel). Das kommt aber heraus, wenn bei den verantwortlichen Politikern und der Bauverwaltung kein Wille zur Bewahrung des Nürnberger Ensemble-Bildes vorhanden ist. Hier liegt die Hauptschuld.

  • Bauherren, die historisierend oder rekonstruktiv bauen möchten, sind leider die Ausnahme. Bauherren treffen bereits früh im Planungsstadium auf eine Stadtverwaltung, die das nicht fordert oder anregt, sondern ermuntert doch das baurechtlich mögliche herauszuholen um den Bauherren auch zu motivieren seinen Plan durchzuziehen. Letztlich bedeuten mehr Fläche auch mehr Steuern für das Stadtsäckel.


    Ebenso treffen die Bauherren auf Architekten, die ihnen oft jeden Gedanken an ortstypisches ausreden und Luftschlösser von schwebenden Dächern und transparenten Wänden aufschwatzen.


    Und zuletzt kommt natürlich der lukrative Ankermieter, der das Projekt pressewirksam puscht und ganz konkrete, aber selten ortstypische Gestaltungen forciert. Hier: Der Freistaat Bayern mit dem Zukunftsmuseum.


    Nur die wenigsten Bauherren sind dagegen resistent und haben eine konkrete, tragfähige Vision eines Neubaus, die der Tradition des Ortes gerecht wird. Diese Bauherren sind oft schon in Vereinen wie den Altstadtfreunden aktiv oder pflegen Kontakt, da passiert soetwas nicht, aber das ist halt die Ausnahme.


    Ich tröste mich etwas damit, dass das hätte auch schlimmer kommen können, dass dafür kein Fachwerkhaus platt gemacht wurde, dass die unsägliche Parkplatzsituation endlich vorbei ist, dass der Stadtraum durchaus elegant komplettiert und ergänzt wurde. Und auch, dass soetwas wie ein "Zukunftsmuseum" in der Nürnberger Altstadt Platz hat: Als versöhnliches Signal an all jene, die das ganze Fachwerk- und Butzenscheiben-Nürnberg als Ursache dafür sehen, dass die Stadt ewige bayerische Zweite ist, die Industrie niederging, der Club frustrierend kickt und wasweissich für Frust schieben, ist das ein gutes Totschlagargument. Ja, diese Nürnberger gibt es leider auch, und das weiß auch die Lokalpolitik.