Berlin - Unter den Linden

  • Es muss jetzt nicht vom Thema abgelenkt werden. Jeder macht mal einen Rechtschreibfehler. In diesem Forum haben ein paar Leute mehr Probleme damit, einige sind allerdings Ausländer, also keine Muttersprachler. Man könnte somit auch darüber witzeln, dass es Leute gibt, die sich nicht ordentlich kämmen, die rote Schnürsenkel tragen oder zu viel Coca-Cola trinken.


    Hier geht es aber um das Phänomen Graffiti, das massiv in das optische Erscheinungsbild der Städte und Landschaften eingreift. Das ist eine andere Hausnummer als kleine persönliche Fehler und Unzulänglichkeiten, die jeder von uns hat. Und dahinter steckt eine ganz bewusst agierende Mentalität der Destruktivität. Ich habe mich früher selbst mit aktiven Sprayern getroffen und war durchaus betroffen von den dort gehörten Begründungen. So fehlte jeder Respekt für fremdes Eigentum. Man besprühe ja nicht das Haus, um den Eigentümer zu ärgern, sondern es ginge darum, die Stadt "bunter" zu machen, wurde mir lächelnd erklärt. Ob der Eigentümer diese "Verschönerung" überhaupt wolle, spielte gar keine Rolle.


    Die "Broken-Windows-Theorie" ist nun wirklich fast jedem bekannt. In Berlin wird sie aber offenbar nur wenig konsequent umgesetzt.


    Zitat "Berliner Kurier":

    Quote

    „Wer Straftaten-Videos heroisch zeigt, macht sich der physischen Beihilfe zur Straftat schuldig“, sagt Medien-Anwalt Marcus Roscher. „Das kann bis zu drei Jahren Haft bestraft werden.“

    Das hier verlinkte Video ist aber nun schon zwei Jahre bei youtube mit hohen Zugriffszahlen, ohne dass es entfernt worden wäre. An Strafverfolgung derjenigen, die das eingestellt haben, mag ich da nicht so recht glauben.


    Sehr frustriert scheinen diese Crews jedenfalls nicht zu sein, sondern recht fidel, was das aktuelle Beispiel zeigt. Und, was gerne übersehen wird, die Entfernung kostet eine Menge Geld, das an anderer Stelle gut eingesetzt werden könnte.


    Die BVG zahlt wohl jährlich eine Million Euro für die Beseitigung (andere Quellen sprechen von drei Millionen), die Deutsche Bahn bei der Berliner S-Bahn sechs Millionen. Die Stadt Berlin gibt nach Angaben des "Spiegel" (Angaben allerdings von 2006) jährlich 50 Millionen Euro für die Graffiti-Entfernung aus. Man könnte antworten, dass das ja nur ein Zehntel der Sanierungskosten der Staatsoper seien. Aber, man bedenke, dass man mit diesem Geld die historischen Fassaden des Humboldt-Forums in ca. zwei Jahren locker aus der Portokasse hätte bezahlen können.

  • Für alle, die es interessiert: Graffiti ist ein Pluralwort. Man spricht also von "zwei Graffiti" aber "einem Graffito"... :-)

  • Graffiti ist viele einfach ``Kunst.``



    De eine mag Rambrandt oder Van Gogh, Max Liebermann oider Paul Klee, Monet, Renoir der ander mag Graffiti, so ist es num einmal.


    Dies leute betrachte, in diesem Fall Berlin, als Ihr "'Atelier "" oder ``Spielplatz``?


    Viele gehoeren zur progressiven Kuenstler Elite und betrachten Graffity auch als Ihr Wiederstand gegen unser Gesellschafs Ordnung der Unterdrueckung der Arbeiter usw. usw.


    Nur in Staedte wie Singapore oder Tokio sieht man dies tatsaechnicht, nicht.
    da gibt es eine andere Mentalitaet.


    Man kan sich streiten ob es schoen ist oder nicht, aber aendern laesst es sich nicht.


    Ja, man kann es uenrgens aendern aber dann braucht man an jeder Ecke ein Polizist, Tag und Nacht.

  • Ich hatte mal mit Freunden eine interessante Diskussion über Graffiti in Wien - die gibt es nämlich im Bereich der Innenstadt eher selten. Eine Wienerin erklärte uns, das läge an einer ganz anderen Kultur der Wertschätzung. Kindern und Jugendlichen wird mehr Respekt vor den Altbauten beigebracht und das wird größtenteils dann auch so übernommen. Ob das jetzt stimmt oder nicht - keine Ahnung. Aber auffällig ist es schon, dass die Graffiti-Dichte im Wiener Zentrum eher gering ist (wobei ich jetzt nicht sage, dass es gar keine gibt).

  • @van Dyk Was Aggro-TV darstellt hat m.E. GAR NICHTS mit Kunst zu tun! Es ist eine mutmaßliche gewollte Beschädigung fremden Eigentums um des Schaden willen! Mehr nicht! Man sieht schon mal Graffiti die technisch exzellent gemacht sind. So was sollte man aber weder an der Staatsbibliothek, Am Berliner Schloss oder sonst wo finden, ohne dass es mit dem Besitzer vorher abgesprochen wurde.

    Heilen ist besser als Wunden offenhalten!

  • Wenn es den Sprayer eine künstliche Aufwertung gelingt, beispielsweise eine graue Betonfassade aufzuhübschen alla Banksy gefällt mir diese Form von Guerillakunst schon. Aber was bringt es der Gesellschaft Fenster zuzusprühen? Und an Barockfassaden hat so ein Zeug gar nichts zu suchen, insbesondere da gute Graffiti-Künstler nur im Promillebereich zu finden sind.

  • Wenn wir schon beim Thema "Farbgebung" sind: Es ist bedauerlich, dass das Zeughaus wieder völlig ahistorisch angestrichen wurde. Gemäß dem 'Materialfetischismus' mancher Denkmalpfleger wurden alle geputzte Flächen in Rosarot gestrichen und die behauenen Profilsteine steinsichtig belassen. Im Barock hingegen waren alle Elemente farbig gefasst - und zwar nach der tektonischen Logik, ungeachtet ihres materiellen Beschaffenheit. Alle tragenden und lastenden Elemente, also die Sockelzone, die Pilaster und Säulen mit Basen, Schäften, Kapitellen, das Gebälk mit Architrav, Fried, Kranzgesims, die Balustrade besaßen dieselbe Farbe. Die Füllflächen dazwischen - oder auch aus Werkstein gearbeitete Ornamente - besaßen eine andere Farbe.
    Am Zeughaus schwimmen Pilaster, Basen, Schlusssteine irgendwie in der Wandfläche, manche Schäfte sind rosa, andere Naturstein. Man fragt sich wirklich, welche architekturgeschichtliche Ausbildung die Entscheidungsträger genossen haben.

    Nimm das Recht weg, was ist der Staat dann noch anderes als eine große Räuberbande? (Augustinus von Hippo)

  • Für alle, die es interessiert: Graffiti ist ein Pluralwort. Man spricht also von "zwei Graffiti" aber "einem Graffito".

    Korrektes Italienisch wäre zu viel der Ehre für solche Schmierereien.


    @Seinsheim
    Das mit der Farbgebung scheint mir nicht so einfach zu sein. Ich vermute mal, dass die heutigen Denkmalpfleger nicht völlig ahnungslos sind. Irgendwie müssen sie ja auch auf dieses eigentümliche Rosa gekommen sein. Das folgende Gemälde entstand 1785. Man darf annehmen, dass das Zeughaus zu diesem Zeitpunkt noch einen barocken Anstrich hatte, aber wohl nicht den ursprünglichen. Die Farbe der verputzten Flächen ist nicht rosa, sondern gelblichbraun, aber die Sandsteinteile sind farblich von den Putzflächen abgesetzt. Die Pilaster haben die gleiche Farbe wie die umgebenden Wandflächen. Die Kapitelle aus Sandstein haben eine andere Farbe und zwar die gleiche wie die Sandsteinteile um die Fenster herum und die Helme über den Erdgeschossfenstern. Insgesamt wird hier offenbar eine farblich homogene Wirkung des gesamten Gebäudes angestrebt. Das finden wir so auch auf vielen anderen historischen Ansichten aus Berlin.


    Das Zeughaus von Südwesten, Gemälde von Carl Traugott Fechhelm, 1785, Märkisches Museum


    Zu DDR-Zeiten war das Zeughaus nach Abschluss der Wiederherstellungsarbeiten 1965 einheitlich gestrichen, in einem gelblichbraunen Ton, aber heller als auf dem Gemälde oben. Ich habe hier nur ein Schwarzweißbild. Die Sandsteinteile waren nicht gefasst.


    Das Zeughaus von Südwesten im April 1970 (Foto: ADN-Zentralbild, Bundesarchiv, Bild 183-J0401-0206-001, CC-BY-SA-3.0)


    Im Rahmen einer Restaurierung in den 80er Jahren erhielt das Zeughaus einen Zweifarbenanstrich, der die architektonische Gliederung verdeutlichte. Die Sandsteinteile blieben ungefasst.


    Das Zeughaus von Südosten im April 1984 (Foto: ADN-Zentralbild, Bundesarchiv, Bild 183-1984-0402-005, CC-BY-SA-3.0)


    Diese letzte Farbfassung vor dem Wechsel zu Rosa sah eigentlich sehr schön aus. Die helle Farbe war ein helles Gelb, die dunkle ging in Richtung Hellbraun.


    Das Zeughaus von der Marx-Engels-Brücke (Schlossbrücke) aus, Januar 1987
    (Foto: ADN-Zentralbild, Bundesarchiv, Bild 183-1987-0115-043, CC-BY-SA-3.0)


    Ein ähnliches Schicksal hatte das Brandenburger Tor in Potsdam. Zu DDR-Zeiten hatte es einen zweifarbigen Anstrich, der die architektonische Gliederung betonte. Nach der Wende wurde es einfach in einen gelben Farbeimer getaucht. Ich habe einige Zeit gebraucht, um mich daran zu gewöhnen. Welche Farbgebung ist die richtige oder zumindest die bessere? Zweifarbenanstriche sind im süddeutsch-österreichischen Raum weit verbreitet. Auch in Russland sind bei Bauten des Barock und des Klassizismus Anstriche mit zwei oder drei Farben üblich. In Westeuropa sind dagegen viele Gebäude steinsichtig, so auch Schloss Versailles. Steinsichtigkeit ist weder beim barocken Berliner Stadtschloss noch beim Zeughaus möglich, da es sich um Ziegelbauten handelt. Die französischen und italienischen Vorbilder könnten hier aber Anregungen zu monochromen Farbfassungen gegeben haben.

  • Hm, schlecht zu beurteilen, ohne Farbfotos. Vielleicht findet ja jemand anderes welche.


    Historisch korrekt oder nicht, ich finde das Rosa schön, so als Farbklecks zwischen dem ganzen Grau und Beige der Nachbarn. Wenn ich mir die Kommode anschaue - Sandstein auf Latte Macchiato. Dann lieber so.

  • @Rastrelli Danke für die Fotos. Das Rosa ist gar nicht so sehr mein Punkt, sondern die Frage, ob das tektonische Gefüge schlüssig wiedergegeben ist. Im Zustand von 1987 ist das klar der Fall. Die rustizierte Sockelzone trägt in Analogie zum Vorbild, der Ostfassade des Louvre, und deren Vorlage, dem römischen Podiumtempel, die (dorische) Ordnung. Zwar sind die Natursteinelemente farblich nicht gefasst, aber die geputzten Bandquader des EG und die Schäfte der Pilaster und Dreiviertelsäulen sowie der Fries sind ihnen farblich angeglichen. Und diesen Kompromiss finde ich durchaus akzeptabel. Es sieht einfach viel stimmiger aus.
    Ich hätte nur ein Detail geändert: Die hufeinsenförmigen Wandstreifen, welche die Pilaster und den Architrav rahmen, hätte ich auch dunkel gestrichen - und damit auch die Gebäudekante, damit das Gebälk an dieser Stelle nicht 'in der Luft hängt'.

    Nimm das Recht weg, was ist der Staat dann noch anderes als eine große Räuberbande? (Augustinus von Hippo)

  • Ich finde der Anstrich von 1785 würde besser mit dem Gelb der Stadtschlossfassaden sowie dem Sandstein des Alten Museum und neuen Museum korrespondieren. Die Hervorhebung der Stuckelemente in weiß um die Fenster und in der Sockelzohne lässt das Zeughaus auch nochmal prachtvoller wirken. Die fehlende Hervorhebung der vertikalen Piliastersäulen lässt das Gebäude auch viemlich träge wirken. Ich habe wirklich gehofft, dass bei der Fasadensanierung ein neuer Anstrich in gelb oder cremefarben gewählt wird. Dieses Schweinchenrosa (Sorry aber so sieht es halt nun mal aus) entwürdigt in meinen Augen das Zeughaus. Ähnlich geht es mir mit dem Weisenhaus in Potsdam, wo der wesentlich bessere Farbanstrich aus der Vorwende-Zeit durch ein ähnliches Rosa ausgetauscht wurde.

  • einige Veduten des Zeughauses und collorierte Aufnahmen, aber die Originalfarbgebung ist nur zu erahnen. Schwierig !c












    und noch eine schöne s/w Aufnahme der Lindenseite
    Quelle : archimapstumblr.com


  • In Wien gibt es nur wenige Graffiti in der Mitte, da sie im Donaukanal unterhalten werden, ganz voller Graffiti. Einige werden es mögen, aber für mich ist es, ein Gebiet zu konvertieren, das in den 70er Jahren in einer mitteleuropäischen Version der Bronx schön sein könnte.




    Was ist in den USA passiert? Wie haben sie das gemacht? Fotos von New York und anderen Städten in den 70ern und frühen 80ern zu sehen, war voller Graffiti, aber jetzt sieht man es kaum noch. Zumindest in der Innenstadt. Sie finden sie nur in verlassenen und abgelegenen Gebieten.


    Graffiti bei der Ponte Cestio in Rom. Obwohl erweitert, wurde sein zentraler Bogen in 62 bis 27 v. Chr. Gebaut. Eine Brücke von mehr als 2000 Jahren. Für mich ist das ein Angriff auf Kunst, Geschichte und gegen die Menschheit. Wie Isis, die Tempel in Palmira zerstören. In kleinerem Maßstab, aber Zerstörung


  • Für mich steht Graffiti in der Kunst auf derselben Stufe wie Gangster-Rap in der Musik. Beides höchst entbehrlich.

  • Zur Farbgebung: Ich habe neulich irgendwo gelesen, daß man bei einer Restaurierung in den 90er-Jahren das Rosa als Originalfarbe gefunden hat. Genauer gesagt: Der Putz war mit Ziegelmehl versetzt und dadurch durchgefärbt. Die Attikafiguren waren ursprünglich weiß gefaßt. Unter Schinkel wurde das Zeughaus ockerfarben gestrichen, so daß man lange dachte, gelber Ocker sei typisch für den Barock in Berlin gewesen.
    Die unterschiedliche Fassung der Säulen kommt mir auch seltsam vor.


    Wahrscheinlich war das hier die Quelle: https://berlingeschichte.de/bms/bmstxt96/9611gese.htm

  • Ansichten aus der Gegenwart.


    Links und rechts der Friedrichstraße, Nordseite. Es wird langsam mal Zeit, dass die U-Bahn-Baustelle verschwindet.

    dsc01326kcjgh.jpg


    dsc01327s9j0a.jpg


    Vor der Staatsbibliothek sind Straße und Gehsteig nun endlich wieder weitgehend frei.

    dsc01329kcje5.jpg


    Blick nach Osten, von der Mittelpromenade und von hinter dem Reiterdenkmal.

    dsc01332gkjiu.jpg


    dsc013346ukgh.jpg


    Das Gouverneurshaus wird auch langsam wieder freigelegt, die Diskonto-Bauten rechts davon sind's ja bereits seit dem letzten Herbst.

    dsc01333h6kop.jpg


    dsc01331k7jjn.jpg


    An der Fassade ist nicht so viel gemacht worden, die Einrüstung erfolgte wohl vornehmlich wegen Arbeiten an der Dachzone, welche auch das Alte Palais und die Kommode umfass(t)en. Das Gouverneurshaus von hinten:

    dsc0133561ky7.jpg

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • 1851 das Reiterstandbild des "Alten Fritz" Was sind das für Gebilde hinter dem Denkmal ? Weiss das jemand ?


    Ah ja, bei Wikipedia steht zu diesem Bild: Enthüllung des Denkmals 1851, (spiegelverkehrte Daguerreotypie)


    Ich gehe davon aus (wie es lange Zeit üblich war,), dass bei solchen Anlässen das eigentliche Denkmal noch durch temporären "Schmuck" ergänzt wurde.

    Die ganze Feierlichkeit hat es sogar bis auf die Titelseite der "The Illustrated London News" geschafft. :thumbsup:

    Quelle: ebay


    Mit Tribüne und weiterem temporären Schmuck.



    Die Enthüllung fand am 31. Mai 1851 statt, diese Ausgabe erschien am 14. Juni. Eine Wochenzeitschrift, also recht aktuell.

  • Meines Erachtens dürfte es sich bei den vier Persönlichkeiten, welche hinter dem "Alten Fritz" auf Säulen (bei der Denkmalseinweihung temporär) dargestellt waren, um Mitglieder bzw. Vorfahren Friedrichs d. Gr. aus dem Hause Hohenzollern gehandelt haben.