Dresden, Neumarkt - Quartier III/2

  • Wo in diesem Abschnitt der Rampischen Straße der Hase im Pfeffer liegt, geht aus dem Bild deutlich hervor:

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    Das Problem liegt in der Horst-Tappert-Gedächtnisfassade sowie dem Haus zur Schuppenflechte.

    (..)

    Wenn man zwischen Tappert und Schuppenflechte eine (pseudo-)barocke Praline gesetzt hätte, sähe das in der Zusammenschau womöglich so schlecht nicht aus. Schachtel, Highlight, Schachtel. So aber bappt zwischen den zwei Experimenten ein tristes Nichts.

  • „Resurrectus“ scheint geistig in derselben Dichotomie wie die Modernisten und der Denkmalschutz stecken geblieben zu sein - trotz dem auf halber Strecke stehen gebliebenen Riesch nebenan: entweder es war bedeutend oder es gab nichts und braucht nichts. Das Beispiel der Hinterfassade zur Salzgasse des GHND oder die gelungenen Fassaden neben dem Palais Beichlingen in der Landhausstraße existieren nicht und sollen auch kein Beispiel sein. AUCH ODER GERADE WEIL ES DORT NICHTS ZU REKONSTRUIEREN GAB.

  • Dresdens Phase des "Hungerstils"; oder auch der Klassizismus liefern so einige Beispiele dafür, wie man mit wenig und schlichtem Einsatz Ergebnisse geschaffen hat, die so oft erst den Rahmen schaffen für die Prachtstücke daneben. Hat hier leider nicht geklapp(er)t bei Inspector Tappert... Und auch nicht so rechte bei der Schuppenflechte...

  • Diese Wurschtigkeit wäre in gewissen verlorenen Städten durchaus zu verstehen, ich teile sie ja dort, aber doch nicht in der heutigen Rampischen deren Glanzlichter ja zu tollen Ensembles verdichtet sind? Und dass das Hoym so glanzvoll sein soll, erscheint mir ein wenig übertrieben.

  • Wie oft soll ichs denn noch sagen.

    AUF DER SÜDSEITE GAB ES NICHTS ZU REKONSTRUIEREN. NIX. NADA. NIENTE. RIRN. NOTHING

    Oder bist du der Meinung (die gabs hier auch schon), dort solle man dann halt ein Potpourri der schönsten noch nicht wieder aufgebauten Fassaden hinsetzen?

    Frei nach "ABBA Gold" - "The very best of Dresden"

  • Freilich gab es dort auch was zu rekonstruieren. Warum soll man schlichte Fassaden nicht "rekonstruieren" dürfen? Nur, weil man sie niemand im Detail "dokumentiert" hatte? Das "Dresdner Gold" ist natürlich auch eine gute Idee, aber nicht in der Rampischen, wo es Sinn ergibt, auf möglichst viel Authentizität Wert zu legen. Es bieten sich dafür noch genug freie Flächen an.

    Wer die schlichten Fassaden nicht achtet, verkennt das Wesen des alten Dresden. Hab ich irgendwo bei einem gewissen S. Herzig oder Hertzig so gelesen, nicht unbedingt wörtlich, aber sinngemäß. Und ich glaub, der Kerl hat recht!

  • Und trotzdem war und ist das verabredete und mit Blut, Schweiß und Tränen mühsam erkämpfte Konzept, dass Neubauten hinkommen wo's keine Rekos gibt.

    Und nein: Barock- Potpourri geht gar nicht.

  • Das mit Schweiß Blut und Tränen passt historisch nicht so für den Wiederaufbau, sondern eher für die Zerstörung. Dass am Konzept nix zu rütteln war, heißt nicht, dass es richtig gewesen ist. Hervorragende Fassaden wie das Palais de Saxe sind zu rekonstruieren, und wenn es sein muss, nicht standortgetreu, weil sie eben für sich absolute und damit vom Standort unabhängige Kunstwerke. Besser am historisch unrichtigen Ort als gar nicht, lautet die Devise. Das Versetzen des HSR um ein paar Meter ist da viel schlimmer.

  • Was sind denn das hier schon wieder für Gefechte... diesmal immerhin amüsant zu lesen.

    Die JUGHND hatte dieses Jahr wieder zu einer Quartiersführung eingeladen und Bauherr(in) und Architekt haben sehr engagiert, offen und auch sympathisch alle Fragen beantwortet. Mir war es fast ein bisschen peinlich, dass die stürmische Jugend die beiden mit kritischen Fragen bombardiert hat, wobei ich allerdings eifrig mitgemacht habe. Ich denke, es spricht nichts dagegen, ein paar Fakten aus dieser für alle offenen Führung hier mitzuteilen.

    Im Quartier hat man auf 10.000 m² (sehr teuer gekaufter) Grundfläche 30.000 m² Geschossfläche untergebracht, also ein Verhältnis von 1:3, wobei enorme Deckenhöhen, oft über 3 Meter, die Wirtschaftlichkeit natürlich verschlechtern.

    Die meisten Geschosse hat der 7-Geschosser im Hof, östlich vom Festsaaltrakt. Dort haben die Räume 2,60 Deckenhöhe. Das vordere Hoym hat nur 4 Geschosse, ist aber insgesamt höher als der 7-Geschosser.

    Grönert, der ursprüngliche Investor, wollte das Hoym komplett in Ziegelbauweise errichten lassen. Also haben die Architekten angefangen, so zu planen. Es stellte sich aber heraus, dass das statisch nicht möglich ist. Denn es wird kein Adels-Palais des 18. Jahrhunderts errichtet, sondern ein Beherbergungsbetrieb des 21. Das bedeutet zum Beispiel, dass über den riesigen Räumen, deren Grundrisse nach alten Plänen wiederhergestellt werden, sehr kleinteilige Räumlichkeiten entstehen. Die Last der Wände und Decken ist viel größer als früher. Man baut ja heute auch keine Holzbalkendecken mehr ein. Auch die Fenster, z. B. die Riesenfenster des Festsaales, sind heute nicht mehr aus mundgeblasenen Scheiben gefertigt, sondern dreifachverglast. Das Glas hat ein solches Gewicht, dass Sonderkonstruktionen nötig waren. Nicht nur hat man die Fensterrahmen und -sprossen aus Eiche gefertigt (wohl eine hochwertigere Holzwahl als einst), sondern hat deren Inneres mit einem Stahlkern versehen, um die Profile dünn gestalten zu können. Die runden Okuli des Festsaales haben eine Breite von zwei Metern, nur um mal die Dimensionen klarzumachen. Die Statiker haben in Summe auf Stahlbeton gedrungen. Ob die dicken Ziegelwände, die man bauen müsste, um eine gute Dämmung zu erzielen und die dann tiefliegenden Fenster auch eine Horst-Tappert-Kritik nach sich gezogen hätten, kann man nur spekulieren. Der Bauherr war jedenfalls bereit, für die Satisfaktion der Schöngeister ein äußeres Ziegelmauerwerk hochziehen zu lassen, das finde ich einen feinen Zug. Ausschließlich dafür, damit es nicht allzu dumpf klingt, wenn man an die Wand klopft.

    Einige Schmankerl des Hoym, etwa die 14 Meter (!) geschmiedete und teilvergoldete Geländerbrüstung des Hauptbalkons waren schon hier im Foto zu sehen und werden noch zu sehen sein. Gespannt bin ich auf das Hauptportal, dessen Ornamentik wie einstmals von Deibel aus dem massiven Eichenholz herausgearbeitet wird, nichts wird aufgedübelt oder geklebt.

    Wenn man sich mal vor Augen führt, was all das bedeutet, erst recht vor dem Hintergrund der aktuellen wirtschaftlichen Bedingungen in der Bauwirtschaft, sollte einem eine allzu flapsige Kritik am Quartier im Halse stecken bleiben. Ich gebe ja zu, dass mich die Entwürfe für die zeitgenössischen Bürgerhäuser auch nicht besonders überzeugen, aber die Verachtung, wie sie hier vorgetragen wird, haben sie auch nicht verdient, denn mit jedem davon wurde sich Mühe gegeben.

    Und abgesehen davon: es ist das, worauf sich alle maßgeblichen Leute geeinigt haben: die Stadtverwaltung, die Architekten, der Bauherr und auch die GHND durften ein Wörtchen mitreden. User im APH-Forum sind nicht maßgeblich. Wer etwas anderes möchte und nicht das Geld hat, selbst am Neumarkt zu bauen, kann ein bisschen Vereinsarbeit machen, muss sich ansonsten aber mit den Ergebnissen arrangieren. Das fällt mir in diesem Fall nicht schwer.

    Ich habe sehr großen Respekt vor dem Bauherrn des Quartier Hoym und allen an Planung und Bau Beteiligten.

    Übrigens sind die wichtigeren Durchgänge auch ziemlich liebevoll gestaltet. Von Illusionsmalerei über historische Stadtansichten als Memory-Spiel bis zu verspiegelten Decken. Die Durchgänge, die "Goldener Engel" da zeigt, sehen nicht so aus, als würde darüber viel erschlossen, ich war da jedenfalls noch nicht drin. Gastro darf es in den Höfen übrigens leider doch nicht geben, wegen Lärmschutzes. Auf Ladengeschäfte hat man wegen schlechten Erfahrungen mit Passagenlösungen (zu wenig Frequenz) verzichtet. In den Höfen werden neben neugierigen Passanten daher nur Mieter unterwegs sein. Spendenprojekte sähe ich persönlich sinnvoller beim Palais im Großen Garten aufgehoben.

  • Danke Klette, für deinen sehr interessanten Beitrag mit Infos, die das Thema wieder in das richtige Licht rücken. Ich denke auch, dass dort angesichts unserer derzeitigen Lage etwas Großartiges entstanden ist und der Aufwand und die Mühe sich erst noch zeigen wird, wenn das Hoym fertig ist. Ich finde die Derrick-Fassaden an der Rampischen nicht unpassend, da sie einen Hauch Normalität vermitteln, wie es in anderen Städten auch üblich ist, wo es hin und wieder -oder häufiger- misslungene Nachkriegsbauten gibt.

    Die tristen Durchgänge sind diejenigen, über die man heute durch das Quartier geht, andere Zugänge habe ich nachts nicht gefunden. Ich habe dort aber auch Ladenfläche im EG gesehen, meiner Erinnerung nach in der Landhausstraße 7. Diese Durchgänge sind mir v.a. deshalb aufgefallen, weil sie sehr sehr kahl wirken - aber auch viel Fläche bieten, wo man in Zukunft noch nachbessern und aufhübschen kann - das kann dann natürlich durch Spenden passieren oder ein engagierter Bürgerverein, dessen Hauptaufgabe dann schon getan ist :wink:, hätte hier dann neue Betätigungsfelder.

  • Die Ladenflächen sind aber nur straßenseitig erschlossen, im Hof sind in den Erdgeschossen Wohnungen mit Hecken als Sichtschutz.

    Die zeitgenössischen Fassaden finde ich großteils sehr unauffällig und sie werden dem meisten Menschen gar nicht auffallen. Die hässlichste unter ihnen (neben dem Polizeipräsidium, also ganz rechts von Hoym und ehem. Alter Post), war übrigens die teuerste, weil sich die Bauausführung schwierig gestaltete. Und der Architekt ist auch eher unzufrieden mit dem Ergebnis, er hatte eine andere Wirkung erhofft.

    Beim aufmerksamen Betrachten des Neu-Rieschs wurde ich sogar von einem Passanten verhöhnt, ich würde offenbar diese Rekonstruktion bewundern und gar nicht bemerken, dass sie nur "Fake" sei. Er hatte wohl selbst nicht bemerkt, dass Nöfers Riesch gar keine Rekonstruktion sein soll. Da relativiert sich dann auch manche Feinheit, die wir hier diskutieren.

    Mich zu ärgern, schafft die monströse Tiefgaragen-Architektur der Salzgasse oder die Glas-Stahl-Fassade von An der Frauenkirche 20, an der wie zum Hohn auch noch fett der Schriftzug "DRESDEN 1900" prangt. Im Vergleich zu solchen Zumutungen ist das komplette Quartier Hoym eine Wohltat.

  • Mich würde jetzt tatsächlich mal interessieren, ob die Passagen zwischen Hoym und Riesch eigentlich im Vorkriegsdresden überhaupt für normale Fußgängerpassanten durchlässig waren. Die Idee, die Höfe zu beleben und sie durch Gastronomie in den Straßenraum mit einzubeziehen wie Passagen, wäre sicherlich reizvoll gewesen, aber ich habe meine Zweifel, ob dies an der Stelle historisch der Fall war.

    Klette, ja, die Alte Post ist wirklich am Hässlichsten. Abends ist das einfach nur ein Riesenloch!

  • Es gab im alten Dresden gar keine solche Passagen, sondern jedes Haus hatte seinen eigenen, zumeist sehr engen, hohen und recht dunklen Lichthof. Verbindungem oder durchgehende Passagen gab es nicht. Und vor 1945 war das gesamte NM-Gebiet unsaniert, d. h. nix mit barockem Glanz dort drin.

    Es wird im Januar ein Buch zum Hoym erscheinen, wo das alles in Wort und Bild zu sehen sein wird. Gerade auch das Palais war vor seinem Untergang teilweise verwahrlost.

  • Wir reden hier überschlägig von nicht einmal einem Quadratkilometer wiederaufgebauter "Altstadt", vielleicht nur von einem halben Quadratkilometer. Von der Residenz zum Kurländer Palais, von der Kunstakademie zur Wilsdruffer Straße.

    Mir ist unverständlich, wie man überhaupt auf die Idee kommen konnte, fast zur Gänze auf Investoren zu setzen, und es ist ein Wunder, daß das alles in allem (natürlich unter Mitwirkung vieler Beteiligter) zu so einem guten Ergebnis geführt hat.

    In meinen Augen wäre es eine nationale Aufgabe gewesen, diese paar Karrees optimal (und gegebenenfalls im Detail auch optimiert) wiederzuerrichten. Die paar Milliarden hätten wir dann auch noch gehabt. Keine seltsamen Neubauten, keine faden Kompromisse.