Dresden, Altstadt - Quartier III/2

  • Der Kulturpalast ist für mein Empfinden ein autistischer Fremdkörper im Stadtgefüge. Vor dem Wiederaufbau des Neumarktes hat er nicht sonderlich gestört, da das Dresdner Zentrum ohnehin über keine intakte städtebauliche Struktur verfügte.


    Dennoch:

    Uns wird nichts anderes übrig bleiben, als uns mit seiner Existenz zu arrangieren. Ich gehe zum einen nicht davon aus, dass es unter den Dresdner Bürgern eine Mehrheit für den Abriss gäbe. Weiterhin hat die neu entstandene Umbauung Fakten geschaffen. Sie entspricht nicht dem historischen Stadtgrundriss und besteht ihrerseits nur aus modernen Füllbauten.


    Diese Wunde im Stadtbild zu heilen, würde einen sehr starken politischen Willen voraussetzen und wäre mit einem enormen Aufwand verbunden.

    Realisierungschance in den nächsten 100 Jahren: Nullkommanull.

  • Hört doch einfach mal auf, euch am Kulturpalast abzuarbeiten! Die Diskussion kam jetzt durch den Anblick der Fotos von der Laterne der Frauenkirche auf. Das Leben in Dresden spielt sich aber nicht dort oben ab, sondern im Straßenraum. Stellt euch auf den Altmarkt oder schlendert die Wilsdruffer Straße entlang und ihr werdet sehen, dass sich der Kulturpalast gut in den Stadtraum einfügt. Und umgekehrt: Wenn ihr auf dem Neumarkt steht oder die wichtigsten Touristenpfade drumherum ablauft, dann werdet ihr den Kulti nicht sehen. Brühlsche Terrasse, Theaterplatz, Augustusbrücke - an den entscheidenden Stellen mit historischen Ensembles ist der Kulti nicht zu sehen.


    Würde man am Standort des Kulturpalastes noch ein paar Meter Barockfassaden rekonstruieren, wäre für die Stadt insgesamt nichts gewonnen. Ihr müsst auch an die Nutzung denken! Noch eine Seniorenresidenz mehr, noch ein paar Wohnungen für Besserverdienende oder exklusive Büroräume - was bringt das? Der Kulturpalast bietet dagegen mit dem Konzertsaal und der Stadtbibliothek wichtige öffentliche Nutzungen. Wo wollt ihr diese unterbringen, wenn der Kulturpalast weg ist? Am Stadtrand? In einem Neubau? Und wie sieht der aus? Und wie viele hundert Millionen kostet der dann? Hallo, Elbphilharmonie!


    Der Kulturpalast ist ein authentischer Bau der 1960er Jahre. Auch das ist eine Zeitschicht, die in Dresden wichtig ist. Mit zunehmendem Alter steigt sein historischer Wert. Es geht nicht nur um Erinnerungen, die alte Dresdner an früher haben. Man darf dieses bedeutende Zeugnis der Ostmoderne auch einfach schön finden. Mir geht es jedenfalls so. Wer nichts damit anfangen kann - auch nicht schlimm. Ich zum Beispiel mag das Schauspielhaus gegenüber vom Kronentor des Zwingers nicht. Aber ich weiß, dass es eine gewisse Bedeutung hat, und akzeptiere, dass es dort steht.


    Ich mag die historischen und historisierenden Bauensembles rund um den Neumarkt. Ich freue mich auf das Palais Hoym. Ich bin gespannt auf die Nöfer-Fassade des Riesch. Der Kulturpalast ist anders und hat auch seinen Reiz.

  • Ich denke auch, dass man sich über den Kulturpalast keine großen Gedanken mehr machen braucht. Da sind alle Messen gelesen. Viel interessanter und auch trauriger sind die restlichen Teile der Altstadt (und drumherum) und dem eklatanten Versagen der Architekten, der Baubehörden und der Politiker: Ob Altmarktgalerie, Postplatz, Marienstraße, Dr. Külz-Ring, Ferdinandplatz: Wohin man schaut architektonische Wüste, Totalversagen auf allen Ebenen.

  • Der Kulturpalast bietet dagegen mit dem Konzertsaal und der Stadtbibliothek wichtige öffentliche Nutzungen. Wo wollt ihr diese unterbringen, wenn der Kulturpalast weg ist? Am Stadtrand? In einem Neubau? Und wie sieht der aus?

    Um hier beim Thema zu bleiben, habe ich zum Kulturpalast-Thema mal im passenden Thread geantwortet:

    RE: Dresden, Altstadt - Umbau Kulturpalast

  • Der Kulturpalast bietet dagegen mit dem Konzertsaal und der Stadtbibliothek wichtige öffentliche Nutzungen. Wo wollt ihr diese unterbringen, wenn der Kulturpalast weg ist? Am Stadtrand? In einem Neubau?


    Der Kulturpalast ist ein authentischer Bau der 1960er Jahre. Auch das ist eine Zeitschicht, die in Dresden wichtig ist. Mit zunehmendem Alter…


    Bitte meinen Beitrag auch mit einem Augenzwinkern zu lesen, aber einen wunderbaren Konzertsaal hätte man beispielsweise in einer wiederaufgebauten Semper Synagoge mit einer vermutlich sogar besseren Akustik…und spätestens seit dem Totaumbau mit seiner komplett neuen Glasfassade, die nicht mehr „goldig“ ist wie früher, hat der KP auch an „historischer“ Authentizität verloren, was ich persönlich aber gut finde (da man ihm wegen Fehlen genau dieses Attributes, worauf die Denkmalämter ach so viel geben, man ihm zukünftig problemlos den Status anerkennen kann).


    Aber grundsätzlich gebe ich Dir wie sooft recht, dass wir in DD wirklich noch wichtigere Probleme wie zB den katastrophalen Neustädter Markt in den Fokus nehmen sollten. Die GHND und die Dresdener Bürger haben hier ihr zukünftig wichtigstes Reurbanisierungsfeld für die kommenden Jahrzehnte!

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Also was die Akustik angeht, ist man mit dem Saal im Kulturpalast sehr zufrieden. Es wird sogar behauptet, dass er als "die bessere Elbphilharmonie" bei den Konzertierenden besser ankommt, als die überbewertete Schwester in der Partnerstadt...
    Da könnte die Semper-Synagoge vermutlich ebenfalls akustisch nicht mithalten...


    Und die Glasfarbe ist heute wohl wie damals, denn die Denkmalpflege hat darauf Wert gelegt, wenn ich mich recht erinnere.

    Golden war der Palast der Republik. am vorher entstandenen Kulturpalast hatte man das noch nicht...

  • Noch mal zum KP.

    Auch ich muss sagen, dass ich mit dem Bau meinen Frieden geschlossen hatte, seitdem ich 2017 dort Mahlers VIII. in einer grandiosen Aufführung gesehen hatte (besser gehört natürlich). Tolle Akustik und ein wirklich schöner Konzertsaal!


    Ich verstehe deshalb die Totalablehung des KP und die völlig irrsinnige Forderung nach (oder besser gesagt der Traum von) dessen Abriss überhaupt nicht. Mensch, man ist doch mittlerweile versöhnt mit dem Teil, das zweifelsohne zur Stadt(geschichte) gehört.


    Ich habe mir in den letzten Monaten einmal die Mühe gemacht, neuere Luftbilder Dresdens anzuzschauen bzw. alte, berühmte Ansichten in Google Maps nachzustellen und miteinander zu vergleichen. Das Stadtbild hat durch den Neumarkt ganz erheblich an alter Physiognomie wiedergewonnen. Der KP stört m. E. da überhaupt nicht und fügt sich durch die Neumarktbebauung erst jetzt richtig in das Stadtbild ein. auch vom Altmarkt aus wird er durch die Front an Bürgherhäuern (gerade jetzt durchs Quartier VII,1 ) eingerahmt und wird dadruch ein (klar - moderner) Teil der Altstadt.


    Ich bin's zufrieden und kann so damit leben.

  • Geht mir auch so.

    Da gibt es ganz andere Städte, die eine Totalsanierung bräuchten (Hamburg, Essen, Dortmund).

  • Ja, das monströse Ding geht jetzt eh nicht mehr weg. Mir bleibt der Kulti trotzdem ein schlimmer Graus und das wird sich auch nimmermehr ändern. Da bin ich von Wien mit seiner unversehrten Altstadt wohl verwöhnt, aber man kann nicht alles haben. Der KP war bei meinem ersten DD Besuch und nach meinem ersten Schock bei der Anfahrt über die Plattenbaumagistrale Petersburger gleich der zweite Schock, aber zumindest vom Neumarkt muss ich ihn heute nimmermehr sehen. Das tut mir schon gut, weil ich ihm ausweichen kann.


    Städtebaulich bleibt er objektiv gesehen weiterhin ein Fremdkörper innerhalb der wiederaufgebauten „Altstadt“, aber da gibt es in Dresden wahrlich viel wichtigere Prioritäten als den Abriss des KP. Wie auch immer, schönreden kann ich mir das Dingsda nicht. Huk.

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Ja, das monströse Ding geht jetzt eh nicht mehr weg. Mir bleibt der Kulti trotzdem ein schlimmer Graus und das wird sich auch nimmermehr ändern. Da bin ich von Wien mit seiner unversehrten Altstadt wohl verwöhnt, aber man kann nicht alles haben. Der KP war bei meinem ersten DD Besuch und nach meinem ersten Schock bei der Anfahrt über die Plattenbaumagistrale Petersburger gleich der zweite Schock, aber zumindest vom Neumarkt muss ich ihn heute nimmermehr sehen. Das tut mir schon gut, weil ich ihm ausweichen kann.


    Städtebaulich bleibt er objektiv gesehen weiterhin ein Fremdkörper innerhalb der wiederaufgebauten „Altstadt“, aber da gibt es in Dresden wahrlich viel wichtigere Prioritäten als den Abriss des KP. Wie auch immer, schönreden kann ich mir das Dingsda nicht. Huk.

    Wien war nicht so zerstört wie Dresden. Was wäre wohl gewesen, wenn....

    In der Architektur muß sich ausdrücken, was eine Stadt zu sagen hat.
    Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten

  • Hurra, die ersten Fenster in den Fassaden der Landhausstraße sind drin... :wink: (Bilder vom letzten Samstag)

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    Der letzte Bauabschnitt (angrenzend an das Polizeipräsidium) hat jetzt auch sein Dach.

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    Bonusbild

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    Übrigens ist endlich (fast) wieder soviel Betrieb am Neumarkt wie in "alten Zeiten"...

    Allen einen sonnigen Tag. :biggrin:

  • Leider haben der eine oder andere Gastronom und auch Ladengeschäfte die tourifreie Zeit nicht überlebt...

    Ich vermisste neulich v.a. den Eisladen, der selbstgemachtes Eis in verschiedensten Kreationen anbot.