Berlin - Breitscheidplatz & Umgebung Bahnhof Zoo

  • Das in den 50er Jahren erbaute Huthmacher-Haus am Hardenbergplatz in der City West wird saniert statt abgerissen. Ich kann nicht sagen, dass ich gerade begeistert bin.


    Denkmalgeschütztes Huthmacher-Haus am Bahnhof Zoo wird saniert


    Hardenbergstraße 29 D (Berlin-Charlottenburg)

    Bodo Kubrak, CC0, via Wikimedia Commons

    In der Altstadt die Macht, im Kneiphof die Pracht, im Löbenicht der Acker, auf dem Sackheim der Racker.

    Hätt' ich Venedigs Macht und Augsburgs Pracht, Nürnberger Witz und Straßburger G'schütz und Ulmer Geld, so wär ich der Reichste in der Welt.

  • Außer der Giraffe an der Fassade erkenne ich keine Qualität oder auch nur irgendeinen Grund, dieses hässliche Ding zu erhalten...kann man nur hoffen, dass bei der Sanierung möglichst viel von der alten Substanz und dem versifften Charakter verloren geht, damit man zukünftig das Denkmalamt mit seinen eigenen Phrasen stellt..."zu wenig erhaltene Substanz, durch umbauten Charakter verloren, blabla..." damit das wenigstens dann wieder weg kann.

  • Das aber liegt doch ganz im Rahmen der neuen Leitlinie, aus Klimaschutz- und Energiespargründen nicht mehr abzureißen. Das Beispiel wird also in Zukunft womöglich Schule machen.

  • Die Fassade soll lediglich gereinigt werden, womit das Erscheinungsbild der Kiste im Grunde so bleibt wie es ist. Dem Denkmalschutz sei dank. :kopfschuetteln:

    Kann man den ganzen Dreck nicht einfach aus dem Stadtbild herauswischen! Wenn die beauftragte Reinigungsfirma es etwas zu genau nimmt, dann reinigt sie den ganzen Platz am besten rückstandslos...weg ist weg.

  • Das in den 50er Jahren erbaute Huthmacher-Haus am Hardenbergplatz in der City West wird saniert statt abgerissen. Ich kann nicht sagen, dass ich gerade begeistert bin.

    Die Kritiker hier sind wohl eher nicht Berliner, oder?

    Ich verstehe ja, daß das Haus kein Schmuckstück ist, aber für mich repräsentiert es ein gutes Stück Heimat. Ich bin gegen einen Abriß in den nächsten 20 Jahren, weil in der Gegend in den letzten 10 Jahren drei Großprojekte verwirklicht wurden. Und am Kudamm ist ja wohl auch einiges geplant.

    Es ist gut, daß am Hardenbergplatz noch ein Zeugnis des alten Westberlins der Nachkriegszeit steht.

    Man kann Architektur nicht allein nach ästhetischen Maßstäben beurteilen. Selbst das häßlichste Gebäude kann noch einen tieferen Sinn haben. Ich finde es schade, wenn in Berlin zunehmend die Zeugnisse der Teilungszeit abgerissen werden und verschwinden. Siehe z.B. die Volksbank am Olof-Palme-Platz.

    Das Huthmacher-Haus erfüllt noch eine ganze Weile einen guten Zweck und kann vielleicht mal in ein paar Jahrzehnten abgerissen werden. Im Moment vermittelt es noch Heimatgefühle und Beständigkeit.

  • Es ist gut, daß am Hardenbergplatz noch ein Zeugnis des alten Westberlins der Nachkriegszeit steht.

    Zeugnisse der Teilungszeit abgerissen werden und verschwinden. Siehe z.B. die Volksbank am Olof-Palme-Platz.

    Also ich bin auch echter Berliner und bin völlig geschädigt von den unzähligen Fehlplanungen der West-Berliner (Westberliner als ein Wort kenne ich nur als herablassende DDR-Schreibweise) Nachkriegszeit. Als Forum und Verein für klassische Architektur vermissen hier bestimmt viele das Volksbankgebäude am Olaf-Palme-Platz mit seinen Rundbögen, echten Fenstern, dem Dach und der runden Anpassung an die Nachbargebäude. Wie kann man das in einem Atemzug mit dieser brutalen Kiste nennen?

    Viele Liebhaber der klassischen Architektur würden diesen einförmigen, zu großen, im falschen Winkel stehenden Klotz des Huthmacher-Hauses sicher nicht vermissen. Da pfeift schon immer der Wind, der komische Sockelbereich zieht nur kurzlebige Fast-food-Buden an und ist keine gelungene Randbebauung des Zoos.

    Wo man in Ost-Berlin ebenfalls einige Bausünden beseitigt und sogar das Schloss wieder aufgebaut hat, sollte man hier auch dringend abreißen.

    Der Wiederaufbau der Ausstellungshallen am Zoo oder eine hochwertige Zoogastronomie wären empfehlenswert. Aus meiner Sicht sollten die Fassaden im romanischen Stil -passend zur alten Gedächtniskirche- gestaltet werden. Das Gebäude betreiben, könnte wieder die Familie Adlon, die immerhin schon einmal vom Zoo aus ihren Erfolg ausbaute ;)

    Der heutige Klotz zerstört meine Heimatgefühle und hat hoffentlich keine Beständigkeit.

  • Der Bau hat in der Tat keinerlei architektonische Qualität. Allerdings hat er einen hohen Wiedererkennungswert. Als Berlinbesucher im alten West-Berlin hat man dieses Gebäude immer gesehen, wenn man am Bahnhof Zoo angekommen war. Es hatte schon immer etwas leicht versifftes, die hässliche Seite einer Großstadt halt. Also ich bin da etwas gespalten, aber das sollen die Berliner entscheiden...

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  • Also ich bin auch echter Berliner und bin völlig geschädigt von den unzähligen Fehlplanungen der West-Berliner (Westberliner als ein Wort kenne ich nur als herablassende DDR-Schreibweise) Nachkriegszeit. Als Forum und Verein für klassische Architektur vermissen hier bestimmt viele das Volksbankgebäude am Olaf-Palme-Platz mit seinen Rundbögen, echten Fenstern, dem Dach und der runden Anpassung an die Nachbargebäude. Wie kann man das in einem Atemzug mit dieser brutalen Kiste nennen

    Ganz einfach: Beide Gebäude sind Schöpfungen der Teilungszeit, die eben beide typisch Westberlin sind. Und darum ging es mir. Die Volksbank stand natürlich am Olof-Palme-Platz. Und sie wäre aus meiner Sicht auch dauerhaft erhaltenswert gewesen, als eines der wenigen Gebäude der Teilungszeit, die wirklich gelungen waren.

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    Viele Liebhaber der klassischen Architektur würden diesen einförmigen, zu großen, im falschen Winkel stehenden Klotz des Huthmacher-Hauses sicher nicht vermissen. Da pfeift schon immer der Wind, der komische Sockelbereich zieht nur kurzlebige Fast-food-Buden an und ist keine gelungene Randbebauung des Zoos.

    Daß ich das Haus noch ein bißchen erhalten will, bedeutet ja nicht, daß ich klassische Architektur doof finde. Deine Antwort ist deshalb interessant, weil sie meines Erachtens typisch ist für Leute, die einseitig auf Rekonstruktion und Historisierung fixiert sind und die Moderne verteufeln. Ich lobpreise ja nicht die Schönheit des Huthmacher-Hauses oder fordere seine dauerhafte Erhaltung, sondern plädiere nur für eine ganzheitliche Herangehensweise an den Städtebau. Das Huthmacher-Haus stellt eben für viele Leute einen typischen Westberolinismus dar und ist daher durchaus noch eine Weile erhaltenswert. Auch wegen der bereits erfolgten starken Überformung der Gegend durch Neubauten in letzter Zeit. Ironischerweise steigt dadurch dessen Wert. Es sorgt für Heimeligkeit.

    Der Umweltaspekt kommt auch noch dazu. Man bekommt auch immer mehr das Gefühl, daß man in einer Fastfood-Stadt lebt. Gebäude sollten meiner Meinung nach auch richtig alt und abgewirtschaftet sein, wenn sie abgerissen werden, also 80plus im besten Fall. Es tut dem Stadtgefühl einfach gut, wenn nicht ständig neugebaut und alles zur Disposition gestellt wird.

    Ich finde es immer schade, wenn Reko-Fans derartig fixiert sind auf die Historie, daß sie blind sind für den (relativen) Wert moderner Architektur und nicht sehen, was sie mit einem "Reko-Talibanismus" kaputtmachen. :) Das zeigt sich meines Erachtens auch aktuell bei der Debatte um den Neptunbrunnen. Der ist eine "Fehlplanung", die man erhalten sollte.

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    Wo man in Ost-Berlin ebenfalls einige Bausünden beseitigt und sogar das Schloss wieder aufgebaut hat, sollte man hier auch dringend abreißen.

    Hast du ein paar Beispiele?

    Der Schloßplatz ist doch ein gänzlich anderer Fall. Das ist ein zentrales historisches Gebäude von großer Bedeutung. Das kann man für den Hardenbergplatz nicht sagen.

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    Der Wiederaufbau der Ausstellungshallen am Zoo oder eine hochwertige Zoogastronomie wären empfehlenswert. Aus meiner Sicht sollten die Fassaden im romanischen Stil -passend zur alten Gedächtniskirche- gestaltet werden. Das Gebäude betreiben, könnte wieder die Familie Adlon, die immerhin schon einmal vom Zoo aus ihren Erfolg ausbaute ;)

    Das ist für mich sehr weltfremd und typisch für ein einseitiges Städtebauverständnis. Wahrscheinlicher und passender scheint mir an der Stelle ein weiteres schönes Hochhaus mit gelungenem Sockelbau. Ich würde da wahrscheinlich einen Doppelturm hinbauen von ca. 125 Meter Höhe. Damit die anderen beiden Hochhäuser nicht „beschädigt“ werden.

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    Der heutige Klotz zerstört meine Heimatgefühle und hat hoffentlich keine Beständigkeit.

    Ist ja okay. Für manche geht der Wandel eben zu schnell. Und auch ein häßliches oder mediokres Gebäude kann Vertrautheit und Heimat darstellen. Mit ganzheitlichem Städtebau meine ich auch die zeitliche Dimension. Und natürlich, daß man nicht „ideologisch“ baut - also zwanghaft modernistisch überall oder zwanghaft traditionell überall.

    Es kommt immer auf die konkrete Situation und den Kontext an.

    Bei vielen Reko-Enthusiasten beobachte ich eine gewisse weltfremde Haltung und prinzipielle Geringschätzung der Moderne. Aber selbst recht triste Zeugnisse der Moderne wie z.B. die Plattenbauten an der Alexanderstraße und der Karl-Marx-Allee können einen ungeheuren didaktischen, identitätsstiftenden und sogar historischen Wert haben. Sie sind ja Ausdruck der Zeit und erzählen Stadtgeschichte. Und auch touristisch sind sie wertvoll, da nur so deutlich wird, daß es mal eine kommunistische Osthälfte der Stadt gab. Aus meiner Sicht übersehen die Reko-Leute häufig solche "ganzheitlichen" Aspekte und frönen einer weltfremden Nostalgie.

    Manchmal sollte man „Fehlplanungen“ auch respektieren und städtebaulich integrieren - weil eine Korrektur vielleicht oberflächlich schöner ist, aber mehr Identität zerstört, als sie schafft. :)

  • Spiegel vorhalten! Wer ist der Taliban?

    Das was Sie mir unterstellen, trifft doch viel mehr auf die Verteidiger und Versteher der modernen Architektur zu. Ich mag gute oder spannende Architektur an einem passenden Ort durchaus, besonders dann wenn ein Architekt nicht als einzigen Gedanken Minimalismus und Asperger-Egozentrik verfolgt hat. So ist das ICC zwischen den Autobahnkreuzen völlig in Ordnung, auch die Philharmonie oder das Art Museum in Milwaukee.

    Wie kommen Sie dazu mir und vielen anderen Menschen eine grundsätzlich Geringschätzung der Moderne vorzuwerfen? Ihr Talibanismus trifft nur auf die Vertreter der Moderne zu, die ganze Häuserblocks beseitigen die Mehrheit der Gründerzeit - Fassaden vor und nach dem Krieg- abgeschlagen haben. Weitere Talibananschläge sind der Umbau der Treppenhalle und des ägyptischen Hofes im Neuen Museum, die James-Simon-Galerie sowie der Lesesaal in der Staatsbibliothek unter den Linden...

    Diese Leute bekämpfen alle Arten von alten kunsthandwerklich hochwertigen Gebäuden wie entartete Kunst und maßen sich an, die Konzepte von weltberühmten Architekten zerstören zu müssen. Wer verteufelt da also wen?

    "Alles sind Schöpfungen der Teilungszeit" Bei manchen schnell hochgezogenen Zweckbauten ist es wohl völlig übertrieben von einer "Schöpfung" zu sprechen. Über die Heimeligkeit des Huthmacher-Haus ist mir in meinem Leben noch nie etwas mitgeteilt worden. Das ist eher ein Angstraum, egal ob beim Zoobesuch mit der Oma oder nach dem Kino als Teenager -ich weiß nicht wie Sie darauf kommen. Mich erinnert das an die Verteidigung des Technik-Rathauses vor dem Wiederaufbau der Altstadt in Frankfurt am Main.

    Bei den drei Rekonstruktionen in Berlin, gegenüber 90 % Raster-Glas-Beton-Fassaden können Sie doch den Liebhabern klassischer Architektur nicht vorwerfen, sie seien völlig fixiert. Wir sind nur etwas genervt und irritiert über Ihre schönen Worte.

    Natürlich muss man nicht alles aus der Teilungs- und DDR-Zeit rückgängig machen, die Stalinallee mit Meissener Kacheln sieht doch halbwegs dekorativ aus, das Konzerthaus am Genfarmenmarkt ist auch gelungen. Aber den Schlossbrunnen als Beutekunst zu rauben, umzubennen und ihn anstelle unserer Altstadt als sozialistische Mitte zu mißbrauchen, finde ich auch ziemlich radikal.

    Ich finde es wieder typisch, dass man herablassend als "weltfremd" diffamiert wird, weil man einfältige Klötze nicht mag. Angeblich geht mir der Wandel zu schnell? Das ist falsch, der Berliner liebt Wandel, aber Wandel zu einer menschenfreundlichen Stadt. Sie möchten doch den Wandel verhindern, wenn Sie sie sich für den Erhalt des Huthmacher-Hauses aussprechen. Man kann gar nicht glauben, dass Sie Berliner sind.

    So wie die Gegend in Berlin-Mitte das eine Stadtzentrum darstellt, ist alles am Zoo natürlich auch eine wichtige Gegend. Da man die alte Gedächtniskirche nicht so leicht wieder aufbauen kann, könnte man an diesem Standort durchaus etwas sorgsame Stadt-Reparatur betreiben, wie es übrigens im Zoo inzwischen auch getan wird.

    Hier wäre ein kleineres Gebäude sicher viel umweltfreundlicher und nachhaltiger, als dieser Klotz mit Plastikfassade -der schon lange nicht mehr dem Original ähnelt.

  • "Getroffene Hunde bellen" - ich stelle fest, dass Echter Berliner 's Beitrag wesentlich gelassener und unhysterischer daherkommt als der von dermont . Schade, dass manche zu einem ruhigen, sachlichen Diskurs nicht in der Lage sind. Angstvokabeln wie "Taliban" gehören nicht in diese Debatte...

  • "Getroffene Hunde bellen" - ich stelle fest, dass Echter Berliner 's Beitrag wesentlich gelassener und unhysterischer daherkommt als der von dermont . Schade, dass manche zu einem ruhigen, sachlichen Diskurs nicht in der Lage sind. Angstvokabeln wie "Taliban" gehören nicht in diese Debatte...

    Würde es Sie nicht reffen, wenn man Sie in die Nähe der Taliban bringt? Erstaunlich und auch unfair, dass Sie den Verursacher der unruhigen und unsachlichen Diskussion als "gelassen" loben und mich indirekt als "hysterisch" darstellen. Vielleicht liegt es daran, dass Sie seiner Meinung näher sind. Lesen Sie aber bitte noch einmal nach, wie ich als fixiert, blind, weltfremd, einseitig bezeichnet und in die Nähe von Reko-Enthusiasten und Reko-Talibanismus gebracht werde.

    Statt um das bellen geht es mir hier eigentlich eher um den Gedankenaustausch, der ja sehr interessant sein kann. Außer bei Ihnen, bin bin auch überhaupt nicht als hysterisch bekannt.

  • Genau, das hat UrPotsdamer wohl übersehen. Dass der Begriff "Taliban" zuerst in dem "gelassenen Beitrag" von Echter Berliner* fiel.

    Schon peinlich, wenn man nicht richtig beim Lesen aufpasst und dann den falschen Baum anbellt.


    *Dass sich jemand in einem Forum für Rekonstruktion anmeldet und dann von "Reko-Talibanismus" spricht ist eigentlich unerhört.

    In dubio pro reko

  • Ich finde es lustig, daß die Beiträge von Dermont und Königsbau genau meine These von der Fixiertheit mancher Rekofans illustrieren. Man merkt einfach bei einer Menge dieser Leute, daß das Rekonstruieren einen Fetisch darstellt und man einen Tunnelblick hat. Ich finde das immer schade, weil so eben der Eindruck eines gewissen rückwärtsgewandten Spießertums entsteht, das die Moderne per se ablehnt. Man wirkt überzeugender, wenn die Leute den Eindruck haben, daß man auch die Moderne wertschätzen kann und Reko kein Selbstzweck ist.

    Etwas mehr Entspanntheit und Souveränität würde die Position der Reko-Leute stärken. Wenn ich die Stadt so gestalten wollte, wie das viele Reko-Leute wollen, dann wäre das nach meinem Geschmack ähnlich langweilig und eindimensional, wie wenn man total auf historischen Rückbezug verzichtet. Man braucht einfach eine gesunde Mischung aus beiden Dimensionen.

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    *Dass sich jemand in einem Forum für Rekonstruktion anmeldet und dann von "Reko-Talibanismus" spricht ist eigentlich unerhört.

    Soll ich mich wieder abmelden? :) Diesem Forum geht es ja weniger um Rekonstruktionen an sich als allgemein um eine höhere Wertschätzung der Tradition, also auch um den Erhalt und die Pflege noch existierender Altbauten. Ich finde es z.B. schlimm, daß man den einzigen noch existenten Altbau am Schiffbauerdamm für die Erweiterung des Bandes des Bundes abreißen will (oder schon abgerissen hat). Das ist für mich ein Skandal. Denn ganzheitlicher Städtebau bedeutet für mich eben auch, daß man diesen Altbau toll integrieren und eine gewisse Ironie erzeugen könnte. Den Abriß finde ich eigentlich schlimmer als den Abriß des Zoohochhauses. Denn dieser Altbau repräsentiert das untergegangene Stadtviertel dort und ist angesichts der vielen Kriegszerstörungen viel wertvoller als das Zoohochhaus. Ist mir immer wieder ein Rätsel, wie man in einer Stadt wie Berlin Bauten von vor 1945 abreißen kann. Das ist eine echte kulturelle Verwahrlosung.

    Mein skandalöser Taliban-Satz lautete übrigens so:

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    Ich finde es immer schade, wenn Reko-Fans derartig fixiert sind auf die Historie, daß sie blind sind für den (relativen) Wert moderner Architektur und nicht sehen, was sie mit einem "Reko-Talibanismus" kaputtmachen. :)

    Ergo: Anführungszeichen und Smiley. Das muß reichen. :)

    Lieber Dermont, ich will dir ja nicht zu nahe treten, aber dein Beitrag ist wirklich eine Illustration der von mir problematisierten Geisteshaltung, weil du da eine Menge zusammenrührst und unterstellst und mit einem gewissen Belastungseifer agierst. Also so schlimm, wie du da meine Kritik darstellst, war sie meines Erachtens nicht. Ich beziehe mich ja häufig allgemein auf Reko-Fans und da auch nur auf einen bestimmten Typus. Es gibt auch entspanntere Reko-Fans.

    Aus meinem Beitrag geht eigentlich auch klar hervor, daß es natürlich auch Modernismus-Taliban gibt. Es gibt auf beiden Seiten Leute, die ideologisch fixiert sind. Schlimm finde ich z.B. diese "Kruzifixophobiker" in den linken Parteien - um nur mal ein relativ aktuelles Beispiel vom Stadtschloß zu nennen. Das ist extrem lächerlich und banausenhaft. :)

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    Da man die alte Gedächtniskirche nicht so leicht wieder aufbauen kann, könnte man an diesem Standort durchaus etwas sorgsame Stadt-Reparatur betreiben, wie es übrigens im Zoo inzwischen auch getan wird.

    Hier wäre ein kleineres Gebäude sicher viel umweltfreundlicher und nachhaltiger, als dieser Klotz mit Plastikfassade -der schon lange nicht mehr dem Original ähnelt.

    Der letzte Satz ist meiner Meinung nach auch ein deutliches Beispiel für deine Fixierung. Denn mit dem Umweltaspekt meinte ich mehr als offenkundig, daß hier ein bestehendes großes Gebäude verschrottet und ein neues gebaut wird. Das ist enorm ressourcenaufwendig und eine Verschwendung. Sanieren ist unter Umweltgesichtspunkten weitaus besser als Abriß und Neubau.

    Und den Satz mit der Gedächtniskirche finde ich auch sehr verräterisch. Ich weiß nicht, wie du in der Frage tickst, aber ich war schon einigermaßen fassungslos, als ich hier mal vor Jahren Leute ernsthaft habe vorschlagen gesehen, daß man die Gedächtniskirche rekonstruieren sollte. Und am besten noch die historische Platzumbauung.

    Da ist der Begriff Reko-Talibanismus durchaus auch ohne Anführungszeichen angebracht. :)

    Bestimmte Reko-Fans haben einfach Schwierigkeiten anzuerkennen, daß auch moderne Stadtprägungen erhaltenswert sein können.

    Und viele Modernisten haben dieselben Schwierigkeiten mit der historischen Substanz bzw. mit einem Wiederaufbau, wo er angebracht ist. Bei beiden Seiten sind gewisse ideologische Verhärtungen zu spüren und eine neurotische Politisierung von Architektur.

  • Ich finde es lustig, daß die Beiträge von Dermont und Königsbau genau meine These....

    Also ich finde diese herablassenden Beiträge vom angeblichen "echten Berliner" wirklich schwer nachvollziehbar. Die Taliban töten für ihre Ideologie so dumm, dass sie sich auch noch selbst umbringen. Wo tötet denn ein Fan klassischer Architektur die Moderne? Deswegen weil wir uns an manchen Stellen des Stadtbilds ab und zu eine Rekonstruktion wünschen würden? Ich möchte auch nicht indirekt in den Zusammenhang damit gebracht werden.

    Die Modernisten haben Jahrzehnte lang Gründerzeithäuser getötet und die Fassaden abgeschlagen oder ganze Häuser abgerissen. Das muss ein starker Fetisch sein, ich hab keinen. Die heutigen Architekturstudiengänge verhindern ideologisch begründet jede Art von klassischer Architektur bei den Nachwuchskräften und Mitarbeitern. Hier sieht man eine extreme Geisteshaltung. Die Moderne wird als Selbstzweck verkauft, nicht umgekehrt.

    Die Gefahr besteht doch überhaupt nicht, dass die Moderne aus Berlin verschwindet, weil die Retro-Leute so unflexibel sind. 70% war zerbombt, alles -bis auf wenige Ausnahmen- ist modern wieder aufgebaut worden. Sie brauchen gar keine Sorge haben, dass Berlin ohne ein modernes Gebäude bald "ähnlich langweilig und eindimensional" aussehen wird.

    Die Anspielung zur neuen Gedächtniskirche war ironisch gemeint, was Sie aber mit Ihrer "problematischen Geisteshaltung kombiniert mit zu viel Belastungseifer" wohl nicht verstanden haben. Der Turm der neuen Kirche war übrigens drei Jahre im Gerüst -nur um den Zustand zu prüfen. Diese feinrippigen Rasterfassadenteile sind völlig bröselig und es gibt bis heute kein Sanierungskonzept.

    Entschuldigen Sie die Ausdrücke, ich spiegel Ihnen nur erneut Ihre Wortwahl.

    Arbeiten Sie doch zunächst an Ihrer eigenen Neurose, bevor Sie "Leuten wie mir" wertvolle Ratschläge geben.

  • Ich gehöre auch zu den Menschen, für die das Huthmacherhaus identitätsstiftend genug ist, um es trotz des zwischenzeitlichen Umbaus im Zweifel zu erhalten. Ich finde, alleine dass ein Gebäude für eine relevant große Gruppe identitätsstiftend ist, zeigt schon eine gewisse architektonische Qualität an. Das Europacenter gehört wahrscheinlich auch zu dieser Sorte Gebäude, die Gedächtniskirche in der heutigen Form sowieso (zum Vergleich, die Hochhäuser um die Urania gehören eher nicht dazu, das Postbank-Hochhaus am Halleschen Ufer auch nicht). Geschichte, Ort, Erlebnisse etc. spielen halt auch eine Rolle. Es ist bei sowas immer die Frage, was käme denn stattdessen, wäre das besser, hat es dasselbe emotionale Potenzial wie der Altbau.

    Es gibt ja andere Fälle, wo das eine Rolle spielt. Der PdR hatte eine mindestens ähnliche emotionale Qualität, aber das Stadtschloss eben auch, und letzters deutlich stärkere andere Qualitäten, daher wurde es zu Recht rekonstruiert. (Ich hätte mir dort z.B. einen stärkeren Bezug der neuen Teile, bzw. der Ostfassade zum PdR gewünscht, wenn man denn schon nicht vollständig rekonstruiert.) Anhalter Bahnhof noch mal anders: da kann es kein Neubau mit der emotionalen Qualität des Altbaus aufnehmen. Selbst der Portalrest hat noch so viel emotionale Qualität, dass ein Abriss das Portals selbst im modernistisch geprägten Wettbewerb undenkbar war.

  • Vermutlich hat der Erbauer des Huthmacherhauses vieles im Sinn gehabt, nur nicht, dass das Gebäude einmal als identitätsstiftend bezeichnet würde. Dieses Attribut ist den Vertetern der "Moderne" schon immer fremd gewesen.

    In dubio pro reko

  • Das Wort "identitätsstiftend" hatten aber Schlüter und Knobelsdorff auch nicht im Sinn, als sie die Schlösser in Berlin, Charlottenburg und Potsdam errichteten...