Geislingen an der Steige (Galerie)

  • Ein paar Bilder aus der etwa 20km nordwestlich von Ulm gelegenen Stadt.


    Unmittelbar neben einem der mächtigsten und imponierendsten Fachwerkbauten überhaupt, dem 8-stöckigen Alten Bau, steht ein weiteres nicht allzu "alltägliches" Fachwerkgebäude, das sog. Haus "Zum Kornschreiber". :


    Dazu eine Aufnahme von 1950/55 aus dem Bildindex


    2003 (eigene Aufnahme)


    Auf der offiziellen Seite der Stadt Geislingen erfährt man zum "ältesten Haus Geislingens" folgendes:
    "Gegenüber dem mächtigen Alten Bau steht das Kornschreiberhaus. Es ist das älteste Haus der Stadt, 1397 über einem älteren Gewölbekeller erbaut (ältestes Holz von 1376). Um 1500 Einbau eines Fenstererkers in der "guten Stube" im Obergeschoss. 1711 wurden an der Giebelwand barocke Rankenmalereien angebracht. 1800 Geburtshaus des Zeichenlehrers und am Wiederaufbau des Ulmer Münsters beteiligten Eduard Mauch. Im April 1989 Erwerb durch Zimmerei Stahl, anschließend Nummerierung und Abtragung. 1990 Erstellung des Untergeschosses. 1990/91 Rekonstruktion und Wiederherstellung des Fachwerkes unter Verwendung originaler, alter und neuer Hölzer auf dem Zimmererplatz.
    Ab April 1992 Wiederaufbau in der Zimmermannskunst des Mittelalters. Das Dach besteht aus Schilf (Reet). Im Gebäude, heute wieder ein Kulturdenkmal, befindet sich ein Restaurant."


    siehe auch: Porträt der Stadt | Stadtrundgang | Kornschreiberhaus


  • Scheint mir aber eine sehr freie Rekonstruktion zu sein, noch dazu eine aus denkmalpflegerischer Sicht ziemlich bedenkliche Vorgehensweise, denn beim Abbau eines Fachwerkhauses gehen die meisten Baubefunde und die Gefachfüllungen verloren. Und so ein Haus besteht nun mal aus mehr als nur dem Holzskelett.


    Positiv erscheint mir aber die handwerksgemäße Verarbeitung der rekonstruierten Bauteile. Sieht jedenfalls nicht nach Holz aus dem Baumarkt aus.

  • Sehr bedenklich! Und der grösste Teil der Geschichte des Hauses wurde mit diesem Unfug ausgelöscht! Keine 5 % der Substanz des Hauses werden noch historisch sein! Ein richtiges "Lebkuchenhaus"!

  • Vor allem das Reetdach befremdet, weil es fuer sueddeutschland heute sehr untypisch ist. Es mag wohl sein, dass das Haus 1397 mit Reetdach gebaut wurde. Heute passt es nicht mehr ins Stadtbild.
    Eine einfache Instandsetzung des Haeuschens, wie es auf dem Bildindex-Bild zu sehen ist, evt. mit Fachwerkfreilegung, waere wohl besser gewesen.

    VBI DOLOR IBI VIGILES

  • Quote from "Brandmauer"

    Vor allem das Reetdach befremdet, weil es fuer sueddeutschland heute sehr untypisch ist.


    Vergiss nicht die typischen Schwarzwaldhäuser!

  • Zeitgenössische Bilder aus der Mitte des 16. Jahrhunderts zeigen, dass es in Süddeutschland und in der Schweiz tatsächlich vereinzelt ländliche Bauten gegeben hat, welche noch Schilfdächer aufwiesen. Daher lasse ich beim Geislinger Beispiel die Schilfeindeckung noch gelten.


    Vielmehr stören mich einige falsch ausgeführte Details. Immer wieder sieht man, dass bei der Hauptstube die Bohlenausfachungen gezeigt werden (siehe z.B. im Thread "Eppingen", oder das "Schoberhaus" in Pfullendorf). Ich habe nun schon einige Ständerbauten alemannischer Bauart dokumentieren können, und habe dabei meist eine Ausfachungsart mit Lehm und Flechtwerk als Armierung ausmachen können. Der besseren Wärmeisolation wegen verwendete man aber bei den Stuben Holzbohlen, welche man anschliessend mit aufgenagelten Tonplatten zudeckte und wie die restlichen Gefache des Hauses verputzte. Ich habe noch nie einen Befund angetroffen, bei welchem die Bohlen sichtbar blieben.


    Zum Schmunzeln brachte mich die Kellertür: was hat ein Rundbogen in liegender Position vor einer geraden Wand veloren??? Das ist für mich Kitsch, auch wenn er nicht in grellen bunten Farben daher komt. Und das Haus versinkt förmlich im Boden; die Schwellen sind praktisch auf Bodenhöhe und werden daher kaum 100 Jahre überleben!


    Meine Einwände mögen jetzt manchem übertrieben oder spitzfindig erscheinen, aber wenn man so ein museales Vorgehen betreibt, ist der Massstab höher zu setzen als bei irgend einer normalen Wohnhausrenovation.





    Dieses Beispiel eines stark geschädigten und mehrfach umgebauten Ständerbaus von 1529 zeigt rechts die Stube, deren Bohlen von Anfang an mit stehenden Backsteinen zugedeckt wurden. Links liegt die Nebenstube; nach der Entfernung der Backsteine kamen die unverwitterten Bohlen zum Vorschein!

  • Quote

    Vergiss nicht die typischen Schwarzwaldhäuser!


    Das stimmt ja; aber in den Staedt(ch)en kenne ich sie nicht.


    Quote

    Und das Haus versinkt förmlich im Boden; die Schwellen sind praktisch auf Bodenhöhe und werden daher kaum 100 Jahre überleben!


    Das scheint mir wohl der wichtigste Einwand. Das sichtbar bleiben der Bohlen ist auch ein wichtiger Fehler: denn neben dem Reetdach und dem Rundbogen am Kellertuer kommt der "Lebkuchenhaus"-Effekt auch daher.


    Uebrigens mag ich Nuernberger Lebkuchen auch 8)

    VBI DOLOR IBI VIGILES

  • Danke für die Ausführungen, Riegel - wieder 'was dazugelernt.

  • Quote from "Riegel"

    Zeitgenössische Bilder aus der Mitte des 16. Jahrhunderts zeigen, dass es in Süddeutschland und in der Schweiz tatsächlich vereinzelt ländliche Bauten gegeben hat, welche noch Schilfdächer aufwiesen. Daher lasse ich beim Geislinger Beispiel die Schilfeindeckung noch gelten.


    Hierzu noch eine lesenswerte Seite, mit einigen Bildern, zu den Landschaftsaquarellen aus Kalchreuth (im Norden Nürnbergs), wo diese Art der Dacheindeckung dargestellt wird: http://www.fraenkischer-albverein.de/jubilaeum/kalchreuth/kalchreuth.htm\r
    http://www.fraenkischer-albverein.de/ju ... hreuth.htm


    Bei Rekonstruktionen oder Restaurierungen halte ich es dennoch nicht für wünschenswert, diese Art der Dacheindeckung zumindest innerhalb eines geschlossenen Ortsbildes wiederherzustellen - in einem Freilichtmuseum sieht das anders aus.

  • Noch ein paar weitere Aufnahmen zu Fachwerkbauten in Geislingen an der Steige



    Der Alte Bau in der unteren Vorstadt, auch Bauhof genannt. Ein gewaltiger alemannischer Fachwerkbau, 1445 von der Reichsstadt Ulm als 8-stöckiger Fruchtkasten errichtet, um Getreide für die Stadt und das Umland zu lagern. In anderer Literatur wird um 1500 als Entstehungszeit angenommen.






    Schubarthaus (15. Jh.), In diesem Gebäude wohnte der Dichter Christian Friedrich Daniel Schubart von 1763 bis 1769



    Die Alte Post, ein siebenstöckigesGebäude in der Hauptstraße, 1453-56 erbaut. Auf der offiziellen Seite der Stadt steht noch dazu: „In den Jahren 1983-85 unter Verwendung von Originalholzbalken grundlegend wiederaufgebaut“.



    Kohn´sches Haus (um 1530)



    Stadtkirche und Pfarrhaus am Kirchplatz


    Und schließlich noch der Alte Zoll, wiederum in der Hauptstraße, von 1495:



    rechts angeschnitten das ehem. Gasthaus Krone

  • Beachtliche spätmittelalterliche oberdeutsche Fachwerke. Leider wirkt der Ort irgendwie ein wenig trist und lieblos auf mich - könnte allerdings am Wetter liegen oder eben doch an einigen störenden Ladeneinbauten -, auch diese dicke Abdeckkruste auf so manchem Fachwerkhaus werde ich nie leiden können, v. a. aber scheint es in der Vergangenheit eine äußerst problematische Herangehensweise bei der Sanierung alter Gebäude gegeben zu haben. Die Erläuterung zur Alten Post lässt natürlich sofort an den Fall des Kornschreiberhauses denken. Womöglich wurde auch hier die Holzkonstruktion nummeriert, das Haus vollständig abgetragen und anschließend wieder aufgebaut (allerdings am ursprünglichen Standort). Bleibt zu hoffen, dass das heute nicht mehr denkbare Sünden der 80er und frühen 90er Jahre waren.

    "Meistens belehrt uns der Verlust über den Wert der Dinge."
    Arthur Schopenhauer

  • Quote from "Georg Friedrich"

    Beachtliche spätmittelalterliche oberdeutsche Fachwerke. Leider wirkt der Ort irgendwie ein wenig trist und lieblos auf mich - könnte allerdings am Wetter liegen oder eben doch an einigen störenden Ladeneinbauten -, auch diese dicke Abdeckkruste auf so manchem Fachwerkhaus werde ich nie leiden können


    letzteres kann ich auch überhaupt nicht leiden, die paar wenigen Aufnahmen geben natürlich auch nicht so sonderlich viel her, um sich ein Bild von der Stadt machen zu können. Da wäre noch eine Ergänzung nötig und zumindest auch noch ein paar Nicht-Fachwerkhäuser.