Berlin-Mitte - Hackescher Markt & Umfeld

  • Ich habe mir die Situation mal vor Ort angeschaut. Also, dieses Areal hat mir von den gesehenen Neubauarealen in Berlins Mitte architektonisch am wenigsten zugesagt. Austauschbar, beliebig kam es mir vor. Hätte auch ein Büroareal in Frankfurt oder Hannover sein können. Nur die Grünfläche des Garnisonkirchplatzes mildert das öde Erscheinungsbild etwas. Vor allem der Kontrast zum regen Leben jenseits der S-Bahn-Gleise am Hackeschen Markt verstärkt den negativen Eindruck enorm. Auch in diesem Quartier sind ja ein paar Tische, Bänke und Stühle aufgestellt, aber der Publikumszuspruch war sehr bescheiden. Eine Abstimmung mit dem Füßen, so scheint es mir...


  • Hätte auch ein Büroareal in Frankfurt oder Hannover sein können.

    Willst du damit sagen, dass die Berliner Architektur sich in irgendeiner Weise von der in Frankfurt oder Hannover unterscheidet?
    Es gibt doch keinen einzigen zeitgenössischen Bau der letzten Jahre in Berlin der annähernd berlinischer ist als die Gebäude anderswo. Das meiste könnte doch überall stehen. Darüber hinaus hat meiner Meinung nach Berlin seit Schinkel und Stüler kaum noch einen Beitrag zur Stilentwicklung in Deutschland geleistet. die Impulse kamen woanders her. Beispielsweise aus München, Dessau, Hamburg oder Darmstadt.


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    Sorry, da muss ich mich selbst ein bisschen zurücknehmen. Die Warenhausarchitektur hat von Berlin aus viele Architekten beeinflusst, allerdings waren da auch die Franzosen Vorreiter.

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Also ich emfinde das Hackesche Quartier als gelungen. Dadurch, dass sie durch die Straße und die Tramgleise von den Höfen usw. getrennt sind, ist dort natürlich weniger los. Aber in der Nachbarschaft sind ja auch noch die herrlichen S-Bahnbögen.


    Es gibt doch keinen einzigen zeitgenössischen Bau der letzten Jahre in Berlin der annähernd berlinischer ist als die Gebäude anderswo.


    Finde ich nun überhaupt nicht. Jedenfalls ist in Berlin und auch in Hamburg zumindest eine Richtung erkennbar, im Gegensatz zu München etwa. Siehe schöne Beispiele hier.


    Und historisch war der Großraum Berlin sowohl im Expressionismus der 20er (u.a. Einsteinturm, Kirche am Hohenzollernplatz) als auch im Jugendstil und der Frühmoderne (z.B Shell-Haus) durchaus stilbildend, sogar europaweit. Eines der ersten Art-Deco-Gebäude weltweit war das Mossehaus, es gilt manchen sogar als einer der Begründer des Stils. In der Nachkriegsmoderne war z.B. die Berliner Philharmonie wie auch die Neue Nationalgalerie taktgebend und ist Vorläufer verschiedener Stilspielarten. Auch der strenge Historismus den wir als "Wilhelminismus" kennen, wurde ja in Berlin geboren. Die Aussage ist mE völlig haltlos, dass Berlin seit Schinkel/Stüler nichts hervorgebracht hätte.

  • Das mit München mag stimmen. München hat unter den deutschen großen vier zusammen mit Köln sicherlich die schlechteste moderne Architektur.
    Dennoch die Frage: Welches der von dir aufgeführten Gebäude konnte so nicht genau in Frankfurt oder Hannover stehen, darum gingb es ja ursprünglich.

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Ich verstehe die Frage nicht. Wenn ein Bau nun einmal in Berlin entstanden ist und von dort stilbildend wirkte, dann ist das so. Die Spekulation, ob er nicht auch in Hannover oder Frankfurt hätte entstehen können, ist da wenig zielführend.


    Wir müssen uns eben damit abfinden, dass wirklich regionale Formensprache immer seltener wird, schon weil ein steter Austausch zwischen den Städten in aller Welt stattfindet. Selbst Villen im Stil der Ostsee-Bäderarchitektur habe ich schon in Asien und Nordamerika entstehen sehen. Kann man ja niemandem verbieten. Im Barock hat man auch chinesische Teehäuser in europäischen Parks gebaut, warum auch nicht.


    Umso erstaunlicher eigentlich, dass die von mir verlinkten Bauten im Berliner Stil noch immer vorwiegend tatsächlich nur dort entstehen.

  • Weil die letzten Bilder so lange her sind, einige Ansichten der Südseite des Quartiers mit dem Litfaßplatz.




    Die goldene Bekrönung der Säule finde ich ziemlich misslungen. Ausländische Touristen und Bildungsferne dürften deswegen auch keinerlei Assoziation haben, auf was diese Säule hinweisen soll, nämlich die erste Aufstellung einer solchen Plakatierungs- und Informations(anschlags)-säule durch Ernst Litfaß im Jahr 1854 in der altstädtischen Adlerstraße auf dem Friedrichswerder. 'Spreetunnel' könnte davon mehr erzählen...


    Blick zum Garnisonskirchplatz - die länglichen Kübel mit Bepflanzungen sind in diesem Jahr aufgestellt worden.

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Irgendwie seltsam leblos. Obwohl, seltsam ist das eigentlich nicht, bei der sterilen Architektur.

    In dubio pro reko

  • Provisorisch sehen die aus. Wie von nem Eiskcafé für die Außensaison aufgestellt. Und hinderlich beim Überqueren des Platzes scheinen sie auf dem zweiten Bild auch. Ich lasse den einfach immer links liegen auf dem Weg zur Insel. Lohnt sich nicht, dem Beachtung zu schenken.

  • Ja, der Litfass-Platz ist wirklich ein Trauerspiel. Das Problem besteht m.E. darin, dass der Platz sehr zugig ist und nicht zuletzt deswegen kaum zu Sitzen einlädt. Eine dort nach Fertigstellung des Platzes vor einigen Jahren hoffnungsvoll eröffnete Gastronomie mit Biergarten und zahlreichen Außensitzplätzen war schlecht besucht und musste wieder schließen. Ein weiteres Problem ist, dass der Hackesche Markt nur ca. 200 m entfernt ist, und dort stets das Nachtleben pulsiert, der baulich recht schön und von allen Seiten eingefasst ist.
    Hinzu kommt der hässliche Beton-Bodenbelag. Da können auch Blumenkübel kaum etwas verbessern.

    Eingestellte Bilder sind, falls nicht anders angegeben, von mir

  • Den Backsteinbau empfinde ich dennoch als gelungen. Hübschere Fenster rein und das ding würde mir richtig gut gefallen.

    Am Ufer der Sonne wo die wesen vom sehen träumen ist in Echtzeit überall Nacht

  • Finde dieses Backsteingebäude auch nicht schlecht, es erinnert ein wenig an den Backsteinexpressionismus und konkret die Form und die Staffelgeschosse stellen gewisse Parallelen zum berühmten Chilehaus in Hamburg her, doch passt diese Architektur eher dorthin, nach Norddeutschland und nicht nach Berlin!

  • doch passt diese Architektur eher dorthin, nach Norddeutschland und nicht nach Berlin!

    das höre ich in letzter Zeit immer wieder. Auch die Kritik am Entwurf für die Cuvrybrache geht oft in Richtung "pseudohanseatisch" und dergleichen. wären wir hier in München könnte ich die Kritik ja noch nachvollziehen aber Berlin hat eine lange, kontinuierliche Tradition im Backsteinbau. Natürlich in erster Linie im Bereich der Industrie- und Speicherhausarchitektur und weniger im Wohnbereich. Aber Berlin und Ziegel passt in meinen Augen durchaus zusammen.

    Am Ufer der Sonne wo die wesen vom sehen träumen ist in Echtzeit überall Nacht

  • "Fachwerkliebhaber", bedenke, dass Berlin bereits auf ca. auf dem Breitengrad von Hannover liegt. Für mich ist das bereits Norddeutschland. Häuser wie z.B. die Nikolaikirche haben ja bereits das backsteingotische Element.

  • @Heimdall ja natürlich liegt Berlin nördlich, aber der unverputze Backstein war nie vorherrschendes Baumaterial wie in den Hansestädten an der Küste. Zudem waren beim angeführten Beispiel der Nikolaikirche die Doppeltürme erst im 19 Jahrhundert (1880) ergänzt worden.
    Mag sein, dass man in Berlin auch mit Backstein gearbeitet hatte, nur wurde dieser fast immer verputzt und in der Gründerzeit mit Stuck dekoriert!

  • Das ist richtig Fachwerkliebhaber. "...Fast alle Häuser sind verputzt und nur an frei liegenden Brandwänden und an Stellen, wo der alte Putz von der Fassade bröckelt, tritt der Ziegelstein zu Tage. Anders als in Hamburg, Lübeck oder Rostock, die ebensolche ausgesprochenen Backsteinstädte sind, versteckt Berlin sein Baumaterial. Der Grund ist einfach: Nur hochwertige Ziegelarten eignen sich zum unverputzten Bauen – und die wurden in Berlin weniger verwendet." s. http://www.berliner-mietervere…/online/mm1006/100622.htm

  • In Berlin sind fast alle Kirchen der Gründerzeit aus unverputztem Backstein, ebenso viele Schulgebäude dieser Zeit. Immer wieder finden sich auch backsteinsichtige Wohngebäude (oft die einzigen in einer Häuserzeile, denen man nicht den Bauschmuck komplett abrasiert hat). Aus anderen Epochen finden sich auch hinreichend Beispiele. Das geht nicht zuletzt auch auf Schinkel zurück, Stichwort Bauakademie.

  • Ich weiß, dass wir mal darüber im APH gesprochen haben und nun ist es soweit. Die Seniorenresidenz am Hackeschen Markt wird abgerissen und das nach gerade einmal 20 Jahren Bestand. Also nachhaltiges Bauen ist wirklich etwas anderes. Hoffen wir dann aber auf ein optisch ansprechendes Ergebnis. Der aktuelle Bau war auch nicht gerade ein Highlight der Architekturgeschichte.
    https://www.morgenpost.de/berl…-Hackeschen-Markt-ab.html


    Trotzdem muss ich ehrlich sagen, dass es in mir da schon sehr rumort, wenn man eigentlich intakte Bausubstanz "opfert" nur um noch mehr Kohle aus einem Grundstück zu pressen. So manche Entwicklung in dieser Welt kann man manchmal nur noch mit Kopfschütteln quittieren!

    APH - am Puls der Zeit