Kritik der modernen Ästhetik

  • Auf Bitten von Wissen.de nach "Architektur allgemein" verschoben:


    Quote from "Wissen.de"

    @ SevenUp


    ich kann jetzt nicht für die Architekturbranche, dafür aber für die Kunstbranche sprechen, die sich mit einer ähnlichen öffentlichen Kritik konfrontiert sieht. Der Kunstbegriff hat sich vom Ästhetikbegriff gelöst. Die Einheit von Kunst und "Schönheit", die insbesondere von der griechischen Kultur bestimmt wurde und bis ins Anfang des letzten Jahrhunderts nachwirkte, wurde aufgebrochen.
    Im Mittelpunkt der Kunst steht heute zunächst die ständige Revolution, d.h. Ziel ist es nicht, Vorangegangenes weiter zu entwickeln bzw. aufzunehmen, sondern die Welt immer neu zu erfinden, d.h. die Anknüpfung an die Ideale der früheren Epochen ist nicht gewünscht, sondern im Gegenteil, sie müssen überwunden werden. Der Markt will Neues, keine Imitate.
    Zweitens steht nicht mehr so sehr das Kunstwerk an sich, sondern vielmehr die Idee des Kunstwerks an erster Stelle, soll meinen, das Konzept und die intellektuelle Begründung der Idee ist viel wichtiger als das Werk an sich. Der Prozess steht über dem Produkt (auf die Spitze getrieben haben diese Idee die Happeningkünstler). Somit kann ich von dieser Seite die Idee von Chipperfield verstehen und die Idee als solche ist meiner Meinung nach sogar nicht schlecht. Allerdings ist die Frage, ob man die Entwicklung innerhalb der Kunst auf die Architektur übertragen kann und hier sehe ich das Problem. Die Kunst richtet sich an ein elitäres Publikum, das die notwendigen Kenntnisse in die Museen etc. mitbringt und daher zumindest in den meisten Fällen die Kunst unter Einbeziehung der Kontextbedingungen verstehen kann. Außerdem richtet sich die Kunst in ihrer Ausrichtung an bestimmte Gruppen, die dann entscheiden können, ob sie sich das Werk ansehen wollen oder nicht. Der Rest bleibt eben der Ausstellung fern. Architektur findet aber im öffentlichen Raum statt und so ist die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit davon betroffen.
    Somit stellt die Loslösung der Architektur vom Ästhetikbegriff und die intellektuelle Überhöhung des innerfachlichen Diskurses auf dem Kunstmarkt das eigentliche Problem dar. Man hat sich mittlerweile in einer derartigen Weise vom Schönheitsbegriff der klassischen Epochen entfernt, dass selbst das beste Konzept aufgrund seines grundsätzlichen ästhetischen Mangels nicht mehr überzeugen kann.
    Deshalb hatte O`Gehry mit seinem Museum in Bilbao einen solchen Erfolg, weil er versucht hat, Element der klassischen Ästhetik wieder aufzunehmen und sein Gebäude zur Skulptur gemacht hat, die auf Harmonie statt auf Kontrast setzt. Leider hat er sich nicht weiterentwickelt und lebt heute vom Ruhm dieses einen Gebäudes, dass er in seinen Projekten bis heute zitiert. Aber zweifellos ist das Museum in Bilbao eine Ikone der Moderne und zwar zu recht. Dies konnte es aber nur erreichen, weil dieses Gebäude auch von der breiten Masse akzeptiert wurde. Und dies geht nur, wenn zumindest der Versuch unternommen wird, Werk- und Ästhetikbegriff wieder zusammenzuführen.



    Quote from "SchortschiBähr"

    Gut gesagt :!: Sehr zutreffende Analyse.


    :applaus:


    ... und es kommt auf das WIE in der Ausführung einer Idee an, ob sie als gut oder misslungen empfunden wird (und mit Empfinden meine ich alle Sinne und nicht ausschließlich den intellektuell geprägten Verstand, der in Konzepten denkt und das gut findet, was seinen Konzepten entspricht.)


    Quote from "Wissen.de"

    Ich hatte mal ein sehr interessantes, zugegebenermaßen sehr theoretisches Gespräch in einer Fachrunde zum allgemeinen und subjektiven Ästhetikbegriff in der Kunst. Es ging damals darum, ob der Schönheitsbegriff in der Kunst (Formen, Linien, Körper) rein subjektiv ist, d.h. sich auf einen gesellschaftlich konnotierten Zusammenhang stützend (d.h. Schönheit ist ein gesellschaftlich vereinbartes Phänomen) oder ob Schönheit einen objektiven Charakter besitzt. Ergebnis dieser langen Diskussion war am Ende, dass Schönheit beide Eingenschaften enthält. Schönheit ist zum großen teil subjektiv (man vergleiche das Schönheitsideal in Bezug auf den weiblichen Körper zu Rubens Zeiten und heute), aber es gibt auch Grundzüge die über alle Grenzen von Kultur und Religion als mehrheitlich schön empfunden werden. Die Griechen haben dieses Schönheitsideal manifestiert. Diese objektiven, über alle Grenzen als schön wahrgenommenen Strukturen, fehlen der Kunst heute oft. Aber sie fehlen ihr nicht unbewusst, sondern man will diesen Bruch.


    Quote from "SchortschiBähr"

    @ wissen.de
    Die Leute, die diesen von Dir angenommenen bewußten Bruch wollen, sehe ich als solche, die das Leben schwerpunktmäßig aus der Kopfperspektive wahrnehmen, will heißen verstandesmäßig erfassen, was unter Abspaltung anderer Wahrnehmungs- und Gefühlsebenen nur möglich ist. Kunst- und Architekturproduktionen dieser Menschen sind dann Kopfgeburten, denen der Bezug zur Natürlichkeit und die Einfügung in das Ganze auffällig fehlen. In der Architektur strahlen sie diese kantige Gefühlskälte aus, es fehlt das weiche, weibliche Element.
    Ein mit allen Sinnen und vor allem mit dem Herzen sehender und fühlender Mensch erfaßt intuitiv die naturgegebene Schönheit in seinen Werken, weil er das Empfinden für Harmonie in sich trägt und es eine Freude ist diese auszudrücken.
    Ich hab' ja schon mal zu diesem Thema einige heftig kritisierte Äußerungen von mir gegeben und lasse das jetzt hier. Ist nicht der Ort. Evt. demnächst im Bereich "Architektur allgemein".
    Sonst setze ich mich wieder in die Nesseln... :augenrollen:



    Quote from "Wissen.de"

    @ SchortschiBähr


    es geht nicht mal um das Weibliche, auch nicht um das Kantige. Es sei in diesem Zusammenhang auch einmal die Theorie vom goldenen Schnitt erwähnt (Verhältnis von Strecken, Abständen bzw. Verhältnisse im Allgemeinen). Dies jetzt näher auszuführen, ginge aber zu weit.
    Aber du hast recht in dem Punkt, dass Kunst heute Kopfsache ist. Es gibt ja auch dien Theorie, das es Kunst überhaupt nicht gibt, sondern das Kunstwerk entsteht erst im Kopf des Betrachters. D.h. das Kunstwerk ist ein rein individuelles Phantasieprodukt. Jeder nimmt Kunst mit seiner eigenen Entwicklungsbiographie anders war. Dies stellt eine immense Herausforderung für den Betrachter dar, muss er sich doch Kenntnisse über das Kunstwerk aneignen, um es verstehen zu können (hier seien die Kunstwerke von Joseph Beuys angesprochen: den Sinn von Filz und Fett und ihre Bedeutung im Kunstwerk selbst kann man nur verstehen, wenn man die Biografie des Künstlers kennt). Dies hat zur Folge, das die Rezeption von Kunst zum individuellen Akt wird, der gleichzeitig aber auch wesentliche Gruppen von der Kunst ausschließt, da das Kunstwerk so vielschichtig codiert ist, dass ein Großteil der Bevölkerung diese "Decodierarbeit" nicht leisten kann. Ähnlich verhält es sich beim neuen Museum. Das Kunstwerk entsteht erst im Kopf des Betrachters mit der entsprechenden Kenntnis der Baugeschichte. Dann kommt noch erschwerend hinzu, dass sowohl die Kunst, wie auch die Architektur den Gesetzmäßigkeiten der objektiven Ästhetik nicht mehr folgen, sondern gegensätzliche Ästhetikkonzepte erstellt haben, die der breiten Masse aber verschlossen bleiben und so auf mangelnde Akzeptanz stoßen.






    Quote from "Wissen.de"

    Abschließend kann man vielleicht sagen, dass die Moderne nicht aufgrund äußerer Einwirkungen, sondern aus sich heraus gescheitert ist. Der Traum von einer völlig neuen, radikal anderen Welt (dies betrifft sowohl den politischen wie auch architektonisch-künstlerischen Weltentwurf), musste Utopie bleiben, weil der Mensch in einer völlig transformierten Welt von seinem natürlichen Ursprung her der gleiche blieb.


    Vielleicht könnte einer der Moderatoren die Diskussion nach Architektur allgemein verschieben.


  • Quelle: FAZ

  • Interessanter Artikel in der WELT :


    28. März 2008, 04:00 Uhr
    Von Hans Stimmann


    Wohngebirge für die neue Gesellschaft
    Megastrukturen und Eskapismus: Was bleibt von der Architektur der 68er?



    Das Jahr 1968 steht heute exemplarisch für eine ganze Generation, die gegen Politik und Moral eines spießigen Establishments aufbegehrte, mit entsprechendem Outfit, dazugehöriger Rockmusik, Demonstrationen, Sit-ins und Protesten. Die Bewegung erfasste besonders die Universitäten und Parteien, aber auch Kunst, Musik und Theater. Auf dem Gebiet von Städtebau und Architektur, die sonst auf gesellschaftliche Veränderungen schnell reagieren, war von dieser Bewegung kaum etwas zu spüren.


    Eine seltene Ausnahme bildete die Architekturfakultät der Technischen Universität Berlin, an der seit 1964 der später berühmte und einflussreiche Oswald Mathias Ungers am Lehrstuhl für Entwerfen und als Dekan wirkte. In seinen inzwischen gedruckt vorliegenden Vorlesungen trat er ein für die Einheitlichkeit von Handwerk, Technik und Kunst und für die "Autonomie der Architektur". Seine Assistenten, Diplomanden und er "beglückten" die Stadt aber auch mit wuchernden Megastrukturen, kolossalen Bürokomplexen, Wohnhaus-Clustern und Überbauungen von Verkehrsknotenpunkten. Nicht etwa gegen diesen stadtfeindlichen, hypertrophen Ansatz (der dann im Märkischen Viertel unter Ungers' Beteiligung Wirklichkeit wurde), sondern gegen sein Verständnis von Architektur als Baukunst richtete sich der Protest der Architekturstudenten, die im Dezember 1967 seinen Internationalen Architekturtheorie-Kongress mit dem Schlachtruf sprengten: "Alle Häuser sind schön, hört auf zu bauen".


    An die Stelle der Architektur sollte eine politisch und sozialwissenschaftlich begründete Planung der Gesellschaft treten. Legendär ist die 1968 in der führenden Fachzeitschrift "Stadtbauwelt" abgedruckte Planerflugschrift, in der u.a. die "Verlagerung der Planung auf politisch-ökonomische Zielsetzungen" und die "Ablösung vom Werkcharakter einer der traditionellen Architektur verhafteten ,Stadtbaukunst'" gefordert wurde. Dieser studentische Protest gegen ein vermeintlich überholtes, weil traditionelles Architektur- und Städtebauverständnis in der Ausbildung blieb aber die West-Berliner Ausnahme.


    In der kommunalen Praxis des Bauens dominierte 1968 die gewerkschaftseigene "Neue Heimat", die Idee der Vorfertigung als Allheilmittel, Kahlschlagsanierung der Gründerzeitviertel und das Auftauchen der ersten Fußgängerzonen. Durchblättert man die Fachpresse des Architektur-Jahres 1968, liest man von der zehnmillionsten in der Bundesrepublik fertiggestellten Wohnung seit 1949. Der Ort der Rekordmeldung, nämlich die Großsiedlung Kiel-Mettenhof, war sorgfältig ausgesucht. Herrschte doch auch hier die gewerkschaftseigene "Neue Heimat" mit Albert Vietor an der Spitze. In Kiel-Mettenhof entstanden wie in anderen Städten der Bundesrepublik aus damaliger Sicht nicht nur Wohnungen, sondern "die Stadt der Zukunft" mit einer "Revolution des Stadtbildes".


    Für diese Ost und West übergreifende Idee einer architektonischen und gesellschaftlichen Alternative zur traditionellen Stadt standen die damals gerühmten Großsiedlungsprojekte in Köln-Chorweiler, München-Perlach, Mannheim-Vogelstang, die Nord-West-Stadt in Frankfurt am Main, die Berliner Gropiusstadt und das Märkische Viertel, aber eben auch die neuen Stadtteile in der DDR wie Jena-Lobeda, Rostock Lütten Klein, Leipzig-Grünau oder Halle-Neustadt. Dazu kam die Praxis der innerstädtischen Abriss- und Neubauprojekte etwa am West-Berliner Mehringplatz nach einem Entwurf von Hans Scharoun (Architekt der Berliner Philharmonie) und besonders gravierend Abriss und Neubebauung des mittelalterlichen Fischerkiezes in Ost-Berlin.


    Angesichts dieser brutalen Flächenabrisse und der technokratischen Neubebauung in Form industriell gefertigter Großsiedlungen hätte man vor dem Hintergrund heutiger Erfahrungen eigentlich massive Proteste von Studenten und Architekten erwartet. Doch die Zeit dafür war noch nicht reif, das Überkommene wurde nicht geschätzt. Die Architekten und Stadtplaner berauschten sich (übrigens gerade im Seminar von Oswald Mathias Ungers) an den technischen Möglichkeiten der nicht ortsgebundenen Vorfertigung - nicht nur im sozialen, also öffentlich subventionierten Wohnungsbau mit Wohnungsbausystemen, sondern auch im Bau von Stadt- und Einkaufszentren und im Hochschul- und Schulbau.


    In West-Berlin verband sich die Idee der Vorfertigung beim Bau monströser Schulen mit dem bildungspolitischen Projekt der Gesamtschule. Zum Schaden dieser höchst aktuellen Idee hat sich hier das Bild der vorgefertigten Lernfabriken festgesetzt - ein Beispiel für die negative Wirkung von Architektur, die sich selbst in den Mittelpunkt stellte und nicht die Aufgabe Schulbau. Im Extremfall endeten diese Überlegungen immer in einer Art von "Raumstadt", wie sie dem 1968 verstorbenen Frankfurter Architekten Walter Schwagenscheidt vorschwebte. Das Leitbild war nach dem Ende der organischen Stadtideen der unmittelbaren Nachkriegsjahrzehnte nunmehr die Industrialisierung von Architektur und Städtebau.


    Kritisches oder gar Selbstkritisches war - und ist - aus Kreisen der beteiligten Städtebauer und Architekten nur höchst selten zu vernehmen (die Hochschullehrer eingeschlossen). Die Disziplin schwärmte in unterschiedlichen Tonhöhen und Lautstärken von den Möglichkeiten neuer Stadt- und Gebäudestrukturen. Es waren keinesfalls nur unbekannte Architekten, sondern die etablierten und jungen Stars der Zeit wie Walter Gropius, Hermann Henselmann, Werner Düttmann oder Thomas Sieverts. Die Zunft, das waren besonders die gemeinnützigen, gewerkschaftseigenen oder städtischen Wohnungsbaugesellschaften als Bauherren. Aber auch das damalige Feuilleton von "Zeit", "Welt" oder "Tagesspiegel" war sich einig über den Weg fort von der Tradition des Städte- und Hausbaus. Man dachte in freien Formen, in wahren Gebirgen und endlosen Strukturen, soweit es die Großsiedlungsmuster betraf.


    Um diese Zeit in ihrer Mischung aus Geschichtsfeindlichkeit, Vertrauen auf technokratische Lösungen und vermeintlichem gesellschaftlichen Fortschritt sichtbar werden zu lassen, genügte es, die Wettbewerbe des Jahres 1968 neu auszustellen, exemplarisch die Hochschul-Wettbewerbe für die TU Berlin, die TH Zürich oder die Erweiterung der FU Berlin durch Candilis/Woods, die später als "Rostlaube" bekannt wurde. Dazu passte als Ergänzung und gleichzeitig zur Einschätzung der damaligen "Wirklichkeitswahrnehmung" der Abteilung Baukunst der Akademie der Künste (Berlin West) sehr gut die Ausstellung der britischen Gruppe "Archigram" mit ihren Plug-in-Stadtmodellen futuristischer Gitterstädte. Diese Ausstellung in der Akademie war kein Einzelfall: Frustriert von den Ergebnissen der eigenen Zunft flüchtete man entweder in die abstrakte Theorie der Planung oder suchte nach utopischen Alternativen in Form von Trichterstädten, Biotekturen oder Marinestrukturen. Wer sich nicht mehr erinnert, sollte sich Fotos der ersten Fußgängerzonen Deutschlands in Hannover, Bremen oder München ansehen, in denen dann wenig später demonstrierende Studenten auftauchten.


    Proteste gegen diese Mischung aus technokratischer Naivität, Spießertum und politischer Zukunftsgläubigkeit waren eine ausgesprochene Rarität, und sie kamen eben nicht von den Bauprofis, sondern aus Kreisen der Sozialwissenschaft, der Kunst oder wie in Berlin von einigen Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeitern der Architekturfakultät.


    Dabei war schon 1964 das später so einflussreiche Buch "Die gemordete Stadt" erschienen, in dem der Berliner Publizist Wolf Jobst Siedler das Verlöschen der klassischen Stadt beklagte und die Ödnis der Neubausiedlungen. Bei den Sozialwissenschaften ist Alexander Mitscherlichs erstmals 1965 erschienenes Buch "Die Unwirtlichkeit unserer Städte" zu nennen, das 1968 seine vierte Auflage erlebte. Mitscherlich kritisierte die "geplanten Slums, die man gemeinhin sozialen Wohnungsbau nennt", die Entmischung von Wohnen und Arbeiten, das Vorort-Einfamilienhaus als "Inbegriff städtischer Verantwortungslosigkeit", die "bedenkenlose Traditionsvernichtung", ein "Planungs- und Gestaltungsniveau dritter und vierter Hand", und er nannte als Hauptschuldige die gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften. Die ästhetischen Berater dieser Gesellschaften, also die Architekten, blieben leider unerwähnt, obwohl sie doch einen großen Teil Mitverantwortung trugen.


    Etwas von dieser Kritik findet man auch bei jungen Architekten anlässlich der vom West-Berliner Senat durchgeführten "Bauwochen 68". Ein buntes Personen- und Positionenbündnis forderte in einem Manifest der "Aktion 507" (benannt nach einem Raum der Architekturfakultät an der TU) neben mehr Betroffenenbeteiligung den Abbau der Entwurfsabteilung des Senats, die Abschaffung des Berufsbeamtentums und gesellschaftliche Verfügung über Grund und Boden. Den Unterzeichnern, darunter Josef Paul Kleihues, Jürgen Sawade und Jan Rave, ging es darum, gesellschaftskritisch die Demokratisierung der Planung voranzutreiben, aber wohl auch darum, Aufträge zu bekommen. Die reale Welt der Architektur der Moderne blieb im Manifest außen vor.


    Die Kritik der dazugehörigen Ausstellung war da deutlicher. Sie machte sich am Städtebau und seinen Produktionsbedingungen der Großsiedlung Märkisches Viertel fest. Hier planten und bauten nach einem Konzept des damaligen Direktors der Abteilung Baukunst der Akademie der Künste, Werner Düttmann, und seines Nachfolgers und Kollegen, Senatsbaudirektor Hans C. Müller u.a. die Akademiemitglieder Ludwig Leo, Ernst Gisel, Oswald Mathias Ungers, Peter Pfankuch an einem Projekt für den sozialen Wohnungsbau in bis dahin nicht erprobten Dimensionen. Berühmt geworden ist die Antwort des Berliner Architekten Herbert Stranz ("Architektur ist tot") auf die Frage nach seinem Leitbild: "Wir wollen Blumen und Märchen bauen. Die Maximalhöhe war städtebaulich vorgeschrieben, der Rest ist angewandte Sonne".


    Was bleibt jenseits der bekannten Achtundsechziger-Mythen auf dem Gebiet der Architektur? Das Bild einer orientierungslosen, zwischen Selbstverleugnung und utopischer Fata Morgana schwankenden Disziplin, die mit dieser Haltung noch bis weit in die Achtzigerjahre weiterbaute. Erst allmählich hat sich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Städtebau- und Architekturgeschichte, mit den realen Orten, mit der Theorie und Praxis der traditionellen europäischen Stadt durchgesetzt. Beunruhigend ist aus heutiger Sicht, dass sich die jüngste Architekten-Generation vielfach wieder des Vokabulars der Sechzigerjahre bedient. Ihr sei gesagt: Geschichte wiederholt sich nicht, es sei denn als Farce.


    Quelle : http://www.welt.de/welt_print/article1845096/Wohngebirge_fuer_die_neue_Gesellschaft.html\r
    http://www.welt.de/welt_print/article18 ... chaft.html

    "Europa wurde von den Bürgern erbaut und von den Proleten zerstört."
    - Sándor Márai


  • Aus der dänischen Zeitung Politiken... :D

    Unsere große Aufmerksamkeit für die Belange des Denkmalschutzes ist bekannt, aber weder ökonomisch noch kulturhistorisch lässt es sich vertreten, aus jedem alten Gebäude ein Museum zu machen. E. Honecker

  • Meine zwei Lieblingsbeispiele aus der Slideshow:


    http://www.sueddeutsche.de/imm…e/299/182732/p0/?img=10.0


    Quote

    Das klassische Bild einer Kirche wird aufgenommen und zeitgenössisch neu interpretiert. Durch umlaufende Oberlichter löst sich der Raum nach oben hin auf, die Decke scheint zu schweben. Das Spiel des Lichts, das von oben im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten den Raum durchdringt, ist das einzige, wahre Ornament. Die Materialien wirken durch ihre ursprüngliche Textur und Haptik.


    http://www.sueddeutsche.de/imm…e/299/182732/p0/?img=11.0


    Quote

    Eine himmlisch schimmernde Alubox landet wie ein Alien sanft auf irdischem Beton und umschließt den introvertierten Wohnraum samt Gartenhof. Klare Linien, üppiges Licht und wenige, sinnliche Materialien als Labsal fürs Gemüt.


    Wohlgemerkt geht es um zwei Sichtbetonkuben.

  • klick!


    Das neue Bootshaus des Yachtclubs "Atlantic"


    Für dieses neu errichtete Bootshaus wurde das Thema der klassischen Tempelhalle neu interpretiert.
    Inmitten der dichten und verkehrsreichen Nachbarschaft bietet das nach außen schlichte Gebäude ein hohes Maß an räumlicher Spannung, Atmosphäre und Stabilität.
    Die repräsentative Bootshalle besticht durch eine klare Geometrie und vereint hierin ästhetische und funktionale Ansprüche.
    Klare Linien und wenige, sinnliche Materialien sorgen für ein angenehmes Raumklima bei gleichzeitiger Verbesserung der Raumakustik und sind Labsal fürs Gemüt.

  • Quote

    „In der Wüste der Moderne“ ist der Titel einer instruktiven Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt, welche die Ambivalenz zwischen kolonialer Gewaltherrschaft und den architektonischen Utopien der Neuzeit am Beispiel Nordafrikas aufzeigt, das in den 1950er Jahren regelrecht zum Laboratorium der Moderne wurde. Demografische Entwicklung und Landflucht machten es in Algerien, Marokko sowie Tunesien nötig, die an den Stadträndern wild wuchernden „Bidonvilles“ der zugewanderten Arbeiter durch ordnende Bebauungspläne zu strukturieren.


    Mitunter mit recht drastischen Maßnahmen. Die gewachsenen Elendsviertel wurden mit der Planierraupe platt gemacht, die Bewohner in moderne Massenbehausungen umgesiedelt. Architekten aus Europa entwickelten ausgehend von Le Corbusiers Siedlungskonzepten der 1920er/30er Jahre riesige Wohnmaschinen. Städte vor den Städten. In Casablanca baute Michel Écochard an seinem Masterplan, heuerte Kollegen wie Studer und Hentsch für das „Habitat marocain“ an, oder Georges Candilis und Shadrach Woods für eine „Cité verticale“. Das Geld dafür gab die Kolonialmacht Frankreich. Was gut gemeint war, wurde von den vertriebenen Bewohnern der Bidonvilles allerdings als Akt der Unterdrückung verstanden. Streiks und Aufstände waren die Folge, die zunächst noch niederschlagen werden konnten, letztlich dann aber im Jahr 1956 zur Unabhängigkeit Marokkos führten.


    Vielleicht werden wir ja auch noch frei.


    http://www.maerkischeallgemein…der_Welt_widmet_sich.html


    Mit Fotos zur Ausstellung:


    http://www.hkw.de/de/programm2…projekt-detail_wueste.php

    "Nichts zeichnet eine Regierung mehr aus als die Künste, die unter ihrem Schutze gedeihen."
    Friedrich der Große

  • ^^


    Quote

    Doch wer genauer hinsieht, wird überrascht feststellen: Die zeitgenössische Architektur ist weit vielfältiger und fantasiereicher, als viele meinen, ja, sie ist eine Wunderkammer aus Technik und Sinnlichkeit.


    Quote

    Allerdings bedeutet Schönheit via Ornament, das verdeutlichen andere Beispiele in Basel, keine glatte, idealisierte Schönheit, sondern eine gebrochene, bisweilen deformierte Schönheit. Manchmal sind es Ornamente aus Industrieabfällen, manchmal verwandeln sich aber auch Verwitterungsspuren oder Zufallsprozesse in Schmuckformen.


    (Zitate: Die Zeit)


    Au weia. Sie sollten es besser lassen...