Kritik der modernen Ästhetik

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    • Kritik der modernen Ästhetik

      Auf Bitten von Wissen.de nach "Architektur allgemein" verschoben:

      "Wissen.de" schrieb:

      @ SevenUp

      ich kann jetzt nicht für die Architekturbranche, dafür aber für die Kunstbranche sprechen, die sich mit einer ähnlichen öffentlichen Kritik konfrontiert sieht. Der Kunstbegriff hat sich vom Ästhetikbegriff gelöst. Die Einheit von Kunst und "Schönheit", die insbesondere von der griechischen Kultur bestimmt wurde und bis ins Anfang des letzten Jahrhunderts nachwirkte, wurde aufgebrochen.
      Im Mittelpunkt der Kunst steht heute zunächst die ständige Revolution, d.h. Ziel ist es nicht, Vorangegangenes weiter zu entwickeln bzw. aufzunehmen, sondern die Welt immer neu zu erfinden, d.h. die Anknüpfung an die Ideale der früheren Epochen ist nicht gewünscht, sondern im Gegenteil, sie müssen überwunden werden. Der Markt will Neues, keine Imitate.
      Zweitens steht nicht mehr so sehr das Kunstwerk an sich, sondern vielmehr die Idee des Kunstwerks an erster Stelle, soll meinen, das Konzept und die intellektuelle Begründung der Idee ist viel wichtiger als das Werk an sich. Der Prozess steht über dem Produkt (auf die Spitze getrieben haben diese Idee die Happeningkünstler). Somit kann ich von dieser Seite die Idee von Chipperfield verstehen und die Idee als solche ist meiner Meinung nach sogar nicht schlecht. Allerdings ist die Frage, ob man die Entwicklung innerhalb der Kunst auf die Architektur übertragen kann und hier sehe ich das Problem. Die Kunst richtet sich an ein elitäres Publikum, das die notwendigen Kenntnisse in die Museen etc. mitbringt und daher zumindest in den meisten Fällen die Kunst unter Einbeziehung der Kontextbedingungen verstehen kann. Außerdem richtet sich die Kunst in ihrer Ausrichtung an bestimmte Gruppen, die dann entscheiden können, ob sie sich das Werk ansehen wollen oder nicht. Der Rest bleibt eben der Ausstellung fern. Architektur findet aber im öffentlichen Raum statt und so ist die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit davon betroffen.
      Somit stellt die Loslösung der Architektur vom Ästhetikbegriff und die intellektuelle Überhöhung des innerfachlichen Diskurses auf dem Kunstmarkt das eigentliche Problem dar. Man hat sich mittlerweile in einer derartigen Weise vom Schönheitsbegriff der klassischen Epochen entfernt, dass selbst das beste Konzept aufgrund seines grundsätzlichen ästhetischen Mangels nicht mehr überzeugen kann.
      Deshalb hatte O`Gehry mit seinem Museum in Bilbao einen solchen Erfolg, weil er versucht hat, Element der klassischen Ästhetik wieder aufzunehmen und sein Gebäude zur Skulptur gemacht hat, die auf Harmonie statt auf Kontrast setzt. Leider hat er sich nicht weiterentwickelt und lebt heute vom Ruhm dieses einen Gebäudes, dass er in seinen Projekten bis heute zitiert. Aber zweifellos ist das Museum in Bilbao eine Ikone der Moderne und zwar zu recht. Dies konnte es aber nur erreichen, weil dieses Gebäude auch von der breiten Masse akzeptiert wurde. Und dies geht nur, wenn zumindest der Versuch unternommen wird, Werk- und Ästhetikbegriff wieder zusammenzuführen.



      "SchortschiBähr" schrieb:

      "Wissen.de" schrieb:

      @ SevenUp
      ...
      Der Kunstbegriff hat sich vom Ästhetikbegriff gelöst. Die Einheit von Kunst und "Schönheit", die insbesondere von der griechischen Kultur bestimmt wurde und bis ins Anfang des letzten Jahrhunderts nachwirkte, wurde aufgebrochen.

      Zweitens steht nicht mehr so sehr das Kunstwerk an sich, sondern vielmehr die Idee des Kunstwerks an erster Stelle, soll meinen, das Konzept und die intellektuelle Begründung der Idee ist viel wichtiger als das Werk an sich. Der Prozess steht über dem Produkt (auf die Spitze getrieben haben diese Idee die Happeningkünstler). Somit kann ich von dieser Seite die Idee von Chipperfield verstehen und die Idee als solche ist meiner Meinung nach sogar nicht schlecht. Allerdings ist die Frage, ob man die Entwicklung innerhalb der Kunst auf die Architektur übertragen kann und hier sehe ich das Problem. Die Kunst richtet sich an ein elitäres Publikum, das die notwendigen Kenntnisse in die Museen etc. mitbringt und daher zumindest in den meisten Fällen die Kunst unter Einbeziehung der Kontextbedingungen verstehen kann. Außerdem richtet sich die Kunst in ihrer Ausrichtung an bestimmte Gruppen, die dann entscheiden können, ob sie sich das Werk ansehen wollen oder nicht. Der Rest bleibt eben der Ausstellung fern. Architektur findet aber im öffentlichen Raum statt und so ist die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit davon betroffen.

      Somit stellt die Loslösung der Architektur vom Ästhetikbegriff und die intellektuelle Überhöhung des innerfachlichen Diskurses auf dem Kunstmarkt das eigentliche Problem dar.

      Man hat sich mittlerweile in einer derartigen Weise vom Schönheitsbegriff der klassischen Epochen entfernt, dass selbst das beste Konzept aufgrund seines grundsätzlichen ästhetischen Mangels nicht mehr überzeugen kann.

      ..., weil dieses Gebäude auch von der breiten Masse akzeptiert wurde. Und dies geht nur, wenn zumindest der Versuch unternommen wird, Werk- und Ästhetikbegriff wieder zusammenzuführen.


      Gut gesagt :!: Sehr zutreffende Analyse.

      :applaus:

      ... und es kommt auf das WIE in der Ausführung einer Idee an, ob sie als gut oder misslungen empfunden wird (und mit Empfinden meine ich alle Sinne und nicht ausschließlich den intellektuell geprägten Verstand, der in Konzepten denkt und das gut findet, was seinen Konzepten entspricht.)


      "Wissen.de" schrieb:

      Ich hatte mal ein sehr interessantes, zugegebenermaßen sehr theoretisches Gespräch in einer Fachrunde zum allgemeinen und subjektiven Ästhetikbegriff in der Kunst. Es ging damals darum, ob der Schönheitsbegriff in der Kunst (Formen, Linien, Körper) rein subjektiv ist, d.h. sich auf einen gesellschaftlich konnotierten Zusammenhang stützend (d.h. Schönheit ist ein gesellschaftlich vereinbartes Phänomen) oder ob Schönheit einen objektiven Charakter besitzt. Ergebnis dieser langen Diskussion war am Ende, dass Schönheit beide Eingenschaften enthält. Schönheit ist zum großen teil subjektiv (man vergleiche das Schönheitsideal in Bezug auf den weiblichen Körper zu Rubens Zeiten und heute), aber es gibt auch Grundzüge die über alle Grenzen von Kultur und Religion als mehrheitlich schön empfunden werden. Die Griechen haben dieses Schönheitsideal manifestiert. Diese objektiven, über alle Grenzen als schön wahrgenommenen Strukturen, fehlen der Kunst heute oft. Aber sie fehlen ihr nicht unbewusst, sondern man will diesen Bruch.


      "SchortschiBähr" schrieb:

      @ wissen.de
      Die Leute, die diesen von Dir angenommenen bewußten Bruch wollen, sehe ich als solche, die das Leben schwerpunktmäßig aus der Kopfperspektive wahrnehmen, will heißen verstandesmäßig erfassen, was unter Abspaltung anderer Wahrnehmungs- und Gefühlsebenen nur möglich ist. Kunst- und Architekturproduktionen dieser Menschen sind dann Kopfgeburten, denen der Bezug zur Natürlichkeit und die Einfügung in das Ganze auffällig fehlen. In der Architektur strahlen sie diese kantige Gefühlskälte aus, es fehlt das weiche, weibliche Element.
      Ein mit allen Sinnen und vor allem mit dem Herzen sehender und fühlender Mensch erfaßt intuitiv die naturgegebene Schönheit in seinen Werken, weil er das Empfinden für Harmonie in sich trägt und es eine Freude ist diese auszudrücken.
      Ich hab' ja schon mal zu diesem Thema einige heftig kritisierte Äußerungen von mir gegeben und lasse das jetzt hier. Ist nicht der Ort. Evt. demnächst im Bereich "Architektur allgemein".
      Sonst setze ich mich wieder in die Nesseln... :augenrollen:



      "Wissen.de" schrieb:

      @ SchortschiBähr

      es geht nicht mal um das Weibliche, auch nicht um das Kantige. Es sei in diesem Zusammenhang auch einmal die Theorie vom goldenen Schnitt erwähnt (Verhältnis von Strecken, Abständen bzw. Verhältnisse im Allgemeinen). Dies jetzt näher auszuführen, ginge aber zu weit.
      Aber du hast recht in dem Punkt, dass Kunst heute Kopfsache ist. Es gibt ja auch dien Theorie, das es Kunst überhaupt nicht gibt, sondern das Kunstwerk entsteht erst im Kopf des Betrachters. D.h. das Kunstwerk ist ein rein individuelles Phantasieprodukt. Jeder nimmt Kunst mit seiner eigenen Entwicklungsbiographie anders war. Dies stellt eine immense Herausforderung für den Betrachter dar, muss er sich doch Kenntnisse über das Kunstwerk aneignen, um es verstehen zu können (hier seien die Kunstwerke von Joseph Beuys angesprochen: den Sinn von Filz und Fett und ihre Bedeutung im Kunstwerk selbst kann man nur verstehen, wenn man die Biografie des Künstlers kennt). Dies hat zur Folge, das die Rezeption von Kunst zum individuellen Akt wird, der gleichzeitig aber auch wesentliche Gruppen von der Kunst ausschließt, da das Kunstwerk so vielschichtig codiert ist, dass ein Großteil der Bevölkerung diese "Decodierarbeit" nicht leisten kann. Ähnlich verhält es sich beim neuen Museum. Das Kunstwerk entsteht erst im Kopf des Betrachters mit der entsprechenden Kenntnis der Baugeschichte. Dann kommt noch erschwerend hinzu, dass sowohl die Kunst, wie auch die Architektur den Gesetzmäßigkeiten der objektiven Ästhetik nicht mehr folgen, sondern gegensätzliche Ästhetikkonzepte erstellt haben, die der breiten Masse aber verschlossen bleiben und so auf mangelnde Akzeptanz stoßen.



      "Wissen.de" schrieb:

      Ich möchte meine Überlegungen mit zwei weiteren Punkten abschließen.


      Die Moderne – ein gesellschaftliches Gegenmodell


      Die Moderne kann in ihrer Intention nur verstanden werden, wenn man ihre Entwicklung in einen gesellschaftlichen Kontext rückt. Denn Kunst wie Architektur ist ohne die Betrachtung der gesellschaftlichen Entwicklung nicht verständlich. Die Moderne ist keine willkürliche Laune der Natur, sondern ein gesellschaftliches Gegenmodell.
      Sie entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts als Reaktion auf die absolutistische Gesellschaft. Sie war eine avantgardistische Bewegung, die nicht mehr wollte als eine völlig andere Gesellschaft. Kunst und Architektur waren immer Symbol der Herrschenden. Die Königshöfe von Preußen oder auch von Frankreich waren Sinnbild, ja steingewordene Manifestation der „alten Ordnung“. Gleichzeitig repräsentierten sie aber die Ideale des klassischen Ästhetikbegriff (Symmetrie, die Ordnung der Elemente, aber auch die Grundgedanken der klassischen griechischen Ästhetik). Und genau dies wurde zum Problem. Man wollte die neue Ordnung, die Revolution. Und diese Revolution musste sich ausdrücken. Und dies tat sie in der völligen Abkehr vom bisher Gültigen, dem finalen Bruch mit allen geltenden Konventionen. Die Zeit des Nationalsozialismus hat diese Problematik noch weiter verschärft, knüpfte man doch wieder an die klassichen Elemente an und nicht nur dass, sie wurden idealisiert und zum Ausdruck des Regimes. Man denke nur an die Zurschaustellung des Körperideals in Leni Riefenstahls Olympiafilm (die Menschen als Abbild der griechischen Götter). Es kam zumindest in den Köpfen der Menschen zu einer Verknüpfung von Kunst und Politik. Mit dem Ende des Dritten Reichs setzte eine noch stärker werdende Gegenbewegung ein als Anfang des 20. Jahrhunderts. Man wollte die Distanzierung, die völlige Distanzierung, gesellschaftlich, künstlerisch, architektonisch. Somit ist die Moderne nicht primär ein künstlerischer, sondern vielmehr ein gesellschaftlicher Gegenentwurf, der sich aber in Form von Kunst, Literatur wie auch in der Architektur als Symbole der Gesellschaft manifestiert. Der künstlerische Bruch ist somit ein gesellschaftlicher Bruch. Dieser Gegenentwurf hatte somit auch eine Revision des Ästhetikbegriffs zur Folge. Meiner Meinung nach war die Abkehr vom traditionellen Ästhetikbegriff nie primäres Ziel, sondern vielmehr Mittel zum Zweck einer gesellschaftlichen Bewegung. Man könnte auch sagen, die traditionelle Ästhetik hatte einfach Pech, Pech als Symbol einer gesellschaftlichen Ordnung zu stehen, die sich selbst überlebt hatte.
      Und mit der Revision des Ästhetikbegiffs gingen die Begriffsinhalte mit den Jahren verloren. Bemerkenswert ist aber nicht nur die Verschiebung auf dem Bereich der subjektiven Ästhetik, auch die grundsätzlichen und als objektiv geltenden ästhetischen Strukturen wurden aufgebrochen und neu besetzt. Und hier liegt das eigentliche Problem der Moderne. Sie versucht, natürliche Gesetzmäßigkeiten außer Kraft zu setzen und dies muss scheitern. Lasst mich dies kurz erklären:

      Der Mensch – ein Individuum gefangen im Dilemma des symmetrischen Systematismus

      Ist euch die bemerkenswerte Logik der natürlichen Gesetzmäßigkeiten schon einmal aufgefallen? Der Mensch ist ein symmetrisch gefügtes Lebewesen, er besteht sozusagen aus zwei annähernd gleichen Teilen, genau wie jedes andere Lebewesen, jede Pflanze, jedes Geschöpf auf dieser Erde, selbst jedes Blatt folgt dieser Gesetzmäßigkeit. Und dann ist es nicht verwunderlich, dass der Mensch diese Systematik aufgreift und nicht nur dass, er zelebriert sie. Ist euch aufgefallen, dass zumindest bis ins 20. Jahrhundert hinein fast jedes Schloss symmetrisch aufgebaut ist? Fast jedes Haus, jede Kirche ja selbst die prachtvollen Gärten des Barock, alle funktionieren nach dem gleichen Prinzip. Es scheint, als besitze der Mensch einen einprogrammierten Code, der ihn dazu animiert. Symmetrie bedeutet Harmonie, ihre Vollkommenheit ist Perfektion. Symmetrie schafft Ordnung, schafft Regelmäßigkeit. Und die braucht der Mensch. Der Mensch denkt in Mustern und Schablonen. Nur so können die auf den Menschen einwirkenden Sinneseindrücke überhaupt bewältigt werden, d.h. der Mensch braucht Ordnung. Weicht ein Sinneseindruck von bestehenden Mustern ab, müssen die Denkmuster entweder differenziert oder ganz neu angelegt werden. Da der menschliche Geist aber bestrebt ist, mit so wenigen Mustern wie möglich auszukommen, bedeutet dies Denkarbeit und gegebenenfalls Unzufriedenheit, denn der Mensch zielt auf die optimale Passung der Muster. Erst wenn es unbedingt nötig wird, werden bestehende Muster revidiert. Und dieser Fakt erklärt viele Probleme mit moderner Architektur. Sie widersetzt sich dem Symmetrie- und Ordnungswillen des menschlichen Geistes. Die Moderne versucht zwanghaft, menschliche, natürlich codierte Muster zu unterlaufen und dies muss scheitern. Nehmen wir als Beispiele ein traditionelles Bürgerhaus und den neu errichteten Galeriebau von Chipperfield in Berlin. Chipperfields Neubau widersetzt sich bewusst den natürlichen Denkmustern des Menschen. Dadurch fällt er jedem zunächst auf, weil er nicht in das typische Raster eines traditionellen Hauses passt. Seine wahllos angeordneten Fenster lassen kein System, keine Ordnung, keine Symmetrie erkennen. Es fällt dem Menschen zwar als Abweichung auf, aber eben nicht positiv, sondern vielmehr als Störung bestehender Muster. Dies ist der Grund, warum die Moderne aus ästhetischen Gründen gescheitert ist. Im Streben nach gesellschaftlicher Veränderung hat sie die Natur des Menschen übergangen. Die Moderne verlangte eine Anpassung und Dehnung des Äthetikbegriffs, die der Mensch aufgrund natürlicher Beschränkungen nicht leisten kann. Ihre Ziele nach Kontrast, Beliebigkeit und Chaos widersprechen diametral der menschlichen Natur und ihrem Streben nach Harmonie, Ordnung und Perfektion.


      "amenophis" schrieb:

      @wissen.de
      Sehr schöne Ausführungen!
      Passend dazu stelle ich nochmal einen Essay ein,
      der vor kurzem in der Welt erschienen ist.

      (http://www.welt.de/welt_print/article1376978/Zweifel_an_der_Moderne.html\r
      www.welt.de/welt_print/article13 ... derne.html)


      19. November 2007, 04:00 Uhr Von Alexander Gauland
      Essay

      Zweifel an der Moderne

      Verachtung jedweder Tradition, Gender-Mainstreaming, Plattenbauten, industrieller Massenmord: Viele Erscheinungsformen der Moderne werfen grundsätzliche Fragen nach deren Legitimation und Humanität auf
      In Dresden findet die Abstimmung über die Moderne mit den Füßen statt. Seit sich die Dresdner entschlossen haben, den Neuen Markt rund um die Frauenkirche wiedererstehen zu lassen, wandern Heerscharen von Einheimischen und Touristen an Häusern vorbei, die den Ideen des Bauhauses Hohn sprechen: Vor moderne, industriell gefertigte Betonkerne werden ebensolche Fassaden gehängt, die - nach alten Vorlagen gegossen - dem von Bomben zerstörten Neuen Markt seine auf Canalettos Bildern festgehaltene Gestalt zurückgeben.Für die Anhänger der Charta von Athen, die Ästheten der Sachlichkeit und der baukünstlerischen Wahrheit ein Gräuel. Denn nichts stimmt hier, Material, Fertigungsweise und barocke Formen widersprechen sich, schließen einander aus. Doch die Menschen fühlen sich unwiderstehlich von der alten Formensprache angezogen und übersehen gern das allzu Neue, Glatte, den Mangel an Tradition und Patina. Und wie in das alt-neue Dresden strömten die Menschen in Peter Steins "Wallenstein", reines Texttheater ohne alle Regiemätzchen. Das Stück war immer ausverkauft, und Dresdens neuer Freiluftsalon ist immer voller Menschen. Und auf einmal ist es für die Besucher hier wie dort auch ohne Bedeutung, dass "fortschrittliche" Intellektuelle aller Richtungen über beides den Kopf schütteln, auf das vorgeblich Falsche, Antimoderne verweisen und von Kulissenarchitektur und Abspieltheater sprechen. Das erste Mal beginnt die Deutungshoheit der Modernisten zu wanken, wirken ihre Einwände formelhaft und fantasielos. Denn dass der jakobinische Terror nur eine Abirrung vom prinzipiell richtigen Wege, der nationalsozialistische Massenmord dagegen Ausdruck eines falschen Prinzips war, dass also immer noch fortschrittlich gegen reaktionär, prinzipiell richtig gegen ganz falsch steht, ist schon seit den bolschewistischen Morden zwischen 1917 und 1953 eine Mär derer, die in der Geschichte einen kontinuierlichen Prozess zu mehr Freiheit sehen wollen und Hitler und seine Ideologie deshalb in die Vormoderne verbannen möchten.Kann es nicht sein, dass die ganze Richtung nicht stimmt, dass Französische Revolution wie Bauhaus Fehlentwicklungen symbolisieren, an deren Folgen wir jetzt leiden? Martin Mosebach hat mit seiner Fastgleichsetzung des nationalsozialistischen Massenmords mit dem jakobinischen einen Tabubruch begangen, der wie alle Tabubrüche auch eine neue Freiheit verheißt, nämlich neu nachzudenken, ob diese Moderne wirklich alternativlos ist und der Weg zwingend von den fantasievollen Wohnhäusern Le Corbusiers zu den trostlosen Kastenbausiedlungen Kranichsteins, des Märkischen Viertels oder Bremens neuer Vahr führt. Hat es also einen Punkt gegeben, wo Innovation, Fantasie und Neuerung in Rechthaberei, Intoleranz und Unterdrückung umgeschlagen sind, wo die Moderne - um mit Karl Kraus zu sprechen - zu der Krankheit wurde, für deren Heilung sie sich heute noch hält.Diese Frage führt sofort ins Zentrum des mosebachschen Vergleichs - zur Französischen Revolution. Denn es war ja nicht nur der Terror als Ausdruck dafür, dass die Richtung nicht stimmte, es war die Revolution selbst, die ein Irrtum war. Schon früh haben deshalb die Kritiker, an ihrer Spitze Edmund Burke, auf das grundsätzlich Falsche dieser neuen Moderne hingewiesen. Sie wandten sich gegen die Abstraktionen vermeintlich rationaler Gesellschaftsentwürfe, gegen die Anrufung der Menschheit wider die Unvollkommenheiten des Menschen, gegen die abstrakte Freiheit, die sich nicht in Institutionen zur Sicherung der Freiheit des Einzelnen verwirklicht, gegen gesellschaftliche Entwürfe vom Reißbrett, die die Traditionen und Erfahrungen von Jahrhunderten außer acht ließen, gegen eine Räson des Staates, die den Staatszweck losgelöst von den Menschen definiert, gegen die Vergötzung der Nation sowie gegen alle Spekulationen, die, von einem neuen Menschen träumend, die menschliche Gesellschaft neu erfinden und Verfassungen auf ein leeres Blatt Papier schreiben wollten.Es war diese Maßlosigkeit, diese Verachtung von Traditionen und jahrhundertealter Erfahrung, die hier ihren Ausgang nahm und der Moderne jene intolerante, menschenverachtende Richtung gab, die sich - um nur zwei Beispiele zu nennen - im modernen Bauen ebenso wie im Gender-Mainstreaming ausdrückt. Es musste eben alles niedergerissen werden, der Unterschied zwischen Mann und Frau wie das Ornament an der Hausfassade, der gestaltete Platz wie der überlieferte Text eines Theaterstücks. Doch statt der schönen neuen Welt, die uns die Charta von Athen versprochen hat, haben wir graue Einförmigkeit bekommen, der die Menschen in die Disneywelt eines neuen barocken Dresden oder in das als Kaufhaus wiedererstandene Braunschweiger Schloss entfliehen. Die von der Moderne geschaffene Welt ist sachlich, trivial, einförmig, überraschungsarm und wenig faszinierend, Identität aber bedarf der Anschaulichkeit, der Symbole und der Ästhetisierung des Alltags. Die Moderne stellt dafür außer abstrakten Bildern und Plattenbauten nichts bereit. Dieser Mangel wurde früh erspürt - von den Romantikern wie Novalis und Eichendorff zu Beginn des 19. Jahrhunderts und von so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Stefan George, Ernst Jünger und Walter Rathenau an der Wende zum 20. Die Kritiker der Moderne wollen nicht zurück hinter die Aufklärung des 18. Jahrhunderts, ihr Widerspruch richtet sich nicht gegen die Rationalität, sondern gegen deren Unvollkommenheit. "Vernünftiges Handeln", so hat es der Philosoph Dieter Henrich einmal formuliert, " kann nicht in Unkenntnis bisheriger Geschichte und der dekretierten Abkehr von ihr ins Werk gesetzt werden. Es ist darauf angewiesen, sich der Traditionen zu vergewissern, in denen es steht, der Situation, die es vorfindet, auch der Handlungsmöglichkeiten, die stets beschränkt sind durch die Existenz von Motivationszusammenhängen, welche nur durch Verständigung dauerhaft veränderbar sind, nicht durch Gewalt."Die heutige Moderne ist ein Irrweg, weil sie es versäumt hat, "die gewachsenen Strukturen des Lebens und des Glaubens als eine Quelle andersartiger Vernunft offenzuhalten", weil "sie Traditionen, Altersvernunft und Lebensklugheit nicht gegen das übermächtige Programm wissenschaftlicher und wirtschaftlicher Zweckrationalität verteidigt hat" (Di Fabio), weil sie schon früh aus dem Gleichgewicht geraten ist. Verlust der Mitte hat das in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts Hans Sedlmayr genannt. Unser Unbehagen an der Moderne hat hier seinen Ursprung, und zu dieser Moderne gehören leider Robespierre wie Stalin, Hitler wie Pol Pot. Es ist schon richtig, diese Moderne hat das Tafelbild abgeschafft, unsere Städte ruiniert und das Texttheater zertrümmert. Das war nur möglich, weil im Verlaufe der Französischen Revolution Aufklärung zu Zwangsbeglückung wurde und Überwältigung Überzeugung ersetzte. Von Friedrich von Gentz stammt das Bild von dem großen, alles zermalmenden Rad des Fortschritts, das viele Menschen weitertreiben. Deshalb müsse es immer einige wenige geben, die in die Speichen greifen und seinen Lauf verlangsamen, damit es gleichmäßig rollt und niemand zu Schaden kommt.In den letzten 200 Jahren hat es zu wenige gegeben, die dem Rad der Moderne in die Speichen gegriffen haben. Doch die Hoffnung wächst bekanntlich mit der Not.



      "Wissen.de" schrieb:

      Abschließend kann man vielleicht sagen, dass die Moderne nicht aufgrund äußerer Einwirkungen, sondern aus sich heraus gescheitert ist. Der Traum von einer völlig neuen, radikal anderen Welt (dies betrifft sowohl den politischen wie auch architektonisch-künstlerischen Weltentwurf), musste Utopie bleiben, weil der Mensch in einer völlig transformierten Welt von seinem natürlichen Ursprung her der gleiche blieb.

      Vielleicht könnte einer der Moderatoren die Diskussion nach Architektur allgemein verschieben.
    • Ein Lob der Abrissbirne

      Der Palast der Republik muss dem Neubau des Schlosses weichen. So viel Wandel war lange nicht in Deutschlands Städten: Es wird abgerissen, aufgeblasen, hoch gestapelt, rückgebaut und vorwärtsgedacht.

      Niklas Maak

      Im Hamburger Hafen kracht es. Das ist nichts Neues, im Hafen kracht es immer, Tag und Nacht. Und ob es nun die feinen Kamelhaarmantel-Hanseaten sind, die im Deckchair bei Bodo's über die silberglitzernde Morgenalster Richtung Mundsburg blinzeln, oder die rustikaleren Hamburger, die in den vergilbten Eckkneipen von Horn, Harburg und Barmbek ihre Pilsetten weghauen, wie das der große Hamburger Sänger Lotto King Karl einmal formuliert hat:

      Sie alle kennen den Lärm des Hafens, das Heulen und Kreischen der Kräne, das man nachts, wenn der Nebel vom Fluss bis unter die gelben Straßenlaternen des Elbhangs zieht, noch im Bett hört. Aber die meisten wissen nicht, wo er herkommt. Die meisten waren noch nie auf den Quais hinter der Speicherstadt, dort, wo es nicht mehr nach Kaffee und Tee riecht, sondern nach altem Öl und Niedergang - und deswegen wissen sie auch nicht, dass der Lärm dort inzwischen hauptsächlich von Baufahrzeugen kommt.

      Neues städtisches Leben in 50 Meter Höhe

      Dort, im Hafen, entsteht jetzt die Hafencity. Sie soll die Stadt, die, wie es ihre Art ist, sich immer vornehm mit dem Rücken zum schmuddeligen Fluss gestellt hat, gleichermaßen herumdrehen und an den Fluss bringen. Auf 155 Hektar soll die Innenstadt um die Hälfte erweitert werden - mit Wohnungen und öffentlichen Einrichtungen wie dem von Rem Koolhaas entworfenen Science Center.

      Der holländische Architekt stapelt ein Aquarium, ein Wissenschaftstheater, Laboratorien, Restaurants und Büros in zehn Container verpackt zu einem Riesenrad auf, auf dessen versetzten Dachterrassen das städtische Leben dorthin erweitert werden soll, wo bisher nur privater Raum war - in die Vertikale nämlich. In Koolhaas' Bau wird es öffentliche Plätze auch in 50 Meter Höhe geben - so etwas ist neu in der Geschichte der Stadt. Mit 275.000 Quadratmeter Fläche wird der insgesamt siebzig Meter hohe Bau das Wahrzeichen des ehemaligen Containerhafens.

      Neue Architektur wird auf die alte aufgepfropft

      Zwei Autominuten entfernt von hier entsteht die Elbphilharmonie - und ebenfalls eine neue Form von öffentlicher Stadtarchitektur in den Zeiten des Strukturwandels. Das Schweizer Architekturbüro Herzog & de Meuron macht dort das, was die Amerikaner "Superimposition" nennen - das Neue wird einfach auf das Alte aufgepfropft. Auf den denkmalgeschützten Kaispeicher A setzen sie eine gigantische Welle aus Glas, die wie ein Eisberg über die Stadt leuchtet und zwei Konzertsäle mit 2700 Sitzplätzen beherbergt. In die Kiste des Kaispeichers sollen unter anderem ein Fünf-Sterne-Hotel, ein Konferenzzentrum, Apartments, Restaurants und ein Parkhaus hineingehöhlt werden.

      Die abrissfreudige Moderne wird jetzt ebenfalls von der Abrissbirne getroffen

      So entstehen die neuen deutschen Städte - eingenistet ins, aufgestapelt aufs Alte, das nicht mehr weggerissen, sondern ergänzt wird. Es hat sich viel getan seit der Zeit, in der die Zukunft der Städte mit der Abrissbirne gemacht wurde und in Paris Baron Haussmann seine großen Boulevards gnadenlos in das schon damals als pittoresk empfundene, noch mittelalterliche Paris trieb. Wobei schon 1925 Le Corbusier kam, der Mann, der den verblüfften Parisern allen Ernstes vorschlug, das Pariser Stadtzentrum inklusive etlicher Haussmannscher Straßen plattzumachen, um dort eine futuristische Hochhausstadt mit zigspurigen Schnellstraßen zu errichten.

      Le Corbusier scheiterte mit seinem Plan, aber überall in Europa machten seine Ausradierungs- und Wohnregalsystemphantasien Schule, auch in der DDR, deren Plattenbauwüsten dann leider nur wie eine böse Karikatur von Le Corbusiers moderner Baukunst aussahen. Weswegen es nicht schade ist, dass auch die abrissfreudige Plattenbaumoderne jetzt ihrerseits von der Abrissbirne getroffen wird - zumal die DDR-Wohnregale nicht einfach dem Erdboden gleichgemacht werden.

      Plattenbauten werden zum Teil abgerissen

      Im thüringischen Leinefelde hat man eine neue Spielart des Abrisses erfunden, den "selektiven Teilrückbau". Aus Plattenbauten werden ganze Segmente herausgerissen, bis nur noch villengroße Restplattenblöcke übrigbleiben - und die bekommen Balkone, neue Grundrisse, Privatgärten, Dachterrassen, alles, worauf DDR-Bürger verzichten mussten. So entsteht ein lockeres, ressourcenschonendes Stadtvillenensemble, das den schönsten Distinktionsträumen des ehemaligen Klassenfeindes seine Reverenzen erweist. Ein Meister dieser erstaunlichen Rückverzauberung von DDR-Plattenbauelend in respektable Villenidyllen ist der Frankfurter Architekt Stefan Forster.

      Münchner Studenten ziehen in Wohnwürfel

      Doch auch im reichen, goldbesonnten München kracht die Abrissbirne - in eine Anlage, die als gelungenes Beispiel der Nachkriegsmoderne galt: Auf dem Gelände des ehemaligen olympischen "Dorfes der Frauen" von 1972 standen noch immer die Bauten, die damals für die Teilnehmerinnen als Unterkunft errichtet wurden. Weil sie nicht mehr sanierbar sind, werden sie jetzt abgerissen, stattdessen baut der heute 88 Jahre alte Architekt Werner Wirsing, der damals schon die Sportlergebäude entwarf, mit dem Büro Bogevisch nicht weniger als 1054 kleine Wohnwürfel für Studenten, die aussehen wie geschrumpfte Le-Corbusier-Villen - eine kleine Stadt in der Stadt.

      Jedes der Häuser ist nur 18 Quadratmeter groß, also deutlich kleiner als das Apartment eines durchschnittlichen Münchner BWL-Studenten, aber größer als das Heim eines Manhattaner Durchschnittsverdieners. Dafür hat jeder der Studenten auf seinem zweigeschossigen Würfel eine kleine Dachterrasse.

      Die Lebensqualität ist also luxuriös, man kommt überall ohne Auto hin, und am Ende zeigt die Siedlung, wie dichtes, aber lebendiges Wohnen in der Stadt in Zukunft aussehen könnte, denn das will schließlich jeder: statt einer Wohnung in einem Endlosbetonriegel ein eigenes Haus mit Garten oder Dachterrasse, mitten in der Stadt. Eine Nummer größer gebaut, könnte ein solches innerstädtisches Modell auch Familien davon abhalten, in die Vororte zu ziehen und mit Millionen von Pendlerfahrzeugen die Luft der Städte (und die ehemalige Landluft gleich mit) in Grund und Boden zu dieseln.

      Aufblasbare Hallen bringen italienisches Flair in die Stadt

      Und was macht man in Deutschland mit den ganzen zugigen und toten Winkeln der Stadt, den Brückenunterführungen und Autobahnzubringern und Verkehrsinseln, die man nicht einfach im Namen einer besseren neuen Stadt abreißen und wegbaggern kann? Die Antwort darauf heißt Guerrilla-Architektur und kommt aus Berlin, wo man mit unansehnlichem Urbanismusschrott große Erfahrungen hat.

      In Berlin sitzt das Architektenkollektiv Raumlabor, das sich mit seinem "Küchenmonument" in die deutsche Architekturgeschichte eingeschrieben hat. Das Küchenmonument ist, kurz gesagt, eine aufblasbare Veranstaltungshalle, die in einem Container transportiert und mit Luftdruck stabilisiert wird. Was prosaischer klingt, als das Ding dann aussieht - wie ein pneumatisches, extraterrestrisches Leuchtwesen bläht es sich unter Autobahnbrücken oder erleuchtet finstere Parks. Es wurden dort Tanzabende und Lesungen und Partys veranstaltet, und wo immer das mobile Stadteinsatzkommando von Raumlabor auftauchte, ging es so lebendig und gedrängt zu wie auf der berühmten italienischen Piazza, die so viele deutsche Städtebauer mit großem Aufwand und traurigen Ergebnissen nachzubauen versuchen.

      Das Küchenmonument zeigt: Man braucht keine millionenteuren Betongerüste und Backsteinverklinkerungen, um urbanes Leben zu erzeugen. Es reicht dieses ephemere Leuchtobjekt, und die Menge kommt - genau so wie in Frankfurt und Berlin eine Lastwagenfuhre Sand, ein paar Dutzend Liegestühle und eine mobile Bar reichten, um aus trostlosen Industrieflussufern belebte Stadtstrände zu machen.

      Der Abriss ist ein Lieblingsspiel der Denkmalschützer geworden

      Die Zeit, in der die Zukunft der Städte mit der Abrissbirne gemacht wurde, ist vorbei - stattdessen dominiert die erfindungsreiche Überbauung, die Umwandlung, die Einnistung der Guerrilla-Architektur. Nur die, die früher, im Namen der historischen Schönheit alter Städte, am energischsten gegen die Demolierbagger wetterten, halten noch an den Abrissbirnen fest - um sie umso entschlossener gegen die ergrauten Überbleibsel der Nachkriegsmoderne zu schmettern. Ob der Palast der Republik oder das Technische Rathaus in Frankfurt: Wenn heute noch etwas dem Erdboden gleichgemacht wird in unseren Städten, dann nur, um es hinterher so aussehen zu lassen, als hätte die Moderne nie stattgefunden.

      Wer hätte das gedacht: Abriss ist ein Lieblingsspiel der Denkmalschützer und der Historisten geworden, und die Dialektik der Moderne frisst deren städtebauliche Zeugnisse mit einer Gründlichkeit, die dann doch überrascht. So viel Radau und Staub, so viele Milliarden Euro, so viel geschredderter Stahl und Stein, nur damit hinterher alles so aussieht, als sei nichts passiert seit dem 18. Jahrhundert: Das hätte sich der Baron Haussmann auch nicht träumen lassen.


      Quelle: FAZ
      APH - am Puls der Zeit
    • Interessanter Artikel in der WELT :

      28. März 2008, 04:00 Uhr
      Von Hans Stimmann

      Wohngebirge für die neue Gesellschaft
      Megastrukturen und Eskapismus: Was bleibt von der Architektur der 68er?


      Das Jahr 1968 steht heute exemplarisch für eine ganze Generation, die gegen Politik und Moral eines spießigen Establishments aufbegehrte, mit entsprechendem Outfit, dazugehöriger Rockmusik, Demonstrationen, Sit-ins und Protesten. Die Bewegung erfasste besonders die Universitäten und Parteien, aber auch Kunst, Musik und Theater. Auf dem Gebiet von Städtebau und Architektur, die sonst auf gesellschaftliche Veränderungen schnell reagieren, war von dieser Bewegung kaum etwas zu spüren.

      Eine seltene Ausnahme bildete die Architekturfakultät der Technischen Universität Berlin, an der seit 1964 der später berühmte und einflussreiche Oswald Mathias Ungers am Lehrstuhl für Entwerfen und als Dekan wirkte. In seinen inzwischen gedruckt vorliegenden Vorlesungen trat er ein für die Einheitlichkeit von Handwerk, Technik und Kunst und für die "Autonomie der Architektur". Seine Assistenten, Diplomanden und er "beglückten" die Stadt aber auch mit wuchernden Megastrukturen, kolossalen Bürokomplexen, Wohnhaus-Clustern und Überbauungen von Verkehrsknotenpunkten. Nicht etwa gegen diesen stadtfeindlichen, hypertrophen Ansatz (der dann im Märkischen Viertel unter Ungers' Beteiligung Wirklichkeit wurde), sondern gegen sein Verständnis von Architektur als Baukunst richtete sich der Protest der Architekturstudenten, die im Dezember 1967 seinen Internationalen Architekturtheorie-Kongress mit dem Schlachtruf sprengten: "Alle Häuser sind schön, hört auf zu bauen".

      An die Stelle der Architektur sollte eine politisch und sozialwissenschaftlich begründete Planung der Gesellschaft treten. Legendär ist die 1968 in der führenden Fachzeitschrift "Stadtbauwelt" abgedruckte Planerflugschrift, in der u.a. die "Verlagerung der Planung auf politisch-ökonomische Zielsetzungen" und die "Ablösung vom Werkcharakter einer der traditionellen Architektur verhafteten ,Stadtbaukunst'" gefordert wurde. Dieser studentische Protest gegen ein vermeintlich überholtes, weil traditionelles Architektur- und Städtebauverständnis in der Ausbildung blieb aber die West-Berliner Ausnahme.

      In der kommunalen Praxis des Bauens dominierte 1968 die gewerkschaftseigene "Neue Heimat", die Idee der Vorfertigung als Allheilmittel, Kahlschlagsanierung der Gründerzeitviertel und das Auftauchen der ersten Fußgängerzonen. Durchblättert man die Fachpresse des Architektur-Jahres 1968, liest man von der zehnmillionsten in der Bundesrepublik fertiggestellten Wohnung seit 1949. Der Ort der Rekordmeldung, nämlich die Großsiedlung Kiel-Mettenhof, war sorgfältig ausgesucht. Herrschte doch auch hier die gewerkschaftseigene "Neue Heimat" mit Albert Vietor an der Spitze. In Kiel-Mettenhof entstanden wie in anderen Städten der Bundesrepublik aus damaliger Sicht nicht nur Wohnungen, sondern "die Stadt der Zukunft" mit einer "Revolution des Stadtbildes".

      Für diese Ost und West übergreifende Idee einer architektonischen und gesellschaftlichen Alternative zur traditionellen Stadt standen die damals gerühmten Großsiedlungsprojekte in Köln-Chorweiler, München-Perlach, Mannheim-Vogelstang, die Nord-West-Stadt in Frankfurt am Main, die Berliner Gropiusstadt und das Märkische Viertel, aber eben auch die neuen Stadtteile in der DDR wie Jena-Lobeda, Rostock Lütten Klein, Leipzig-Grünau oder Halle-Neustadt. Dazu kam die Praxis der innerstädtischen Abriss- und Neubauprojekte etwa am West-Berliner Mehringplatz nach einem Entwurf von Hans Scharoun (Architekt der Berliner Philharmonie) und besonders gravierend Abriss und Neubebauung des mittelalterlichen Fischerkiezes in Ost-Berlin.

      Angesichts dieser brutalen Flächenabrisse und der technokratischen Neubebauung in Form industriell gefertigter Großsiedlungen hätte man vor dem Hintergrund heutiger Erfahrungen eigentlich massive Proteste von Studenten und Architekten erwartet. Doch die Zeit dafür war noch nicht reif, das Überkommene wurde nicht geschätzt. Die Architekten und Stadtplaner berauschten sich (übrigens gerade im Seminar von Oswald Mathias Ungers) an den technischen Möglichkeiten der nicht ortsgebundenen Vorfertigung - nicht nur im sozialen, also öffentlich subventionierten Wohnungsbau mit Wohnungsbausystemen, sondern auch im Bau von Stadt- und Einkaufszentren und im Hochschul- und Schulbau.

      In West-Berlin verband sich die Idee der Vorfertigung beim Bau monströser Schulen mit dem bildungspolitischen Projekt der Gesamtschule. Zum Schaden dieser höchst aktuellen Idee hat sich hier das Bild der vorgefertigten Lernfabriken festgesetzt - ein Beispiel für die negative Wirkung von Architektur, die sich selbst in den Mittelpunkt stellte und nicht die Aufgabe Schulbau. Im Extremfall endeten diese Überlegungen immer in einer Art von "Raumstadt", wie sie dem 1968 verstorbenen Frankfurter Architekten Walter Schwagenscheidt vorschwebte. Das Leitbild war nach dem Ende der organischen Stadtideen der unmittelbaren Nachkriegsjahrzehnte nunmehr die Industrialisierung von Architektur und Städtebau.

      Kritisches oder gar Selbstkritisches war - und ist - aus Kreisen der beteiligten Städtebauer und Architekten nur höchst selten zu vernehmen (die Hochschullehrer eingeschlossen). Die Disziplin schwärmte in unterschiedlichen Tonhöhen und Lautstärken von den Möglichkeiten neuer Stadt- und Gebäudestrukturen. Es waren keinesfalls nur unbekannte Architekten, sondern die etablierten und jungen Stars der Zeit wie Walter Gropius, Hermann Henselmann, Werner Düttmann oder Thomas Sieverts. Die Zunft, das waren besonders die gemeinnützigen, gewerkschaftseigenen oder städtischen Wohnungsbaugesellschaften als Bauherren. Aber auch das damalige Feuilleton von "Zeit", "Welt" oder "Tagesspiegel" war sich einig über den Weg fort von der Tradition des Städte- und Hausbaus. Man dachte in freien Formen, in wahren Gebirgen und endlosen Strukturen, soweit es die Großsiedlungsmuster betraf.

      Um diese Zeit in ihrer Mischung aus Geschichtsfeindlichkeit, Vertrauen auf technokratische Lösungen und vermeintlichem gesellschaftlichen Fortschritt sichtbar werden zu lassen, genügte es, die Wettbewerbe des Jahres 1968 neu auszustellen, exemplarisch die Hochschul-Wettbewerbe für die TU Berlin, die TH Zürich oder die Erweiterung der FU Berlin durch Candilis/Woods, die später als "Rostlaube" bekannt wurde. Dazu passte als Ergänzung und gleichzeitig zur Einschätzung der damaligen "Wirklichkeitswahrnehmung" der Abteilung Baukunst der Akademie der Künste (Berlin West) sehr gut die Ausstellung der britischen Gruppe "Archigram" mit ihren Plug-in-Stadtmodellen futuristischer Gitterstädte. Diese Ausstellung in der Akademie war kein Einzelfall: Frustriert von den Ergebnissen der eigenen Zunft flüchtete man entweder in die abstrakte Theorie der Planung oder suchte nach utopischen Alternativen in Form von Trichterstädten, Biotekturen oder Marinestrukturen. Wer sich nicht mehr erinnert, sollte sich Fotos der ersten Fußgängerzonen Deutschlands in Hannover, Bremen oder München ansehen, in denen dann wenig später demonstrierende Studenten auftauchten.

      Proteste gegen diese Mischung aus technokratischer Naivität, Spießertum und politischer Zukunftsgläubigkeit waren eine ausgesprochene Rarität, und sie kamen eben nicht von den Bauprofis, sondern aus Kreisen der Sozialwissenschaft, der Kunst oder wie in Berlin von einigen Studenten und wissenschaftlichen Mitarbeitern der Architekturfakultät.

      Dabei war schon 1964 das später so einflussreiche Buch "Die gemordete Stadt" erschienen, in dem der Berliner Publizist Wolf Jobst Siedler das Verlöschen der klassischen Stadt beklagte und die Ödnis der Neubausiedlungen. Bei den Sozialwissenschaften ist Alexander Mitscherlichs erstmals 1965 erschienenes Buch "Die Unwirtlichkeit unserer Städte" zu nennen, das 1968 seine vierte Auflage erlebte. Mitscherlich kritisierte die "geplanten Slums, die man gemeinhin sozialen Wohnungsbau nennt", die Entmischung von Wohnen und Arbeiten, das Vorort-Einfamilienhaus als "Inbegriff städtischer Verantwortungslosigkeit", die "bedenkenlose Traditionsvernichtung", ein "Planungs- und Gestaltungsniveau dritter und vierter Hand", und er nannte als Hauptschuldige die gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaften. Die ästhetischen Berater dieser Gesellschaften, also die Architekten, blieben leider unerwähnt, obwohl sie doch einen großen Teil Mitverantwortung trugen.

      Etwas von dieser Kritik findet man auch bei jungen Architekten anlässlich der vom West-Berliner Senat durchgeführten "Bauwochen 68". Ein buntes Personen- und Positionenbündnis forderte in einem Manifest der "Aktion 507" (benannt nach einem Raum der Architekturfakultät an der TU) neben mehr Betroffenenbeteiligung den Abbau der Entwurfsabteilung des Senats, die Abschaffung des Berufsbeamtentums und gesellschaftliche Verfügung über Grund und Boden. Den Unterzeichnern, darunter Josef Paul Kleihues, Jürgen Sawade und Jan Rave, ging es darum, gesellschaftskritisch die Demokratisierung der Planung voranzutreiben, aber wohl auch darum, Aufträge zu bekommen. Die reale Welt der Architektur der Moderne blieb im Manifest außen vor.

      Die Kritik der dazugehörigen Ausstellung war da deutlicher. Sie machte sich am Städtebau und seinen Produktionsbedingungen der Großsiedlung Märkisches Viertel fest. Hier planten und bauten nach einem Konzept des damaligen Direktors der Abteilung Baukunst der Akademie der Künste, Werner Düttmann, und seines Nachfolgers und Kollegen, Senatsbaudirektor Hans C. Müller u.a. die Akademiemitglieder Ludwig Leo, Ernst Gisel, Oswald Mathias Ungers, Peter Pfankuch an einem Projekt für den sozialen Wohnungsbau in bis dahin nicht erprobten Dimensionen. Berühmt geworden ist die Antwort des Berliner Architekten Herbert Stranz ("Architektur ist tot") auf die Frage nach seinem Leitbild: "Wir wollen Blumen und Märchen bauen. Die Maximalhöhe war städtebaulich vorgeschrieben, der Rest ist angewandte Sonne".

      Was bleibt jenseits der bekannten Achtundsechziger-Mythen auf dem Gebiet der Architektur? Das Bild einer orientierungslosen, zwischen Selbstverleugnung und utopischer Fata Morgana schwankenden Disziplin, die mit dieser Haltung noch bis weit in die Achtzigerjahre weiterbaute. Erst allmählich hat sich eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Städtebau- und Architekturgeschichte, mit den realen Orten, mit der Theorie und Praxis der traditionellen europäischen Stadt durchgesetzt. Beunruhigend ist aus heutiger Sicht, dass sich die jüngste Architekten-Generation vielfach wieder des Vokabulars der Sechzigerjahre bedient. Ihr sei gesagt: Geschichte wiederholt sich nicht, es sei denn als Farce.

      Quelle : http://www.welt.de/welt_print/article1845096/Wohngebirge_fuer_die_neue_Gesellschaft.html\r
      www.welt.de/welt_print/article18 ... chaft.html
    • Meine zwei Lieblingsbeispiele aus der Slideshow:

      sueddeutsche.de/immobilien/bil…e/299/182732/p0/?img=10.0

      Das klassische Bild einer Kirche wird aufgenommen und zeitgenössisch neu interpretiert. Durch umlaufende Oberlichter löst sich der Raum nach oben hin auf, die Decke scheint zu schweben. Das Spiel des Lichts, das von oben im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten den Raum durchdringt, ist das einzige, wahre Ornament. Die Materialien wirken durch ihre ursprüngliche Textur und Haptik.


      sueddeutsche.de/immobilien/bil…e/299/182732/p0/?img=11.0

      Eine himmlisch schimmernde Alubox landet wie ein Alien sanft auf irdischem Beton und umschließt den introvertierten Wohnraum samt Gartenhof. Klare Linien, üppiges Licht und wenige, sinnliche Materialien als Labsal fürs Gemüt.


      Wohlgemerkt geht es um zwei Sichtbetonkuben.
    • klick!

      Das neue Bootshaus des Yachtclubs "Atlantic"

      Für dieses neu errichtete Bootshaus wurde das Thema der klassischen Tempelhalle neu interpretiert.
      Inmitten der dichten und verkehrsreichen Nachbarschaft bietet das nach außen schlichte Gebäude ein hohes Maß an räumlicher Spannung, Atmosphäre und Stabilität.
      Die repräsentative Bootshalle besticht durch eine klare Geometrie und vereint hierin ästhetische und funktionale Ansprüche.
      Klare Linien und wenige, sinnliche Materialien sorgen für ein angenehmes Raumklima bei gleichzeitiger Verbesserung der Raumakustik und sind Labsal fürs Gemüt.
    • „In der Wüste der Moderne“ ist der Titel einer instruktiven Ausstellung im Haus der Kulturen der Welt, welche die Ambivalenz zwischen kolonialer Gewaltherrschaft und den architektonischen Utopien der Neuzeit am Beispiel Nordafrikas aufzeigt, das in den 1950er Jahren regelrecht zum Laboratorium der Moderne wurde. Demografische Entwicklung und Landflucht machten es in Algerien, Marokko sowie Tunesien nötig, die an den Stadträndern wild wuchernden „Bidonvilles“ der zugewanderten Arbeiter durch ordnende Bebauungspläne zu strukturieren.

      Mitunter mit recht drastischen Maßnahmen. Die gewachsenen Elendsviertel wurden mit der Planierraupe platt gemacht, die Bewohner in moderne Massenbehausungen umgesiedelt. Architekten aus Europa entwickelten ausgehend von Le Corbusiers Siedlungskonzepten der 1920er/30er Jahre riesige Wohnmaschinen. Städte vor den Städten. In Casablanca baute Michel Écochard an seinem Masterplan, heuerte Kollegen wie Studer und Hentsch für das „Habitat marocain“ an, oder Georges Candilis und Shadrach Woods für eine „Cité verticale“. Das Geld dafür gab die Kolonialmacht Frankreich. Was gut gemeint war, wurde von den vertriebenen Bewohnern der Bidonvilles allerdings als Akt der Unterdrückung verstanden. Streiks und Aufstände waren die Folge, die zunächst noch niederschlagen werden konnten, letztlich dann aber im Jahr 1956 zur Unabhängigkeit Marokkos führten.


      Vielleicht werden wir ja auch noch frei.

      maerkischeallgemeine.de/cms/be…der_Welt_widmet_sich.html

      Mit Fotos zur Ausstellung:

      hkw.de/de/programm2008/wueste_…projekt-detail_wueste.php
      "Nichts zeichnet eine Regierung mehr aus als die Künste, die unter ihrem Schutze gedeihen."
      Friedrich der Große
    • ^^

      Doch wer genauer hinsieht, wird überrascht feststellen: Die zeitgenössische Architektur ist weit vielfältiger und fantasiereicher, als viele meinen, ja, sie ist eine Wunderkammer aus Technik und Sinnlichkeit.


      Allerdings bedeutet Schönheit via Ornament, das verdeutlichen andere Beispiele in Basel, keine glatte, idealisierte Schönheit, sondern eine gebrochene, bisweilen deformierte Schönheit. Manchmal sind es Ornamente aus Industrieabfällen, manchmal verwandeln sich aber auch Verwitterungsspuren oder Zufallsprozesse in Schmuckformen.


      (Zitate: Die Zeit)

      Au weia. Sie sollten es besser lassen...