Dresden, Altstadt - Quartier VIII

  • Ich finde hier vergessen einige wie die Alternativen ausgesehen hätten. Wäre eine auf Neumarktgröße aufgeblähte Prager Straße die bessere Lösung gewesen? Abschreibewürfel voller KFC, McD und Starbucks neben dem Schloss? Oder eine schicke grüne Wiese mit Blick auf die DDR-Tristesse nebenan?
    Der historisierende Neubau eines ganzen Stadtviertels mitten in einer deutschen Großstadt ist ein absolutes Wunder. In Sachsen selbst reißt man an anderen Stellen Teile der Altstädte ab. Da können die Häuser gerne aus Pappmachee sein (regt sich eigentlich noch einer über die Semperoper auf?), ich freue mich das Schloss und Frauenkirche einen würdigen Rahmen haben... würdiger als Abschreibewürfel oder Wiese jedenfalls.

  • Ich empfehle, alle die von ihrer absolut neuerlichen Erkenntnis unehrlicher Pappe- und Kunststoffrekos entsetzt sind, sich in die Töpfergasse zu verbarrikadieren, sich dort auf der Grundlage novellierter Energieeinsparverordnungen an der Pracht ehrlicher Betonfassaden mit Wärmedämmsystemen im Alterungsprozess zu erfreuen und auf ein modernes Gewandhaus zu hoffen. floet:):zwinkern:


    Jeder, der sich die Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.
    www.archicultura.ch

  • Also ich empfinde das jetzt als reichlich polemisch. Ich wollte mich in diese Diskussion zwar eigentlich nicht einklinken, aber jetzt muss man das doch mal sagen. Ich hasse diesen Wärmedämm-Terror wie die Pest! Gerade auf dem Land wird ein Haus nach dem anderen mit politisch subventionierten Sch... eingepackt egal wie alt, obwohl Experten den vor 1950 gebauten Häusern den Schimmeltod durch nachträgliche Dämmung vorhersagen. :boese: Ich habe bei uns schon abgedämmte Barockhäuser gesehen, inklusive Plastikfenstern und Blechfensterbänken! Prost Mahlzeit!


    Ähnlich verhält es sich bei mir beim Thema Reko. Ich bin nun mal ein Anhänger materialgerechter Rekonstruktionen, wobei ich nicht gegen Beton als Baustoff bin. Aber von Kunsstoff-Stuck und Kunststein halte ich nunmal nichts! Das ist meine Meinung und ich werde davon nicht abweichen. Ich sehe auch keinen Grund wieso die jetzt gebauten Rekos in einer Generation sakrosant sein sollten und nicht als Ganzes zur Disposition stehen sollten, wenn es an die Generalsanierung geht. Wer weiß, wie stark die Modernisten in 50 Jahren sind! Würde man jetzt gescheit bauen, hätten die Rekos dann Altbau-Status und niemand würde sich daran wagen. so sehr ich Dresden liebe, stehe ich dem Neumarkt inzwischen nicht mehr nur positiv gegenüber.

    Der deutsche Pfad der Tugend ist immer noch der Dienstweg.

  • Ist ja schön und gut - und - wie weiter? Wir sind doch hier alle dafür möglichst autentisch zu rekonstruieren, aber das geht halt nur innerhalb der gesetzlichen Bestimmungen, die in D natürlich maßlos übertrieben sind. Vielleicht müssen wir eben auf bessere Zeiten warten.


    Die Alternative wäre ein Neumarkt a la Böttcher& Co mit ein bisserl Sichtbeton und Sehschlitzen oder Zitaten des wunderbaren Kulturbalastes nebenan und einer verloren wirkenden Frauenkirche, dessen Vorplatz man lieber nicht betreten möchte.


    Nur hier im Forum zu schreiben und sich zu echauffieren wird leider die Welt da draußen nicht verändern. Vorschlag: Der GHND beitreten und mitmachen. Alles andere ist verlorene Müh und Zeitverschwendung! Da wäre es produktiver und weniger gesundheitsstörend sich auf der Parkbank gemütlich zu machen Vitamin D zu tanken.

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Im aktuellen Stern steht ja ein Artikel über Norbert Röttgen und dessen
    "Visionen" - und er will sich wohl mit seiner Energiewende mitsamt
    Dämmintiativen offensichtlich "in eine Liga wie Helmut Kohl mit dem
    Euro" katapultieren (so der Artikel)... und ähnlich desaströs und von
    der Realität entrückt wird das Ergebnis wohl auch ausfallen.




    Jedenfalls halte ich es für ausgeschlossen, daß bei den
    Verantwortungsträgern "Kleinigkeiten" wie der Neumarkt irgendeine Rolle
    spielen, schließlich muß ja gerade das Klima und die gesamte Welt
    gerettet werden, zur Not halt mit Styropor und Plastik, mangels
    heroischerer Werkstoffe...

  • Nur hier im Forum zu schreiben und sich zu echauffieren wird leider die Welt da draußen nicht verändern. Vorschlag: Der GHND beitreten und mitmachen. Alles andere ist verlorene Müh und Zeitverschwendung! Da wäre es produktiver und weniger gesundheitsstörend sich auf der Parkbank gemütlich zu machen Vitamin D zu tanken.


    Danke Exi, so ist es!

    "We live in the dreamtime-Nothing seems to last. Can you really plan a future, when you no longer have a past." Dead Can Dance - Amnesia

  • Leider lebe ich nicht in Dresden. Aus 600 km Entfernung ist es halt schwer sich vor Ort zu engagieren :lachen:
    Sorry zeitlos, dein Zwinkern hab ich wohl übersehen :wink:

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  • Es wird wohl kaum ein Zweifel daran bestehen, dass sämtliche Rekonstruktionen für die eigentlich noch immer kaum existente Dresdner Altstadt ein Gewinn waren und sind. Trotzdem muss man sich die Frage stellen, ob man mit dem bisher Erreichten wirklich zufrieden sein darf. Für die Rekonstruktionsbewegung sehe ich das Gebaute als eine gewisse Gefahr, bieten doch die polemisch verbrämten "Plastik-Bauten" eine nicht gerade kleine Angriffsfläche. Allerdings steht auch die Frage, welcher Laie hier denn einen Unterschied zum Original, bzw. einer adäquateren Rekonstruktion bemerken würde. Keiner?
    Ich jedenfalls bin - ihr werdet es gemerkt haben - hin- un hergerissen! Die oberflächliche Betrachtung erzeugt eine gewisse Zufriedenheit, die nicht zuletzt durch die Kenntnis der Alternativen genährt wird. Wenn man allerdings näher herantritt und an die "Folgekosten" denkt, wachsen die Zweifel.

    Wahre Baukunst ist immer objektiv und Ausdruck der inneren Struktur der Epoche, aus der sie wächst. Ludwig Mies van der Rohe

  • Aus 600 km Entfernung ist es halt schwer sich vor Ort zu engagieren


    So schwierig ist das gar nicht. Ich bin noch ein Stückchen weiter entfernt, aber StadtbilDD z.Bsp. bietet jedem die Möglichkeit, mitzuhelfen, auch ohne vor Ort anwesend zu sein: StadtbilDD - Das Korrektiv


    Bei Interesse PM an mich. :)

    Ich entschuldige mich von Herzen für meine früheren arroganten, provokanten, aggressiven und unfreundlichen Beiträge!
    Jesus ist mein Herr und Retter!

  • Ich halte die Materialität für vollkommen untergeordnet. Beton, Dämmwolle und Kunststeine sind halt heute verbreitete Baumaterialien. Hätte man die Altstadt im 19. Jahrhundert neu hochgezogen, hätte man wohl auch nicht Bruchstein und Holz, sondern Ziegel, Gusseisen und Stahl verwendet. Ferner weiß jeder, der die gut erhaltenen anderen sächsischen Altstädte kennt (bspw. Freiberg, Pirna, Meißen etc.), dass keine Rekonstruktion der Welt mit den „Originalen“ standhalten kann, ganz gleich, wie gut sie handwerklich gemacht ist.


    Doch darum geht es hier auch gar nicht. Es geht um das, was bilderbuch geschrieben hat, das Erzeugen von Zufriedenheit aufgrund einer oberflächlichen Betrachtung und die Wiedergabe des genius loci, auch wenn das hier nur in Teilen geschehen ist. Gerade die in vielen Fällen nicht erfolgte Wiederherstellung des Inneren sehe ich als völlig zweitrangig an, denn die damit verbundenen Nutzungen sind doch eh längst nicht mehr die – und wären es wohl auch selbst im Falle einer erhaltenen Altstadt nicht mehr – die zur Bauzeit der meisten Gebäude maßgeblich waren.

  • Ich halte die Materialität für vollkommen untergeordnet. Beton, Dämmwolle und Kunststeine sind halt heute verbreitete Baumaterialien. Hätte man die Altstadt im 19. Jahrhundert neu hochgezogen, hätte man wohl auch nicht Bruchstein und Holz, sondern Ziegel, Gusseisen und Stahl verwendet. Ferner weiß jeder, der die gut erhaltenen anderen sächsischen Altstädte kennt (bspw. Freiberg, Pirna, Meißen etc.), dass keine Rekonstruktion der Welt mit den „Originalen“ standhalten kann, ganz gleich, wie gut sie handwerklich gemacht ist.


    Das sehe ich anders. Gerade eine hohe Materialqualität ('naturnahe', 'alte' Rohstoffe mit möglichst wenig Chemie und Allergiepotential) und eine hohe handwerkliche Qualität (Förderung kleiner und mittlerer Handwerksbetriebe, Erhalt und Förderung historischer Handwerkstechniken), die sich mit den Standards in der Denkmalpflege vergleichen lässt, kann eine Legitimationsgrundlage - auf die manche immer so pochen - bilden und Reko-Gegnern den Wind aus den Segeln nehmen. Aber solange man die Investoren nach dem höchsten Profit (für beide Seiten) auswählt und nicht nach nachhaltigen Kriterien entschieden wird, ist das nur Wunschvorstellung.
    Und so abgedroschen der Begriff Nachhaltigkeit mittlerweile ist, im Bezug auf das Bauen am Neumarkt passt er im umgekehrten Sinne sehr gut. Man rennt ja quasi sehenden Auges ins Unglück: Die Dämmfassaden aus Styropor etc. sind in spätestens 30 Jahren ein Fall für die Sondermüllentsorgung. Was ist daran nachhaltig? Es gibt mittlerweile auch Ziegel auf dem Markt, die die hohen Standards eines Passivhauses erfüllen, warum sollte man die hier nicht einsetzen können. Auch hier wieder: Eine Frage des Geldes.
    Aber auch die überwiegende Gewerbenutzung am Neumarkt ist wenig nachhaltig, denn ein belebterer Neumarkt und ein 'soziales Umfeld zur Frauenkirche' wird damit zumindest nicht geschaffen.
    Das Problem ist das nicht über die nächsten 5 Jahre (wenn überhaupt) hinausgedacht wird.


    Doch darum geht es hier auch gar nicht. Es geht um das, was bilderbuch geschrieben hat, das Erzeugen von Zufriedenheit aufgrund einer oberflächlichen Betrachtung und die Wiedergabe des genius loci, auch wenn das hier nur in Teilen geschehen ist. Gerade die in vielen Fällen nicht erfolgte Wiederherstellung des Inneren sehe ich als völlig zweitrangig an, denn die damit verbundenen Nutzungen sind doch eh längst nicht mehr die – und wären es wohl auch selbst im Falle einer erhaltenen Altstadt nicht mehr – die zur Bauzeit der meisten Gebäude maßgeblich waren.


    Diese oberflächliche Zufriedenheit kann sich aber ganz schnell in Enttäuschung verwandeln, wenn der Betrachter/Besucher einen Blick hinter die Fassade wirft. Die innere Herstellung ist meines Erachtens nicht zweitrangig. Würde doch gerade sie eine Verbindung von äußerer Hülle und dem Raum dahinter herstellen, und somit die 'Hülle' somit nicht zur reinen Kulisse verkommen lassen. Selbstverständlich muss nicht die komplette Raumstruktur wiederhergestellt werden, sondern evtl nur das Treppenhaus und vielleicht ein oder zwei herausragende Räume sofern ausreichend Dokumentation vorhanden ist.
    Rekonstruktionen müssen quasi eine 'Elite' im Städtebau darstellen, die eine besondere (nicht nur oberflächliche) Außenwirkung haben, welche die Menschen komplett durch sich selbst überzeugen können.


    Soviel zu meinen Wunschträumen :smile:

    Versteht mich nicht falsch, das, was der Neumarkt-Verein erreicht hat, ist absolut großartig im Vergleich zur ursprünglichen Planung.

  • Du siehst ja schon ein, dass es im Endeffekt nur ums Geld geht. Das wird auch keiner verneinen. Doch wo soll das Geld bei einem privaten Investor, sofern er nicht Liebhaber ist, denn deiner Meinung nach herkommen, dass er sich für die teurere historische Bauweise entscheidet? Der einzige speziell in Dresden zugegeben fragwürdige Umstand ist die quartiersweise Vergabe der Bauplätze, die es dadurch eben solchen Liebhabern im Gegensatz etwa zu Frankfurt am Main unmöglich machen, einzelne Häuser als Vorzeigeprojekte zu verwirklichen.


    Auch deine Kritik an den gedämmten Fassaden mag ja valide sein, aber wie ebenfalls schon bilderbuch ausführte, sie ist letztlich so fehl am Platze, wie sich im lokalen Supermarkt darüber zu beschweren, dass man keine 60 Watt-Glühbirnen mehr kaufen kann. Bauvorschriften sind überwiegend europäisches odes Bundesrecht, haben also mit Dresden herzlich wenig zu tun. Protest dagegen hat also weniger hier etwas verloren als in einem Brief an deinen Vertreter im Bundestag oder EU-Parlament bezüglich der Hirnrissigkeit von ENEV 2009.

  • Mit dem Politargument kann man ja nun wirklich jede Diskussion um Bauqualität erschlagen. Wir wissen alle, dass Ökofanatiker wie Röttgen und Lobbyisten der Dämmstoffindustrie den Freunden der Baukultur das Leben nicht gerade einfach machen. Niemand zwingt allerdings einen Bauherren im Fassadenbereich mit Beton und Dämmplatten zu verschalen. Es gibt Ziegel, die die gesetzlichen Anforderungen zur Wärmedämmung erfüllen. Notfalls muss man dann halt auf ein paar Quadratzentimeter Nutzfläche verzichten oder teueres Baumaterial benutzen. Das ist für einen Investor, der in exponierter Lage bauen möchte vertretbar. Da sind die Grundstückspreise und Tiefbaukosten meistens gewichtigere Faktoren, als die Hochbaukosten. Und über den Profit eines Investors muss ich mir auch keine Gedanken machen. Wenn es sich nicht lohnt, soll er halt nicht bauen und das Feld anderen überlassen.

  • Du siehst ja schon ein, dass es im Endeffekt nur ums Geld geht. Das wird auch keiner verneinen. Doch wo soll das Geld bei einem privaten Investor, sofern er nicht Liebhaber ist, denn deiner Meinung nach herkommen, dass er sich für die teurere historische Bauweise entscheidet? Der einzige speziell in Dresden zugegeben fragwürdige Umstand ist die quartiersweise Vergabe der Bauplätze, die es dadurch eben solchen Liebhabern im Gegensatz etwa zu Frankfurt am Main unmöglich machen, einzelne Häuser als Vorzeigeprojekte zu verwirklichen.


    Das war auch mein Gedanke, statt der quartierweisen Vergabe die einzelnen Parzellen zu vergeben. Liebhaber waren da (Pühringer...) aber die sind vertrieben worden oder werden gerade vertrieben (Blobel).
    Aber hätte, wäre, könnte... müßig das ganze nochmal aufzuwärmen...


    Auch deine Kritik an den gedämmten Fassaden mag ja valide sein, aber wie ebenfalls schon bilderbuch ausführte, sie ist letztlich so fehl am Platze, wie sich im lokalen Supermarkt darüber zu beschweren, dass man keine 60 Watt-Glühbirnen mehr kaufen kann. Bauvorschriften sind überwiegend europäisches odes Bundesrecht, haben also mit Dresden herzlich wenig zu tun. Protest dagegen hat also weniger hier etwas verloren als in einem Brief an deinen Vertreter im Bundestag oder EU-Parlament bezüglich der Hirnrissigkeit von ENEV 2009.


    Es geht nicht um Dämmung oder nicht, sondern um deren Umsetzung. Die Rampische 29 unterliegt ja auch diesen Vorschriften (denk ich mal) und man hat es trotzdem geschafft qualitätvoll zu bauen.

  • Und man schafft es immer wieder, noch eins drauf zu setzen...



    Dabei dachte ich, dass es für den Neumarkt eine Werbesatzung gäbe. Die scheint aber wohl nicht für Parkhausschilder zu gelten.


    Bild ist von mir.

    Wahre Baukunst ist immer objektiv und Ausdruck der inneren Struktur der Epoche, aus der sie wächst. Ludwig Mies van der Rohe

  • Unsensibler geht's nicht mehr. Wahrlich die Krönung!

    Ich entschuldige mich von Herzen für meine früheren arroganten, provokanten, aggressiven und unfreundlichen Beiträge!
    Jesus ist mein Herr und Retter!

  • Am Neumarkt wird's langsam frustrierend. Man freut sich über ne Kleinigkeit wie das 'Löwentor' und kriegt darauf nen dicken Dämpfer in die Magengrube verpasst

    Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens. - Friedrich Schiller -

  • Wie wäre es mal mit sich freuen anstatt immer nur Gemecker hier? Das Schild ist ein Schild und bleibt ein Schild – man kann es abnehmen. Vielleicht wäre sinnvoller, seine Energien auf Missstände zu richten, die etwas langlebiger sind als ein Schild.

  • Finde auch, das die Aufregung über das Schild einwenig übertrieben ist. Ja, es ist nicht schön... aber wir befinden uns immerhin (bald) in einer richtigen Innenstadt. Welche Innenstadt bietet nicht tausende von Schildern hier und da, mal größer, mal kleiner, mal greller, mal dezenter. Auch in Prag oder Paris inmitten wunderschöner, historischer Architektur finden sich solche Schilder an.


    Wenn man sich alte Bilder vom Altmarkt anschaut, da war alles zutapeziert mit Reklametafeln. Machte das ganze jedoch noch urbaner. :)