Hamburg - Freie und Abrissstadt

  • Das sind wieder Nachrichten, passend zum Wetter.
    Ich finde das Gebäude nicht unbedingt schön, es mag zu seiner Erbauungszeit noch etwas Besonderes gewesen sein, heute jedoch ist es nur ein Beispiel der Moderne von unzähligen weiteren. Aber es ist als baugeschichtliches Zeugnis wertvoll und erhaltenswert.

    In dubio pro reko

  • Wenn ich mir vorstelle, welch' Geschrei gewisse Kreise machen, wenn es um den Abriß von DDR-Platten in den Innenstädten geht und solch' eine Ikone der hanseatischen Zwanziger soll einfach ratzfatz geschliffen werden!?? disgust:)
    Offenbar keine Bürgerinitiative aktiv, oder unsere Ortsgruppe? Haben wir in Hamburg einen Ortsverband?

  • Vielleicht erstmal abwarten, die Meldung ist noch ganz frisch. Ich vermute dass sich hier noch breiter Protest formieren wird. Schließlich geht es hier um ein durchaus bedeutendes Gebäude.

    In dubio pro reko

  • Ich verstehe diesen Irrsinn auch nicht. Zumal wenige hundert Meter weiter im Kontorhausviertel einige ähnliche Gebäude aus der selben Zeit existieren (z.B. der Sprinkenhof), die gehegt und gepflegt werden und sogar in die UNESCO-Weltkulturerbe-Liste eingetragen sind.

  • Es könnte tatsächlich sein, dass das Gebäude den Denkmalschutz nicht sonderlich interessiert, denn: »Von 1975 bis 1978 wurde in einem ersten Bauabschnitt der im Krieg völlig zerstörte Gebäudeflügel zur Drehbahn neu errichtet, verantwortlicher Architekt war Heinz Schudnagies vom Büro Dietrich & Partner. Im zweiten Bauabschnitt von 1979 bis 1982 wurden auch die erhaltenen Trakte umgebaut. Die Modernisierung gilt unter denkmalschützerischen und ästhetischen Gesichtspunkten als wenig gelungen, unter anderem wurden die Fensterprofile vergröbert und die originale Klinkerfassade am Erkerband komplett durch Ziegel mit rustikaler Handstrichoptik ersetzt.« (Wikipedia-Artikel Deutschlandhaus (Hamburg)). Auch auf den Wikipedia-Denkmallisten habe ich das Haus nicht gefunden, also ist es wohl nicht denkmalgeschützt. Nun war ja im Expressionismus die Schönheit des Gebäudes auch wohl schon nicht mehr ganz so wichtig, aber besser als ein Neubau ist der Bau auch mit dem anscheinend eher schlechtgelungenen Umbau allemal, da bin ich mir fast sicher.

    Herzliche Grüße


    Bilder von mir finden sich auch bei Wikimedia.

  • Wahnsinn! Wie Kralle schon schrieb - im Kontorhausviertel mit dem berühmten Chilehaus stehen genau solche Gebäude unter Denkmalschutz und gehören sogar zum Welterbe. Es ist nicht zu fassen! :kopfwand:


    Hier noch ein Artikel aus dem Hamburger Abendblatt.


    Daraus:

    Quote

    Die ABG hat bereits mehrere Architekturbüros Entwürfe für den Neubau machen lassen. Favorisiert wird ein Entwurf des Hamburger Stararchitekten Hadi Teherani. Dieser solle jedoch noch nicht der Öffentlichkeit präsentiert werden, teilte sein Büro mit.

    Wahrscheinlich wissen Sie schon, warum der Entwurf noch nicht veröffentlicht wird. Möglichst wenig frühzeitigen Protest verursachen und erst an die Öffentlichkeit gehen, wenn die Abrissgenehmigung vorliegt.


    Und:

    Quote

    Dem Bezirk und der Politik wurden die Planungen bereits vorgestellt. Grünen-Fraktionschef Michael Osterburg kennt den Entwurf und sagte: "Das neue Deutschlandhaus nimmt von seiner Gestaltung das zerstörte Haus vor dem Krieg auf und schafft den Sprung in die jetzige Zeit mit Helligkeit und Auftritt."

    Das hört sich auf den ersten Blick ja ganz gut an, allerdings weiß man ja, was Architekten und Politiker so von sich geben, wenn sie ein Projekt durchdrücken wollen. :/

    Lûbeke, aller Stêden schône, van rîken Êren dragestu de Krône. (Johann Broling, Lübecker Kaufmann und Ratsherr, um 1450)

  • Ich finde es wirklich schade, dass Hamburg immer mehr seiner Backsteinbauten verliert (Stichwort Dämmung) und damit im Prinzip seinen norddeutschen Charakter verliert. Dabei gibt es doch aus dem Bezirk Mitte die sogenannte Backsteinverordnung. Meiner Meinung nach müsste dies für die gesamte Hansestadt gelten (man wird ja noch träumen dürfen;)).


    https://www.abendblatt.de/hamburg/article208994303/Erster-Bezirk-beschliesst-eine-eigene-Backstein-Verordnung.html

  • Quote

    [...]liegt an den Business-Improvement-Districts Opernboulevard[...]

    Na dann ist ja alles klar. :blink:
    Schlimm, wie in Hamburg die Abrissbirne wütet. Was man nicht sofort abreißt, wird entkernt und dann 20 Jahre später niedergemacht. Das Deutschlandhaus ist absolut stadtbildprägend, hanseatisch. Den Hamburgischen Denkmalschutz kann man eigentlich auflösen, spart Geld.
    Und wenn ich mir Teheranis Referenzen so anschaue, dann ist er von der Architektur des Deutschlandhauses so weit entfernt, wie die Erde vom Mars.

  • Die Vernichtung des Bauerbes der 20er und 30er Jahre hat offenbar in Hamburg ein lange traurige Tradition. Beim googlen bin ich auf den unglaublichen Abriss der Siedlung "Elisa" im Jahr 2015 gestoßen (Bilder vom Abriss), einst ein wunderbares Beispiel für die (immer noch expressionistisch angehauchte) Bachsteinarchitektur der 20er. Infos zu dem Skandal >> hier, sowie die haarsträubende Zustimmung der zuständigen Denkmalschutzbehörde zum Abriss, klick >> hier


    Schaut man in Liste der in Hamburg vom zeitnahen Abriss bedohten Gebäude, kann man nur noch die Verzweifelung bekommen, siehe >> hier


    Wie gesagt: Die Schizophrenie im Umgang mit dem Bauerbe der Weimarer Republik ist in Hamburg ist eigentlich kaum noch zu übertreffen. Während das Kontorhausviertel mit dem Welterbetitel der UNESCO geadelt wurde und gehegt und gepflegt wird, wird das übrige Bauerbe der Stadt aus den 20-er und 30er Jahre offenbar zu großen Teilen skrupellos vernichtet (zugunsten von Neubauten mit den üblichen Barcode- oder Effekthascherei-Fassaden al la Teherani). :kopfwand:


    :!:
    Eine Bitte an den Verein: Könntet bitte zur Rettung des Deutschlandhauses aktiv werden und euch evtl. auch an die Deutsche UNESCO-Kommission wenden??

  • Ich darf vorsichtig Entwarnung geben: Aus "gut unterrichteten Kreisen" habe ich vernommen, dass für das Deutschlandhaus zwar Abriss, aber auch rekonstruierender Wiederaufbau entsprechend dem Vorkriegszustand vorgesehen ist. Demnächst mehr darüber.

  • Das wäre eine schöne Nachricht, Philoikódomos!


    Das mit der Elisa-Siedlung ist ja wirklich ein dolles Ding... so etwas kann aber wirklich nur mit einem komplett dysfunktionalen Denkmalschutz passieren, denn mehr Leute pro Quadratkilometer wird man doch kaum unterbringen können mit Neubauten als diese sehr durchdachten 20er-Jahresiedlungen? In Bremen (wo es natürlich auch weniger dieser Siedlungen gibt) stehen die Dinger alle unter Denkmalschutz, auch in Bremerhaven. Ich finde die immer grandios, meine Großmutter wohnte im Hamburger Osten, mich hat diese Art Architektur sehr geprägt und ich habe sie immer gemocht.


    Und in der Überseestadt werden jetzt auch bei Neubauten mehr und mehr Anleihen an diese Zeit aufgenommen, hier mal zwei aktuelle Projekte:




    Und auch projektiert gibt es vieles in dieser Art, z.B. hier (Cecilienquartier):



    Unverständlich, dass die trotzdem besseren Originale in Hamburg abgerissen werden.

  • Echt toll Modern und doch nicht Hässlich und 0815, der erkehr links am ersten bau sied Top aus! Der Zweite hat die elegante Rundung und der dritte hat den Expressionismus, Top Bauten für den Norden.Nur halt diese Asymmetrischen Fenster wieder... aber alles besser, als der "Barcode Trend" der war schlimm.

  • Das darf doch nicht wahr sein, dass man so einen stadtbildprägenden Bau ernsthaft abreißen will? Wie schon oben geschrieben, die anderen Kontorhäuser aus der Zeit sind Weltkulturerbe.


    Ich habe Mittler das Gefühl, alles, was in den jeweils 10 Jahren vor und nach der Jahrtausendwende hinsichtlich Schutz in Restaurierung von Altbauten wird aktuell durch billige Zinsen und gierige Investoren wieder kaputtgemacht. Viel besser als in den 60ern ist die aktuelle Entwicklung ja nicht...

    Wo die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten
    Karl Kraus (1874-1936)

  • Jetzt soll's auch noch dem sog. Hanseviertel von 1980, einem m. E. sehr guten Bau der Postmoderne, an den Kragen gehen. :kopfschuetteln:


    Weil 100 Sozialwohnungen locken, dürfte der Senat dem Investor (ECE) wohl aus der Hand fressen.
    Hanseviertel soll abgerissen werden - Norddeutscher Rundfunk


    Bild für einen schnellen Blick


    Dazu äußert sich der Denkmalverein Hamburg

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Kurioserweise ist die zuständige Denkmalschutzbehörde offenbar selber im Hanseviertel untergebracht.


    Interessant ist auch dieser Zeit-Artikel. Ob das Viertel des Status eines Denkmals bekommt ist fraglich, und selbst wenn das so wäre könnte das Viertel abgerissen werden. Die Investoren haben offenbar in Hamburg eine ziemlich große Narrenfreiheit:

    (...) Hier wird der Denkmalschutz zum Politikum. Stünde das Hanseviertel unter Schutz, könnte der Käufer nur abreißen, wenn der Erhalt "wirtschaftlich unzumutbar" wäre. Was zumutbar und unzumutbar ist, ist in Hamburg eine Frage der politischen Gewichtung. Der mutmaßliche Hanseviertel-Käufer ECE gehört der Familie Otto. ECE-Vorsitzender Alexander Otto hat gerade mit seiner Stiftung 15 Millionen Euro für Sanierung und Umbau der Kunsthalle gespendet. Die Frage lautet: Wird die Kulturbehörde seine Denkmalschützer bremsen, wenn einer der wichtigsten Kulturstifter der Stadt eine Einkaufspassage kaufen und abreißen will? Möglich ist das. Es wäre auch nicht das erste Mal.

    :kopfschuetteln::kopfschuetteln:

  • Der Hamburger Hafen und somit auch die Stadt Hamburg wird in ca 2 Jahren um eine (teilrekonstruierte) Attraktion reicher sein!


    Der gefühlte ewige Zeiten in New York vor sich vergammelnde Viermaster "Peking" kehrt in seine Geburtsstadt zurück:


    Viermaster Peking kehrt zurück!
    (mit vielen Bildern!)
    NDR

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Das Hanseviertel ist laut Presseberichten unter Denkmalschutz gestellt worden.


    Damit ist ein Abriss zwar nicht vom Tisch, wird aber deutlich erschwert.