St. Gallen (SG) (Galerie)

  • Quote from "Anna"


    Wer hat Dir denn das erzählt?
    Eigentlich kenne ich nur vier Völker, die berufsmäßig antideutsche Gefühle auf Dauerflamme halten, die Engländer, die Polen, die Tschechen und Gottes auserwähltes Volk von eigenen Gnaden im östlichen Mittelmeer.
    Ansonsten bist Du in ganz Lateinamerika als Deutscher um ein vielfaches willkommener, als ein Yankee, in Asien, speziell Japan, ist unser Ansehen ähnlich hoch, ob Du nach Spanien, Irland, Rußland oder Serbien kommst, überall werden die Gesichter freundlich, wenn Du als Deutsche oder Deutscher auftrittst.


    Serbien erstaunt mich etwas. Kroatien allerdings ist ausgesprochen deutschfreundlich, zumal dort jeder Deutsch zu sprechen scheint.

  • Schon wieder dieses Thema. Kann man hier nichts mal unpolitisch betrachten? Schweizer, Deutscher, Deutsch-Schweizer, WTF macht das für einen Unterschied? Irgendwelche Eigenschaften an Staatsangehörigkeit oder Ethnie festmachen zu wollen finde ich gerade mal grandios altmodisch. Genauso lachhaft die Behauptung, es gäbe mehr hübsche Schweizerinnen, au Mann. Gepflegt durch Wohlstand, aha. In 'nem anderen Thread waren es neulich noch die Polinen (welche denn, die "echten" oder die "unechten" aus Schlesien und Ostpreußen?) oder Russinen. :augenrollen:


    P. S.: Von den letzten 10 Miss Germanys hatten sicher 90 % einen Migrationshintergrund. Die wahren Deutschen waren durch die schleppende Wirtschaftsentwicklung der letzten Jahre wohl zu ungepflegt.

  • Quote from "Kindvon2dresdnern"

    Aber ich würde gern mehr Bilder von St. Gallen sehen!


    Hmmm... dann verlassen wir doch erst mal die neblige Aussicht.





    Zwei Blicke noch, einen die Hauptfassade hinunter...
    (bei den grobkörnigen Fotos handelt es sich um Handyaufnahmen von 2004)





    ... und einen auf das immense Dach der Klosterkirche, um den Gegensatz zwischen barockem Klosterbezirk und spätgotischer Altstadt zu spüren.





    Bevor wir wieder auf den Stadtboden hinunter gelangen, noch einen Blick in den Dachraum. Die Länge der Klosterkirche
    misst immerhin 112 Meter! Der Dachstuhl ist heute in drei Brandabschnitte unterteilt, sodass der Raum nicht mehr als ganzes
    erlebt werden kann.





    In der Höhe zählt der Dachstuhl vier Geschosse, welche aber nicht durch Bretterböden getrennt sind, sodass der Blick auch weit hinauf
    und hinab gerichtet werden kann.





    Der Dachstuhl liegt nicht nur auf den Aussenmauern auf, sondern wird punktweise mittels Strebenbündeln auch
    auf die Innenpfeiler des Kirchenraumes abgestützt.





    Über den Hauptschiffkuppeln und der Rotunde mit einem Durchmesser von 26 Metern ist der Dachstuhl freitragend.





    Dem Brandschutz wurde vor einigen Jahren viel Rechnung getragen, indem massive Stege und mehrere direkte Löschwasserleitungen installiert worden sind.





    Umgang um die Rotunde...

  • Quote

    Wer hat Dir denn das erzählt?
    Eigentlich kenne ich nur vier Völker, die berufsmäßig antideutsche Gefühle auf Dauerflamme halten, die Engländer, die Polen, die Tschechen und Gottes auserwähltes Volk von eigenen Gnaden im östlichen Mittelmeer.
    Ansonsten bist Du in ganz Lateinamerika als Deutscher um ein vielfaches willkommener, als ein Yankee, in Asien, speziell Japan, ist unser Ansehen ähnlich hoch, ob Du nach Spanien, Irland, Rußland oder Serbien kommst, überall werden die Gesichter freundlich, wenn Du als Deutsche oder Deutscher auftrittst.
    Zumindest meine Erfahrung.


    Quote

    Da hast Du als fünftes Volk unsere Oranje-Nachbarn in den niederen Landen vergessen - nicht zur zu Zeiten von Fußballmeisterschaften. Es sei denn, man zählt sie nicht als Volk, sondern als verselbständigter Stamm der Deutschen (schließlich gehörten sie ja bis etwa 1648 irgendwie zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation).


    Anna, Heimdall, marc!


    Anna, berufsmaessig hast Du ganz gut gesagt. Zwar ist das Nachkriegssystem verschwunden oder im Umbruch begriffen, es gibt aber welchen, die aus ihren Interessen heraus davon nicht ablassen zu koennen meinen-auch wenn die Haltung der Wirklichkeit nicht mehr entspricht.
    Die Situation in den Niederlanden ist etwas ganz, ganz besonderes, was man von aussen nicht auf Einmal ueberblickt.


    Marc! hat geschrieben:


    Quote

    ich finde es noch absurd, dass gerade die deutsch-schweizer keine deutsche kultur mögen, wo sie selbst doch eigentlich in ihrer etwas provinziell-spiessigen disziplin-ordnungs-arbeitskultur deutscher als deutsche klischees sind, und sich letztendlich somit selber verachten.


    Dieses Zitat trifft im Kern auch auf die alte niederlaendische Kultur zu, die von allen europaeischen der preussischen am naechsten stand (minus besondere militaerische Praesenz in der Gesellschaft) Der von mir hervorgehobene letzte Nebensatz trifft besonders auch auf die heutige niederlaendische Kultur zu, und diese Selbstverachtung hat genau diesen Hintergrund. Dadurch haben die Niederlande eine Identitaetskrise, was bei relativ hoher Auslaenderzahl das Problem der multikulturellen Gesellschaft besonders brisant macht.
    Man muss fuer die Niederlande das Volk und die Fuehrungsschicht ("Regenten") immer ganz gut unterscheiden. Das Niederlaendische Volk, Alteingesessene und Auslaender, stehen den Deutschen und der deutschen Kultur nicht feindlich gegenueber, so meine Erfahrung. Nur ist die angloamerikanische Ueberfremdung so stark, dass fuer Interesse in deutschen Sachen hier kaum noch Platz und Zeit bleibt.
    Der harte Kern der antideutschen Haltung, wie sie in den Niederlanden vor allem seit den 60er Jahren stark kultiviert wurde, ist in politischen und intellektuellen Kreisen zu suchen. Im Epizentrum der nl. Kultur, Amsterdam, hat das zu einer ganz besonderen Situation gefuehrt. Um es mal scherzhaft aber mit wahrem Kern zu sagen: man pflegt hier einen zweiten Juedischen Staat (kulturelle Ausrichtung der Oberschicht) in einer Bevoelkerung, wo inzwischen der Islam die groesste Religionsgemeinschaft stellen koennte. Das ist heute eine explosive Mischung.
    Mit den wahren Verhaeltnissen in der Welt und in Deutschland hat das alles natuerlich nichts mehr zu tun: die Oberschicht lebt in den 50er und 60er Jahren des 20. Jh. Man schadet mit der Abwendung von Deutschland nicht Deutschland (wo man davon kaum etwas weiss und merkt) sondern vor allem sich selbst.
    Ich glaube, diese von mir geschilderte Situation erklaert auch viele Beitraege meiner Landsleute hier im Forum.


    Die Situation in Flandern ist wirklich ganz anders. Ich glaube, kulturell ist der Unterschied zwischen Flandern und den Niederlanden groesser als zwischen dem dt. Bundesland Niedersachsen und den Niederlanden.

    VBI DOLOR IBI VIGILES

  • Jetzt aber zu St. Gallen selbst: wie man auf dem alten Stadtplan von 1642 sieht:


    http://upload.wikimedia.org/wi…dtplan_St_Gallen_1642.png


    hat das Staedtchen wohl nie das Zeug zu einem Nuernberg gehabt, obwohl es ganz schoen malerisch war und ist. Man sieht, dass der Klosterbezirk 1642 schon laengst nicht mehr so schoen geordnet war als auf dem beruehmten Plan aus der Bluetezeit um 800.
    Die alte Klosterkirche ("Muenster") war in seinen Grundzuegen noch erhalten, und koennte ungefaehr so ausgesehen haben, wie St. Michael in Hildesheim heute noch aussieht, mit vier kleinen Tuermen (Treppentuerme?) an den seitlichen Enden, wovon 1624 schon zwei verschwunden waren.


    Ich glaube nicht, dass heute noch etwas bauliches aus der Bluetezeit des Klosters um 800 erhalten ist. Es gibt noch die Buecher in der Bibliothek, wodurch St. Gallen eine der Hochburgen der althochdeutschen Ueberlieferung ist (die beiden Notker)

    VBI DOLOR IBI VIGILES

  • Interessant, wie die Leser reagieren, wenn nicht gerade eine Bilderflut hereinschwappt... :-)
    Aber immerhin hat sich jemand offensichtlich für die Stadt St. Gallen interessiert, und selber mal bei Wikipedia nachgeschaut. Wer mal auf's "Gerate-wohl" http://www.st.gallen.ch" eingibt, merkt schnell, dass er dann auf keiner offiziellen Seite landet. Typisch St. Gallen - es hat es verschlafen, rechtzeitig "seine" Domaine zu reservieren.


    Zur offiziellen Seite gelangt man über http://www.st.gallen-bodensee.ch. Allerdings erfährt man auch dort nicht gerade viel Wissenswertes über die Stadt, obwohl St. Gallen ein Kantonshauptort ist, gut 70'000 Einwohner zählt (ohne Agglomeration), und damit die siebtgrösste Schweizer Stadt ist.




    20.12.81


    Irgendwo hier entschied sich Gallus, nach dem Empfang eines göttlichen Zeichens (so die Legende), ein Eremitenleben zu beginnen. Gallus gehörte einer Gruppe irischer (oder belgischer) Wandermönche an, welche ins Gebiet der heutigen Schweiz gekommen war, um die Alemannen zum Christentum zu bekehren. Die Wandermönche verliessen nach einiger Zeit das Bodenseegebiet, und wanderten bis nach Norditalien weiter. Krankheitsbedingt blieb Gallus aber am Bodensee zurück.


    Im "Arboner Forst" (grosses Waldgebiet oberhalb des Bodensees im Süden) errichtete er seine Einsiedlerklause, just am Fusse einer Wasserfallkaskade des Steinach-Flüsschens. Nach dem Heranwachsen seiner Klause zu einer ersten einfachen Klosteranlage dauerte es noch hundert Jahre, bis durch Otmar im Jahre 719 die Benediktinerregel eingeführt, und damit der Grundstein zur Abtei St. Gallen gelegt wurde, welche mehr als 1000 Jahre bis 1805 Bestand haben sollte.




    5.2.04


    Im 18. Jahrhundert erfuhr das Klosterareal eine komplette Neugestaltung, von welcher die heutige Kathedrale zeugt. Seit 1847 ist sie die Kathedralkirche des Bistums St. Gallen. Wir St. Galler nennen sie aber immer noch "s'Chloschter", auch wenn die Schliessung des Klosters schon mehr als 200 Jahre zurückliegt. In der ehemaligen äbtischen Pfalz (im Hintergrund) ist heute die Kantonsregierung untergebracht.


    Doch kehren wir nochmals zurück auf einen der beiden Klostertürme, diesmal nicht von innen her, sondern von aussen:




    Blick nach Süden; just hinter dem Baugerüst befindet sich die Mühlenen-Schlucht mit den Steinachwasserfällen


    Von hier oben erhält man einen der besten Überblicke über die Stadt und ihre Topographie. In den Jahren 2000 bis 2003 wurde das Äussere einer Restaurierung unterzogen, und so bot sich im August 2001 eine einmalige Gelegenheit, die Stadt von einer ungewohnt hohen Perspektive zu überschauen.


    Nach der Vollendung der Turmfassade 1766 wurde diese erst dreimal von einem Baugerüst verdeckt, 1841/45, 1928/38 und eben 2000/03, also rund alle achtzig Jahre. Die Bildqualität ist leider nicht die beste, da ich mit Diafilm photographierte und die Dias einscannte. Das Wetter zeigte einen sehr bewegten Wolkenhimmel, welcher kurz irgendwo die Sonne durchscheinen liess, und zudem bliess ein kräftiger Wind, welcher 70 m über Boden auf schwankendem Gerüst speziell erlebt werden konnte. So musste auch mal gegen die frühe Mittagsonne photographiert werden. Die Bäume zeigten bereits im August die erste Herbstverfärbung, da in St. Gallen auf rund 700 m.ü.M. ein eher rauhes Klima herrscht.


    Vorerst folgen noch vier Photos von der Turmrenovation:




    Die beiden Turmspitzen bekrönt jeweils ein vergoldetes Kreuz mit einer Buchstabenfolge aus dem Benediktussegen. Ihr Durchmesser beträgt ca. 2.5 Meter...




    ... und jener der vergoldeten Kugeln (unten angeschnitten) rund einen Meter!




    Die Eindeckung der Turmhauben ist immer noch die ursprüngliche von 1766 aus der Bauzeit der Klosterkirche, und besteht
    aus 3 mm dickem Kupferblech




    Die neu eingesetzten Steine und Vierungen erkennt man an der bläulichen Färbung des Sandsteins. Der überwiegende Teil
    der Steine stammt von den ersten beiden Renovationen (bräunliche Färbung)



    Für ein vertieftes Interesse an der Sandsteinrestaurierung sei folgender Link empfohlen: http://www.shima.ch/docs/sandstone/2002a_standard.pdf





    Blick nach Südwesten auf den Westflügel des Kreuzganges mit der Stiftsbibliothek (Vordergrund Mitte) und auf den Gallusplatz


    Östlich der Klosteranlage dürfte sich schon vor der Jahrtausendwende eine erste Ansammlung von profanen Bauten gebildet haben. Der Gallusplatz zeigt mit seiner lockeren Bebauung beinahe noch dörflichen Charakter, und weist Fachwerkhäuser auf, deren Ursprünge bis in den Beginn des 15. Jahrhunderts zurückreichen (links von der gelb verfärbten Linde erkennt man übrigens mein Avatar-gebendes Haus).





    Blick nach Nordwesten auf Altstadt, Bahnhofsviertel und Rosenberg


    Vier prägende Bereiche der Stadt auf einem Bild: man erkennt hier gut, wie die Stadt in einem West-Ost verlaufenden Tal liegt. Nach Westen erfolgt die Hauptanbindung an das Mittelland und die Innerschweiz. Die Altstadt liegt wie ein Riegel quer zur Talachse, und grenzt sich scharf von den jüngeren Quartieren ab. Der Verlauf der ehemaligen Stadtmauer zieht sich leicht bogenförmig hin, etwa auf der Höhe der Bildmitte. Westlich von ihr folgt das Bahnhof-, Banken- und Verwaltungsviertel mit zahlreichen Bauten des Historismus und Jugendstils. Die nördliche Talflanke, der Rosenberg, wurde ab etwa 1880 mit aufwändigen Villen überbaut.





    Blick nach Norden auf Altstadt und Rosenberg


    Obwohl die Altstadt einen recht geschlossenen Eindruck macht, vermittelt die Dachlandschaft ein ganz anderes Bild. Diese Diskrepanz ist auch in vielen Jahrhunderte alten Einzelbauten zu beobachten, innerhalb welcher mehrere Bauetappen keine Seltenheit sind, da bis vor 100 Jahren selten Häuser vollständig ersetzt, sondern immer wieder umgebaut, erweitert und aufgestockt worden waren.


    Die Marktgasse bildet die Mittelaxe der Altstadt, welche bis an den Fuss des Rosenbergs reicht. Die Gasse führt geradlinig vom Kloster an der reformierten Stadtkirche St. Laurenzen vorbei bis zum weissen Kirchturm der St. Mangenkirche. Kloster und St. Mangen waren schon im 9. Jahrhundert Wallfahrtsorte, und diese dürften schliesslich den Ausschlag für die Stadtentwicklung quer zum Tal gegeben haben.





    Blick nach Nordosten Richtung Bodensee auf Altstadt, Pärke und Museumsviertel


    Gegen Osten öffnet sich das Tal in Richtung des Bodensees. Obwohl die Stadt in der Luftlinie nur 5 km weit weg vom Seeufer liegt, hat man nicht den Eindruck, in der Nähe eines Sees zu sein, da eine Höhendifferenz von 250 m dazwischen liegt.


    Auf dieser Seite der Altstadt hat sich der kulturelle Schwerpunkt mit Museen, Stadttheater etc. mit Parkanlagen angesiedelt, ebenso liegt hier auch das Kantonsspital (mit dem schwarzen Hochhaus eine der grössten Bausünden auf Stadtgebiet). Auch hier grenzt sich die Altstadt scharf von den umliegenden Quartieren ab.





    Blick nach Osten über das Linsebühlviertel


    Die südliche Talflanke bewahrte infolge der geringeren Besonnung bis nahe ans Stadtzentrum ihre Wälder und Wiesen. Über diese Hügel führten die historischen Verkehrswege ins Alpen-Rheintal und weiter nach Österreich und Italien, während die heutigen Verkehrswege in weiten Kurven einen Umweg um diese hügelige Landschaft an den Bodensee hinab machen. Hier oben liegt auf 1072 m auch der höchste Punkt der Stadt, während nicht weit davon der tiefste Punkt auf 498 m liegt, wo die Steinach die Stadt in Richtung Bodensee verlässt.





    Blick nach Osten auf den Klosterhof


    Vor der Ostfassade der Kathedrale öffnet sich der Klosterhof. Um ihn gruppieren sich die ehemaligen fürstäbtischen Verwaltungsbauten, mit der Pfalz als Abschluss. Heute beherbergen sie den Sitz der kantonalen Verwaltung, sowie denjenigen der bischöflichen Verwaltung. Staat und Kirche "regieren" also wie seit Jahrhunderten unter dem gleichen Dach.





    Blick nach Südosten auf den inneren Klosterhof


    Ein Blick hinab auf das Türmchen über dem Mittelteil der Turmfassade gewährt einen Blick in den inneren Klosterhof (nicht zu verwechseln mit dem Kreuzgang, an welchen auch die Stiftsbibliothek stösst). Mit dieser Rundum-Sicht hat man hoffentlich einen ersten Überblick über die Stadt und ihre spezielle Topographie erhalten.

  • Wirklich sehr interessante Bilder, Riegel, die einen von mir lange schon erhofften Überblick über das pitoreske St. Gallener Stadtbild erlauben. Gegen den Diafilm ist übrigens gar nichts einzuwenden, im Gegenteil, obwohl der einen viel niedrigeren Kontrastumfang hat als Negativfilme zeigen deine Bilder ja, dass er die meisten Digicams immer noch um Längen schlägt - keine ausgefressenen Lichter!


    Wie sieht es denn mit dem Verhältnis Fachwerkbauten - Steinbauten im Altstadtkern aus? Deine Bilder erwecken den Eindruck, dass das Fachwerk doch sehr dominiert, und es wohl auch keine allzu fiesen Bausünden gibt. Ferner würde mich natürlich noch interessieren, was die ältesten Bauten im Altstadtkern sind, und ob man ein eigenes "Schweizer Fachwerk" abgrenzen kann? Die zu sehenden Konstruktionen (bei denen mir dein Haus mit seinem geschosshohen Ständer natürlich gleich ins Auge fiel) erinnern ja eher an die mittel- bis oberdeutsche Bautradition, die (witterungsbedingt?) steilen Dächer wirken sehr alt-nürnbergerisch... ;)

  • Quote

    Die zu sehenden Konstruktionen (bei denen mir dein Haus mit seinem geschosshohen Ständer natürlich gleich ins Auge fiel) erinnern ja eher an die mittel- bis oberdeutsche Bautradition, die (witterungsbedingt?) steilen Dächer wirken sehr alt-nürnbergerisch...


    Dieser Baubestand ist ausserhalb der Schweiz wohl am ehesten dem in Deutschland am Bodensee und Oberrhein (Lindau a.B., Konstanz, Freiburg i.Br.) und vor allem dem des Elsass ähnlich. Das darf auch nicht weiter verwundern, denn im späten Mittelalter und in der Frühen Neuzeit, als diese Stadtbilder im Wesentlichen entstanden, waren die Deutschschweiz und diese Gebiete kulturell und wirtschaftlich sehr eng miteinander verknüpft. So leisteten Zürich und Strassburg einander im Kriegsfall Beistand, durch Flösserverbände.

    VBI DOLOR IBI VIGILES

  • Quote

    Interessant, wie die Leser reagieren, wenn nicht gerade eine Bilderflut hereinschwappt... laecheln


    Na komm, außer ein paar Holzbalken gabs ja auch noch nicht viel zu sehen bisher :zwinkern:
    Scherz beiseite- danke ob der Bilder!


    Im Gegensatz zu rma finde ich schon, zumindest auf den Bildern "Blick nach Nordwesten" und "Blick nach Osten", dass man etliche Klötzchenhäuser ins Stadtbild gepflanzt hat. Aber gut, als traumatisierter Deutscher denkt man sich halt Keine Kriegszerstörung=Stadtbild ohne Kiste-- aber ist ja eigentlich der natürliche Verlauf einer Stadtentwicklung- leider.

  • Quote from "RMA"

    Wie sieht es denn mit dem Verhältnis Fachwerkbauten - Steinbauten im Altstadtkern aus? Deine Bilder erwecken den Eindruck, dass das Fachwerk doch sehr dominiert, und es wohl auch keine allzu fiesen Bausünden gibt. Ferner würde mich natürlich noch interessieren, was die ältesten Bauten im Altstadtkern sind, und ob man ein eigenes "Schweizer Fachwerk" abgrenzen kann? Die zu sehenden Konstruktionen (bei denen mir dein Haus mit seinem geschosshohen Ständer natürlich gleich ins Auge fiel) erinnern ja eher an die mittel- bis oberdeutsche Bautradition, die (witterungsbedingt?) steilen Dächer wirken sehr alt-nürnbergerisch... ;)


    Auf den Fachwerkbau in St. Gallen komme ich sicher mal zu sprechen, wollte es aber nicht gerade am Anfang dieser Galerie tun. Ich würde nicht sagen, dass der Fachwerkbau hier dominiert, sondern dass er zumindest mal auffällt. Die Altstadt zählt gut 400 Häuser, davon sind ca. zwei Drittel Fachwerkbauten, aber grösstenteils aus konstruktivem Fachwerk bestehend. An die 50 Sichtfachwerke sind restauriert.


    Ein "Schweizer Fachwerk" würde ich nicht abgrenzen, vielmehr hat sich im ganzen Bodenseeraum ein eigenständiges Fachwerk entwickelt, welches aus dem alemannischen Fachwerk hervorgegangen ist. Die ältesten Bauten stammen aus den Jahren nach dem letzten Stadtbrand 1418. Bei diesen handelt es sich um ganz typische alemannische Ständerbauten mit 30° geneigten Dächern, welche aber mehrfach verändert worden sind. Die Dächer waren damals mit Brettschindeln bedeckt. Bisher wurden schon vierzig Gebäude aus der Wiederaufbauphase entdeckt und dokumentiert.


    In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts wächst die Dachneigung auf bis zu 45° an, was mit dem Aufkommen der Ziegeleindeckung in Zusammenhang steht. Also besonders steil sind unsere Dächer nicht, wenn man St. Gallen mit Nürnberg oder gar Hessen vergleicht.


    Quote from "Brandmauer"

    Dieser Baubestand ist ausserhalb der Schweiz wohl am ehesten dem in Deutschland am Bodensee und Oberrhein (Lindau a.B., Konstanz, Freiburg i.Br.) und vor allem dem des Elsass ähnlich...


    Das stimmt (siehe oben), ausser beim Elsass muss man aufpassen. Ich weiss nicht, wie versiert Du in der Fachwerk-Kunstgeschichte bist. Im deutschen Sprachraum wird zwischen sächsischem, fränkischem und alemannischem Fachwerk unterschieden, wobei im 16./17. Jahrhundert eine Verschmelzung von fränkischem (Elsass, Hessen) und alemannischem (Bodensee, Nürnberg) Fachwerk stattfand. So verstehe ich, dass aus der Sicht eines Norddeutschen oder Niederländers die Fachwerke im Elsass und im Bodenseeraum sehr ähnlich aussehen.


    Quote from "Kindvon2dresdnern"

    ... dass man etliche Klötzchenhäuser ins Stadtbild gepflanzt hat. Aber gut, als traumatisierter Deutscher denkt man sich halt Keine Kriegszerstörung=Stadtbild ohne Kiste-- aber ist ja eigentlich der natürliche Verlauf einer Stadtentwicklung- leider.


    Das stimmt, und in den nächsten Jahren wird es noch betrübter aussehen! Wenn die Schuhschachteln, Kisten und Klötzchen bis anhin meist bei fünf bis sieben Geschossen aufhörten, so werden wir in bälde zwei weitere 14 Geschosser ertragen müssen. Was deine Wunschdefinition "Keine Kriegszerstörung=Stadtbild ohne Kiste" betrifft, kann man wenigstens sagen, dass dies für die Altstädte zutrifft. Aber ich denke, dass es da keine Unterschiede zwischen Schweizer und kriegsverschonten Deutschen Städten gibt. Eine "St. Galler Klötzchen Bilderserie" werde ich bestimmt mal einstellen, sogar mit Leoparden-Muster...

  • Quote

    Das stimmt (siehe oben), ausser beim Elsass muss man aufpassen. Ich weiss nicht, wie versiert Du in der Fachwerk-Kunstgeschichte bist. Im deutschen Sprachraum wird zwischen sächsischem, fränkischem und alemannischem Fachwerk unterschieden, wobei im 16./17. Jahrhundert eine Verschmelzung von fränkischem (Elsass, Hessen) und alemannischem (Bodensee, Nürnberg) Fachwerk stattfand. So verstehe ich, dass aus der Sicht eines Norddeutschen oder Niederländers die Fachwerke im Elsass und im Bodenseeraum sehr ähnlich aussehen.


    Danke fuer die Auskunft, Riegel! Nein, so gescheit war ich noch nicht in der Fachwerk-Kunstgeschichte. Fachwerkhaeuser wie auf Deinem Avatar, und auf den "Luftbildern" zu sehen, erinnern in der Tat auch an Nuernberg. Typisch bleibt dann, dass man in Nuernberg scheinbar schon von alters her alemannisches Fachwerk baute, wo man sich stammesmaessig doch in Mittelfranken befand, gar nicht auf alemannischem gebiet.

    VBI DOLOR IBI VIGILES

  • @ Riegel


    Sehr schöne Eindrücke. Auch mich haben einige Häuser spontan an Nürnberger Bauten erinnert.



    Quote

    Auf den Fachwerkbau in St. Gallen komme ich sicher mal zu sprechen, wollte es aber nicht gerade am Anfang dieser Galerie tun. Ich würde nicht sagen, dass der Fachwerkbau hier dominiert, sondern dass er zumindest mal auffällt. Die Altstadt zählt gut 400 Häuser, davon sind ca. zwei Drittel Fachwerkbauten, aber grösstenteils aus konstruktivem Fachwerk bestehend. An die 50 Sichtfachwerke sind restauriert.


    Gut 400 Häuser ist für eine Altstadt eher mittelgroß (Nürnberg dürfte ehedem etwa achtmal soviele Häuser gehabt haben). Welche Stadt verfügt denn gemessen an der Häuserzahl in der Schweiz über die größte Altstadt? Basel? Um 1500 ist diese Stadt ja fast in einer Reihe mit Augsburg, Straßburg, Ulm oder Nürnberg zu nennen - zumindest was die Buchproduktion angeht.



    Quote

    Das stimmt (siehe oben), ausser beim Elsass muss man aufpassen. Ich weiss nicht, wie versiert Du in der Fachwerk-Kunstgeschichte bist. Im deutschen Sprachraum wird zwischen sächsischem, fränkischem und alemannischem Fachwerk unterschieden, wobei im 16./17. Jahrhundert eine Verschmelzung von fränkischem (Elsass, Hessen) und alemannischem (Bodensee, Nürnberg) Fachwerk stattfand. So verstehe ich, dass aus der Sicht eines Norddeutschen oder Niederländers die Fachwerke im Elsass und im Bodenseeraum sehr ähnlich aussehen.


    Woher kommt denn eigentlich diese Einteilung, die sich sprachwissenschaftlicher Begriffe für verschiedene Fachwerkgebiete bedient, die von den tatsächlichen, begrifflich zugrundeliegenden Dialekträumen dann aber teilweise recht deutlich abweichen? Nürnberg liegt nämlich, wie Brandmauer schon bemerkt hat, gar nicht im schwäbisch-alemannischen Dialektgebiet, sondern im ostfränkischen, bestenfalls noch im nordbairischen. Im Elsass haben die Menschen dagegen noch bis vor kurzem Alemannisch gesprochen (bis auf einen rheinfränkischen Streifen im Norden und einige seit jeher französische Dörfer am Vogesenkamm und in der burgundischen Pforte).

    "Meistens belehrt uns der Verlust über den Wert der Dinge."
    Arthur Schopenhauer

  • Meines Wissens sind die Bezeichnungen des sächsischen und fränkischen, vor allem aber des alemannischem Fachwerks veraltet. Zumindest in den mir bekannten Standardwerken ist bereits seit Anfang der 90er Jahre eher die Rede von nieder-, mittel- und oberdeutschem Fachwerk.

  • Quote from "Georg Friedrich"

    Gut 400 Häuser ist für eine Altstadt eher mittelgroß (Nürnberg dürfte ehedem etwa achtmal soviele Häuser gehabt haben). Welche Stadt verfügt denn gemessen an der Häuserzahl in der Schweiz über die größte Altstadt? Basel? Um 1500 ist diese Stadt ja fast in einer Reihe mit Augsburg, Straßburg, Ulm oder Nürnberg zu nennen - zumindest was die Buchproduktion angeht.


    Ja, das dürfte Basel sein. Leider ist es schwierig, innert nützlicher Zeit Angaben über die Grösse und Bevölkerungszahl mittelalterlicher Altstädte der Schweiz zu finden, obwohl vortreffliche Literatur existiert, und die Schweiz eigentlich ein leicht überschaubares Land ist. Ein Buch über die mittelalterlichen Stadtmauern der Schweiz zeigt aber Stadtgrundrisspläne, welche sich gut miteinander vergleichen lassen, und daraus habe ich mal grob eine Liste der grösseren Altstädte zusammengestellt. Ich habe dabei berücksichtigt, dass die Städte wirklich auch dicht bebaut waren, was für alle grösseren Städte eh zutraf:


    1. Basel war die grösste Stadt mit 25 Hektaren
    2. Zürich und Bern waren minim kleiner
    3. Genf
    4. Lausanne, Luzern, Schaffhausen und Winterthur waren etwa gleich gross wie St. Gallen (St. Gallen hat(te) einen birnenförmigen Grundriss von ca. 650 x 400 m, etwa 450 Häuser innerhalb der Stadtmauer, und zählte etwa 8000 Einwohner, wovon gut die Hälfte innerhalb der Stadtmauer wohnte)
    5. dann folgen Fribourg und Bellinzona, welche wohl gleich gross wie die Altstädte der vorangehenden Gruppe waren, aber grosse Freiflächen innerhalb der Stadtmauern bis ins 19. Jh. aufwiesen.


    Sicher ist es schwierig, diese Liste nun mit deutschen Städten zu vergleichen, aber sie soll mal erste Anhaltspunkte liefern. Als die nächstgelegenen deutschen Städte würde ich Konstanz der 3. Gruppe einordnen, und Lindau der 5. Gruppe.




    Quote from "Brandmauer"

    Typisch bleibt dann, dass man in Nuernberg scheinbar schon von alters her alemannisches Fachwerk baute, wo man sich stammesmaessig doch in Mittelfranken befand, gar nicht auf alemannischem gebiet.


    Quote from "Georg Friedrich"

    Woher kommt denn eigentlich diese Einteilung, die sich sprachwissenschaftlicher Begriffe für verschiedene Fachwerkgebiete bedient, die von den tatsächlichen, begrifflich zugrundeliegenden Dialekträumen dann aber teilweise recht deutlich abweichen? Nürnberg liegt nämlich, wie Brandmauer schon bemerkt hat, gar nicht im schwäbisch-alemannischen Dialektgebiet, sondern im ostfränkischen, bestenfalls noch im nordbairischen.


    Quote from "RMA"

    Meines Wissens sind die Bezeichnungen des sächsischen und fränkischen, vor allem aber des alemannischem Fachwerks veraltet. Zumindest in den mir bekannten Standardwerken ist bereits seit Anfang der 90er Jahre eher die Rede von nieder-, mittel- und oberdeutschem Fachwerk.


    Die geographische Einteilung des Fachwerks in sächsisches, fränkisches und alemannisches Fachwerk geht auf die Frühzeit seiner Erforschung ins späte 19. Jahrhundert zurück. Ob diese Benennung Carl Schäfer (1844-1905) schuf, weiss ich nicht, aber als Pionier hat er diese bereits verwendet. Ob sich die moderne Einteilung in nieder-, mittel- und oberdeutsches Fachwerk durchsetzt, wage ich zu bezweifeln, denn sie ist dadurch nicht präziser, und berücksichtigt auch nicht, dass es im Elsass, in der Schweiz und in Österreich (Vorarlberg) auch Fachwerk gibt.


    Neben der geographischen Einteilung gibt es auch noch die zeitliche Einteilung in Fachwerk des Mittelalters, der Übergangszeit und der Beharrungszeit. Diese Epochen decken sich nicht mit den Stilepochen. Man könnte ein Buch schreiben nur über Einteilungen, aber eigentlich sollte hier eine Galerie über St. Gallen entstehen...


    Die Bewandtnis, dass in Nürnberg alemannisches Fachwerk vorherrscht, obwohl dort nicht schwäbisch-alemannischer Dialekt gesprochen wird, möchte ich mit einem Zitat von G. Ulrich Grossmann aus "Der spätmittelalterliche Fachwerkbau in Hessen" aus einem anderen Zusammenhang ergänzen. Auch wenn dieses darauf keine abschliessende Antwort gibt, spricht es denselben Widerspruch an:


    Quote

    Die "fränkische" Hofanlage des 17. und 18. Jh. und das "Niedersachsenhaus" dieser Zeit haben wohl kaum etwas mit den Franken oder Sachsen zu tun, die ein Jahrtausend zuvor dasselbe Gebiet bevölkerten.

  • Quote

    Ob sich die moderne Einteilung in nieder-, mittel- und oberdeutsches Fachwerk durchsetzt, wage ich zu bezweifeln, denn sie ist dadurch nicht präziser, und berücksichtigt auch nicht, dass es im Elsass, in der Schweiz und in Österreich (Vorarlberg) auch Fachwerk gibt.


    Ich glaube, dass die Einteilung nicht modern ist, sondern auf kulturgeschichtlichen Zusammenhaenge zielt. So gesehen gehoeren diese Gebiete doch zum Oberdeutschen Raum. Wenn es modern gemeint waere, hiess es aber "sueddeutsches Fachwerk", und dann waere nur das Fachwerk im heutigen Sueddeutschland gemeint.
    So gesehen lassen sich sehr wohl auch niederdeutsches und mitteldeutsches Fachwerk unterscheiden. niederdeutsches Fachwerk gibt es vom Teutoburger Wald bis in die Speicherviertel der Hansestaedte in Preussen (von Tecklenburg-Osnabrueck bis ins ehem. Koenigsberg) Mitteldeutsches Fachwerk gibt es im Egerland, in Thueringen, bis hin zu einzelnen Haeusern im Osten Belgiens (Eupen-Malmedy und Hasselt im Belgischen Limburg) Die Einteilung scheint mir sehr sinnvoll zu sein!
    Uebrigens wurden auch in niederlaendischen Staedten wie Amsterdam die Haeuser bis mindestens zur 1. Haelfte des 17. Jh. als tragende Holzkonstruktionen gebaut, die dann vermauert wurden. Das Backsteinmauerwerk solcher Haeuser begann beim Giebel erst beim 1. OG., und es stand auf einer hoelzernen Diele, die viel Raum fuer Tueren und Fenster liess. Wie dieses Holzwerk zu klassifizieren ist weiss ich nicht, es muesste aber dem niederdeutschen Fachwerk nahestehen.

    VBI DOLOR IBI VIGILES

  • Da die Diskussion über die Benennung der geographischen Einteilung von Fachwerk sicher von allgemeinem Interesse ist, und nicht St. Gallen im speziellen betrifft, habe ich mir erlaubt, die entsprechenden Beiträge ab dem 16.1.2008 in den Themenstrang "Allgemeines zum Thema Fachwerk" zu kopieren. Ich bitte daher alle, die Diskussion dort fortzusetzen, und nicht mehr hier.


    Ich war dafür gestern auf Phototour von meinem Haus bis zum Kloster und wieder zurück. Die Bearbeitung der Photos braucht aber noch ihre Zeit. Ich kann Euch aber jetzt schon verraten, dass ich fast verzweifelt bin ab der schlechten Behandlung der Platz- und Gassenräume...

  • Eigentlich müsste ich diese Galerie mit einer Vorstellung der Stiftskirche und der zugehörigen Stiftsbibliothek beginnen, denn der über 1000 Jahre bestehenden Benediktinerabtei verdankt St. Gallen seinen Ursprung und seine Berühmtheit. 1983 fand der Stiftsbezirk Aufnahme in die Liste der Unesco-Weltkulturgüter, gleichzeitig mit dem Kloster St. Johann in Müstair und der Berner Altstadt. Durch weitere Aufnahmen umfasst die Schweiz heute insgesamt sieben Weltkultur- und Weltnaturerbe. Im Rahmen dieses Forums möchte ich aber in erster Linie die Stadt an sich näher bringen.


    Nachdem der Schnee diesen Winter mehr oder weniger ausgeblieben ist, habe ich mich Ende Januar trotzdem mal auf eine erste Phototour aufgemacht. Dabei wären Winterbilder so schön gewesen... Als Trost aber eine Nachricht mit Bild auf einer Internet-Nachrichtenseite kurz vor Ostern: "... Knüppeldick kam es 2004, als am 24. März in St. Gallen 92 Zentimeter Neuschnee lagen." Ein halber Meter Schnee ist hier nichts Aussergewöhnliches, aber lädt immer wieder zu Phototouren ein. Der tiefe Sonnenstand ist nicht gerade ideal zum photographieren, speziell in einer engbebauten Altstadt, aber ich wollte nicht unbedingt mit Bildern vom Sommer aufwarten.


    Beim Betrachten der Bilder bin ich mir einmal mehr bewusst geworden, wie schlecht es um die Gestaltung der Gassen- und Platzräume steht. Allzu oft übersieht das Auge scheinbar nebensächliche Elemente, wenn es von den schönen Fassaden geblendet wird. Auf den Photos, welche die Altstadt nicht im Sonnenlicht zeigen, fällt dies besonders auf. Wenigstens ist die ganze Altstadt ziemlich verkehrsberuhigt, was einen Stadtbummel trotzdem immer wieder zu einem Erlebnis macht.




    Um die topographische und städtebauliche Eigenartigkeit der Stadt zu verstehen, lohnt sich ein Blick auf zwei Grafiken:



    schwarz = Kloster und Stadt vom 10. bis 14. Jh., gestrichelt = Stadterweiterung ab E. 14. Jh., grau = heutige Bebauung, Äquidistanz der Höhenkurven = 20m (Grafik: Riegel)


    Anhand der Höhenkurven erkennt man, dass das Stadtgebiet in einst sehr unwegsames Gelände eingebettet ist. Im Norden wird das Tal vom Rosenberg, und im Süden vom Freudenberg und der Bernegg begrenzt. Quer in der Talsohle liegt die Altstadt, welche bis unmittelbar an beide Hangfüsse reicht. Alle Hauptverkehrsadern führten entweder durch die Altstadt, oder hart an ihr vorbei, bis 1987 die Autobahn eine Entlastung brachte. Die Hänge sind ein bevorzugtes Wohnquartier mit vielen Villen und freistehenden Mehrfamilienhäuser (Historismus, Jugendstil), sodass dort der Schleichverkehr unterbunden worden ist.


    Seit Jahrhunderten war die Erreichbarkeit der Stadt mit Strapazen verbunden. Im Westen (Richtung Zürich) schuf die Sitter einen bis zu hundert Meter tiefen Einschnitt, sodass dort eine einzigartige Brückenlandschaft entstanden ist. St. Gallen ist deshalb eine der brückenreichsten Städte der Schweiz. Just heute vor 152 Jahren (der 24. März 1856 war auch ein Ostermontag!) wurde die Eisenbahnlinie nach St. Gallen eröffnet, was eine enorme Blüte der Stadt einläutete. Die Wege Richtung Osten (Alpenrheintal) sind von sehr hügeligem Gelände und tiefen, teils schluchtartigen Einschnitten geprägt. Einzig die Verbindung nach Nordosten (Bodensee, Konstanz) war weniger beschwerlich.



    Die erste Eisenbahnbrücke über die Sitter, 63 m hoch, 1856 fertig gestellt. Erstmals auf dem Kontinent wurden hier Pfeiler aus gusseisernen Elementen aufgebaut. Die horizontalen Träger wurden "an Land" vormontiert, und anschliessend auf Leergerüsten an ihren Platz gezogen und befestigt. (Abb. aus: W. Stadelmann, "St. Galler Brücken", Verlagsgemeinschaft St. Gallen, 1987)


    Während der Autoverkehr in der Stadt mehr oder weniger gelöst ist, verursacht der öffentliche Verkehr immer noch eine Entzweischneidung der Altstadt. Diese Zäsur deckt sich zwar mit der historischen Trennung der ursprünglichen Altstadt und der nördlichen Stadterweiterung, bildet aber für letztere einen immensen Nachteil. Hier befand sich bis 1877 das Rathaus, welches damals abgebrochen wurde, und bis heute tut sich die Bauverwaltung schwer mit der Lösung dieses "Platzproblems".




    .
    links: schematischer Stadtgrundriss von St. Gallen vom 10. bis 14. Jh. (Grafik: Riegel); rechts: schematische Darstellung Jerusalems in einer Passionsgeschichte des 12. Jh. in der Landesbibliothek Stuttgart (zum Vergleich auf dem Kopf dargestellt)


    Dieses Schema entstammt einer Studiumsabschlussarbeit über das "Stadtmauererlebnis im heutigen Stadtbild". Es zeigt die Anlage der ersten Stadtmauer, welche der Abt 954 um das Kloster und die Siedlung als "Fluchtburg" errichten liess. Dabei dürfte der grösste Teil der Fläche innerhalb noch unbebaut geblieben sein. Ob diese Mauer bereits die ganze heutige, obere Altstadt umfasste, ist bis heute ungeklärt (St. Gallen gilt leider als "archäologisches Neandertal" der Schweiz). Jedenfalls fällt die durchgehende Verbindung Multergasse - Spisergasse als externe Erschliessungsaxe auf, während die Verbindung des Klosters mit der weiterhin ausserhalb der Stadtmauer liegenden Memorial- und Wallfahrtskirche St. Mangen die interne Erschliessungsaxe bildete, an welcher sich auch der Markt und das Rathaus etablierten.


    Bei der Besprechung der Arbeit mit dem Professor legte dieser eine Darstellung Jerusalems daneben, mit dem Tempelberg innerhalb der kreisrunden Stadtmauer sowie dem Ölberg ausserhalb, und war verblüfft über die weitgehende Übereinstimmung beider Darstellungen. Es ist aber eher unwahrscheinlich, dass St. Gallen planmässig angelegt worden ist, auch wenn die Strassenanlage an einen "Cardo" und "Decumanus" aus dem römischen Städtebau erinnert.


    Von der baulichen Entwicklung der Stadt bis ins 16. Jahrhundert ist recht wenig bekannt. Auch wenn der in der Stiftsbibliothek behütete Klosterplan von 820 das weltweite Interesse der Forscher weckt, stellt dieser lediglich einen Idealplan einer benediktinischen Klosteranlage dar. Erst ab 1545 sind wir mit der ältesten Darstellung der Stadt verlässlich unterrichtet.




    Doch nun mal zu einem ersten Rundgang durch die Altstadt:



    Radierung von M. Merian, 1638, mit Darstellung der Stadt von Osten


    Der Rundgang beginnt rechts neben der St. Mangenkirche in der nördlichen Stadterweiterung, führt dann entlang der Magnihalden und Marktgasse (Nord-Süd-Axe) nach der Überquerung des Marktplatzes bis zum Kloster hinauf. Von dort aus geht es weiter auf den Gallusplatz, wo der vorstädtische Siedlungskern vermutet wird. Durch parallel verlaufende Gassen führt der Rundgang zurück zum Ausgangspunkt.




    Aussicht vom nördlichen Klosterturm über die Altstadt Richtung Norden


    Auch hier ist der Rundgang, ausgehend von der St. Mangenkirche im Hintergrund, eingezeichnet, allerdings nur der Teil bis zum Kloster hin. Im Vordergrund die St. Laurenzenkirche. Der ehemalige Stadtmauerverlauf der Kernstadt und der nördlichen Erweiterung ist grün eingezeichnet.





    1


    Von der St. Mangenkirche, deren spätromanischer Kern kaum mehr erkennbar ist, habe ich gerade kein brauchbares Bild zur Hand. Deshalb ein erster Blick die Magnihalden hinab über den Marktplatz in die Marktgasse. Dieser Blick war bis 1877 durch das Rathaus mit seinen Nebenbauten und Türmen verstellt.





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    Der Vergleich mit einer Radierung von ca. 1790 von J.C. Mayr gibt einen guten Eindruck des spätmittelalterlichen St. Gallen mit seinen vielen Fachwerkbauten wieder. Die Häuserzeile links verschwand infolge diverser Neubauten zwischen 1860 und 1958 vollständig, während die Zeile rechts beinahe vollständig erhalten ist. Die beiden Häuser rechts brannten 1830 zusammen mit vier weiteren Bauten ab. Es handelte sich um den ersten Grossbrand seit dem letzten Stadtbrand von 1418. Aus diesem Grunde existieren heute noch zahlreiche Bauten mit einem Kern aus dem frühen 15. Jahrhundert.


    Der Zugang zur Marktgasse führte durch das Irertor, welches nach der nördlichen Stadterweiterung samt des nun innen liegenden Stadtmauerabschnittes erhalten blieb (siehe auch Bild 10). Der Einschnitt des Irabachs vor der Stadtmauer wurde überwölbt und weitere öffentliche Bauten wie Kornhaus, Metzg (Fachwerkhaus in der Bildmitte), Zeughaus und Waaghaus überbaut. Der Treppengiebel und die geschweiften Giebel rechts des Tors gehörten zum Rathaus. Alle diese öffentlichen Bauten, mit Ausnahme des Waaghauses, wurden innert zweier Jahrzehnte ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ersatzlos abgebrochen, sodass heute noch eine grosse orientierungslose Freifläche, Marktplatz und Bohl, das Stadtzentrum markiert.





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    Vom selben Standort der Blick zurück die Goliathgasse hinunter. Einst war es die Gasse, welche den Verkehr aus der Stadt Richtung Konstanz führte. Heute ist sie eine tote Gasse, obwohl sie an zentralster Lage liegt, und nach dem Willen des Stadtrates soll sie noch weiter verkehrsberuhigt werden... Das Fachwerkhaus links ist das älteste bisher datierte Haus des Quartiers und hat einen Kern aus dem Jahr 1423.





    4


    Die Häuserzeile bei der Einmündung der Goliathgasse und Magnihalden in den Marktplatz zeigt typische einfache Bürgerhäuser der Spätgotik. Bei allen schlummert Fachwerk unter dem Verputz, und über der Dachtraufe sitzen später zu Wohnzwecken ausgebaute Aufzuggiebel.





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    Die Fortsetzung der Zeile bildet die nördliche Begrenzung des Marktplatzes. Leider erfuhr diese in den Fünfzigerjahren eine empfindliche Einbusse durch den Abbruch von fünf schmalen Häusern, aber immerhin zeigt die Fassade des Nachfolgebaus wieder eine Teilung in fünf Abschnitte, welche zudem in der Höhe gestaffelt sind und einen Dachvorsprung besitzen - alles Elemente, welche heute keine Selbstverständlichkeit mehr sind!





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    Die letzte Neugestaltung erfuhr der Marktplatz ca. 1950. Damals entstand die Marktrondelle, der einzige Identifikationspunkt auf dem ganzen Marktplatz. Doch ihre ursprüngliche Ausstrahlung wird je länger desto mehr durch Vorbauten von Imbissbuden geschmälert.





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    Die Südseite des Marktplatzes wird durch Bauten der Dreissigerjahre bestimmt. Wenigstens zeichnen diese immer noch den Verlauf der einstigen Stadtmauer nach. Der Würfel mit der gelben Fläche ist übrigens der Bauverwaltung neuester Streich...





    8. 9


    Diese wollte nämlich den Marktplatz mit sieben bis neun solcher Marktstände beehren, sprich aufwerten... Die einzige positive Reaktion kam nur vom Gemüsestandbetreiber... Wenn man bedenkt, dass die Öffnungszeiten nicht 24 Stunden im Tag und sieben Tage die Woche dauern, und vor was für einer Tristesse der Bürger zum Glück verschont worden ist...


    "Klipp-Klapp" heisst übrigens dieses (Un-)ding.


    Im Gegenzug kommt das Ladengewerbe mit der Forderung einer mehrgeschossigen Tiefgarage unter dem Marktplatz, obwohl in unmittelbarer Nähe rund um die Altstadt 2000 Tiefgaragen-Parkplätze verteilt sind, und mit Leichtigkeit freie Plätze zu ergattern sind.


    In diesem Spannungsfeld - stadtfremde und bürgerfremde Bauverwaltung versus parkplatzsüchtiges Gewerbe - befindet sich die Stadt seit langem, und so ist es nicht verwunderlich, dass die Stadt im Zentrum seit über hundert Jahren keinen Identifikationspunkt mehr besitzt.
    Oh Welterbestadt, und doch so Kleinstadt...





    10


    Den westlichen Abschluss des Marktplatzes bildet der Blumenmarkt (er heisst nur noch so...) mit dem Gebäude rechts mit der gerasterten Fassade, einem Fünfzigerjahre-Bau, welchem man kürzlich eine denkmalpflegekonforme Renovation angedeihen liess. Die südliche Zeile verläuft immer noch auf den Fundamenten des ehemaligen Stadtmauerabschnitts, welcher bei der Stadterweiterung innerhalb der Befestigung zu liegen kam. Mit Ausnahme des gelben Hauses und seinem rechten Nachbar sind die meisten der an die Mauer angebauten Häuser aus spätgotischer Zeit erst zwischen 1930 und 1960 gefallen. Städtebaulich bedeutsam ist es aber, dass wenigstens die kreisrunde Form der Altstadtbegrenzung (hier durch den Panoramablick übertrieben) noch erlebbar ist.





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    Nach dem Einbiegen in die Marktgasse nochmals ein Blick zurück in die Goliathgasse, wo man im Hintergrund die St. Mangenkirche sieht. Die Kreuzung mit dem Marktplatz und Bohl ist der Mittelpunkt der Stadt, welcher leider zu stark vom öffentlichen Verkehr in Anspruch genommen wird, und nur an wenig Orten zum Verweilen einlädt.





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    Die Marktgasse verengt sich trichterförmig vom Marktplatz aus in Richtung der Klostertürme. Einst war sie der Markt, aber seit dem Abbruch des Rathauses war hier kein geschlossener Platz mehr. Heute steht hier das Vadian-Denkmal, errichtet in Erinnerung an den früheren Bürgermeister, Stadtarzt und Reformator Joachim von Watt. Er führte die Stadt 1529 zum reformierten Glauben, was dann zu langwierigen Differenzen mit dem Kloster führte.


    Links vom Denkmal schaut der Turm der reformierten Stadtkirche St. Laurenzen hervor. Es ist bezeichnend, das der Reformator in Richtung des katholischen Klosters schaut, denn eine ähnliche Situation hatte der Abt schon mit dem Bau der barocken Klosterkirche geschaffen, indem er eine Marienskulptur demonstrativ über die Klostermauer hinweg auf die reformierte Stadt blicken liess.





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    Weiter oben zieren drei reich geschnitzte Holzerker die Fassaden. Solche sind in St. Gallen sehr häufig,
    und zeugen von einer Blüte der Stadt im 17. Jahrhundert.





    14


    Der Blick in entgegengesetzter Richtung vermittelt ein ganz anderes Bild der Marktgasse, indem hier die Ausweitung von der Gasse zum Platz wahrgenommen wird.





    15
    Photographie J.U. Locher, St, Gallen, ca. 1870


    Dieselbe Ansicht vor der Niederlegung des historischen Rathauses von 1564. Ganz im Hintergrund der Turm der St. Mangenkirche, sowie die beiden gelb und beige gestrichenen Häuser aus Bild 4 und 11. Rund zehn Jahre vor dem Rathaus fiel bereits das Irertor, welches zuunterst in der Gassenlücke stand, und die obere und untere Altstadt miteinander verband (vgl. Bild 2)





    16


    Die Kreuzung der Marktgasse mit der Multer- und Spisergasse, also der beiden Hauptaxen, wird von sehr unterschiedlichen Gebäuden geprägt. Die Wichtigkeit dieses Ortes unterstreicht nur ein kleines Plätzchen, welches erst nach dem Abbruch der "Brotlaube", dem lediglich auf Pfeiler stehenden Zunfthaus der Bäcker, 1873 entstanden war. Möglicherweise war hier der erste Standort des Rathauses vor der Stadterweiterung.





    17


    Die Multergasse ist die wichtigste Einkaufsstrasse. An ihr stehen einige Geschäftshäuser mit bemerkenswerten Jugendstilfassaden.





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    Multergasse Nr. 10 von 1908 (links) und Nr. 8 von 1900 (rechts). Letztere, heute mit leider entferntem Erker in Eisenkonstruktion und geätzten Zierverglasungen, läutete die Phase mit zahlreichen Jugendstil-Geschäftsbauten ein.





    19


    Die parallel zu Multergasse verlaufende Schmiedgasse hat ihr gotisches Gepräge weitgehend behalten. Als Kern des rechten Fachwerkhauses erkennt man eine zweigeschossige Ständerkonstruktion mit Fuss- und Kopfbändern, welche aus der Wiederaufbauphase nach dem Stadtbrand von 1418 stammen dürfte. Im 17. Jahrhundert wurde das Haus aufgestockt, und die ursprünglichen Bohlenausfachungen durch ausgemauertes Fachwerk ersetzt.





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    An der Schmiedgasse befindet sich am Haus "zum Pelikan" einer der bedeutendsten Erker. Auf Erdgeschosshöhe
    scheinen zwei den Erker unterstützende, bugartige Halbfiguren nach zwei wegflatternden Vögel zu greifen.





    21


    Nach dem Zurückbiegen in die Marktgasse erreicht man die St. Laurenzenkirche. Sie überstand den Stadtbrand von 1418 als Rohbau, erhielt aber nach diversen Planänderungen und Anbauten ein eher scheunenhaftes Aussehen, weshalb sie nach 1850 einem gründlichen Umbau in neugotischem Stil unterzogen wurde. Ihrem äusserst sehenswerten Innenraum statte ich auf dem Rückweg einen Besuch ab.


    Neben ihr beginnt der Klosterbezirk, welcher nach der Reformation durch eine neun Meter hohe Schiedmauer von der Stadt abgetrennt wurde. Diese Mauer ist auf der Radierung von Merian (siehe oben) gut erkennbar, und wurde erst kurz nach der Aufhebung des Klosters 1805 teilweise wieder abgebrochen.


    Während die Berliner-Mauer nur knapp drei Jahrzehnte Bestand hatte, teilte die St. Galler Klostermauer knapp drei Jahrhunderte die Stadt!





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    Nach der Enge der Marktgasse überrascht die enorme Weite des Klosterhofs (die Marktgasse mündet hinter der linken Kapelle auf den Hof). Die den Klosterhof abschliessende Pfalz war die Residenz des Fürstabts, welcher über ein Gebiet mit rund 50 Kilometer Ausdehnung vom Bodensee bis Wil, sowie einige hundert Besitztümer bis weit nach Mitteldeutschland hinauf, regierte.





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    Ein Stadtredaktor beschrieb die Klosterkirche nach deren 1967 abgeschlossenen Innenrestaurierung als "Riesenschmuckkasten Gottes". Ihr Bau dauerte im Wesentlichen von 1755 bis 1767.





    24


    Obwohl der Grundriss der Klosterkirche höchst einfach gehalten ist, ergeben sich immer wieder neue Durch- und Aufblicke, wie hier im Seitenschiff um den zentralen Kuppelraum.





    25


    Der klassizistische Hauptaltar stammt erst von 1810, also aus der Zeit nach der Klosteraufhebung, denn ein definitiver barocker Hauptaltar kam nie zur Ausführung.





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    Ein "Volksaltar" wurde erst mit der letzten Innenrestaurierung vor dem Chorgitter geschaffen, und fügt sich hervorragend ein. Doch neuerdings hört man Stimmen, dass hier etwas geändert werden soll. Ich ahne nur Ungutes...





    27


    Der Chorraum ist Besuchern nicht zugänglich, wird aber bei Gottesdiensten an hohen Feiertagen geöffnet. Im Hintergrund ist das linke Chorgestühl mit einer Orgel darüber sichtbar, und daneben einer der beiden Thronsitze für den Abt und den Dekan (heute für den Bischof und den Zelebrant).





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    Nach dem Verlassen der Klosterkirche befinden wir uns wieder in der verwinkelten Altstadt. Eigentlich wäre jetzt ein Besuch in der Stiftsbibliothek die obligatorische Fortsetzung, doch ihr möchte ich später einen eigenen Beitrag widmen, wie ich auch der Klosterkirche einen zweiten Besuch abstatten werde.


    Die Fortsetzung des Rundgangs durch die Altstadt wird bald folgen.

  • 29


    Der Gallusplatz, westlich der Klosteranlage gelegen, ist wahrscheinlich der Kern der vor-städtischen Siedlungsentwicklung. Sein Grundriss mit einer offenen Bebauung zeigt bis heute eher einen dörflichen oder kleinstädtischen Charakter als einen geschlossenen städtischen Platz.





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    Das Haus "zur Linde" ist aus zwei Bohlenständerbauten des frühen 15. Jahrhunderts entstanden, als diese nach der Zusammenfassung 1567 (oder 1576) ein gemeinsames 3. Obergeschoss erhielten. Es ist eines der wenigen giebelständigen Häuser der Stadt, und hat diese Position nur als Kopfbau einer Häuserzeile erhalten. Von der Grundrissdisposition und der Konstruktion her ist es aber eindeutig zur ansteigenden Gasse ausgerichtet. In der ganzen Altstadt ist die Traufständigkeit der Häuser die Regel.





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    Die meisten Häuserzeilen grenzen an grosse, besonnte Innenhöfe, weshalb die Altstadt eine gute Durchmischung von Gewerbe und Wohnungen hat. Das Haus "zum Strauss" besteht aus vier Hauptbauetappen des 15. bis frühen 17. Jahrhunderts, und ist kürzlich restauriert worden. Das lebendige Bild der Fassaden widerspiegelt die auch im Innern sorgfältig restaurierte Bausubstanz. Überhaupt ist St. Gallen relativ glimpflich von rigorosen Auskernungsmassnahmen verschont worden.





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    Die östliche Seite des Gallusplatzes wurde von 1566 bis 1809 von der neun Meter hohen Klostermauer abgeschlossen. Sogar der barocke Westchor der Kathedrale und das Stiftsbibliothekgebäude (rechts) standen hart an dieser Mauer, weshalb ihre Fassaden sehr einfach gehalten wurden.





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    Im Giebel der Westapsis steht eine Madonna-Statue auf einer Weltkugel (Immakulata), und blickt über die Klostermauer hinweg auf die protestantische Stadt. War es eine Provokation des Abtes gegenüber der Stadt, oder gehörte sie einfach zum Programm des Figurenschmucks um die ganze Klosterkirche?






    Am Weg vom Gallusplatz zur St. Laurenzenkirche, gegenüber dem weitläufigen Klosterhof, steht das "Blaue Haus", ein Fachwerkbau von 1575 mit zwei Eckerkern. Im späten 16. Jahrhundert waren solche Eckerker und -türme bei Wohnbauten sehr in Mode gekommen, und wurden dann im 17. und 18. Jahrhundert durch die zahlreichen Kastenerker abgelöst.





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    Vom "Blauen Haus" öffnet sich ein Blick durch die Rosengasse zur Schmidgasse hinunter. Schöne, durchgehende Bodenbeläge muss man in St. Gallen leider suchen, dafür haben wir "wunderschöne" Normhängelampen und Gassenschilder. Es ist überhaupt eine Krankheit dieser Stadt, wie der Luftraum der Gassen mit allerhand Zeugs verhangen wird! Hier in der Rosengasse ist es aber gerade noch erträglich...





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    Zwei typische, spätgotische Fachwerkbauten an der Gallusstrasse. Rot und grau sind seit je her die typischen Farben der Balken, seltener auch blau. Jüngst wurde auch eine Ockerfassung entdeckt.





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    Auch die beiden Häuser links von ihnen weisen Fachwerk unter dem Verputz auf. Im 19. Jahrhundert wurden sie aber aufgestockt und ihre Fensterdisposition verändert, sodass vom ursprünglichen Sichtfachwerk nur noch Teile davon erhalten sind. Dies war übrigens beim grauen Fachwerkhaus auch der Fall, und bei der Restaurierung vor zwanzig Jahren wurde die Fensterteilung "regotisiert", aber absolut nicht nach Befunden. Zudem wurde das Haus im Innern restlos ausgehölt!





    37


    Zurück an der Marktgasse, stehen wir vor dem Hauptportal der St. Laurenzenkirche. Wie der Klosterkirche werde ich auch ihr einmal einen eigenen Beitrag widmen. Sie ist ein interessantes Beispiel von Denkmalpflege im 19. Jahrhundert, und von einer Rekonstruktion einer Innenfassung vor 30 Jahren, welche im 19. Jahrhundert nur Projekt geblieben ist.


    38


    Für einen protestantischen Kirchenraum ist die Fassung ungewöhnlich farbig und reich! Der heutige Kirchenbau wurde 1413 begonnen, und nach mehreren Planänderungen und Anbauten entstand schliesslich eine fünfschiffige Hallenkirche mit einem scheunenähnlichen Dach. Nach 1850 wurde sie einem umfassenden Umbau in neugotischem Stil unterzogen.





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    Uralter Witz: wisst ihr, weshalb die St. Laurenzenkirche ein farbiges Dach hat?
    Damit es nicht hineinregnet...





    40


    Die Zeughausgasse hiess früher "Hinter Mauren", weil sie der Klostermauer, von welcher hier noch ein Teilstück existiert (rechts angeschnitten), entlang führt. Klösterliche Ruhe ist da noch erlebbar, weshalb hier ein besonders hoher Wohnanteil herrscht, obwohl die Häuser im Hintergrund an einer der wichtigsten Einkaufsgassen, der Spisergasse, liegen.





    41


    Die Spisergasse ist eine der reizvollsten Gassen. Ihr S-förmiger Verlauf, viele erhaltene historische Bauten, oft mit Erkern versehen, geben ihr einen unverwechselbaren Charme.





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    Die Löwengasse ist eine kurze Verbindungsgasse von der Kugelgasse zur Brühlgasse. Auf engstem Raum sind hier spätgotische, klassizistische, historistische, 60er-Jahre und postmoderne Bauten vereint.





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    Die Kugelgasse, mit Blick zum St. Laurenzenturm, ist eines der vielen Postkartenmotive. Die Häuser "zur Kugel" und "zum Schwanen" besitzen besonders reich geschnitzte Erker aus dem Ende des 17. Jahrhunderts.





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    Die entgegengesetzte Richtung vermittelt ein nüchterneres Bild, obwohl die gesamte historische Bausubstanz der Kugelgasse überdauert hat. Sobald aber ein Fremdkörper in den Mittelpunkt rückt, ist die ganze Stimmung dahin.





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    Oft erheischt man durch offene Fenster auch im Innern sorgfältig restaurierte Räume...





    46


    Zuunterst mündet die Kugelgasse in den Bohl, welcher mit dem Marktplatz zusammen den Bereich zwischen den beiden Altstadtteilen einnimmt. Obwohl in den letzten Jahren krampfhaft versucht worden ist, diesen Platz aufzuwerten, besitzt er absolut keine urbane Verweilqualitäten.





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    So ist es ratsam, wieder ins Häuser- und Gassengewirr der nördlichen Altstadt unterzutauchen. An der Katharinengasse liegt das ehemalige Frauenkloster St. Katharina, welches in der Reformation aufgehoben wurde. Seine Gebäulichkeiten nahmen in der Folge diverse städtische Nutzungen wie Gymnasium, Bibliothek und Museum auf. Alle diese Institutionen existieren heute noch, sind aber an andern Orten untergebracht.





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    Das Herzstück des Klosters bildet der spätgotische Kreuzgang, welcher von 1504 bis 1507 errichtet worden ist. Die Ruhe im Hof ist unglaublich, obwohl er sich mitten im Stadtzentrum befindet. Die zugehörige Kirche aus dem 14. Jahrhundert ist nicht zugänglich, und besitzt eine Innenausstattung des 19. Jahrhunderts, welche demnächst restauriert werden soll. Ihre Kernsubstanz ist bis heute noch unerforscht!





    49


    Die nördliche Altstadt, das "St. Mangenquartier", besitzt ausserordentliche Wohnqualitäten, auch wenn es bei den älteren Stadtbewohnern lange einen schlechten Ruf hatte: bis um 1800 war es die "mindere Stadt", wo vorwiegend Handwerker und Arbeiter wohnten; in den 60er Jahren hatte hier die Rockerszene ihre Lokale, und in den 80er Jahren erreichte die Drogenszene das Quartier.




    50


    Durch zahlreiche Gebäudesanierungen und damit einer optischen Aufwertung hat das Quartier diese Zeiten glücklicherweise überstanden!





    51


    Am tiefsten Punkt der Altstadt erreicht man die Goliathgasse, durch welche einst der Irabach floss. Hinter ihr steigen die Häuserreihen wieder an, da hier der Hügel beginnt, auf welchem die Vorgängerin der heutigen St. Mangenkirche seit dem 9. Jahrhundert den Kernpunkt des Quartiers bildet.





    52


    Bis 1867 befand sich hier das Platztor, und hinter ihm die Landstrasse nach Konstanz. Der aktuelle Anblick versetzt einen eher in ostdeutsche Städte; durch teilweise verkehrsbedingte Abbrüche seit 1977 bis letztes Jahr (!) ist hier eine unwirtliche, brachliegende Leere entstanden. Seit 31 Jahren hat es die Stadt nicht geschafft, mindestens Ideen für eine zukünftige Wiederbebauung zu initiieren! Die Gasse selbst, immerhin einer der einst wichtigsten Ein- und Ausgänge der ummauerten Stadt, wird heute durch Parkplätze, eine Rabatte, Littfassäule, Treppenabgang in eine Personenunterführung und einen Baum versperrt.





    53


    Beim Platztor endet auch die Magnihalden, an welcher der Rundgang begonnen hat. Sie steigt steil zur St. Mangenkirche empor, von welcher man rechts knapp den Turmhelm sieht.





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    Vor dem Zu-Bett-gehen noch ein kurzer Blick zum Turm hinauf...

  • So, nun mal von mir ein herzliches Dankeschön für diese schönen Einblicke in die St. Gallener Altstadt.


    Ich will noch vorwegschicken, dass ich es ehrlich gesagt mehr als merkwürdig finde, wie wenig Resonanz eine Gallerie wie diese, von der Qualität von Riegel's Beiträgen her locker einem kostenpflichtigen Stadtführer ebenbürtig, relativ betrachtet zu anderen Threads findet. Wo zu Städten bzw. Dörfern, ohne irgendjemanden beleidigen oder dessen Arbeit abwerten zu wollen, die man kaum auf einer Landkarte findet, binnen weniger Stunden eine Handvoll Beiträge hereinschneien. Aber sei's drum.


    Wirklich interessant ist ja die Ähnlichkeit mit der Jerusalemer Stadtgrundriss. Wenn man die topographische Karte vergleicht, kann er ja nicht geographischen Gegebenheiten entsprungen sein wie anderswo, insofern stellt sich wirklich die Frage, ob dem Ganzen nicht eine gewisse Planung oder Absicht zu Grunde liegt. Die Abbildung von 1545, die du erwähnst, wird wahrscheinlich wie von Frankfurt die in Sebastina Münster's "Cosmographia" sein, oder?


    Ansonsten fällt mir bezüglich deiner Kritikpunkte auf, dass das - vor allem relativ gemessen an dem, was in Deutschland 'rumsteht - Meckern auf ziemlich hohen Niveau ist. ;) Den totalen Ausfall à la Bank oder Großkaufhaus, der nahezu jede deutsche Stadt ab mittelgroßer Ausdehnung gnadenlos verschandelt, sehe ich nicht. Nach dem Betrachten einiger deiner Bilder meine ich zudem, in Art und Aufbau der Dacherker ein St. Gallen-spezifisches Merkmal der Fachwerkbauten gefunden zu haben. In dieser Form habe ich es jedenfalls noch nicht in Deutschland gesehen?


    Die Klosterkirche trägt ihren Welterbetitel zweifellos zu Recht, prächtig und gewaltig. Erst hierdurch wird man der historischen Bedeutung der Stadt wirklich gewahr. Ein echter Glücksfall, dass die Innendekoration im Spätbarock erfolgte und definitiv schon Grund genug, die Stadt einmal zu besuchen.


    Bitte mehr davon. :D

  • Quote from "RMA"

    ... Nach dem Betrachten einiger deiner Bilder meine ich zudem, in Art und Aufbau der Dacherker ein St. Gallen-spezifisches Merkmal der Fachwerkbauten gefunden zu haben...


    Diese Dacherker dienten, wie ich geschrieben habe, ursprünglich dem Warenaufzug. Bei giebelständigen Bauten ist dieser in die Giebelwand integriert, traufständige Bauten hingegen erforderten einen speziellen Dachaufbau, um die Waren direkt in den Estrich hinaufziehen zu können. Es handelt sich also nicht um ein St. Gallen-spezifisches Merkmal, sondern um ein Merkmal jeder Stadt mit vorherrschender traufständiger Bauweise. Jede Region hat aber ihre eigenen Formen hervorgebracht. Konstanz und Lindau haben ähnliche Dacherker, während im grössten Teil der Schweiz die Aufzugslukarnen anstatt mit einem Giebel mit einem Walm abschliessen. Ganz bekannt sind ja in diesem Forum die Nürnberger Dacherker!


    Quote from "RMA"

    ... Ein echter Glücksfall, dass die Innendekoration im Spätbarock erfolgte...


    Daraus lese ich, dass Du nicht speziell Anhänger überbordender Barockpracht bist, stimmt's? :zwinkern: geht mir nämlich wie vielen andern Leuten auch so, und deshalb gefällt mir unsere Kathedrale besonders gut.


    Bis zur Innenrenovation in den 60er Jahren waren die Wände gelblich-ocker marmoriert, der Stuck rosa, und die Fenster hatten eine farbige Verglasung aus dem Historismus. Sogar der Boden war mit teils mehrfarbigen Steinzeugplatten belegt. Die letzte Innenrestaurierung besann sich auf das originale Farbklima, und dieses war, wie man auf den Bildern sieht, recht kühl. Für die St. Galler war beispielsweise der kupfervitriol-farbene Anstrich der Stukkaturen nach der Renovation gewöhnungsbedürftig. Das dürfte mit ein Grund sein, dass der Innenraum nicht kitschig wirkt.


    Entscheidend, dass der Innenraum nicht überladen ist, ist die Errichtung des Hauptaltars und der Orgelempore erst nach der Aufhebung des Klosters. Der erhaltene Entwurf für den barocken Hauptaltar kam nicht zur Ausführung, und erst 1808/10 wurde der heutige Hauptaltar in klassizistischen Formen errichtet (siehe Bild 23 im Beitrag weiter oben). Gleichzeitig wurde auch der Otmarschor im Westen ausgeräumt, und die im Gegensatz zum Spätbarock sehr steif wirkende klassizistische Orgelempore eingebaut.


    Zu dieser Thematik ein Vorgeschmack auf weitere Bilder der Kathedrale:



    Das Innere der Kathedrale nach Westen mit der klassizistischen Orgelempore von 1809/10: Die Rotunde und das Schiff mit dem Westchor wurde von 1755 bis 1760 errichtet, während sich die Innenausstattung bis in 1780er Jahre hinzog (Kanzel 1786). Der Chor und die Doppelturmfassade entstanden von 1761 bis 1764.






    Der Seitenschiffumgang um die Rotunde zeigt einen bewegten Grundriss. Die kühle Farbgebung wird auch durch den rekonstruierten Plattenboden aus Ostschweizer Sandstein, welcher selbst schon eine bläuliche Färbung hat, unterstützt. Das Holz der Beichtstühle ist naturbelassen, und nur ihre Giebelreliefs sind elfenbeinfarben und mit Gold gefasst.






    Trotz üppigster Ausschmückung wirkt der Raum nicht überladen.






    Nur ein Kerzenhalter für eine einzelne Kerze...