Ramosch - endlich mal ein Haus, das sich einfügt!

  • @spongebob


    Der Beginn der "Moderne" in der Kunst um 1900 markiert auch den Beginn der radikalen Trennung der Kunst vom Verständnis und Schönheitsempfinden der Mehrheit der Bürger. Vormoderne Kunstrichtungen wie der Barock waren auch immer verbunden mit der einfachen volkstümlichen Kunst. Die Moderne hatte dagegen von Anfang an kein Interesse daran, der Mehrheit zu gefallen und stieß auch von Anfang an bei den meisten Menschen auf Unverständnis und Ablehnung. Trotzdem setzte sie sich durch. Der Schlüsselbegriff für diesen Erfolg sowie für das Verständnis der Moderne ist die "Avantgarde". Der Begriff ist ursprünglich - und keineswegs zufällig - militärisch, dann politisch, schließlich künstlerisch. Eine politische Avantgarde ist der Vorreiter einer revolutionären Bewegung: Die träge Masse ist noch nicht so weit, um eine Revolution durchzuführen, also muss eine kleine, intelligente und gut ausgebildete Gruppe die Revolution gegen die bestehende Ordnung, gegen die Tradition beginnen. Diese Argumentation wurde wahrscheinlich schon in der Französischen Revolution verwendet, Lenin hat sie bekanntgemacht und bis heute begründet sie die Arroganz und Rücksichtslosigkeit der Modernisten, auch wenn seit der Postmoderne deren Postion immer fragwürdiger wird.


    http://de.wikipedia.org/wiki/Avantgarde\r
    de.wikipedia.org/wiki/Avantgarde

  • Quote from "Mathias"

    @spongebob


    Der Beginn der "Moderne" in der Kunst um 1900 markiert auch den Beginn der radikalen Trennung der Kunst vom Verständnis und Schönheitsempfinden der Mehrheit der Bürger. Vormoderne Kunstrichtungen wie der Barock waren auch immer verbunden mit der einfachen volkstümlichen Kunst. Die Moderne hatte dagegen von Anfang an kein Interesse daran, der Mehrheit zu gefallen und stieß auch von Anfang an bei den meisten Menschen auf Unverständnis und Ablehnung. Trotzdem setzte sie sich durch. Der Schlüsselbegriff für diesen Erfolg sowie für das Verständnis der Moderne ist die "Avantgarde". Der Begriff ist ursprünglich - und keineswegs zufällig - militärisch, dann politisch, schließlich künstlerisch. Eine politische Avantgarde ist der Vorreiter einer revolutionären Bewegung: Die träge Masse ist noch nicht so weit, um eine Revolution durchzuführen, also muss eine kleine, intelligente und gut ausgebildete Gruppe die Revolution gegen die bestehende Ordnung, gegen die Tradition beginnen. Diese Argumentation wurde wahrscheinlich schon in der Französischen Revolution verwendet, Lenin hat sie bekanntgemacht und bis heute begründet sie die Arroganz und Rücksichtslosigkeit der Modernisten, auch wenn seit der Postmoderne deren Postion immer fragwürdiger wird.


    http://de.wikipedia.org/wiki/Avantgarde\r
    de.wikipedia.org/wiki/Avantgarde


    Um mal den oben angeführten Herrn Wladimir Iljitsch Uljanow zu zitieren:"Was tun?"


    Die Schwierigkeit liegt wohl darin, wie man die selbstreferentiellen Systeme soweit aufbrechen kann, dass der Wunsch und Wille nach viel Beton, Glas und Dekonstruktivismus der "Star-Architekten" sich nicht immer und immer wieder durchsetzt.


    Vielleicht sollte man zunächst einmal ein paar grundsätzliche Erkenntnisse über den Ist-Zustand feststellen, sich seinen Wunsch- und Sollzustand definieren und sich dann überlegen, wie man dorthin kommt. Einzelnes Aufregen über diverse, misslungene Bauten ist zwar sinnvoll und notwendig, aber liefert nicht das ganze Bild - vor allem ist es noch keine Strategie.


    Was ist der Ist-Zustand?


    1. Die Architekten samt kulturellem Umfeld
    * Die Architektur wird (seit allerspätestens 1945) dominiert von den Modernisten
    * Die Lehrstühle sind besetzt von ensprechend ausgerichteten Ordinarien und produzieren entsprechende Absolventen
    * Preise in Wettbewerben kann man nur gewinnen, wenn man möglichst konsequent modernistisch entwirft
    * Die sogenannten "Star-Architekten" sind eher extreme Vertreter der herrschenden Lehre
    * Kunstkritik/Feuilleton sind i.d.R. ebenso elitär-selbstreferentiell wie die Architekten selbst und haben eine ähnliche Sozialisation durchlaufen


    2 Der private Bauherr
    * Kauft beim Bauträger und hat keinen Einfluss auf die äußere Gestaltung (sehr häufig)
    * Beauftragt einen Architekten und interessiert sich nicht recht für die Gestaltung (auch nicht selten)
    * Findet "alte Häuser ja irgendwie schön" denkt aber (bewusst oder unbewusst): "Sowas kann man heute eh nicht mehr bauen!"
    * Findet Rekonstruktionen wie die Frauenkirche fantastisch, denkt aber, dass es ein absoluter Ausnahmefall bleiben wird, der nicht wiederholbar ist


    3 Der "Firmen-Bauherr"
    * Ist dem Shareholder-Value verpflichtet, vor allem, falls er börsennotiert ist. Architektonischer Anspruch: Keiner. Baustil: Wellblechkiste.
    * Falls er doch repräsentieren will, dann hat er als Aktiengesellschaft die offizielle Kulturkritik und ggf. Anerkennung seines kulturellen Mäzenatentums im Blick. Ergo werden seine Bauten vom quasi-offiziellen Feuilleton bewertet und von "Star-Architekten" entworfen.


    4 Der politische Raum
    * Die politische Linke ist der Moderne verpflichtet, weil sie darin eine Widerspiegelung ihrer sozialen Fortschrittsutopie erblickt. Zudem waren mehrere Wegbereiter der architektonischen Moderne überzeugte Linke
    * Die politische Rechte ist ein wenig schwieriger zu fassen. Sofern es sich dabei aber um reine kapitalistische orientierte Profitmaximierer handelt, fühlt man sich mit rationellen Bauten, mit denen sich auch noch viel Geld verdienen lässt, sehr wohl
    * Idealtypus des Verfechters menschenfreundlicher Architektur dürfte der echte Bürger im Sinne eines wertkonservativen, in seiner Heimat verankerten Bildungsbürgertums sein.
    * Menschen mit "grüner" Ausrichtung könnten potenziell auch Unterstützer menschenfreundlicher Architektur sein, kranken aber daran, dass sie sich oft selbst als "Linksintellektuelle" verstehen und daher die architektonischen Thesen des Modernismus aus ideologischen Gründen meinen unterstützen zu müssen


    Jetzt habe ich viel geschwafelt - aber nachdem ich seit längerer Zeit im APH-Forum nur mitlese, war es mir ein Bedürfnis, meine Gedanken ein wenig zu sortieren.

  • Quote from "Spongebob"

    Findet "alte Häuser ja irgendwie schön" denkt aber (bewusst oder unbewusst): "Sowas kann man heute eh nicht mehr bauen!"


    Oder er glaubt, es reichen auch Plastiksprossenfenster vom Baumarkt und draufgenageltes Fakewerk, um sein Bedürfnis nach "schöner historisierender Architektur" zu erfüllen.

  • Quote

    Jetzt habe ich viel geschwafelt


    Ganz und gar nicht, "Spongebob", es war eine treffende und knappe Darlegung des "Ist"-Zustands. Vielen Dank.

  • Noch als Nachschlag ein herrlicher Beitrag aus dem Spiegel.de-Forum zum Artikel: :grinsenlachen:


  • Sehr gut! :lachen:


    Das Problem nur, dass es leider tatsächlich oftmals so ist...

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)