Sehschule - Banalität des Alltags

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    Die Abstimmung für das Gebäude des Jahres 2018 ist geöffnet! Abstimmungsende ist am 15. November 2018. Bitte gebt bis dahin Eure Stimme ab.

    • wie heutzutage mit bauwerken der vergangenheit umgegangen wird, zeigt dieses gebäude einer ehemaligen fabrikanlage. das beispiel soll unsere augen schärfen für den alltäglichen, schleichenden niedergang im umgang mit alter bausubstanz.

      es soll auch den begriff der authentizität hinterfragen, die umgekehrt bei rekonstruktionen z.t. vehement eingefordert wird...


      dez 2001: giebelseite u.a. mit relativ proportionierten und stimmigen glasgefachen unterm dach und guter fenstergestaltung



      mai 2002: ein durchbruch auf der giebelseite - was wird hier entstehen?




      jan2003: ein modernistisches raumhohes doppelglastürelement, wie man es aus den vielen neubaugebieten her kennt.
      das fenster links davon wurde ersetzt durch eine T-Profilierung.



      sept 2003: nun weiß man auch wofür die türe... über die qualität und gestaltung des balkons könnte man schon den kopf schütteln, aber dann auch noch an solch einem gebäude...unglaublich.
      dabei übersieht man fast, dass man nebenbei die oberen giebelfenster auch noch durchbrochen hat für ganzglas-"löcher". auch die zierlichen dachgauben sind nach vorne bereits mit globigen profilen verglast.
      was könnte man dem gebäude jetzt noch antun???


      april 2004: die dachhaut wird ersetzt, gerüste für einen neuanstrich sind aufgerichtet und weitere maßnahmen haben...


      im april 2005 zur endgültigen umgestaltung des ehemaligen fabrikgebäudes geführt, an das nicht mehr viel erinnert. viel mehr sieht es nun fast aus wie eines der typischen misch-masch-neubauten. noch einen drauf gesetzt hat dabei die unsachgemäße farbgebung und das neue dachmaterial:

      steril, kalt, modernistisch überfrachtet und seiner geschichte beraubt - ist das noch authentisch?:daumenunten:
    • Nüchtern betrachtet stören mich hauptsächlich die großen Fenster-"Löcher" an der Giebelseite und die unpassende Ausführung des Balkon-Anbaus.
      Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass diese Modernisierung ( denn es ist ja definitiv keine Rekonstruktion ) dem Gebäude nicht so sehr geschadet hat, wie hier beklagt wird. In einer frischen Hülle ist es nun bereit, auch in der Gegenwart genutzt zu werden.
      Ich bin, entgegen schwarzseherischer Meinung, eher froh, dass man sich nicht entschieden hat, das Gebäude komplett abzureissen und einen Klotz anstelle dessen zu errichten. Das neue Gewand fügt sich in seiner geschichtlich verbliebenen Form ( abgesehen von Giebel-Fenstern und Balkon ) in eine Bau-Kulisse ein, die wesentlich wertentfremdeter ist als das, was uns diese Bilder aufzeigen, und so sollten wir hier den Aspekt sehen, dass zumindest ein gringer Teil unserer Forderungen in die aktuelle Bauplanung einfließt.
      Zukunft für unsere Vergangenheit
    • @amadeus

      "...denn es ist ja definitiv keine Rekonstruktion..."
      wer hat behauptet, dass es eine sei?

      ...In frischen Hülle ist es nun bereit, auch in der Gegenwart genutzt zu werden...
      was für eine absurde schlußfolgerung? warum muß die "hülle" eines
      alten gebäudes zwingend umgestaltet werden, damit es von
      seiner nutzung her gegenwartstauglich ist?
      man kann froh sein, dass nicht alle eigentümer traditioneller
      gebäuden in dieser form umbauen.
      es ist durchaus möglich den charakter der herkömmliche gestaltung
      beizubehalten und durch gestalterisch gelungene ergänzungen zu
      erweitern. allerdings nicht in form eines solchen zweckdilettanismus.
      es hat auch nichts mit schwarzseherei zu tun, aber dieser umbau kommt
      der zerstörung des alten gebäudes gleich. zwar ist nicht die
      substanz vollständig, jedoch der charakter des hauses zerstört.
      solche gebäude gehören dann langfristig zu jenen, die aufgrund
      der gesetzeslage als "nicht schützenswert" eingestuft
      werden infolge genau von solchen modernistischen eingriffen und
      veränderungen, die den erhaltungswert des gebäudes erheblich mindern.


      die bereitschaft in alten gebäude von privater und gewerblicher
      seite zu investieren, verdient sicher förderung, aber nicht um jeden
      preis. mit dem ‚auschlachten' von historischer bausubstanz werden
      kulturdenkmale eben auch dauerhaft zerstört.


      Jeder, der sich die
      Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.

      www.archicultura.ch

    • In diesem Fall sehe ich eine Weiterentwicklung des Gebäudes. Das gezeigte Haus ist für mich keine Ikone, die, in der Zeit stillstehend, Werte, auf denen der Bau basiert, über die Jahre hinweg transportiert.
      Es erscheint mir wie der Werdegang eines üblichen Hauses. Gebäude durchlaufen in ihrem Dasein nunmal, wie die Menschen, die es prägen, Entwicklungen, Anpassungen.
      Sicher gibt es hinsichtlich der Art, wie diese Weiterentwicklung auszusehen hat, Kritikpunkte ästetischer Art ( wie auch ich sie äußerte ), doch letztlich: muss denn nun jedes Gebäude aus altem Bestand unbedingt erhalten werden? Muss es nicht am gesellschaftlichen Wert eines Bauwerks bemessen werden, ob wir es in die Kulisse unserer Gegenwart und der Zukunft einbauen, oder ob man Platz für Neues schafft? Treiben wir es ins Extrem: dieses Haus hat keinesfalls den Stellenwert einer Frauenkirche, und ich persönlich bin noch sehr zufrieden damit, dass es umgebaut, und nicht abgerissen wurde, was vermutlich langfristig wirtschaftlicher gewesen wäre. Lasst es eine traditionelle Architektur gewesen sein, nach Aussen hin befinde ich die Wirkung, ob alt oder neu, im Endeffekt für gleichwertig. Es macht(e) wenig her und kam meines Erachtens nicht einmal in die Nähe einer Diskussion über "Erhaltenswert oder nicht".

      Um zur Hülle zu kommen: die EnEV 2006 hat da ganz markannte Auflagen für Nutzung und Veräußerung von Gebäuden. Daher ist das Erhalten historischer Baumasse auch dadurch beeinträchtigt, dass die Einhaltung von Dämmung und Energieeffizienz gewährleistet sein muss ( womit ich keinem hier etwas Neues erzähle ). Aber solche Aufrüstungen greifen natürlich in die Substanz des Gebäudes ein. Ich meine keineswegs nur das auf den ersten Blick Offensichtliche, wenn ich von einer Gebäudehülle spreche.

      Alles in Allem meine Sichtweise:

      sprechen wir hier von einem Kulturdenkmal im konkreten Fall? Nein!

      Verliert das Haus an ökonomischem Wert? Nein!

      Verliert das Haus an Schönheit? Geschmackssache. Anders heisst nicht gleich häßlich.

      Ist das diskutierte Prinzip akzeptabel? Ja! Gebäude mit kulturellem Wert müssen erhalten und dabei mit Vorsicht angepackt werden.

      Also: schlechtes Beispiel im Bezug auf dieses Gebäude.

      Richtig ist: Gebäude aus dem Altbestand werden entweder weiterentwickelt oder entfernt. Oft, ohne auf historischen Wert zu achten.
      Ist ein historischer Wert allerdings gegeben, würde ich abwägen, in welcher Weise das Gebäude behandelt wird: bei Kulturdenkmälern bin auch ich dafür, eine hohe Authentizität anzustreben. Andererseits kann man bei Gebäuden, die in dieser Hinsicht untergeordnete Stellenwerte haben, auch toleranter sein. Es geht hierbei um traditionelle Werte, die vermittelt werden müssen. Gelingt dies, ist das Ziel der Maßpnahme erreicht.
      Zukunft für unsere Vergangenheit
    • Obwohl die Veränderungen an dem Gebäude auch meiner Meinung nach nicht so tragisch sind, wollte Stefan doch wohl ursprünglich auf was ganz anderes hinaus:

      es soll auch den begriff der authentizität hinterfragen, die umgekehrt bei rekonstruktionen z.t. vehement eingefordert wird...



      Bei Rekonstruktionen schreit der Denkmalschutz nämlich in der Tat auf, wenn das Material, die Form oder Ähnliches verändert würde (davon abgesehen, dass unser Denkmalschutz sowieso fast immer gegen Rejos ist). Auch die Art der Reko des Dresdner Schlosses (mehrere zeitliche Epochen nebeneinander) lehnen diese ab.

      Eine logische Konsequenz für Rekos wäre dann:

      Erst wäre bis auf das letzte Detail eine Originalreko durchzuführen.

      Dann wäre eine Umgestaltung wie auf obigen Fotos gestattet.

      Das ist doch absurd, oder?
    • Also, ich sehe das so:
      Der Balkon ist unpassend und die neue Farbe widerlich-kitschig. Beides verunstaltet das Gebäude. Die restlichen Veränderungen, die Stefans wachsamen Augen wahrgenommen und seine Kamera festgehalten haben, halte ich für überflüssig, aber hinnehmbar.

      Alles in allem gebe ich Booni recht: Wenn dadurch ein kompletter Abriß verhindert wird, kann ich letztendlich damit leben, zumal ja künftigen Generationen die Möglichkeit (im wahrsten Sinne) nicht verbaut ist, den früheren Zustand wiederherzustellen. Es gibt in Deutschland tausende von weitaus schlimmeren, entstellenden Umbauten historischer Gebäude, von den Abrissen ganz zu schweigen.
    • Es gibt tolle alte Fabrikgebäude - spontan fällt mir die Neuhof-Brauerei an meinem Zweitwohnsitz in Neuburg ein. Die sieht aus wie ein altes Schloß, hat viele schöne bauliche Details und Ornamente und steht zu Recht unter Denkmalschutz.

      Andererseits erschließt sich mir der besondere Reiz des hier vorgestellten Gebäudes nicht so recht. Ich hätte noch nicht mal etwas dagegen, wenn es abgerissen würde geschweige denn gegen den jetzt erfolgten Umbau.

      Nur weil etwas alt ist, muß es nicht zwangsläufig wertvoll sein - insbesondere gilt dies für Nutzarchitektur wie Fabrikgelände, die ja sowieso ständig umgebaut werden.

      Mit dem Begriff der "Authentizität" kann ich sowieso nichts anfangen, da praktisch alle Gebäude ständig umgebaut wurden - die Fiktion unseres heutigen Denkmalschutzes, daß ein Gebäude zum Zeitpunkt X gebaut und seitdem nie geändert wurde und daher auch heute noch exakt im Zustand von X verbleiben muß, ist eine rein theoretische Annahme, die in der Praxis nie vorkommt.
    • @amadeaus

      es handelt sich um den frauenschlafsaal eines großen
      fabrikensembles aus dem 19.jahrhundert.

      entgegen der meinung, allein nur gebäude zu schützen,
      die aufgrund ihrer fassade ins auge fallen, bin ich sehr
      froh, dass die staatliche denkmalpflege auch (noch)
      unscheinbare denkmale unter schutz stellt. sie gehören
      genauso zur fabrikanlage wie bsplw. ein spontan beein-
      druckenderer turbinensaal und sind mitentscheidend für
      den aussagewert. auch für diese müssen die gleichen maßstäbe
      der authentizität herangezogen werden, wie sie für
      massentaugliche denkmale gelten oder - wie schloßgespenst
      schreibt - bei rekonstruktionen eingefordert werden.
      sonst endet die bewertung in der hier einsehbaren willkür
      im umgang mit traditioneller bausubstanz.

      wenn der charakter eines gebäudes, wie an diesem beispiel
      ersichtlich, derart verzerrt wird, dann hat das nichts mit
      gegenwartsbedingten notwendigkeiten zu tun.

      nicht neue fenster, neuer balkon und neue farbe sind
      das problem, sondern deren ausgestaltung und wahl.
      und wenn UNSERE ZEIT durch unvermögen solche
      banalen ergebnisse erzielt, dann würde ich mir wünschen,
      dass das wenigstens hier im forum zur kenntnis genommen
      wird und nicht als geschmäcklerische ansichtssache herab-
      getan wird.

      dass neue gebäude fast zu 100% einen gestalterisch
      modernistischen stempel aufgedrückt bekommen ist das eine,
      aber dass traditioneller architektur dieser auch noch
      aufgedrückt werden soll, und sei sie wie das beispiel für
      die masse eher unscheinbar oder gar unbedeutend, dann
      halte ich dies für äußerst bedenklich und nicht im sinne
      unseres anliegens. entgegen der vorstellung, spätere
      generationen könnten es ja wieder rückgängig machen,
      muß es angesichts der heutigen architekturlandschaft doch
      auch um schadensbegrenzung gehen. die rückgewinnung
      zerstörter traditioneller architektur ist nicht bedeutender
      als die erhaltung dessen was glücklicherweise noch übrig ist.

      mit jedem traditionellen gebäude das fällt geht etwas unwider-
      bringlich verloren. was gestalterisch an neuem entsteht ist
      bekanntermaßen meist kein gleichrangiger ersatz. auch das
      muß man sich an diesem beispiel der ganz gewöhnlichen alltags-
      architektur vor augen halten.


      Jeder, der sich die
      Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.

      www.archicultura.ch

    • Ich glaube, so allmählich kommen wir auf einen gemeinsamen Nenner:

      es ist nicht schlimm, dass das Gebäude wieder hergerichtet ist. Die Auswahl der Farbe, der Fassadenelemente, etc. hätte aber deutlich mehr Respekt vor dem historischen Gehalt des Gebäudes haben können/sollen.

      Danke für die Aufklärung über die Geschichte des Hauses.

      Ich unterscheide noch immer in Hinsicht auf solcherlei Bauwerke nach dem kulturellen Stellenwert, aber ich denke doch, dass unser beider Ansichten sich in einem entscheidenden Punkt decken: besser erst sein Augenmerk auf den ( geschichtlichen / traditionellen / kulturellen ) Hintergrund eines Bauwerks richten, ehe man sich für eine Baumaßnahme entscheidet.

      Ich bin noch immer froh, dass nicht der Abrissbagger gewütet hat...
      Zukunft für unsere Vergangenheit
    • Mal wieder ein "Alltagsobjekt" anonymer Architektur...
      im unbeholfenen Baumarkt-Bauverordnungs-Modernismus :lachen:
      Sicher nicht der absolute Schlag aufs Auge, aber passend für diese
      Rubrik, wie ich meine. Will mir gar nicht vorstellen, was da voher
      einmal stand, wenn ich mir den rechten "nachbar" betrachte.
      sicher kein guter ersatz, was hier gestalterisch entstand...




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    • nur noch eine frage der zeit, bis das fachwerkgebäude durch
      ein ähnlich monotones "helles, freundliches" gebilde wie im hinter-
      grund ersetzt wird...
      leider wohl auch mit breiter zustimmung der bevölkerung, die
      darin den fortschritt sieht...


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    • die aktuelle entwicklung in rottweil unter dem jetzigen
      oberbürgermeister besorgt mich sehr.

      wenn auch nur im kleinen und im sinne einer behinderten-
      gerechten lösung angebracht, kann ich über die gestalterische
      verschlechterung im detail an diesem torbogen / eingangsbereich
      nicht hinwegsehen:

      vorher:




      jetzt:



      gegen eine veränderung der bisherigen situation wäre
      nichts einzuwenden, solange beispielsweise material- und gewisse
      ausgestaltungsfragen besser gelöst würden, aber so ist
      es in jedem fall eine weitere verschlechterung :augenrollen:


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