Magdeburg - Rekonstruktion der Ulrichskirche

  • Es hat mich etwas verwundert, dass dies noch nicht hier im Forum war:
    In Magdeburg will sich am 31. 10. dJ. ein Foerderverein fuer den Wiederaufbau (die Rekonstruktion) der Ulrichskirche gruenden. Ich glaube nicht, dass dieses Projekt sehr viel Chance hat, realisiert zu werden, aber da hat einer schon mal gruendlich recherchiert.


    Schaut alle auf:
    http://www.ulrichskirche.de/index.htm

    VBI DOLOR IBI VIGILES

  • Laßt es sein, die Stadt ist es nicht mehr wert. Noch gründlicher erledigt als Frankfurt/Main; von Kommunisten und Nachwende-Investoren gleichermaßen.

    Nein, die werden gedünstet

  • Also, ich sehe die Initiative positiv.


    Schöne Bilddarstellung...


    Auch in einem anderen Strang wurde gerade in der Diskussion Magdeburg in einem Atemzug mit Kiel und Pforzheim genannt. Das finde ich nicht ganz treffend für die Hauptstadt Sachsen-Anhalts. Sicher ist die Stadt etwas architektonisch unzusammenhängend, aber weiträumig genug, um nicht als Moloch empfunden zu werden. Ich war zwei Mal dort und traf auf durchaus historisch interessante Bausubstanz - von Gotik über Barock bis Historismus und stalinistischem Neoklassizismus. Der Dom, der barocke Domplatz, das alte Rathaus am Marktplatz, der mittelalterliche Wachturm "Kiek in de Köken"... Durchaus interessant und ausbaubar.


    Die schmucke Kirche würde sich doch gut machen in der Innenstadt. Vor Jahren erlebte ich den Wiederaufbau der dortigen Johanneskirche mit. Wenn sich nun der Bauplatz für die Ulrichskirche anböte - keine Abrisse erforderlich, kaum Wegnahme der Grünanlage -, wäre das doch eine Bereicherung der Stadt.


    Also: Volle Unterstützung!


    P.S.: Und Frankfurt am Main ist doch gar nicht so "erledigt". Immerhin ist man gerade dabei, den Kernbereich der dortigen Altstadt wiederherzustellen. Zudem verfügt die Stadt über bedeutende historische Bauwerke, ein lebendiges Mainufer, usw.usf.. Die kritische Sicht ist ja durchaus berechtigt, man sollte es aber nicht in eine zu pessimistische Haltung abgleiten lassen.

  • Ich sehe die Initiative auch positiv, und ich glaube, eine Rekonstruktion kann niemals schaden, selbst nicht in Kiel oder Pforzheim :zwinkern:


    Ich glaube aber, dass die Umsetzung extrem schwierig werden wird bei den leeren Kassen und den leeren Kirchen, und dem Fortleben der frueheren Gesinnung dort.


    Im uebrigen ist es sehr wohl so, dass man Spuren des aelteren Magdeburgs zwischen denkmalgeschuetztem Stalinbarock, Plattenbauten und massstabslosem Investorenarchitektur heute wirklich suchen muss.

    VBI DOLOR IBI VIGILES

  • Schloß Trebsen bietet einen Kurs "Gewölbebau" an. Wäre doch ein schönes Betätigungsfeld.
    Wenn die Maße bekannt sind, ist das doch recht einfach, ein wiederverwendbares Lehrgerüst aus teilweise modernen Gerüstteilen.
    War die Kirche aus Backsteinen erbaut?
    Dann hätte man ein (altes) Normmaß, kann also die Kirche wirklich wieder so aufbauen, wie sie mal war, unter Hilfe moderner Maschinen (Kran, etc...).


    Das kann doch dann gute Chancen haben. Wenn man bei der Quellenforschung gründlich vorangeht, sich mit Gotik auskennt...sollte auch finaziell einigermaßen im Rahmen bleiben.


    Wichtig im Osten (ist nicht polemisch, leider nur Erfahrung):
    Die große Zahl der Bürger ist hier sehr schwer zu mobilisieren. Doch gerade die müssen das einfordern. Am Besten, wenn man private Investoren findet. Gab es angrenzend ein historische Bebauung, die man ebenfalls wieder herstellen könnte (beispielweise auf dem Parkähnlichen Areal?). Dann könnte man dort den Verkauf von Baugrundstücken (unter Rekonstruktionsauflagen für die Bebbauung) als Finanzierungshilfe heranziehen...wenn das Grundstück im städtischen Besitz ist.

    Die Feder ist mächtiger als das Schwert...wenn das Schwert sehr stumpf ist und die Feder sehr spitz!


    -Terry Pratchett

  • Quote from "Brandmauer"

    Ich sehe die Initiative auch positiv, und ich glaube, eine Rekonstruktion kann niemals schaden, selbst nicht in Kiel oder Pforzheim :zwinkern:


    Sehe ich auch so. Wenn die Leute dort rokonstruieren wollen, wie kann man sich dann anmaßen, als Außenstehender zu sagen "Lasst es sein"?

    Eine der vorzüglichsten Eigenschaften von Gebäuden ist historische Tiefe.
    Die Quelle aller Geschichte ist Tradition. (Schiller)
    Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten.

  • Quote from "Heimdall"

    P.S.: Und Frankfurt am Main ist doch gar nicht so "erledigt". Immerhin ist man gerade dabei, den Kernbereich der dortigen Altstadt wiederherzustellen. Zudem verfügt die Stadt über bedeutende historische Bauwerke, ein lebendiges Mainufer, usw.usf.. Die kritische Sicht ist ja durchaus berechtigt, man sollte es aber nicht in eine zu pessimistische Haltung abgleiten lassen.



    Nennen wir es realistische Sicht der Dinge. In den nächsten Jahrzehnten wird sich in Magdeburgs sogenannter Innenstadt (die vollständig zerstörte Fläche deckt sich weitgehend mit der ehemaligen Altstadt, die ehedem fast so groß wie die von Nürnberg war - rundherum befinden sich preußische Gründerzeitler, Elbauen und Ackerwüsten --->Adenauer hatte recht, es ist wirklich wie Asien) nichts zum positiven verändern. Frankfurt/Main hat zwei halbwegs erhaltene städtebaulich-kulturelle Kraftzentren, die man dank neuer Freifläche nur wieder zu verbinden braucht; Magdeburg besitzt fünf oder sechs kleine bis mittlere Inseln, die ohne jeden Zusammenhang stehen und dank Sanierung und Nachwendebebauung nicht wieder verbunden werden können. Eine Ulrichs- oder Katharinenkirche wäre ganz nett als Einzelstück, aber ebenso eine Insel ohne Bezug zur Umgebung. Stünde die Ulrichskirche nicht auf jenem wunderbaren "Platz", der sich ebensogut in Moskau oder Norilsk befinden könnte ?


    Dom, Johanniskirche, Kiek in de Köken, Kloster, Rathaus u.a. erhaltene Baudenkmäler (teilweise von Weltrang) sind verlorene Einzelstücke inmitten einer der depremierensten, garstigsten "Stadtlandschaften", die Deutschland aufzuweisen hat. Dresden war 1989 angenehmer anzuschauen. Ich war jedenfalls froh, als mein halbes Jahr dort vorbei war.


    Was an Fläche nach der Wende bebaut wurde, geriet meist noch grottiger als die Sechziger-Jahre-Plattenbauten. Diese wurden übrigens allesamt topsaniert; für die nächsten dreißig Jahre gut verpackt. Genauso die Stalinbauten, die anders als in Dresden zu einer schlechten, plumpen Adaption Moskauer Vorbilder gerieten und ab den Fünfzigern das ganze innere Stadtgefüge irreversibel zerstörten.


    Der einzige Hoffnungsschimmer wäre eine altstädtisch anmutende oder wenigstens "maßstäbliche" Neubebauung entlang der vorhandenen Rest-Grünflächen zwischen Uferstraße und "Stadtgebiet". Das Problem hierbei ist, daß die verschwundene Altstadt ihrerseits zum Großteil aus -kunsthistorisch- minderwertiger Bausubstanz des 19. Jahrhunderts bestand und der "genius loci" des Ortes, Blockhaftigkeit und Rasterung 1950-heute, die Architekten geradezu zur Ausschußproduktion ermutigt.


    Die beste "moderne" Bebauung findet man übrigens im -fast vollständig sanierten- Gründerzeitviertel südlich des Domes bis zur Sternbrücke; gerade dort, wo Altstadt und Vollvernichtung endeten - es handelt sich um die auslaufende Postmoderne der ersten Nachwendejahre.

    Nein, die werden gedünstet

  • Sehr schönes Projekt ! Es muss alles rekonstruiert werden, was im Krieg oder danach zerstört wurde. Erst dann können wir glücklich und zufrieden sein ! :harfe:

  • Magdeburg wurde schrecklich bombardiert und nach der Krieg schrecklich wiederaufgebaut. Was noch da war (und das war noch eine Menge!!) wurde rücksichtslos von Stalinistische Betonkopfen gesprengt.
    So auch die Ulrichskirche, die ganze Nordfront, noch 6 berühmte Kirchen und das wunderschöne nur leichtbeschädigte gigantische Justizpalast im Südwesten (erst heute "modern" wiederaufgebaut). Ein tristes Opfer wie das Verkehrsministerium in München.


    Andere Opfer waren die Stadtschlösser in Potsdam und Berlin, viele Kirchen, Warenhäuser und Börse in Berlin, Nicolaikirche in Potsdam, Universitätskirche in Leipzig.... Die Sprengtrupps von Ulbricht leisteten grossen Arbeit um alle wertvolle Bauten des ehemalige Grossdeutschen Reiches zu demolieren und sprengen. "Das Ding muss weg....." murmelte der geisteskranke Walther Ullbricht immer wieder.


    Finde in tristen Magdeburg die Initiative um NUR EIN KIRCHE wiederaufzubauen unglaublich und wunderbar.


    Und gerade die Realisierung so einer bescheiden Wunsch wird noch unmenschlich schwer sein in der Innerstädtische Betonwüste der Stalinisten und Postmodernisten wo hunderte von Millionen spendiert wurden an sanierung von seelelose und hässliche Wohn-betonblocks.
    So etwas sagt schon genug über die Behörden und Politik.
    Mein Gott welch eine Barbarei!!!! Armes Magdeburg. Hat bestimmt, wie in Leipzig der Fall ist nach die Verwüstungen doch etwas besseres verdient.
    Offenbar gibts dort noch immer keine Demokratie oder ist die Bevölkerung von ihrer Behörden und Städteplanung total und hoffnungsloss abgekämpft und demoralisiert.

  • Kardinal
    Das Grundstück wird schon in städtischem Besitz sein, aber seine Nutzung als Grünanlage zwischen den denkmalgeschützten Stalinbauten deshalb auch unverrückbar feststehen. Die Stalinbauten stehen eine grossflächige Umnutzung des Geländes schon definitiv im Wege, und das neue Einkaufszentrum auch noch. Das Projekt kann sich auf diese Weise also nicht selbst finanzieren; die alte städtebauliche Situation ist definitiv verschwunden, und die neue ist ungefähr so unverrückbar und fest zubetoniert, wie der ehemalige Reaktorkern von Tschernobyl. Deshalb wird dieses Rekonstruktionsprojekt auch so schwierig sein.
    @uaoj36
    Und diese letztgenannte Situation gilt beinahe für die ganze ehemalige Altstadt und Innenstadt von Magdeburg. In anbetracht dessen muss ich Wissmut beipflichten, dass Hoffnung auf eine einigermassen normale und urbane, geschweige denn historisch ausgerichtete städtebauliche Entwicklung Magdeburgs am Ehesten noch auf die bisher unbebauten Flächen im Elbuferbereich zu suchen ist.
    Übrigens muss man dabei nicht aus dem Auge verlieren, dass Finanzierung und Nutzung im Baugeschehen immer ganz im Vordergrund stehen. Viele Platten im Innenstadtbereich dürften nur darum saniert worden sein, weil man einfach (noch) nicht auf den bestehenden Wohnraum in dieser Preisklasse und Grösse verzichten konnte. Andererseits ist auch völlig klar, dass der Wille und Mut zu einer ansprechenderen Stadtplanung gefehlt haben. Das wird wohl von den strukturell anwesenden politischen, sozialen und wirtschaftlichen Altlasten herrühren. Und daran wird sich auf absehbarer Zeit nichts ändern.

    VBI DOLOR IBI VIGILES

  • An Magdeburgs Schicksal ist übrigens auch gut zu beobachten, daß vollsanierte Gründerzeitviertel einfach nicht ausreichen, um eine Stadt tatsächlich lebenswert zu machen, wenn das Zentrum "geblasted" wurde - Magdeburg teilt hierbei die Geschichte von Berlin; d.h. drei, vier halbwegs intakte gutbürgerliche Viertel wie z.B. Diesdorfer Vorstadt, inmitten grotesker Sozial- und Politruinen mehrerer "gutgemeinter" Systeme. Gut, in Magdeburg-Nord konnte ich sogar eine gewisse städtebauliche Idee entdecken, die nördl. des Rathauses vollständig fehlt.


    Wäre das von Eisenbahn, Elbe, Dom und Uniplatz umgrenzte Gebiet mit Parkplätzen, Fichten oder einfach Wiese ausgefüllt, würde niemand den Unterschied bemerken - die Shoppingcenter draußen bieten billigere Ware, sogar noch zu angenehmerem Ambiente.




    WAS aber gemacht werden könnte und bestimmt verdammt gutausschauen würde (wenn man es richtig anpackt), wäre die -endliche- Sanierung der beiden gewaltigen Getreidespeicher im Nordhafen. Ich habe zwar die Planungsunterlagen gesehen und einige - aus Kostengründen verworfene- Pläne, aber bin seit fast einem halben Jahr wieder außerhalb des Informationsflusses. Kann jemand genaueres zum gegenwärtigen Planungsstand sagen ?
    Es wäre höchst bedauerlich, wenn man diese herrlichen Zeitzeugen auch noch beseitigen würde - die Sanierung des kaiserzeitlichen Großspeichers in Pechau durch Thal hat doch gezeigt, daß mit einem solchen Beginn ein ganzes Viertel aufgewertet werden kann...

    Nein, die werden gedünstet

  • Gestern war die Gründung des Vereins zur Wiederherstellung der Ulrichskirche:
    http://www.ulrichskirche.de/


    Quote

    ++++News+++News+++News+++News+++News+++News+++News+++


    "Der Anfang ist der halbe Weg zum Ziel." Eine von acht, eine für alle!


    Der Anfang ist gemacht! Am Reformationstag 2007 gründete sich das Kuratorium Ulrichskirche i.G. mit 57 Gründungsmitgliedern. Dies ist der erste Schritt der Wiedergutmachung für die acht zerstörten Kirchen Magdeburgs. Im neuen Vorstand arbeiten namhafte Vertreter der evangelischen Kirche und des Kuratoriums Johanniskirche e.V. mit. Unter den Mitgliedern sind viele begeisterte MagdeburgerINNEN und hochrangige Politiker und Würdenträger. Am 01.11.2007 wurde der Antrag auf Eintragung als gemeinnütziger Verein gestellt. Dieser Prozess kann mehrere Monate dauern, evtl. müssen zur Erwirkung des Zusatzes "e.V." noch weitere Auflagen erfüllt werden. Die Bekanntgabe eines Spendenkontos erfolgt deshalb voraussichtlich erst Anfang 2008. Vorher darf das Kuratorium Ulrichskirche i.G. keine Spenden annehmen.

    VBI DOLOR IBI VIGILES

  • Von auswärts betrachtet kann ich solche Initiativen nur bewundern und viel Glück wünschen!


    Bei der Gelegenheit würde mich interessieren, wie eigentlich die "Grüne Zitadelle" von Hundertwasser in Magdeburg ankommt. (Nicht nur, aber auch) deretwegen würde ich die Stadt schon gerne mal besuchen...

    ... und wenn jetzt nicht ganz allgemeine und durchgreifende Maßnahmen angewandt werden, so werden wir in kurzer Zeit unheimlich nackt und kahl wie eine Kolonie in einem früher nicht bewohnten Lande dastehen... (Schinkel 1815)

  • Grundgütiger, ich bin schockiert! Welch ungezügelte Zerstörungswut der Sozialismus an den Tag legte...



    Fotos von http://www.ulrichskirche.de


    Wenn man mal betrachtet, was Magdeburg dereinst zu bieten hatte, war sein kunsthistorischer Wert wohl in etwa mit Nürnberg oder gar dem alten Frankfurt gleichzustellen. Ich bin fassungslos...
    Vorallem die Äußerung, dass Magdeburg nicht mehr zu retten wäre und man es doch seinem Schicksal überlassen solle, halte ich für vollkommen daneben. Eine derart einmalige Stadt, die durchaus die Chance hat, zu erneuter unvergleichlicher Blüte zu gelangen, sollte um keinen Preis einfach aufgegeben werden! Man stelle sich mal vor, man wäre mit dieser Einstellung damals an Dresden oder Nürnberg herangegangen...


    Baut diese Kirche wieder auf! Diese Stadt hat es wirklich verdient, ein Stück des historischen Stadtbildes zurückzuerlangen. Vielleicht erzeugt sie ja einen nachhaltigen Impakt (ähnlich der Dresdner Frauenkirche), und der angestaubte Phönix steigt aus der Asche der Kriegswirren und sozialistischer Zerstörungswut empor - ich wünsche es mir von ganzem Herzen! :daumenoben:

  • Es verdient vielleicht an dieser Stelle angemerkt zu werden, daß Magdeburg neben Hamburg die Stadt mit den meisten Orgeln des weltberühmten Orgelbauers Arp Schnitger war, da ja in Magdeburg eine Dependance zur Hamburger Werkstatt bestand.
    Es ist ein erstaunlicher Umstand zu sehen, daß in annähernd allen bedeutenden Kirchen der Innenstadt Orgeln aus der Werkstatt Schnitgers standen; vermutlich haben die Hauptkirchen damals hierauf auch besonderen Wert gelegt. Daher kurz eine Auflistung:


    - Heilig Geist 1698, Verkauf 1737 nach Groß-Quemstedt, seit 1978 in Wegeleben, Gehäuse erhalten, aber in bedenklichem Zustand
    - Kloster Berge 1699, nicht erhalten
    - Nonnenkloster St. Agnes zwischen 1700-1710, verschollen
    - St. Johannis 1690-1695, Neubau im alten Gehäuse 1870, zerstört 1945
    - St. Ulrich 1698-1700, Neubau im alten Gehäuse 1899, das Werk 1945 zerstört, Schnitzereien teilweise gerettet, aber heute ebenfalls verschollen
    - St. Jakobi 1698-1703, Vollendung der Herbst-Orgel, 1853-58 Neubau im alten Gehäuse, 1944 Ausbau vor Kriegsschäden, nach 1945 in Heilliggeist, vermutlich mit der Sprengung der Kirche 1959 zerstört
    - St. Petri 1699 Aufstellung und Umbau der alten Ulrichsorgel, 1914 Neubau im alten Gehäuse, 1945 zerstört
    - St. Katharinen 1693 Aufstellung und Umbau der alten Johannisorgel, 1796 Neubau, Gehäuse nicht erhalten
    - Dom Angebot von 1699, nicht ausgeführt


    Die Disposition der Orgel Schnitgers in der Ulrichskirche ist im Zustand von 1742 überliefert, in dem sie augenscheinlich schon etwas modernisiert wurde. Im Abgleich mit den Dispositionsprinzipien dürfte sie näherungsweise von folgender Gestalt gewesen sein:


    WERCK: Principal 16´, Octav 8´, Spitzfloit 8´, Octav 4´, Nasat 2 2/3´, SuperOctav 2´, Flachfloit 2´, Sesquialter 2fach, Mixtur 5-6fach, Dulcian 16´, Trommet 8´
    OBERPOSITIV: Quintaden 16´, Principal 8´, Viol di gamba 8´, Gedackt 8´, Octav 4´, Spitzfloit 4´, Gemshorn 2´, Siffloit 1´, Sesquialter 2fach, Mixtur 4-5fach, Hautbois 8´, Vox humana 8´
    BRUSTPOSITIV: (Hölzern ? ) Principal 8´, Quintadena 8´, Octav 4´, Rohrfloit 4´, Octav 2´, Waldfloit 2´, Quinta 1 1/2´, Scharff 4fach, Cimbel 3fach, Trommet 4´
    PEDAL: Principal 16´, Subbass 16´, Octav 8´, Gedackt 8´, Rohrfloit 8´, Octav 4´, Nachthorn 2´, Rauschpfeiff 2fach, Posaun 16´, Dulcian 16´, Trommet 8´, Trommet 4´, Cornet2´


    Originale Anzahl der Register mit 50 auf 3 Manualen und Pedal angegeben. Die Orgel besaß 12 Keilbälge in den Maßen 5´zu 10 ´Hamburger Maß. Die Legierung der Prospektprincipale läßt sich durch Vergleiche der weiteren Magdeburger Schnitgerorgeln ermitteln: Johannis nach Vertrag 1690: "Klahr Zinn". Heilig Geist: Brustwerk "klar Zinn, wohl ausgepolieret". Jacobi: 100 Teile Zinn zu 12 Teilen Blei (=89,3%). Die Legierung für die Innenpfeifen ist für Heilig Geist mit 3 Teilen Zinn zu 10 Teilen Blei belegt.
    Ein Foto ist unter http://www.arpschnitger.nl">http://www.arpschnitger.nl abgebildet in der Rubrik: New built organs which were destroyed or replaced with a new organ".


    In den 1990er Jahren haben die Untersuchungen der Universitäten Göteborg und Chalmers über die verlorengegangenen Arbeitsweisen der früheren Orgelbauer diese wieder entschlüsselt und zu einer Neuschaffung einer norddeutschen Barockorgel in der Örgryte Nya Kirka geführt. Hierbei wurden die Windladen und das Pfeifenwerk nach dem Vorbild von Hamburg St. Jakobi nachgeschaffen; das Gehäuse ist eine Rekonstruktion der Schnitgerorgel im Lübecker Dom von 1699, welches 1942 bei der Zerstörung Lübecks ebenfalls verbrannte.
    Insofern der Wille bestünde, in der neu aufgebauten Ulrichskirche an die alte Glanzzeit Magdeburgs als Schnitgerstadt anzuknüpfen, wäre eine exakte Rekonstruktion der Orgel möglich. Das Gehäuse könnte nach fotogrammetrischen Gesichtspunkten rekonstruiert werden, Mechanik, Balganlage, Windladen und Pfeifenwerk nach vorhandenen Mustern nachgeschaffen werden. Die Göteborger/Örgryter Orgel ist unter dieser Idee neu entstanden und findet in der Fachwelt eine begeisterte Akzeptanz.


    Da in den letzten Jahren sowohl der Dom als auch St. Sebastian äußerst hochwertige neue Orgeln erhalten haben, die sich den heutigen Bedürfnissen aufs beste einordnen, wäre gleichzeitig die Möglichkeit gegeben, an die Musiktradition Magdeburgs in der Zeit des Hoch- und Spätbarock anzuknüpfen. Dies käme insbesondere auch der musikalischen Bedeutung der Stadt als Geburtsstadt von Georg Phillip Telemann zugute und würde auch in dieser Hinsicht einen Gesundungs- und Heilungsprozess bedeuten.


    Wenn dieser Wunsch besteht, wenn die internationale Musikszene dies mitträgt und die Orgel durch Spenden neu erschaffen werden könnte, würde in der Ulrichskirche ein Instrument von internationaler Bedeutung und größtmöglicher Beachtung entstehen und die wieder aufgebaute Ulrichskirche eine Pilgerstätte für Musikfreunde aus aller Welt werden.

  • Quote

    Wenn dieser Wunsch besteht, wenn die internationale Musikszene dies mitträgt und die Orgel durch Spenden neu erschaffen werden könnte, würde in der Ulrichskirche ein Instrument von internationaler Bedeutung und größtmöglicher Beachtung entstehen und die wieder aufgebaute Ulrichskirche eine Pilgerstätte für Musikfreunde aus aller Welt werden.


    Das ist aufs äusserste wünschenswert, da es in dieser Hinsicht bei der Frauenkirche in Dresden schon schiefgegangen ist, wo man sich nicht für eine getreue Rekonstruktion der Silbermannorgel, sondern für einen Silbermann/Modernen Zwitter entschied. In der Ulrichskirche fände dann eine Art Wiedergutmachung dafür statt.


    Quote

    In den 1990er Jahren haben die Untersuchungen der Universitäten Göteborg und Chalmers über die verlorengegangenen Arbeitsweisen der früheren Orgelbauer diese wieder entschlüsselt und zu einer Neuschaffung einer norddeutschen Barockorgel in der Örgryte Nya Kirka geführt. Hierbei wurden die Windladen und das Pfeifenwerk nach dem Vorbild von Hamburg St. Jakobi nachgeschaffen; das Gehäuse ist eine Rekonstruktion der Schnitgerorgel im Lübecker Dom von 1699, welches 1942 bei der Zerstörung Lübecks ebenfalls verbrannte.
    Insofern der Wille bestünde, in der neu aufgebauten Ulrichskirche an die alte Glanzzeit Magdeburgs als Schnitgerstadt anzuknüpfen, wäre eine exakte Rekonstruktion der Orgel möglich. Das Gehäuse könnte nach fotogrammetrischen Gesichtspunkten rekonstruiert werden, Mechanik, Balganlage, Windladen und Pfeifenwerk nach vorhandenen Mustern nachgeschaffen werden. Die Göteborger/Örgryter Orgel ist unter dieser Idee neu entstanden und findet in der Fachwelt eine begeisterte Akzeptanz.


    Nach dem Erfolg der Göteborger/Örgryter Orgel ging von der Universität Göteborg die Idee und die Initiative aus, die Schnitgerorgel im Lübecker Dom zu rekonstruieren. Es fand dazu ein Symposium im Lübecker Dom statt. Der Denkmalschutz war vehement gegen. Die Initiative scheint dadurch gescheitert zu sein.


    Quote

    Da in den letzten Jahren sowohl der Dom als auch St. Sebastian äußerst hochwertige neue Orgeln erhalten haben, die sich den heutigen Bedürfnissen aufs beste einordnen, wäre gleichzeitig die Möglichkeit gegeben, an die Musiktradition Magdeburgs in der Zeit des Hoch- und Spätbarock anzuknüpfen. Dies käme insbesondere auch der musikalischen Bedeutung der Stadt als Geburtsstadt von Georg Phillip Telemann zugute und würde auch in dieser Hinsicht einen Gesundungs- und Heilungsprozess bedeuten.


    Sicher. Wenn Magdeburg nun im Vergleich zu Lübeck auch einmal Glück hätte und so ein Projekt mit Göteborg zustande käme! So gäbe es in Magdeburg wenigstens wieder eine "Kulturmeile" von St. Ulrich über St. Sebastian zum Dom.


    Eine grossartige, völlig erhaltene und sehr gut restaurierte historische Orgel aus der 1. Hälfte des 17. Jh. (!) kann man übrigens im benachbarten Tangermünde in St. Stephan sehen und gegebenenfalls hören.

    VBI DOLOR IBI VIGILES

  • Langsam scheint es, als würde sich in der ganzen Republik immer häufiger der Wunsch regen, Verlorenes wiederzugewinnen. Vielleicht steht tatsächlich eine umfangreichere Rekonstruktionswelle bevor. Schön zu lesen ist auch, dass sich die Verantwortlichen für ein neues Projekt stets auf bereits gelungene Beispiele berufen. Mit der Ulrichskirche wäre in Magdeburg zumindest ein kleiner Anfang gemacht.



    Quote from "erbsenzaehler"

    Wenn man mal betrachtet, was Magdeburg dereinst zu bieten hatte, war sein kunsthistorischer Wert wohl in etwa mit Nürnberg oder gar dem alten Frankfurt gleichzustellen. Ich bin fassungslos...


    Dem Magdeburger Dom hatten beide nichts Ebenbürtiges an die Seite zu stellen. Wenn es allerdings um die Dichte der Bebauung und die Zahl der Bürgerhäuser aus der Zeit vor dem Barock geht, konnte das alte Magdeburg Frankfurt oder Nürnberg nicht das Wasser reichen. Für uns Heutige mag es kaum vorstellbar sein, aber unsere Vorfahren haben eine Stadt wie Alt-Magdeburg wohl ohne viel Aufsehens zur Kenntnis genommen.

    "Meistens belehrt uns der Verlust über den Wert der Dinge."
    Arthur Schopenhauer

  • Also bezüglich der Rekonstruktion von Orgeln hab ich gestern eine Menge dazugelernt, und zwar von einem jungen Musikstudenten, der seit 4 Jahren Orgel spielt und mir gestern eine Art "Privatkonzert" in der Marienkirche in Hanau gegeben hat. Bei den Orgeln ist es nämlich anders als in der Architektur: Die Orgeln wurden immer weiter entwickelt und mit zusätzlichen Registern und vielem anderen Schnickschnack ausgestattet, so dass man mit einer modernen Orgel ein Hochleistungsinstrument besitzt, das jeder, und wirklich JEDER historischen Orgel (auch von Schnitger oder Silbermann) locker den Rang abläuft. In der Orgel der Hanauer Marienkirche, die als die beste im gesamten Rhein-Main-Gebiet gilt, ist sogar ein Glockenspiel integriert, das man über die Orgeltasten bedienen kann. Außerdem braucht man heute auch keine Register mehr zu ziehen, das macht alles der Computer. Der hat sogar einen Speicher, in den man die zu ziehenden Register für ein bestimmtes Lied einprogrammieren kann. Wenn man dann eine entsprechende Nummer eingibt, werden sämtlichen relevanten Register innerhalb einer Sekunde vom Computer automatisch gezogen. Gerade letzteres fand ich sehr beeindruckend! Also hab ich inzwischen mit der Orgel der Frauenkirche auch keine Probleme mehr, zumal diese ja sogar ihr historisches Gehäuse zurückerhalten hat. Warum also eine schlechtere Qualität herstellen, wenn man das Maximum rausholen kann? Bei der Architektur ist es ja leider anders: Auf dem Höhepunkt der Fassadengestaltung befinden wir uns z.Zt. ja bekanntlich nicht...