Bombenkrieg, Rekonstruktion und "Schuldkult"

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    • "Philon" wrote:

      @ Candidus und Restitutor:

      Den letzten vier Absätzen stimme ich auch zu. Den Absätzen bis dahin definitiv nicht. Aus moralphilosophischer Sicht ist praktisch jeder von Candidus' Sätzen in diesen Absätzen unhaltbar und steckt voller Denkfehler und Fehlschlüsse.
      Wenn ich übernächste Woche aus dem Urlaub zurück bin, werde ich Candidus' Punkte auch gerne im einzelnen widerlegen.


      Musst du unbedingt machen. So ist es wenig überzeugend (und auch unverhältnismäßig knapp). ;)
      Eine der vorzüglichsten Eigenschaften von Gebäuden ist historische Tiefe.
      Die Quelle aller Geschichte ist Tradition. (Schiller)
      Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten.
    • Nachdem ich nun auch wieder zurück bin, Teil 1 meiner angekündigten Antwort auf Candidus:

      1.) Die Frage, ob im Hinblick auf Großbritannien von einer "Notwehrsituation" die Rede sein kann, würde ich nach wie vor verneinen.
      Diese Aussage von Candidus
      Denn musste Grossbritannien nicht davon ausgehen, dass es als naechstes Opfer einer Invasion wird, oder auf eine andere Art und Weise zum unfreien Vasallenstaat wird?

      ist m.E. klarerweise falsch. Wenn es irgendetwas gab, das Hitler definitiv nie wollte - aus strategischen, taktischen und nicht zuletzt ideologischen Gründen - dann war es ein Krieg gegen England. England interessierte ihn nicht, und wenn dann allenfalls als potentieller Bündnispartner. Worum es ihm immer einzig und allein ging, war "sein" Krieg gegen die Sowjetunion. Wenn England nicht aus freien Stücken in den Krieg eingetreten wäre, hätte Hitler es einfach links liegen lassen. Von einer Notwehrsituation kann also in keiner Weise die Rede sein (Nothilfe ja, aber auch die aus Eigennutz - was aber wiederum die Nothilfe im Prinzip als solche nicht illegitim macht).

      2.) Candidus' Ausführungen zu der "zugrundeliegenden Intention" sind vielerlei irreführend.
      Einmal, weil das Töten von Unschuldigen als "Mittel zum Zweck" keinesfalls weniger verwerflich ist, als das Töten von Unschuldigen als Selbstzweck. Es gibt sogar eine Reihe ernstzunehmender Ethik-Ansätze, die das erste für schlimmer erachten würden. Die Auffassung, daß ein guter Zweck schlechte Mittel heiligen könnte, ist einer der unausrottbaren Barbarismen des Konsequenzialismus/Utilitarismus. Überhaupt lässt sich nur vor dem Hintergrund einer konsequenzialistisch-utilitaristischen Ethik ein Unterschied zwischen vermeintlich "zugrundeliegenden" und "nicht-zugrundeliegenden" Intentionen machen. Dieser Unterschied ist aber falsch. Wer einen Unschuldigen als Mittel zum Zweck tötet, intendiert zunächst einmal die Tötung dieses Unschuldigen. Daß er mit dieser Tötung eventuell noch einen weiteren Zweck verfolgt, ist für die ethische Beurteilung schlicht irrelevant: er bezweckt primär die Tötung des Unschuldigen (um damit dann vielleicht sekundär einen weiteren Zweck zu realisieren) und damit ist die Handlung ethisch unzulässig (all das gut ausgeführt bei Thomas Nagel: The View from Nowhere im Kapitel Deontology).
      Zum anderen sind sie falsch, weil - wie Wissmut auch richtig ausgeführt hat - wer einen Krieg durch Bombenangriffe gewinnen will, sich auf die Bombardierung kriegswichtiger Ziele (Industrie, Gleisanlagen etc.) konzentrieren kann und aus ethischen Gründen muss. Wer etwas anderes tut, wer statt Industrieanlagen, Gleisen usf., die Wohnquartiere der Zivilbevölkerung bombardiert, verfolgt evidentermaßen nicht primär den Zweck, den Krieg zu gewinnen, sondern primär den Zweck, Unschuldige zu ermorden (und eventuell noch den, Kulturgüter zu vernichten, um die kulturelle Identität des Feindes auszulöschen). Das legen übrigens auch nicht wenige Aussagen Churchills selbst (z.B. "Es gibt 70 Millionen Deutsche. Manche davon sind heilbar; der Rest ist umzubringen" oder die Rede von "Ausrottungsangriffen") nahe.

      Deshalb läuft auch Candidus weitere Argumentation ins Leere:
      Freilich wurden Unschuldige ermordet. Ich kenne allerdings auch fast keinen modernen Krieg, wo dem nicht so waere. Utilitaristische Erwaegungen spielen dabei doch eigentlich immer eine Rolle. Selbst bei gezielten Angriffen (wie sie heutzutage bei der Bombardierung von Staedten ueblich sind) kommen doch Unschuldige zu Tode. Es wird abgewogen, wie viele Menschen dabei ums Leben kommen, und ob es das Ziel wert ist.

      Dieses Argument ignoriert nämlich - gewollt oder ungewollt - einen zentralen Unterschied: den Unterschied nämlich zwischen "Kollateralschäden", die in Kauf genommen werden, aber nicht Zweck selbst der Handlung sind, und intendierten (und seien sie als Mittel zur Erreichung eines Zwecks intendiert) "Schäden". Es ist etwas grundsätzlich anderes, ob ich eine Panzerfabrik bombardiere, um die Panzerproduktion zu stoppen und dabei in Kauf nehme, daß Zivilisten, die in der Nähe wohnen eventuell getötet werden, oder ob ich bewußt und vorsätzlich Zivilisten töte, um Zivilisten zu töten (und damit eventuell noch den weiteren Zweck zu verfolgen, den Gegner zu Kapitulation zu zwingen). Das erste könnte und wollte ich auch realisieren, ohne das Zivilisten zu Schaden kommen, für das zweite muss ich wollen (intendieren), daß Zivilisten zu Schaden kommen, weil das unverzichtbarer Teil der Strategie ist.
      In der ethischen Theoriebildung ist dieser Unterschied seit langem im (von Thomas von Aquin erstmals explizit formulierten) "Prinzip der doppelten Wirkung" erfasst, nach dem ersteres unter bestimmten Umständen ethisch legitim sein kann, zweiteres aber prinzipiell niemals.

      Teil 2 folgt, sobald ich Zeit habe ...
    • Ich komme jetzt im zweiten Teil meiner Ausführungen zum m.E. stärksten Argument Candidus':

      Schon die Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kombattanten ist zwar einerseits zu loben, andererseits aber von einem individualistischen Standpunkt aus nur schwer zu rechtfertigen. Wieso soll ein Soldat (der u.U. gegen seinen Willen kaempft) legitimes Toetungsziel sein, nicht aber ein ziviler Arbeiter, der (u.U. aus innerer Ueberzeugung heraus) die Kriegswirtschaft stuetzt?


      Dieses Argument zielt darauf ab, die Unterscheidung zwischen Kombattanten und Zivilisten aufzuheben, indem die Zivilbevölkerung - oder wenigstens ein Teil von ihr, nämlich die Rüstungsarbeiter - sozusagen in die Schar der unmittelbaren Angreifer eingereiht wird.
      Dieser Argumentationszug hat aber natürlich fatale Konsequenzen: denkt man ihn zu Ende, so hebt er die Differenzierung zwischen Soldaten und Zivilisten vollständig auf. Nach dieser Logik wäre dann letztlich in einem Krieg j e d e r ein legitimes Angriffsziel, ob nun Arbeiter, Soldat, Bauer oder was auch immer. Damit wäre dann allerdings z.B. auch gegen einen Vernichtungskrieg, wie ihn das NS-Regime in der Sowjetunion geführt hat, aus moralischer Perspektive eigentlich nichts mehr einzuwenden.

      Unabhängig von dieser fatalen Konsequenz, gilt es aber, die Logik des Arguments in sich zu widerlegen. Wendet man die Notwehr-Analogie an, so ist es in der Tat nicht von der Hand zu weisen, dass auch derjenige, der den Angreifer in die Lage versetzt (z.B. indem er einem Heckschützen Munition bringt), seinen widerrechtlichen Angriff durchzuführen, ein legitimes Ziel von Notwehrhandlungen ist. Das ändert aber wieder nichts daran, daß eben - außer dem unmittelbaren Angreifer - auch n u r dieser Ermöglicher des Angriffs ein legitimes Ziel der Notwehr darstellt, aber eben nicht unschuldige Dritte, wie sie durch den Bombenkrieg eben wissentlich und willentlich auch getroffen wurden. Candidus' Argument erweitert also letztlich nur den Kreis legitimer "Angriffsziele", kann aber den Einwand, dass Notwehr sich legitimerweise nur gegen Angreifer, nicht aber gegen Dritte wenden darf, in Bezug auf den Bombenkrieg nicht entkräften.

      Heute nachmittag weiter mit Teil 3 ...
    • Bombenkrieg, Opfer-Täter, Architektur

      Finde Candidus sein Artikel von 18/8 logisch und komplett. Es gibt eine logische Erklärung für den Bombenkrieg und die Wiederaufbau die bestimmt war von moderne (mittelmässige) Architekten und Behörden die etwas ganz anderes schaffen wollten. Nichts war gezielt auf Aufhebung der Schäden und Zurückgabe des so wertvollen Kulturgutes (auch die Gründerzeitbauten!). Dabei wurden die Städteansichten offener, glatter, funktioneller, blöckiger und verschwand fast alle Schmuck!

      Leider empfinde ich die wenige historische Wiederaufbau als ein grosser Verlust. Die Städte sind dadurch nicht gemütlicher, schöner oder imponierender geworden. Es gibt einfach nicht mehr die Fülle an Details auf engster Grund, die warme Farben, Bogen und Runde Formen fehlen.

      Glaube nicht das die Unwille an Rekonstruktionen zusammenhängt mit dem Schuldbewusstsein der Deutschen (auserhalb einige Gebäuden der "Terror" in der Mitte Berlins), oder dass die Nicht-rekontruktion von Türme, Türmchen oder Kuppel zusammenhängt mit der Angst von andere Länder für den Deutschen, die so etwas wie eine Rekonstruktion der Macht erfahren könnten (es handelt nur um Prunk!!).

      Die neue Machthaber, Behörden und Kulturelle Elite hatten einfach nicht viel mit der Welt von vor der Krieg. Sie allen wollten etwas "anderes".
      So einfach ist es. Die einfache Bürger aber, oder Kunsthistoriker, haben immer der Wunsch geäussert dass die sich besser zuhause fühlten in die einstige Welt mit eine mehr romantische, persönliche und sogar imponierende Architektur. Die Aroganz aber regiert. Sehe Dresden, Stuttgart, Berlin.
    • "Candidus" wrote:


      Nach jahrelanger Beschwichtigungspolitik gegenueber dem nationalsozialistischen Regime erkennen britische Politiker, dass ihr bisheriges Entgegenkommen nicht zur Friedenssicherung beigetragen hat, sondern dass sich die Nationalsozialisten dadurch offenbar geradezu aufgefordert fuehlen, ihre expansive Politik weiterzubetreiben. Die "Zerschlagung der Resttschechei", der Griff ueber die deutsche Volksgrenze im weiteren Sinne, waere ja eigentlich schon ein Kriegsgrund gewesen. Der Angriff auf Polen (so berechtigt moeglicherweise einige Forderungen hinsichtlich der deutschen Minderheit in Polen, des Status von Danzig etc. waren) nach vorheriger Buendniszusage durch Grossbritannien und Frankreich ist es auf jeden Fall, auch wenn A.H. in seiner Blauaeugigkeit davon ausgegangen sein sollte, dass er so weitermachen konnte wie bisher. Deswegen halte ich es nicht fuer relevant, dass nicht Deutschland, sondern Grossbritannien und Frankreich den Krieg erklaert haben: Der Angriff auf Polen musste als Kriegserklaerung auch an die Westmaechte verstanden werden. In diesem Sinne ist GB nicht aus freien Stuecken in den Krieg gezogen.


      Ich glaube, es war Friedrich der Große, der einmal sagte, einen Krieg beginne immer der, der den anderen zu den Waffen zwingt, nicht wer zuerst angreift. Da ist schon was dran und dein Argument zielt ja in die gleiche Richtung. Das Problem ist nur, dass das (fast) immer jede Seite (auch die deutsche) in irgendeiner Weise in Anspruch nehmen kann - auch wenn es naturgemäß die jeweils andere Seite anders sieht. Niemand beginnt einen Krieg grundlos oder aus Spaß. Es gibt immer Gründe, die einen zu einem oder in einen bestimmten Krieg zwingen (das gilt für alle Seiten). Ich vermute, dass man deshalb lieber offizielle Kriegserklärungen oder konkrete Angriffe heranzieht, um zu bestimmen, wer angefangen hat. (Ins Reich der Absurditäten gehört für mich die "Verdammung des Angriffskrieges", denn jeder Krieg beginnt mit einem Angriff, und wenn es überhaupt ein ius ad bellum gibt, dann gibt es auch ein Recht anzugreifen.)

      Man muss sich also erst über die Voraussetzungen klar sein, um einschätzen zu können, ob für GB nun eine Art Notwehr vorlag oder nicht. Wie Philon sagte, rechtfertigt ein Bündnis mit Polen sicherlich nihct, von Notwehr zu sprechen. Ich würde im Falle von GB nicht Friedrich dem Großen rechtgeben, dass NS-Deutschland GB in den Krieg gezwungen und deshalb NS-Deutschland GB den Krieg erklärt habe, sondern die Kriegserklärung ging von GB aus. Ich sehe aber wohl, dass man es auch anders sehen kann. Nur finde ich Philons Argumentation gegen die Klassifizierung als Notwehr recht überzeugend. Zumal ja, selbst wenn man den Kriegseintritt als Notwehr auslegt, das immer noch keine Rechtfertigung für das gezielte Auslöschen zivilen Lebens und Kulturgütern ist.

      "Candidus" wrote:


      Wieso soll ein Soldat (der u.U. gegen seinen Willen kaempft) legitimes Toetungsziel sein, nicht aber ein ziviler Arbeiter, der (u.U. aus innerer Ueberzeugung heraus) die Kriegswirtschaft stuetzt? Der moderne Krieg stuerzt uns in prinzipiell unloesbare moralische Dilemmata. Es gibt keine gerechten Kriege, allenfalls gerechtfertigte. Und alle teilnehmenden Staaten werden sich auf die eine oder andere Weise die Haende schmutzig machen.


      Den letzten Punkt sehe ich ähnlich, zum ersten hat Philon bereits was gesagt. In der Tat legen wir i.A. an einen Krieg andere moralische Maßstäbe an als wir in Friedenszeiten aufrecht erhalten. Vieles, was im Krieg erlaubt ist (Töten von Menschen, Abbrennen von Häusern etc.), ist in Friedenszeiten sanktioniert. Wenn man nun in Kriegszeiten bereits mehr erlaubt, wo zieht man die Grenze? Es werden sich sicherlich nie alle einig sein, was nun noch legitim ist und was nicht.

      Selbst wenn man wie damals oder heute grobe Regeln hat, ist völlig klar, dass im Verlauf eines Krieges die gesetzten Grenzen überschritten werden. Das gab es immer und auf allen Seiten: Es gab sie auf deutscher Seite (Brandschatzungen, Morde etc.), auf britischer (gezielte Bombardements auf Zivilisten und Kulturgüter), auf us-amerikanischer (Atombomben) und auf russischer (Plünderungen, Vergewaltigungen). Daran hat sich ja auch bis heute nichts geändert (siehe z.B. Folter im Irak). Dass nun solche Auswüchse normal und unvermeidbar sind, sollte aber nichts an der moralischen Bewertung der einzelnen Tat ändern. Sie alle sind für sich genommen zu verurteilen - und zwar gleichermaßen und unabhängig davon, wer begonnen und wer gewonnen hat. Faktisch ist das natürlich nicht so, denn was Recht ist bestimmt immer der Sieger (und er schreibt auch die Geschichte). Das war auch schon immer so und wird auch so bleiben (wer nicht glaubt, dass die USA bestimmt, was in irakischen Schulbüchern steht, soll die Hand heben). Aber Recht ist eben nicht gleich Moral. Selbst wenn man die rechtliche Situation so hinbiegt, dass GB deutsche Zivilisten und Kulturgüter bombardieren durfte, sollte die morlaische Einschätzung solcher Taten davon unabhängig sein.

      Seit es Kriege gibt, will man Regeln für Kriege aufzustellen. Ich würde grob sagen, dass in einem Krieg alles erlaubt ist, was direkt und in erster Linie dem Erreichen des Sieges dient. Denn, das darf man auch nicht aus den Augen verlieren, Kriege werden nicht geführt, um gut oder fair oder sonstwas zu sein, sondern Kriege werden immer geführt, um zu gewinnen. Wenn einer gewonnen hat, ist er aus. Welche Mittel nun erlaubt sind, zu gewinnen, darüber kann man endlos streiten. Wenn man allerdings das gezielte und bloße Töten von Zivilisten legitimiert, dann mutiert der Kriegszustand frei jedweder Regel zum archaischen Urzustand, wo alles erlaubt und nichts verboten ist. Man muss sich überlegen, ob man das will.

      "Candidus" wrote:


      Interessant finde ich ja immer wieder den Aspekt, dass demzufolge ja nicht nur die Zerstoerung an sich eine Bestrafung darstellt, sondern in diesem Sinne auch die Architektur, die Stelle des Zerstoerten tritt. Hier wendet sich das Argument sicherlich in eine Richtung, die die Modernisten nicht so gerne sehen: Die moderne Architektur als Strafe fuer begangene Verbrechen.
      Einen wichtigen Punkt, den Du angesprochen hast, ist ja auch die Kontingenz der Zerstoerungen. Oder sollten sich die Regensburger moralisch besser verhalten als die Wuerzburger? Und ausserdem: Warum soll nur die Baukunst ihr Scherflein beitragen? Sollten wir nicht daran gehen, systematisch auch die Haelfte des deutschen musikalischen und literarischen Erbes zu zerstoeren?


      Das sind gute Punkte, die ich genau so sehe.

      "Candidus" wrote:


      Hier tut sich auch ein weites, fruchtbares Feld auf, in meinen Augen letztlich fruchtbarer fuer die Akzeptanz von Rekonstruktion als es Diskussionen ueber die Moral der Bombenangriffe.


      Und hier bin ich, entgegen Philon, ganz auf deiner Seite. Deshalb würde ich solche Diskussionen auch gar nie gezielt in Reko-Debatten führen. Das wäre mir zu kraftraubend, zu heikel udn zu langweilig. Aber jedem das seine und wenn Philon das versuchen will, warum nicht? Ich harre gespannt der Ergebnisse, die da kommen... ;)
      Eine der vorzüglichsten Eigenschaften von Gebäuden ist historische Tiefe.
      Die Quelle aller Geschichte ist Tradition. (Schiller)
      Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten.
    • Bombenkrieg, Schuldkult und Rekonstruktionen

      Irgendwie hat sich die Diskussion ganz weit von der von Philon gestellten Frage am Anfang des Threads entfernt. Ich würde sagen:

      Gibt es eine negative Beeinflussung auf den Willen zum Rekonstruieren in Deutschland durch den Schuldkult? Ich würde sagen: eher wohl. Davon hat Philon ganz am Anfang des Threads einige schöne Beispiele gezeigt.

      Kann man diese Beeinflussung umbeugen zu einer moralischen Rückenwind für Rekonstruktionen? Ich glaube nicht. Zu sehr ist man bei der Beurteilung dieser schrecklichen Krieg von Allen gegen Allen in unterschiedlichen Lagern gespalten. Es führt nur zu querelles d'allemands ad infinitum. Natürlich war die vorsätzliche und durchgeplante Tilgung unzähliger Menschen und Kulturgüter in Deutschland durch anglo-amerikanische Bomben ein Verbrechen, auch wenn es dazu ein deutsches Vorspiel gab, das allerdings dazu in keinerlei Verhältnis stand. Aber die Opponenten werden dann einwerfen, mann könne die angloamerikanische Bombardierung nicht singular betrachten.
      Übrigens hat dort, wo es einen solchen moralischen Rückenwind gab, und man glaubte, zu Recht oder auch weniger zu Recht, voll in seinem Recht zu stehen, zum Beispiel in Rotterdam oder Coventry, dieser nicht gerade zu Rekonstruktionen geführt. Auch in Frankreich (Normandie) sind nur sehr wenig zerstörte alte Stadtvierteln rekonstruiert. Allerdings sehen die Neubauten dort oft angepasster und regionaltypischer aus.

      Was bleibt übrig? Bei jeder Rekonstruktion in Deutschland muss man die Argumente entkraften, dass mit der Rekonstruktion irgendeine deutsche Schuld getilgt wird. Dieser gedankenlicher Fehlschluss ist sicherlich auf sehr viele Weisen zu entkraften
      VBI DOLOR IBI VIGILES
    • ZweiUrsachen zur Abneigung von Rekonstruktionen

      @Brandmauer.

      Es gibt also 2 Ursachen zur Abneigung der Rekonstruktion:

      A): Nach dem Krieg wurde von Behörden bewusst gezielt um neue "moderne" zeitgemässe Städte zu schaffen. Die Wiederaufbau von Bauten war meistens gerichtet auf: die wichtigste Kirchen, Schlösser und Opern, fast alle Stadthäuser und Industrieverwaltungsgebäuden. Alle Ruinen von andere Bauten wurden innerhalb von 20 Jahren abgerissen.
      In der DDR wurden aus ideologische Gründe auch Ruinen von einige wichtige Schlösser, Kirchen oder Bürgerliche Bauten abgerissen.
      Die Bauten der Gründerzeit wurden als "veraltet" angemerkt und meistens vereinfacht. Ruinen abgerissen.

      B): Das Schuldbewusstsein (an Ermordung der Juden) war nach dem Krieg weitverbreitet unter Deutschen, obwohl die Deutschen vom Bomberkrieg und Vertreibung auch ungeheuere Verluste erlitten hatten.
      Dass der sich steigernde und ungehemmte Bomberkrieg auch Genocide war und auch die Vertreibung 2 millionen Deutschen das Leben kostete wurde (bis heute) völlig verdrängt. Meiner Meinung nach ist dass eine Erklärung für die Abneigung um "Wilhelminische" oder "Grossmacht" Architektur wieder zu rekonstruieren.

      Finde selber das Argument A) viel mehr Impakt hatte dann Argument B).
      Denn zur Grossmachtarchitektur gehören keine Fassaden von Bürgerwohnungen, Türmen am Gründerzeitbauten, Gerichtsgebäuden, Bahnhöfe, Börse, Warenhäuser usw. Darauf wurde nähmlich bisher verzichtet.
    • Dass der sich steigernde und ungehemmte Bomberkrieg auch Genocide war und auch die Vertreibung 2 millionen Deutschen das Leben kostete wurde (bis heute) völlig verdrängt.


      Ich würde nicht sagen, dass diese Dinge bis heute völlig verdrängt wurden. Sie wurden nach dem Krieg zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich behandelt (auch unterschiedlich in Ost- und Westdeutschland). In diesem Sinne sind sie kontrovers. Es gab durchaus Tabus, aber nicht durchgängig.

      In dieser Hinsicht ist auf eines zu verweisen:
      Der Themenkomplex "Vertreibung" durfte in Westdeutschland durchaus behandelt werden (es war ja hauptsächlich eine sowjetisch-polnisch-tschechische Angelegenheit), während in der DDR keine Organisationen in der Art des BdV erlaubt waren und für die ehemaligen deutschen Städte im Osten nur noch die neuen slawischen Namen verwendet werden durften (also: keine Kritik an der Vertreibung).
      Umgekehrt tat man sich in der BRD mit einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Bombenkrieg schwer, während die DDR offen von anglo-amerikanischen Terrorangriffen sprechen konnte.

      Die Strategien waren also sehr simpel: Siegermächte in Ost und West waren sich darin einig, dass die Taten des ehemaligen Verbündeten (und jetzigen Feindes) zwar Verbrechen waren (oder zumindest sein könnten), auf gar keinen Fall aber die jeweils eigenen. Das sagt viel über die "Objektivität" aus, mit der an die jeweiligen Themen jahrzehntelang herangegangen wurde...
      http://www.menschenrechtsfundamentalisten.de
    • @uaoj36
      Ich denke das du mit die zwei Punkte recht hast.
      Man muß dabei aber bedenken das heutzutage punkt B wichtiger ist als punkt A denn fast jeder ist jetzt davon überzeugt das die moderne nachkriegsstadtplanung völlig mislungen ist.Dazu kommt natürlich das die meiste Städte inzwischen wieder aufgebaut sind.

      Das viele "alliierte" Städte nach dem Zweiten Weltkrieg auch modern wiederaufgebaut sind hat einfach zu tun mit dem allesbeherrschende Modernismus.Der Unterschied mit der wiederaufbau nach dem Ersten Weltkrieg ist riesig, Städte wie Arras, Reims, Verdun, Ypern, Diksmuide etc. wurden alle rekonstruiert sowie hunderte Dörfer samt Dorfskirchen.
      Es gab schon damals Diskussionen aber der Einfluß der Moderne konnte sich noch nicht durchsetzen gegenüber die Traditionalisten.Wie anders war es dreißig Jahre später! :weinen:
    • Heute Schuldbewustsein ein Argument gegen Reko's?

      @Gruttepier. Ja dass alles stimmt zwar, aber ich sehe heute Punkt B) nicht als der Ursache in Berlin bei heutige Renovierungen verzichtet wurde auf die beide Türme am Postmuseum; die Westfassade des Landgerichtes in der Littenstrasse oder die beide Kuppel am Staatsbibliothek.

      Es handelt bei dieser Verzicht nicht um Schuldbewustsein aber um:

      - nicht unbedingt alle "Wertvolles" rekonstruieren zu wollen (1);

      - missachtung der "Modernen" für die Gründerzeit, Barock, Neo-Stillen,
      besonders die Türme, Laternen und Kuppel (2);

      - Mangel an Geld. Künstliche Details rekonstruieren kostet viel Geld (3);

      - Unkenntniss über die verschwunden Pracht beim Publikum & Behörden:

      allen kennen jetzt das Schloss aber nicht: die grossen Warenhäuser;
      Einkaufspassagen, wuchtigen Eckbauten in der Leipziger Strasse,
      Königsstrasse; ehemalige Palais in der Wilhemsstrasse; Hotels in der
      Nähe der Leipziger platz; Kirchen in der Innenstadt; Börse (4).

      Ich denke das diese 4 zusammen eine sehr grosse Rolle spielen.
      Schuldbewusstsein ist nicht oder kaum dabei.....

      Natürlich wird die "Neue Reichskanzlei" nicht rekonstruiert. Obwohl eine solche Rekonstruktion zu einer gigantische Steigerung von Touristen oder Besucher führen wird........