Wiederaufbau der Garnisonkirche

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    • Citoyen wrote:

      Peinlich moralisierend und kulturlos – wie zu erwarten.
      Genau! Um nur nicht in Verdacht zu kommen restaurativ zu sein, wählt man eine herausstechende Schrift im Glauben sie sei ultramodern (dabei erinnert Sie eher an Bravoheftchen der 70iger) und grenzt sich damit gegen eine Verdächtigung erzkonservativ zu sein ab. Gleichzeitig meint man damit aller Rückwärtsgewandtheit enthoben zu sein und stellt sich damit selbst eine Absolution des reinen Gewissens aus, das doch schlechter nicht sein kann, wenn man sich seit Jahren derart in die Defensive (hier in Potsdam mit diesem Projekt) drängen läßt.
      Und der Bibelspruchs bringt's ja noch krasser: Der Herr soll also die Füsse richten. Einen Teufel wird er tun. Deutlicher kann man als Mensch seine Verantwortung ja nicht abtreten, gegen den Sockel treten als mit diesem Spruch.
      Ich glaube der Mensch ist seiner selbst und seiner Handlungen verantwortlich. An den Taten sollt ihr sie erkennen. Unser freier Wille leitet uns zu Taten an, die wir zu verantworten haben. Daß diese Taten gesegnet sind und im rechtmäßigen Sinne eingefügt ins Große und Ganze der Schöpfung geschehen, dazu mag uns Gottes Segen hilfreich zur Seite stehen. Darum können wir im Gebet bitten und gewisslich SEINEN Segen empfangen.
      Aber solche Bibelzitate wie dieser hier ist insgesamt nur abstoßend und zeigt die Schizophrenie der Kirchenleitung auf. Einerseits sich einen modernistischen Anschein geben wollen, andererseits auf einem Glaubensstand vorkant'scherPrägung stehengeblieben zu sein, tsss!???
    • Wie kann man auf ein so schönes Motto:

      Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens

      mit soviel Hass reagieren? Wie kann ein Bibelzitat "abstoßend" sein? Oder wie ein anderer schrieb: "peinlich moralisierend und kulturlos"? Das ist grundsätzlich völlig unmöglich.

      "Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens", ist ein ganz schlichter Satz. Dazu passt eine schlichte Schrift. Wir haben es hier inhaltlich nicht mit einer barocken Gedenktafel zu tun, also verwendet man auch nicht die Schrift einer solchen. Nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges hat dieser Wunsch noch eine ganz andere Eindringlichkeit erhalten. Es ist klar, dass man eine Schrift wählt, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist. Zudem müsst ihr bedenken, dass der Text in mehreren Sprachen erscheint. Die Bodoni ist eine klassische Lateinschrift und hat im Russischen keine Tradition. Die Fotos von Potsdam-Fan zeigen vor allem den russischen Text. Ich muss sagen, dafür passt die Schrift sehr gut.

      Wir sehen auf den Fotos das Ende des polnischen Textes, der im Ganzen lautet:

      SKIERUJ NOGI NASZE NA DROGĘ POKOJU

      und den größten Teil des anschließenden russischen Textes, der da lautet:

      НАПРАВЬ НОГИ НАШИ НА ПУТЬ МИРА

      Und nun noch ein bisschen Theologie: In der evangelischen Kirche sprechen wir vom Lobgesang des Zacharias. Er gehört zum Lukas-Evangelium. Es ist ein Auszug des Textes zum ersten Adventssonntag. Wir sind im 1. Kapitel. Elisabeth hat gerade Johannes den Täufer geboren, und dem Zacharias wurde die Zunge gelöst, und er stimmt den Lobgesang an. Danach folgt das 2. Kapitel mit der berühmten Weihnachtsgeschichte: "Es begab sich aber zu der Zeit ..."

      Die konkrete Textstelle ist Lukas 1, 79. Ich zitiere mal mit dem Kontext aus meiner alten Lutherbibel:

      "Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten heißen; du wirst vor dem Herrn hergehen, daß du seinen Weg bereitest
      und Erkenntnis des Heils gebest seinem Volk, das da ist in Vergebung ihrer Sünden,
      durch die herzliche Barmherzigkeit unsers Gottes, durch welche uns besucht hat der Aufgang aus der Höhe,
      auf daß er erscheine denen, die da sitzen in Finsternis und Schatten des Todes und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens."

      Das "Kindlein" ist Johannes der Täufer. Es handelt sich um einen der zentralen Texte der Christenheit (das Benedictus der Katholiken). Eine bessere Stelle aus dem Evangelium hätte man für den Wiederaufbau der Garnisonkirche doch gar nicht finden können. Christen beziehen sich auf das Evangelium. Die politischen Spekulationen könnt ihr euch schenken. Wie es scheint, wünschen sich hier einige eine völlig sinnentleerte barocke Kulisse und keine Kirche.

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    • Hallo Rastelli,

      ja, Stadtreparatur: das ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf den sich hier die Christen und Nicht-Christen und Nicht-mehr-Christen nur einigen können. Wenn Du es Kulisse nennen möchtest, bitte. Ein Wort schärfer und Du bist dann nicht mehr weit von denen entfernt, die die Kirche und deren dann sichtbares Symbol in Potsdams Mitte, mit allen Mitteln bekämpfen.

      Dann ist auch das Stadtschloss Kulisse für den Landtag und das Barberini Kulisse für die Kunst. Meines Erachtes gibt es nichts besseres, als eine von allen beachtete Kulisse, die die Aufmerksamkeit auf das Innere lenkt.

      Und auch Friedrich Zwo wurde immer wieder bei seinem Stadtumbau Potsdams vorgeworfen, nichts Anderes, als (leere) Kulisse in der Stadt zu produzieren. Heute gilt diese Kulisse als schönste Ausprägung Potsdams.

      Und nein, ich widerspreche! Man hätte nicht diese Schriftart wählen müssen. Dies zeugt nur vom dogmatischen Denkmalschutzanspruch: jegliche Zutat oder Änderung muss als "Bruch" sichtbar werden. Über Jahrhunderte haben wir nicht brechend gebaut, sondern ERGÄNZEND! Und nur weil unsere Vorväter so gehandelt haben, waren unsere Städte schön. Genau das ist übrigens wieder der kleinste gemeinsame Nenner: hier geht es vornehmlich um Schönheit. Erst an zweiter Stelle steht momentan der Zweck, die Verkündigung. Erst wenn der vollständige Trum steht, wird dieser Zweck an erste Stelle treten können.

      Und ich hoffe inständig, dass die evangelische Kirche Berlin-Brandenburg schlesische Oberlausitz sich danach nicht am Krichenschiff -DER EIGENTLICHEN KIRCHE- vergreift und vergeht! Denn dort gilt dann wiederum, was momentan beim Turm an erster Stelle steht.

      Gruß Luftpost

      PS: in ergänzender Schriftart und Machart wären die Sprüche eine akzeptable Zutat gewesen. Doch in dieser Art: Chance zu Einen, zu Versöhnen verpasst, stattdessen neue Zwietracht gesät!
      Wenn Bilder nur in absoluter Verfügungsgewalt des Forums geduldet werden, gibt's halt keine Bilder mehr. Natürlich auch keine alten Bilder ...

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    • Rastrelli wrote:

      Die Bodoni ist eine klassische Lateinschrift und hat im Russischen keine Tradition. Die Fotos von Potsdam-Fan zeigen vor allem den russischen Text. Ich muss sagen, dafür passt die Schrift sehr gut.
      Gegen den Spruch habe ich nichts. Die Umsetzung ist aber trotzdem nicht des Bauwerks würdig. Es handelt sich eben nicht um ein Hochhaus in Frankfurt oder sonstwo an dem ein Architekt sich etwas spielt und am Sockel einen hippen Spruch anbringen will, und es trotzdem möglichst billig werden soll.
      Off Topic: Übrigens gibt es sehr wohl kyrillische Schriften die sich an der Bodoni eng anlehnen, wenn mich nicht alles täuscht hat sogar G. Bodoni selbst eine entworfen und in seinem Handbuch der Typographie veröffentlicht. Auch damals hatte man schon den internationalen Markt im Blick.
      Die Moderne verleugnet ihre Herkunft, weil sie fürchtet, die Auseinandersetzung mit ihr könnte sie überfordern - oder ihr gar ihre eigene Banalität vor Augen führen. — Dr. Melanie Möller
    • @Luftpost
      Im Turm wird es eine Kapelle geben, und wenn die geweiht ist, dann ist der Turm bereits eine Kirche. Ich hatte mich über den Widerspruch gewundert, dass einige Leute sich kirchenfeindlich äußern, aber die Garnisonkirche wiederhaben wollen.

      Luftpost wrote:

      Meines Erachtes gibt es nichts besseres, als eine von allen beachtete Kulisse, die die Aufmerksamkeit auf das Innere lenkt.
      Aber was soll hier dann das Innere sein? Die anderen Bauten, die du genannt hast, hatten bei Beginn des Wiederaufbaus ein klares Nutzungskonzept. Für die Garnisonkirche ist eine kirchliche Nutzung vorgesehen. Wenn aber einige keine Kirche wollen, dann haben wir im Innern eine Leere. Ich bin nicht der Meinung, dass die Garnisonkirche zur Stadtreparatur gebraucht wird.

      Ich wundere mich über deinen kirchenfeindlichen Ton. Die Garnisonkirche gehört doch der Landeskirche. Warum sollte die sich an ihr "vergreifen und vergehen"? Und nein, die Kirche will nicht Zwietracht säen, sondern sie tritt für Versöhnung und Frieden ein.
    • Kurz drei Dinge:

      1. Die Sockelinschrift ist inhaltlich nicht zu beanstanden, wohl jedoch in ihrer Größe, Aufdringlichkeit und Pseudo-Internationalität. Die Errichtungswidmung des Soldatenkönigs, der sich angeblich so wichtig genommen hatte, fiel jedenfalls deutlich bescheidener und künstlerischer aus. Die gezeigte Wurmschrift ist auch keine "Bodoni" sondern eher eine DIN-Normschrift. Grausam.

      2. Die Entscheidung zur Wiedererrichtung (vorerst) des Turms ist aus weit überwiegendem Teil aus Gründen der Stadtreparatur zustande gekommen. Die Kenner des Grundrisses der Potstdamer Altstadt werden die Gründe sofort wissen (Dreikirchenachse, Gestaltung und Varianz in der Breiten Straße, Dominante am Stadtkanal, Proportion zum Neustädter Tor, Aufwertung Waisenhaus und Hiller-Brandtsche-Häuser). Anderen wird sich die städtebauliche Notwendigkeit erst nach Fertigstellung erschliessen (wie z.B. Rastrelli), aber das ist auch nicht schlimm. Gut Ding will Weile haben und es ist in der Geschichte von Rekonstruktionen noch kein fall bekannt geworden, in dem die Menschen die Rekonstruktion bereut haben und den Bau wieder abgetragen haben.

      3. Von der Nutzung her ist eine Kirche und ein Kirchenzentrum. Hier konzentriert sich auf der einen Seite die "Friedensarbeit" der Kirche (die man bewerten kann wie man mag) und auf der anderen Seite die Auseinandersetzung mit dem Deutschen Widerstand (zu dem man auch unterschiedliche Haltungen haben kann. Daß es bei solchen Themen immer auch andere Stimmen und Meinungen gibt ist selbstverständlich, das widerspricht aber nicht dem Vorhaben als solches.

      Aber auch Kirchen unterliegen Wandlungen. Warten wir doch ab welches Profil die neue Garnisonkirche in 20 Jahren haben wird und erfreuen wir uns am Wachsen eines so schönen barocken Turmes.
      „Wer sich der Vergangenheit nicht erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.“ George Santayana (1863-1952), US-amerikanischer Philosoph spanischer Herkunft

      The post was edited 2 times, last by Konstantindegeer ().

    • @Rastrelli Auch von meiner Seite nichts gegen den Bibelvers* an sich.

      Warum moralisierend? Die Auswahl der Sprachen spielt auf den 2. Weltkrieg an, der mit der Garnisonkirche nicht unmittelbar in Beziehung steht. In der Friedenskapelle im Inneren mag das angehen, aber eben nicht an so prominenter Stelle.

      Warum kulturlos? Zu allen Zeiten vermittelten Kirchenbauten Botschaften durch Bauplastik, Malerei und auch Schriften. Diese Schrift, in dieser Machart, an dieser Stelle hat für mich aber nichts mit der abendländischen Kultur zu tun.

      Darauf muß man nicht mit Haß reagieren, aber Häme ist durchaus angebracht.

      *EDIT: Genau genommen ist es eine Ableitung aus einem Bibelvers: Aus einer Verheißung (...um unsere Füße zu richten/auf daß er richte unsere Füße...) wird hier eine Bitte (Richte unsere Füße...).

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    • Luftpost wrote:

      Und nein, ich widerspreche! Man hätte nicht diese Schriftart wählen müssen. Dies zeugt nur vom dogmatischen Denkmalschutzanspruch: jegliche Zutat oder Änderung muss als "Bruch" sichtbar werden. Über Jahrhunderte haben wir nicht brechend gebaut, sondern ERGÄNZEND! Und nur weil unsere Vorväter so gehandelt haben, waren unsere Städte schön.
      Ich teile deine Sichtweise uneingeschränkt, und ich frage mich (schon seit Jahren), wer sich als berufen erklärt hat, derartige Dogmen zu verkünden. Wieso tritt der Aspekt "Was dem Auge gefällt" hinter solchen künstlich erfundenen Leitsätzen so oft in den Hintergrund?
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      Gutmensch = Gut gedacht, nicht nachgedacht, schlecht gemacht
    • Übrigens habe ich als überzeugter Christ ebenfalls ein Problem mit dem Gebrauch des Bibelzitates in diesem Zusammenhang. Auf Deutsch heißt die vollständige Aussage bei Lukas "78 Unser Gott ist voll Liebe und Erbarmen; er schickt uns den Retter, das Licht, das von oben kommt.79 Dieses Licht leuchtet allen, die im Dunkeln sind, die im finsteren Land des Todes leben; es wird uns führen und leiten, dass wir den Weg des Friedens finden.«" (Übersetzung Gute Nachricht; Quelle bibleserver.com/text/GNB/Lukas1).

      Zacharias hatte damals über Jesus Christus gesprochen und über den Frieden, den seine zukünftige Versöhnungstat jedem, der dieses Geschenk annimmt, persönlich bringen wird.

      Um auf einer ehemaligen Militärkirche den Gegensatz von militärischem Krieg und Frieden zum Ausdruck zu bringen, taugt diese Aussage nicht.
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      Gutmensch = Gut gedacht, nicht nachgedacht, schlecht gemacht
    • Danke! Lächerlich ist das passende Wort. Als stiller Mitleser schüttele ich eigentlich nur noch den Kopf.

      Ich freue mich, dass dieses Gebäude nun endlich gen Himmel wächst. Als überzeugter Atheist ist es mir auch völlig egal, welcher Zacharias oder Jesus oder sonst wer vor 2000 Jahren irgendwas über irgendjemanden gesagt haben. Ein schöner Spruch, der das Anliegen dieses Baus unterstreicht.

      Ich fiebere der Fertigstellung entgegen!
    • Ich finde die Schrift jetzt auch nicht berauschend, aber ein Bruch ist sie gewiss nicht. So etwas ähnliches könnte ich mir dann auch für die "Sichtbarkeit der Geschichte" im Kirchenschiff vorstellen in Form von z.B. Buntglasfenstern. Besser als ein Keil durchs Gebäude auf alle Fälle. (Keile und Brüche sind nämlich Ausdruck von Teilung, nicht Versöhnung, liebe EKD)
      Es gibt eine Architektur, die zur Landschaft gehört, sowie eine andere, die sie zerstört.
    • Das Bibelzitat von Martintre macht deutlich, wie sehr sich die verschiedenen Bibelübersetzungen in der konkreten Wortwahl voneinander unterscheiden. Die für den Kirchturm gewählte Formulierung geht auf Martin Luther zurück, folgt also der preußischen Tradition. Dass das Zitat im Kontext eine etwas andere Nuance hat, ist richtig beobachtet. Aber es ist gängige Praxis der Kirche, kurze Textstellen aus größeren Zusammenhängen der Bibel herauszulösen.

      Die Entwurfsplanung für den Wiederaufbau machen Hilmer & Sattler und Albrecht. Das sind Garanten für gutes Bauen in historischem Kontext. Von ihnen stammt z.B. die Berliner Gemäldegalerie am Kulturforum und das Museum Barberini.
    • Konstantin, es muss heißen "Evangelische", und die aktuelle Lutherbibel ist natürlich von 2017. Wir hatten doch das große Lutherjahr, und da wurde mit einigem Medienrummel eine revidierte Bibelübersetzung präsentiert. Die Textstelle findet sich dort genauso wie auch in Bibeln, die vor langer langer Zeit von der Preußischen Hauptbibelgesellschaft herausgegeben wurden, vielleicht sogar schon in ganz frühen Drucken der Lutherbibel, aber das müssen wir hier nicht heraussuchen.