Fachwerkbauten in Limburg an der Lahn

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    • Fachwerkbauten in Limburg an der Lahn

      Limburg an der Lahn


      Der äusserst sehenswerten, gepflegten und gut erhaltenen Altstadt von Limburg an der Lahn widmete ich nicht bloss einen Besuch ihres Flairs und aller Sehenswürdigkeiten, sondern mich interessierte hier vor allem die Häufung der ältesten erhaltenen Fachwerkbauten Deutschlands. Limburg liegt auf der Linie zwischen Frankfurt am Main und Köln. Wer sich über allgemeine Informationen zu dieser Stadt interessiert, wird in Wikipedia oder limburg.de fündig. Hier seien nur die wichtigsten Fakten zu ihrer Geschichte wiedergegeben, welche dazu geführt haben, dass hier besonders viel sehr alte Bausubstanz überdauert hat.



      1. Erster Rundgang durch die Altstadt (hinunterscrollen)
      2. Rundgang mit Schwergewicht auf baugeschichtlichen Beobachtungen
      3. "Giebelkunde"
      4. Rekonstruktionen
      5. Analytische Freilegungen
      6. Letzter Rundgang durch die Altstadt
      7. Quintessenz (älteste Fachwerkbauten, Erdgeschosshallen, Entwicklung des geschweiften Giebels)
      8. Eruierung eines (namenlosen?) Zimmermeisters aus dem Ende des 16. Jahrhunderts, Teil 1, Teil 2, Teil 3 ("Altes Rathaus" in Diez)

      Einzelbauten:

      Fischmarkt 20, Allgemeines , Teil 2: Restaurierung Fachwerkgiebel
      Kolpinggasse 3
      Kornmarkt 10 u. 11
      Plötze 16
      Plötze 17, 1. Fortsetzung, 2. Fortsetzung
      Plötze 19-20
      Salzgasse 10-12 (hinunterscrollen)
      Salzgasse 21
      - Erster Rekonstruktionsversuch der Westfassade
      - Bauetappenplan Nordfassade
      - Denkmalpflegerisch-kritische Gedanken zu einer Rekonstruktion der Fassaden
      - Eckturm

      Kulturdenkmäler-Inventar:

      denkxweb.denkmalpflege-hessen.de




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      Dem Ursprung der Stadt ging vor dem 10. Jh. die Gründung einer Burg voran, und innerhalb des Burgareals der Bau einer Kirche anstelle des heutigen Doms. Der Altstadtkern entwickelte sich im 11. Jh., welcher dann im 12. Jh. mit einer Mauer umschlossen wurde. Nachdem die Stadt zu Beginn des 13. Jh's das Stadtrecht erhalten hatte, führten in der Folge Feuer, Verpfändung der Stadt, Pest sowie auch der Aufstieg von Territorialfürsten zu ihrem Niedergang. Ein Wiederaufstieg gelang ihr erst wieder im 19. Jh. in ihrer Funktion als Bischofsresidenz, Eisenbahnknotenpunkt und Kreisstadt. Wohl aus diesen Gründen wurden während Jahrhunderten die Häuser nicht einfach abgerissen und ersetzt, sondern immer wieder repariert und vergrössert.

      In der Literatur über die ehemalige Altstadt von Frankfurt heisst es oft, dass man sich anhand von Limburg am besten ein Bild der nachmittelalterlichen Altstadt Frankfurts machen kann. Auch deshalb weckte Limburg mein Interesse.



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      Am 14. Mai 1289 vernichtete ein verheerender Stadtbrand weite Teile der Stadt. Aus der Wiederaufbauphase sind noch einige Häuser erhalten, deren Alter während Restaurierungen in den letzten Jahren dendrochronologisch nachgewiesen werden konnte. So auch zum Beispiel beim Haus Kleine Rütsche 4, welches 1289 als Hallenhaus errichtet worden ist, und um 1670 durch einen durchgreifenden Umbau sein heutiges Aussehen erhielt. Es steht an der engsten Stelle der Stadtdurchfahrt auf dem alten Handelsweg Flandern - Byzanz, oder bescheidener ausgedrückt, von Köln nach Frankfurt.



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      Beim ersten Rundgang ist mir aufgefallen, wie schmuckfreudig die Fassaden sind. Dies im Gegensatz zu Frankfurt, dessen Häuser einst nach aussen ein zurückhaltenderes Gesicht zuwandten. Hier ist bereits der rheinische Einfluss im fränkischen Fachwerkbau spürbar, welcher sich vor allem ab dem 17. Jh. mit reichen Zierfachwerken manifestierte.

      Limburgs Wiederaufstieg im 19. Jh. ging beinahe spurlos an der Altstadt vorüber. Das hat sicher massgebend auch damit zu tun, dass der Bahnhof relativ weit weg vom Burghügel angelegt worden ist, und sich deshalb das Geschäftszentrum an die Verbindungsaxe und in die flacher gelegenen Quartieren verlagerte. Somit ist auch der Historismus nur sehr spärlich in der Altstadt vertreten (dies im Gegensatz zu Marburg an der Lahn, wo zwischen 1870 und 1900 zahlreiche jahrhundertealte Bauten historistischen Fachwerkgebäuden Platz machen mussten).

      Einer dieser wenigen Historismus-Bauten (siehe Bild oben) steht nahe beim Kornmarkt, dem heutigen Hauptzugang zur Altstadt. Die jüngste Restaurierung ist von der Farbgebung her sehr gelungen und dezent ausgefallen. Zwischen diesem Gebäude und dem vorhin gezeigten Haus Kleine Rütsche 4 liegen 700 Jahre Fachwerkentwicklung auf engstem Raum vereint!



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      Wenn man vom Bahnhof her geradlinig zur Altstadt läuft, erreicht man nach dem Überqueren der Grabenstrasse (dem Namen nach dem Verlauf der ehemaligen Stadtmauer folgend) den Kornmarkt. An seinem oberen Ende empfängt einen dieses Haus, ebenfalls dem Historismus (um 1900) entstammend. Man erkennt dies am untektonischen Verlauf der Holzbalken, welche in dieser Anordnung keine aussteifende Funktion mehr ausüben können. Der Historismus läutete bereits das Ende der uralten, traditionellen Zimmermannskunst ein (nachdem diese ja gerade durch den Historismus selbst nochmals ein kurzes Aufblühen erlebte!), indem er im Fachwerk mehr das Dekorative als denn das Konstruktive sah.

      Die Versprossung der Fenster, auch wenn letztere wohl dem ursprünglichen Vorbild gemäss ersetzt worden sind, weisen ebenfalls auf die vorletzte Jahrhundertwende. Auch hier stand der Gestaltungswille im Vordergrund, indem man die Sprossen vor allem auf die Oberlichter beschränkte. Bei historischen (nicht hisoristischen!) Fenstern musste die Sprossung aus technischen Gründen (Glasgrösse) zwingend auf die ganze Fensterfläche verteilt werden. Leider ist das Erdgeschoss in jüngerer Zeit unnötig "rustikal-dunkel" lasiert worden.



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      Am Ende des Kornmarkts beginnt auch der innere Kern der Altstadt. Die Gassen sind geschlossener bebaut und teilweise recht eng, wie die hier beginnende Salzgasse. Auffallend sind die oft anzutreffenden zweigeschossigen Erker, welche aus dem Fachwerkgefüge herauswachsen. Hier sieht man bereits, dass die gesamte Altstadt farblich sehr ansprechend gestaltet ist, und dies bei einem Nebeneinander von verputzten, verschieferten und freigelegten Fassaden. Nur dem Besitzer der mittleren beiden Häuser würde ich den 1. Preis "Limburg's schönste Erdgeschossfront" verleihen!!



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      Detailaufnahme des Erkers am Preisträgerhaus: das Traggerüst hat sich deutlich abgesenkt. Nachträglich ist die Basis begradigt und mit neuen geschnitzten Bügen unterstützt worden. Auch die Fensteröffnungen sind, teilweise durch Aufdoppelung und Abschrotung des Brustriegels, begradigt worden. Ich vermute, dass diese Massnahme etwa zur gleichen Zeit wie der Bau des historistischen Nachbarhauses erfolgte; dazu passten auch die Fenster mit den auf die Oberlichter beschränkten Sprossen.

      Im Marburger Bildindex findet sich tatsächlich eine Photographie, welche den Erker vor dieser Reparatur festhält. Aussergewöhnlich ist die Aufteilung der beiden Giebelhäuser auf drei Besitzer, wovon der mittlere je eine Hälfte besass.





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      Ein Ausschnitt zweier Häuser an der Salzgasse belegt die enorme Schmuckfreudigkeit der Limburger. Meistens sind die Profile und Schnitzereien der Balken in Ocker- und Blau/grün-Tönen hervorgehoben. Der Rot-Ton des linken Hauses ist allerdings etwas zu grell geraten; ich denke kaum, dass man früher mit natürlichen Pigmenten ein solches Rot hinbekam.

      Um sich ein Bild jüngerer Veränderungen oder Teilrekonstruktionen an den Fassaden zu machen, lohnt es sich, die Oberflächen der Balken genau zu betrachten. Die neuen Hölzer haben meistens eine glatte oder maschinengesägte Oberfläche, was unschwer beim rechten Haus festgestellt werden kann. Aber aufgepasst: es kann auch altes Holz wieder verwendet werden...



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      Ein kurzer Blick zurück: auffallend das mächtige Giebelhaus Salzgasse 10/12 in Bildmitte. Dreifache Auskragungen, und dies auch in dieser Ausladung, sind hier eine Seltenheit. Wahrscheinlich eines der interessantesten noch zu restaurierenden Gebäude hier... Beim linken Haus erkennt man leicht zwei Bauphasen: die klassizistische Fensteranordnung und die Schaufenster sind ziemlich horizontal, während die Böden stark duchhängen. Die profilierten Schwellen beweisen, dass der ursprüngliche Bau als Sichtfachwerkbau (16./18 Jh.) konzipiert, und im 19. Jahrhundert dann die Fenstereinteilung egalisiert worden ist, unter gleichzeitigem Verputzen des Balkenwerks.



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      Auch Schiefer hat einen vielfältigen Reiz (Blick von der "Plötze" zur Salzgasse). Bemerkenswert ist der rechts angeschnittene Erker: seine Grundform beschreibt einen Halbreis, und kein Polygon, was im Fachwerkbau sehr selten ist!



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      Das untere Eckhaus des Häuserblocks, dessen Auftakt das am Anfang gezeigte Haus Rütsche 4 bildet, zeigt eine Besonderheit Limburgs: Verzierungen in den Wandflächen seitlich der Fensterstürze, welche in vielfältigen Formvariationen vorkommen. Ob die hier gewählte Variante mit dunkler Ausmalung dem ursprünglichen Aussehen entspricht, entzieht sich meiner Kenntnis; bei den meisten andern Fassaden sind diese eingetieften Formen mit Verputz ausgefüllt und weiss gestrichen.



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      Eine besonders gut gelungene Restaurierung kam der Fassade von Fischermarkt 18 zu gute, bei welcher die ursprüngliche Fensterteilung nicht vollständig rekonstruiert wurde. Der neuzeitliche Einbau des achtteiligen Reihenfensters ist an den glatten Balkenoberflächen sowie am fehlenden Durchhang zu erkennen.



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      Von hoher Zimmermannskunst zeugt dieses kleine Eckhaus am Fischmarkt mit dreifach abgewinkelter Fassade! Während der jüngst vorgenommenen Restaurierung wurde das Haus monumenten-archäologisch genau untersucht, und ein Kernbau aus dem Jahre 1291 festgestellt. Die hier zu sehende Fassadenpartie des 1. Obergeschosses dürfte allerdings konstruktives Fachwerk aus dem 19. Jahrhundert sein, während das 2. Obergeschoss mit den überkreuzten Streben dem 15. Jahrhundert entstammen dürfte.



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      Nochmals dieses herrliche Haus...!



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      Beim Eckhaus beginnt eine kleine Nebengasse, welche zur Lahnbrücke hinunterführt. Rechts ist eines der ganz wenigen massiv gebauten Hallenhäuser zu sehen, deren Ursprünge möglicherweise bis ins 13. Jahrhundert zurückreichen.



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      Ein paar Schritte weiter unten scheint es sich gut zu wohnen; die Häuserzeilen sind aufgelockert, und immer wieder findet man kleine Plätzchen dazwischen. Sogar den Bodenbelägen schenkte man gewisse Aufmerksamkeit, damit diese nicht zu gekünstelt und überperfekt aussehen. Schade ist nur, dass es den Restaurantbesitzern am nötigen Feingefühl für Ästhetik mangelt. Aber das ist ein weit verbreitetes Übel. Gut, diesem Wirt hier seien seine schweren Bänke verziehen, da auf unebenem Boden leichte Tische und Stühle dauernd wackeln würden. Es gibt aber Städte, welche den öffentlichen Grund den Gewerbetreibenden nur mit der Auflage zur Verfügung stellen, dass Sonnenschirme und Mobiliar keine Reklamen tragen dürfen, und keine störenden grellen Farben aufweisen dürfen. Da hätte Limburg noch ein grosses Nachholbedürfnis. Na ja, wenigstens man findet keine Palmen als Abgrenzung...



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      Man kann sich fragen, weshalb hier ein Neubau (mit aufgeschraubten Holzbalken!) steht, und was für ihn geopfert worden ist... nicht übermässig störend, aber... ich finde einfach keine Worte dafür! Öfters begangene Strassen und Gassen sind mit Betonverbundsteinen belegt, welche ihrerseits auch wieder uneben geworden sind, und eine Patina angesetzt haben.



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      Gleich dahinter findet sich diese rekonstruierte Erdgeschossfront mit Spitzbogen.



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      Eine sehr idyllische Wohnlage findet man am Römer. Das Haus im Hintergrund, Römer 1, war lange Zeit im Guiness book of records als ältestes Fachwerkhaus Deutschlands verzeichnet. Sein Kernbau reicht ins Jahr 1296 zurück, und wurde 1975-77 restauriert. Der dafür verantwortliche Architekt, Franz Josef Hamm, hat sich bei vielen fachmännischen Restaurierungen in Limburg grosse Verdienste erworben!



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      Von der höher gelegenen Gasse "Nonnenmauer" erheischt man zwischendurch Blicke an die Rückfronten der Häuser an der Salzgasse, wie hier beispielsweise an die zusammengefassten Häuser mit der unpassenden Ladenfront vorne.



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      An einer andern Nebengasse steht dieses merkwürdige Haus. Es scheint eine profanierte ehemalige Kapelle zu sein, welche um die vorletzte Jahrhundertwende eine Aufstockung erhielt.



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      An der Kolpinggasse stösst man auf dieses merkwürdige Haus. Das 1. Obergeschoss ist ein Sichtfachwerk aus dem 17./18. Jahrhundert; beim 2. Obergeschoss und Dachgeschoss handelt es sich um eine Aufstockung im 19. Jahrhunderet, welche möglicherweise aus einem Quergiebel über dem 1. Obergeschoss hervorgegangen ist. Eine Verschieferung der oberen beiden Geschosse hätte diesem Haus besser angestanden, als die dünnen Balken hervorzuholen. Gleich danach folgt wieder ein sehr interessantes Haus...



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      Bild rechts aus: Der spätmittelalterliche Fachwerkbau in Hessen, G. Ulrich Grossmann, 1983

      Kolpinggasse 6 ist wieder ein Gebäude aus der Zeit des Wiederaufbaus der Stadt nach dem Brand von 1289. In der Literatur habe ich zwar nichts über dieses haus gefunden, aber die Grundstruktur besteht auch wieder aus haushohen Ständern mit aufgeblatteten Riegeln und der markanten Auskragung an der Giebelseite. Diese Auskragungen waren weder konstruktiv bedingt noch dienten sie der Vergrösserung des Wohnraumes über die Gasse hinaus; vielmehr hatten diese repräsentativen Charakter. Dies sieht man bei andern Bauten, welche massiv gebaut sind, aber eine Hauptfassade aus eingestelltem Fachwerk haben.

      Das Dach oder mindestens das Giebeldreieck ist nachträglich ersetzt worden, ebenso ist der Vorbau eine spätere Zutat. Die vorgezogene Baulinie des jüngeren Nachbarhauses hat der Nr. 6 zusätzlich an Wirkung eingebüsst. Betrachtet man die Photographie von vor der Restaurierung, merkt man schnell, dass der Laie in diesem Haus alles andere als seinen ausserordentlichen bauhistorischen Wert sah, und statt dessen einem allfälligen Abbruch nur hätte zustimmen können.



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      Gleich gegenüber wieder mal einen Blick hinauf zum Dom, welchen insgesamt sieben Türme bekrönen. Aus dieser Perspektive sieht es fast so aus, als ob zwei Kirchen nebeneinander stünden; dabei umgeben vier kleinere Türme den Vierungsturm, und lassen dieses Bauteil von hier aus als eigenständiges Bauwerk erleben.



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      Rossmarkt 15, ein Gebäude, wie man es sich ganz gut auch im alten Frankfurt hätte vorstellen können.



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      Parallel zum Kornmarkt führt der Bischofsplatz wieder zur Grabenstrasse hinunter. Nicht die Aufnahme ist schief geraten, sondern dieses Eckhaus (Nr. 9) auf viertelkreisförmigem Grundriss ist in Schieflage geraten! Beim ebenfalls schiefen Nachbarhaus (Nr. 7) kann man aus diesem Blickwinkel gut erkennen, dass die Fenster begradigt worden sind.



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      In den Bischofsplatz mündet rechts die Barfüssergasse als Verbindung zum Kornmarkt, und findet ihre Fortsetzung wieder in der Salzgasse, wo wir den Rundgang begonnen haben.



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      Anschliessend ans Eckhaus, welches (abgesehen vom Erker) ans abgewinkelte Haus am Fischmarkt erinnert, folgen Barfüssergasse 20 bis 4.



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      Ein Blick nach oben zeigt, wie eng diese Gasse ist (vor Nr. 14 und 12).



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      Am Ende der Barfüssergasse erreicht man wieder den Kornmarkt, wo auch die Kolpinggasse, Salzgasse und Böhmergasse (nicht sichtbar, links vom Haus in Frontalansicht) einmünden.



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      Die Böhmergasse liegt bereits wieder abseits vom Touristenstrom, und wird durch eine uneinheitliche, lockere Bebauung geprägt.



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      Weiter unten durchkreuzt die Fleischgasse den Kornmarkt. Die Häuser sind hier meist wieder niedriger, und auch einfacher in der Ausgestaltung



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      Die Rückseite derselben Häusergruppe im Stil der 80-er Jahre...



      Nun habe ich mal einen ersten Rundgang durch das alte Limburg gemacht. Ich plane noch zwei weitere Rundgänge, einen mit Schwerpunkt "baugeschichtliche Beobachtungen", und einen zweiten mit Schwerpunkt "kritische Bemerkungen". Ich möchte aber vorausschicken, dass mich diese Altstadt sehr fasziniert hat. Mit dem Schwerpunkt "kritische Bemerkungen" möchte ich lediglich das Auge schärfen; dies könnte man aber auch in jeder beliebigen Stadt tun.

      Dieser Beitrag wurde bereits 4 mal editiert, zuletzt von Riegel ()

    • Traumhaft schöne Bilder, und sehr interessante Erläuterungen. Ich war das letzte Mal 2002 in Limburg und hatte damals natürlich noch kaum ein Auge für seine Kulturdenkmäler. Dass es derart viele Gebäude wirklich noch aus dem Hochmittelalter gibt, war auch mir unbekannt, ich wußte bisher nur von dem bekannteren "Römer 2-4-6". Ingesamt betrachtet würde ich fast sagen, dass der Anteil mittelalterlicher Bausubstanz (also vor dem 16. Jahrhundert per Definition) hier sogar höher sein dürfte als es im alten Franfkurt der Fall gewesen ist.

      Bei dem Eckhaus Nr. 9 würde mich mal interessieren, wie es im 1. Stock von innen aussieht bzw. wie es sich in einem so total schiefen Haus wohnt. :gg:

      Besonders gut gefällt mir auch die wirklich archaisch anmutende Konstruktion der Kolpinggasse 6, wie aus dem Märchenbuch.
    • Teil 2

      Das Schwergewicht der Fortsetzung dieser Bildergalerie über Limburg liegt auf baugeschichtlichen Beobachtungen. Es sind keine grossen kunsthistorischen Vorkenntnisse nötig, sondern lediglich ein scharfes Auge. Kritik wird natürlich wie immer auch nicht fehlen, aber ich versuche, mich in Grenzen zu halten... Einige Häuser sind leider im Gegenlicht fotografiert, da ich nur in den späten Morgenstunden und über Mittag in Limburg verweilte.



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      Der wichtigste Profanbau in Limburg: Römer 2, 4, 6.

      Über das haus gibt es eine vergriffene baugeschichtliche Monografie, die aber noch zu finden ist: Altwasser, Elmar: Das gotische Haus Römer 2-4-6. Limburg a. d. Lahn - Forschungen zur Altstadt. Heft 1

      Das Haus stammt wieder in grossen Teilen aus dem Jahr des Stadtbrandes von 1289, hat also mehr als 700 Jahre auf dem Buckel, und auch die besten Aussichten, weitere Jahrhunderte zu erleben! Diesmal stammt sogar noch der Dachstuhl ais jener Zeit, wenn auch mit geringfügigen Abänderungen (Abwalmung, Quergiebel). 1581-83 fand ein umfassender Umbau statt, welcher entscheidend das heutige Aussehen des Hauses prägte. Insbesondere wurde das Fachwerk der östlichen Giebelseite und der südlichen Traufseite ausgewechselt, sodass hier die Rähmbauweise (geschossweise Abzimmerung) mit reichen Verzierungen über den gotischen Kern hinwegtäuscht.



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      Die nördliche Traufseite ist weitgehend im Ursprungszustand des 13. Jahrhunderts erhalten, wenn auch mit einigen Wiederherstellungen im Rahmen der Restaurierung von 1989. Prägnantes Merkmal ist hier die Ständerbauweise (über mehrere Geschosse hinweg verlaufende Ständer). Weshalb 1981 das Nachbarhaus Römer 8, welches annähernd aus derselben Zeit stammte, abgebrochen worden ist, ist mir ein Rätsel.

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      Die Trauffassade nach dem Abschlagen des Verputzes. Bild aus: Der spätmittelalterliche
      Fachwerkbau in Hessen, G. Ulrich Grossmann, 1983





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      Fischmarkt 16/17 ist ein spätgotisches Hallenhaus aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, und wurde vor 30 Jahren restauriert. Die linke Hälfte der Halle wurde dabei rekonstruiert, aber für die bessere Ausnützung eine von der Holzkonstruktion losgelöste Galerie eingebaut, sodass die hohe Halle immer noch nachvollzogen werden kann. Interessant ist der Farbbefund; ob es sich um den ursprünglichen handelt, konnte ich nicht in Erfahrung bringen, jedenfalls konnten mehrere Farbbefunde dokumentiert werden. Die Fensteranordnung wurde nur teilweise annähernd rekonstruiert.



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      Die tadellose Restaurierung hätte aber in einigen Details mehr Respekt verdient! Kleinkarierte Türe, rot zugedeckte Schaufenster, knallrote Auslageständer... müsste alles nicht sein, und niemand hätte einen Nachteil davon.



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      Auch heute kann man am Fachwerk noch Spuren von älteren Bauzuständen erkennen (Ausschnitt aus dem 2. Obergeschoss): das Sims des Einzelfensters ist einmal tiefer gesetzt worden. Der Brustriegel läuft immer noch durch, scheint aber auf ganzer Länge auf die Fassadenebene zurückgeschrotet worden zu sein. Bei den rechten beiden Feldern sind an der Unterkante des Brustriegels möglicherweise zwei Fasen zu erkennen, wie sie beispielsweise am ehemaligen "Roten Haus" in Frankfurt vorhanden waren (dort allerdings in reicherer Ausführung). In beiden Fensterpfosten und dem Pfosten links davon sind noch die Einschnitte eines Sturzriegels vorhanden, was mindestens auf ein Zwillingsfenster, eventuell mit Oberlichtern, schliessen lässt.



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      Rütsche 12: nach Befund rekonstruierte Spitzbogenarkaden, um 1500. Ganz schön sieht man hier das Zusammenspiel von Fassade und innerer Konstruktion, indem die freiliegenden Deckenbalken des Erdgeschosses und die an der Fassade sichtbaren Balkenköpfe effektiv identisch sind. Also das pure Gegenteil von Fassadismus! Einzig der Steinsockel ist gar zu rustikal geraten.



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      Von links nach rechts: Rütsche 1 (mit ebenfalls rekonstruierter Erdgeschossarkade), 3 (vermutlich ca. 1980 komplett abgebaut und mit einem Teil des alten Holzes neu errichtet) und 5, dem "Werner-Senger-Haus", sowie der bereits im ersten Beitrag gezeigte Neubau.



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      Das "Werner-Senger-Haus" ist aus einem gotischen Hallenhaus aus dem 13. Jh. hervorgegangen. Die beiden Seitenwände sind sehr stark gemauert, offenbar weil hier ein Kaufmann seine Warenlager vor Feuersgefahr schützen wollte. Die eingestellten Fachwerkfassaden belegen den repräsentativen Charakter des Holzbaus, wie es auch die starken Auskragungen der andern noch erhaltenen Fachwerkbauten des 13. Jahrhunderts tun.
      Die heutige Fassade entstand im 16. Jahrhundert, und bei ihrer letzten Restaurierung entschied man sich für die Wiederherstellung der äusserst bemerkenswerten Farbfassung des Barocks. Eine ähnliche Diamantquaderbemalung der Balken kam um 1920 bei der Restaurierung des "Schwarzen Sterns" in Frankfurt a. M. zum Vorschein (siehe Beitrag im Strang Römerberg Ostzeile bzw. Samstagsberg, und dann weiter nach unten scrollen).



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      Im Grunde genommen handelt es sich um ein rot gestrichenes Fachwerk mit breitem grauen Begleitband zur Putzkante hin, sowie aufgesetzten, grau gestrichenen Diamant- und Bossenquader. Der horizontale Abschluss jedes der drei Obergeschosse ist der Art einer Marmorierung nachempfunden.



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      Brückengasse 9, Haus der sieben Laster, erbaut 1567. Die in die Balkenköpfe geschnitzten Fratzen stellen symbolisch die Hauptlaster des Christentums dar (an der abgewandten Traufseite zur Strasse hin). Ganz speziell ausgebildet ist die doppelte Nase am First.

      Dieses Haus ist ein typischer Vertreter der Übergangszeit im Fachwerkbau. Man erkennt dies an der noch archaisch anmutenden Verstrebung (geschosshohe, überkreuzte Streben) und am Zierfachwerk im Giebel sowie den profilierten Schwellen. Zierfachwerk vermute ich auch ursprünglich in den Fensterbrüstungen der beiden Obergeschosse. Zur Rekapitulation: Fachwerk wird nicht nach den Stilepochen unterschieden, sondern in die folgenden drei Epochen
      - Mittelalter (bis ca. 1450)
      - Übergangszeit (ca. 1450 - 1550)
      - Beharrungszeit (ca. 1550 bis 1750)



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      Die Traufseite zeigt Lehmgefache im Rohzustand. Zur besseren Haftung des Deckputzes wurden sie mit einem gabelähnlichen Werkzeug aufgeraut. Man erkennt links noch alte Gefache, und rechts neu ausgestrichene Gefache am noch schärferen "Aufrauhmuster".



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      Von links nach rechts: Fischmarkt 3/4, 5, 6 (Hausnummern unsicher; G. Ulrich Grossmann verwendet in "Der spätmittelalterliche Fachwerkbau" teilweise andere Nummern). Diese Häuser bereiten mir noch Kopfzerbrechen, speziell das niedrige 2. Obergeschoss der Nr. 3/4. Handelt es sich hier um ein ehemaliges Lagergeschoss, oder wurde einmal der Boden höher gesetzt? Beim mittleren Haus scheint es genau der umgekehrte Fall zu sein: ursprünglich wohl ein sehr niedriges 1. Obergeschoss, dafür ein umso höheres 2. Obergeschoss. Bei einem Umbau (19. Jahrhundert) wurde zum Ausgleich der Geschosshöhen der Boden höher gesetzt und die Fensterdisposition verändert (man erkennt unter den oberen Eckpfosten schwach die Reste der durchgesägten, profilierten Schwelle, auch hinter dem Regenabflussrohr!). Auch die unterschiedliche Durchbiegung des oberen Rähms und der Schwelle des Giebelfelds deuten auf unterschiedliche Bauphasen hin. Die Konsole des Nasengiebels wiederum zeigt eine Form um 1900. Den Ursprung der Fassade datiere ich auf Grund des Zierfachwerks ins 17. Jahrhundert.

      Ein so hohes Geschoss, wie es das zweite ursprünglich gewesen sein mag, deutet auf eine repräsentative Nutzung hin, und es würde mich nicht wundern, wenn dort im Innern eine Deckenmalerei zum Vorschein käme.

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    • Mal wieder äußerst lehrreich und interessant zugleich! Der Wert eines jedes dieser Bauten kann nicht in Geld aufgewogen werden und zeigt, auch wenn's altklug klingen mag, wieder einmal, dass man im Mittelalter so ökonomisch gebaut hat wie seit der frühen Neuzeit nicht mehr! 700 Jahre, ein unglaubliches Alter, was an diesen Gebäuden alles vorübergegangen ist, obwohl sie nahezu zu 100 % aus rein biologischen Materialien bestehen.

      Sehr schön gefällt mir auch die Anmerkung aus dem Sanierungsbericht, zu dem du einen Link geposted hast:

      [...]

      Die Baufunde am Römer 2.4.6. tragen dazu bei, daß Urteile über den mittelalterlichen Städtebau revidiert werden müssen: Die gotische Stadt, in der der Holzbau dominierte, bestand durchaus nicht nur aus bescheidenen, niedrigen Lehm- und Holzhäusern und wenigen monumentalen Gebäuden der weltlichen Herrschaft und der Kirche. Vielmehr wurden im hochmittelalterlichen Holzbau bereits monumentale Konstruktionen - wie das Haus Römer 2.4.6. - ausgeführt.


      Und das hat man erst 1990 realisiert? Dabei war Limburg noch nicht einmal eine große Stadt! Es ist wohl kaum zu beschreiben, was man in einer mittelalterlichen Großstadt wie Köln mit heutigen Methoden für Kleinode finden würde, wäre der verdammte Krieg nicht gewesen.
    • Teil 3, "Giebelkunde"


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      Auffallend sind die vielen breiten Gebäude, welche auf zwei Hausbesitzer aufgeteilt sind, wie hier beispielsweise am Übergang von der Salzgasse zum Fischmarkt (Salzgasse 23-25). Obwohl die Fassade einheitlich restauriert ist, verraten die unterschiedlichen Fensterformate und das Vorhandensein von zwei Läden die Teilung in der Mitte. Der beide Hausteile zusammenfassende Giebel lässt darüber beinahe hinwegtäuschen.

      Wahrscheinlich erfolgten solche Teilungen vor allem zu dem Zeitpunkt, als begonnen wurde, nach 1800 die Stadt über die Stadtmauern hinaus zu vergrössern. Gutbetuchte Bürger errichteten dann neue Gebäude dort, wo mehr Licht und Luft herrschten, und den alten Familiensitz in den engen Gassen teilten sie in mehrere Mietwohnungen auf. Von da her kommt das Vorurteil, dass in Altstadtgebäuden die Räume klein und niedrig sind... Dabei wird man bei Umbauten immer wieder überrascht, wie gross die Räume einst waren! Schliesslich handelte es sich ursprünglich meist um Einfamilienhäuser für drei Generationen.

      Falls einem in Limburg mal der Akku der Kamera ausgehen sollte, kann ich dieses Café nicht empfehlen. Obwohl ich einen Kaffee und gleich zwei Stück Torten bestellte, wurde meine nachträgliche Bitte, kurz den Akku aufladen zu dürfen, abgeschlagen. Die Werbung für ein wohlgesinnteres Café folgt im nächsten Beitrag...



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      Gleich links steht dieses Doppelhaus (Plötze 22-23), welches einiges an Ungemach über sich ergehen lassen musste. Zuerst wurde es auch einmal geteilt. Dann wurde beim Verputzen des Fachwerks der einst geschweifte Giebel brutal abgeschrotet (siehe nächsten Bildausschnitt). Eine Regularisierung der Fensteranordnung brachte einschneidende Eingriffe in das Fachwerk. Bei einer abermaligen Fenstererneuerung wurden die Sprossen weggelassen, und die Fenster werden nun als Schaufenster missbraucht. Schliesslich ist die aktuelle Vernachlässigung an den Wasserschäden nicht zu übersehen...



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      Erst zu Hause beim Betrachten des Bildes habe ich die Schnitzereien auf den Randsparren wahrgenommen, welche das Giebeldreieck abschliessen. Offensichtlich sind diese bei einer Reparatur oben abgeschrotet worden, nur das Sonnenmotiv an der Giebelspitze ist diesem Schicksal entgangen. Man kann sich anhand der Reste gut den einst geschwungenen Verlauf der Giebellinie vorstellen. Die vier Kopfwinkelhölzer (kleine Dreiecke) an der Mittelaxe zeigen eingetiefte Schnitzereien, welche eigentlich mit weissem Putz ausgefüllt sein müssten, und so die Feingliedrigkeit des Fachwerks unterstützten.





      So präsentierte sich die Fassade nach einer 20-minütigen Photoshop-Pinselrenovation...



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      Plötze 19-20 ist ein Kuriosum: über die zwei eng aneinander geschmiegten Giebel über einer einheitlichen Hauskonstruktion kann nur gemutmasst werden. Wurde das Haus schon sehr früh auf zwei Besitzer geteilt, welche erst danach die Giebel aufbauten? Der Normalfall ist folgender, dass ein Haus mit einem hausbreitem Giebel errichtet wird, und erst danach eine Teilung erfährt; also auch der Giebel (resp. Dachraum) wird einfach durch eine Wand in der Mitte geteilt, was aussen in der Folge nur durch eine unterschiedliche Schieferverkleidung und leicht unterschiedliche Fenster bemerkt werden kann.
      Trotz der massiven Fensterveränderung ist viel vom originalen Zierfachwerk erhalten geblieben.



      49

      Eine sehr frühe Form eines geschweiften Giebels besitzt das Eckhaus Salzgasse 21/Plötze. Das spezielle daran ist, dass das Fachwerk bis an die Giebellinie hinaus läuft, also über die Dachfläche hinausragt. Bei den meisten anderen Giebel findet das Fachwerk logischerweise seinen Abschluss in den Dachsparren, auf welche dann mit Schnitzereien versehene Bohlen aufgedoppelt werden. Diese bilden dann mit ihren Ein- und Ausbuchtungen die geschweifte Giebelform, so wie wir es beim zweiten Beispiel (mit den Abschrotungen) gesehen haben.
      Beim Giebel von Salzgasse 21 müssen aber zwingend krumm gewachsene Hölzer in Balkenstärke vorhanden sein, in welche dann die Riegel und Pfosten eingezapft werden konnten.

      Eine solche Konstruktion hat zwei Nachteile: erstens ist der Wandaufbau losgelöst vom Dachstuhl, da der erste Sparren erst dahinter folgt. Nur die Pfetten des Dachstuhls durchstossen die Giebelwand, und binden diese somit nur punktuell zurück. Zweitens verformen sich krumm gewachsene Hölzer beim Trocknungsprozess viel stärker; gerade Balken schwinden lediglich ab und verdrehen sich ein bisschen. Diese beiden Nachteile führen dazu, dass sich der ganze Giebel stark verformt. Deshalb wohl führte die weitere Entwicklung der geschweiften Giebel zur Konstruktion mit den Sparren und aufgedoppelten Bohlen.



      50

      Die Aufsicht auf die Giebellinie beträgt hier etwa 25 bis 30 cm, während es bei der Variante mit aufgedoppelten Bohlen nur etwa 20 cm sind. Diese Masse sind wichtig, um bei einem verschieferten oder verputzten Giebel die verdeckte Konstruktionsweise ermitteln zu können.

      Walter Sage vermutet in "Das Bürgerhaus in Frankfurt am Main", dass das Haus "Roseneck", Grosse Fischergasse 14, ebenfalls diese frühe Form der Giebelausbildung besessen haben könnte (erbaut wahrscheinlich 1545). Das Rathaus in Butzbach (1559/60) und das "Deutsche Haus" in Rhens (1566/70) zeigen ebenfalls diese Giebelform.



      51

      Die Seitenfassade ist in einem bedenklichen Zustand, aber die neuen unpassenden Fenster lassen auf eine baldige Renovation hoffen. Bei der Freilegung des Fachwerks vor x Jahren wurde die Verschieferung des Giebels belassen, weil dort wahrscheinlich extreme witterungsbedingte Schäden vorhanden sind. Vermutlich zeigte früher auch das obere Geschoss einen geschweiften Umriss, und erhielt bei einer Reparatur die heutige Trapezform. Immerhin schaut diese Fassade gegen Westen. Das Wirrwarr unterschiedlicher Fensterformate, verlängerter Schwellen und Rähme, rechtwinklig und schräg hervortretender Balkenköpfe etc. verbirgt eine äusserst komplizierte Baugeschichte dieses Hauses!



      52

      Frisch renoviert thront das Haus Nonnenmauer 7 über der Stadt. In allen Details gleicht es sehr dem Eckhaus Salzgasse 21, und deshalb vermute ich, dass es vom selben Zimmermeister erstellt worden ist. Ganz gut kann man an der rechten Giebelwand die Ausbuchtung erkennen, welche durch die Verformung des runden Abschlussbalkens entstanden ist.



      53

      Die Farbgebung der verzierten Balken ist trotz der grellen Farben äusserst gelungen! Schade ist nur, dass man das Orange-ocker auch für die Fenster übernommen hat. Bestimmt waren die beiden Felder links und rechts der aktuellen Fenster auch einmal Fensteröffnungen, sodass einst zwei Zwillingsfenster die geschnitzte Mittelpartie säumten, in welcher ein Hausspruch mit der Jahrzahl 1584 verewigt ist.



      54

      Eine Öffnung der zugemauerten Fenster hätte ein noch harmonischeres Bild und auch mehr Licht ins Hausinnere gebracht. Eine Veränderung der Fensteranordnung käme freilich nur dann in Frage, wenn gleichzeitig auch das Innere renoviert würde, was mir in diesem Fall unbekannt ist. Trotzdem finde ich diese Renovation eine der gelungensten in Limburgs ganzer Altstadt!





      Wieder eine Pinselrenovation mit Photoshop, wie man sich das ursprüngliche Aussehen vorstellen muss...



      55

      Das Haus "Trombetta", Frankfurterstr. 2, liegt in der Vorstadt, unmittelbar vor der ehemaligen Stadtmauer. Auch der Ladenbesitzer weiss es zu schätzen, dass es sich um ein sehr schmuckes Haus aus dem 17. Jahrhundert handelt! Speziell aufgefallen ist mir die Farbgebung mit den grün hervorgehobenen Balken, und zwar sind alle Zierbalken mit einer runden Form so behandelt. Ob dies einem historischen Befund entspricht, weiss ich nicht, aber zusammen mit dem verzierten Giebel wirkt die Fassade trotzdem recht einheitlich.
      Auch dem grössten Laien kann hier gut demonstriert werden, wie die Fenster des 19. Jahrhunderts regelrecht in die Fassaden hineingesägt worden sind, insbesondere im 1. Obergeschoss.



      56

      Beim Betrachten der Schnitzereien ist mir etwas aufgefallen, und zwar konnte ich diese sägeblattartigen Gebilde am 2. Dachgeschoss nicht deuten. Im 1. Dachgeschoss erkennt man Margriten mit Rankenwerk, und im First oben wiederum eine Halbsonne. Nun musste ich mich nach langem Grübeln mal ablenken, und hatte geschaut, was denn für ein Laden im Erdgeschoss beheimatet ist: "Blumen & Haarkunst" steht geschrieben. Sind etwa ein stilisierter Kamm, Haarlocke und eine Schere auf den oberen Bohlen dargestellt? Das könnte nun heissen, dass die Schnitzereien eine Neuschöpfung mit Bezug auf das Ladengeschäft sind. Bei meinem nächsten Limburg-Besuch werde ich dort direkt mal nachfragen...



      57

      Trotz Bauzaun strahlt dieses freistehende Haus (Rossmarkt 15, Rückansicht vom Mühlberg her) bereits grossen Stolz aus! Auch bildet die Fensteranordnung eine Einheit mit dem Fachwerk. Selten sieht man noch mit einem "Kreuz" unterteilte Fenster; von daher stammt auch der alte Ausdruck "Kreuzstock" für Fenstereinfassung, auch wenn keine Unterteilung mehr vorhanden ist.



      58

      Drei verschiedene Verputzarten sind an der Giebelseite angebracht. Rauputze waren in der Mitte des 20. Jahrhunderts selbst bei Fachwerkbauten in Mode, und daraus entnehme ich, das diese Seite bereits damals im oberen Bereich freigelegt worden ist. Die Balken erfuhren keine Verbreiterung beim Anstrich, wie es beim Rest des Hauses sonst der Fall ist. Historische Befunde belegen aber fast immer eine solche Verbreiterung in die Gefache hinein, und man kann sich selbst ein Bild machen, was nun besser aussieht. Bei stark waldkantigen Balken verschwand ein Teil des Querschnitts hinter dem Verputz, was die Balken dann zu schmal aussehen liess. Ganz deutlich, besonders am Sturzriegel, ist auch hier ein zugemauertes Zwillingsfenster zu eruieren, und zwar am zugedeckten Falz für die Fensterläden.

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    • "Riegel" schrieb:

      Erst zu Hause beim Betrachten des Bildes habe ich die Schnitzereien auf den Randsparren wahrgenommen, welche das Giebeldreieck abschliessen. Offensichtlich sind diese bei einer Reparatur oben abgeschrotet worden, nur das Sonnenmotiv an der Giebelspitze ist diesem Schicksal entgangen. Man kann sich anhand der Reste gut den einst geschwungenen Verlauf der Giebellinie vorstellen.


      Ist das Haus vielleicht im 19. Jahrhundert komplett verputzt worden, und sind deshalb die Schnitzereien abgeschlagen? Verputzung von Fachwerkhäusern (zwecks Vortäuschung eines Massivbaus) war anderenorts ja eine beliebte (Un-)Sitte jener Zeit.

      Die Fotogalerie und Deine Berichte dazu sind übrigens wirklich sehr interessant, großes Lob! :applaus:
      Es ist immer wieder faszinierend, in welcher Weise gerade Fachwerkhäuser Geschichte(n) erzählen. :D
      www.chronik-bermuthshain.de
      www.chronik-crainfeld.de
      Ortsgeschichte von Bermuthshain und Crainfeld in Oberhessen
    • Ist ja eine schreckliche Barbarei, dieses "Abschroten". War mir bisher unbekannt und erinnert an die nicht minder perversen Entstuckungswellen des 20. Jahrhunderts. Auch wenn mir hier nicht klar ist, weshalb man es überhaupt getan hat - zur Vortäuschung eines Steinbaus wohl kaum, denn die hatten ja auch oft Volutengiebel.

      Es wäre interessant zu klären, ob eine Rekonstruktion des verstümmelten Giebels anhand alter Fotografien oder auch anhand der verbliebenen Farbreste bzw. anhand der Gegenüberstellung von erhaltenen Häusern der gleichen Zeit möglich ist.

      Ich würde fast empfehlen, einfach mal dein Photoshop-Bild an die Stadtverwaltung oder einen Bürgerverein dort zu schicken, vielleicht kann es ja etwas bewirken? An Sanierungen scheint man in Limburg ja vorbildlich interessiert zu sein!
    • Ich denke, dass dieses Abschroten in Folge von Fäulnissschäden erfolgte. Sieh Dir nur mal die Schäden an der Seitenfassade von Salzgasse 21 an (Bild 51; ich bin gerade daran, einen Aufnahmeplan, Schadensplan sowie eine Rekonstruktion davon zu zeichnen), dann verstehst Du, weshalb man auch bei Fachwerkbauten mal "entstuckte". Ich kann jetzt schon sagen, dass die fachgerechte Sanierung dieser Seitenfassade ein Vermögen kosten würde! Nur ein Maler und Kundenmaurer genügen da nicht mehr.

      Für eine Rekonstruktion des abgeschroteten geschweiften Giebels wären genug Anhaltspunkte vorhanden, wenn man sich das Bild 47 genau anschaut. Von den Schnitzereien ist der grösste Teil zum Glück noch erhalten, es fehlen ja vor allem nur die Abschlussprofile. Für die Rekonstruktion der genauen Form der Enden der Kehlbalken müsste auf analoge Beispiele zurückgegriffen werden. Eine Photographie dürfte kaum zu finden sein, da ich die Abschrotungsmassnahme im frühen 19. Jahrhundert vermute, als das Fachwerk zugedeckt wurde.

      Als Barbarei würde ich diese Vereinfachung nicht bezeichnen, wenn man sich in den damals herrschenden Stil des Klassizismus hineinversetzt, welcher ja einfache, gerade Formen verlangte.
    • Salzgasse 21

      Bevor ich den nächsten Teil zur Bildergalerie hineinstelle, gibt's ein kurzes Intermezzo zur Rekonstruktion der Westfassade von Salzgasse 21 (siehe im letzten Beitrag Bild 49 - 51). Es ist mal ein erster Versuch, welcher nur auf Basis von Photos entstanden ist, und mit einem Blick auf ein anderes Haus, von welchem ich vermute, dass es 1584 vom selben Zimmermann errichtet worden ist (siehe im letzten Beitrag Bild 52 - 54). Ohne gross zu kommentieren soll sich jeder selbst mal ein Bild über die Veränderungen an diesem Haus machen...

      [edit. 2.2.2009: das Haus besass ursprünglich einen Eckerker, was ich zum Zeitpunkt dieses ersten Rekonstruktionsversuchs noch nicht wusste. Dieser wird in späteren Beiträgen behandelt.]





      links: Photomontage aus vier Einzelbildern (nachdem jedes entkrümmt, perspektivische entzerrt und vergrössert/verkleinert worden ist); rechts: Umzeichnung mit Eintragung der Bauetappen





      links: Umzeichnung als Rekonstruktion; rechts: Umzeichnung mit Eintragung der Bauetappen

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    • Riegel hat ja bereits die andere Seite gezeigt, die vorbildlich restauriert wurde, das lässt auch auf Restaurierung und Rückgängigmachung der Veränderungen des 19. Jahrhunderts an der gezeigten Westfassade hoffen! Wirklich interessant wäre einmal in ein paar Jahren zu sehen, wie weit man Riegels "Entwurf" bei der Restaurierung / Teilrekonstruktion dann auch umgesetzt hat. ;)

      Immerhin hat man in den (einst) reich geschmückten Obergeschossen, wenigstens nicht die Schwellen und Rähmhölzer angesägt, wie es im Erdgeschoss auf übelste Weise zwecks Ladeneinbauten passiert ist. Insofern müsste man in den Obergeschossen noch die Zapflöcher vorfinden können, die auf die ursprüngliche Verteilung und Formen der Schmucks schliessen lassen.

      Noch eine Frage an den Experten: warum fehlt im ersten Giebelgeschoss ganz links ausgerechnet ein Holz in der Rauten-/Andreaskreuzkombination?
    • @ Oliver

      Ich war ja nur während etwa fünf Stunden als Tourist in Limburg; so habe ich keinerlei Kenntnis über das aktuelle Baugeschehen in Limburg. Wie ich ja mit Bild 49 gezeigt habe, ist die Nordfassade kürzlich renoviert worden. Es handelte sich aber nur um eine Unterhaltsrenovation, insbesondere einem Neuanstrich, wobei die Farbgebung ziemlich unharmonisch ist! Rekonstruiert wurde dabei absolut nichts. Man erkennt zimmermannmässige Reparaturen beim linken Giebelansatz, wobei ich nicht weiss, ob diese bei der kürzlichen Renovation erfolgten oder bei der Freilegung des Fachwerks vor einigen Jahrzehnten. Insbesondere ist auch der linke, untere "Giebelbogenabschlussbalken" mit einem geraden Stück Balken geflickt, die Schnitzereien aber in Bogenform ergänzt worden. Die neuen Fenster sind ja schrecklich ausgefallen! Auch stammt auf dieser Seite die Fensterdisposition aus dem 19. Jahrhundert.

      Diese Renovation hätte besser ausfallen können, ohne den Geldbeutel des Hausbesitzers mehr zu strapazieren. Man muss aber bedenken, dass sich der Hausbesitzer mit diesem Gebäude eine grosse Hypothek aufgehalst hat. In diesem Sinne glaube ich kaum an eine Rekonstruktion der Westfassade.


      RMA schrieb:

      Riegel hat ja bereits die andere Seite gezeigt, die vorbildlich restauriert wurde, das lässt auch auf Restaurierung und Rückgängigmachung der Veränderungen des 19. Jahrhunderts an der gezeigten Westfassade hoffen!


      Eben genau nicht, leider! Siehe Kommentar oben


      RMA schrieb:

      Noch eine Frage an den Experten: warum fehlt im ersten Giebelgeschoss ganz links ausgerechnet ein Holz in der Rauten-/Andreaskreuzkombination?


      Von diesem Punkt aus entstanden schon sehr früh Fäulnisschäden, welche den grossflächigen Ersatz der Wandpartien bis hinab ins erste Obergeschoss erforderten (siehe den hohen "Gelbanteil" im Bauphasenplan weiter oben). Der fehlende Balken der Raute ist verfault und nicht mehr ersetzt worden. Unterhalb des rechten Giebelansatzes ist die Fassade in viel besserem Zustand.

      Dazu mal ein Ausschnitt:



      Der Schaden ist unübersehbar, vor allem auch die beiden Flicke darunter. Ein Rest des fehlenden Rautenbalkens ist im Andreaskreuz erhalten geblieben.

      Nun noch zu einigen weiteren Details, welche Hinweise zur Rekonstruktion lieferten:

      - obere zwei Quadrate: Löcher für die Scharniere eines Fensterladens; diese nehmen in der Höhe Bezug auf das ursprüngliche Fenster, welches einen höheren Brustriegel besass

      - mittleres Quadrat: Holznagelloch für die Sicherung eines Pfostens; liegt genau in der Mitte zwischen dem rechten Fensterpfosten und dem Pfosten links des Regenabflussrohrs

      - untere zwei Quadrate: Holznagellöcher für die Fixierung zweier Zierknaggen, so wie sie auf gleicher Höhe am rechten Bildrand zu sehen sind

      - oberer Pfeil: im 19. Jahrhundert hier wieder verwendeter profilierter Balken; dieser gehörte ursprünglich wohl zu einem entfernten profilierten Pfosten, wie sie jeweils links und rechts der Felder mit den Zierknaggen vorhanden sind

      - mittlerer und unterer Pfeil: im 19. Jahrhundert hier wieder verwendete, aber gekürzte Zierriegel, wie sie jeweils unter den Zierknaggen vorhanden sind





      - rechteckiges Feld, linker Pfeil: Fensterladenfalz des ursprünglichen Fensters, welcher mit neuem Holz ausgefüllt worden ist. Der Pfeil zeigt auf das Holznagelloch, in welchem der ursprüngliche Brustriegel gesichert wurde. Die Löcher der Fensterladenscharniere erkennt man auch leicht.

      - rechter Pfeil: im 19. Jahrhundert hier wieder verwendeter profilierter Balken; dieser gehörte urspünglich wohl zu einem entfernten profilierten Pfosten, wie sie jeweils links und rechts der Felder mit den Zierknaggen vorhanden sind

      - vier Quadrate: weitere Löcher ehemaliger Ladenscharniere. Die Putzfelder links davon reichen jeweils in die Balken hinein, was hier ebenfalls Ladenfälze belegt. Man sieht deutlich, wie die Pfosten auf Fenstersimshöhe durch einen Absatz oben schmaler sind als unten; dasselbe auch im Sturz


      Alle diese erwähnten Details sind im Bauphasenplan übrigens eingetragen! Die beiden Bildausschnitte sind anhand des Balkenbilds leicht zu finden... Auf diese Art und Weise kann man ohne Sondierungen bereits viel über das ursprüngliche Aussehen einer Fassade zeichnerisch rekonstruieren. Bei den eigentlichen Bauarbeiten werden weitere Befunde sichtbar, wenn die Gefache entfernt werden. Hier wird aber oft der Fehler gemacht, dass alle Gefache entfernt werden, sogar auch die ursprünglichen! Das darf auf keinen Fall geschehen, da diese genau gleich erhaltenswert sind wie die Holzbalken, und dort ja auch keine Befunde zu erwarten sind!

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