Fachwerkbauten in Frankfurt

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    • Re: Fachwerkbauten in Frankfurt

      Vorbemerkung zu den Grundrissen:

      Die Erstellung der Grundrisse basiert nur auf den entzerrten Fassadenansichten, und sind nicht massstäblich. Zuerst wurden sie auf Grund der Erkenntnisse aus den Fassaden mit den entsprechenden Farben eingefärbt. In einem zweiten Schritt folgte dann das Einzeichnen der Tragstruktur, und anschliessend die Details aus den Ruinenphotos. Die Grundrisse sind in etwa genordet, sodass die Fassade gegen das Roseneckplätzchen oben liegt.



      a) Erdgeschossgrundriss:

      Dem Erdgeschossgrundriss möchte ich zuerst meine neuste Erwerbung voranstellen, welche heute im Briefkasten lag: eBay sei Dank habe ich just in den letzten Tagen eine Innenaufnahme der Gaststätte gefunden! Diese befand sich demnach im Erdgeschoss hinter der im 19. Jahrhundert vorgerückten Aussenwand. Die Karte ist die Schwesterkarte der hier bereits gezeigten Ansichtskarte, welche vom damaligen Eigentümer in Auftrag gegeben worden war, und zeigt demnach den Zustand nach dem Umbau nach 1930:


      Gaststube im Erdgeschoss, Ansichtskarte, keine Verlags- und Datumsangabe

      Und hier nochmals die Schwesterkarte:
      Ansichtskarte, rückseitiger Text (keine Verlagsangabe, versandt 1943)

      Historische Gaststätten
      "Zur alten Dorfschmiede im Roseneck"
      erbaut 1587
      "Doctor-Stübchen im Heisterhaus"
      erbaut 1563
      Inh.: Walter Thurecht, Frankfurt a. M.
      Grosse Fischergasse 14 - Ruf 26194


      Von baugeschichtlichem Interesse könnten die Balkendecke und die Innenansicht der Wand zum Roseneckplätzchen sein. Bei der Aussenwand erkennt man an den Stichbogen, dass sie gemauert war. Eigentümlich war die Auskragung kurz unterhalb der Decke.

      Die Decke war stark zum Plätzchen hin geneigt, was wir bereits an den Fassaden feststellen konnten. Ungewöhnlich scheint mir aber der Balkenverlauf in Querrichtung, statt in die Tiefe. Der kräftige Unterzug befand sich just an der Stelle des Fassadenknicks. Da in der Balkenlage keinerlei Unregelmässigkeiten vorkommen, vermute ich, dass es sich nur um eine Zierdecke handelte, und nicht um eine historische, tragende Balkendecke. Trotzdem sollte auch diese Decke Einzug in den Grundriss finden, um ihren Standort im Haus zu dokumentieren.


      Stark entzerrte Deckenbalkenlage; Ausschnitt aus der oben gezeigten Ansichtskarte




      Grundriss mit den eingetragenen Erkenntnissen aus den Fassaden
      braun = ältere Bauphase; rot = jüngere Bauphase mit Steinkonsolen; blau = nachträglich vorgerückte Erdgeschosswand


      Im Grundriss sind die Aussenwände gemäss der letzten Fassadenansicht nach den mutmasslichen Bauphasen eingefärbt. Da der grössere Teil der Südwand durch Grosse Fischergasse 12 verdeckt, und die Ostwand gemeinsam mit Grosse Fischergasse 16 war, sind diese Wandbereiche nicht eingefärbt. Überhaupt bestand zwischen den Nrn. 14 und 16 mindestens in den Obergeschossen offenbar keine Brandmauer, sondern nur eine dünne (Fachwerk?)-wand, wie man auf diversen Fassadenansichten sehen kann.

      Ebenso ist die Auskragung des 1. Obergeschosses samt den Steinkonsolen gestrichelt eingezeichnet. Hierbei fällt auf, dass die Konsolen unregelmässig angeordnet sind.

      Im mutmasslich älteren Teil (braun) befand sich die Gaststube mit der vorgerückten Aussenwand (blau). Im jüngeren Teil (rot) befand sich ein Ladenlokal. Die Berührungspunkte der beiden Bauphasen sind hier unklar, weshalb ein "neutraler" Bereich belassen ist.

      Die drei Schaufenster im roten Bereich dürften erst im 19. Jahrhundert ausgebrochen worden sein, weshalb deren Leibungen genau genommen auch blau eingefärbt sein müssten. Doch ein solcher Detaillierungsgrad wäre zum jetzigen Zeitpunkt noch verfrüht. Hingegen könnten beide Rundbogenportale aus derselben Bauepoche wie die Steinkonsolen stammen.




      Grundriss mit der eingetragenen Tragstruktur (grün) und der "Balkendecke" über der Gaststube

      Weiter ist nun auch die Tragstruktur der Dreissigerjahre eingetragen (Öffnungen in den Mauerscheiben unberücksichtigt, Mauerscheiben grün ausgefüllt, Stahlträger grün umrandet). Man sieht, wie die Tragstruktur unmittelbar vor die Aussenwände angebracht war, um die Auskragung des 1. Obergeschosses abzufangen. Auch ist jetzt die Balkendecke der Gaststube eingezeichnet, allerdings ohne Einfärbung, da ihr zeitlicher Ursprung unklar ist.

      Aus den Ruinenphotos sind leider keine Details ablesbar, welche weitere Kenntnisse über das Erdgeschoss Preis geben könnten.
    • Re: Fachwerkbauten in Frankfurt

      b) 1. Obergeschoss


      Zum Vergleich stelle ich nochmals die Fassadenansicht von der letzten Seite ein:


      Grundlage: Fotografie von 1907 aus LIFE bei Google
      braun = ältere Bauphase mit konkaven Knaggen; rot = jüngere Bauphase mit Steinkonsolen und geschnitzten Knaggen; blau = nachträglich
      vorgerückte Erdgeschosswand



      Im Grundriss sind die Aussenwände wiederum gemäss der Fassadenansicht mit den mutmasslichen Bauphasen eingefärbt. Ebenso ist die Auskragung des 2. Obergeschosses mit den Knaggen (2) und (3) gestrichelt eingezeichnet:


      Grundriss mit den eingetragenen Erkenntnissen aus den Fassaden
      braun = ältere Bauphase mit konkaven Knaggen; rot = jüngere Bauphase mit geschnitzten Knaggen



      Die Grenze zwischen der älteren und jüngeren Bauphase ergibt sich aus den unterschiedlichen Knaggenformen. Es ist eigenartig, dass in Fassadenmitte zwei unterschiedliche Knaggen nah nebeneinander bestanden. Nun gibt es eine mögliche Erklärung dafür:

      Es könnte sein, dass bereits der ältere Baukörper auf drei Seiten auskragte. Die Eckausbildung dürfte dann aus einem Knaggenbündel mit zwei oder eher drei Knaggen bestanden haben. Bei der Erweiterung wären dann die Knaggen der Stirnwand im Wege gewesen, aber trotzdem hätte die ehemalige Stirnwand des älteren Baukörpers, welche dann zur Zimmertrennwand wurde, weiterhin einer Abstützung bedurft. Dies wäre dann mit einer neuen Knagge neben der alten Knagge bewerkstelligt worden. Nur aufgrund dieses Details bin ich auf die Einteilung mit zwei Bauphasen an dieser Stelle gekommen; weitere Hinweise gibt es bisher noch nicht! Zeichnerisch lässt sich das besser erklären:


      Erklärungsversuch für die nebeneinanderliegenden, unterschiedlichen Knaggen
      links: Ausbildung der Eckauskragung am älteren Baukörper; rechts: nach der Erweiterung mit dem jüngeren Baukörper

      Zeichnungsgrundlage: Skizze nach Reiffenstein (Reiffenstein zeichnete im 19. Jh. just diesen Fassadenausschnitt; wohl waren
      ihm die unterschiedlichen Knaggen nebeneinander auch aufgefallen.)






      Weiter ist noch die Verdoppelung der Knaggen beim Fassadenknick bemerkenswert. Rein konstruktiv hätte dieser Knick auch nur mit einer Knagge, resp. einem zugehörigen Deckenbalken erstellt werden können. Eine solche Verdoppelung sieht aber eher nach einem älteren Anbau mit derselben Knaggenform aus. Nur frage ich mich langsam, was denn solch kleine Bauabschnitte für einen Ursprung und Grund hätten. Doch hierüber weiter zu spekulieren, überschreitet irgendwann die Grenze des Hypothetischen, und solange die Geschichte des gesamten Löherhofes noch unerforscht ist, sollte man darauf noch verzichten. Man muss sich zuerst fragen, was denn der Löherhof genau gewesen ist; war es nur eine Ansammlung von verschiedenen kleinen Gewerbebetrieben (Gerbereien), oder gehörten bereits Wohnbehausungen dazu? Oder war es ein grosser Betrieb, an welchem verschiedene Gerber Teilhaber waren? Und wann wurde dieser aufgegeben (Walter Sage nimmt an, dass der Hof schon vor 1524 aufgelöst worden war), und wie wurde das Grundstück aufgeteilt? Könnten die Kernbauten des "Rosenecks" und von Grosse Fischergasse 18 noch aus der Zeit des Löherhofes gestammt haben? Aus diesem Grund verzichte ich noch auf die Einfärbung einer weiteren Bauphase.



      Im nächsten Schritt ist wiederum das moderne Traggerüst eingezeichnet, sowie ein Teil der Deckenbalkenlage:


      Grundriss mit der eingetragenen Tragstruktur (grün) und einem Teil der Balkendecke



      Die Tragstruktur ist hier im Gegensatz zum Erdgeschoss unmittelbar an der Innenseite der Fassaden angebracht (vgl. im vorherigen Beitrag).

      Als weiteren Vergleich stelle ich nochmals das Ruinenbild von der letzten Seite ein, welches eventuelle Hinweise (umrandetes Feld) zur Konstruktion der Deckenbalkenlage gibt. Mit etwas Phantasie zählt man 12 Balkenfelder; fünf zwischen den Mauerscheiben, fünf zwischen der rechten Mauerscheibe und der Stütze, und zwei Felder rechts der Stütze (wie bereits einmal geschrieben, ergäbe ein Blick auf das Original-Diapositiv mehr Klarheit).


      Markierung von baugeschichtlich relevanten Details in ein Ruinenbild
      Grundlage: Ansichtskarte, ohne Verlagsangabe, 1944 (offenbar Ausschnitt aus einem Farbdiapositiv von
      Paul Wolff im Historischen Museum Frankfurt, Ph D 100)



      Die 45° gestellten Eckknaggen weisen auf eine Stickbalkenlage bei der Stirnwand hin. Die einzelne Knagge in der Stirnwand ist nicht eingemittet, was für die kleinen Ausmasse eigentümlich ist. Ebenso befinden sich die Knaggen der Süd- und Nordfassade nicht in einer Ebene, sondern sind versetzt. Auch dies würde man so nicht erwarten. Eine Antwort hierfür habe ich bisher noch nicht gefunden, und bewende es vorerst lediglich mit der Feststellung.
    • Re: Fachwerkbauten in Frankfurt

      2. Obergeschoss


      Zu diesem Geschoss gab es keine Befunde an den Fassaden, welche etwas über die Konstruktion aussagen konnten. Die Grenze zwischen der älteren und jüngeren Bauphase ergibt sich wiederum aus den nebeneinanderliegenden Knaggen am 1. Obergeschoss, wobei eine mutmassliche Auskragung des älteren Baukörpers gegen Westen berücksichtigt ist.

      Einen kleinen Befund liefert aber das Ruinenbild (s. oben), und zwar fallen dort in der mittleren und rechten Mauerscheibe unterhalb der Decke zwei grosse Löcher auf (orange eingekreist). Gleichartige Löcher an derselben Position gibt es auch im 3. Obergeschoss. Diese Löcher standen wohl nicht im Zusammenhang mit der Tragstruktur der Dreissigerjahre, und könnten von verbrannten Mittelunterzügen gestammt haben. Ein Mittelunterzug würde in diesem Geschoss einen Sinn machen, da die Gebäudetiefe gegenüber den unteren Geschossen beträchtlich angewachsen ist, und die Spannweite der Deckenbalken eine zusätzliche Unterstützung gegen Durchbiegen erforderten. Denkbar wäre auch, dass das Gebäude in der Tiefe zwei Räume aufwies, und dieser Unterzug als Rähm der Zwischenwand fungierte. Dagegen spricht aber die reichliche Befensterung, und es wäre nicht einzusehen, weshalb an dieser prädestinierten Lage des Hauses nur zwei kleine Kammern statt eines kleinen Saales hätten bestehen sollen.

      Einen bemerkenswerten Befund ergibt das Einzeichnen der modernen Tragstruktur. Danach haben also beide Stützen mitten im Raum gestanden, was man beim letzten Umbau offenbar in Kauf genommen hatte.


      Grundriss mit den angenommenen Bauphasen aus dem Fassadenbefund
      braun = ältere Bauphase; rot = jüngere Bauphase; grün = moderne Tragstruktur





      3. Obergeschoss


      Das 3. Obergeschoss sah von aussen ziemlich einheitlich aus, und unterschied sich von den unteren Geschossen durch einheitliche, aber kleinere Fensterformate. Gegenüber dem 2. Obergeschoss kragte es nicht aus. Die Geschosshöhe war auch geringer, aber nicht in dem Mass, wie es die Schieferverkleidung glaubhaft machen wollte, da diese erst oberhalb der Deckenbalken ansetzte, und dadurch das Geschoss niedriger erscheinen liess.

      Es stellt sich nun die Frage, ob dieses Geschoss nachträglich aufgestockt worden war, oder zusammen mit der Erweiterung (rote Bauphase) entstanden war. Die Antwort hierauf könnte der Schweifgiebel der Westfassade geben. Auf diesen Giebel möchte ich im nächsten Beitrag zu sprechen kommen, aber eines sei jetzt schon vorweg genommen: Walter Sage kam in "Das Bürgerhaus in Frankfurt a. M." darauf, dass dieser geschweifte Giebel eine sehr frühe Form darstellte, und wohl vor der Blütezeit solcher Giebel im 17. und 18. Jahrhundert entstanden war. Anhand heutiger noch bestehender Beispiele dürfte diese Behauptung immer noch richtig sein; auch analoge Beispiele in Limburg datieren dort vom Ende des 16. Jahrhunderts und somit vor der Blütezeit. Daher dürfte man also davon ausgehen, dass das 3. Obergeschoss eher zusammen mit der Erweiterung des Hauses gegen Westen entstanden ist.

      Es ist aber zu berücksichtigen, dass bei nachträglichen Aufstockungen oftmals auch die alten Dachstühle wiederverwendet worden waren. Somit wäre es beim "Roseneck" auch möglich, dass das 3. Obergeschoss erst nach der Erweiterung gegen Westen aufgestockt, und der ältere Giebel auf das neue Geschoss wieder aufgesetzt worden war. Eine abschliessende Antwort ist nicht möglich, und somit sollte dieser Bauphase eine eigene Farbe zugeordnet werden.


      Grundriss mit der eingetragenen Tragstruktur (grün) und dem Mittelunterzug


      Wie bereits im 2. Obergeschoss geschrieben, zeigt das Ruinenbild, dass wohl auch im 3. Obergeschoss ein Mittelunterzug vorhanden war. Unter ihm könnte man sich eher eine Trennwand vorstellen, da in diesem Geschoss kleinere Räume eher vorstellbar sind, und sich die repräsentativen Räume eher in den ersten beiden Obergeschossen befanden. Auch die spärlichere Befensterung am ganzen Geschoss weist auf die Nutzung nur mit Kammern.

      Einen weiteren Befund gibt die moderne Tragstruktur, und könnte indirekt einen versteckten Hinweis auf die ältere Bausubstanz geben. Der in die Tiefe verlaufende Stahlträger an der Westfassade war nicht, wie in den ersten beiden Obergeschossen, unmittelbar an der Innenseite der Aussenwand, sondern mit einem kleinen Abstand zu ihr angebracht. Logisch wäre das direkte Anbringen an der Aussenwand gewesen, da diese dadurch an ihn hätte zurückgebunden werden können. Irgend etwas muss aber im Weg gewesen sein, sodass man einen kleinen Abstand einhielt. Auch diese Frage bleibt noch offen.
    • Re: Fachwerkbauten in Frankfurt

      In einer Ratsverordnung von 1410 werden die Auskragungen begrenzt. Eine bestimmte Länge (die ich jetzt hier nicht verrate :P ) über dem EG, ein Teil der Länge über dem 1. OG. Darüber waren Auskragungen nicht mehr erlaubt. Da die von Riegel erkannten hinteren Knaggen durchaus auch eine Bauzeit um 1500 in Betracht kommen lassen (für den entsprechenden Teil) wären die Ratsbeschlüsse somit auch für das gesamte Gebäude, sowohl älterer als eben auch der möglicherweise neuere vordere Teil gleichermaßen relevant. Die Auskragungslängen liegen bei dem Gebäude auch in ensprechenden Grenzen.
      Die Feder ist mächtiger als das Schwert...wenn das Schwert sehr stumpf ist und die Feder sehr spitz!

      -Terry Pratchett
    • Re: Fachwerkbauten in Frankfurt

      @ Kardinal
      Solche "Massregelungen" durch den Rat gab es oft, und wenn es irgendwo wieder mal einen grösseren Brand gab, wurden diese Bestimmungen wieder erneuert. Diese wurden dann auch in die Zunftordnungen der am Bau beteiligten Handwerker aufgenommen. Für die Bauforschung sind diese Vorschriften leider nicht ergiebig, da solche zeitweise lasch gehandhabt wurden, und bei sogar tiefgreifenden Umbauten umgangen werden konnten (Goethe-Haus im 18. Jh.!). Ich stellte bisher einfach fest, dass in Frankfurt die Auskragungen nur über dem Erd- und 1. Obergeschoss vorhanden sind, egal ob es ein Haus aus dem 15. oder 18. Jahrhundert ist. Auch wenn bspw. 1433 in schmalen Gassen die Überhänge ganz verboten wurden, ergibt sich daraus nichts schlüssiges, wenn man alte Photos von schmalen Gassen sieht; d. h., dass bei einem Haus mit Auskragungen in einer schmalen Gasse nicht automatisch auf eine Bauzeit vor 1433 geschlossen werden darf.

      Walter Sage gibt in "Das Bürgerhaus in Frankfurt a. M." auf Seite 57 einige Beispiele solcher Bestimmungen. Wichtig scheint mir seine älteste Angabe zu sein: "1418 wird die Zahl der zulässigen Überhänge auf zwei beschränkt". Nun stellt sich mir folgende Frage: kennt jemand aus alten Abbildungen/Photos Häuser mit mehr als zwei Auskragungen? Ich kenne bisher noch keine. Ein solches Haus wäre dann interessant, da man dann dort wohl behaupten dürfte, dass dieses höchstwahrscheinlich vor 1418 errichtet worden wäre.

      Das wichtigste Merkmal für eine ungefähre Altersbetimmung sind bei verputzten Bauten nach wie vor vor allem die Knaggen, da diese oft sichtbar, oder zumindest in ihrer Grundform erkennbar blieben.
    • Re: Fachwerkbauten in Frankfurt

      1. Dachgeschoss


      Baulich bildet der Dachstuhl mit seinen zwei Geschossen wohl eine Einheit mit dem 3. Obergeschoss. Wie im Kapitel zu letzterem geschrieben, muss man auch in Betracht ziehen, dass das 3. Obergeschoss nachträglich aufgestockt, und dabei der bis dahin bestehende Dachstuhl wieder verwendet worden sein könnte. Dann würde er zur Erweiterungsphase (rot) gehört haben, und eventuell sogar auch Teile vom Kernbau (braun) umfasst haben. Abschliessend dürfte diese Frage heute nur noch sehr schwierig zu beantworten sein.

      Bei der Untersuchung bildet wiederum das Ruinenbild (s. oben) die Grundlage. Von den drei Mauerscheiben des modernen Traggerüsts reichten nur die äusseren beiden bis ins Dachgeschoss hinauf; die östliche innerhalb der Lukarne, und die westliche hart an der Innenseite der westlichen Seitenwand der Lukarne, weshalb auf dem Ruinenbild dort die Backsteinstruktur sichtbar geblieben war. Auf der westlichen Mauerscheibe ist möglicherweise der Abdruck eines liegenden Binders mit konischen Stuhlsäulen übrig geblieben. Auf beiden Oberkanten der Mauerscheiben fallen vier (schrägliegende?) Einschnitte auf, in welchen zwei Mittelpfetten gelegen haben könnten. Einschnitte für allenfalls einst vorhandene Fusspfetten sieht man jedoch keine.



      Grundriss mit eingetragenen Mittelpfetten und mutmasslicher Sparrenlage (orange) und den äussern beiden Mauerscheiben (grün).
      Die Doppellukarne ist farblos eingezeichnet, da ihre zeitgleiche Zugehörigkeit zum Dachstuhl unklar ist (Westen links, Osten rechts)



      Die Sparrenlage ergibt sich aus der Dachaufsicht aus der Lage der kleinen Lukarnen. Hier kann auch beobachtet werden, dass zum Nachbarhaus Grosse Fischergasse 16 hin keine Brandmauer vorhanden war, denn üblicherweise sprangen solche in Frankfurt markant über die Dachflächen hinaus. Die Trennwand bestand demnach mindestens ab dem 1. Obergeschoss auch aus Fachwerk, und im Dachgeschoss verlief diese nicht rechtwinklig zu den Fassaden, so wie ich es in den Grundrissen der Vollgeschosse eingezeichnet habe.

      Bemerkenswert ist die Firstlinie, die in der westlichen Hälfte höher verlief als über der östlichen Hälfte. Dass dies nur auf Grund von Verformungen so war, ist bei der geringen Grösse des Daches unwahrscheinlich. Entweder waren die westlichen Dachflächen steiler als die östlichen, oder die Gebäudetiefe war im Westen ein bisschen grösser als im Osten. Anhand von Photos ist die Ursache nicht feststellbar; jedenfalls beschrieb der Grundriss des Erdgeschosses gemäss dem Ravensteinplan von 1861 ein Rechteck (dieser ist aber in einem sehr kleinen Massstab! Hier müsste also weiter nach Plänen gesucht werden, entweder nach genauen Katasterpläne oder allenfalls noch existierenden Grundrissaufnahmen).



      Nördliche Dachaufsicht mit mutmasslicher Sparrenlage (Westen rechts, Osten links)
      Grundlage: Fotografie von 1907 aus LIFE bei Google





      Von Interesse sind nun noch der geschweifte Giebel der Westwand, sowie die eigentümliche Doppellukarne der Nordseite:


      Zum geschweiften Giebel:

      Walter Sage betrachtete in seiner Untersuchung zu den Frankfurter Bürgerhäuser bei verputzten Fachwerkbauten vor allem die Erdgeschossgestaltung, die Form der Knaggen und auch die Form der geschweiften Giebel. Nach ihm standen am Anfang dieser Entwicklung die Giebel aus nur-konvexen Formen. Bei diesen reichte das Fachwerk über die Dachflächen hinaus, und bestanden nicht aus auf die Sparren aufgesetzten Bohlen. Als Beispiele nannte er den Giebel am "Roseneck" und Römerberg 15 (bei letzterem bezieht er sich allerdings auf die Abbildung des Römerbergs nach Caspar Merian, wobei ich dort die Giebellinie aus nur-konvexen Formen bezweifle), und ausserhalb Frankfurts das Rathaus von Butzbach, das "Deutsche Haus" in Rhens und das Haus "Coffine" in Limburg (letzteres konnte ich bis heute noch nicht identifizieren).

      Diese Angaben hatten mich angespornt, die geschweiften Giebel in Limburg an der Lahn genauer zu betrachten. Deshalb empfehle ich zuerst die Lektüre meines Beitrages im Strang "Fachwerkbauten in Limburg" (Haupttitel: "Quintessenz aus meinem Limburg-Besuch", und dann hinunterscrollen bis auf "Die Entwicklung des geschweiften Giebels").

      Die Mehrzahl, und wohl auch jüngeren, der Giebel beschreiben dort allerdings Wellenformen, während sie in Frankfurt pro Geschoss eine S-Form aufwiesen. Diese bestehen resp. bestanden aus auf die Sparren aufgesetzten Bohlen, und nicht mehr aus bis an die Bogenlinien hinauslaufendem Fachwerk.

      Typische Vertreter mit dieser Giebelform waren die folgenden beiden Beispiele:

      .
      links: Rebstock, L. Klement, Frankfurt a. M., ca. 1900; rechts: Fünffingerplätzchen, Verlag von Emil Hartmann, Mannheim, ca. 1930

      Auch das Salzhaus und die Goldene Waage wiesen solche Giebel auf.


      Um nun diese Erkenntnisse am Giebel des "Rosenecks" nachzuprüfen, dient ein Ausschnitt aus der entzerrten Westansicht. Mit den grünen Hilfslinien ist die äusserste mögliche Position der Dachhaut eingezeichnet. Die orangen Linien zeichnen dann den Verlauf der Sparren nach. Falls der Giebel aus aufgesetzten Randbohlen bestanden hätte, zeichneten diese eine eigenartige Form mit Kreissegmenten nach, eine mir bislang unbekannte Form:




      Ein Versuch mit der Einzeichnung von gebogenen Randbalken, bei denen das Fachwerk über die Dachlinien hinauslief, ergibt ebenfalls eine ungewöhnliche Lösung, die von den Limburger Beispielen deutlich abweicht. Die gebogenen Balken des 1. Dachgeschosses hätten demnach nicht über den Fassadenkanten angesetzt, sondern erst ein Stück weit innerhalb:



      Man könnte nun nach weiteren Vergleichsbeispielen suchen, aber ich lasse die Problematik des geschweiften Giebels des "Rosenecks" hier mal bewenden. Insofern konnte damit Sages Feststellung, dass sich dieser Giebel von allen andern in Frankfurt unterschied, wenigstens bestätigt werden. Ob dieser tatsächlich auch am Anfang der Entwicklung der geschweiften Giebel stand, ist damit aber noch nicht erwiesen. Vielmehr betrachte ich ihn vorerst mal als Unikat.



      Zur Doppellukarne:

      (siehe Bild oben mit der nördlichen Dachaufsicht)
      Solche Doppellukarnen sind aber auf alten Bildern noch mehrmals nachweisbar. In erster Linie dienten die Lukarnen dem Warenaufzug, sofern die Traufseite des Hauses auf eine Gasse oder in den Hof gerichtet war. Bei giebelständigen Bauten war die Aufzugsöffnung in der Giebelwand angeordnet, und eine Lukarne hätte sich demnach für diesen Zweck erübrigt. Auch wurden solche für die Wohnraumerweiterung geschaffen. Vor allem im 18. Jahrhundert sind aussergewöhnlich breite Lukarnen aufgekommen, beispielsweise beim "Rebstock" oder bei den Häusern "zum Hasen", Bendergasse 24, und den sog. "Pesthaus", Bendergasse 26, an der Seite gegen das Fünffingerplätzchen (s. Bilder oben). Breite Lukarnen waren aber nur bei hohen Dächern möglich, und so behalf man sich bei niedrigen Dächern wie beim "Roseneck" mit einem Doppelgiebel, damit der First nicht höher als der Hauptfirst zu liegen kam. Möglich ist es aber auch, dass der Doppelgiebel in zwei Etappen entstanden war. Es wäre allenfalls möglich, dies heute noch festzustellen, indem man auf einer scharfen Fotografie die Doppellukarne durchzeichnet, und dann die Abmessungen und die Geometrie genau studiert.

      An der linken Kante der Roseneck-Lukarnen ist eine zu einem Fenster reduzierte, ehemalige Aufzugsöffnung mit rundbogigem Abschluss erkennbar. Rechts folgen zwei Fenster, die viel grösser als jene im 3. Obergeschoss sind. Von daher liesse sich folgern, dass die Lukarnen auf Grund der grösseren Fenster jünger als das 3. Obergeschoss waren, aber wegen der Funktion des Warenaufzugs aus einer Aufzugslukarne entstanden sein könnten, welche gleichzeitig mit dem 3. Obergeschoss errichtet worden wäre.

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    • Re: Fachwerkbauten in Frankfurt

      @ Rohne
      Ja, ich weiss, aber ich wollte zuerst das "Roseneck" abschliessen, und dann die Links auf allen Seiten korrigieren, so wie ich es vor einiger Zeit schon im Ansichtskartenstrang und bei den Nürnberger Fachwerkbauten gemacht habe. Ist jeweils eine lange Arbeit, aber zum Glück ist dieser Strang hier nicht so lang wie die andern beiden.

      The post was edited 3 times, last by Riegel ().

    • Ist dieses Frankfurter Gebäude schon bekannt?

      Schellgasse 8 in Sachsenhausen, dendrochronologisch auf 1292 datiert.
      1928 wurde die südliche, linke Haushälfte abgebrochen.











      dreht man sich um, so endet die Idylle...




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      Der Bau dieses Hauses liegt etwa 263350 Tage zurück :biggrin:
    • Die Zukunft des oben genannten Baus in der Schellgasse in Sachsenhausen ist ungewiss. Die Freunde Frankfurts sind dieses Jahr ausgezogen, das Gebäude steht leer.

      fnp.de/lokales/frankfurt/Freun…ellgasse-8;art675,1448315

      op-online.de/region/frankfurt/…ergangenheit-5340253.html

      Nun steht das Haus zur Anmietung als Galerieraum bei Immobilienscout24.

      immobilienscout24.de/expose/85622521

      Hoffentlich findet sich bald ein geeigneter Nutzer.
    • Interessant ist doch immer wieder was an ein Gebäude Baujahr 1292 für Anforderungen an den Brandschutz und Sanitäre Anlagen gelegt werden:

      Zitat:
      „Der Brandschutz ist ebenso unzureichend wie die nicht ausreichende Zahl sanitärer Anlagen.“ Auch sei die Beleuchtung stark verbesserungswürdig."

      Für eine Nutzung durch einen mit der Geschichte Frankfurt befassten Verein, dürften doch keine gravierenden Sicherheitsmängel vorhanden sein. (Der Brandschutz war im Übrigen in den letzten 725 Jahren ausreichend trotz offenem Feuer und Krieg)
    • Frankfurt habe ich eigentlich abgeschlossen, obwohl es dort noch einiges zu berichten gäbe, aber nie in dem Mass wie in Nürnberg. Die "Neue Altstadt" ist jetzt fertig gebaut, und mein Interesse deshalb eher verflogen. Eigentlich sollte ich aber noch einen Abschluss für das "Roseneck" bringen. Das Haus zum "Widder" am Fünffingerplätzchen bringt für die Forschung nicht viel her. Vom Fachwerk und der Fenstereinteilung her scheint das Haus noch ziemlich original gewesen zu sein.

      Nürnberg werde ich schon wieder aufnehmen, aber zuerst ist dort wieder mal ein Stadtbesuch vonnöten; auch interessiert mich dort eine Vorstellung der ganzen Stadtbefestigung.

      Und die St. Galler Fachwerkbauten rufen auch noch nach einer detaillierteren Präsentation. ;)
    • @Fuldataler
      Eigentlich hatte ich schon mal vor, noch eine weitere Fachwerkstadt auszukundschaften. Diese müsste aber im niedersächsischen Fachwerkgebiet liegen, wie Hildesheim zum Beispiel. Kassel liegt da noch zu weit südlich im Übergangsgebiet zum fränkischen Fachwerk.

      Inwiefern meinst Du, dass es zu Kassel "noch einige Rätsel" gibt?


      @East_Clintwood
      Im Forenbereich Architekturgeschichte und -theorie findet man einige Stränge zu Fachwerk. Du musst einfach bei der Leiste "Thema / Antworten / Danke..." auf "Thema" klicken, und dann erscheinen die Titel nach dem ABC geordnet.


      Edit.:
      Die Fortsetzung der Diskussion zu Kassel findet ab hier statt.

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