Fachwerkbauten in Frankfurt

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    • @ Riegel: wenn du hier noch etwas zum Haus zum Widder (Goldhutgasse 16) schreiben könntest, würde ich mich sehr freuen. Es ist der Frankfurter Fachwerkbau, der mich von allen am meisten fasziniert. Auch ich bin gerade dabei, hierzu etwas baugeschichtliche Forschung zu betreiben, wobei meine Fähigkeiten mangels Wissen natürlich ggü. den Experten hier natürlich nur gering sind. Dazu kommt, dass er in der Literatur fast gar nicht beschrieben wird.

      Zum Haus Grünau kann ich übrigens noch ergänzen, dass es davon ein ganz exzellentes Foto in dem leider nur noch antiquarisch zu habenden Buch "Zu Gast im alten Frankfurt" (Hugendubel, 1990) gibt. Das Bild ist so gut, dass man von außen sogar genau die Holzverbindungen erkennen kann. Leider war es dann doch etwas zu teuer, dass ich es auf meinen Scanner legen und den Einband ruinieren möchte, aber ich werde es bei Gelegenheit einmal abfotografieren. Da das Buch aber auch noch weitere, sehr rare und späte Bilder aus dem Altstadtkern enthält, ist es definitiv ein Tipp für dich, Riegel - und natürlich alle Alt-Frankfurt-Begeisterten.
    • @ RMA
      Danke für den Hinweis betreffend schärferer Aufnahme des Hauses "Grünau". Für eine weitere Bearbeitung der hier vorgestellten Bauten würde man am besten auf die Orignalphotographien zurückgreifen, sofern sie noch vorhanden und auffindbar sind.

      Auf das Haus zum Widder komme ich schon noch zu sprechen, aber baugeschichtlich gehört es nicht zu den ältesten Fachwerkbauten, und ich möchte hier in etwa eine chronologische Abfolge hineinbringen.
    • Weitere Fachwerkbauten aus dem 15./16. Jahrhundert am Alten Markt




      Alter Markt 25-35 gegen Westen, Ansichtskarte vor 1944 (ohne Verlagsangabe)

      In der Zwischenzeit ist mir eine weitere Ansichtskarte in die Finger geraten, welche noch mehr von der Seitenfassade vom Haus "Kellertür", Alter Markt 31 zeigt. Die Frage nach der Fensterveränderung beantwortet sie aber auch nicht; interessant ist jedenfalls das Fenster mit Mittelpfosten im 3. Obergeschoss, und demnach wohl das einzige original erhaltene.




      Haus "Kleines Paradies", Alter Markt 27


      Zwei Häuser weiter östlich bestand ein Haus mit einem merkwürdigen Knick in der Fassade bis zum 2. Obergeschoss. Von der Literatur erfährt man, dass hier einst ein weiteres Gässchen vom Fünffingerplätzchen her in den Markt eingemündet haben soll. Baugeschichtlich betrachtet könnte das heissen, dass zuerst ein schmaler, dreigeschossiger Kernbau bestand, welcher dann bei der Aufgabe des Gässchens bis zum Nachbarhaus verbreitert wurde. Beim Kernbau dürfte es sich um die linke Hälfte handeln, da deren Fassade parallel zur Gasse verläuft. Die Erweiterung wurde dann bis an beide benachbarten Hauskanten vorgezogen, sodass die neue Fassade schiefwinklig zur Gasse zu stehen kam.

      Das 3. Obergeschoss und die beiden Dachgeschosse zeigen diesen Knick nicht mehr, und sind deshalb als spätere Aufstockung zu werten, welche gleichzeitig mit der Erweiterung oder noch später erfolgte. Bei diesen beiden Geschossen wurde kurz vor 1944 ebenfalls das Fachwerk freigelegt (beim 1. Und 2. Obergeschoss waren die Fenster zu stark verändert). Die Wände sind wie bei der "Grünau" und "Kellertür" mit gebogenen Fuss- und Kopfstreben ausgesteift, aber Viertelkreisstreben kommen nicht mehr vor. Mich interessierte hier vor allem die Ausbildung des Hausgerüsts bezüglich vertikaler Pfosten, um Rückschlüsse auf die Dachstuhlkonstruktion zu erhalten. Aus Aufnahmen aus entgegengesetzten Blickwinkeln wird ersichtlich, dass auch die Giebelwand leicht auskragte. Eine Verbindung der Geschosse durch mehrgeschossige Ständer wie bei der "Grünau" war hier also nicht vorhanden. Es bestünde noch die Möglichkeit, dass die beiden Dachgeschosse durch einen Firststud (Firstständer) konstruktiv verbunden waren, doch ein an seinem vorstehenden Kopf erkennbarer Unterzug unter dem Kehlgebälk hätte einen solchen zu stark geschwächt. Auf den Photos erkennt man nur schwer, dass die Mittelpfetten des Daches in Dachneigung abgedreht sind, was auf eine liegende Stuhlkonstruktion hindeutet. Tatsächlich sind die liegenden Stuhlsäulen im Fachwerk sichtbar!

      Das Haus ist leider nur immer aus einem sehr steilen Winkel aufgenommen worden, sodass es für eine Fassadenumzeichnung extrem entzerrt werden musste.




      Alter Markt gegen Osten, Photographie von Paul Wolff, ca. 1940
      Das "Kleine Paradies" ist am Fachwerkgiebel erkennbar





      Entzerrter Ausschnitt aus der Abbildung oben




      Umzeichnung des Fachwerks

      Die Balkenverbindungen gehen aus der Photographie nicht genau hervor, sodass ich sie in Analogie zu ähnlichen Bauten übernommen habe. Bei den Kreuzungspunkten mit dem Brustriegel sind jeweils zwei Holznägel eingeschlagen, sodass ich annehme, dass er aus einzelnen, eingezapften Balken bestand, und nicht auf die ganze Länge von vorn aufgeblattet worden ist. Das Fachwerk zeigt keinerlei Zierformen, und ist noch einfacher gestaltet als bei den bisher betrachteten Fachwerkbauten. Deshalb, und des liegenden Dachstuhls wegen, würde ich das Haus in die Spätphase der Übergangszeit einordnen. Das Fensterformat hilft bei der Datierung auch nicht weiter, da es unklar ist, ob sie noch die originale Höhe aufwiesen, oder ursprünglich nur bis auf die Höhe der seitlich angeordneten Halsriegel reichten. Denkbar ist auch ein durchgehender Halsriegel mit Oblichtern über diesem, sodass ein typisches Kreuzstockfenster entstünde. Um sich ein vollständiges Bild zu machen, muss man sich noch Fensterläden dazu vorstellen, welche jedoch nur die Hauptöffnungen verschlossen, nicht aber die Oblichter .

      Die Fachwerkgeschosse werden spätestens in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstanden sein. Von ihrem Aufbau her entspricht die obere Fassadenhälfte dem Bautypus, welcher bis ins 17. Jahrhundert die gesamte Altstadt prägte, aber mit immer sich wandelndem Fachwerkbild.




      Alter Markt 25 - 33, Altstadtaufnahme 1943, aus Sage, S. 63

      Der Plan der Altstadtaufnahme von 1943 kann für die Rekonstruktion des Fachwerks nicht verwendet werden, da die Balkenverbindungen ungenau, und die Fensteröffnungen in der Giebelwand falsch wiedergegeben werden. Einzig die Fassadenproportion wurde von diesem Plan übernommen.




      Rekonstruktionsvorschlag: links mit niedrigen Fenstern; rechts mit Fenstern mit Oblichtern





      Haus "Dracheneck", Alter Markt 33


      Wohl gleichzeitig mit seinem Nachbar "Kellertür" wurden auch die Fassaden dieses Hauses kurz vor seinem Untergang restauriert. Hier stechen wieder die gebogenen Fuss- und Kopfstreben ins Auge, am linken Eckpfosten des 1. Obergeschosses sogar in Kombination mit einer Viertelkreisstrebe. Dieses Detail ist viel mehr in Städten Hessens zu beobachten als denn in Frankfurt selber. Die Auskragungen sind nicht mehr so beträchtlich wie beim Haus "Kellertür", und deren Unterstützung erfolgt nicht mehr mit hohen Bügen (oder Knaggen), sondern mit kleineren, geschnitzten Knaggen.




      Markt 31 und 33, Abb. aus Gerner III, S. 18

      Auch tritt hier feingliedriges Zierfachwerk auf. Unschwer ist aber am 2. Obergeschoss zu erkennen, dass dieses eine jüngere Zutat (18. Jahrhundert?) war. Damals wurde das Fenster unter Beschneidung der Fussstreben verbreitert, und auch der Brustriegel tiefer gesetzt. Die gebogenen Rauten nahmen auf letzteren Bezug. Sage weist die Andreaskreuze im 1. Obergeschoss ebenfalls diesem Umbau zu, da er ein Hinausziehen dieser Zierglieder bis an den rechten Eckpfosten (anstelle eines Fuss- und Kopfstrebenpaars) für die Übergangszeit noch als unmöglich erachtet. Da aber die Balkenstärken der Andreaskreuze jenen des ursprünglichen Baues entsprachen, und auch der Brustriegel auf der ursprünglichen Höhe sass, würde ich diese Teile dennoch als zum Kernbau gehörig betrachten. Licht war schon in früheren Jahrhunderten in den engen Gassen ein kostbares Gut, und so halte ich es für durchaus möglich, dass man bei der Errichtung von Bauten mal vom Schulbuch abwich. Die Schieferverkleidung ab dem 3. Obergeschoss lässt keine Rückschlüsse mehr auf seine Konstruktion zu, auch nicht, ob es nachträglich aufgestockt worden ist oder nicht.

      In der Literatur findet man als Erbauungsdatum 1531, doch ein Beleg hierzu liess sich nirgends finden. Relativchronologisch hielt Sage dies für möglich.
    • Da kann ich mich Rohne nur anschliessen, echte Pionierarbeit, die du hier leistest, Riegel. Mit derartiger Akribie und Fachkenntnis hat sich seit Sage wohl kein Mensch mehr mit den Bauten der Frankfurter Altstadt beschäftigt, und es ist faszinierend zu sehen, wie sich mit den Methoden der modernen Technik so tiefgreifende Rückschlüsse auf die Gesamtkonstruktion ziehen lassen.

      Insbesondere das Kleine Paradies hat mich immer fasziniert, ohne dass ich wirklich den Grund für den "Knick" verstanden habe, schön, dass dies nun wissenschaftlich, aber auch für den interessierten Laien verständlich aufgearbeitet ist. Gab bzw. gibt es überhaupt noch andere Beispiele im deutschen Fachwerkbau für eine derartige Konstruktion, also ein "Spiegeln" entlang des Firsts, um einen Gasseneingang zu überbauen?

      Wieder einmal stimmt am Ende traurig, dass mit dem Haus eine einzigartige Baugeschichte verbrannt ist, die heute mit modernen archäologischen Methoden ins kleinste Detail erforschbar wäre, wie die Sanierungen in Limburg gezeigt haben...
    • Haus "Aldenburg", Alte Mainzergasse 29

      Anlässlich eines Beitrags von Kardinal möchte ich nun dieses Haus vorstellen. Es handelt sich um ein dreigeschossiges Eckhaus an der Alten Mainzergasse gegenüber der Nordwestecke der Leonhardskirche, dessen oberstes Geschoss Fachwerk der Übergangszeit zeigt, wie bei den meisten in diesem Strang bisher vorgestellten Fachwerkbauten. Eine Spezialität zeigt das Schmuckfachwerk, weshalb dieses schon längere Zeit mein spezielles Interesse weckte.



      Ausschnitt aus dem Ravensteinplan von 1861. Die Alte Mainzergasse verläuft
      von links leicht nach rechts oben




      links: Abb. aus Sage, T. 31b, ca. 1935/40; rechts: Photomontage mit rekonstruierter Fensterteilung (nach Riegel)



      In der Literatur hat das Haus bisher nur Walter Sage in "Das Bürgerhaus in Frankfurt" (S. 67f.) beschrieben. Er beschreibt es allerdings als einen "Bau mit zwei Untergeschossen aus Stein und einem Fachwerkstock. [...] Das Fachwerkgeschoss kragt nicht allzuviel über den Steinunterbau vor." Wenn man nun die schlanken Fensterpfosten im 1. Obergeschoss sowie die schlanken Mauerpfeiler zwischen den Fenstern im Erdgeschoss betrachtet, kann es sich unmöglich um einen massiven Unterbau gehandelt haben. Vielmehr muss auch bei diesen Geschossen eine Fachwerkkonstruktion vorhanden gewesen sein, welche infolge starker Veränderungen nicht wie das oberste Geschoss freigelegt worden war. Die rechte Gebäudeecke (Nordostecke) war allerdings durch einen Mauerpfeiler, welcher vor die Fassadenflucht vorsprang, verstärkt worden.

      Dasselbe Bild gilt auch für die nördliche Giebelfassade, von der ich allerdings nur eine rudimentäre Ansicht gefunden habe:


      Bild: ifaust.de/isg
      Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (S7A1998, Sig: 2.339)



      Das Fachwerkgeschoss ist an den Eck- und Bundständer mit geschosshohen Fusstreben und über dem Brustriegel ansetzenden Kopfstreben ausgesteift. Typisch für die Frankfurter Bauten der Übergangszeit sind darunter keine Viertelkreisstreben angeordnet. Wie schon Sage vermutete, muss man sich als ursprüngliche Fensteranordnung zwei sechsteilige Reihenfenster vorstellen, was man anhand einzelner Fensterpfosten und den Vietelkreisstreben ablesen kann. Anders als bei den Häuser "Kleines Paradies" und "Kellertür" am Alten Markt und am Haus "Grünau" am Kornmarkt sind beim Haus "Aldenburg" je zwei Viertelkreisstreben nach aussen geöffnet, was eine härtere Trennung von den geschosshohen Wandflächen und den Brüstungsflächen bewirkt. Bei den vorher erwähnten Bauten, wo die abwechslungsweise Neigungsrichtung der Streben eine harmonische Reihung ergibt, wird hier der Rhythmus gestört, indem (von links beginnend) die erste Strebe und die folgende Viertelkreisstrebe nach links geneigt sind. Diese Eigenheit könnte ein Hinweis auf eine Weiterentwicklung des Fachwerks der Übergangszeit sein, indem die Brüstungen ein "Eigenleben" entwickelten, und sich stärker von den geschosshohen Wandpartien abhoben. Vergleichbares Fachwerk wies nur noch die "Kleine Münze" an der Schmidtstube 1 auf; dort allerdings vermute ich (wie auch Sage schon), dass die Rekonstruktion ungenau erfolgte.

      Sage erwähnt Bautätigkeiten am Hinterhaus im Jahre 1503. Da der Bauherr anscheinend vermögend war, und nichts gegen eine Datierung des Fachwerkstocks in diese Zeit spricht, hält Sage es für möglich, dass auch dieser 1503 oder bald danach entstanden sein könnte. Einen plausiblen Zusammenhang sehe ich hier allerdings nicht, aber relativchronologisch würde ich die Errichtung dieses Fachwerks ebenfalls ins beginnende 16. Jahrhundert setzen. Die drei Zwerchgiebel auf dem Satteldach sind eine Zutat um 1700.

      Kardinal wrote:

      Damit wäre der Standort des spätgotischen Gebäudes Haus Aldenburg betroffen.
      Ich habe einen Aufmaßplan mit dem durch Untersuchungen 1935 festgestellten Fachwerk. Alle drei Häuser wiesen demnach eine Figur der Übergangszeit auf.

      Hier interessiert natürlich, welche Partien dieser Aufmassplan zeigt! Zeigt er das 2. Obergeschoss oder die beiden verputzten, unteren Geschosse? Ist auch die Giebelwand aufgenommen worden? Und welche Häuser meinst Du mit "alle drei Häuser"?

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    • mein Fehler

      Ich muß zugeben, daß ich mich bei dem Plan ein wenig vertan habe. Ich nahm an, daß die gesamte Front am Leonhardstor dargestellt ist (hieße Aldenburg rechts), allerdings wird im Plan gesagt, daß nur daß linke Haus vollständig freigelegt wurde...und es gibt auch ein paar ungenauigkeiten, weshalb ich immer noch nicht restlos sicher bin.

      Ich habe heute Antwort von Herrn Prof. Mäckler bekommen. Leider hat er gesagt, daß eine Rekonstruktion nicht möglich sei, da sie im Investorenauftrag arbeiten. Allerdings ist das Gebiet heute etwas verändert und ich weiß nicht, ob es trotzdem gehen würde. Mal sehen, was er dazu sagt.

      Mit diesem, meinem korrigierten Fehler, muß ich sagen, daß zumindest die Mainfront im Mäcklerentwurf sehr gelungen ist.
      Die Feder ist mächtiger als das Schwert...wenn das Schwert sehr stumpf ist und die Feder sehr spitz!

      -Terry Pratchett
    • Sehr interessanter Beitrag, Riegel. Bei einem Vortrag von Kardinal gab es vor kurzem u. a. auch obige Bild von "Aldenburg" zu sehen, wo mir gleich die fehlerhafte Rekonstruktion des Gefüges ins Auge fiel. Dabei lebten ja gerade die Bauten der Übergangszeit von ihren organisch-symetrischen Formen, auch wenn diese hier, wie du andeutest, bereits in Auflösung begriffen waren.

      Danke auch für die Fotomontage. Nicht ganz zustimmen kann ich allerdings bezüglich der Annahmen für das Untergeschoss. Zweifellos sehen wir auf dem Bild einen sehr stark veränderten Zustand vor uns, aber ich bin mir relativ sicher, dass es entweder massiv oder zumindest eingewölbt war und sich über Arkaden zur Straße öffnete.

      Topographisch betrachtet war das Haus nämlich Teil des alten Frankfurter Buchhändlerviertels, wo es eine ganze Reihe von Häusern dieses Typs gab, die sich mit solchen Gewölben gegen die Feuergefahr versicherten. Das Jahr 1503 fällt dabei mitten in die absolute Blütezeit des Frankfurter Buchhandels, als die Stadt über Jahre die bedeutendste Buchmesse Europas besaß, und es wäre nur logisch, dass man hier einen Neubau eben zur Teilnahme an diesem Handel errichtete.

      P.S.: Wenn ich mal einen Wunsch äußern darf, könntest du dir bei einem deiner zukünftigen Beiträge mal das Fachwerk des Salzhauses am Römerberg vornehmen? Ich habe mich schon öfter mal anhand der hier (größtenteils von mir hochgeladenen):

      commons.wikimedia.org/wiki/Salzhaus?uselang=de

      ...Bilder an einer Rekonstruktion des Gefüges versucht, bin da aber nie so wirklich auf einen grünen Zweig gekommen.
    • Edit. 15.5.2008: auf Grund des übernächsten Posts von Jörg bitte ich, diesen Beitrag mit Vorsicht zu lesen, da ich den hier beschriebenen Plan wahrscheinlich den falschen Häuser zugeordnet habe. Er zeigt höchstwahrscheinlich die Gebäude Alte Mainzergasse 29, 31 und 33, und nicht wie von mir beschrieben die Nrn. 25, 27 und 29. Bei der Interpretation als "Idealplan" bleibe ich allerdings dabei, und schaue ihn weiterhin nicht als baugeschichtlich auswertbaren Aufnahmeplan an.



      Nachdem mir Kardinal verdankenswerterweise umgehend diesen Aufmassplan übermittelt hat, gebe ich hier meine Interpretation zu diesem ab. Zuerst hoffte ich, auf die originalen Baustrukturen des Erd- und 1. Obergeschosses von Alte Mainzergasse 29 schliessen zu können, doch der Plan entpuppte sich (leider für Bauforschungszwecke) lediglich als Idealplan. Doch seht zuerst mal selber:


      Vergrösserung

      "Maßstäbl. Aufnahme der Fachwerksbauten am Leonhardstor zu Frankfurt a. Main"
      Plan: ifaust.de, Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (S8-1, Sig: 3.569)



      Der Plan zeigt die Ostfassaden der Häuser Alte Mainzergasse 25, 27 und 29. Die Nrn. 25 und 27 standen nicht direkt an der Gasse selbst, sondern gegenüber der Westfassade der Leonhardskirche, also am Durchgang zum ehemaligen Leonhardstor. Es fällt auf, dass bei allen drei Häusern Fachwerk der Übergangszeit eingezeichnet ist.

      Das Fachwerk der "Aldenburg" weicht dabei wesentlich vom Bestand auf der Photographie ab; insbesondere fehlt die Verstrebungsfigur in Fassadenmitte. Auch ist der mittlere der drei Zwerchgiebel anders dargestellt (abgesehen davon, dass alle drei Zwerchgiebel eine spätere Zutat waren). Das Fachwerk des mittleren Hauses Nr. 27 wurde ebenfalls 1935 freigelegt. Seine Dachtraufe und First lagen in Wirklichkeit aber höher als jene der "Aldenburg"; im Fassadenplan ist es gerade umgekehrt... Bei der Nr. 25, dem Eckhaus zum Mainufer hin, ist ebenfalls ein Fachwerkhaus dargestellt. Tatsächlich stand hier aber zur Zeit der Fassadenaufnahme 1935 bereits seit ca. 100 Jahren ein klassizistischer Neubau, welcher wahrscheinlich nach Abbruch der Leonhardspforte (ca. 1840?) errichtet wurde.

      Zur Veranschaulichung des Zustands um 1935/1940 vergleiche man mit folgenden beiden Photographien:


      .

      links: Alte Mainzergasse 27 und 29, ca. 1935; rechts: Alte Mainzergasse 25, 27 und 29, ca. 1940
      Photos: ifaust.de, Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (S7A1998 Sig. 2.343; S7A2001 Sig. 127)



      Für die Interpretation des Planes ist die Legende rechts unten von Interesse:

      . . . . . . . . . . . . . . Diese Zeichnung ist eine Rekonstruktion
      Heute/im Jahre 1935/wurde der/links/Eckbau freigelegt, die 2 anderen Bauten blieben,
      bezw. wurden/leider/neu verputzt. Nach unseren Studien werden diese Häuser ungef
      so ausgesehen haben/oder noch schöner. Das Eckhaus/in dieser Gestalt ist ebenfalls
      eine Rekonstruktion/der heutige Zustand ist/durch alberne Umbauten entstellt/nicht gut.

      Frankf. a. M. im heißen Sommer 1935.
      aufgen. u. gez. Gottf. Beuschlim . . . . Leitung: Prof. F. Schad.

      Dieser Text ist auf historisch getrimmtes Deutsch verfasst, sowohl optisch als auch für's Ohr; zudem ist er auch fehlerhaft!
      1. wurde das Fachwerk des rechten Eckhauses freigelegt, und nicht jenes des linken
      2. wurden zwei Fachwerke freigelegt (auch jenes des mittleren)
      3. beim Eckhaus, welches als Rekonstruktion bezeichnet wird, handelt es sich um das linke Haus.

      Trotzdem werfe ich einen weiteren Blick auf den Plan:

      Haus Nr. 25: Die hier dargestellte Ostseite war bis ins 19. jahrhundert von der Leonhardspforte verstellt. Zu (spät-)gotischer Zeit bestand hier also sicher keine freiliegende Fassade mit Fensteröffnungen. Die Rekonstruktion wird auch gegen die Mainseite hin mit Fachwerk und Auskragungen dargestellt, was sicher nicht der Wirklichkeit früherer Jahrhunderte entsprochen haben kann, da hier die Mainfront eine Schutzfunktion wie die Stadtmauer inne hatte, und mindestens in den unteren Geschossen durchgehend gemauert war.

      Haus Nr. 27: Auch dieses Gebäude ist eine freie Rekonstruktion! In keinerlei Hinsicht (Geschosshöhen, Verstrebungsart) entspricht es dem bis 1944 existierenden Haus. Sein Quergiebel ist viel grösser dargestellt als der Bestand; sein Fachwerk entspricht genau jenem des mittleren Quergiebels der "Aldenburg", und wurde offensichtlich von dort übernommen!

      Haus Nr. 29 "Aldenburg": Das Fachwerk weicht ebenfalls vom Bestand ab. Allerdings war dieses im 18./19. Jahrhundert verändert worden. Die Verstrebungsfigur in Fassadenmitte sehe ich aber als Originalbestand an, und diese fehlt auf dem Plan. Die Brüstungen zeigen überkreuzte Viertelkreisstreben; der Bestand hingegen nur eine Reihung von solchen. Es wäre theoretisch möglich, dass diese Viertelkreisstreben erst bei der Renovation 1935 eingesetzt resp. rekonstruiert wurden, was ich hier aber für sehr unwahrscheinlich halte (dieselbe Vermutung hatte ich bereits beim Haus "Glissmud" Alter Markt 31). Weshalb der Planverfasser das mittlere Zwerchhaus durch ein kleineres ersetzte, und dieses auf das Nachbarhaus verpflanzte, ist unklar.


      Der Plan entpuppt sich also weder als ein massstäblicher Aufnahmeplan oder eine auf bauarchäologischen Erkenntnissen beruhende Rekonstruktionsansicht, sondern lediglich als Idealplan! Dies unterstreicht auch seine Darstellungsweise mit verschiedenen Schraffuren und den Legenden in Zierschrift. Um dem Wesen dieses Planes auf die Spur zu kommen, lohnt sich ein Blick auf den zeitgenössischen, geschichtlichen Hintergrund. Ich stütze mich dabei auf die hier schon besprochene Magisterarbeit von Olaf Cunitz "Stadtsanierung in Frankfurt am Main 1933-1945" (1996). Insbesondere das Kapitel 6. "Die öffentlich Debatte und die Reaktionen der Betroffenen" (Seite 84) beschreibt den damaligen Zeitgeist wohl sehr treffend. Die Stadt Frankfurt ihrerseits wollte damals die Altstadt durch Zwangsumsiedlungen der Bewohner, Zwangsenteignungen und anschliessende Flächensanierungen sanieren. Andere Gruppierungen (v.a. der "Bund tätiger Altstadtfreunde") und betroffene Privatpersonen wehrten sich gegen solche Radikalpläne. Bauvorhaben der Stadt sollten möglichst lange geheim gehalten werden, um nicht die Bodenspekulation anzukurbeln und die Angst vor Umsiedlungen früh zu schüren. "Die Stadt versuchte ihrerseits, die anstehenden Projekte und später die durchgeführten Arbeiten als grosse Erfolge propagandistisch zu verwerten.

      Es stellt sich nun die Frage nach dem Auftraggeber des Planes. Als Verantwortlicher unterzeichnete Prof. F. Schad (Gottf. Beuschlim wird ein Schüler von ihm gewesen sein). Der Name von Prof. Schad begegnet einem oft, wenn man sich mit Bauforschung in Frankfurt beschäftigt, beispielsweise beim Haus "Mohrenkopf" (Hinter dem Lämmchen 10) und Haus "Landeck" (Römerberg 8 ). Die wissenschaftliche Auswertbarkeit seiner Darstellungen ist jedoch höchst unterschiedlich, was mich bei der Interpretation unseres Planes hier als "Idealplan" zusätzlich unterstützt. Welcher Seite er angehörte, entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls hatte dieser Plan seine Wirkung als propagandistisches Anschauungsmaterial sicher nicht verfehlt - ob auf Seite Stadt oder Seite Gegner einer radikalen Altstadtssanierung - ich lasse das hier offen stehen. Es wäre aber durchaus interessant, andere solche Pläne ob ihres Hintergrundes genauer zu erforschen.


      RMA wrote:

      Nicht ganz zustimmen kann ich allerdings bezüglich der Annahmen für das Untergeschoss. Zweifellos sehen wir auf dem Bild einen sehr stark veränderten Zustand vor uns, aber ich bin mir relativ sicher, dass es entweder massiv oder zumindest eingewölbt war und sich über Arkaden zur Straße öffnete.

      Weshalb bist Du dir da so sicher? Nur weil das Haus tatsächlich in besagtem Buchhändlerviertel lag, heisst das noch lange nicht, dass alle Häuser desselben einen massiven Sockel oder ein Warengewölbe besitzen mussten. Arkaden können sich auch in einem Holzbau gegen die Strasse öffnen. Zudem sprechen die niedrigen beiden Geschosse gegen einen ursprünglichen Massivbau. Das Jahr 1503 gibt nur Hinweise auf Bauarbeiten am Hinterhaus, nicht aber auf einen Neubau des Vorderhauses. Es wäre aber denkbar, dass in den Jahren um 1503 das 2. Obergeschoss auf einen älteren Kernbau aus Fachwerk aufgestockt worden ist.


      RMA wrote:

      P.S.: Wenn ich mal einen Wunsch äußern darf, könntest du dir bei einem deiner zukünftigen Beiträge mal das Fachwerk des Salzhauses am Römerberg vornehmen?

      Da muss ich leider passen. Wir standen ja schon vor längerer Zeit zusammen in Kontakt, indem Du mir einiges Material zum "Salzhaus" zukommen liessest, aber ich habe darin keinerlei Anhaltspunkte über das Fachwerkgefüge gefunden. Weitergehende Forschungen zu diesem Haus sind nicht ausgeschlossen, insbesondere zum Dachstuhl und zum Fassadenbereich im 1. Obergeschoss, wo die Fenster merkwürdigerweise unregelmässig angeordnet sind, und wo das Fachwerk einst sichtbar gewesen, und erst später mit geschnitzten Tafeln wie in den Obergeschossen versehen worden sein soll.


      Der nächste Beitrag soll der Fachwerkfassade des Hauses Alte Mainzergasse 27 gewidmet sein.

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    • Zu Aldenburg: ich muss sagen, dieser Rekonstruktionsplan entsetzt mich ein wenig. Wie du schon ausführst, scheint die Qualität von Schads Arbeit stark geschwankt zu haben. Aber was sein Schüler da zeichnet, ist ja schlimmstes historistisches Geschwurbel, wie ich man es aus der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts erwartet hätte, wohl aber nicht aus dem Jahre 1935. Ob andere Fachwerkbauten in Frankfurt nach derart fragwürdigen Rekonstruktionszeichnungen restauriert worden sind? Alleine die Tatsache, dass die vermeintliche Rekonstruktion des Fachwerks um 1500 die viel späteren Zwerchhäuser enthält, ist ja mal der pure Blödsinn.

      Zum Salzhaus: deine Antwort verwundert mich insofern ein bisschen, als man bereits auf besseren Fotos wie diesem...

      commons.wikimedia.org/wiki/Ima…-Carl_Hertel-vor_1887.jpg

      ...recht deutlich ein Fachwerkgefüge erkennen kann, auch wenn dessen Schnitzereien verblüffend gut mit den geschnitzten Gefachfüllungen verblendet sind. Auch die Schalbretter, die Schwelle, Balkenköpfe und Rähm eines jeden Stockwerks verblenden, sind deutlich zu erkennen. Anhand der Aufnahme des Hochbauamts von 1890 hatte ich mich mal an einer Rekonstruktion des Gefüges versucht, bin da aber nicht besonders weit gekommen. Bitte nicht lachen... ;)


      (Klicken zum Vergrößern)
    • @ Riegel

      Kardinal und ich hatten über dieses Problem ebenfalls diskutiert und waren eigentlich zu der Auffassung gelangt, dass auf dem Plan nicht die Häuser Alte Mainzer Gasse 25-29, sondern 29-33 dargestellt sind. Demnach wäre Aldenburg tatsächlich links der Eckbau und wir hätten hier die Südseite der Alten Mainzer Gasse vor uns. Ich hab das mal im Stadtplan ausgemessen; die Längen der Grundlinien von den Häusern stimmen überein. So gäbe auch der Satz, dass die beiden anderen Gebäude wieder verputzt wurden, einen Sinn. Und schließlich liegt mir eine SW-Aufnahme vor, die zeigt, dass die Auskragungen der Häuser 29-33 in der Alten Mainzer Gasse mit denen des Plans übereinstimmen. Nr. 31 wäre demnach gegenüber des Planes nachträglich um ein III.OG aufgestockt worden, und die Giebel von Nr. 33 sind sicher dazuphantasiert, genauso wie das Fachwerk des I.OG des linken Eckhauses (Aldenburg). Was sagst du dazu?
      Die Frankfurter Altstadt im Internet: Virtuelle Altstadt
    • @ RMA
      Jetzt, wo Du mich darauf aufmerksam gemacht hast, muss ich zugeben, dass ich das Fachwerkgefüge des 2. Obergeschosses tatsächlich noch nie bemerkt habe! Beim Giebeldreieck sind mir die eingezeichneten Trennlinien einzelner Hölzer auch schon aufgefallen. Im 1. Obergeschoss sind die Schnitzereitafeln vor das Fachwerk vorgeblendet worden, weshalb man dort keine Spuren des Fachwerkgefüges erkennen kann. Du hast mich nun animiert, mich jetzt auch mal ernsthafter dahinter zu setzen. :zwinkern: Für das Giebeldreieck ist es zwingend, auch den Querschnitt des Dachstuhles einzubeziehen; ich hoffe nur, dass er sich mit der Fassade von den Massen her decken lässt... Allerdings ist das Salzhaus für die Fachwerkforschung nicht von prioritärem Interesse, da dieses ja in erster Hinsicht für die geschnitzte Fassadenverkleidung konzipiert worden ist. Für die zeitliche Einordnung des Salzhauses ist aber eine Betrachtung der Strebenform von Interesse. Wenn man genau hinschaut, sind die Streben leicht konkav (und nicht gerade oder gar konvex), was für die Zeit um 1600 typisch ist.

      @ Jörg
      Deine und Kardinals Version haben natürlich etwas an sich, und das würde verschiedene Fragen klären. Die niedrigen Geschosse des linken Hauses beispielsweise, welche ja auch dem Haus "Aldenburg" eigen waren... oder das im Plan fehlende Bodengefälle zum Main hin... die Alte Mainzergasse verlief ziemlich eben, was mit dem Plan übereinstimmen würde. Ich habe mich auch von den mit Bleistift eingezeichneten Hausnummern "25, 27 und 29" verleiten lassen. Wäre es möglich, die Photgraphie mit den Häusern Nrn. 29, 31 und 33 hier einzustellen?
    • Alte Mainzergasse 27


      Das Fachwerk dieses Hauses wurde wohl gleichzeitig mit jenem des Hauses "Aldenburg" 1935 freigelegt. Leicht kann man sehen, dass es sich aber grösstenteils um ein Konstruktionsfachwerk handelte, welches nicht für eine Sichtbarmachung bestimmt war. Dennoch zeigte es einige Unregelmässigkeiten, welche auf einen älteren Bauzustand hinweisen.


      Bild: ifaust.de, Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main (S7A2001, Sig: 128)


      Ins Auge springen die Brüstungsstreben, welche abwechslungsweise nach links und nach rechts geneigt sind. In der mittleren Fensterachse besteht nur ein Pfosten. Die Fenster im 2. Obergeschoss schliessen in einem leichten Stichbogen; im 1. Obergeschoss kann man es auf der Photographie nicht richtig erkennen. Die Anordnung der Brüstungsstreben sowie die stichbogigen Fenster entsprechen genau dem Goethe-Haus, dessen Gestalt aus dem Jahr 1755 stammt (siehe auch den letzten Beitrag auf Seite 1 dieses Strangs). Stichbogige Fenster kamen im Verlauf der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus der Mode, und so wird man nicht fehl gehen, wenn man die Fassadenumgestaltung in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts datiert. Wohl damals erst wurde das ursprüngliche Sichtfachwerk verputzt.

      Nun fallen aber in der rechten Fassadenhälfte leicht konkav geschwungene Streben mit Kopfwinkelhölzern auf. Diese Verstrebungsart zeigt auch das Haus "Wertheim" am Fahrtor 1, dessen Erbauung um 1600 angenommen wird, ebenso die "Goldene Waage" von 1618. Das "Salzhaus" (errichtet ca. 1595/1600) weist im 2. Obergeschoss ebenfalls leicht konkave Streben auf, aber ohne Kopfwinkelhölzer.


      Einzeichnung des noch bis 1944 erhaltenen ursprünglichen Sichtfachwerks (entzerrter Ausschnitt aus obiger Photographie)


      Das Erdgeschoss bestand vermutlich von Anfang an aus Stein, was die beiden Konsolen an den Fassadenkanten verraten. Merkwürdigerweise bestand rechts zur "Aldenburg" hin keine Brandmauer, links gegen die Nr. 25 hin hingegen schon. Für die weitere Erforschung müsste man die Originalphotos nach weiteren Spuren betrachten (evtl. abgebeilte Profile an den Schwellen, geschnitze Eckpfosten, Form der Tragkonsolen über dem Erdgeschoss).

      Ich nehme somit als Hypothese an, dass das Haus ca. 1600 neu gebaut worden ist, und in der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts eine Fassadenumgestaltung erfahren hatte.

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    • Salzhaus /Leonhardstor

      zum Salzhaus:
      soweit ich das beurteilen kann, ist die AUfteilung wohl richtig, allerdings waren die Deckenbalken hinter einem vollflächig beschnitzten oder zumindest gekehlten Balken bzw. Bohle verdeckt.
      Die "Gefache" sind ja relativ starke Eichenplatten, die mit Zapfen an die Balken angeschlossen waren, weshalb sich eine aussteifende Gefachfüllung erübrigt.

      Zum Leonhardstor:

      MANN! So schöne Ansichten! ...und leider zu spät.
      Ich habe Antwort von Herrn Prof. Mäckler bekommen, der bedauert, daß eine Rekonstruktion an dieser Stelle nicht möglich ist, da sie mit ihrem Entwurf in Investorenauftrag handeln und schon seit vier Jahren an diesem arbeiten. Ihr Neubau soll auch bis zur Mainzer Gasse reichen, was mindestens den halben Platz von Aldenburg belegt.
      Schade, es wäre eine Gelegenheit gewesen, hier möglichst einen ganzen Block wieder herzustellen. Mal sehen, was so passiert.
      Die Feder ist mächtiger als das Schwert...wenn das Schwert sehr stumpf ist und die Feder sehr spitz!

      -Terry Pratchett
    • Das "Salzhaus"

      Ich habe mich über's Wochenende nun auch wieder mal hinter die Salzhausfassade gesetzt. Dabei war mir das Material aus RMAs Link commons.wikimedia.org/wiki/Salzhaus?uselang=de sehr hilfreich, vielen Dank Dir nochmals!


      "RMA" wrote:

      Zum Salzhaus: deine Antwort verwundert mich insofern ein bisschen, als man bereits auf besseren Fotos wie diesem...

      commons.wikimedia.org/wiki/Ima…-Carl_Hertel-vor_1887.jpg

      ...recht deutlich ein Fachwerkgefüge erkennen kann, auch wenn dessen Schnitzereien verblüffend gut mit den geschnitzten Gefachfüllungen verblendet sind. Auch die Schalbretter, die Schwelle, Balkenköpfe und Rähm eines jeden Stockwerks verblenden, sind deutlich zu erkennen. Anhand der Aufnahme des Hochbauamts von 1890 hatte ich mich mal an einer Rekonstruktion des Gefüges versucht, bin da aber nicht besonders weit gekommen. Bitte nicht lachen... :wink:


      (Klicken zum Vergrößern)


      Da gibt's doch nichts zum lachen... :wink:
      Auf demselben Plan sind mir die Gefügelinien im Giebelbereich auch schon aufgefallen, aber das war mir bisher zu wenig, mich ernsthaft mal zu deren Studium dahinter zu setzen. Bei deinem Versuch ist mir aber aufgefallen, dass Du zwischen dem 1. und 2. Obergeschoss eine Balkenlage eingezeichnet hast. Ich kann aber nirgendwo Anzeichen dafür finden, auch auf guten Photos nicht. Weiter bemerkte ich die Strebenform, welche nicht den sichtbaren Spuren auf der Photographie entspricht. Also ist für mich sofort klar geworden, dass dieser genaue, lithographierte Fassadenplan für die bauarchäologische Auswertung nicht in Frage kommen konnte, insbesondere auch deshalb, da ja eine hochaufgelöste Photographie von vor der Restaurierung 1887/88 zur Verfügung steht.

      >>> also zwei Ratschläge von mir, wenn Du weitere Bauforschungen betreibst:
      - Evaluation der auszuwertenden Grundlagen
      - nur eindeutige Befunde aufzeichnen; in einem ersten Schritt keinesfalls Ergänzungen hinzu fantasieren (Balkenlage!)

      Ich habe nun in die erwähnte Photographie alle sichtbaren Fugenlinien eingezeichnet; dort, wo ich unsicher war, habe ich nichts eingetragen! Natürlich habe ich die Photographie in viel höherer Auflösung in meinem Computer, aber um die Ressourcen des Servers zu schonen, und auch die Ladezeit hier zu verringern, gibt's nur eine starke Verkleinerung. Schon während des Einzeichnens stellte sich die Frage, welches denn Schwellen, Rähme und Kehlbalken sind, und welches Schalbretter. Auch sind zu diesem Zeitpunkt die enormen Schäden links im 1. Dachgeschoss aufgefallen, welche bis zur Restaurierung 1887/88 bestanden (komme später darauf zurück). So sollte in dieser Frage eine Überblendung des "Photo-Fugenplans" mit dem Schnitt weitere Klarheit schaffen (was allerdings im obersten Kehlbalkenbereich nicht mit Gewissheit gelang). Hier das Resultat des ersten Versuchs:


      .
      Salzhaus; links: Photographie vor 1887 mit eingezeichneten Fugen; rechts: Überblendung der Abb. links mit dem Schnittplan



      Vergrösserter Ausschnitt aus der Abbildung oben


      Auf dieser Vergrösserung sind die Schäden links im 1. Dachgeschoss deutlich sichtbar. Aus der Literatur weiss man, dass die Fassade schon früher einmal repariert worden war. Eine geschnitzte Jahrzahl zwischen dem 2. Ober- und 1. Dachgeschoss (1702 oder 1707) belegt diese Massnahme. Auch für den Laien ist leicht erkennbar, dass die Schnitzereien in diesem Bereich deutlich derber (ungelenker, unförmiger) ausgeführt waren, wenn man sie mit den entsprechenden Schnitzereien darüber und vor allem rechts vergleicht. Ganz offensichtlich galt dies für die zusammengedrückte Spirale in der Mitte des Dreiecks, oder für die Ranke auf der Schwelle darunter. Im Vergleich mit späteren Photographien war diese Partie dann 1887/88 wieder komplett erneuert worden, aber diesmal von einem begabteren Holzbildhauer, sodass sich die Reparatur kaum mehr vom Original unterschied!

      Eine weitere Feststellung betrifft die Streben im 2. Obergeschoss. Im Gegensatz zur Fassadenlithographie waren diese leicht konkav gebogen, und reichten weiter hinauf, sodass die Wandriegel höher zu liegen kamen.

      Was ich nicht genau feststellen konnte, waren die Überkreuzungen der Fensterpfosten mit den Brüstungsriegeln (von vorn eingesetzte durchgehende Brustriegel oder zwischen die Pfosten eingezapfte Brustriegel). Für die Zeit um 1600 ist die zweite Lösung zwar die Regel.

      Noch eine weitere Bemerkung zur Balkenlage zwischen dem 1. und 2. Obergeschoss: Die Auskragung des 2. Obergeschosses war gegen die Seitenfassade beträchtlicher als bei der Giebelfassade. Aus diesem Grund gehe ich davon aus, dass die Balkenlage parallel zur Giebelfassade verlief, und zu dieser hin nur ein Stichgebälk bestand.

      In einem weiteren Punkt bin ich auch noch unsicher, und zwar betrifft dies das möglicherweise Durchstossen von Unterzügen jeweils auf Rähmhöhe in der Mittelachse der Fassade. Genau gesagt, lagen diese Punkte allesamt leicht nach rechts verschoben, was mich erst verwunderte. Dies könnte aber den Ursprung darin haben, dass der Hausgrundriss ein stark verschobenes Viereck umschrieb, und somit geringe Verschiebungen durchaus möglich waren. Weiter stellt sich nun aber die Frage, weshalb denn die Mittelpfetten des Dachstuhls nirgendwo sichtbar sind... Möglicherweise verzichtete man hier auf ein Vorholz (ca. 10-15 cm herausragendes Pfettenende, welches zimmermannstechnisch notwendig und üblich ist), um die Bohlen für den geschwungenen Giebelabschluss ohne Einschnitte direkt an den Randsparren befestigen zu können. Diese Frage lasse ich nun mal offen im Raum stehen, denn vielleicht ergibt sich die Antwort bei einer Weiterbearbeitung von selbst.

      Für eine Weiterbearbeitung, und zwar die Frage nach dem Zusammenhang von Dachstuhl und Fassade, interessierte mich die Lithographie dennoch. Die Überlagerung der Photographie mit dem Schnitt ergab noch nicht die gewünschte Klarheit, aber vielleicht würde etwas aus der Überlagerung der Lithographie mit dem Schnitt resultieren. Bei der Lithographie ging ich als Arbeitshypothese davon aus, dass die Gesamtmasse sowie die eingezeichneten Schnitzereien genau sind. Die eingetragenen Fugenlinien entsprechen nachweisbar nicht dem Bestand, wie wir weiter oben gesehen haben, aber diese waren für die damalige Darstellung wohl nicht so von Interesse. Der Schnittplan musste allerdings in der Breite noch gestaucht werden, da er im Bereich vor der westlichen Rückwand aufgenommen wurde, und nicht unmittelbar hinter der Fassade, wo das Haus schmaler war.

      Diese Überlagerung ergab nun auch mehr Klarheit bei der obersten Kehlbalkenlage (2./3. Dachgeschoss), indem diese eindeutig, wie ein Geschoss tiefer, auf der Höhe des oberen der beiden profilierten Balken der Fassade lag. Man könnte nun aber einwenden, dass auf dieser Überlagerung die Sparren beim First über die Fassade hinauslaufen, und demnach die Höhen nicht eindeutig sind. Hier müsste ich aber entgegnen, dass die Höhenlagen der Unterzüge wiederum übereinstimmen.

      Ich verwendete die Lithographie mit den Eintragungen RMAs, um aufzuzeigen, wie auf schnelle Art und Weise ein interessanter Konstruktionsplan entstehen kann:



      Überblendung der Fassadenlithographie (mit den Fachwerkeintragungen RMAs) mit dem Schnittplan

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    • Besser spät als nie möchte ich mich erstmal herzlich für deine ausführliche Ausarbeitung zum Salzhaus bedanken, Riegel. Ich hoffe natürlich, dass der obige Beitrag nicht dein letzter in diesem Strang war, da du dich nun mit Nürnberg beschäftigst - was ich passiv, wie sicher viele Benutzer hier, hochinteressiert verfolge, aber wozu ich mangels spezifischer Kenntnisse leider wenig beitragen kann. Es ist schon ganz erstaunlich, was für große Unterschiede es im Fachwerkbild zweier großer, nicht allzu weit voneinander entfernter und sicher im regen kulturellen Austausch stehender Reichsstädte gab, die im Prinzip unter das gleiche Fachwerk-Verbreitungsgebiet fallen.

      Nachdem die "Dreysse-Studie 2" zu den "Spolien der Frankfurter Altstadt nun veröffentlicht wurde, kann ich auch noch einen Nachtrag zu der obigen Darstellung bringen, nämlich einen Plan, auf dem ich, einer wesentlich kleineren Abbildung in der Studie folgend, einmal die heute noch erhaltenen Teile des Salzhauses eingezeichnet habe. Dies ist insofern interessant, als die geretteten Teile ganz offensichtlich die sein müssen, die keine konstruktiven Elemente des Gebäudes waren, was nicht überall damit übereinstimmt, was man vermuten würde:


      (Klicken zum Vergrößern)

      Dies trifft insbesondere auf den kleinen Stiel links im ersten Dachgeschoss zu, sowie die Verkleidungen im zweiten Obergeschoss, die trotz der hindurchgehenden Streben offenbar vollständig entfernt werden konnten. Möglicherweise hat man diese gar abgebeilt?

      Seltsam auch im ersten Obergeschoss, dass die große Verkleidung mit der antikisierenden Vase links gerettet werden konnte, während dies bei der kleineren, aber ansonsten identisch erscheinden Platte rechts offenbar nicht der Falll war. Beim Mittelteil des ersten Obergeschosses scheint es sich ferner tatsächlich um beschnitzte Hölzer gehandelt zu haben, die eine statische Funktion erfüllten - ein Stiel und drei ziemlich massive Ständer. Dies verwundert aufgrund der wohl enormen Last des gewaltigen Dachstuhls auch kaum.