Am 9.November findet unser großes Initiativentreffen in Frankfurt am Main statt. Unter der Rubrik "Aktuelles und Allgemeines" finden Sie alle Informationen vor.

Fachwerkbauten in Frankfurt

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    • Fachwerkbauten in Frankfurt

      Inhaltsverzeichnis


      Die Links führen jeweils zum ersten Beitrag über ein Objekt. Aus der nachfolgenden Diskussion können sich aber weitere Erkenntnisse zu einem Haus ergeben, weshalb es sich empfiehlt, auch die nachfolgenden Posts zu einem Beitrag zu besuchen. Sollte einige Seiten später nochmals auf ein bereits behandeltes Haus zurückgekommen werden, so ist dies im Inhaltsverzeichnis mit "(Teil 1)", "(Teil 2)" etc. vermerkt.

      Im Inhaltsverzeichnis sind teilweise auch schon Häuser aufgelistet, welche für eine Behandlung hier erst vorgesehen sind, und daher in schwarzer Schrift erscheinen.


      Alte Mainzergasse 27
      Alte Mainzergasse 29 "Aldenburg"
      Alte Mainzergasse 29, 31, 33
      Alter Markt 5 "Goldene Waage" - die Nachbarhäuser
      Alter Markt 7
      Alter Markt 27 "Kleines Paradies"
      Alter Markt 31 "Kellertür" (früher "Glissmud")
      Alter Markt 33 "Dracheneck"
      Bendergasse 26 "Pesthaus"
      Bethmannstr. 20 "Heydentanz"
      Fahrtor 1 "Wertheim"
      Goldhutgasse 2 "Widder"
      Grosse Fischergasse 14 "Roseneck"
      Grosse Fischergasse 18 (am Roseneck)
      Hinter dem Lämmchen 10 "Mohrenkopf"
      Höllgasse 7, 9, 11
      Limpurger Gasse 2 "Silberberg"
      Kleiner Kornmarkt 19 "Grünau", Teil 2, Teil 3
      Rapunzelgasse 6 (Hinterhaus von "Gross Laubenberg")
      Römerberg 12 "Schwarzer Stern"
      Römerberg 14 "Fleischer" (hinunterscrollen)
      Römerberg 27 "Salzhaus"
      Römerberg 28 "Grosser Engel"
      Schmidtstube 1 "Kleine Münze"
      Schnurgasse 15 "Steinheimer"
      Töngesgasse 61 "Grosse Weinrebe"


      (aktualisiert am 30.4.2016)
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      Haus "Zum Fleischer", Römerberg 14

      Eine Photographie von 1869, welche den Zugang vom Samstagsberg zum Fünffingerplätzchen zeigt, hält ein "Gebäude-Konglomerat" fest, welches mein spezielles Interesse geweckt hat. 1873 wurde dort ja ein Haus abgerissen, welches mit dem Schwarzen Stern (Römerberg 12) und dem Hinterhaus von Bendergasse 30 durch einen Überbau verbunden war. Es handelte sich um das Haus "zum Fleischer", Römerberg 14. Mehr dazu s. hier.


      Photo von 1869 von Carl Friedrich Fay mit wegretouchiertem Zwischenbau von Römerberg 14

      Dieses kleine Gebäude ist mir unter den Hunderten von verschwundenen Altstadtgebäuden an diversen Details besonders aufgefallen. Der Frankfurter Maler Carl Theodor Reiffenstein hat es nicht nur zeichnerisch festgehalten, sondern dazu auch noch baugeschichtliche Beobachtungen während des Abbruchs getätigt. Pläne gibt es leider keine. Aussergewöhnlich ist das Mass der seitlichen Auskragungen der beiden Obergeschosse; hingegen bestanden an der Hauptfassade keinerlei Vorkragungen. Auch die Verteilung der Fenster und deren Form ist bemerkenswert: sie machen weder einen ursprünglichen Eindruck aus der Zeit der Gotik (der Entstehungszeit des Hauses) noch einen barocken/klassizistischen Eindruck (der grösste Teil aller gotischen Häuser hatte im 18./19. Jahrhundert eine Veränderung der Fensteranordnung erlebt).

      Die Rekonstruktion von Fachwerk, auch die zeichnerische, ist ja eine sehr hypothetische Sache. Trotzdem habe ich mich spontan mal an dieses Haus herangewagt, ohne jetzt schon genauere Erläuterungen dazu abzugeben. Die meisten Gebäude verraten an gewissen Details noch vieles über ihre Baugeschichte, auch wenn sie schon sehr stark umgebaut und überformt worden sind.

      Die Fachwerkforschung beruhte ja seit jeher darauf, die ältesten bekannten Beispiele aufzuspüren und miteinander zu vergleichen. Diese Reihe wurde dann mit jüngeren Bauten fortgesetzt, sodass man die (regionale) Entwicklung des Fachwerks bis um die Zeit um 1400 zurückverfolgen konnte. Heute ist man bereits ins 13. Jahrhundert vorgestossen!

      Ich möchte hier aber nicht wiederholen, was in der Literatur zu finden ist, sondern vorerst mal ziellos in der verschwundenen Altstadt von Frankfurt umherschweifen. Ich stelle daher an den Anfang eine Literaturliste von Büchern, deren Studium ich sehr empfehle, wenn man sich eingehend mit dem Fachwerkbau befassen möchte.

      [list]Als Einführung in den Fachwerkbau Deutschlands:Manfred Gerner I, Fachwerk Entwicklung, Gefüge, Instandsetzung, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1979

      Die beiden wichtigsten Bücher über den Fachwerkbau Frankfurts:
      Heinrich Walbe, Das hessisch-fränkische Fachwerk, Hrsg. Heimatbund für Hessen und Nassau, L. C. Wittich Verlag, Darmstadt 1942
      Walter Sage, Das Bürgerhaus in Frankfurt a. M. Hrsg. Deutscher Architekten- und Ingenieurverband, Verlag Ernst Wasmuth, Tübingen 1959

      Für denjenigen, der sich weiter in die Materie vertiefen möchte, empfehle ich die folgenden Bücher:
      Manfred Gerner II, Farbiges Fachwerk Ausfachung, Putz, Wärmedämmung, Farbgestaltung, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1983
      G. Ulrich Großmann, Der spätmittelalterliche Fachwerkbau in Hessen, Hrsg. Verlag Karl Robert Langewische Nachfolger Hans Köster, Königstein im Taunus 1983 (Reihe "Die blauen Bücher")
      Carl Schäfer, Deutsche Holzbaukunst, Hrsg. P. Kanold, Gerstenberg Verlag, Hildesheim 1980 (Neudruck der Aufl. Dresden 1937)
      Manfred Gerner III, Fachwerk in Frankfurt am Main, Hrsg. Frankfurter Sparkasse von 1822, Verlag Dr. Waldemar Kramer, Frankfurt a. M. 1979
      Hans Lohne, Frankfurt um 1850, Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt a. M. 195
      [/list]








      Die Bücher findet man nur noch antiquarisch (diejenigen von Gerner und Grossmann evtl. noch in Buchhandlungen), bspw. bei
      zvab.com (zentrales Verzeichnis antiquarischer Bücher).



      Nun mal zu meinem ersten spontanen Vorschlag zur Rekonstruktion von Römerberg 14:



      Auffallen mögen hier die drei durchgehenden Ständer vom Erdgeschoss bis in die Dachkonstruktion hinauf (die sie unterbrechenden Fenstersimse sind nur von vorne aufgesetzt). Man wird sich wohl mehr Verstrebungen vorstellen müssen; rein theoretisch würde aber dieses Fachwerkgerüst halten, da es mit den Erdgeschossarkaden, den Bügen unter den Vorkragungen, sowie mit Hilfe des Dachdreiecks genügend ausgesteift wäre.

      Durch mehrere Geschosse verlaufende Ständer waren vom 13. bis 15. Jahrhundert üblich, konnten aber in Frankfurt nirgends mehr nachgewiesen werden. Das Erdgeschoss, die Fensteranordnung im 1. und 2. Obergeschoss, sowie die Vorsprünge der Mittelpfetten des Dachstuhls verleiteten mich mal zu dieser gewagten Annahme.

      Ein von der Konstruktion her ähnliches Gebäude stand bis 1940 in Heppenheim (Haus des Siebenbürger Hofes), welches Walbe auf Tafel 43-45 vorstellt. Dieses hatte auch nur auf den Traufseiten eine Vorkragung, und in den Giebelwänden keine (der Normalfall ist eher umgekehrt). Sodann konnten in den Giebelwänden drei durch mehrere Geschosse durchlaufende Ständer festgestellt werden, wobei die äussern beiden leicht zueinander geneigt waren! Dieses Beispiel steht bisher alleine da, und es ist eigentlich unzulässig, von einem Einzeltyp auf andere Hauskonstruktionen zu schliessen. Deshalb ist mein erster Vorschlag als sehr hypothetisch zu betrachten!


      Haus des Siebenbürger Hofes. Aus: Heinrich Walbe, Das hessisch-fränkische Fachwerk



      Ein zweiter Vorschlag basiert auf Grund des Fachwerktyps, welcher in Frankfurt im 15. Jahrhundert vorherrschte, wie ihn Walbe und Sage mehrfach dokumentierten:



      Das Erd- und 1. Obergeschoss sind geschossweise konstruiert, und bedürfen deshalb einer eigenen Austeifung mit Streben und Bügen. Das 2. Obergeschoss und den Dachstuhl habe ich konstruktiv zusammengefasst, aber auch hier mehrere Austeifungen angenommen. In ähnlicher Manier ist ja Römerberg 18 auf dem Samstagsberg rekonstruiert worden. Dort allerdings auf der Annahme eines Fachwerkgerüsts aus dem 15. Jahrhundert, aber unter Berücksichtigung der im 18./19. Jahrhundert vergrössterten Fenster.





      Vorschlag 2 hier nochmals, aber in anderer Farbgebung, um auszuloten, welche graphische Darstellung besser ankommt.

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    • Haus "Grünau", Kleiner Kornmarkt 19


      Kleiner Kornmarkt 3-19 ca. 1920/30
      Bild aus: W. Sage, Das Bürgerhaus in Frankfurt, S. 31


      Walter Sage hat in seinem Buch (Das Bürgerhaus in Frankfurt a. M.) den Fachwerkbau des 15. bis 19. Jahrhunderts minutiös beschrieben und erforscht. Die behandelten Gebäude sind chronologisch geordnet, sodass man einen sehr guten Überblick über die Entwicklung des Fachwerks erhält. An zwölfter Stelle von 101 erwähnten Fachwerkbauten steht das Haus "Grünau".
      Heinrich Walbe, sein Zeitgenosse, hat kurze Zeit vorher sein Werk "Das hessisch-fränkische Fachwerk" herausgegeben. Drin enthalten sind fünf Frankfurter Fachwerkbauten aus dem 15. Jahrhundert, darunter wiederum die "Grünau". Spätere Autoren erwähnen dieses Haus auch als Beispiel, ohne aber irgendwelche Neuigkeiten zu schreiben.

      Über dem im 19. Jahrhundert vollständig erneuerten Erdgeschoss kragten das 1. Und 2. Obergeschoss stark vor, während die beiden Dachgeschosse keine Vorkragungen besassen. Das einheitliche Fachwerk, das Fehlen jeglicher Architekturgliederung wie Erker, Türmchen etc., sowie die noch aus der Bauzeit des Hauses stammenden Reihenfenster gaben diesem Haus ein stattliches, besonders altertümliches Gepräge. Nur schon durch seine Breite war es unter den freigelegten Fachwerkbauten aufgefallen. Das Besondere: da das 2. Obergeschoss und die beiden Dachgeschosse in einer Ebene lagen, konnte man die senkrechten Balken durch mehrere Geschosse laufen lassen; Walbe hat dies bereits festgestellt, ohne aber genauere Angaben dazu zu machen. Sage gibt sich da schon genauer: "... Der Mittelpfosten läuft von der Schwelle des zweiten Stockes bis zum First durch. Auch die äussersten Zwischenpfosten steigen bis zum Dach auf, wo sie die "Schwelle" (der Konstruktion nach Riegel) des zweiten Dachgeschosses tragen. Wir haben hier einen Rest der altertümlichen Firstsäulen-Konstruktion..."

      Diese Konstruktionsform kam im Laufe des 15. Jahrhunderts allmählich ausser Gebrauch, und bisher ist mir dieses nicht unwichtige Detail noch an keinem anderen Haus in Frankfurt begegnet (ausser an Schellgasse 8 in Sachsenhausen). Walbe und Sage datieren das Haus ins ausgehende 15. Jahrhundert. Über das Innere des 1944 zerstörten Hauses konnte ich in der Literatur nichts finden.

      Der Vergleich eines Planes der Altstadtaufnahme von 1943 mit Photos zeigt schnell, dass ersterer für die weitere Erforschung unbrauchbar ist. Wie kommt man nun aber zu einem massstabsgerechten Plan mit dem aus den Photos ersichtlichen Detaillierungsgrad? Ich zeige mal, wie man mit einfachen Mitteln zu so einer Grundlage kommt (mir standen keine Originalphotos zur Verfügung, sondern nur die Drucke in den Büchern). Als erstes scannt man einen Ausschnitt mit der Fassade möglichst feingradig ein. Diesen Ausschnitt entzerrt man dann so weit, bis die Horizontalen und Vertikalen wieder rechtwinklig zueinander erscheinen. Das Breiten-/Höhenverhältnis erhält man aus der Altstadtaufnahme:
      (wenn man das Fenster genug in die Breite zieht, kommen die zusammengehörenden Bilder nebeneinander zu liegen)


      li: Ausschnitt aus Walbe, Tafel 41, ca. 1920/30; re: derselbe Ausschnitt nach dem Entzerren
      (die Polarisationsmuster entstehen durch mehrfaches Entzerren und Vergrössern einer Photographie in Klischeedruck)


      Die unterschiedlich stark vorkragenden Fassadenebenen sind somit nun noch seitlich verschoben, und müssen anschliessend ausgeschnitten, vergrössert und verschoben wieder eingesetzt werden:


      li: "photographische Planansicht" nach dem Vergrössern und verschieben des Erd- und 1. Obergeschosses ; re: Altstadtaufnahme 1943: Kl. Kornmarkt 15-19

      Mit Durchpausen kommt man so zu einem Plan, in welchen die aus Photos oder Skizzen erkennbaren Details eingetragen werden können. Auf diese Weise sind die folgenden Ansichten des Hauses "Grünau" entstanden:


      li: Planansicht nach der Photographie gezeichnet; re: Primärstruktur des Giebelfeldes

      Nicht erkennbare Details, insbesondere durch Schattenwurf (Dachvorsprung!) und Fensterrahmenverkleidungen, werden im Plan offen gelassen, und können später evtl. mit Hilfe anderer Photos ergänzt werden. Aber immerhin ist dieser Plan schon um einiges genauer als die Altstadtaufnahme von 1943, welche in erster Linie ganze Hausabfolgen darstellt. Spannend wird es aber erst durch die genaue Betrachtung des Planes! Nicht nur der Mittelpfosten und die beiden äussersten Zwischenpfosten laufen bis zum Dach durch, sondern die dazwischen vorhandenen Pfosten liefen einst ebenfalls durch, allerdings nachträglich unterbrochen durch Veränderung der beiden Fenster im 1. Dachgeschoss (in der Ansicht werden alle Pfosten durch die horizontalen Brustriegel unterbrochen. Diese sind aber lediglich vor die Pfosten aufgesetzt, sodass die durchgehenden Pfosten nicht sofort als solche erkannt werden können). Der besseren Übersichtlichkeit halber sind die Pfosten rot dargestellt, und die auf ihnen abgestützten Bodenkonstruktionen blau.

      Ein weiteres baugeschichtliches Detail: Beim rechten Eckpfosten des 2. Obergeschosses ist irgendetwas mal passiert. Vergleicht mal die Photographie, die Planansicht und die Primärstruktur. Findet es jemand heraus?

      Auf diese Weise lässt sich heute noch Fachwerkforschung an längst untergegangenen Häusern betreiben! Für den Laien mag diese Feststellung mit durchlaufenden Pfosten nicht so relevant erscheinen; hingegen für den Fachwerkforscher schon, da dieses Haus ein wichtiges Bindeglied zwischen zwei Fachwerkepochen (Mittelalter, Übergangszeit) darstellt.

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    • Das ist wirklich äußerst interessant, vielen Dank!

      Gerade die Verwendung von Ständern ist ein bautechnisch und -historisch wichtiges Kriterium.

      Ich hoffe, daß die Rekonstruktionsmethode und -vorschläge den richtigen Leuten zu Gesicht kommen! :)
      http://www.baukunst-nuernberg.de/ - Architektur in Nürnberg vom Mittelalter bis zur Gegenwart
      Nürnberger Bauernhausfreunde e. V.
    • Wirklich höchst interessant, Riegel - vor allem, wie Dominik es schon angegeben hat - offenbar ja problemlos die Erstellung von Bauzeichnungen anhand selbst derart mangelhaften Quellenmaterials möglich ist. Das hätte ich in der Tat nicht gedacht! Was genau im 2. Obergeschoss passiert ist, weiß ich aber aufgrund meiner mangelhaften Fachkenntnis leider auch nicht zu beurteilen... ;)

      P. S.: Prüf' bei Gelegenheit doch mal deine E-Mails.
    • Nochmals zum Haus "Grünau", Kleiner Kornmarkt 19

      Eigentlich wollte ich mich jetzt mit weiteren Fachwerkbauten beschäftigen, doch einige Diskussionen im APH-Forum gestern Abend über moderne Architektur kontra Rekonstruktionen liessen mich an einen Satz erinnern, wie er an den Architekturschulen schon von Anfang an eingetrichtert wird:

      form follows function


      Kann dieser Leitsatz nicht auch auf 500-jährige Fachwerkbauten angewendet werden? Nebst der weiter oben gezeigten Primärstruktur des Hauses "Grünau" haben auch alle andern Balken eine Funktion. Die Aussteifung gegen Umkippen der Primärstruktur wird durch die Streben, Büge, Bänder etc. bewerkstelligt; sogar die Dachsparren haben eine austeifende Wirkung. Wandöffnungen wie Fenster und Türen werden durch die Sekundärstruktur gebildet. Kein einziger Balken bleibt so funktionslos. Also schon die Zimmerleute vor 500 Jahren haben diesem Leitsatz nachgelebt! :biggrin: Vielleicht ist es das, was mich an diesem Haus so fasziniert...

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    • @Riegel

      Faszinierende Einblicke in die reiche Frankfurter Fachwerk-Tradition! Diese großartigen Häuser sind eben doch nicht ganz untergegangen, sondern die vielen Fotos, Beschreibungen, die Grundrisse und Fassadenaufrisse fallen ins Auge und fordern den Vergleich heraus mit dem, was zur Zeit dort steht.

      "Form follows function" ist natürlich wie so vieles, was die Moderne für sich beansprucht, keine Erfindung derselben, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Baugeschichte, angefangen von den ersten Jungsteinzeithäusern, wie man sie z. B. ganz funktional im "Pueblo-Stil" in Catal Hüyük (Anatolien, 7400 v. Chr.) findet - als Flachdach-Kuben, gut geeignet für das dortige trockene und warme Klima!
      Regenabweisende Schrägdächer in regen- und schneereichen Gebieten sind ebenfalls seit Jahrtausenden der Regelfall. Dabei verlangen unterschiedliche Materialien zur Dachdeckung unterschiedliche Dachneigungen. Flach geneigt sind z. B. die steingedeckten Häuser in einzelnen Alpentälern (damit die Steine nicht herunterfallen), steil geneigt dagegen Reetdachhäuser, damit stehende Nässe nicht das Reet zum Faulen bringt.
      Luftige und offene Bauweise passt zu den Tropen, z. B. Südostasien, um gegen die hohe Luftfeuchtigkeit anzugehen.
      In winterkalten, holzreichen Regionen wie Kanada, Skandinavien und Osteuropa ist die Blockbauweise am funktionalsten, wo man mit Bauholz sparsamer umgehen musste, war Fachwerk eine holzsparende Alternative.
      Faszinierende und höchst zweckmäßige uralte Bauelemente sind auch die "Windtürme" in den Ländern rund um den Persischen Gold - raffinierte und hocheffiziente traditionelle Klimaanlagen, funktional und wunderschön zugleich.

      http://www.ferien.li/dubai-infos/wussten-sie/windtuerme1.htm">www.ferien.li/dubai-infos/wussten-sie/windtuerme1.htm
    • Zu den Windtürmen gibt es auch eine schöne Episode aus der TV-Serie "Der Letzte seines Standes", kommt regelmäßig auf BR oder SWR.

      Ist insofern eine tolle Analogie, da mehr und mehr der Windtürme dort abgerissen und durch Klimaanlagen ersetzt werden, wodurch man eine Abhängigkeit von Strom und Wartungstechnik schafft - blinder Fortschrittsglaube! Dabei funktionieren die Windtürme nachweislich genauso gut und bestehen nur aus natürlichen Ressourcen (Lehm, Holz, Ziegel etc.).
    • Von solchen "Windtürmen" habe ich noch nie gehört; sie sind funktionell und sehen dazu noch dekorativ aus :wink:

      Dasselbe Lüftungsprinzip habe ich schon in tiefen Kellern gesehen: möglichst hoch oben liegende, öffenbare Kellerfenster, und von aussen her senkrecht abfallende Luftschächte, welche auf Bodenhöhe in den Keller münden. Dies ergab eine Verbesserung der Luftzirkulation, und die Keller blieben trockener.

      Überhaupt muss man (historischen) klimatechnischen Belangen in einem Fachwerkhaus auch vermehrt nachgehen. Beispielsweise habe ich festgestellt, dass bei vielen Fachwerkbauten des 16. bis 18. Jahrhunderts in St. Gallen alle Böden, nur mit Ausnahme der beheizten Stuben, mit Tonplatten statt mit Bretterdielen belegt waren. Das heisst, Flure, Küchen, Abstellräume und auch die Schlafräume. Feuerschutz war sicher nicht die Ursache, denn es handelte sich ja vor allem um unbeheizte Räume. Ich kann mir aber vorstellen, dass die Tonplattenböden die Wärme speicherten, und deshalb in den hiesigen rauhen Wintern für ein ausgeglicheneres Raumklima sorgten.

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    • Genaue Auskunft kann ich Dir nicht geben, wohl aber einige Hinweise dazu. W. Sage (Bürgerhaus) weist bereits in der Einleitung auf die seit 1953 vorgenommenen Altstadtgrabungen hin. Er schreibt (S.10):
      Über die Entwicklungen des Hausgrundrisses kann dagegen nur noch wenig gesagt werden. Über sie haben auch die seit 1953 vorgenommenen Altstadtgrabungen keine Aufschlüsse gebracht. Die vielen Kelleruntersuchungen im Gebiet westlich des Domes fielen in dieser Hinsichtz negativ aus. Eine genauere Datierung mittelalterlicher und auch nachmittelalterlicher Keller mit ihrem oft schlechten und zusammengestückelten Mauerwerk ist nur selten möglich, überdies deckten sich oft Keller- und Hausgrundriss nicht. [...] Wohl fanden sich Spuren einer frühmittelalterlichen Bebauung in Form von Wohngruben am Rebstock, nachrömischen Mauerzügen in primitiver Bauweise am Hühnermarkt [...]. Überdies fehlen alle Zwischenstufen der Entwicklung von diesen frühen Bauformen zu den stattlichen Fachwerkhäusern aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts [...].

      Ich gehe aber davon aus, dass in diesem Kernbereich der Altstadt alle Häuser mehr oder weniger unterkellert waren, sei es mit Gewölben oder einfachen Holzbalkendecken. Auf alten Photos kann man leicht anhand von Kellerfenstern oder in die Gasse hinausreichenden Kellertreppen auf Keller schliessen. Prominentestes Beispiel hierzu war ja das Rote Haus, welches über den Tuchgaden gebaut wurde, aber trotzdem einen Kellerabgang im Bereich des offenen Erdgeschosses aufwies s.hier.

      Über Gründungen schweigt sich die Literatur ebenfalls aus, aber ich nehme an, das im Nahbereich des Mainufers auf jeden Fall Gründungen vorgenommen werden mussten. Wirklich schiefe Häuser waren seltene Ausnahmen!

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    • Die Nachbarhäuser der Goldenen Waage


      Anlässlich der letzten im Ansichtskarten-Thread vorgestellten Ansichtskarte mache ich nun einen Schritt ins 18./19. Jahrhundert, dem Ende der Sichtfachwerk-Epoche, und werfe dabei einen Blick auf die Nachbarhäuser der "Goldenen Waage":

      "RMA" wrote:

      Zum Abschluß noch ein fantastisches Foto von Paul Wolff aus den späten 30er Jahren, das ich vor einiger Zeit auf eBay ersteigert habe. Es zeigt sehr schön, wie auf für heutige Zeit unvorstellbar aufwändige Weise jedes Detail ausgeführt wurde - ob die Schnitzarbeiten der Eckständer zum Markt, die Steinmetzarbeiten an den Arkaden und Kragsteinen des Erdgeschosses oder die Schlosserarbeiten in den Oberlichtern der Arkaden - ein ganzer Schlag Kunsthandwerker war mit der Verzierung dieses Gebäudes aus der Blütezeit des Fachwerkbaus beschäftigt...

      (Bild anklicken)

      "Riegel" wrote:

      Auf dieser Ansichtskarte erkennt man auch recht gut, dass das Fachwerk des westlich an die "Goldene Waage" anschliessenden Nachbarhauses; Alter Markt 7, lediglich auf den Verputz aufgemalt war; also illusionistisches Fachwerk, oder modern ausgedrückt, Pseudo-Fachwerk. Solche Scheinfachwerke waren um 1900 auch andernorts in der Altstadt anzutreffen, worauf ich mal im Fachwerk-Thread zurückkommen werde.

      "RMA" wrote:

      Das Haus (Markt 7) hieß übrigens Weißer Bock und stammte laut der Dreysse-Studie aus dem 16. Jahrhundert:

      Urkundliche Erstnennung: 1467. Das Gebäude mit drei Vollgeschossen stand giebelständig an der Gasse und schloss mit einem doppelstöckigen, steilen Dach ab. Die Vollgeschosse hatten sechs Fenster pro Geschoss. Das Erdgeschoss erfuhr im Lauf des Bestehens zwei Umbauten. Das 18. Jahrhundert wechselte das Fachwerk aus, und im späten 19. Jahrhundert wurden die barocken Bogenstellungen samt Konsolsteinen durch Eisenstützen für neue Ladeneinbauten ersetzt.

      Der Dokumentationszustand wird dort (sicher wie so oft fälschlich) als sehr schlecht angegeben. Es ist wichtig, das zu widerlegen, um zu verhindern, dass man dort einen modernen Füllbau hinstellt, der die Wirkung der Goldenen Waage völlig verhunzt - was sicher Wunschtraum eines manchen modernen Architekten ist. ;)

      Vielleicht kannst du den Bau ja in deinen Thread zu Fachwerk-Rekonstruktionen in Frankfurt aufnehmen?




      Von links nach rechts: Höllgasse 9, 11, Goldene Waage, Markt 7, 9, 11 (Bildquelle: Kunstanstalt Lautz & Balzar, Darmstadt, ca. 1900)


      Das Fachwerk der Goldenen Waage wurde 1898 freigelegt. Auf frühesten Ansichtskarten aus jener Zeit (sie zeigen anstelle der späteren Stützmauer zur Höllgasse noch eine Böschung mit Holzgeländer) zeigt das westliche Nachbarhaus, Markt 7, ebenfalls Fachwerk. Auf späteren Abbildungen ist dieses Fachwerk aber verschwunden, oder wie in der oben "zitierten" Ansichtskarte nur noch rudimentär erkennbar. Eindeutig handelte es sich hier um aufgemaltes Fachwerk, wie es um die Jahrhundertwende an verschiedenen Orten so zu sehen war. Die gegenüberliegende Fassade von Markt 10 (hier nicht sichtbar) sowie die spätbarocke/klassizistische Fassade von Höllgasse 9 wurden damals ebenfalls mit illusionistischem Fachwerk "historisiert".

      Das späte 18. Und frühe 19. Jahrhundert war jene Epoche, während derer praktisch alle Fachwerke verputzt wurden. Dies hatte aber keine Bauvorschriften als Ursache, sondern war eher eine Frage des Geschmacks jener Zeit (erst 1809 wurde der Fachwerkbau in Frankfurt verboten, was aber eher nur für Neubauten galt; ich denke kaum, dass diese Bauvorschrift auch das Verputzen der bestehenden Altbauten betraf). Dadurch erhielt das Stadtbild den Charakter einer steinernen Stadt. Erst der Historismus entdeckte den Fachwerkbau wieder; vielmehr aber seine dekorative Bauform als denn seine Konstruktionsform. Dies führte dann zu einer eigentlichen Welle von illusionistischen Fachwerkfassaden, wobei eigentliche Restaurationen bis in die 1930-er Jahre die Ausnahme blieben.



      Von links nach rechts: Höllgasse 7, 9, 11, Goldene Waage, Markt 7, 9, 11... (Bildquelle: Verlag von Emil Hartmann, Mannheim, ca. 1940)


      Zu Markt Nr. 7: Die starken Vorkragungen der beiden Obergeschosse sowie die die ganze Hausbreite einnehmenden Reihenfenster verraten den verputzten Fachwerkbau. Bei einem massiv gebauten Gebäude müssten neben den Fenstern noch Mauerpartien vorhanden sein, welche die grösere Last tragen konnten. Beim viel leichteren Fachwerkbau war dies nicht mehr nötig, und statisch genügte es, wenn die ganze Wand in einzelne Pfosten aufgelöst wurde (auf aussteifende Streben konnte verzichtet werden, da man mit der Standhaftigkeit der Nachbarhäuser rechnete...). Es interessiert aber, ob die Fensteröffnungen noch die ursprünglichen sind, oder das Resultat eines Umbaus. Ob das Haus aus dem 15., 16. oder 17. Jahrhundert stammte, kann aus den Abbildungen nicht ersehen werden. Die oben zitierte Dreysse-Studie gibt als Bauzeit das 16. Jahrhundert an.

      Giebelständigkeit, das steile Dach mit Nasengiebel sowie die beiden Vorkragungen (ab 1719 durfte bei Neubauten nicht mehr als eine Vorkragung erstellt werden) unterstützen diese Altersangabe; jedenfalls gehört das Haus der Epoche mit Sichtfachwerk an. Die Reihenfenster, welche das Haus auf den Photos aufwies, schlossen im 1. Obergeschoss mit geraden Stürzen, im 2. Obergeschoss hingegen mit stichbogigen Stürzen, was auf eine Veränderung hinweist. Meist ging das Verputzen von Fassaden mit einer Vergrösserung der Fenster und deren regelmässigen Anordnung einher. Wann diese Veränderung in der Fensterdisposition stattfand, kann nur mit datierten Vergleichsbeispielen geschätzt werden.



      links: Goethehaus, Fensterform von 1755 mit Stichbogen und Schlussstein
      rechts: Klein Limpurg; Fensterform von 1806 mit geradem Sturz



      Einen ersten Anhaltspunkt gibt uns das Goethehaus, dessen Fassade dem Umbau von 1755 zu Grunde liegt. Dort schliessen die regelmässig angeordneten Einzelfenster auch in einem Stichbogen ab, mit einem "Schlussstein" in Scheitelmitte. Einen weitern Anhaltspunkt gibt die Fassade des Hauses "Klein Limpurg", Römerberg 17, welches 1806 grundlegend umgebaut wurde. Seine Einzelfenster wiesen einen geraden Sturz auf, aber ohne Schlussstein. Bei Neubauten aus der Mitte des 19. Jahrhunderts schliesslich kommen nur noch Fenster mit geraden Stürzen vor.

      Auch wenn bei Markt 7 Reihenfenster statt Einzelfenster vorhanden waren, darf man aus dem voran geschriebenen als Annahme schliessen, dass seine Fassade in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts umgebaut und verputzt wurde. Es hatte auch Stichbogenfenster, aber keine Schlusssteine mehr; zeitlich dürften die Fenster also zwischen die beiden Beispiele einzuordnen sein. Dies könnte mit der Angabe in der Dreysse-Studie zum Erdgeschoss (Das 18. Jahrhundert wechselte das Fachwerk aus, und im späten 19. Jahrhundert wurden die barocken Bogenstellungen samt Konsolsteinen durch Eisenstützen für neue Ladeneinbauten ersetzt), übereinstimmen. Woher die Angabe stammt, dass das Erdgeschoss einst auch aus Fachwerk bestanden haben soll, entzieht sich meiner Kenntnis.

      Die Grösse resp. Höhe der Fenster ist ab 1600 bereits möglich (s. Goldene Waage, Schwarzer Stern, Haus Wertheim, alle um ca. 1600). Die Fenstersimsen liegen im 2. Obergeschoss allerdings etwas tiefer als im ersten; offenbar wurden diese im 18. Jahrhundert tiefer gesetzt. Eingriffe ins ursprüngliche Sichtfachwerk haben also sicher stattgefunden. Für eine weitergehende baugeschichtliche Betrachtung ist aber die Kenntnis weiterer Hausgeschichten notwendig.

      Wohl im Anschluss an die Renovation der Goldenen Waage 1898 erhielt die Fassade die Bemalung mit einem Pseudo-Fachwerk.


      Zur Höllgasse allgemein: Alle drei Häuser stehen, wie auch die Goldene Waage, traufständig zur Höllgasse. Zudem weisen sie eine Vorkragung über dem Erdgeschoss auf, im Obergeschoss hingegen nicht. Trotz der dominierenden barocken/klassizistischen Architektur der einzelnen Häuser (Mansardendächer, Fensteranordnung) erweckt die Häusergruppe einen altertümlicheren, lebhafteren Eindruck, wie er eher den gotisch geprägten Gassenräumen eigen ist; allerdings auch durch die Höhenstaffelung bedingt.

      Um der Baugeschichte auf die Spur zu kommen, beginne ich mit dem ältesten erkennbaren Baudetail, den Vorkragungen:
      Bauvorschriften, zitiert nach Walbe:
      1418 wird die Zahl der zulässigen Überhänge auf zwei beschränkt
      1433 verbietet der Rat ohne Sondererlaubnis die Überhänge in schmalen Gassen ganz
      1711 wird die Errichtung massiver Erdgeschosse verlangt
      1719 verbietet der Rat mehr als nur einen einzigen Überhang von einem Fuss (ca. 30 cm) Breite bei Neubauten
      1809 erfolgt das allgemeine Verbot für Fachwerkbau sowie die Anlage von Überhängen und "Belverderchen"

      Solche Vorschriften galten jedoch nur für Neubauten; bei Umbauten (und diese waren ja häufiger) konnte man die Vorschriften umgehen. Die Abschaffung der Überhänge gelang also nicht. Somit überlebten die aus gotischer Zeit stammenden Vorkragungen häufig die späteren Umbauten im 18. Und 19. Jahrhundert, was offensichtlich auch bei den Höllgasse-Häuser zutraf.

      Zu Höllgasse 11: Das überhohe Erdgeschoss (mit einem Mezzaningeschoss) springt sofort ins Auge. Ob dieses seinen Ursprung in der Angleichung an die Goldene Waage hatte, oder schon älter als letztere war, kann ich nicht bestimmen. Auf Grund der schlanken Bauweise scheint es aus Holz konstruiert zu sein, wobei aber auch eine Eisenkonstruktion des 19. Jahrhunderts in Frage kommen könnte. Das 1. Obergeschoss besticht durch das Zweier- resp. Dreierfenster. Das Fensterformat gleicht wieder solchen an Häuser um 1600 (Goldene Waage, Schwarzer Stern, Haus Wertheim). Hier kann also mit unverändertem, ehemals sichtbarem Fachwerk gerechnet werden. Das Gurtgesims darüber kaschiert eine wenige Zentimeter starke Vorkragung. Im 2. Obergeschoss sitzen vier Einzelfenster mit stichbogigem Sturz ohne Scheitelstein, und darüber folgt ein Mansarddach (welches durch einen Quergiebel und daran sich anschmiegende Dachgauben praktisch aufgelöst ist). Also auffallende Stilmerkmale, wie wir sie vom Goethehaus und Klein Limpurg her kennen. Als Arbeitshypothese nehme ich mal an, dass das Haus um 1600 als Sichtfachwerkhaus neu gebaut worden ist, und um 1800 ein Um-/Neubau des 2. und des Dachgeschosses stattfand, anlässlich welchem das Fachwerk verputzt wurde. Ein noch älterer Kern (Keller, Erdgeschoss) ist im Innern nicht auszuschliessen.

      Zu Höllgasse 9: Das Erdgeschoss scheint kein Zwischengeschoss zu verfügen, und zeigt eine typische, in Stützen aufgelöste Ladenfront aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Über der Vorkragung folgen zwei identische Obergeschosse mit je drei stichbogenförmigen Fenster. In der Mitte wiederum ein Gurtgesims, welches hier aber nur eine Zierfunktion übernimmt. Wie beim Nachbarhaus Nr. 7 bedeckt ein Mansarddach mit breitem Quergiebel das Haus, hier aber ohne seitliche Gauben. Die Stilmerkmale der Obergeschosse weisen wiederum in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Ältere Bausubstanz ist von aussen her nicht erkennbar, sodass lediglich die starke Vorkragung einen älteren Kernbau verrät. Jedenfalls handelte es sich auch hier um einen Fachwerkbau, dessen letzte Fassadengliederung aber mit einem Verputz rechnete. Die Restaurierung der goldenen Waage 1898 dürfte auch hier den Ausschlag zu einer illusionistischen Fachwerkbemalung gegeben haben, welche sehr selten auf Photos zu sehen ist (s. grosses Bild oben).

      Zu Höllgasse 7: Dieses zurückversetzte Gebäude war ein grosses Eckhaus am Krautmarkt und an der Einmündung des Tuchgadens in die Bendergasse. Die Architektur entspricht völlig jener von Höllgasse 9, nur ist sie viel reicher ausgestaltet (Girlanden auf den Fensterbogen, Ecklisenen). Anhand der Vorkragung kann geschlossen werden, dass die Obergeschosse in Fachwerk konstruiert sind. Die Girlanden machen einen sehr steifen Eindruck, weshalb sie eher dem Klassizismus als dem Barock zuzuordnen sind. Auch hier nehme ich mal als Arbeitshypothese an, dass dieses Haus Ende des 18. Jahrhunderts mindestens ab dem 1. Obergeschoss als verputzter Fachwerkbau neu errichtet worden ist.


      @Kindvon2dresdnern
      Auf der grossen Photographie erkennt man, dass das Haus Markt 9 ziemlich stark zur Seite hin gekippt ist. Es ist das schiefste Haus, welches mir auf alten Frankfurter Ansichten je begegnet ist. Da es als Einziges in der Häuserzeile so schief stand, vermute ich, dass eher konstruktive Mängel am Oberbau dazu führten, und nicht eine schlechte Fundierung.

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    • Wieder einmal ein sehr interessanter Beitrag.

      In diesem Zusammenhang seien auch noch die zwei großen Stadtbrände in der Frankfurter Altstadt erwähnt, namentlich der Große Judenbrand, so genannt, um jene Feuersbrunst vom Großen Christenbrand abzugrenzen. Während die erste 1711 fast das ganze alte Judenghetto vernichtete, hat die zweite 1719 vor allem in der Neustadt zwischen der Töngesgasse und der Schnurgasse (heutige Berliner Straße) gewütet. Im 2. Band der Chronik von Lersner (1734) gibt es eine detaillierte Auflistung der in Folge dieser Brände zerstörten Häuser und obdachlos gewordenen Bewohner inklusive Beruf.

      Um aber auf die baugeschichtliche Bedeutung zurückzukommen - wirklich interessant ist, dass man vor diesem Hintergrund erwartet hätte, die flächenmäßig fast zu 40 % zerstörte Neustadt wäre auf barockem Grundriss mit zurückgenommenen Fluchten und zeitgemäßen Steinhäusern wieder aufgebaut worden. Pustekuchen! Man hat fast alles auf mittelalterlichen Parzellen, teils unter grober Missachtung der von Riegel genannten Bauvorschriften (z. B. mit Überkragungen) wieder errichtet.

      Auf dem Ravenstein-Plan kann man schön erkennen, dass das mittelalterliche Gassengewirr dort trotz des Großbrandes nicht an Komplexität eingebüsst hatte. Der Bedarf an Baugrund innerhalb der von den Stadtmauern eingezwängten Stadt war offenbar größer als jedes Bestreben, für die damalige Zeit "zeitgemäß" zu bauen. Auch Lübbecke beschreibt mehrfach, dass man selbst im 18. Jahrhundert erbaute Fachwerkhäuser äußerlich leicht mit gotischen Bauten verwechseln konnte, da diese nicht selten immer noch starke Überkragungen aufwiesen. Nicht zuletzt Goethe beschreibt ja auch in Dichtung und Wahrheit, wie sein Vater für den Neubau des Hauses am Großen Kornmarkt die Bauvorschriften gebogen hat, um noch mit Überhang bauen zu dürfen. ;)

      Vor dem Hintergrund ist wohl auch das Dalberg-Statut von 1809, nicht mehr in Fachwerk bauen zu dürfen, wirklich nur mit einem halbernsten Auge zu betrachten, sprich, die Leute haben wohl noch lange Zeit einfach das gemacht, was sie wollten. Der Krieg hat ja nicht zuletzt auf tragische Weise mit dem Feuersturm bewiesen, dass fast die gesamte Altstadt bis hin zur Zeil fast ausschließlich aus reinen Holzbauten höchstens mit steinernem Sockel bestand.
    • Du sprichst hier zwei interessante Punkte an, welche meines Wissens noch nie untersucht worden sind:

      - unterscheiden sich die nach dem grossen Christenbrand 1719 wieder errichteten Häuser wesentlich von der älteren Bausubstanz?
      - wurden nach 1809 tatsächlich keine (von Anfang an verputzten) Fachwerkbauten mehr errichtet?

      Vielleicht finden wir in diesem Faden mal die Antwort... aber vorher müssen wir noch viele unerforschte Häuser "durchackern".
      Das Goethehaus entstand 1755 aber aus einem Umbau, und war kein reiner Neubau, auch wenn am Schluss die Bausubstanz zu 100% ausgewechselt worden sein wird. Das ist doch genau der wesentliche Grund, weshalb die Vorkragungen nicht ausgemerzt werden konnten.
    • Grosse Fischergasse 18 (am Roseneck)

      Mit seinem steilen, dreigeschossigen Giebel dominierte das Haus Grosse Fischergasse 18 das Plätzchen am "Roseneck". 1935 erfolgte eine grössere Renovation, bei welcher das Fachwerk teilweise freigelegt wurde. Viele Abbildungen des Hauses vor und nach der Renovation finden sich hier.

      Bei dieser Renovation wurde am Fachwerk einiges verändert, was eine bauhistorische Betrachtung sehr erschwert, wenn man sich lediglich Photos von nach der Renovation anschaut. Planaufnahmen sind mir keine bekannt, hingegen findet sich bei W. Sage eine kleine Abbildung, welche die Fassade mit abgeschlagenem Verputz zeigt. Sicher wird das Original der Photographie noch vorhanden sein, doch für einen ersten Versuch begnügte ich mich mit dieser relativ unscharfen Abbildung.



      links: Abb. aus W. Sage "Das Bürgerhaus in Frankfurt" Tafel 33a, 1935 / rechts: Ausschnitt einer Ansichtskarte vom Postkartenverlag M. Jacobs, Frankfurt a. M., geschrieben 1940

      Augenfällig handelte es sich um ein sehr uneinheitliches Fachwerk, doch leicht lässt sich links ein dreigeschossiger Kernbau mit scheinbar gekapptem Giebel herausschälen. Dieser Kernbau zeigt eine enge Verwandtschaft zum weiter oben beschriebenen Haus "Grünau" am Grossen Kornmarkt 19: Vorkragungen über dem Erd- und 1. Obergeschoss, überkreuzte Fuss- und Kopfstreben sowie das vierteilige Reihenfenster im 2. Obergeschoss. Hingegen fehlen die Viertelkreisstreben, und es besteht auch kein konstruktiver Zusammenhang mehr zwischen dem 2. Obergeschoss und den Dachgeschossen.

      Dieser Fachwerktyp findet sich vom Ende des 15. Jahrhunderts an bis in die Mitte des 16. Jahrhunderts, als sich die Verstrebungsart wesentlich weiterentwickelte, aber noch nicht zur "Mannfigur" gedieh. Nicht umsonst nennt man diese Epoche der Fachwerkentwicklung "Übergangszeit".

      Später wurde das Haus verbreitert oder mit seinem Nachbarhaus vereinigt, und mit einem neuen, mächtigen Satteldach versehen, wobei Teile des alten Dachstuhles weiter verwendet wurden. Eine zeitliche Einordnung dieses Umbaus ist sehr schwierig, da keinerlei bautechnischen Details sichtbar sind. Ausschliesslich waagrechte und senkrechte Balken sowie kleine, uneinheitliche Fenster gab es über Jahrhunderte hinweg. Einzig der steile Giebel gibt ein Indiz, dass dieser spätestens im 17. Jahrhundert entstanden sein wird.

      Als dritte wesentliche Bauetappe sind diverse Ausbrüche und Erweiterungen von Fensteröffnungen anzusehen, insbesondere durch tiefer gelegte Fensterbrüstungen. Erst diese Veränderungen der Fensteröffnungen gaben der Fassade ihr unruhiges Bild. Wahrscheinlich erfolgten sie zu der Zeit, als das Fachwerk ca. 1800 verputzt worden ist.




      Bauetappenplan der Westfassade (ohne Erdgeschoss) von Grosse Fischergasse 18, gezeichnet auf Grund der beiden oben abgebildeten Photos

      Anhand dieses "Aufnahmeplanes" gestaltet sich eine zeichnerische Rekonstruktion des ursprünglichen Baus (braun) immer noch als sehr schwierig. Insbesondere die Balkenverbindungen und -überkreuzungen konnten nicht überall genau erkannt werden. Man darf nun nicht versucht sein, Fehlendes gemäss der Fassade von Haus "Grünau" zu ergänzen.

      Erdgeschoss: Wie bei letzterem ist auch bei Grosse Fischergasse 18 die Erdgeschossfassade komplett ersetzt worden. Ob ursprünglich ebenfalls Fachwerk oder Mauerwerk bestand, lässt sich nicht eruieren.
      Im 1. Obergeschoss gehören lediglich die sich überkreuzenden Fuss- und Kopfstrebe und der Bundständer zum Kernbestand; die Schwelle, Eckständer und Rähm (= oberer Wandabschlussbalken) dürften ebenfalls noch aus der Erbauungszeit stammen. Holznagellöcher, welche die Zapfenverbindungen zusammenhielten, sind keine ersichtlich. Anhand solcher hätte man den ursprünglichen Balkenverlauf weiter bestimmen können. Die grossen Fenster sind klassizistischen Ursprungs, und haben bei ihrem Ausbruch im 19. Jahrhundert das ursprüngliche Fachwerk grösstenteils zerstört.
      Im 2. Obergeschoss hat mehr originale Substanz überdauert. Auch hier wiederum überkreuzte Fuss- und Kopfstreben, diesmal aber an den Eckpfosten, dafür aber am Bundpfosten nicht! Interessanterweise stehen die Eckpfosten nicht auf der Schwelle, sondern stehen direkt auf den auskragenden Deckenbalken, sodass die Schwelle zwischen die Eckpfosten eingezapft ist. Diese Ecklösung erstaunt hier sehr, da eine solche eher dem 13. und 14. Jahrhundert eigen ist! Unter dem rechten Eckpfosten befand sich eine schlanke Knagge, welche auch keine baugeschichtlichen Hinweise mehr gibt. Könnte es nicht, wie im ersten Obergeschoss, auch am Bundpfosten überkreuzte Strebenpaare gegeben haben? Wenn es solche je gegeben hätte (wie W. Sage es vermutete), dann hätte wohl das rechte Strebenpaar überdauert, denn die rechte Wandhälfte mit dem Vierer-Reihenfenster scheint ebenfalls noch original zu sein. Ein Entfernen des Strebenpaars wäre demnach ja sinnlos gewesen, oder es hätte mindestens noch Spuren in den Gefachfüllungen oder Holznagellöcher hinterlassen. Das ursprüngliche Aussehen der linken Wandhälfte muss offen bleiben; eine symmetrische Ergänzung mit einem weiteren Vierer-Reihenfenster ist fraglich, da von einem solchen mindestens noch der linke Fensterstiel nahe bei den Streben hätte überdauern müssen. Auch von allfällig vorhanden gewesenen Viertelkreisstreben hätten in den grösstenteils intakt gebliebenen Fensterbrüstungen einzelne Exemplare überdauern müssen (oder Holznagellöcher davon).
      1. Dachgeschoss: Wie bereits erwähnt, ist dieses konstruktiv nicht mehr mit dem 2. Obergeschoss verbunden, obwohl beide in einer Ebene lagen. Bemerkenswert ist das vollständige Fehlen von Streben. Die einzige Störung scheint der Ausbruch einer Aufzugsöffnung zu sein, welche später zu einem Fenster verkleinert wurde. Das Fenster links zeigt mit seinem "Kreuzstock" eine sehr altertümliche Form, sodass ich auch dieses dem Kernbestand zuordne (die rechte Hälfte nachträglich zugemauert). Die drei vorstehenden Balkenköpfe unter dem Kehlbalken (auf den Photos oben nicht sichtbar, dafür aber auf einer Zeichnung Reiffenstein's festgehalten) verraten die Dachkonstruktion mit einem dreifach stehenden Stuhl.
      Das Giebelfeld darüber wurde offenbar bei der Errichtung des grösseren Dachstuhles gekappt, denn die beiden vorstehenden Balkenköpfe der oberen Mittelpfetten gehören zu letzterem. Der Einbau der linken Pfette wäre unter Belassung des ursprünglichen Firsts sehr aufwändig gewesen, und macht deshalb keinen Sinn.




      Rekonstruktionsvarianten für den Kernbau: links Rekonstruktion mit zurückhaltenden Ergänzungen; rechts mit weitergehenden Ergänzungen, wie sie auch W. Sage in Textform vorschlägt

      Mit einigen Hypothesen, Vergleichsbeispielen und bautechnischen Überlegungen lässt sich eine Vorstellung vom ursprünglichen Aussehen des Kernbaus gewinnen. Wohl handelte es sich um ein einfacheres Gebäude als die "Grünau", aber trotzdem haben beide einige Details gemeinsam. Die konstruktive Trennung der Geschosse war bei Grosse Fischergasse 18 fortschrittlicher, hingegen die Eckpfostenlösung altertümlicher als bei der "Grünau". Die Fensterform ist bei beiden identisch, ebenso die Art der Verstrebung, auch wenn bei Grosse Fischergasse 18 nirgends Viertelkreisstreben vorhanden waren, was aber auf deren einfachere Bauweise zurückgeführt werden kann. Die tatsächliche Gestalt des Hauses dürfte irgendwo zwischen den beiden Rekonstruktionsversuchen zu finden sein.

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    • Haus "Kellertür" (früher "Glissmud"), Alter Markt 31

      Meine Faszination für dieses Haus hat verschiedene Ursachen; einerseits durch die Menge des zur Verfügung stehenden Quellenmaterials, andererseits durch die bessere Auswertungsmöglichkeit, da das Haus kurz vor seiner Zerstörung im März 1944 noch restauriert worden ist. Auch lotete ich an ihm die Möglichkeiten, welche die Programme PhotoStudio und Photoshop Elements bieten, bis an deren Grenzen aus, ohne übermässig viel Bites hineinpacken zu müssen. All dies schlägt sich in der Länge dieses Berichtes nieder.

      Es handelte sich um ein viergeschossiges Fachwerk-Eckhaus, welches an der Ecke bei der Einmündung der Goldhutgasse in den Alten Markt stand, schräg gegenüber des heute noch bestehenden "Steinernen Hauses". Das Erdgeschoss nahm eine Grundfläche von lediglich vier auf acht Meter ein! Die schmale Hauptfassade schaute gegen Norden, und eine Seitenfassade gegen Osten. An den andern beiden Seiten war es mit Nachbarhäusern zusammengebaut.


      zu den Bildquellen:

      Zuerst stelle ich mal alle Bildquellen vor, welche ich in der Literatur und im Internet finden konnte, sowie aus meiner eigenen Sammlung. Archivarbeit, wie die Sichtung allfällig vorhandener Pläne und Originalphotos, führte ich bisher noch keine aus. Diese würde mich in einer zweiten Bearbeitungsphase weiter bringen, aber es reizte mich mal, das Maximum an Forschungsarbeit aus der Ferne herauszuholen!



      Alter Markt 31 und 33, links: Abb. aus Walbe, T. 41; mitte: Abb. aus altfrankfurt.com; rechts: Abb. aus Gerner III, S. 18

      Das beste Bild, welches sich für die Auswertung resp. Entzerrung eignete, fand ich bei H. Walbe (s. Literaturliste am Anfang dieses Fadens). Obwohl nur als Klischeedruck vorhanden, ist es das einzige, welches die Hauptfassade vom Sockel bis zum First vollständig zeigt. Details wie Holzverbindungen und Balkenüberkreuzungen sind aber nicht erkennbar.
      Eine Aufnahme in altfrankfurt.com zeigt das Haus leicht angeschnitten, aber schärfer.
      Eine dritte Ansicht der Hauptfassade, aufgenommen vom Portal des Steinernen Hauses aus, findet sich bei M. Gerner III, und ebenfalls in schlechter Qualität. Die Originale aller drei Abbildungen würden natürlich wesentlich mehr hergeben!




      links: Rekonstruktionsskizze aus Walbe, T. 41; rechts: Alter Markt 25 - 33, Altstadtaufnahme 1943, aus Sage, S. 63

      Die Rekonstruktionsskizze von H. Walbe sei hier auch wiedergegeben, da ich diese ebenfalls einer kritischen Betrachtung unterzog (bei den über hundert Beispielen, welche Walbe bearbeitete, konnte er natürlich nicht bis ins letzte Detail gehen).
      Die Altstadtaufnahme von 1943 ist nicht vermasst, leistete mir aber wertvolle Dienste für das Breiten/Höhenverhältnis bei der Entzerrung der Photographien. Details dürfen aber aus diesen Aufnahmen keinesfalls herausgelesen werden!




      links: Ausschnitt aus einer Ansichtskarte vom Kunstverlag C. Lukow, Saarbrücken, ca. 1940; mitte: Privataufnahme 1938 (Sammlung Riegel); rechts: Abb. aus Sage, T. 28,b

      Eine weitere Ansicht zeigt eine Ansichtskarte, allerdings aus grösserer Distanz, und damit mehr von der Seite. Dafür ist hier aber die dritte Dimension am besten erkennbar, was für die Eruierung der Auskragungen dienlich war. Insbesondere dank ihr liess sich auch nachweisen, dass sogar das Giebelfeld leicht auskragte! Auch sie musste für eine Entzerrung hinhalten, um die Qualität der Entzerrungsmethode nachzuprüfen, und lieferte erstaunlicherweise dasselbe Ergebnis wie aus Walbe's Ansicht.
      Eine private Photographie zeigt das Erd- und erste Obergeschoss der Seitenfassade zur Goldhutgasse hin, nach der Freilegung des Fachwerks.
      Schwach erkennbar ist die Seitenfassade, allerdings vor der Freilegung des Fachwerks, auch auf einer Abbildung bei W. Sage. Diese Ansicht eignete sich nicht für eine weitgehende Untersuchung, aber sie zeigt am deutlichsten das Erdgeschoss mit den Ladenerker, sowie die Knaggen und Büge an der Gebäudeecke.


      zur Literatur:

      H. Walbe (Das hessisch-fränkische Fachwerk) schreibt lediglich, dass das Haus nach 1500 erbaut, und die Fenster verändert worden seien. Zudem fügt er die oben abgebildete Rekonstruktionsskizze der vermutlich ursprünglichen Form bei.

      W. Sage (Das Bürgerhaus in Frankfurt a. M.) beschreibt es als Bestes der bis vor dem Krieg erhaltenen Fachwerkbauten der Übergangszeit in Frankfurt. Das Erdgeschoss ist stark verändert, lässt aber die Anlage mit starken Holzpfosten noch erkennen. Die Verriegelung unter den weit vorkragenden Deckenbalken erfolgt mittels lang heruntergezogener, einfach gebogener Büge. Unter dem zweiten Obergeschoss finden sich überlange Knaggen (offensichtlich hat er hier die Begriffe "Büge" und "Knaggen" verwechselt). Während das erste und zweite Stockwerk auf langen Knaggen und Bügen vorkragen, ist das dritte "aufgekämmt", d. h., die Deckenbalken liegen nicht mehr einfach auf dem Rähm auf und werden durch Knaggen festgehalten, sondern sie greifen mit einer Nut in den Rähm ein, und deshalb sei keine weitere Verriegelung mehr nötig, und demnach auch keine Vorkragung mehr. Diese Konstruktionsweise kommt wie die wandhohen Streben in der Übergangszeit auf, und verdrängt im 16. Jahrhundert die Knaggenverriegelung. Das Fachwerk ist in allen drei Obergeschossen gleich, zeigt aber überall Veränderungen an den Fenstern. Nur im ersten Obergeschoss haben die drei mittleren Fenstern noch die alte Breite. Nach Walbe's Rekonstruktion sind die Eckpfosten mit "Männern" in der Übergangsform mit gebogenen Hölzern verstrebt, und die beiden Zwischenpfosten mit je zwei im Viertelskreis gebogenen Streben abgestützt. In den obersten beiden Geschossen wurden diese Gruppen anscheinend bei der Veränderung der Fenster zusammengeschoben. Beide Strebenformen sind an Fachwerkhäusern aus der Zeit um 1500 in der Gegend typisch. Im ersten Stock sind noch die ursprünglichen schmalen Fenster zu sehen, nur dass diese einst unter einem besonderen Sturzriegel endeten. Im zweiten Obergeschoss sind noch - ganz an den "Mann" herangedrückt - die Gewändepfosten der ursprünglichen äussersten Fenster zu sehen. Weiter verweist Sage auf die benachbarten Häuser Nr. 27 und 33, welche ebenfalls Fachwerk der beschriebenen Art besitzen.

      M. Gerner (Fachwerk in Frankfurt am Main) schliesslich gibt nur eine kurze Zusammenfassung von Sage's Beschreibung wieder, verweist ebenfalls auf die Verriegelung des ersten und zweiten Obergeschosses, sowie auf das aufgekämmte dritte Obergeschoss. Die Viertelkreisfussstreben seien nur schmückend angeordnet.


      zur Auswertung:


      entzerrte Ausschnitte; links: Walbe; mitte: Ansichtskarte; rechts: Privataufnahme

      Das Resultat der entzerrten Photographien braucht nicht gross kommentiert zu werden, da ich diese nur für die Umzeichnung in Planform benötigte (das Vorgehen ist im Beitrag zum Haus "Grünau" näher beschrieben). Details werden dann aus der Sichtung aller vorhandenen Abbildungen nachträglich eingetragen. Die Umzeichnung der Seitenfassade ergab bis jetzt noch kein brauchbares Resultat, da mir dazu zu wenig Anhaltspunkte wie Masse, Form der ganzen Fassade etc. bekannt sind. Aus einer skizzenmässigen Umzeichnung des Ausschnitts im Verhältnis zur Hauptfassade resultiert erst eine Haustiefe von knapp sechs Meter, statt der aus dem Stadtplan herausgemessenen acht Meter. Es ist möglich, dass das Haus einmal in der Tiefe erweitert oder stark umgebaut worden ist. Die auf der Seitenansicht sichtbaren Details liefern aber weitere wertvolle Hinweise zur Konstruktion des Hauses.




      links: Umzeichnung der entzerrten Abb. aus Walbe; rechts: Rekonstruktionsvorschlag des ursprünglichen Zustandes

      Erst der umgezeichnete Fassadenplan, welcher das Haus in seinem letzten Zustand um 1944 festhält, kann als Grundlage für eine zeichnerische Rekonstruktion des ursprünglichen Zustandes dienen.
      Obwohl das Erdgeschoss starke Änderungen erfuhr, kann sein statisches Grundgerüst anhand der tief hinab reichenden Knaggen bestimmt werden. Ein Teil der Knaggen scheint stark abgeschrotet worden zu sein, weil sie offenbar im Weg waren. Die seitliche Aussteifung muss man sich ebenfalls mit Knaggen (oder Bügen) in Form einer Arkade vorstellen.
      Die Fenster im 1. Obergeschoss sind auf die ursprüngliche Breite und Höhe reduziert, wobei die Verringerung der Höhe mittels eines Sturzriegels auf analogen Beispielen beruht. Ebenfalls ist das rechte Strebenpaar ergänzt.
      Das 5-teilige Reihenfenster im 2. Obergeschoss ergibt sich aus den beiden noch erhaltenen, nahe an die Streben gedrückten Gewändepfosten, unter der Voraussetzung, dass die Breite eines einzelnen Fensters jener im 1. Obergeschoss entspricht. Hier ergibt sich bereits der erste Unterschied zu Walbes Rekonstruktion. Durch die zweimalige Auskragung hat das Geschoss gegenüber dem Erdgeschoss in der Breite und Tiefe einen Meter dazugewonnen, was einer 1.4-fachen Flächenzunahme entspricht!
      Beim 3. Obergeschoss sind keine älteren Gewändepfosten mehr vorhanden, weshalb ich wieder ein 4-teiliges Reihenfenster annehme. Denkbar wäre auch eine geringere Anzahl Fenster, aber aufgrund der beiden verschobenen Zwischenpfosten mit den Viertelkreisfussstreben nehme ich ersteres an.
      Die Dachgeschosse habe ich wiederum nach Vergleichsbeispielen frei ergänzt. Als sicher gelten nur die beiden Mittelpfetten. Die Verschieferung der Dachgeschosse nahm gemäss historischen Abbildungen erst im 17. Jahrhundert ihren Lauf, sodass ich bei Bauten bis ins 16. Jahrhundert generell freiliegendes Fachwerk an den Giebelwänden annehme.

      Bezüglich der im 2. Und 3. Obergeschoss vorhandenen Viertelkreisfussstreben an den offensichtlich verschobenen Zwischenpfosten mache ich ein Fragezeichen. Sage schreibt zwar, dass diese Gruppen anscheinend bei der Veränderung der Fenster zusammengeschoben wurden. Aus meiner Erfahrung kenne ich aber nur Befunde, wo bei Veränderungen die Bänder ersatzlos entfernt worden waren, und nur die übrig gebliebenen Pfosten allein verschoben wurden. Ist es denkbar, dass diese Fussbänder bei der letzten Restaurierung als Kompromiss neu eingesetzt wurden, nach dem Vorbild der noch erhaltenen im 1. Obergeschoss? Auf den Photos kann ich dies leider nicht erkennen.

      Zum Schluss möchte ich noch auf die rekonstruierte Rathaus-Apotheke in Aschaffenburg hinweisen, welche auffallende Ähnlichkeit mit dem Haus "Kellertür" besitzt!

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    • Weiteres zum Haus "Kellertür", Alter Markt 31

      Während ich den ersten Teil zur Rekonstruktion von Alter Markt 31 schrieb, blieb ein altes Ansichtenwerk über Frankfurt in meinem Büchergestell unbeachtet. Darin sind zwei weitere Photos dieses Hauses enthalten, welche mir nun erlaubten, auch zur Seitenfassade einen Bestandesplan zu zeichnen. Während ich auf Grund des Ravensteinplans von 1861 für das Erdgeschoss eine Grundfläche von ca. vier auf acht Meter heraus mass, entnehme ich dem Stadtplan von 1944 ein Seitenverhältnis von 2 : 3. Nur schon der Vergleich der Verhältnisse der Fassadenbreiten von Nr. 31 und 33 zeigt klar, dass der 44-er Plan genauer ist als der Ravenstein-Plan. Es wäre natürlich ein Leichtes, in einem Archiv die genauen Grundmasse zu erfahren.



      links: Ansicht der Seitenfassade zur Goldhutgasse, 1915; rechts: Ladenfront zum Alten Markt, mit übereck laufendem Schaufenstererker, 1905
      beide Photos von Carl Abt, abgebildet in "Das schöne Gesicht von Frankfurt am Main", R. Binding, 1924


      Auf beiden Abbildungen ist zu sehen, dass trotz mehrmaliger Umbauten des Erdgeschosses die tragenden Hauptpfosten samt Bügen (und nicht Knaggen, wie im ersten Teil angenommen) überdauert hatten. Bemerkenswert ist vor allem, dass sogar der Eckständer samt Bugbündel noch erhalten war, und der Ladenerker lediglich um ihn herum gebaut worden war! Bei genauem Hinsehen kann man ihn im Schaufenster sehen.



      Zustand bis 1944: links: östliche Seitenfassade zur Goldhutgasse; mitte: nördliche Hauptfassade zum Alten Markt; rechts: westliche Trennwand zu Nr. 33

      Auch die Seitenfassade hatte, mindestens im Bereich des Fenstererkers im 1. Obergeschoss, Veränderungen erfahren. Wertvoll ist aber der Nachweis der drei Büge im selben Geschoss, wobei der mittlere weiter hinab reichte als alle anderen. Seine Lage, genau in derselben Axe wie von jenem am Erdgeschoss, lässt somit die primäre Tragstruktur dieser beiden Geschosse definieren. An der Hauptfassade waren die Büge nicht zwingend übereinander angeordnet, da bestimmt nur ein Raum die ganze Hausbreite einnahm. Möglicherweise bestanden bereits auch wandhohe Streben, was an Bauten des 15. Jahrhunderts durchaus schon vorkommen kann (bei der Strebe links des Fenstererkers könnte es sich um eine Eckstrebe analog der Hauptfassade handeln, oder, falls sie wirklich wandhoch war, erst beim Anbau desselben hinzugekommen sein; jedenfalls war die Schwelle in diesem Bereich nachträglich aufgedoppelt worden, was eher auf eine Veränderung schliessen lässt).

      Über die Seitenfassade kann ich nun nichts Weiteres mehr sagen. Mich würde nun mal die innere Konstruktion interessieren. Vielleicht gibt's ja noch irgendwelche Grundrissaufnahmen, anhand derer die ursprüngliche Tragstruktur abgeleitet werden könnte. Analogien zu bekannten, ähnlichen Häuser könnten ebenfalls weiterhelfen, z. B. die Richtung der Deckenbalken oder sogar den Dachstuhl zu bestimmen. Die Quergiebelchen (Disposition aus Luftaufnahmen) könnten noch einen Hinweis auf die Sparreneinteilung des Satteldaches geben.

      Nun habe ich ein Haus relativ umfassend vorgestellt; es würde aber den Rahmen sprengen, weitere Häuser hier so genau zu behandeln. Ich beabsichtige, noch einen Beitrag über Fachwerkbauten dieser Epoche (Übergangszeit) zu schreiben, nachher möchte ich mich der weiteren Entwicklung der Fachwerkbaukunst widmen.
    • Ergänzungen?

      Ich habe noch Pläne von vor dem Geschossumbau. Darin sind die Bügen zu sehen, welche einen typischen Spitzbogen bilden. Das wurde erst spät "verschandelt", im 20. Jahrhundert.
      Ich bin zur Zeit in Japan (bis Dienstag). Wenn ich wieder zurück bin, suche ich das mal raus und lasse es Dir zukommen.
      Im Übrigen müssen wir und unbedingt mal wieder austauschen, es gibt so viele Dinge zu besprechen.

      Zur Information an alle:
      Die Stadt Frankfurt hat es übrigens mal wieder geschafft einen Denkmalgeschützten Fachwerkbau (18.Jhdt) in Sachsenhausen so weit verkommen zu lassen, daß dieser jetzt durch einen extrem hässlichen Ziegel/Betonbau auf kleinster Grundfläche mit dafür absolut unmaßstäblicher Höhe ersetzt wurde.
      Die Adresse war, glaube ich, Große Rittergasse 51.
      Die Feder ist mächtiger als das Schwert...wenn das Schwert sehr stumpf ist und die Feder sehr spitz!

      -Terry Pratchett