Frankfurt in alten Ansichten

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    • Übrigens: das Handwerkerhöfchen existiert noch als Hof...
      Der zentrale Rundbau der "Kunsthalle Schirn" steht exakt im ehemaligen Handwerkerhöfchen!!! Die offene Halle rundherum entspricht sogar in etwa der Grösse des Höfchens.


      Stadtplan von 1944 als Orientierungshilfe innerhalb der "Kunsthalle Schirn"

      Auf meinen Stadtrundgängen nehme ich jeweils den Ravensteinplan von 1861 sowie den Stadtplan von 1944 mit; auf Transparentpapier kopiert, kann man ihn auf einen Bildausschnitt aus Google Earth halten. Erstaunlich, was man auf diese Art und Weise alles mitbekommt! In keinem Reiseführer steht sowas...
    • Spektakuläres Foto, Riegel. Aber bloss nicht veröffentlichen, sonst argumentieren manche noch, die Schirn ersetze das Handwerkerhöfchen auf geschickt-zitierende Weise. ;)

      Ansonsten mal wieder 'was von mir...

      Es gibt einige Mehrbildansichtskarten von vor dem Zweiten Weltkrieg, die die offenbar am ehesten als sehenswert betrachteten Bürgerhäuser der noch intakten Altstadt zeigen. Erstaunlicherweise sind wir, nachdem die Rekonstruktion des Roten Hauses und der Goldenen Waage in wirklich greifbare Nähe gerückt ist, kurz davor, zumindest diese Baudenkmäler einzeln, wenn auch nicht im Ensemble, wieder zu gewinnen.

      Denn die oben genannten Gebäude sind zusammen mit den bereits rekonstruierten Häusern Schwarzer Stern und Großer Engel sowie dem Steinernen Haus nicht nur jeweils hervorragende Vertreter ihrer jeweiligen Epoche, sondern auch Bauten mit einem hohen Grad an überkommener Originalsubstanz und hochinteressanter Historie, an denen das Herz eines jeden alten Frankfurters hing und wohl oftmals immer noch hängt.

      Die Goldene Waage an der Ecke Markt / Höllgasse war neben dem Salzhaus der bedeutendste Renaissance-Fachwerkbau der Frankfurter Altstadt. Da der Bauherr Abraham Hamel, der 1599 als Glaubensflüchtling aus den Niederlanden einwanderte, ein prozessierender Querkopf war, sind insbesondere die Umstände des Baus exzellent dokumentiert. Die im wesentlichen in den Jahren 1618 und 1619 errichtete Goldene Waage erhitzte durch ihr prächtiges Äußeres sehr die Gemüter der doch eher konservativen Stammbürgerschaft. Die entsprechenden Gerichtsprotokolle und Klageschriften zu lesen, ist auch nach knapp 400 Jahren immer noch stellenweise zum Brüllen komisch und erinnert an die Streitigkeiten im Schrebergarten, mit denen heute unsere Zivilgerichte überlastet sind.

      Das Innere des Baus mit u. a. prächtigen Stuckdecken und einem wunderbaren Kamin kam aus der Renaissance fast völlig unversehrt auf die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts und ist daher hervorragend dokumentiert. Dazu kommen umfangreiche Inventarlisten aus dem 17. Jahrhundert, anhand derer sogar die ursprüngliche Möblierung nachvollzogen werden kann.

      Auf dem Dach der Goldenen Waage bzw. dem Dach des Hinterhauses Alte Hölle befand sich das Belvederchen, ein offener Dachgarten, der fast so berühmt wie das Haus selbst war. Er erlaubte einen ebenso spektakulären Blick über die Dachlandschaft der Altstadt wie auch in die Ferne, der von vielen Fotos alter Ansichtenwerke wiedergegeben wird. Bei der anstehenden Rekonstruktion dieses Baus, wird es also nicht nur interessant, wie die Rekonstruktion das Äußere wiedergibt - das Belvederchen verpflichtet geradezu dahingehend, die "Füllbauten" zum Römerberg hin möglichst originalgetreu auszuführen. Denn wer will vom Belvederchen - also der "schönen Aussicht" - schon auf eine Ansammlung von Flachdächern mit Klimaanlagen schauen? ;)

      Zum Abschluß noch ein fantastisches Foto von Paul Wolff aus den späten 30er Jahren, das ich vor einiger Zeit auf eBay ersteigert habe. Es zeigt sehr schön, wie auf für heutige Zeit unvorstellbar aufwändige Weise jedes Detail ausgeführt wurde - ob die Schnitzarbeiten der Eckständer zum Markt, die Steinmetzarbeiten an den Arkaden und Kragsteinen des Erdgeschosses oder die Schlosserarbeiten in den Oberlichtern der Arkaden - ein ganzer Schlag Kunsthandwerker war mit der Verzierung dieses Gebäudes aus der Blütezeit des Fachwerkbaus beschäftigt...



      Für weitere Informationen empfehle ich noch den größtenteils aus meiner Feder stammenden Wikipedia-Artikel, der auch eine umfangreiche Liste mit weiterführender Literatur enthält. Diese ist größtenteils antiquarisch recht billig zu haben.
    • Auf dieser Ansichtskarte erkennt man auch recht gut, dass das Fachwerk des westlich an die "Goldene Waage" anschliessenden Nachbarhauses; Alter Markt 7, lediglich auf den Verputz aufgemalt war; also illusionistisches Fachwerk, oder modern ausgedrückt, Pseudo-Fachwerk. Solche Scheinfachwerke waren um 1900 auch andernorts in der Altstadt anzutreffen, worauf ich mal im Fachwerk-Thread zurückkommen werde.
    • Das Haus (Markt 7) hieß übrigens Weißer Bock und stammte laut der Dreysse-Studie aus dem 16. Jahrhundert:

      Urkundliche Erstnennung: 1467. Das Gebäude mit drei Vollgeschossen stand giebelständig an der Gasse und schloss mit einem doppelstöckigen, steilen Dach ab. Die Vollgeschosse hatten sechs Fenster pro Geschoss. Das Erdgeschoss erfuhr im Lauf des Bestehens zwei Umbauten. Das 18. Jahrhundert wechselte das Fachwerk aus, und im späten 19. Jahrhundert wurden die barocken Bogenstellungen samt Konsolsteinen durch Eisenstützen für neue Ladeneinbauten ersetzt.

      Der Dokumentationszustand wird dort (sicher wie so oft fälschlich) als sehr schlecht angegeben. Es ist wichtig, das zu widerlegen, um zu verhindern, dass man dort einen modernen Füllbau hinstellt, der die Wirkung der Goldenen Waage völlig verhunzt - was sicher Wunschtraum eines manchen modernen Architekten ist. ;)

      Vielleicht kannst du den Bau ja in deinen Thread zu Fachwerk-Rekonstruktionen in Frankfurt aufnehmen?
    • @ Riegel: Da ich gerade den gleichnamigen Wikipedia-Artikel etwas überarbeite, würde mich mal die zeitliche Einordnung der Häuser am Fünffingerplätzchen interessieren.

      Das Haus zum Widder habe ich immer für gotisch gehalten, doch das freigelegte Fachwerk mit voll ausgebildeten Mannsfiguren verweist dann ja eher auf die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts, oder? Und wie schaut's mit den Häusern Bendergasse 24 / 26 aus, sie sind zum einen ohne Überkragungen, und mit eindeutig barocken Untergeschossen, zum anderen aber noch traufständig (wenn auch mit gigantischen Zwerchhäusern versehen), so dass es sich wohl kaum um reine Neubauten des 18. Jahrhunderts handelt, wie man z. B. in "Kriegsschicksale Deutscher Architektur" erzählt?
    • Gegen eine Datierung des Hauses zum Widder in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts ist nichts einzuwenden; allenfalls käme auch noch die erste Hälfte des 17. Jahrhunderts in Frage. Gerade bei einfachen Bauten wurde länger an traditionellen Bauformen festgehalten, und das erschwert eine zuverlässige Datierung nur auf Grund des "Fachwerkbildes". Der Hauptanhaltspunkt ist, wie von Dir erwähnt, die Mannsfigur.
      Erstaunlicherweise erwähnt W. Sage dieses Haus nirgends, obwohl er die Frankfurter Fachwerkbauten akribisch genau beschrieben und erforscht hat. Wahrscheinlich liegt das daran, dass das Buch gemäss Titel nur die Bauten bis zum Dreissigjährigen Krieg behandelt, und sich Walbe nur mit den datierten Bauten des 16. Jahrhunderts beschäftigt hat, da aus dieser Zeit lediglich das Fachwerk des "Engels" am Anfang des Markts bekannt war.

      Bendergasse 24 und 26 sahen vor der Freilegung des Fachwerks beinahe identisch aus: zwei viergeschossige, träufständige Häuser mit geringen Vorkragungen und breiten Quergiebeln. Die Giebel- oder Traufständigkeit ist kein Kriterium für das Alter eines Hauses, diese ist eher eine gassenspezifische Eigenheit. Die Fensteranordnung ist jedoch sehr unterschiedlich; unregelmässig angeordnete, teilweise ungewöhnlich schmale Fenster bei Nr. 24 (im 1. Obergeschoss sogar Einzelfenster aus dem 19. Jahrhundert), je ein sechsfaches Reihenfenster pro Geschoss bei Nr. 26 (mit einer kleinen Ausnahme im 3. Obergeschoss). Allein schon der unregelmässigen Fensteranordnung wegen gebe ich der Nr. 24 eine längere Baugeschichte als der Nr. 26, nur wissen wir über das Fachwerk dieses Hauses leider nichts.
      Anders bei Nr. 26: anhand der Schmuckformen der Fensterbrüstungen kann dieses Haus wohl in das 18. Jahrhundert datiert werden. Als Hypothese muss man aber offenlassen, ob das Haus auch in mehreren Etappen entstanden sein könnte. Auch W. Sage gibt das frühe 18. Jahrhundert als wahrscheinlichste Entstehungszeit des Hauses an.
      Die Architektur der barocken Erdgeschosse (und nicht Untergeschosse!) darf nicht als Datierungshilfe eingesetzt werden, da die Erdgeschosse häufiger umgestaltet wurden als die Obergeschosse. Die breiten bogenförmigen Öffnungen im Erdgeschoss von Nr. 24 scheinen älter als "barock" zu sein.

      (Bilder auf Seite 2 dieses Fadens)
    • Danke für deine Expertise, Riegel. Da lag ich ja gar nicht so daneben mit meiner Einschätzung. zwinkern

      Anbei noch ein sehr seltenes Foto von Paul Wolff, das das Plätzchen und das Pesthaus mit dem Durchgang zur Bendergasse bei Nacht zeigt, leider schon im Original trotz Leica etwas verwackelt:



      Vorderbeschriftung: Keine
      Rückbeschriftung: Das Schwertfegergäßchen in der Altstadt
      Datierung: Keine, wohl aber zwischen 1925 und 1938 entstanden
    • Anbei eine meiner liebsten Ansichtskarten überhaupt - eine Luftaufnahme des Römerberges sowie eines Teils der Altstadt bis ungefähr zur Höhe des Hühnermarkts. Neben unzähligen hier im Bild zu erkennenden Baudenkmälern zeigt sie vor allem das, was ich am traditionellen Architektur über alles schätze: wir sehen hier Gebäude aus fast 750 Jahren Architekturgeschichte, und doch reißt kein einziges die Aufmerksamkeit in einer Weise an sich, wie dies moderne Klötze zu tun. Ob uralte gotische Steinbauten wie Alt-Limpurg, Römer, Löwenstein oder Steinernes Haus, von der Größe der Parzellen noch turmartige Wohnbauten der Übergangszeit wie etwa der Große Engel, Renaissance-Bürgerhäuser wie das Frauenstein, der Schwarze Stern oder das Salzhaus, barocke bis klassizistische Fassaden wie im Süden des Römerberges in der Reihe Klein-Limpurg - Jungfrau - Schrothaus - Lichtenstein - Alt-Strahlenberg - Isenburg - Wolf - Schonstein (Nr. 17 - 3) oder die historistischen Prachtbauten an der Braubachstraße - alles passt auf eine geradezu zauberhafte Weise zusammen!

      Auch die engen, sich dahinter erstreckenden Altstadtgasssen, selbst in der schon nach strengen Plänen angelegten Neustadt im Nordosten der nachfolgenden Ansicht erscheinen doch mehr kunstvoll drapiert als auf dem Reißbrett eingezogen!

      Besonderheiten an dieser Karte bzw. Verweise auf andere Postings in diesem Thread: zum einen kann man hier hinter dem Samstagsberg sehr gut das Fünffingerplätzchen erkennen, und warum dieses so hieß; ebenso das völlig zugebaute, spätere Handwerkerhöfchen, über das Riegel ja bereits ausführlich berichtet hat.

      Interessant ist ferner die Baustelle an der Braubachstraße 32 - 30, d. h. hier wurde noch mehr als 20 Jahre nach dem Braubachstraßendurchbruch gebaut - oder wieder? Der Plan von 1944 zeigt, dass das heute noch erhaltene Gebäude mit dem Innenhof (gut in Google Earth zu erkennen) wohl in den 30ern fertig wurde.

      Schön ist schließlich auch die Ostbebauung des Paulsplatzes mit der alten Börse zu erkennen. Und natürlich nördlich davon die Schnurgasse, deren Reste nach dem Krieg mit ziemlicher Brutalität beseitigt wurden, um die heutige Berliner Straße zu bauen.



      Vorderbeschriftung: Frankfurt a. M. Römerberg, Rathaus u. Paulskirche mit Umgebung
      Rückbeschriftung: Flugzeugaufnahme der Südwestdeutschen Luftverkehrs A. G. Frankfurt a. M.
      Datierung: Nicht gelaufen, wohl aber zwischen 1928 und 1933 entstanden
    • Am Roseneck

      Der nächste Beitrag umfasst eine geballte Ladung an Ansichtskarten derselben Häusergruppe. Das Roseneck war auch eines der Hauptmotive, von welchem Grüsse in die ganze Welt verschickt wurden, und deshalb ist es auch entsprechend gut dokumentiert. Meistens wurde es nur von Nordwesten oder Westen her festgehalten, aber seltene Aufnahmen zeigen es auch von der Rückseite oder sonst einer ungewohnten Perspektive. Dadurch lässt sich die jüngste Baugeschichte des "Löhrhofes", wie das Roseneck ursprünglich wegen der dort ansässigen Lohgerber hiess, sehr gut rekonstruieren.




      Ravenstein-Plan 1861: Neben dem Schwerpunkt der Altstadt zwischen Dom und Römerberg gab es südöstlich des Domes eine Ansammlung öffentlicher Bauten wie Leinwandhaus, Stadtwaage (ab etwa 1900 Archiv und historisches Museum), Schlachthaus und Mehlwaage. Innerhalb dieser Bauten befand sich das Roseneck.




      Druck v. Louis Glaser, Leipzig, geschrieben 1905

      Ansichtskarten kamen im Verlauf der 1890er Jahre in Mode, doch handelte es sich zuerst um Lithographien, und erst später um eigentliche Photodrucke oder echte Photographien. Um eine Lithographie handelt es sich bei der ersten Abbildung. Freilich dürfte das Bild schon einige Jahre vor dem Versand der Karte 1905 entstanden sein. Abgebildet sind von links beginnend Garküchenplatz 7, 9 und 11 (mit Brandmauer), dann folgen Grosse Fischergasse 18, 16 und 14. Garküchenplatz 13 (im Plan lila markiert) existierte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, und wurde nach 1861 abgebrochen. Ob es beim Dombrand 1867 wie andere Häuser in der Umgebung auch Schaden genommen hatte, konnte ich nicht ermitteln. Es hiess "zum Ochsenkopf", und noch früher "zum Pforteneck". Reiffenstein hat es noch in einer Zeichnung festgehalten. Durch dessen Abbruch kam die Seitenwand von Nr. 11 frei zu liegen, und wurde in einer um 1900 beliebten Manier dekorativ bemalt.




      Knackstedt & Näther Lichtdruck Hamburg, ca. 1900

      Eine sehr seltene Aufnahme des Garküchenplatzes von Norden gruppiert ganz links das Dach des "Fürstenecks", im Mittelgrund die ehemaligen Garküchen, und ganz rechts das Roseneck gleichzeitig auf einem Bild! Der Photograph stellte dazu seine Kamera bei der Einfriedung auf der Höhe des Scheitels des Domchors auf. Vor der Brandmauer besteht eine Bedürfnisanstalt, welche in der Lithographie wohl weggelassen wurde...




      Vereinigte ...(?) Metz & Lautz M.B.H. Darmstadt, geschrieben 1912

      Der Blick zur selben Zeit in der Axe der Grossen und Kleinen Fischergasse. Der Freiheitsbrunnen stand ursprünglich bis zur Aufstellung des Stoltze-Denkmals auf dem Hühnermarkt, fand dann hier am Roseneck seinen Platz, und wurde nach dem Krieg in den Innenhof beim Leinwandhaus versetzt. Das Fachwerk von Garküchenplatz 11 scheint auf Grund des "Balkenverlaufs" ein unechtes zu sein, und war lediglich auf den Verputz aufgemalt. Grosse Fischergasse 18 barg eine "altdeutsche Bierstube", deren Name "zum Rosenbusch" sich wohl nie durchsetzte, solange der Besitzername und eine Bierreklame das dekorativ bemalte Fassadenbild dominierten.

      Das eigentliche Wirtshaus "zum Roseneck" war die Nr. 14, ein eigenwilliges, nur einraumtiefes, aber hohes und langgezogenes Haus. Charakteristisch waren auch seine starken Vorkragungen mit reich skulptierten Steinkonsolen über dem Erdgeschoss, die geschwungene Giebelfront, sowie die beiden aneinander geschmiegten Quergiebel.




      li: G.G.F., ca. 1910 / re: R. Mannewitz, Frankfurt a. M., 1913

      Ca. 1910 entstand der Nachfolgebau von Garküchenplatz 13. Im Erdgeschoss wurde wiederum eine Bedürfnisanstalt eingerichtet. Der Zugang zu den Obergeschossen erfolgte über einen Treppenturm an der Rückseite. Obwohl sich das Haus in der Architektur und Materialisierung am historischen Vorgängerbau orientierte, wirkte es trotzdem ein bisschen fremd; irgendwie fehlte ihm die "Würze" und die Kleinmassstäblichkeit der Nachbarbauten. Auch der nahtlose Übergang vom Vordach zur verschieferten Fassade liess das Haus in der Luft schweben, obwohl das Erdgeschoss aus roh gestockten Sandsteinquadern bestand. Ob die Obergeschosse massiv oder in einer Holzkonstruktion bestanden, lässt sich aus den Abbildungen nicht ermitteln; jedenfalls blieb von diesem Haus nach dem Bombenhagel kein einziger Stein mehr übrig!!

      Das Fachwerk von Nr. 11 wurde gleichzeitig "entschlackt". Möglicherweise entsprachen die jetzt sichtbaren Balken dem tatsächlichen Balkengefüge, jedoch verschwanden diese bereits einige Jahre später wieder hinter einer Schieferverkleidung. Auf dieser Abbildung ist auch deutlich ersichtlich, dass die Nr. 14 mit der Statik zu kämpfen hatte. Das ganze Haus kippte infolge seiner übermässigen Höhe im Verhältnis zum schmalen Grundriss bedrohlich auf die Seite des Plätzchens. Es handelt sich nicht um stürzende Linien auf der Photographie, wenn man auch die Nr. 16 betrachtet, welche im Lot stand. Als Gegenmassnahme wurde im 19. Jahrhundert (?) ein Teil des Erdgeschosses vorgemauert (auch auf dem Ravensteinplan von 1861 ersichtlich).




      Verlag für Volks- und Heimatkunde Weimar
      Lichtbild von Günther Beyer, Weimar, ca. 1920


      Kurz nach der "Rekonstruktion" des Plätzchens durch den Neubau von Garküchenplatz 13 erhielt das Wirtshaus "zum Roseneck" eine expressionistische Fassadenmalerei. Im ungepflegten Erdgeschoss war ein Friseur eingemietet. Schon der Künstler Reiffenstein hat diesem Haus einige kurze Notizen gewidmet (1877): Ein Haus, das bis vor einigen Jahren noch beinahe ganz in seinem Originalzustande erhalten war, wie die verschiedenen Abbildungen zeigen, mit ziemlich reicher Holzschnitzerei und vortrefflicher Steinhauerarbeit... Früher, das heisst in den dreissiger Jahren, befand sich in den unteren Räumen ein Wirtschaftslokal, das von uns als Künstlerkneipe benutzt wurde, und worin wir mit die behaglichsten und vergnügtesten Stunden verbrachten. Durch wahrscheinliche Veränderung des Giebels sowie auf vielfache Anstriche hat das Haus seinen eigentümlichen Charakter eingebüsst...




      li: M. Jacobs, Postkartenverlag Frankfurt a. M., geschrieben 1940 / re: Verlag von Emil Hartmann, Mannheim, nach 1935

      1935 erfolgte eine gründliche Renovation des Wirtshauses "zum Rosenbusch" (Nr. 18 ), bei welcher das Fachwerk freigelegt wurde (auf dieses Fachwerk komme ich demnächst im Faden "Fachwerkbauten in Frankfurt" zurück). Doch von grösserer Bedeutung sind die erkennbaren Veränderungen an der Fassade des "Rosenecks" (Nr. 14): nebst der bereits wieder verschwundenen Fassadenmalerei sind etliche Fenster zugemauert worden, und in Fassadenmitte sogar in der Höhe versetzt, was auf einen Umbau/Neubau des Treppenhauses schliessen lässt. Weiter kann man im rechten Teil des Erdgeschosses vorbetonierte Stützpfeiler erkennen. Auch hier muss ein recht massiver Umbau stattgefunden haben, obwohl die Fassaden dies nicht auf den ersten Blick verrieten.




      li: Walch & Jacobs, Postkartenverlag, Frankfurt a. M., ca. 1910 / re: keine Verlagsangabe, geschrieben 1943

      Auch die südlich ans Roseneck anstossenden Häuser hatten ein pittoreskes Aussehen, bedingt durch ihre teils schiefwinkligen Grundrisse und sehr schmalen Gassen. Das rechts angeschnittene Haus (Gr. Fischergasse 41) stiess bereits an den "Kirschgarten".

      Auf einer späteren Ansichtskarte (rechts) sind die Umbaumassnahmen im "Roseneck" auch erkennbar: zugemauerte Fenster, vorbetonierte Pfeiler am Erdgeschoss. Zudem ist der schmale Zwischenraum zum Haus Nr. 12 geschlossen. Es scheint, dass die beiden Häuser vereinigt wurden, was auch der Aufdruck auf der Rückseite der Ansichtskarte bestätigt:

      Historische Gaststätten
      "Zur alten Dorfschmiede im Roseneck"
      erbaut 1587
      "Doctor-Stübchen im Heisterhaus"
      erbaut 1563
      Inh.: Walter Thurecht, Frankfurt a. M.
      Grosse Fischergasse 14 - Ruf 26194


      Ich glaube aber kaum, dass es sich um historisch überlieferte Namen handelte.




      Photographie von Paul Wolff, 1944, © Historisches Museum, Ph D 100
      Quelle: http://www.frankfurt1933-1945.de">www.frankfurt1933-1945.de (schade, dass die Navigation auf dieser Seite sehr umständlich ist, deshalb das direkte Reinkopieren der Photographie!)

      So makaber es tönt, aber auch ein scharfer Blick auf Ruinen-Photos "lohnt" sich oft zur Eruierung von Hausgeschichten! Das einzige, was vom beschriebenen Häusergeviert den Bombenhagel noch überdauert hatte, war das kurze Zeit vorher im "Roseneck" eingebrachte Stahlträger-/Betonkorsett! Die stehengebliebenen Betonwände entsprechen den Aussenseiten des Doppelgiebels, und mittels Stahlträger wurden die Decken unterstützt, sowie die Fassaden zurückgebunden. Dieses Stahlskelett erklärt die oben erwähnten Stützen an der Erdgeschossfassade und die zugemauerten Fenster.


      (Edit.: neue Bildlinks)
    • Wieder mal sehr interessant, Riegel - vielen Dank! Leider muss ich jetzt fix ins Bett und bin die nächsten Tage unterwegs, ich werde das Ganze aber bei Gelegenheit mit eigenen Erkenntnissen ergänzen.

      Zum Roseneck ist leider auch zu konstatieren, dass der Wirt der "Altdeutschen Bierstube" mit einigen Gästen in der Bombennacht des März '44 bei lebendigem Leibe im Keller des Hauses verbrannt ist. So hat ausgerechnet dieses so romantische Fleckchen Frankfurt nicht nur architektonisch, sondern auch menschlich ein tragisches Ende gefunden. :(
    • Da ich aktuell an einer umfangreichen Überarbeitung des Wikipedia-Artikels zum Römer sitze, will ich auf diesen zurück kommen. In den nächsten zwei Absätzen ein kurzer Abriß der Baugeschichte, wer sie schon kennt, kann die getrost überspringen. ;)

      Baugeschichtlich ist das Frankfurter Rathaus definitiv der interessanteste Profanbau der Stadt. Dies liegt hauptsächlich darin begründet, dass er kein Einheitsbau, sondern über Jahrhunderte aus elf verschiedenen Bürgerbauten zusammengewachsen ist. Davon wurden 1900 drei aufgegeben, um den historistischen Rathausneubau am Paulsplatz sowie westlich des mittelalterlichen Teils zu errichten. Das Innere wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder umgestaltet, wenn sich der jeweilige Zeitgeschmack änderte.

      Im Zweiten Weltkrieg wurde der ganze Rathauskomplex fast völlig vernichtet - bis auf die gotischen Gewölbe der Häuser Römer und Goldener Schwan und die historistischen Neubauten brannte jedes einzelne Gebäude bis ins Erdgeschoss hinein aus, jeder kunsthistorisch irgendwie bedeutsame Innenraum wurde vernichtet. Beim Wiederaufbau wurde der Römer äußerlich weitestgehend wieder errichtet, die historischen Innenverhältnisse zugunsten einer einheitlichen Struktur jedoch größtenteils aufgegeben. Als einziger totalzerstörter Raum wurde der Kaisersaal angelehnt an die vorhistoristische Fassung um 1850 rekonstruiert, und das wohl auch nur deswegen, weil man hier die Porträts der Kaiser aus der Nazarenerzeit durch Auslagerung gerettet hatte. Vier von den elf Teilbauten des Römers, die in den Obergeschossen Fachwerkkonstruktionen waren, namentlich die Häuser Silberberg, Wanebach, Frauenstein und Salzhaus wurden als Eisenbetonkonstruktionen auf den erhaltenen steinernen Erdgeschossen errichtet.

      Ich will hier zur berühmten Dreigiebelfassade am Römerberg kommen. Um 1870 präsentierte sie sich noch in einem fast mittelalterlichen Zustand - seit dem Kauf des Römers 1405 war im Grunde nur die Uhr und die Rundbögen im Erdgeschoss des Hauses Löwenstein hinzugekommen. Einen anlässlich der Kaiserkrönungen vor die Erdgeschosse gestellten Schuppenvorbau hatte man bereits 1806 wieder abgebrochen. Seine Reste sind auf dem nachfolgenden Bild noch zu erkennen:



      Bild aus dem Archiv der Library of Congress, 1870

      1889 war das Rathaus in diesem Zustand im nationalen Vergleich nur noch ein Schandfleck, der Pomp des wilhelminischen Kaiserreichs schuf oder hatte bereits in fast jeder großen deutschen Stadt pompöse historistische Rathausneu- oder Umbauten geschaffen. Einen Wettebewerb anlässlich der Neugestaltung der Römerbergfassade gewann der Architekt Max Meckel mit seinem schlicht "Dreigiebel" genannten Entwurf - interessanterweise hatte Meckel zuvor fast nur historistische Kirchen gebaut.



      Obiges Bild zeigt den Siegerentwurf aus dem Oktober 1889. Alleine über das ikonographische Programm dieses Entwurfs könnte man Seiten schreiben, was ich hier aus Platzgründen sein lassen will. Es sei nur darauf hingewiesen, dass der Entwurf neben reichster Plastik auch eine Bemalung der Fassade vorsah, von der letztlich nichts umgesetzt wurde! Selbst dem Magistrat war der Entwurf zu überladen, und man forderte eine überarbeitete Fassung an:



      Das obige Bild zeigt den überarbeiteten Entwurf mit einem handschriftlichen Vermerk Kaiser Wilhelms II. (!), in dem er sein überschwengliches Lob dafür zum Ausdruck bringt.

      "Der Entwurf ist großartig, vornehm und künstlerisch schön aufgefasst und entworfen. Er entspricht vollkommen der großen traditionellen Bedeutung des Römers und der herrlichen Stadt Frankfurt. Ich kann der Letzteren gratulieren, wenn sie den Kaisern und sich selbst ein so hehres Denkmal setzt."

      Den Stadtvätern war der Entwurf immer noch zu aufwändig und teuer, und so wurde schließlich das gebaut, was wir weitestgehend heute sehen. Das nachfolgende Bild zeigt den finalen Zustand kurz vor der Zerstörung der Stadt im Zweiten Weltkrieg, etwa 1940, und ist im Übrigen eines der qualitativ besten Bilder, das ich je auf einer Echtfoto-Ansichtskarte gesehen habe:



      Vorderbeschriftung: Frankfurt a. M. Der Römer
      Rückbeschriftung: Chrsitian Fahrig Frankfurt a Main
      Datierung: Keine, definitiv aber nach 1938


      Neben den dem Ensemble immer noch fehlenden Bürgerhäusern Frauenstein und Salzhaus sowie kleinen Details wie den historistischen Farbverglasungen, die in obigem Bild sogar ansatzweise zu erkennen sind, erscheint die Dreigiebelfassade auf den ersten Blick so, wie wir sie auch heute sehen. Die Stadt gab anlässlich der großen Renovierung 2005 sogar die Parole aus, dass die Fassade wieder ihren Zustand von 1900 erlangt habe. Dem ist aber nicht so. Vergleichen wir das obige Bild mit einer Aufnahme von 2006:



      Wikipedia, GFDL-Lizenz, 2006

      Obwohl die Häuser hinter der Dreigiebelfassade - Alt-Limpurg, Römer und Löwenstein - völlig ausgebrannt waren, brach nur der freistehende Giebel des Hauses Römer bis kurz oberhalb der Kaiserstatuen in Höhe des Balkons ein. Dabei ging auch der reiche neogotische Baldachin der Uhr sowie der große Wappenadler im obersten Giebelfeld verloren. Beide waren aufwändige Steinmetzarbeiten, die man nach dem Krieg wohl aus schlichten Kostengründen nicht rekonstruiert hat. Genauso wie bei den immer noch auf den Rathaustürmen befindlichen Notdächern muss man sich auch hier die Frage stellen, ob es nicht langsam an der Zeit wäre, diesen kleinen Schönheitsfehler zu beheben, wenn man andererseits monatelang ein Gerüst vor die Fassade stellt, um die Vergoldung der Bauplastik wieder herzustellen.
    • Ich denke, man kann froh sein, dass der ursprüngliche Entwurf und die nachher etwas abgespeckte Variante nicht realisiert worden sind. Die Fassaden wären wirklich überladen gewesen. Wenn man die beiden Fassadenentwürfe genau betrachtet, erkennt man, dass anstelle des heutigen Balkons sogar eine im Grundriss trapezförmige Loggia vorgesehen war! Diese wäre so weit auf dem Römerberg vorgestanden, dass bequem eine Kutsche (und später dieses 10-plätzige Auto, welches man oft auf Ansichtskarten sieht) darunter hätte vorfahren können, und damit den Römerberg räumlich beeinträchtigt hätte.

      Durch diesen überladenen Historismus begreife ich, dass irgendwann mal eine Gegenbewegung aufkommen musste, welche dann im Bauhaus gipfelte... (wie war das noch mit der Reformation im 16. Jahrhundert? Hatte nicht auch die römisch-katholische Kirche damals überbordet, und damit eine Reformation provoziert?)

      "RMA" wrote:

      ... Genauso wie bei den immer noch auf den Rathaustürmen befindlichen Notdächern muss man sich auch hier die Frage stellen, ob es nicht langsam an der Zeit wäre, diesen kleinen Schönheitsfehler zu beheben...

      (bezogen auf Baldachin und Adler)

      Wurde diese Frage bei der Fassadenrenovation 2005 überhaupt gestellt?
      Wenn ich die letzten beiden Bilder nebeneinander betrachte, gefällt mir der heutige Zustand sogar besser als jener vor 1944! Ist es denn richtig, etwas genau so zu rekonstruieren, nur weil es vorher schon so war? Im Verhältnis zur ganzen mittleren Fassade war doch dieser Uhrenbaldachin viel zu aufwändig und dominant, was den Blick zu stark noch oben zog. Heute ist der Balkon die alleinige Dominante, und widerspiegelt den Hauptraum des Römers, den Kaisersaal, wahrheitsgetreu nach aussen. Was gab es doch alles in der Mittelaxe des Giebelfeldes - Uhr, Baldachin, Adler, Glockentürmchen... irgendwie des Guten zuviel. Zugegeben, heute "hängt" die Uhr etwas verloren an der Fassade, aufgehängt wie ein Bild in der Stube. Man hätte dem aber mit einem bekrönenden Sims etwas abhelfen können. Dies meine persönliche Meinung, ganz nach dem Motto "nicht alles, was früher gebaut worden ist, ist automatisch auch gut".

      War nicht schon das Zusammenfassen aller Fenster im 1. und 2. Obergeschoss des rechts anschliessenden Hauses "Löwenstein" in einem schweren "Sandsteinblock" innerhalb der verputzten Fassade problematisch? Das ganze hat mit dem Innenleben des Hauses überhaupt nichts zu tun, und stört irgendwie die Symmetrie der Dreigiebel-Fassade, auch wenn die einzelnen Fassaden unterschiedliche Breiten haben.



      Bild: Verändertes Bild aus RMA's vorherigem Beitrag (Wikipedia, GFDL-Lizenz, 2006), mit Veränderung des Zierrats an der Uhr, sowie Vereinfachungen am Haus "Löwenstein"
    • Ich finde es nur geradezu paradox, eine vollkommen historistische Fassade nach ihrer fast völligen Zerstörung wieder herzustellen, gleichzeitig aber auf als unschön betrachtete Elemente dieses Historismus zu verzichten. Ist das dann nicht schon eine Art von Neohistorismus?

      Außerdem muss man ja auch bedenken, dass hinter der Ausgestaltung der Fassade durchaus ein hochentwickeltes künstlerisches Konzept steckte. Die Wappen unterhalb des Balkons sind die berühmter Frankfurter Familien des Mittelalters, die unterhalb der Fensterbrüstungen von Haus Löwenstein solche von Städten, zu denen Frankfurt besonders enge Beziehungen pflegte. Auch die vier Kaiserfiguren sind die für die Stadt besonders bedeutender Kaiser (Friedrich I., Ludwig der Bayer, Karl IV. und Maximilian II.). Hier irgendetwas aus ästhetischen Gründen wegzulassen, ist in meinen Augen so, wie als würde man der Mona Lisa blaue Augen retuschieren, nur weil das heute dem gängigen Schönheitsideal entspricht.

      Edit: Anbei nochmal der Ravenstein-Plan von 1861, in den ich die baulichen Veränderungen rund um das Rathaus im späten 19. / frühen 20. Jahrhundert eingezeichnet habe, würde mich insbesondere freuen, wenn Riegel das nochmal verifizieren könnte. ;)



      Edit: Korrigierte Fassung, nachdem Jörg mich richtigerweise darauf hingewiesen hat, dass das Haus Stadt Antwerpen bis zum Krieg stand.
    • Heute wieder einmal etwas von Reiffenstein:



      Sind wir auf dem Land? So könnte man es anbetrachts dieses romantischen Bildes mit einer gerade noch am Horizont zu erkennenden Kirchturmspitze vermuten. Doch tatsächlich befinden wir uns bei diesem 1869 gemalten, "Bleichhäuser an der Radgasse" titulierten Bild mitten in der Frankfurter Innenstadt nur kurz hinter der heutigen Zeil! Ein Musterbeispiel dafür, wie sich der Charakter dieser Stadt in 150 Jahren gewandelt hat.

      Die Radgasse ist bereits auf dem 1862 von Ravenstein lithographierten Plan nicht nachzuweisen. Ich habe sie allerdings in dem brillianten, aus dem Jahr 1850 stammenden Werk "Die Hausnummern zu Frankfurt am Main" von Georg Friedrich Krug gefunden, das einen kompletten Überblick über die Frankfurter Haus- und Quartiernummernsituation der Zeit gibt. Demnach lag die Radgasse irgendwo zwischen Bleich- und Stiftstraße, die es heute noch gibt.

      Zunächst ein Blick auf den Ausschnitt aus dem Ravenstein-Plan:



      Wir sehen in diesem Bereich eine chaotische Hinterhofsituation. Straßen wie die Kleine Eschenheimer hatten sich noch völlig ihre mittelalterliche Parzellierung erhalten, wie schön zu erkennen ist. Vermutlich etwas nördlich davon, kurz vor der einstigen Wallanlage, hinter der damals das weite Land begann, ist Ravensteins Bild entstanden.

      Nochmal zur Gegenüberstellung Google Earth, die Gegend wird heute von den gruseligen Hinterhäusern der Zeil-Betonklötze bestimmt und ist zweifelsfrei eine der hässlichsten Ecken der Frankfurter Innenstadt überhaupt:

    • Anbei mal eine Frage in die Runde, die am Wochenende aufkam - stand das Haus Stadt Antwerpen (Neue Kräme 5), dessen wunderschönes, völlig unbeschädigtes Hauszeichen im Historischen Museum zu sehen ist, bis zum Krieg, oder wurde es vorher abgebrochen? Alles spricht für ersteres, nur der Plan der Altstadt aus dem Jahr 1944 spricht dagegen - obwohl er ein offizieller Plan ist!

      Zunächst ein Blick auf den Ravenstein-Plan, ursprünglich für den Wikipedia-Artikel zum Römer verändert:



      Die Häuser Wedel (Neue Kräme 1) und Goldene Schere (Neue Kräme 3), vermutlich beide Bauten des 16. Jahrhunderts, wurden definitiv 1866 abgebrochen, wie es Aufzeichnungen von Reiffenstein beweisen.

      Zwei Ausschnitte aus Luftaufnahmen, die erste aus den späten 20ern, die andere wohl von Mitte der 30er Jahre, anschließend noch ein Blick über die Dächer der Stadt vom Domturm, wohl auch Mitte der 30er Jahre:







      ...und noch die östliche Randbebauung des Paulsplatzes auf einem Bild von Fay, wohl aus dem Jahr 1900:



      Am Verlauf der Brandmauern auf den Luftaufnahmen können wir erkennen, dass die Häuser Neue Kräme 5 und 7 wohl noch in den 30er Jahren und somit mit größter Wahrscheinlichkeit bis zum Zweiten Weltkrieg standen. Das zum Paulsplatz zeigende Haus im Neorenaissance-Stil auf einer senkrecht dazu stehenden Parzelle dürfte zwischen 1866 und spätestens 1890 gebaut sein, da mir nach diesem Datum keine gründerzeitlichen Frankfurter Bauten in derart strengen Neorenaissanceformen bekannt sind.

      Unklar bleibt mir die Herkunft des Eckhauses südlich der Stadt Antwerpen (Bauzeit Braubachstraßendurchbruch?) sowie die Fehlerhaftigkeit des '44er-Plans, der beide Bauten schlicht unterschlägt:



      Quelle: AltFrankfurt.com[/img]
    • Um dieses Relief geht es:


      Sandsteinrelief des ehemaligen Hauses "Zur Stadt Antwerpen" (Neue Kräme 5), ausgestellt im Historischen Museum Frankfurt


      Ich bin eigentlich auch immer davon ausgegangen, dass das Haus "zur Stadt Antwerpen" (Neue Kräme 5) anlässlich des Braubach-Strassendurchbruchs 1904/08 abgebrochen worden ist. Auf den offensichtlichen Fehler des offiziellen Stadtplanes von 1944 bin ich ebenfalls hereingefallen, und habe deshalb nie einen Vergleich mit Luftaufnahmen bis kurz vor 1939 getätigt. Auch eine weitere Tatsache bekräftigte mich in diesem Glauben:

      "Schloßgespenst" wrote:

      ... Dieses früher mit zwei Gauben bestückte Dachgeschoß ist nach dem Krieg zum Vollgeschoß umgebaut worden (rote Markierung),



      ...aber so geschickt, unter Verwendung desselben Materials, daß man kaum erkennen kann, was später ergänzt wurde!

      "Frankfurter" wrote:

      Das oben gezeigte Haus Braubachstraße 37 ist übrigens - oder war bis zu seinem veränderten Wiederaufbau - die um eine Achse verbreiterte aber sonst getreue Kopie des schräg gegenübergelegenen Hauses 'Zur Stadt Antwerpen', Neue Kräme 5, das Ende der dreißiger Jahre im Zuge der Wedelgassenverbreiterung abgebrochen wurde.

      (beide Zitate aus dem Faden "Die Braubachstrasse")


      Das heisst also, dass im Sichtbereich von lediglich 60 m neben der originalen Barockfassade des Hauses "Antwerpen" eine Kopie errichtet worden ist! Dabei würde man doch annehmen, dass eine Kopie nur dann einen Sinn macht, wenn das Original dafür geopfert wird. Aber nein, es standen effektiv zwei fast identische Häuser während etwa vierzig Jahren einander schräg gegenüber! Die Anmerkung von "Frankfurter", dass das Haus "zur Stadt Antwerpen" Ende der dreissiger Jahre abgebrochen worden sei, stimmt aber nicht. Auf diversen Ruinenphotos von 1944 kann man nämlich die Ruinen aller Häuser südlich der ehemaligen Börse erkennen; ein Abbruch hat also nicht stattgefunden! Zum Beispiel hier:


      © Historisches Museum, Ph D 5, Quelle: http://www.frankfurt1933-1945.de">www.frankfurt1933-1945.de

      Die Brandmauer am linken Bildrand gehörte eindeutig zum Eckhaus südlich des Hauses "Antwerpen". Man erkennt dies an ihrer Kontur, welche dem Verlauf des Mansarddaches des ersteren entsprach. Unmittelbar rechts von ihr stehen noch die Überreste des Erd- und 1. Obergeschosses des Hauses "Antwerpen". Auf diesem Bild ist auch die Rückseite des Hauses Braubachstr. 37 sichtbar; es ist dasjenige mit den Fensterläden gegen den rechten Bildrand.

      Wenn aber nun auf dem Stadtplan von 1944 die Häuser nicht mehr vorhanden sind, kann ich mir vorstellen, dass ein Abbruch der Häuser geplant gewesen sein könnte, und man deshalb die Häuser bereits vorsorglich im Plan weg liess. Vielleicht wollte man schon damals die Paulskirche freistellen, da diese ja einen bedeutenden Platz in der jüngeren Deutschen Geschichtsschreibung einnahm.

      Zur Entstehung der beiden südlichen Eckgebäude (die Hausnummern sind mir unbekannt) nach dem 1866 erfolgten Abbruch des Hauses "Zum Wedel" braucht man nur die Photo des Römers in einem der vorherigen Beiträge anzusehen:

      "RMA" wrote:

      Bild aus dem Archiv der Library of Congress, 1870


      (Bild anklicken) Auf der Brüstungshöhe des 1. Obergeschosses des Salzhauses kann man unmittelbar rechts davon bereits den Balkon des südöstlichen Eckhauses erkennen, welcher am 2. Obergeschoss bestand. Die Datierung der Photo mit 1870 dürfte zutreffen. Also ist das Haus effektiv zwischen 1866 und 1870 entstanden (das helle Haus in der Flucht der Neuen Kräme dürfte das Eckhaus Schnurgasse 64/Neue Kräme 24 sein).

      Um diesen Bericht noch zu vervollständigen, steuere ich noch eine Privatphotographie aus meiner Sammlung bei:


      Paulsplatz mit östlicher Randbebauung: alte Börse, Paulsplatz 8, "südwestliches" Eckhaus; 1938 oder 1939



      (Edit.: neuer Bildlink)
    • Sehr interessant und vielen Dank, Riegel! Bezüglich des Balkons auf dem 1870er Foto kann man wieder einmal sehen, dass so ein winziges Detail bereits der entscheidende Hinweis sein kann, ich hatte es übersehen! Somit ist klar, dass die Neubauten südlich der Stadt Antwerpen praktisch direkt nach 1866 errichtet worden sind, auch der historistische Stil passt perfekt in diese Zeit.

      Wirklich interessant ist auch, dass es die Stadt Antwerpen 30 Jahre lang praktisch doppelt gab. Wenn das heute noch stehende Gebäude in der Braubachstraße tatsächlich ein Nachbau ist - wie wäre es mit der Anregung, frei nach Nürnberger Vorbild, das erhaltene Relief in die historistische Kopie einzufügen? Besser, als im engen Glaskasten des Historischen Museums zu hängen, wäre das allemal, oder?

      Zu untersuchen wäre noch deine Vermutung, dass der 44er Plan bereits geplante Änderungen enthält, die mit der Zerstörung der Altstadt dann obsolet wurden. Wenn dem tatsächlich so wäre, könnte man daraus an anderer Stelle vielleicht sogar hochinteressante Rückschlüsse auf die Zukunftspläne der Altstadtsanierung ziehen.

      Zuletzt noch danke für die private Fotografie mit der wirklich sehr seltenen Ansicht der Alten Börse - auch eines der Gebäude, deren Verlust bzw. nicht erfolgter Wiederaufbau als spätklassizistischer Bau wirklich bedauerlich ist. Dazu abschließend noch ein Bild von Wikipedia:

      http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/e/ef/Frankfurt_Alte_B%C3%B6rse_1845.jpg\r
      upload.wikimedia.org/wikipedia/c ... e_1845.jpg
    • "RMA" wrote:

      ... Edit: Anbei nochmal der Ravenstein-Plan von 1861, in den ich die baulichen Veränderungen rund um das Rathaus im späten 19. / frühen 20. Jahrhundert eingezeichnet habe, würde mich insbesondere freuen, wenn Riegel das nochmal verifizieren könnte. ;)



      Ich bin Dir ja noch eine Antwort schuldig... :zwinkern:
      Erst einmal Gratulation zu dieser minutiösen Arbeit! Es brauchte sicher sehr viele Recherchen, Bereitstellung von Plänen aus diversen Epochen in einen einheitlichen Massstab, farbliche Gestaltung zur leichten Lesbarkeit... und am Schluss sieht das Resultat verblüffend einfach aus!

      So auf Anhieb kann ich keine Fehler entdecken, aber für eine eingehende Verifikation müsste ich auch sehr viel Zeit aufwenden. Den augenfälligsten Fehler (Abbruch des Hauses "Wedel" samt Nachbarhaus im Jahre 1866 anstatt erst 1904/06) hast Du ja bereits korrigiert.

      Wir haben ja in diesem Faden schon einige Stadtpläne mit baugeschichtlichen Eintragungen erstellt, obwohl wir ursprünglich nur Ansichtskarten mit einer kurzen Beschreibung vorstellen wollten. Nun ist aber eine lose Sammlung von bauhistorischen Artikeln entstanden, wobei immer wieder Ergänzungen von andern Forumsteilnehmern hinzu kommen. Ich würde deshalb solche Pläne mit "vorläufiges Arbeitsergebnis" betiteln, und dies auch in der Legende so angeben. Du weisst ja, dass aus dem Internet alles leicht rauskopiert werden kann, und wir wollen ja nicht, dass allenfalls fehlerhafte Unterlagen verbreitet werden. Mit diesem Hinweis könntest Du dem so vorbeugen.

      Irgendwann wird es vielleicht einmal einen Gesamtplan geben, in welchem alle Ergebnisse eingetragen sind. Bisher haben wir in diesem Faden bereits Detailpläne zu:
      - Kreuzung Bendergasse / Lange Schirn
      - Auskernungsmassnahme Kirschgarten
      - Auskernungsmassnahme Handwerkerhöfchen
      - Braubachstrasse-Durchbruch (im entsprechenden Faden)
      - rund um das Rathaus
    • Da hast du zweifellos Recht, Riegel, ich werde Pläne zukünftig so betiteln.

      Riegel hat die Flössergasse am Fünffingerplätzchen, deren Darstellung in Ansichtskarten äußerst selten ist, ja bereits anhand der fälschlich als Rapunzelgässchen beschrifteten Kupfertiefdruck-Karte vorgestellt. Es ist mir nun gelungen, eine noch weitaus bessere, echtofotografische Ansichtskarte aufzutreiben. Beim Vergleich mit Riegel's Karte zeigt sich, dass sie vermutlich vom selben Negativ gezogen wurde:


      Vorderbeschriftung: Frankfurt a./M. Flössergässchen
      Rückbeschriftung Kosmopolit Verlag, Charlottenburg 2.
      Datierung: Ungelaufen, wohl frühe 30er Jahre


      Ich finde es erstaunlich, dass von solchen Motiven überhaupt Ansichtskarten gefertigt wurden. Andererseits, so geht es mir zumindest, strahlen solche Hinterhofansichten, trotz der desolaten sozialen Verhältnisse, die sie bezeugen, immer noch diesen gewissen Zauber längst vergangener Zeiten aus. Oben genannte Ansicht ist allerdings bekanntermaßen bereits '38 mit der Entkernung des Fünffingerplätzchens beseitigt worden.
    • Also ich finde dieses Gässchen wunderbar. Wie oft bin in Italien durch solche Gassen und Gässchen gebummelt!

      Wenn wir immer nur das Nette und Idyllische rekonstruieren wollen, setzen wir uns zurecht dem Vorwurf aus, wir wollten uns Geschichte hinbiegen wie wir sie gerne hätten.
      Ein Gässchen wie dieses strahlt aber gerade das Widerständige, Inkommensurable, zugleich seltsam Vertraute und völlig Fremde der alteuropäischen Städte aus.