Frankfurt in alten Ansichten

  • So, bevor ich mich in die Osterfeiertage verabschiede, noch ein Thema, das mir schon länger unter den Nägeln brennt und zumindest entfernt noch mit der Kirche zu tun hat - das Luthereck.



    Vorderbeschriftung: Frankfurt a. M. Domplatz, Luther Eck
    Rückbeschriftung: Knackstedt & Nähther Lichtdruck Hamburg
    Datierung: Nicht gelaufen, wohl 1900er Jahre


    Das Luthereck ist sicher eines der spannendsten totalzerstörten Baudenkmäler der östlichen Altstadt, vor allem deswegen, weil abgesehen von einem bisher von mir nicht aufgefundenen, aus dem Jahr 1953 stammenden Kurzaufsatz noch nie etwas über eine Bildbeschreibung hinausgehendes zu seiner Baugeschichte verfasst wurde.


    Aus diesen Beschreibungen, etwa in "Das alte Frankfurt" oder auch aus Texten von Lübbecke lässt sich entnehmen, dass das Haus 1576 erbaut wurde. Bereits 1577 versah der Besitzer einen zum Dom gewandten Kragstein mit einer Luther-Büste, umwunden von einem Spruchband mit einem Zitat aus dem Buch Jesaja "In silentio et spe erit fortitudo vestra", zu deutsch: "Im Schweigen und Hoffen wird eure Stärke sein". Damit wollte der Besitzer sein protestantisches Bekenntnis frecherweise gegenüber dem katholischen Domstift ausdrücken, keinesfalls aber hat jemals Martin Luther in dem Haus gewohnt, was u. a. Battonn 1853 urkundlich bewies. Das änderte trotzdem nix daran, dass man den Martin Luther-Mythos bereits Ende des 19. Jahrhunderts mit dem Verkauf von dem, was wir heute Fanartikel nennen würden, ausschlachtete. Als bekanntestes Zeugnis haben sich Ansichtskarten erhalten, auf denen das bekannte Cranach-Porträt Luthers zusammen mit einer Hausansicht aufgedruckt ist. :D


    Das Haus war trotz des 16. Jahrhunderts genau wie der Große und Kleine Engel an der Ecke Römerberg / Markt ganz in der Tradition eines gotischen Wohnturms erbaut und hatte als einziges Haus in Frankfurt drei übereinander liegende Kellergeschosse! Dass diese die Kriegszerstörungen überstanden haben, ist zwar unwahrscheinlich, aber nicht geklärt, zumal die Parzelle heute wieder bebaut ist.


    Die älteste mir bekannte Ansicht des Hauses ist wieder ein Bild der Library of Congress, die auf das Jahr 1870 datiert (an der englischen Bildbeschriftung kann man übrigens erkennen, dass selbst die Amerikaner den Mythos offenbar für bare Münze hielten):



    ..und gleich noch ein Bild von Fay, vermutlich aus den 1880er Jahren (nach 1878, da man im Hintergrund das neogotische, in jenem Jahr erbaute Stadtarchiv sieht), von unterhalb des Torbogens links im oberen Bild fotografiert, der auch Zugang zum Hainer Hof war:



    Im Vergleich zu der Lichtdruck-Postkarte von um 1900 erkennen wir eine Veränderung, die irgendwann zwischen 1880 - 1900 eingetreten sein muss! Der Erker hat die Aufschrift "Luther-|eck" erhalten, wofür die Laterne der alten Gasbeleuchtung entfernt wurde, der Eingang zum Domplatz wurde in ein Schaufenster verwandelt, zwei Fenster im zweiten und dritten Obergeschoss sind verschwunden, ebenso interessanterweise eine Gaube ganz oben im Dach. Nochmal Fay, um 1900:



    Äußerst bedauerlich ist, dass es keinerlei Ansicht ohne Verschieferung gibt, lässt doch schon die schöne Verzierung des Erkerfusses darauf schließen, dass unter dem Schiefer so manches schöne Detail verborgen lag. Auf welcher Basis die frühe Restaurierung erfolgte, kann somit nicht ermittelt werden. Eventuell war das Fachwerk darunter auch so stark verändert, dass man es nicht mehr freilegen wollte - immerhin ist das Haus bis zur Zerstörung '44 verschiefert geblieben und wurde nicht bei der Altstadtsanierung in den 30ern freigelegt. Vielleicht kann Riegel ja mehr dazu sagen, ich weiß, dass auch er einige schöne Ansichten des Luthereck hat. ;)

  • Ich habe schon neulich mit Riegel besprochen, diesen Thread wieder aufleben zu lassen. Hierzu habe ich im Vorfeld bei allen bisherigen Beiträgen von mir die Bilder auf eigenen Webspace verlinkt, da der bisher von uns verwendete Bildanbieter (Xs.to) den Geist aufgegeben hat, was einige unschöne Lücken nach sich zog. Bis auf eines konnte ich alle von mir hochgeladenen Bilder wieder aufstöbern bzw. die selbstangefertigten rekonstruieren. Riegel wird, so denke ich, demnächst damit nachziehen, so dass der Thread dann wieder vollständig ist. :)


    Passend zur kalten Jahreszeit für den Anfang zunächst ein weiteres Reiffenstein-Aquarell: Weihnachtsmarkt am Frankfurter Dom, 1862. :harfe:



    Nur richtige Alt-Frankfurt-Kenner können das Bild genau zuordnen: links ist ein Türmchen des heute dort noch stehenden Leinwandhauses zu erkennen, etwas dahinter nur schemenhaft der Doppelgiebel des Gasthauses zum Storch. Wir befinden uns also südlich des Doms am Weckmarkt. Obwohl auf 1862 datiert, hat Reiffenstein das Bild wie immer bewusst historisierend bzw. zeitlos gestaltet.


    Der Weihnachtsmarkt am Dom dürfte aber spätestens mit dem Dombrand 1867 vorbei gewesen sein, wurden bei der gotischen Purifizierung der nachfolgenden Jahre doch auch die ihn umgebenden, aus dem Mittelalter überkommenen Verkaufsläden beseitigt, die wir hier im Bild noch sehen können.

  • Und hier noch der Plan dazu. Der Maler steht ungefähr beim "m" des Namens "Weckmarkt" und schaut nach links in die Saalgasse hinein.



    Quelle: Ravenstein-Plan 1861



    So erlebte man den selben Blick im Dezember 2006... am linken Bildrand knapp angeschnitten das Türmchen des Leinwandhauses und rechts der Dom...


  • @ RMA
    Zum Lutherhaus: Woher hast Du die Angabe, dass das Lutherhaus drei übereinanderliegende Kellergeschosse hatte? Die Parzelle ist heute wieder komplet überbaut, wobei die Kannengiessergasse beim Wiederaufbau einige Meter nach Norden verschoben wurde (edit.: sie wurde lediglich nach Norden verbreitert; siehe übernächsten Beitrag). Das heisst, dass von den Fundamenten des Lutherhauses heute nichts mehr vorhanden sein dürfte, es sei denn, dass der (oder die) Keller tatsächlich tiefer hinab reichten als der Keller des heutigen Nachfolgebaus.


    Eine seltene Ansicht zeigt das Lutherhaus mehr von der Seite:



    L. Donnay, Frankfurt a. M., Anfang 20. Jh.


    Dass bei einem Gebäude in der Altstadt alle Obergeschosse komplet verschiefert waren, war eher selten. Zusammen mit dem ebenfalls verschieferten Mansarddach und Quergiebel muss das Haus einen eigenwilligen Eindruck hinterlassen haben.



    Zum Hainerhof: Stimmt die Datumsangabe "1870" beim zweiten Bild (von Library of Congress) in deinem Luthereck-Beitrag tatsächlich? Es zeigt nämlich bereits den Hainerhof mit seinem "Brettchenfachwerk". Ich dachte nämlich immer, dass die Fassade oder das ganze Haus aus dem Historismus stammt, also ca. 1880/90. Die Anordnung der Balken zeigt, dass es sich um kein echtes Fachwerk handelte. Wenn das Jahr "1870" tatsächlich stimmt, dann dürfte dies die erste "Fachwerkfassade" nach dem 1809 erlassenen Verbot zur Errichtung von Fachwerkbauten sein! Auf der Photographie scheint die Fassade noch recht neu, woraus ich schliesse, dass das Haus in den 1860er Jahren über einem älteren Erdgeschoss neu errichtet worden ist.


    Eine äusserst seltene Ansichtskarte zeigt die Rückseite des Hauses. Auch hier scheint sich meine Vermutung zu bestätigen. Ausser dem Überhang des 2. Obergeschosses deutet nichts mehr auf spätgotische Bausubstanz hin:



    Vereinigte Kunstdruckereien Metz & Lautz, G.m.b.H., Darmstadt



    Zum Schluss noch eine Überlagerung des Gebietes Dom-Fahrgasse im heutigen Zustand mit dem Ravensteinplan von 1861. In Bildmitte ist die Kannengiessergasse zu erkennen; deutlich ist ihre Verschiebung nach dem Wiederaufbau nordwärts auszumachen (edit.: sie wurde lediglich nach Norden verbreitert; siehe übernächsten Beitrag). Das Lutherhaus hat die Nr. 9 (und 4), und war mit dem südlichen Nachbarhaus vereinigt. Der Hainerhof hat die Nr. 14, und das Diagonalkreuz markiert den Durchgang zum Hof. Für den Kenner von Alt-Frankfurt ist es weiter spannend, im heutigen Stadtbild die genaue Lage der Mehlwaage, der Garküchen, des Rosenecks etc. auszumachen...



    Quellen: Googleearth, Ravensteinplan 1861

  • Danke für deinen Beitrag, Riegel. Der dreigeschossige Keller wurde in mehreren Alt-Frankfurt-Standardwerken erwähnt, u. a. auch "Alt-Frankfurt. Ein Vermächtnis." von Fried Lübbecke, dessen Angaben zur Altstadt durchweg als verlässlich bezeichnet werden können.


    Zum Alter des Bilds der Library of Congress hast du Recht - es befindet sich dort im Album "Albumen Prints 1850 - 1880", konkret aufzurufen [url=http://lcweb2.loc.gov/cgi-bin/query/D?ils:155:./temp/~pp_ejhp::@@@mdb=fsaall,app,brum,detr,swann,look,gottscho,pan,horyd,genthe,var,cai,cd,hh,yan,bbcards,lomax,ils,prok,brhc,nclc,matpc,iucpub,tgmi,lamb]hier[/url].


    Es kann also auch erst nach 1870 entstanden sein. Allerdings gibt es andere Frankfurt-Fotos in dem Album der Library of Congress, die eher auf 1870 zu datieren sind, und da ich aufgrund des selben Formats vermute, dass alle Frankfurt-Bilder des Albums "auf einen Rutsch" entstanden sind, habe ich auch für das obige Bild 1870 angesetzt.


    Die rückwärtige Ansicht des Hainerhofs ist höchst interessant, hier befand sich ja nachweislich Bausubstanz (vor allem die Bernhardus-Kapelle), die bis ins Mittelalter zurückging, und auch die Postkarte zeigt noch das ganz alte Gepräge dieses Ortes. Allerdings wurde der Hainer Hof bekanntlich in den 30er Jahren wie der Großteil des zugehörigen Häuserblocks (wie auch das 1928 zugunsten eines Spielplatzes (!) abgerissene Köpplerhöfchen) durch die Heimatstil-Architektur ersetzt, die wir dort heute noch sehen. Ausgerechnet die mittelalterliche Kapelle in der östlichen Hofbegrenzung, die man erhalten und erst Ende der 30er grundlegend saniert hatte, ist dagegen leider den Bombenangriffen restlos zum Opfer gefallen. :(


    Ansonsten hat sowohl der Bau von Braubach- und Domstraße zwischen ca. 1906 - 1910 (im nachfolgenden Plan Blau) als auch die Abrisse ab 1928 (im nachfolgenden Plan Dunkelrot) geradezu aberwitzig in der Bausubstanz dieses Teils des Altstadt gewütet, auch wenn man offenbar bemüht war, die Blockrandbebauung zu erhalten. Hier mal mein aktueller Erkenntnisstand:



    Dein (Riegels) Überlagerungsplan zeigt schön das ganze Elend dieses heute miesesten Viertels der Altstadt. Sofern es dort irgendwann zu Abrissen kommt, sollte meines Erachtens zunächst der Garküchenplatz in seiner ursprünglichen Räumlichkeit wieder hergestellt werden, und auch die Mehlwaage wäre ein interessantes, da finanziell durchaus machbares Rekoprojekt. Vom Roseneck ganz zu schweigen, das meines Erachtens irgendwann wiederkommen *muss*...

  • Quote from "Riegel"

    ... Die Parzelle ist heute wieder komplet überbaut, wobei die Kannengiessergasse beim Wiederaufbau einige Meter nach Norden verschoben wurde...


    ... Zum Schluss noch eine Überlagerung des Gebietes Dom-Fahrgasse im heutigen Zustand mit dem Ravensteinplan von 1861. In Bildmitte ist die Kannengiessergasse zu erkennen; deutlich ist ihre Verschiebung nach dem Wiederaufbau nordwärts auszumachen...


    Da habe ich mich im Beitrag von gestern geirrt! Und zwar ist mir ein Fehler in der Interpretation des Überlagerungsplanes passiert. Das Bild aus Google Earth ist ja keine exakte Senkrechtaufnahme; die Dominkanerkirche rechts oben wird leicht von Norden her gesehen, der Dom hingegen von Süden. Also gibt es irgendwo dazwischen eine Schnittstelle. Beim Überlagern des Ravensteinplanes von 1861 habe ich geschaut, dass sich dieser nicht mit den Dachkonturen bei Google Earth deckt, sondern mit den effektiven Sockellinien; man kann dies gut beim Dom nachvollziehen. Wenn ich nun die exakte Bauflucht der Kannengiessergasse von vor der Zerstörung finden möchte, muss ich natürlich die perspektivische Verschiebung der Dachlinien "rück-berücksichtigen"! Das heisst nun, dass die südliche Bauflucht der Kannengiessergasse beim Wiederaufbau nicht verschoben worden ist! Man kann dies ganz leicht nachprüfen, indem man diese Bauflucht mit der Nordfassade des Domnordquerschiffs vergleicht, welche vor und nach dem Wiederaufbau in einer Linie lagen. Die Kannengiessergasse ist also nicht nordwärts verschoben worden, sondern lediglich nach Norden verbreitert worden.

  • Das nachfolgende Bild war über Wochen in der Bildbearbeitung, da die Vorlage ziemlich stark verschmutzt und beschädigt war. Ausnahmsweise handelt es sich um keine Ansichtskarte, sondern um ein Fotopositiv aus meiner privaten Sammlung. Es ist jetzt in einem einigermaßen vorzeigbaren Zustand:



    Die Lange Schirn war neben dem Tuchgaden die zweite Querverbindung von Markt und Bendergasse, führte im Gegensatz zum östlich verlaufenden Tuchgaden aber bis hinunter in die Saalgasse. Auf dem obigen Bild schauen wir vom nördlichen Ende Richtung Süden bis hinab zur Saalgasse, das Straßenschild der kreuzenden Bendergasse ist relativ gut zu sehen.


    Wir stehen ungefähr auf Höhe von Langer Schirn 11/12, das Bild dürfte in den späten 20ern / frühen 30er Jahren entstanden sein, definitiv aber vor 1936, da man hier die Häuser der im Bild rechten Seite (Lange Schirn 1 - 9) weitgehend im Zuge der Schöpfung des Fünffingerplätzchens veränderte; siehe hierzu auch die Ausführungen von Riegel auf Seite 2 dieses Threads.


    Trotzdem kann die Lange Schirn unzweifelhaft als einer der Straßenzüge bezeichnet werden, die sich bis zu ihrer totalen Zerstörung 1944 noch nahezu völlig das mittelalterliche Gepräge bewahrt hatten. Die konstruktiven Merkmale der hier zu sehenden Häuser deuten zumindest für die Erdgeschosse fast überall noch wenigstens in die Spätgotik.

  • Der "Rebstock"



    Der "Rebstock" war ein weiteres beliebtes Postkartenmotiv. Ursprünglich war er in einem Hof versteckt, und erst mit den Gebäudeabbrüchen im Zusammenhang mit der Braubachstrasse und der Freistellung des Domes um ca. 1905 kam er ins Rampenlicht. Seine langgezogenen Galerien gaben dem Haus, welches eigentlich ein konstruktiv höchst einfaches Fachwerkhaus war, und deshalb bisher noch keinen Eingang in die Fachwerkforschung fand, sein pittoreskes Aussehen.


    Der "Hof Rebstock" wird schon im 14. Jahrhundert erwähnt, und war bis zu seiner Auflösung im frühen 18. Jahrhundert ein Patrizierhof mit mehreren, um einen Hof gruppierten Gebäuden. Danach wurden die zugehörigen Häuser zwischen dem Alten Markt und der Kruggasse einzeln verkauft, und der Hof selbst mutierte zu einer öffentlichen Gasse. Wann genau der Name auf das Haus mit den Galerien übertragen wurde, weiss ich nicht.






    li: Jacobs Kunstanstalt, Frankfurt a. M., ca. 1905; re: Knackstedt & Näther, Hamburg, geschr. 1913


    Ansichten der Seite zur ca. 1905 angelegten Domstrasse; links: Blick in Richtung Norden, wo im Hintergrund die Bauarbeiten zur Braubachstrasse im Gange sind; rechts: Blick in Richtung Süden an die Rückfront von Alter Markt Nr. 8 mit dem Durchgang, am rechten Bildrand der Nebenzugang zur Neugasse






    Kunstanstalt Lautz & Balzar, Darmstadt, vor 1905


    Eine seltene Ansichtskarte vor den ca. 1905 begonnen Abbrucharbeiten im Umfeld des Rebstocks zeigt dieselbe Situation wie oben links. Zusätzlich ist rechts das Haus Kruggasse 6 sichtbar, entlang welchem der Hof seine Fortsetzung bis zur Kruggasse fand, welche zur weiter nördlich verlaufenden Schnurgasse führte. Die Lage des Rebstocks in einem engen Hof zeigt, dass dieses Haus nie eine repräsentative Funktion hatte. Das Hauptgebäude des "Hofes Rebstock" stand wahrscheinlich am Alten Markt (Nr. 6 "Grosser Rebstock" oder Nr. 8 ).






    M. Jacobs, Postkarten-Verlag, Frankfurt a. M.


    Bis zum Bau des Hauptzollamts 1927 blieb die Fläche, auf welcher die ca. 1905 abgebrochenen Bauten der Ostseite des "Hofes Rebstock" standen, leer. Das nördlich auf den Rebstock folgende Fachwerkhaus, Kruggasse 3, wurde beim Strassendurchbruch zum Kopfbau, und stand mit der Brandmauer direkt an der Strassenlinie. Die am rechten Bildrand sichtbaren Strebepfeiler, welche zur provisorischen Stabilisierung angebracht wurden, bestanden bis kurz vor 1944, als an der Braubachstrasse eine neue Fassade angefügt wurde.






    L. Klement, Frankfurt a. M., um 1900/1910


    Der "Hof Rebstock" hatte zwei Zugänge, im Süden am Alten Markt unter dem Haus Nr. 8 hindurch, und im Norden an der Kruggasse (bei der Zahl "18.0" auf dem Plan unten). Der nördliche Torbogen stünde heute mitten in der Braubachstrasse, genau auf der Linie der karolingischen Stadtmauer, deren Fundamente beim Durchbruch der Strasse ans Tageslicht kamen. Ein Nebenzugang (s. Abb.) mündete westseits von der Neugasse her in den Hof.





    .
    links: Ravenstein-Plan 1861; rechts: Merian-Ansicht 1628


    Der Rebstock und sein Nachbarhaus sind grün eingefärbt. Ebenso ist der ungefähre Verlauf der späteren Braubachstrasse und Domstrasse eingezeichnet. Die Kruggasse ist die in der Mitte senkrecht verlaufende Gasse, und mündet unter dem Haus Nr. 8 in den Alten Markt. Die Neue Gasse (oder Neugasse) verläuft links und mündet in den Hühnermarkt. Der Pfeil zeigt in Blickrichtung der Aufnahme mit dem Nebenzugang zum Hof Rebstock.


    Merian zeigt den Hof Rebstock in den Grundzügen, wie ihn auch Ravenstein 1861 wiedergibt. Zusätzlich führte ein gedeckter Gang vom Rebstock in das Haus Nr. 4 (welches Ravenstein mit "Rebstock" bezeichnet!) hinüber, dafür bestand das Haus Kruggasse 6 noch nicht.


    Alter Markt Nr. 6, der "Grosse Rebstock", ist unten rechts am geschweiften Giebel erkennbar, und wurde erst ca. 1905 abgebrochen. Bis zum Bau des Hauptzollamtes 1927 bestand fortan just gegenüber der Goldenen Waage, Nr. 5, eine hässliche Brandmauer. Die Nr. 8, unter welcher der Durchgang zum Hof durchführte, ist erkennbar am Doppelgiebel. Das Haus, welches bis 1944 dort stand, entstand in der Mitte des 19. Jahrhunderts als spätklassizistischer Neubau (oder evtl. aus einem weitgehenden Umbau).

  • @ Riegel



    vielen Dank für diesen tollen und informativen Beitrag.


    Ich habe eine Frage: wie sieht es mit dem Haus aus, das hier (M. Jacobs, Postkarten-Verlag, Frankfurt a. M.) neben dem Rebstock zu sehen ist. Wird es auch rekonstruiert bzw. besteht hier die Möglichkeit dazu? Für die Ensemblewirkung ist dies ja beinahe unverzichtbar.

  • Leider ist die Rekonstruktion des Rebstocks noch keine beschlossene Sache, und somit noch weniger jene des von Dir angesprochenen Nachbarhauses. Auf Seite 6 des folgenden Links http://www.frankfurt.de/sixcms…g_Dom-Roemer_07-08-30.pdf steht, dass der Nachbau des Rebstocks noch geprüft wird (August 2007). Hier wird ja immer noch wegen einer Hotelnutzung diskutiert, und auch das Tiefgaragenzufahrtsproblem spielt noch eine Rolle an diesem Ort.

  • Wäre eine Reko des zweiten Gebäudes den überhaupt möglich aufgrund von heutiger Straßenbreite, Nutzung etc.? Wäre dieses Gebäude auch zu einem Eckbau umplanbar bzw. wie groß wäre denn der Abstand von diesem Gebäude zum Gehweg. Würde da noch ein Gebäude zwischen passen oder wäre dieses Gebäude gleichzeitig Eckgrundstück. Dann würde eine Reko wohl sehr schwierig.

  • Von der Breite der Braubachstrasse wäre eine Rekonstruktion (es ist die Rede vom Haus Kruggase 3) möglich, denn die Strassenlinie entspricht auch heute immer noch jener von 1905, und soll bei der Überbauung des Dom-Römer-Areals erhalten bleiben. Wie ich schrieb, erhielt das Haus kurz vor seiner Zertörung 1944 eine neue Fassade zur Braubachstrasse hin, anstelle der provisorisch abgestützten Brandmauer. Es war ja seit 1905 Kopfbau, und somit müsste es gar nicht mehr zum Eckbau umgeplant werden.


    Im Braubachstrasse-Strang habe ich die Situation mit einer Aufnahme des Treuner-Stadtmodells im Historischen Museum erläutert, siehe hier. Dort habe ich für Kruggasse 3 allerdings die jüngere Hausanschrift "Braubachstr. 21" verwendet.

  • @ Riegel



    ich weiß nicht, ob du es hier schon mal angesprochen hast, deshalb frage ich einfach mal. Habe in deinem Profil gesehen, dass du Architekt bist. Dies mekrt man auch an deinen fachkundigen Beiträgen zum Thema Fachwerk etc. Hast du eigentlich schon mal ein solches Fachwerkgebäude gebaut und bestünde die Möglichkeit, dass du auch beim Wiederaufbau einzelner Gebäude als ausgewiesener Spezialist beteiligt sein könntest?


    Hoffe, die Frage ist nicht zu persönlich.

  • @ Wissen.de
    Neu gebaut habe ich noch nie ein Fachwerkhaus. Aber ich habe schon viele historische Bauten erforscht und anschliessend einige davon auch restaurieren können. Dabei gab es sicher auch Objekte, bei denen mal eine ganze Fachwerkwand komplett ersetzt und ins bestehende Gefüge wieder eingebaut werden musste.


    Für eine Mitwirkung in Frankfurt müsste ich als bodenständiger St. Galler ja auswandern...

  • Kann jemand den Standort des folgenden Bildes eruieren?




    Franckh-Verlag, Stuttgart, vor 1935


    Auf den ersten Blick handelt es sich hier um eine 0815-Mehrbildansichtskarte, welche links oben das Rote Haus zeigt , daneben den Schwarzen Sternen am Samstagsberg, und darunter den Saalhof. Das letzte Bild ist ein sonderbares Motiv für eine Ansichtskarte, und ist mit "Trierische Gasse" bezeichnet:




    Das Bild zeigt Rückfassaden mit erbärmlich schadhafter Verschieferung und spärlicher Befensterung. Mit den Marktständen davor boten sie trotzdem einen pitoreske Ansicht. Das spätborock/klassizistische Eckhaus mit dem Mansarddach rechts aussen müsste doch zu finden sein.


    Zwischen den Rückfassaden und den Marktständen, welche wohl den Strassenrand gesäumt haben, bestand ein Hofraum. Gemäss dem 1944er-Stadtplan gab es an der Ostseite der Trierischen Gasse eine grosse Baulücke, sodass dort die Rückseiten der Häuser an der Steingasse sichtbar waren. Allerdings bringe ich die abgebildeten Häuser nicht in Übereinstimmung mit der Parzellierung. Zeigte das Bild tatsächlich diese Situation, dann müsste es sich beim spätborock/klassizistischen Eckhaus um Steingasse 12 handeln, da südlich davon tatsächlich ein Durchgang bestanden hat.


    Die Trierische Gasse wurde gleichzeitig mit der Braubachstrasse zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die engbebaute Altstadt durchbrochen. Sie kreuzt die Braubachstrasse rechtwinklig und führt geradewegs auf den Domturm zu.

  • @ riegel


    Ja, das ist die Westseite der Steingasse von der Rückansicht. Dort, wo das Loch ist, bestand bis Ende des 19. Jahrhundert die Lederhalle, bevor sie abgebrochen wurde. Die Freifläche wurde anschließend vielseitig verwendet, ich weiß z.B., dass sie in den 30er Jahren bis zur Zerstörung der Altstadt hauptsächlich als Parkplatz diente. Bei den Häusern handelt es sich um die Rückseiten von Steingasse 15, 13, 11 und 9 (v.l.n.r.), was ich zumindest mit dem mir vorliegenden Katasterplan und dem Ravensteinplan gut zuordnen kann. Das Bild ist in Schrägansicht geknipst worden. Im Hintergrund sieht man auf der Ostseite Steingasse 14 und 12 (Nr. 12 mit dem kurzen "stumpfen" Gässchen zur Nr. 10).


    Der Abbruch der Westseite der Steingasse wurde immer wieder diskutiert, da die Gebäude in einem unbedschreiblichen Zustand gewesen sein müssen (mir liegt da eine zeitgenössische Textstelle vor). Im Zuge der Altstadtsanierung ab den 30er Jahren wurde der Abriss auch beschlossen. Ob er vor der Zerstörung auch umgesetzt wurde entzieht sich meiner Kenntnis. Jedenfalls haben die Gebr. Treuner von diesem Ensemble Aufmaße angefertigt, so dass ich Steingasse 9-19 in mein virtuelles Altstadtmodell einbauen kann.

  • Oje, da hast du ja mal wieder eine denkbar schwierige Fragestellung aufgeworfen - aber spannend ist sie allemal. :)


    Zur Trierischen Gasse ist zu sagen, dass dort in zwei Abschnitten abgerissen wurde - einmal 1899, als man die "Lederhalle" und den gesamten Block der Westseite niederlegte, der im Westen von der Wildemannsgasse und im Norden von der im Ravenstein-Plan als Aennchengasse bezeichneten Abzweigung begrenzt wurde. Das Gebiet wurde mit vierstöckigen Gründerzeitlern der Hausnummern 1 - 13 bebaut, die 15 blieb unbesetzt, bei der 17 ist unklar, ob der Altbau bestehen blieb, es deutet aber einiges darauf hin (Anzahl Stockwerke im Adressbuch nur 3, identisch zum 1877er Adressbuch, zudem unwahrscheinlich bei einem Neubau).


    Auf der Ostseite wurden 1936 im Rahmen der "Altstadtgesundung" die Häuser 2 - 10 und 14 - 18 (im Ravenstein-Plan falsch als 4 - 8 bezeichnet, da damals wohl noch dem eigenständigen Trierischen Plätzchen zugeschlagen) abgerissen, ein Neubau war definitiv geplant und ist bereits im 1944er-Plan projektiert. Da es Menschen mit Einträgen in diesen Häusern im 1943er Adressbuch gibt, ist davon auszugehen, dass der Neubau tatsächlich ausgeführt wurde.


    Die Situation im Ravenstein-Plan:



    (Klicken zum Vergrößern)


    Die städtebauliche Auffüllung des durch den Abbruch der "Lederhalle" gerissenen, bis zur Steingasse reichenden Lochs, das in den 1930ern schon seit Jahrzehnten bestand, war ebenfalls 1935 im Sanierungsplan veranschlagt, kam aber nicht zur Ausführung (nachzulesen im 1943er Adressbuch bzw. der Magistarbeit von Olaf Cunitz zur "Altstadtgesundung", wobei diese auch kleine Fehler aufweist).


    Auf der Freifläche dürfte sich der in deinem Bild zu sehende Markt etabliert haben. Da wir hier nicht auf Brandwände, sondern altverschieferte Flächen blicken, kann es sich nach den obigen Ausführungen nur um die Rückseite der Häuser an der Steingasse handeln, die hinten einst auf die Lederhalle stießen. Somit kann ich vor dem Hintergrund der Lücke zwischen Steingasse 10 - 12 nur deine (und Jörgs) Auffassung bestätigen, dass es sich bei dem zu sehenden klassizistischen Haus mit Mansarddach nur um die Steingasse 12 handeln kann.


    Mittelalterliche Bauten standen in diesem Gebiet ohnehin nicht mehr, da alles nach dem Großen Christenbrand 1719 neu erbaut worden war. Dies passt auch zu den großen Fensterformaten selbst der Hinterhäuser, die wir auf dem trotz alledem raren und kulturgeschichtlich interessante Bild der Trierischen Gasse erblicken. :)


    Nachtrag: Jörg, der 1944er-Plan ist bezüglich der Steingasse wie so oft falsch. Aufschluss gibt das 1943er Adressbuch, wo steht: Steingasse 1 - 3 existieren nicht, 5 unbewohnt, 7 - 19 Parkplatz (!) - demnach war die Westseite der Steingasse also tatsächlich noch abgerissen worden, die Neubebauung wurde aber nicht mehr durchgeführt. Laut Cunitz war ein Abriss ab 1936 projektiert. Ein genaues Abrissdatum könnte also ein Studium der Adressbücher 1937 - 1942 bringen, die allerdings ein Vermögen kosten, ich bin schon froh, das 1943er Adressbuch noch zu einem zivilen Preis (90 €) bekommen zu haben.