Translokationen: Pro oder contra?

  • Andreas Danke für das Beispiel. Ich meinte nicht so sehr, ob Translokationen innerhalb einer Stadt erfolgen, das kommt sicherlich auch in Bayern mal vor, sondern ich bezog mich auf die Freilichtmuseen. Da kenne ich in Bayern eben eigentlich nur Gebäude die verpflanzt wurden, welche auch an einem neuen Standort im Ort nicht mehr wirklich nutzbar wären, z.B. aufgrund der verlorenen ursprünglichen Nutzung, sehr kleinen Dimensionen, etc.

    Deshalb war meine Frage, ob es außerhalb Bayerns vorkommt, dass Gebäude in Museen verlagert werden, die auch heutigen Ansprüchen nahe kommen, wie die Gebäude aus Deinem Beispiel in Hannover, aber eben in einem Museum. Dann verstünde ich auch die diskutierte Idee, diese Gebäude wieder in Funktion zu setzen. In Bayern wäre das zumindest in den Museen, die ich besucht habe eher nicht denkbar meiner Wahrnehmung nach.

  • Da könnte uns sicher Andreas was zum Hessenpark sagen:


    Marktplatz im Hessenpark


    - ein Musterbeispiel für Translozierung. Teilweise auch wurden verlorene Bauwerke wie vom Gießener Marktplatz (Engelapotheke) hier rekonstruiert. http://www.fachwerkhaus.de/sta…rd-zum-museumsstueck.html


    Ansonsten fehlt hier noch ein Verweis auf eine der historisch bedeutsamsten und wohl auch glücklichsten Translozierungen:


    800px-Sack_House_Braunschweig.jpeg


    gar nicht so leicht zu erkennen, dieses Originalbauwerk am Originalstandort...


    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • ursus carpaticus Das ist in der Tat ein eindrucksvolles Beispiel, wie ich es in Bayern nicht kenne, danke dafür und auch schonmal dafür, dass Andreas etwas dazu schreibt.


    Hier für alle Interessierten die Museen die ich hier in Bayern kenne:

    https://www.glentleiten.de/Die…eiten/%C3%9Cbersichtsplan

    https://freilandmuseum-fladung…seum/historische-gebaeude

    https://rundgang.freilandmuseum-oberpfalz.de/

    https://www.bhm-amerang.de/Museum/Unsere-Geb%C3%A4ude

    https://www.bergbauernmuseum.de/museumsrundgang.html

    https://www.bauernhofmuseum.de…nsere-historischen-bauten


    Ich denke es wird deutlich, dass es da eher um sehr ländliche Bauten handelt, die oft auch etwas dysfunktional heute erscheinen. Im Hessenpark dagegen sieht es nach einwandfreien Gebäuden aus, somit verstehe ich, dass man sagt, warum die überhaupt auf Halde geschoben wurden und nicht bewohnt werden.

  • Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Und natürlich das Freilandmuseum in Bad Windsheim (hier)


    Erst letztes Jahr war ich dort. Hier ein Beispiel





    Es gibt auch eine hauseigene Ziegelei





    Hier das neueste Gebäude








    Die Häuser werden zwar nicht bewohnt, aber oft sieht man einen Hirten, der mit seinen Schafen durch das Freilandmuseum zieht, was sehr reizvoll ist.

  • Ich finds super Franka, dass Du auch immer die Schilder fotografierst. Wenn ich im Urlaub oder auf Ausflügen mit Freunden bin, werde ich da immer dafür belächelt, weil ich deswegen weniger Selfies schieße vor den Sehenswürdigkeiten ^^

  • Da könnte uns sicher Andreas was zum Hessenpark sagen:

    Im Hessenpark sind im wesentlichen Häuser die an ihrem Originalstandort abgebrochen wurden, wieder aufgebaut. Meist sind dies Häuser aus dem ländlichen Bereich die in Gruppen je nach ihrer Herkunftsregion (im heutigen Hessen) zusammengestellt wurden, so dass kleine "Dörfer" entstanden sind. Dies entspricht dem, was in vergleichbaren Freilichtmuseen üblich ist. Die Gebäude werden im wesentlichen museal genutzt, d.h. es ist bei Wohnhäuser die Einrichtung nach einem bestimmten Zeitfenster gewählt. Ehemalige Wirtschaftsgebäude stellen die ehemalige Nutzung museal dar.


    Eine Ausnahme bildet der von UC abgebildete sog. Marktplatz. Hier sind Häuser aus dem eher kleinstädtischen Umfeld wieder aufgebaut. Die Häuser vom Gießener Marktplatz sind Rekonstruktionen. Die Vorbilder dieser Häuser sind im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört worden. Die Häuser sind auch nicht in der gleichen Anordnung wie sie in Gießen standen rekonstruiert worden. Die Häuser am "Marktplatz" werden als Hotel oder für Geschäfte genutzt. Einige der nicht aus Gießen stammenden versetzten Originalbauten beherbergen auch Museen (die nicht im direkten Zusammenhang mit der ehemaligen Nutzung des Häuser stehen, wie es bei den dörflichen Gruppen der Fall ist.


    Durch die Versetzung der Häuser in den Hessenpark sind diese sicher der völligen Vernichtung entgangen, was erst einmal positiv zu bewerten ist. An ihren Originalstandorten fehlen diese aber jetzt. Dies betrifft nicht nur Häuser aus städtischem Kontext, sondern gerade auch ortbildprägende Fachwerkbauten aus den Dörfern und nicht zuletzt einige Dorfkirchen, Kapellen und Synagogen. Es wäre sicher auch eine weitere (Wohn-)Nutzung am Ursprungsort möglich gewesen, vom Eigentümer aber wohl nicht gewollt.


    Translokation, auch solche innerhalb von Städten und Dörfern, sollten aus meiner Sicht immer nur das letzte Mittel sein und ein erhalt am Originalstandort immer vorzuziehen sein.

  • Danke für die Ausführungen, Andreas. Eine Frage noch dazu:

    An ihren Originalstandorten fehlen diese aber jetzt. Dies betrifft nicht nur Häuser aus städtischem Kontext,

    Uns interessiert hier in erster Linie der städtische Konnex. Gibt es diesbezüglich tatsächlich schmerzliche Lücken in kleinstädtischen Ensembles? Von Kalibern wie Butzbach wird man ja wohl nichts abgerissen haben.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Gibt es diesbezüglich tatsächlich schmerzliche Lücken in kleinstädtischen Ensembles?

    Das ist schon der Fall. Die kleinstädtischen Häuser stammen auch aus ansonsten noch gut erhaltenen Fachwerkstädten wie Homberg (Efze), Rauschenberg, Gemünden(Wohra), Hessisch Lichtenau oder Laubach. Eine Zusammenstellung findet sich hier:


    https://www.hessenpark.de/lexi…ische-gebaeude/markplatz/


    Ein Beispiel von vielen, das Amtshaus aus Hungen:


    https://www.hessenpark.de/lexi…arkplatz/haus-aus-hungen/


    Ein Haus dieser historischen und künstlerischen Gebäude fehlt aus meiner Sicht ohne Zweifel an seinem Urprungsort.

  • Buckow, Märkische Schweiz.




    Aus dem Hades wurde etwas hinzutransloziert.

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Ist das ein Privathaus oder ein öffentliches Gebäude?


    Beim öffentlichen Gebäude wäre mir klar, warum man so eine hässliche Kröte neben ein so schönes Haus stellen muss. Das hätten sich dann Stadtplaner, Denkmalschützer, Architekten und Politiker in ihren akademisch verdrehten Köpfen ausgedacht.


    Aber wenn es ein Privathaus ist und der Anbau auf der Entscheidung eines privaten Bauherren beruht, dann sollte sich dieser mal hinsichtlich Persönlichkeitsspaltung untersuchen lassen. Einerseits ein so schönes Haus extra zu translozieren, um es dann andererseits mit einem so hässlichen und belanglosen Anbau zu verunzieren, wäre wie ein kostbares antikes Nussbaum-Möbelstück kaufen, das man dann mit grauer PVC-Folie überklebt.