Jakriborg - Kitsch?

  • Der Ort erinnert doch sehr an deutsche Kleinstädte mit gepflegter kleiner Fußgängerzone.....ich find es ganz gelungen

  • Quote from "Johan"

    Weil wir warten auf die sehr schöne Fortsetzung von R.O. Augsburg serie finge ich an hier die Schwedische Poundbury zu presäntieren. Kurz: die Stadt ist neu und gebaut von zwei Brüder. Die haben es gebaut als ein Traum-vision von Stadt. Inspiration ist dänische Kleinstädte und Lübeck.



    Kein Kitsch, anders als so viele ähnlichgeartete (Retro)Siedlungen. Die berüchtigten Kitschaccessoirs wie verspielte Türmchen, Erkerchen, Zierbalken (und was der Baumarkt sonst so hergibt) fehlen völlig; stattdessen dominieren eine gewisse Strenge und Nüchternheit.


    In meinen Augen stellen diese Häuser wie auch deren Anordnung zeitlose, "nordländische" Architektur dar, die nicht nur nach Lübeck oder Jütland, sondern ebenso nach Flandern, Holland, Westfalen, Thüringen, Niederschlesien, Sachsen, Niederbayern, Schonen und Trondheim passen würde. Man hat den gemeinsamen baugeschichtlichen Kern eines ganzen Kulturkreises getroffen und ihn in die Gegenwart geholt. Maßvolle und angenehme Architektur - ein guter Anfang.

  • Kitschig? Nö, wieso...? Ich finde es eher "erstaunlich", dass die Häuser trotz ihres geringen Alters so alt wirken. Ich meine nicht die Gestaltung, sondern die nicht so grell leuchtenden Farben und die leichten "Wasserschäden" und so...Echt süßes Städtchen. Nur etw. wenig los (liegt das am Wetter?). Wie viele Leute wohnen denn da?

  • Das erste Bild hat mich zugegebenermaßen irritiert.
    Die anderen umso mehr erfreut.
    Kann meinen Vorrednern nur zustimmen.
    Allerdings wäre das ein oder andere Geschäft sicher
    wünschenswert um den Kleinstadtcharakter mehr
    Leben einzuhauchen, andererseits sieht es in
    manch deutscher Kleinstadt vom Geschäftsleben
    her oft noch schwächer aus.
    Die Qualität der einzelnen Häuser ist sehr hoch,
    es wirkt nicht standardisiert. Auch die Proportionen
    sind gut zueinander gewählt und man sieht, dass
    traditionelle Architektur gerade auch in ihrer Schlicht-
    heit sehr überzeugend wirkt. Zudem der Straßenzug mit
    seiner leichten Krümmung; er wirkt sehr harmonisch.
    Was die gestalterische Qualität des Ensembles angeht,
    wäre wohl manche Kleinstadt froh, sie könnte diese noch!
    aufweisen.

  • Definitiv nicht der übliche Baumarktkitsch!
    Schaut wirklich sehr gelungen aus, wozu neben den nicht rechtwinklig angeordneten Häusern und Straßen insbesondere die Alterungsspuren beitragen, nicht nur an den Hauswänden selbst, sondern auch den Dachziegeln. Gerade die handelsüblichen sauber glänzenden Dachziegel vom Baustoffhändler sind für mich ein störendes Element bei den meisten neuen Häusern.
    Einige der Häuser erwecken tatsächlich den Eindruck, als wären sie 200 Jahre alt.
    Einziger Kritikpunkt bei dieser Siedlung wäre aus meiner Sicht das eine "Fachwerkhaus" mit Ziegelsteinen in der Häuserzeile. Hier ist zu offensichtlich, dass das Fachwerk nicht echt ist, sondern nur eine vorgehängte Atrappe. Vielleicht hätte man hier lieber ein "gewöhnliches" Haus einfügen sollen, wenn man schon keine "richtigen" Fachwerkhäuser" bauen kann. Der etwas "unechte" Charakter dieser Häuserzeile verstärkt sich m. E. noch dadurch, dass alle Häuser ein gemeinsames Dach haben. Man hätte an dieser Stelle lieber einzelne Häuser mit unterschiedlichen Dachhöhen bauen sollen.
    Alles in allem überwiegt bei mir aber doch eindeutig der positive Eindruck.

  • Stimmt, das eine Haus ist wirklich etw. daneben gegangen...
    Bleibt das Areal auf dem ersten Bild so oder wir die auch noch bebaut?

  • Ich finde dieses Dorf eigentlich sehr interessant. Da man, wie man an den Giebelwänden gut sehen kann, mit Normalformatziegeln garbeitet hat, haben die Häuser schon ziemlich Stil.


    Auch die Pflasterung der Straßen trägt ein Übriges dazu bei.


    Welche Art von Leute wohnen denn in diese Häusern?

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Benni


    Ja, wenig los. Immer noch ist Jakriborg ein Viertel das wächst. Aber es steht auf jedenfall in Schatten von Malmö (330000 Einwohner) und Lund (100 000 einwohner). Es gibt ein paar Geschäfte, ein halbbillige Restaurant, ein Bäckerei und ein Kneipe. Jetzt hat es eher die Charachter äls Vorort.


    Exilwiener
    Welche da wohnt. Mitteklasse mit Kinder wurde ich raten. Vielleicht wollen so auch ein paar Dänen von Kopenhagen abkriegen. Eher Ruhig und geruhsam.

  • Offenbar kann das Örtchen auch sehr belebt sein! :)
    http://www.jakri.se/Bilder/jakriborg_riddarspel.jpg\r
    http://www.jakri.se/Bilder/jakriborg_riddarspel.jpg


    Ein Flugbild dokumentiert die Ausmaße des Ortes und die strukturelle Differenz zu gängigen Baugebieten in unmittelbarer Nachbarschaft:
    http://www.staffanstorp.se/images/18.743d22f4115f53f498b8000112022/Jakri(2\r
    http://www.staffanstorp.se/images/18.74 ... 22/Jakri(2).jpg


    Mein persönliches Lieblingsmotiv:
    http://farm3.static.flickr.com/2004/1507897922_96f8860664.jpg\r
    farm3.static.flickr.com/2004/150 ... 860664.jpg
    Es zeigt den Straßenzug wie er auch in Deutschlands Kleinstädten üblich sein kann, jedoch von Investoren und Architekten sowie städtischen Entscheidungsgremien durch schleichender Zerstörung bedroht ist! :augenrollen:

  • Das Bild ist aber von Anfang. Heute ist Jakriborg viel groesser. Es gibt mehrere Platzen und Strassenzugen.


    Jakriborg ist auch in Schweden eine Ausnahme. Es ist eine sehr umstrittene Projekt, von zwei Brudern getrieben. Die Brudern haben die meiste Selbst geplant, die nicht Architechten sind. Die Mehrheit von Architekten hassen dieses Projekt. Es ist aber extrem beliebt bei grossen Teilen von dem Bevolkerung.


    http://www.jakri.se/reportage.php\r
    http://www.jakri.se/reportage.php

  • Quote

    Die Brudern haben die meiste Selbst geplant, die nicht Architechten sind. Die Mehrheit von Architekten hassen dieses Projekt. Es ist aber extrem beliebt bei grossen Teilen von dem Bevolkerung.


    Das zeigt doch nur, daß die Architekten heute an den Bedürfnissen der Menschen "vorbeibauen". Architekten die Projekte wie Jakriborg hassen, sehen darin doch nur ihr eigenes Versagen bestätigt.


    Aber dieser Ort vermittelt, obwohl er künstlich angelegt wurde, Identität.


    Ein Ort wie "Baunatal" könnte aber hingegen genauso gut ein Vorort von New York, Rio, Tokyo oder Shanghai sein. Daß man es mit einem Vorort von Kassel zu tun hat, erschließt sich erst beim Blick auf die Landkarte...


    Wer ein Projekt wie Jakriborg als Kitsch abtut, verkennt dabei die Leistungen der Erbauer, die sich ja ganz offensichtlich eingehend mit traditioneller europäischer Architektur auseinandergesetzt haben.


    Denn wenn ich an echte Kitsch-Architektur denke, dann fällt mir in erster Linie der sog. "Landhausstil" ein, wie er in den 90er Jahren aktuell war. Und der war mit seinen Schein-Sprossenfenstern, Hochglanzziegeln, verwinkelten Außenwänden, seitlichen Erkern und Schopfwalmdächern tatsächlich Kitsch erster Güte. Das Grundprinzip solcher Neubaugebiete war aber das der 60er-Jahre-Siedlungen mit rechtwinkligen Straßen und sterilen Grünflächen um die Häuser herum.

  • Das ist ja genial! Habe den Strang gerade zum ersten Mal gesehen. Wie haben die diese Authentizität hingekriegt? Da sieht der Neumarkt steriler aus - womit nochmal auf das große Problem modernen Verputzens hingewiesen sei. Sehr schade, dass es nicht ein Kalkputz auf den Neumarkt geschafft hat.

    Ich entschuldige mich von Herzen für meine früheren arroganten, provokanten, aggressiven und unfreundlichen Beiträge!
    Jesus ist mein Herr und Retter!

  • Wie sie die Authentizität hingekriegt haben? Johan zufolge ganz einfach: Die Initiatoren des Projekts sind keine Architekten. 8) Das heisst, sie werden sicher Architekten bemueht haben, gaben diesen aber so strenge Auflagen, dass das heutige Durchschnittsprodukt einfach keine Chance hatte. Bis auf das eine Gebaeude, das hoffentlich ein Einzelfall bleiben wird ... :augenrollen:

  • So wirth es sein! :schockiert:

    Ich entschuldige mich von Herzen für meine früheren arroganten, provokanten, aggressiven und unfreundlichen Beiträge!
    Jesus ist mein Herr und Retter!

  • http://img3.imagebanana.com/img/aa4xu8k9/jakriborg.JPG\r
    img3.imagebanana.com/img/aa4xu8k9/jakriborg.JPG


    ...scheint in der Tat gehörig gewachsen zu sein, der Ort. Ich erinnere mich an einen Städtebauentwurf im Studium, da sagte der Herr Professor bei einer vergleichbaren Struktur: "So etwas ist undemokratisch!" :gehtsnoch:


    Johan, worum es mir geht, ist die Struktur, die sich doch erheblich vom (monotonen) Baugebiet in der Nachbarschaft unterscheidet.


    Ich wünschte mir, dass auch in Deutschland Jakriborg Nachahmer findet und zwar nicht explizit für Neubaugebiete, sondern dass auch bereits geschundene Altstädte einen annähernden Rückbau in dieser Qualität erfahren!


    Möchte auch bestätigen, dass hinsichtlich des Aspektes der Geschlossenheit, also das Ensemble betreffend, Jakriborg für mich vorbildlicher ist als der Dresdner Neumarkt mit seinen modernistischen Füllbauten.



    Quote

    Ich wünschte mir, dass auch in Deutschland Jakriborg Nachahmer findet und zwar nicht explizit für Neubaugebiete, sondern dass auch bereits geschundene Altstädte einen annähernden Rückbau in dieser Qualität erfahren!


    http://img3.imagebanana.com/img/6qldmce7/schmbergzollernalb.JPG\r
    img3.imagebanana.com/img/6qldmce ... ernalb.JPG


    Ein Beispiel für ein geschundenes, aber in der Dimension und Struktur vergleichbares Projekt wäre die kleine Altstadt von Schömberg im Zollernalbkreis (Baden-Württemberg). Ich beobachte die Entwicklung dieses Ortes seit Jahren. Es ist wie andernorts erschreckend. Was an diesem veralteten Luftbild strukturell nicht auszumachen ist, wie sehr die Altstadt doch durch ungebremsten Raubbau an Altbausubstanz abgeräumt wurde und wird. Aber eben nicht mit gestalterisch Gleichwertigem, sondern sie wird mit unterdurchschnittlicher "Architektur" von Bauträgern nach und nach ihres Charakters beraubt. Das fällt angesichts der Größe des Ortes natürlich schneller und vor allem stärker ins Gewicht als bei Altstädten, die im Fokus des Tourismus stehen oder durch entsprechende Satzungen geschützt sind.

  • Quote from "Stefan"


    ...scheint in der Tat gehörig gewachsen zu sein, der Ort. Ich erinnere mich an einen Städtebauentwurf im Studium, da sagte der Herr Professor bei einer vergleichbaren Struktur: "So etwas ist undemokratisch!" :gehtsnoch:


    Nun ich verstehe nicht ganz, was daran "undemokratisch" sein soll, wenn es von weiten Teilen der Bevölkerung offensichtlich so gewünscht wird?


    Sicher herrschten im Mittelalter, der Renaissance und den Epochen danach alles andere als demokratische Verhältnisse.


    Aber wenn man das als Bewertungsmaßstab anlegt, ist die Moderne ja genauso undemokratisch. Schließlich wurde ja auch im ehemaligen Ostblock so gebaut!


    Und die aktuelle "moderne" Architektur, die ja in der selben monotonen Form wie bei uns auch in China praktiziert wird? Ist das Reich der Mitte etwa ein freies, demokratisches Land?


    Und nur so als Gedankengang: was wäre denn gewesen, wenn Diktatoren wie Mussolini und Hitler anstelle des Neoklassizismus ihre Protzbauten im Bauhaus-Stil errichtet hätten?


    Und wenn man jetzt auf den Anfangsgedanken, den Willen des Volkes, zurückkommt, so ist die Moderne Architektur ja schon deswegen "undemokratisch", weil sie von weiten Teilen der Bevölkerung abgelehnt wird und eine kleine Minderheit mit allen Mitteln versucht, der Allgemeinheit (gegen deren Willen) ihre Schrottbauten aufs Auge zu drücken.

  • Nein, Jakriborg ist kein Kitsch.


    Es ist steingewordener Ausdruck des Wunsches der Menschen nach einem menschenwürdig gebauten Lebensraum. Wenn auch die Architektenschaft spottet, so beweisen die Brüder hier Geschmack. Niemand hat behauptet, hier eine alte Stadt wiederherzustellen. Es ist eine neue Siedlung. Die Bauherren haben ihr einen menschlichen Maßstab gegeben und die Details so gemacht, dass man sich wohlfühlen kann.


    Dass es ein Dorn im Auge der Architekten ist, ist nur ein Beweis für die Richtigkeit des Weges der beiden Brüder, denn sie wissen, was die Menschen wollen.


    Also mir gefällt's.

  • Die Architektur ist sicherlich äußerst lobenswert. Haupteinsatzgebiet in Deutschland wäre jedoch unbedingt die Wiederbebauung der Altstadtbereiche. Neue Stadtgründungen sind in Zeiten demographischer Schrumpfung (gilt ohne Einwanderung wohl auch für Schweden) unter Umständen nur problemverschärfend, wo ein geordneter Rückzug auf die Kerne anzustreben ist.

    "Meistens belehrt uns der Verlust über den Wert der Dinge."
    Arthur Schopenhauer

  • Also...


    Georg Friedrich
    Die Grund warumJakriborg funktioniert ist dass Malmö / Lund / Kopenhagen ziemlich schnell wächst . Es gibt genugend mit Menschen und Geld dafür. So ein Projekt wäre in Nordschweden unmöglich. Dort fehlt die Bedingungen aber auch die Begeisterung für so etwas..


    Zeno
    Sehr wichtig für die Gründer von Jakriborg ist die regionale Bezüge zu Dänische Kleinstadtidylle und Lübeck. Vielleicht provoziert dieser Verbundenheit mit eine Geograische Raum auf eine Seite und die Wünsch nach ein idyllische regionale und Volksnahe Architektur die ausgebildete Architekten. Die sehen es als ein bisschen Peinlich und kindisch.


    Stefan
    Danke für das Bild. Ja, die Plannung ist im Tat gelungen. Es ist wirklich eine Einzigartige Projekt für Schweden.

  • Idealerweise müßte es in D., dem Land der unendlichen Vororte, eine Mischung aus Gartenstadt und einem kleinen verdichteten Kern sein. Ebenso wie im Reformstil um 1910 sparsame, lokalbezogene Verwendung von Ornament, ggf. auch offenes Fachwerk (nur bei ausgewiesenen FW-Gebieten!), d.h. keine reine Adaption der örtlichen Altstadtkerne. Interessant wäre aus meiner Sicht die Einbindung der heutigen ENEV-Vorgaben sowie integrationsfähiger Solartechnik.


    Ich für meinen Teil verstehe die weltanschaulichen "Probleme" der Architekten mit einem solchen Auftrag nicht. Mein Ego wäre mehr als genug befriedigt, mit einem solchen Entwurf tatsächlich was gutes für eigene Brieftasche UND das Gemüt meiner Auftraggeber und Nutzer bewirkt zu haben. Überdies das Wissen, daß dieses Werk eine weit höhere Leb- und Wirkungszeit haben dürfte als jene technizistischen Spielereien, die drei Jahrzehnte nach Bauabnahme zum peinlichen Sanierungsnotfall geworden sind.

    Nein, die werden gedünstet