Wiederaufbau des Palais Thurn und Taxis

  • Wenn ich mir die Bilder vom Nachkriegszustand so anschaue, würd ich aber schon sagen, dass eine Reko ohne aufwändigere Arbeiten, die einem Abriss sehr nahe kommen, kaum machbar wäre. Die Nachkriegsversion war einfach zu billig und überhaupt nicht erhaltenswert. Hinzu kommt dann noch das Thema Baustellenlogistik.
    Wobei ich allerdings den nicht exakten Wiederaufbau ganz und gar nicht gutheiße. Reko ja auf jeden Fall, aber bitte so wie es auch wirklich existierte und nicht einfach mal schnell hier und da abgewandelt.

  • Frankfurter


    Die Grundrissänderungen beim Palais Thurn und Taxis sind in der Tat bedenklich, weil sie ein idealisiertes Adelspalais erzeugen und mit den Unregelmäßigkeiten gerade die Rücksichtnahme, die ein enger Bauplatz in einer dicht bebauten, selbstbewussten Bürgerstadt erzeugt hat, unbeachtet lässt. Damit entfällt ausgerechnet der "bürgerliche" Kompromisscharakter des Gebäudes, die Rekonstruktion des 21. wird absolutistischer als das Original des 18. Jahrhunderts.


    Wo war denn der Denkmalschutz, als die Pläne für den Wiederaufbau vorgelegt wurden? Hat er sich geäußert und wenn ja, wurde die Öffentlichkeit über die Kritikpunkte rechtzeitig informiert?
    Leistet nicht gerade der Denkmalschutz mit seinem eisernen Beharren auf einem hundertjährigen Dogma solchen aktuellen Fehlentwicklungen Vorschub? Wer Rekonstruktionen nur als Konkurrenz um Aufmerksamkeit und knappe Mittel für bedrohte Originalsubstanz begreift, statt gesellschaftliche Bedürfnisse zu akzeptieren und gemeinsam um die möglichst beste Rekonstrution zu ringen, darf sich jedenfalls hinterher nicht beschweren, wenn wirtschaftliche Erwägungen oder andere privaten Interessen die Prinzipien eines originalgetreuen Wiederaufbaus zurückdrängen.

  • Ich glaube nicht, obwohl anscheinend in mehreren Tageszeitungen die Rede von einer 'nicht originalgetreuen Rekonstruktion' war, daß die Öffentlichkeit im Detail informiert wurde (ist), was das bedeutet, und frage mich, ob es Zufall ist, daß keine einzige der Entwurfsperspektiven für die Rekonstruktion die Gartenseite zeigt.
    Nicht den klassischen Denkmalbegriff an sich würde ich in Frage stellen, genausogut könnte man andere kulturelle Errungenschaften wie die Demokratie in Frage stellen. Es ist richtig, daß den gesellschaftlichen Bedürfnissen, sei es an sich oder als wirtschaftlicher Faktor, die größte Bedeutung zukommen muß. Trotzdem muß man diese Bedürfnisse nicht als gegeben hinnehmen, vor allem wenn sie auf Halbwissen oder Desinformation beruhen. Man kann - was eigentlich die Pflicht jedes einzelnen für sich selbst wäre - den Kontext und die Konsequenzen dieser Bedürfnisse aufzeigen. Genau das ist es was ich hier versuche, nicht irgendjemandem den Spaß an Rekonstruktionen zu vermiesen.
    Davon abgesehen, genauso wie wir heute den vorangegangenen Generationen ihren Umgang mit und den Verlust von historischer Bausubstanz vorwerfen, haben wir uns vor nachfolgenden Generationen zu rechtfertigen. Es ist daher notwendig, die heutigen kurzfristigen Bedürfnisse gegenüber einem größeren geschichtlichen Kontext abzuwägen.

  • Es ist ein Leichtes, die offiziellen Positionen der Denkmalpflege zu vertreten und dabei der Bevölkerung Halbwissen und fehlgeleitete Bedürfnisse vorzuwerfen. Denkmalschutz ist aber Ausdruck öffentlichen, nicht privaten Interesses. Dass letzteres meist gegenläufig ist, beruht nicht auf Böswilligkeit der Bürger, sondern ist Folge verfassungsrechtlicher Eigentumsgarantie und allgemeiner Handlungsfreiheit. Denkmalschutz als staatlicher Eingriff in diese Freiheitsrechte steht dabei immer unter dem Gebot der Verhältnismäßigkeit. Die Durchsetzung denkmalpflegerischer Interessen ist Aufgabe der zuständigen staatlichen Behörden. Eine eventuelle Delegation an Private bedarf gesetzlicher Ermächtigung. Es ist daher gerade nicht "Pflicht eines jeden einzelnen, Kontext und Konsequenzen dieser (privaten, der Denkmalpflege gegenläufigen) Bedürfnisse aufzuzeigen", vielmehr liegt die Pflicht zur rechtzeitigen Äußerung denkmalpflegerischer Bedenken bei den Denkmalschutzbehörden.


    Kritikpunkte liegen beim Palais Thurn und Taxis offensichtlich vor, die Frage ist aber, wie weit sich die Dekmalpflege überhaupt für Rekonstruktionen verantwortlich fühlt, die nach dem herkömmlichen Dekmalbegriff nicht in ihre Zuständigkeit fallen. Gerade das Beispiel des Palais Thurn und Taxis weist hier auf mögliche Zuständigkeitslücken. Ich halte es dagegen für wenig sachgerecht, wie hier geschehen, das Infragestellen des derzeitigen Denkmalbegriffs mit einem Infragestellen der Demokratie gleichzustellen.

  • Hallo Mathias,
    bevor noch Mißverständnisse entstehen, ich werfe der Allgemeinheit nichts vor, schon gar keine Böswilligkeit. Genauso halte ich es für selbstverständlich, daß Denkmalschutzbelange nicht vom Staat aufgezwungen sein dürfen sondern zuerst dem Bedürfnis der Allgemeinheit entsprechen müssen. Die Allgemeinheit ist aber eine Ansammlungen von Individuen, und es muß vom Individuum erwartet werden können - das hatte ich mit der obigen Formulierung gemeint - sich zunächst einmal über den Kontext und die Konsequenzen seiner eigenen Bedürfnisse bewußt zu sein.
    Ich würde nicht soweit gehen, den klassischen Denkmalbegriff mit der Demokratie gleichzustellen, beide sind aber ein Ergebnis einer jahrhundertelangen europäischen Geistesgeschichte, und ihn in Frage zu stellen bloß weil er in einigen Punkten mit eigenen Interessen in Konflikt gerät ist es, was ich für übertrieben halte.


    Daß die Denkmalpflegebehörden und das Architekturestablishment sich bisher oft weigern, sich ernsthaft mit der Rekonstruktionsthematik auseinanderzusetzen oder nur in Form von Ironisierung oder einer herablassenden Ablehnung, halte ich auch für einen zentralen Fehler. Schließlich besitzen sie das nötige Fachwissen und den geschichtlichen Überblick, die selbst beim interessierten Laien nicht als selbstverständlich angenommen werden können, anstatt es im Sinne der Allgemeinheit anzuwenden wird oft auf einem elitären Standpunkt beharrt. Es gibt aber einen Punkt, ab dem Fachwissen mehr Gewicht als öffentliches Empfinden zugemessen werden muß, wenn es nämlich um Kulturgüter geht, die von der Allgemeinheit als nicht erhaltenswert angesehen werden.
    Davon abgesehen gibt es in Frankfurt interessanterweise einige denkmalgeschützte Bauten, die weitgehende Rekonstruktionen sind, ich gebe Dir aber vollkommen recht, daß es wünschenswert wäre, der Denkmalschutz würde sich bereits im Vorfeld der Rekonstruktion konstruktiv stärker einbringen.

  • Einverstanden! Natürlich sollte der Erhalt wertvoller Originalbausubstanz durch möglichst schonende Eingriffe Hauptziel der Denkmalpflege bleiben. Man kann ein Gebäude schließlich auch gut gemeint "zu Tode renovieren" und ihm mit den Gebrauchsspuren viel von seiner Geschichtlichkeit, seiner Ausstrahlung nehmen. Nicht nur Rekonstruktionen, sondern auch allzu radikale Sanierungen hinterlassen nicht selten einen zwiespältigen Eindruck von Kulissenarchitektur. In beiden Fällen kann jedoch denkmalpflegerischer Sachverstand zu erheblichen Verbesserungen führen. Das Beispiel der Frauenkirche zeigt, dass die sorgfältige denkmalpflegerische Begleitung einer Rekonstruktion zwar nicht alle Fehler verhindern, aber doch zu einem Ergebnis führen kann, das zu Recht wieder zu den Spitzenwerken europäischer Architektur gezählt wird.

  • Mal wieder was aufgeschnappt in Pro Altstadt-Kreisen...


    Um mit dem Frankfurt Hoch 4-Projekt konkurrenzfähig bleiben zu können, sei mittlerweile geplant, dass der Kaufhof an der Hauptwache angeblich eine Pseudo-Sandstein-Fassade erhalten soll ("echt" ginge nicht wegen Statik).

  • Der Kaufhof an der Ecke wird zum "Luxuskaufhaus" erhoben, dazu gehört eine Fassade die etwas "wertiger" aussieht. Aus Sandstein wird sie nicht bestehen, sondern aus Werkstein. Das Warensortiment wird auch der neuen Philossophie nach hochertigeren Produkten angepasst. Neben der Fassade aus Werkstein werden in die Ecke riesige Fenster angebracht. Das alles ist nur eine minimale Verbesserung der gegenwärtigen Lage.

    Wenn du ein Haus baust, denke an die Stadt (Luigi Snozzi)

  • Bin kürzlich in Frankfurt gewesen und habe mir mal den aktuellen Stand
    der Baumaßnahme angesehen. Die Baufläche ist echt gigantisch groß;
    ich schätze doppelt so groß wie das von der Hamburger Europapassage.
    Schon wahnsinn!

  • Ist eigentlich schon einmal jemandem aufgefallen, daß die Grundmauern des Palais Thurn und Taxis aus Beton errichtet werden und nicht gemauert. Wenn ich es richtig sehe, gilt das auch für die nach dem Krieg erhaltenen und vor der aktuellen Baumaßnahme abgetragenen Portalbauten. Wie verhält sich das hier mit dem Denkmalschutz?

  • Quote from "M. D."

    Ist eigentlich schon einmal jemandem aufgefallen, daß die Grundmauern des Palais Thurn und Taxis aus Beton errichtet werden und nicht gemauert.


    Im DAF stört sich kaum einer an den Betonfertigteilen:

    Quote

    Herrje, immer diese reflexhafte Angst vor dem Material Beton.
    Schon die alten Römer hatten Beton als Tragstruktur in viele Bauwerken benutzt und anschließend mit Naturstein verkleidet...also etwas mehr Rationalismus bei dem Thema. :lachen:


    http://www.deutsches-architektur-forum.de/forum/showthread.php?t=1503&page=4\r
    www.deutsches-architektur-forum. ... 503&page=4

  • Im DAF wird sich auch über jedes nicht gebaute Hochhaus echauffiert, frei nach dem Motto, Hauptsache hoch, dann erst Hirn einschalten und nachdenken, ob Frankfurt sowas braucht bzw. international mit seiner sogenannten "Skyline" irgendeinen Blumentopf gewinnen kann.


    Der Einwand ist aber in der Tat nicht unberechtigt, wenngleich Beton auch ein Baumaterial ist, dessen Erfindung ich in ungefähr genauso bedauere wie die Entdeckung der Kernenergie. Viele Barockbauten, zu denen das Palais ja auch zu zählen ist, waren "Fälschungen", sprich die Sandsteinfassaden eben vor Klinker gehängt. Oder der Klassizismus, der die Fachwerkbauten des düsteren Mittelalters verteufelte, und gleichzeitig zahllose repräsentative Bauten aufführte, die einfach nur verputzte Fachwerkbauten waren. Heute wird eine Sandsteinfassade eben vor Beton gehängt, insofern kann ich damit leben.

  • Quote

    international mit seiner sogenannten "Skyline" irgendeinen Blumentopf gewinnen kann.


    Ich muss gerade an die Argumentation der Anti-Reko-Architekten denken... die hatten auch gesagt, dass die Altstadt-Reko völlig sinnlos wäre, weil deswegen nicht ein einziger Tourist mehr nach Frankfurt käme. Schon jetzt kämen die Touristen ja gar nicht wegen Römer und Ostzeile, sondern wegen der Skyline.


    Also, mein Bruder hat berufsbedingt mit vielen Amerikanern zu tun. Wenn er die mal hier hat, will er ihnen auch die Gegend zeigen. Ich hatte ihn mal gefragt: "Was zeigst denen denn normalerweise - Frankfurt?" Er hat völlig verblüfft den Kopf geschüttelt: "Wieso Frankfurt? Weißt du, wie viele amerikanische Städte eine wesentlich imposantere Skyline haben? Mit den paar Wolkenkratzern kannst du doch keinen Ami vom Hocker reißen. Und an Historie gibt es hier in Hessen doch in jeder zweiten Kleinstadt mehr zu sehen als in Frankfurt. Was also soll ich mit den Amis in Frankfurt ?!?"

  • So ist es. Aber das will anscheinend nicht in die Köpfe zumindest der aktuellen Politikergeneration hinein. Das jahrzehntelange, widerstandslose Regiment des BDA und der anhängigen Lobby, nach denen einzig der Willen von "Fachleuten" und eben nicht der der Bevölkerung den Ton in der Architektur anzugeben hat, wirkt eben noch lange nach. Dazu das dieser Generation eingebleute Denken, dass Bekenntnis zur Geschichte automatisch ein Leugnen der unseligen NS-Zeit bedeuten würde.


    Es fehlt einfach der Mut von Seiten der Politik, sich klar zur Geschichte zu bekennen. Und klar zu einer Stadtreparatur nach diesem schlichten Leitbild. Insofern können wir dem Wirtschaftsboom in China, Indien etc. oder den Ölmilliardären im Nahen Osten für ihre utopisch anmutenden Bauprojekte nur dankbar sein, denn so wird nur die Einsicht gefördert, dass eben ein Bekenntnis zu dem, was unsere europäischen Städte so einzigartig auf der Welt macht, ihre Konkurrenzfähigkeit auch zukünftig sichern kann.


    Ein Glaube daran, dass ein weiterer Ausbau der Frankfurter Skyline irgendetwas anderes bewirkt als vielleicht Immobilienspekulanten weiter die Taschen zu füllen, ist dagegen nicht nur rückständig, sondern provinziell bis lachhaft naiv.

  • Dazu mal dieser Kommentar von der Diskussionsseite des Frankfurt-Artikels in der englischsprachigen Wikipedia:


    (Dann aber wieder zurück zum Thema Palais...)


    Quote

    I used to visit Frankfurt occasionally to meet my ex-girlfriend. She warned me in advance that Frankfurt would be in her words "ugly, dull, boring, dreary, miserable, did I say ugly? Really really ugly". (I wrote the words down to quote them back to her.) She was of course exaggurating. Frankfurt was far uglier than she had led me to believe, so boring even the duck in the river I saw was asleep (maybe it had died of boredom!). The modern buildings were grotesque. The historic buildings were tacky rebuilds. The place was grey, grey, grey. The niteclubs were zzzzzz. One local joked to me: "We are so boring we have a cathedral but no bishop. Who would want to a bishop to this place?" It was without doubt the goddamn ugliest place I have ever been in. Merely thinking of it sends a shiver down my spine. What an utterly dreary dump!!! (Sorry all fans of Frankfurt of there (if there are any? I don't think it is interesting enough to have any) if I offended you. But I couldn't let this page pass without a chance to say the one word that comes to mind when I think of Frankfurt. "Yuch!". Or the phrase: "When's the next plane out of here?"

  • Da hast du aber ein extremes Beispiel herausgesucht!

    Wenn du ein Haus baust, denke an die Stadt (Luigi Snozzi)

  • @ RO: Was willst du eigentlich mit dem Einsetzen dieses Geschreibsels sagen? Leider enthält Dein Posting keinerlei Aussage in dieser Hinsicht.

  • Quote from "Henk Frost"

    @ RO: Was willst du eigentlich mit dem Einsetzen dieses Geschreibsels sagen? Leider enthält Dein Posting keinerlei Aussage in dieser Hinsicht.


    Raufscrollen hätte geholfen. Was er damit illustrieren will, steht genau zwei Beiträge weiter oben.

  • Also dass das Zitat ("The niteclubs were zzzzz") die Meinung eines jedes Amerikaners ist? Scrollen kann ich übrigens aus dem Effeff.