• Wurde eigentlich ganz gut von Baukunst zusammengefasst.

    Unsere große Aufmerksamkeit für die Belange des Denkmalschutzes ist bekannt, aber weder ökonomisch noch kulturhistorisch lässt es sich vertreten, aus jedem alten Gebäude ein Museum zu machen. E. Honecker

  • Trotzdem ist Nürnberg für mich, in seiner Gesamtheit gesehen, eine schöne Stadt, die in ihrer Bedeutung und mit ihren Bauwerken sich immer noch weit über viele andere Städte erhebt. Und man spürt einen "Geist der Geschichte", den man nur in uralten, bedeutenden Städten erlebt (ich spüre ihn z.B. auch in Köln).


    Ich erlaube mir, hier nochmal auf meinen letzten Rundgang dort vom April 2019 zu verweisen: RE: Nürnberg (Galerie)

    Die Galerie ist wirklich sehr schön, die Du eingestellt hast. Ja, man kann sich daran erfreuen. Die gleiche "Masse" an Bildern bekomme ich aber auch, wenn ich durch Weißenburg spaziere oder durch Spalt.

    Man darf nicht vergessen, dass bis zur Zerstörung 1945 die Altstadt von Nürnberg die besterhaltene mittelalterliche deutsche Großstadt war mit dem riesigen Areal von 160 Hektar. Nürnberg hat anderthalb Jahrhunderte lang geradezu als Verkörperung der alten deutschen Stadt gegolten. Das Wort "Alt-Nürnberg" war ein Begriff für Generationen von Bildungreisenden - nicht anders als Florenz für Italien steht, als Variante der europäischen Kultur.

  • (1) Wiederherstellung der Dachlandschaft, (2) kleinteilige Parzellierung, (3) Wiederaufbau der wichtigsten Grossbauten,

    ad 1) trifft ohne Frage zu. Diese "Errungenschaft" wird aber auch von Däne relativiert - sind Fassaden nicht wichtiger? Man muss auch dazu sagen, dass die fränkischen Winter damals noch Zähne hatten und dass Flachdächer keine gute Idee gewesen wären.

    2) wurde nicht immer durchgezogen. Natürlich führte der Wiederaufbau mitunter zu einer drastischen Vergröberung und Vereinfachung der Parzellenstruktur. Aber natürlich kein Vergleich mit dem "Ostblock".

    3) Klar. Und auch gleich zu relativieren: eine ex nihilo Reko hat in N niemals stattgefunden. Keiner konnte mir dafür auch nur ein Beispiel nennen. Alle Großbauten sind von den Umfassungsmauern her über weite, entscheidende Teile "gestanden". Ein Abriss der St Sebaldusruine wäre denn doch ein Frevel gewesen. Dergleichen gab es in dieser Drastik allenfalls in der DDR.


    Sehr interessant auch dieses:

    Quote from BKN nach Däne

    a) Als kleinsten Nenner kann man wohl sagen, daß Nürnbergs Altstadt heute kein häßliches Stadtbild hat.

    b) Nürnberg - die Metropole der Mittelmäßigkeit. Paßt gut zu diversen Klischees, die die Franken über sich selber haben, und die Nürnberg aufgrund der perfekten Durchschnittsbevölkerung zum Mekka der Meinungsforscher machen.

    Zunächst: b) trifft völlig zu. Aber angesichts des norimbergischen Nimbus ist das alles andere als eine große Leistung. Eigentlich ist es niederschmetternd.

    zu a).

    Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Grundsätzlich könnte man es sich leicht machen: was ist zB die Steppe anderes als "hässlich"? Natürlich finden sich in der heutigen Nürnberger "Altstadt" Partien, die so "hässlich" sind wie nur irgendwo anders auch.

    Aber das ist nicht der Punkt. N. hat noch etwas wie einen Rest des Genius loci. Die vielen Türme und erhaltenen Einzelbauten bewahren einen Rest des kostbaren gotischen Stadtbildes, keine Frage. Meine Empfindung war jedoch, dass "das alles nur umso schlimmer macht". Das Auseinanderdriften zwischen dem noch ansatzweise zu erkennenden Anspruch und der trostlosen Realität schafft ein omnipräsentes Spannungsfeld, das sich regelmäßig in wüste Dissonanz auflöst. Nürnberg wird einem nicht so gleichgültig wie andere durch Geschichte und Nachlässigkeit heruntergekommene Städte.


    Hier hab ich mal ein Bild von Franka geklaut:


    4394-blick-auf-die-burg-jpg

    Ist das jetzt ein "schönes" oder "hässliches" Stadtbild?

    Feststeht: ohne Hintergrund könnte es einem gleichgültig sein. So ist es, gelinde gesagt, ein Ärgernis.


    Ich finde, die folgenden Zitate bringen es auf den Punkt, Gottseidank hat das jemand anderer geschrieben als ich. Vielleicht findet sich wer, der das als "abstoßend" oder "fanatisch" brandmarken will- und sich traut:

    Und nur dann kannst du das Unverständnis nachvollziehen, das wir hier haben, wenn jemand sagt, der Wiederaufbau von Nürnberg sei erfolgreich gewesen.
    Wenn man sich durch diese Galerie geklickt hat, begreift man erst, wie grotesk diese Behauptung ist; ja man meint danach förmlich, nur ein Wahnsinniger könne so etwas allen Ernstes äußern.

    Quote from demselben

    Von ungefähr 70% der Nürnberger Altstadt kann man gar keine schönen Fotos machen, weil sie zu 70% einfach abgrundtief häßlich ist.

    Und ich wiederhole gerne diesen "Käse", wie es ein Nürnbergkenner formuliert hat, der 2019 noch keinen Anstoß erregt hat:


    Überdies hat man die Ruinen der Sebaldusstadt großflächig zur Aufschüttung verwendet, wodurch irrsinnig viel Steinmaterial, aus dem man viele neue alte Fassaden wiedergewinnen hätte können, verloren gegangen ist. Wieviele Häuser hätte man auf diese Weise wiederrichten können, die damit sogar tatsächlich den Anspruch auf "Mittelalterlichkeit" erheben hätten können? N. war eben nicht nur Fachwerkstadt.

    Im übrigen kommt mir Nothors Erklärungsversuch sehr stringent vor, sofern das aus der Distanz beurteilbar erscheint.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • ursus carpaticus: Natürlich darfst du Nürnberg so häßlich finden, wie du willst, diesbezüglich diskutiere ich da auch gar nicht mehr. Ich frage mich nur, was triggert dich an "Nürnberg" so, daß du jedes Mal, mehrmals im und seit vielen Jahr(en), einen ellenlangen Sermon (das dauert doch mindestens eine halbe Stunde, einen solchen Text zu verfassen) wie auf S. 98 schreibst?

    Nicht der Inhalt, sondern die Art und Weise deines Verhaltens wirkt eigenartig fanatisch. Ich habe da eine Hypothese, aber die äußere ich jetzt mal nicht ...


    Zum Inhaltlichen: Natürlich ist es kein Trost, daß andere Städte noch viel häßlicher sind. Aber es ist dann doch zu berücksichtigen, daß es relativ (!) besser als woanders gelaufen ist. Den Idealzustand - komplette Rekonstruktion - gab es nach meinem Wissen in keiner schwer zerstörten Großstadt. Dennoch bleiben natürlich Verbesserungen erwünscht und notwendig. Z. B. einzelne Plätze umzugestalten und vor allem die Autos aus der Innenstadt weiter zu verbannen, halte ich für einen richtigen Weg.

    Die sehr große Nürnberger Innenstadt wirkt zum Glück noch sehr urban und fußgängerfreundlich, das ist ja auch schon mal etwas Positives!

  • Was soll das? Von welcher Welt ist hier die Rede?

    Quote

    Idealzustand totale Rekonstruktion

    Was hat das mit Nürnberg zu tun?

    Gibt es dort eine einzige (ex nihilo?)


    einen ellenlangen Sermon (das dauert doch mindestens eine halbe Stunde, einen solchen Text zu verfassen

    Ach, das schüttle ich mit Textbausteinen aus dem Ärmel.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Du hast wohl wenig Ahnung, wie die Schuttberäumung vor sich gegangen ist... Denkst du, man hat einfach die Ruinen noch ganz abgetragen und dann deren Schutt in Richtung Pegnitzufer verfrachtet? Mit allen unverbrannten Holzbalken und Eisenteilen drin? Und das bei allgemeiner Materialknappheit?? Und nebenan hat man bereits wieder Kirchen und Türme mit neuem Sandstein wiederaufgebaut?? Nach dem Aussortieren von brauchbaren Materialien blieb genug unverwertbarer Schutt übrig, mit dem der Uferbereich erhöht werden konnte.

  • ursus carpaticus: Ich frage mich nur, was triggert dich an "Nürnberg" so, daß du jedes Mal, mehrmals im und seit vielen Jahr(en), einen ellenlangen Sermon (das dauert doch mindestens eine halbe Stunde, einen solchen Text zu verfassen) wie auf S. 98 schreibst?

    Nicht der Inhalt, sondern die Art und Weise deines Verhaltens wirkt eigenartig fanatisch. Ich habe da eine Hypothese, aber die äußere ich jetzt mal nicht ...

    Mich triggert das Thema auch, aber ich reagiere anders. Bei mir sind es die Leserbriefe in der Lokalpresse oder in Social Media, wenn reflexartig auf bestimmte Motive, die oft auch geschickt gewählt wurden um Schokoladenseiten zu zeigen, das fränkische "Unser Nemberch is ja so schee" kommt. Da frag ich mich immer ob die Tomaten auf den Augen haben. Es ist nämlich nicht fertig, nicht gelungen, nicht perfekt. Für Lob also zu früh, oder zu spät, aber immer irgendwie unangebracht.

    Es ist dieses Selbstzufriedene, dieses Gefühl, wir haben in der Nachkriegszeit alles, naja das allermeiste richtig gemacht, davon können wir noch lange zehren, aber jetzt auf zu neuen Ufern, mit Volldampf in die Moderne. Dabei bekommen die meisten Besucher eher den Eindruck, dass der Wiederaufbau nicht ganz fertig geworden ist, viel schlimmer noch, die Dinge verfallen bereits durch energetische Modernisierung und sonstwelche Sanierungen schonwieder. Mir ist diese Nürnberger Haltung irgendwie fremd, ich wundere mich darüber und frage mich, ob man denn nicht mitbekommt was in anderen deutschen Städten passiert, und das erschwert mir die Identifikation mit dem Nürnberger Stadtbild erheblich.

    Und nochmal die Altstadtfreunde: Auf mein Architekturherz haben sie eine extrem versöhnliche Wirkung, klar können sie niemals die ganze Stadt retten - obwohl sie das wollten wenn sie dürften und könnten - aber Politik und auch Teile der Bevölkerung wollen das eben nunmal nicht. Nicht unwesentliche Teile der Nürnberger Bevölkerung will um keinen Preis ein mittelalterliches Stadtbild zurück, sondern man möchte gerne irgendwas, am Besten alles, was der Noris das Antlitz einer Weltstadt verpassen würde. Damit komme ich wieder zu meiner These: Ich denke dass es auch was mit Minderwertigkeitskomplexen und Kompensation zu tun hat, dass in Nürnberg der zweithöchste Fernsehturm Deutschlands steht, dass Nürnberg die kleinste Stadt mit vollwertigen U-Bahnsystem ist (das bis heute umstritten ist weil vielen zu groß, zu teuer), dass Nürnberg einen eigenen Airport betreibt, sich mit dem FSW auch eine Stadtautobahn zugelegt hat, die größte zusammenhängende Fußgängerzone Deutschlands hat, Tiergarten, Eissportstadien, usw. usf.... Die Diskussionen, die die Altstadtfreunde anstrengen, laufen hier regelmäßig heiß, und sie nehmen dabei oft die Rolle eines "Enfant terrible" ein, nein, die Altstadtfreunde verdienen wirklich keine Kritik, sondern ihre Widersacher in Politik, Verwaltung und v.a. fragwürdige Denkmalwissenschaftler.

  • ^Das erinnert mich an die Aussage eines Nürnbergers, die ich vor Jahren hörte: "Die Stadt muss endlich mal weg von ihrem Lebkuchen- und Butzenscheibenimage."


    @"Eduard". Ich errege mich ja auch gelegentlich über Kassel, wenngleich aus etwas anderen Gründen. Bei "ursus" glaube ich, dass es eine große Liebe ist. Eine große Liebe kann auch zu großer Verzweiflung und großem Hass führen.

  • ^Das erinnert mich an die Aussage eines Nürnbergers, die ich vor Jahren hörte: "Die Stadt muss endlich mal weg von ihrem Lebkuchen- und Butzenscheibenimage."

    Das bringt das Problem Nürnbergs gut auf den Punkt (Dank auch an Nothor für seine entsprechenden Ausführungen, die sich mit meinen Beobachtungen absolut decken und an die ich hier auch anschließe):
    Wenn Nürnberg nicht zerstört worden wäre, dann wäre eine solche Aussage nicht möglich. Denn dann wäre Nürnberg das, was für Italien Florenz oder Siena sind. Da würde ja keiner sagen: "Siena muss endlich weg von seinem Spätgotik-Image", denn Siena ist eben eine spätgotische Stadt und lebt auch davon.


    Nürnberg ist demgegenüber irgendwie "nicht Fisch und nicht Fleisch": eine ehemals bedeutende spätgotische Stadt, die auch bei vielen immer noch dieses "Image" hat, aber es nicht mehr ist bzw. die nur noch eine Erinnerung an die bedeutende spätgotische Stadt ist, die sie einmal war.

    Und das führt zu solchen Identitätskrisen, wie sie in der von Heimdall zitierten Aussage zum Ausdruck kommen: Man ist irgendwie noch Alt-Nürnberg und ist es gleichzeitig (auf eine sehr radikale Weise) nicht mehr, wird die Erinnerung daran, dass man es einmal war, auch nicht los. Und weiß deshalb auch nicht, wo man eigentlich hin will.

  • ^Das erinnert mich an die Aussage eines Nürnbergers, die ich vor Jahren hörte: "Die Stadt muss endlich mal weg von ihrem Lebkuchen- und Butzenscheibenimage."

    Und für Außenstehende bzw. Hinzugezogene ist diese Aussage vollkommen paradox. Denn das "Bratwurst- und Butzenscheiben-Image" , als Synonym für die spätmittelalterliche Großstadt ist doch das, was Nürnberg am Besten kann und was es absolut einzigartig macht. Das ist als würde ein Dresdner sagen "wir müssen endlich Schluss machen mit Semperoper und August-dem-Starken-Kult", oder ein Berliner, der sagt "Schluss mit Museumsinsel und Club-Kultur".


    Aber wenn man sich unterbewusst für die Mittelmäßig seiner Heimat schämt, dann wird das plötzlich nachvollziehbar. Ein Wiederaufbau, der sich unvollständig anfühlt und Besucher oft nicht überzeugt, aber tolle Hochhäuser wie in Frankfurt haben wir auch nicht, auch keine berühmte Club-Kultur, kein Oktoberfest, ach es ist zum verzweifeln... Als Zugereister habe ich einen ganz anderen Blick auf die Stadt und ihr gewaltiges Potenzial, und wundere mich dann das man es einfach liegen lässt, so nach dem Motto "naja, muss ja jetzt nun auch nicht sein", "zu teuer", "brauchen wir jetzt gerade nicht"...

  • Aus der Architektonischen Rundschau 1897, Wohnhaus Untere Wöhrdstraße 22 in Nürnberg (aus "Nürnberger Neubauten"). Mit dem "Chörlein" hat man ein vertrautes, lokaltypisches Nürnberger Motiv aufgegriffen. Im Übrigen wurde ohne allzuviel Aufwand ein charktervolles Gebäude geschaffen. Dieses Haus bildete mit seiner Umgebung ein gelungenes Ensemble. Warum bringt unsere Zeit so etwas nicht mehr zuwege? Vermutlich hat das Haus den Bombenterror des II. Weltkriegs nicht überstanden.



  • Quote

    Das ist als würde ein Dresdner sagen "wir müssen endlich Schluss machen mit Semperoper und August-dem-Starken-Kult", oder ein Berliner, der sagt "Schluss mit Museumsinsel und Club-Kultur".


    Bei der Bewerbung Dresdens zur Kulturhauptstadt 2025 haben Dresdens Kulturbürgermeisterin und Mitwirkende genau das versucht und sind krachend in der innerdeutschen Vorauswahl rausgeflogen. Diese Selbstverleugnung kann nur scheitern.

  • Gerade wegen dem „Bratwurst-Image“ würde ich lieber in Nürnberg leben als in Frankfurt mit dem „Bankenturm-Image“. Nürnberg hat sich seine lokale Eigenart bewahrt und nie versucht, eine ganz andere Stadt* zu werden. Das ist viel wert.


    *im Sinne eines „globalisierten“ Stadtbilds.

  • ...und nie versucht, eine ganz andere Stadt zu werden.

    Tja, es gibt aber einige, die sich das wünschen. Genau dem muss man selbstwusst und mit Heimatliebe entgegentreten. Wenn man echt mal genug hat von Bratwurst, Bierfest und Krautsalat, dann ist man einfach mal Urlaubsreif, danach gehts aber auch wieder.

  • Ich habe das vor einigen Monaten schon einmal breiter ausgeführt. In Nürnberg steht noch weitestgehend die Stadtmauer, die den innerstädtischen Kern einschließt. Man sieht die Mauer, die Türme und Tore, im Hintergrund die Burg, dazu noch einige Kirchtürme und erwartet dann eine Innenstadt, die wie Rothenburg ob der Tauber in groß aussieht. Das tut sie nicht und natürlich ist man deswegen enttäuscht. Mich regt auch manches auf, z. B. die großen Kästen, die an der Pegnitz auf dem Weg vom Lorenzer Platz zum Hauptmarkt stehen (Foto s. oben). Diese Gebäude muß doch wirklich jeder als störend wahrnehmen ...


    Jetzt kommt das Aber: Frankfurt als Gegenbeispiel, man könnte freilich auch andere Städte nehmen, soll vor dem Krieg die größte Anzahl an Fachwerkhäusern besessen haben. Heute erfreut man sich am Römer und der "neuen Altstadt", einem Areal, das vielleicht doppelt so groß ist wie der Handwerkerhof in Nürnberg. Gäbe es in Frankfurt eine Stadtmauer oder einen Ringpark (wie z. B. in Würzburg), dann sähe man, daß ein sehr, sehr großer Teil der ehemaligen Altstadt einfach überhaupt nicht mehr zu erkennen ist. Und da schneidet Nürnberg bei allen Mittelmäßigkeiten gar nicht schlecht ab.


    Ich mag auch das betont provinzielle Bratwurst-, Bier- und Lebkuchenimage.

  • Eduard, du hast vollkommen recht: In anderen Städten, sei es Frankfurt, Kassel oder Köln, befindet man sich heute einfach in modernen Städten. Es gibt hier zwar einige historische Gebäude, evtl. auch - wie in Frankfurt - ein paar wiederaufgebaute historische Ensembles, aber das mittelalterliche Flair ist dort vollkommen verloren gegangen, man spürt es an keiner Stelle - und vermisst es daher auch nicht. Man kann diese Städte einfach schön oder hässlich finden, sie sind eben, wie sie sind.

    In Nürnberg ist das aber anders, Wie du schreibst, geht man durch die historische Stadtbefestigung, sieht die Burg, die mittelalterlichen Großbauten, sieht hier und da historische Gebäude und kann sich ganz genau ausmalen, wie das Ganze bis zum 2. Weltkrieg ausgesehen haben muss: eine riesige, pittoreske, mittelalterliche Großstadt, wie es sie in dieser Form nirgendwo sonst gegeben hat.

    Gerade WEIL der Wiederaufbau einiges richtig gemacht hat - den weitgehenden Erhalt des alten Stadtgrundrisses, die Widerherstellung der Dachlandschaft, die Wiederherstellung wichtiger Großbauten - ist der mittelalterliche Charakter der Stadt zumindest in den Grundzügen erhalten geblieben und lässt den Besucher auf Schritt und Tritt die ehemalige Großartigkeit erahnen. Ich glaube, das ist es, was Ursus auch so stört an Nürnberg: der Phantomschmerz des Verlustes ist nirgendwo so groß wie hier.

    Wäre Nürnberg wieder aufgebaut worden wie Hannover, Pforzheim oder Kassel und es würden nur noch die Burg, die großen Kirchen und ein paar Stadttore stehen, dann wäre das wohl weitaus weniger der Fall. Das heißt, der im Ansatz eigentlich passable und sicher auch gut gemeinte Wiederaufbau Nürnbergs schafft das größte Problem: er zeigt überdeutlich, was alles verloren gegangen ist.

    Die Frage ist, wie man dieses Dilemma abmildern kann. Ich halte Nürnberg immer noch für eine schöne Stadt, aber es fehlen einfach die geschlossenen historischen Ensembles. Ich denke, wenn man in dieser Hinsicht eine Verbesserung erzielen würde, wäre schon viel gewonnen, etwa am Hauptmarkt, am Tiergärtnertor, unterhalb der Burg am Ölberg und der Burgstraße und in der Königstraße zwischen Pegnitz und Lorenzkirche.

  • Allerdings ist für mich der Verlustschmerz bei Städten wie Dresden oder Magdeburg sehr viel größer als bei Nürnberg, denn dort gibt es weiträumig gar keine Bezüge zur historischen Stadt mehr, da wurde einfach alles restlos beseitigt.

    In dubio pro reko

  • Verlustschmerzen gibt es beim Ansehen von Hamburg, Köln, Berlin Kreuzberg, Kassel, Mannheim, Magdeburg und Johannstadt & Pirnaïsche Stadt in Dresden, die 7 am schwersten zerstörten Städten Deutschlands. Die nachkriegs Tabula Rasa hat weitweg die meisten Schaden verursacht. Vieles hätte gerettet werden können wenn nicht bestimmt alle traditionelle Bauten oder Schmuck mit Deutscher Präzision entfernt wurde.

  • Ich sehe die Sache so. Es gibt verschiedene Altstadtschicksale. 1. Einige der schönsten deutschen Altstädte sind trotz gravierenden Kriegsverluste im Wesentlichen doch erhalten: Soest, Trier, Lübeck, Augsburg, Freiburg, Minden


    2. Es gibt andere wichtige Städte die immer noch als historische Stadtbilder erlebbar sind: Ulm, Mainz, Koblenz, Rostock, Leipzig, München, Hamburg, Potsdam, Aschaffenburg, Bonn, Aachen, Bremen, und, als ungewöhnliche Wiederaufbauleistung, vielleicht auch Münster. Durch die jetzt laufenden Stadtreparatur um den Altmarkt bewegt sich Potsdam von Liste 2 nach oben in die Liste 1.


    Und dann kommen wir zu den schlimmsten, unersetzlichen Verlusten, den verlorenen Stadtbildern vom Weltrang. Dresden, Hildesheim, Nürnberg, Frankfurt, Braunschweig, Würzburg, Halberstadt, Magdeburg wären meine "top" 8. Abgesehen von Magdeburg, sind m. E. keine von diesen 8 aber gänzlich verloren. Dresden hat ja sein barockes Herz wiedergewonnen, Halberstadt besitzt noch eine erhebliche Anzahl von bedeutenden Fachwerkhäusern, Hildesheim hat den Markt wieder, Braunschweig seine wichtigsten Plätze, Würzburg und Nürnberg die grossartigen Dachlandschaften und Panoramen. Frankfurt hat immerhin echtes Weltstadtflair, den Mainufer, und die kleine neue "Altstadt" als Reminiszenz. Ausserdem besitzen alle 8 Städte Bauwerke oder Kunstsammlungen von Weltrang. (Berlin ist, natürlich, ein Kapitel für sich.)


    Ich finde, daß das was Querido über Phantomschmerz schreibt gut zu allen diesen "Grossen Acht" passen würde. Gerade deswegen sind Verbesserungen in diesen 8 Städten so wichtig. Leider scheint mir ausgerechnet in Nürnberg die Entwicklung heutzutage genau in die falsche Richtung zu gehen. Mit einem Anbau von Erkern und einem Wiederaufbau des Pellerhauses wäre doch so viel gewonnen mit verhältnismässig wenigem Aufwand. Um den Markt allerdings wären ein paar Abrisse erforderlich...


    Mich würde es übrigens interessieren, welche Städte ihr auf eure persönlichen Schmerzlisten setzen würdet!

  • Mich als Stuttgarter schmerzt verständlicherweise am meisten der Zustand meiner Heimatstadt. Die einstige Altstadt gibt es nicht mehr, dafür eine große Zahl von Nachkriegsbausünden. Am schlimmsten finde ich den Marktplatz, ich will gar nicht wissen was Touristen darüber denken. Das hässliche Rathaus, die primitiven Häuser mit Flachdächern. Also aus Stuttgarter Perspektive ist die harsche Kritik an Nürnbergs Wiederaufbau jedenfalls nicht nachvollziehbar. Es ist eben alles relativ.