• Dafur schmerzt Nurnberg desto mehr weil die Stadt halt mit Dresden die grosstädtische Highlight waren und wäre unzerstört wirklich eine Besuchermagnet. Dresden bietet immer noch seine Kunstschätzen und Prunkbauten aber Nurnberg fehlt halt die einzigartige Ensemble. Ich wohnte ja selbst uber ein Jahr bei Hans-Sachs Platz und fand die Stadt mittelmässig am besten und oft nur depremierend. Ich verstehe dein Gefuhl deswegen.


    Deswegen war ich immer Unterwegs und fast nie in Nurnberg. Ich wechselte sogar Studiumort zu Erlangen weil die Hochschulgebäuden in Nurnberg so depremierend waren. Fur mich waren alle andere schöne Orten in Bayern ein trost fur mich


    Und ich konnte nie nachvollziehen (und kann es heute noch nicht), dass so viele Nürnberger, die ich traf, das Nürnberg der Gegenwart so schön fanden und finden.


    Manchmal heisst es: OK, ein wenig provinziell aber doch angenehm, eine der schönsten Grosstädte Deutschlands. Was durch den Krieg verloren ging, scheint der grossen Mehrheit der Nürnberger gar nicht bewusst. Und das finde ich schon traurig.

    "Wenn wir die ehemalige Schönheit der Stadt mit der heutigen Gemeinheit verrechnen, kommen wir, so die Bilanz, aufs direkteste in den Schwachsinn." (E.H.)

  • Und ich konnte nie nachvollziehen (und kann es heute noch nicht), dass so viele Nürnberger, die ich traf, das Nürnberg der Gegenwart so schön fanden und finden.


    Manchmal heisst es: OK, ein wenig provinziell aber doch angenehm, eine der schönsten Grosstädte Deutschlands. Was durch den Krieg verloren ging, scheint der grossen Mehrheit der Nürnberger gar nicht bewusst. Und das finde ich schon traurig.

    Ich denke, beides ist richtig: Es ging unendlich viel verloren, dennoch ist Nürnberg heute eine der schönsten / am wenigsten brutalen bundesdeutschen Großstädte (größer als 300. - 400.000 Einwohner). Das alte Lied und Leid ...

  • Es gibt in Nürnberg besonders viele der "Wirtschaftswunderromantiker", für sie ist Nürnberg und sein oft als vorbildhaft geltender Wiederaufbau der Altstadt eben ein gebautes Wirtschaftswunder. Und so ist auch die Aufstockung des ESW-Wohnhauses am Hans-Sachs-Platz zu verstehen. Es steht wie die gesamte Altstadt unter Ensembleschutz. Deshalb war die Vorgabe des Denkmalschutzes eben jene, dass die Aufstockung am Ende quasi nicht sichtbar sein darf, und Fassade wie Dachlandschaft den Charakter der Wiederaufbauzeit haben müssen. An eine Rekonstruktion von etwas aus der Vorkriegszeit wurde keine einzige Sekunde gedacht.


    Wenn man sich mit "Wirtschaftswunderromantikern" unterhält bekommt man auch stark den Eindruck, dass die vom Alten Nürnberg auch wenig gehalten haben. Es sei bereits vor der Zerstörung marode (wie man hier zu fast allem sagt, was man loswerden möchte) gewesen, kleinteilig, dunkel, unhygienisch usw. Nur noch eine romantische Kulisse, bei der niemand hinter die Mauern und Türen hätte gucken wollen. Erst der Wiederaufbau der Wirtschaftswunderzeit hat allen fließendes Wasser, Tageslicht und Luft gebracht.


    Das war jetzt etwas überspitzt, aber ich, der ich in Nürnberg nicht aufgewachsen bin und auch mit dem Begriff des Wirtschaftswunders emotional nicht viel anfangen kann - für mich ist das eher ein mit viel Geld bezahltes Erziehungsprogramm der westlichen Wertegemeinschaft gewesen - sehe das wiederaufgebaute Nürnberg auch eher kritisch. Ein paar mehr Rekonstruktionen auch zu Lasten einiger Nachkriegsbauten würden dem Altstadtgefühl stark weiterhelfen.


    Am Hans-Sachs-Platz gibt es aber auch eine ganz andere Bausünde die weg gehört, und das ist nicht das ESW-Wohnhaus.

  • Andererseits kommt mir die Nürnberger Altstadt auf alten Bildern eher ärmlich vor, vor allem in Bezug auf die Fassaden, mit Ausnahme der bekannten Bauten. Insofern ist es doch glücklich, dass nicht Bamberg zerstört wurde, da die Gebäude hier wesentlich aufwändiger wirken.

    Das kommt nicht von ungefaehr. Die Stadt hat schon im Mittelalter das aufwaendige Gestalten von Privathaeusern untersagt.

    Es gab Faelle, wo Eigentuemer von 500 Jahren schon Strafe zahlen oder die Pracht zurueckbauen mussten. Die Handwerker wurden ebenfalls bestraft. So soll es um das verhindern von Neid gegangen sein.

  • Also ich finde die Fassaden der Nürnberger Bürgerhäuser des Mittelalters und der Renaissance nicht unaufwändig und schon gar nicht ärmlich. Ist halt keine Stadt katholischen Barocks wie Bamberg.

  • Ich denke, beides ist richtig: Es ging unendlich viel verloren, dennoch ist Nürnberg heute eine der schönsten / am wenigsten brutalen bundesdeutschen Großstädte (größer als 300. - 400.000 Einwohner). Das alte Lied und Leid ...

    Freilich hätte der Nürnberger Wiederaufbau viel besser sein können. Aber, verglichen mit anderen Großstädten die ähnlich schlimm zerstört waren (d.h. mindestens 85%) schneidet Nürnberg nicht so schlecht ab. Die bedeutenden mittelalterlichen Kirchen, mit ihren unvergleichbaren Kunstschätzen, sind musterhaft wiederaufgebaut worden, wie auch die ganze Stadtmauer und Burganlage. Vor allem finde ich die Dachlandschaft der nordwestlichen Altstadt, wie vor dem Krieg, unvergleichlich schön.


    In Nürnberg gab es kein so grosses unzerstörtes Viertel wie etwa die südliche Altstadt von Mainz, die drei erhaltenen Viertel in Ulm, oder die Zentren von Aachen und Koblenz, Es gibt immerhin noch viele große und bedeutende Häuser und Ensembles zu entdecken.


    Sehr zu empfehlen, wie alle seine Bücher, ist Nürnberg Die Historische Altstadt, von Pablo de la Riestra! Trotz allem Lob für das erhaltene Erbe, bespricht er auch etliche Bausünden darin.


    Wenn die Pellerhaus Fassade jetzt doch wiederaufgebaut werden würde, wäre auch damit der Aegidienplatz wiedergewonnen. Das Toplerhaus würde das Burgviertel sehr bereichern. Also gibt es noch einiges zu tun...

  • (...)


    Am Hans-Sachs-Platz gibt es aber auch eine ganz andere Bausünde die weg gehört, und das ist nicht das ESW-Wohnhaus.

    Hm, welches Haus könnte das wohl sein? Die die Südseite flankierende, in der Außenform rekonstruierte Heilig-Geist-Kirche? Die passt auf jeden Fall nicht sehr gut in die Fünfzigerjahre-Altstadt, das stimmt...:rolleyes:


    Ansonsten steht ja an der Westseite das Bankgebäude von Kappler und Schlegtental, mithin der "würdige Schlussstein für den Wiederaufbau im Herzen der Altstadt" und die "erstklassige Visitenkarte für Nürnberg". Steht sicher auch unter Denkmalschutz, oder? So ein bezaubernder, prunkvoller Bau, der sich so harmonisch in die Altstadt einfügt und doch die so geliebten Kontraste setzt. rant:)

    https://www.nordbayern.de/regi…t-im-alten-bild-1.7083187

    Edited once, last by Rothenstein: Himmelsrichtung editiert: Das Bankgebäude steht an der Westseite des Hans-Sachs-Platzes, nicht an seiner Ostseite ().

  • Die bedeutenden mittelalterlichen Kirchen, mit ihren unvergleichbaren Kunstschätzen, sind musterhaft wiederaufgebaut worden, wie auch die ganze Stadtmauer und Burganlage. Vor allem finde ich die Dachlandschaft der nordwestlichen Altstadt, wie vor dem Krieg, unvergleichlich schön.

    Ich habe mich damit noch nicht im einzelnen beschäftigt, aber zumindest die Katharinenkirche wurde nicht wieder aufgebaut. Sie steht heute noch als Ruine in einem Areal, das wie eine städtebauliche Brache wirkt. Das ist aber wohl so gewollt; Nürnberg soll eben Brüche haben, zum Gedenken mahnen, und seine Bewohner mit Kontrasten, Ruinen und Wüsteneien strafen.


    Es stimmt, dass man Nürnberg so fotografieren kann, dass die Dachlandschaft sehr beeindruckend wirkt. Man muss sich aber schon bemühen, den richtigen Winkel zu finden, um Bausünden auszublenden. Und von den Straßen aus gesehen, wird schnell klar, dass viele Gebäude, die noch ein halbwegs ansehnliches Dach haben, unansehnliche, disproportionierte, banale, spießige Fassaden verfügen, die so überhaupt kein Altstadtgefühl entstehen lassen.

  • Es gibt in Nürnberg besonders viele der "Wirtschaftswunderromantiker", für sie ist Nürnberg und sein oft als vorbildhaft geltender Wiederaufbau der Altstadt eben ein gebautes Wirtschaftswunder. Und so ist auch die Aufstockung des ESW-Wohnhauses am Hans-Sachs-Platz zu verstehen. Es steht wie die gesamte Altstadt unter Ensembleschutz. Deshalb war die Vorgabe des Denkmalschutzes eben jene, dass die Aufstockung am Ende quasi nicht sichtbar sein darf, und Fassade wie Dachlandschaft den Charakter der Wiederaufbauzeit haben müssen. An eine Rekonstruktion von etwas aus der Vorkriegszeit wurde keine einzige Sekunde gedacht.

    Danke, sehr informativ. Das unterstützt immer mehr meinen Eindruck, dass es nicht so sehr am Können, sondern am Wollen liegt. Ich weiß jetzt aber nicht, ob ich das positiv werten soll, denn möglicherweise ist es noch schwieriger, Beton und Spinnereien im Hirn als in unseren Altstädten zu bekämpfen.

  • Ich denke, beides ist richtig: Es ging unendlich viel verloren, dennoch ist Nürnberg heute eine der schönsten / am wenigsten brutalen bundesdeutschen Großstädte (größer als 300. - 400.000 Einwohner). Das alte Lied und Leid ...

    Sehe ich nicht so. Habe mehrere Jahre in Nürnberg gewohnt und finde, dass München um ein Vielfaches schöner ist und weit mehr (historische) Sehenswürdigkeiten zu bieten hat.

  • @ Bostonian, ich stimme dir vollkommen zu.


    @ nothor, der Hans-Sachs-Platz ist freilich belangloser Wiederaufbaustil. Hast du ernsthaft geglaubt, es wird hier einfach mal aus Freude an der Ästhetik ein Vorkriegsgebäude vom Eigentümer rekonstruiert?


    @ Königsbau, kannst du ja so sehen. Genauso verstehe ich, wenn jemand statt München Leipzig oder Dresden (in seiner Struktur das genaue Gegenteil von N) nennt. Ich bleibe bei meiner Aussage: "Eine der schönsten / am wenigsten brutalen" bundesdeutschen Großstädte.


    Das Thema wurde hier schon hundert Mal in den letzten Jahren durchgekaut. Ich glaube, ein entscheidender Faktor ist die Wahrnehmung. Zum Vergleich: Frankfurt am Main (es könnten auch andere historisch einst mal bedeutende Städte hier genannt werden) soll vor dem Krieg die Stadt in D mit den meisten Fachwerkhäusern gewesen sein. In Nürnberg erkennt man anhand der Stadtmauer das Gebiet der (ehemaligen) Altstadt. Hinzu kommt in diesem Areal ein überwiegend kleinteiliger, meist schlichter Aufbau, der einen erahnen lässt, wie es hier mal früher gewesen und wie es durch entsprechende Verbesserungen wieder sein könnte. Vielleicht kommt daher bei manch einem die Enttäuschung, da noch ein Fühlen der ehemaligen Größe möglich ist.

    In Frankfurt hingegen sind große Teile der ehemaligen Altstadt überhaupt nicht mehr als solche zu erahnen oder zu fühlen. Um es mal medizinisch-brutal auszudrücken: Vielleicht schmerzt der Phantomschmerz einer Teil-Amputation mehr als der Tod vor 75 Jahren. Dennoch ist der erstere Zustand wohl zu bevorzugen.

  • Man könnte sogar soweit gehen und konstatieren, dass das Vorkriegs-Nürnberg in all seiner handwerklichen Einfachheit seine passende Fortsetzung nach dem Wiederaufbau gefunden hat.


    Wie ich letztens in Frankfurt a/M war und dort vom Hauptbahnhof eine etwas wirre strecke Richtung Römer zu Fuß zurücklegte haben mich tatsächlich am meisten die Geschäftshäuser der Wiederaufbauzeit nach dem 2. WK überrascht. Sie haben nahezu alle durchweg ansehnliche Kunst am bau vorzuweisen. Sachen, die in Nürnberg viel bescheidener ausgefallen sind oder mittlerweile aufgrund von Sanierungen ganz verschwunden sind. Selbst Frankfurt a/M ist was die Qualität des Wiederaufbaus anbelangt Nürnberg überlegen. Zumindest in den Details, an den Gebäuden. getzt weiß ich nicht welchen Stellenwert die Architektur dieser Zeit in Frankfurt hat, wahrscheinlich einen Höheren als die Architektur der 1970'er bis 1990'er, soweit es keine Wolkenkratzer sind.


    So wie es vor dem Krieg überall prächtigere Häuser gab als in Nürnberg ist es auch im Wiederaufbau passiert. Nürnberg lebt also von seinem Gesamtbild, und das ist leider nicht mehr stimmig. Erstens, weil es nach dem Krieg zu wenige Rekonstruktionen gab, aus denen der Fußgänger ein Erlebnis ziehen könnte, aber auch zweitens, weil man die Architektur der Wiederaufbaujahre nicht konsequent durchgezogen hat und ihre Leitlinien ab den 1970'ern aufgab. Gut zu sehen am Hans-Sachs-Platz mit dem Bankgebäude, das übrigens an der westlichen Platzkante liegt. Ein Kasten in Blech verkleidet, ohne Dach und einen ganzen Häuserblock einnehmend.... So kann das natürlich nicht funktionieren. Anstatt das als Fehler zu erkennen wurde das mit dem Bau der Uni im Nordosten der Altstadt, der Scharrer-Schule im Norden und der Stadtbibliothek im Osten der Altstadt fortgesetzt. Folglich verliert die Altstadt immer mehr an Identität. Ich würde mich schon freuen wenn man diese Objekte beseitigen würde.

  • Das kommt nicht von ungefaehr. Die Stadt hat schon im Mittelalter das aufwaendige Gestalten von Privathaeusern untersagt.

    Es gab Faelle, wo Eigentuemer von 500 Jahren schon Strafe zahlen oder die Pracht zurueckbauen mussten. Die Handwerker wurden ebenfalls bestraft. So soll es um das verhindern von Neid gegangen sein.

    Nürnberg war die Stadt der Innenhöfe! Da Prachtentfaltung nach außen, wie Bohnenstange richtig schreibt, verboten war, entfalteten die es sich leisten konnten die Pracht in den wundervollen Innenhöfen. Sie sind nach meinem Empfinden der größte Verlust. Die Welt der Innenhöfe muss einmalig schön gewesen sein. Der schönste für mich war Radbrunnengasse 8


    Da die Außenfassaden aber keineswegs ärmlich oder billig waren - Schmuck durch Erker und Chörlein war erlaubt und dazu die wirkungsvollen Speicherdächer mit ihren vielen Gauben die Fassaden abrundeten, entstand dieses kostbare Straßenbild, das an Harmonie von kaum einer weiteren Stadt in Deutschland erreicht wurde. Heute nur noch in der Weißgerbergasse und in einigen Resten nachvollziehbar. Pellerhaus und Toplerhaus wären unglaubliche Abrundungen.


    Dennoch hat der schlichte Wiederaufbau im Zusammenklang mit den kostbaren wiederaufgebauten oder rekonstruierten Wunderbauten für mich einen großen Reiz,


    Und die Kirchen sind jedesmal ein Erlebnis.

    Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,

    Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘,

    Und verstehe die Freiheit,


    Aufzubrechen, wohin er will.


    Hölderlin

  • mit den kostbaren wiederaufgebauten oder rekonstruierten Wunderbauten

    Was ist unter " kostbare rekonstruierte" Wunderbauten zu verstehen? Pellerhausfassade? Toplerhaus? Stadtgartenamt? Bratwurstglöcklein? Viatishaus? Grolandhaus? Eckhaus Hauptmarkt? Oder einfach nur EIN Bürgerhaus?

    Bitte dringend um Information. Mir fällt da nämlich nichts ein.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Was ist unter " kostbare rekonstruierte" Wunderbauten zu verstehen? Pellerhausfassade? Toplerhaus? Stadtgartenamt? Bratwurstglöcklein? Viatishaus? Grolandhaus? Eckhaus Hauptmarkt? Oder einfach nur EIN Bürgerhaus?

    Bitte dringend um Information. Mir fällt da nämlich nichts ein.

    Hallo mein ursus carpaticus! Hab ich Dir schon einmal gesagt, dass ich Dich lieb habe?

    Ich mach jetzt einen Fencheltee. Kanst auch`ne Tasse haben!

  • Woher kommt eigentlich dieser fast religiöse Eifer, wenn es um das Niederschreiben Nürnbergs geht? Ich will gar nicht bestreiten, dass es da einige Ärgerlichkeiten gegeben hat beim Wiederaufbau, aber nicht einmal über Dortmund oder Braunschweig liest man hier derart lustvolle Verrisse. Ist das Eure seltsame Art, zu trauern um das alte Nürnberg?


    Mein Eindruck von einem Besuch letztes Jahr und von einem Besuch meiner Schwester war nämlich ein ganz anderer: Das Gebiet der westlichen/nordwestlichen Altstadt macht einen verdammt guten Eindruck, auch wenn vieles Wiederaufbau ist, ich würde behaupten, so etwas gibt es in keiner anderen deutschen, vergleichbar großen Stadt. Nun kann man natürlich auf Leipzig oder Münschen abheben, die besser erhalten und im Falle Münchens besser wieder aufgebaut wurden, aber der Charakter dieser Städte war natürlich ein völlig anderer, schon vor dem Krieg und sie waren deutlich weniger zerstört.


    Mir geht es gar nicht um berechtigte Kritik, von mir aus war der Wiederaufbau Nürnbergs katastrophal schlecht. Wenn ich mir ähnlich flächig zerstörte deutsche Großstädte ankucke, komme ich trotzdem nicht umhin, zu sagen, dass Nürnberg alles in allem eine schöne Stadt geblieben ist. Woher kommt also diese Konzentration auf Nürnberg, wenn mir mindestens 20 Beispiele für deutlich schlechter/lustloser/brutaler wiederaufgebaute Städte einfielen?

  • Ich Denke das Problem Nürnbergs ist , das vor dem Krieg vieles individuelles Fachwerk war , dieses ist restlos Niedergebrannt(weil es durch Feuer anfälliger für die völlige Zerstörung ist als nur Steinbauten) , der Ersatz ist nicht so individuell gelungen wie das vor dem Krieg der Fall war , das Liebliche Flair ist verloren und lässt sich nur durch Partielle Rekonstruktion bzw. teilweisen Rückbau beseitigen. Bei manchen Straßen könnte man Denken das es beim Wiederaufbau den genormten Alt - Nürnberg - Haus - typen gab , der vielfach über das geschädigte Stadtgebiet verstreut und nur partiell hier und dort verändert wurde.

  • Die Kritik mag auch daher rühren, dass die Rekonstruktionsbemühungen der Nachkriegszeit einige wesentliche Architekturikonen links liegen ließen. Toplerhaus, Pellerhaus etc. fehlen halt heute immernoch. Gerade beim Pellerhaus, das ja im Nachkriegsbau weiterlebt, bleibt dieser Schmerz und diese Sehnucht erhalten, und wird vor Ort augenscheinlich. Und jeder wird durch diesen eigentlich unnötigen Kontrast aus brutaler 50'er-Jahre Überformung und erhaltenen Resten des Originals dazu gezwungen sich zu entscheiden. Und da kann der Wiederaufbau halt oft nicht punkten. Ich glaube das wird oft auf jedes klitzekleine Wohnhaus in der Altstadt projiziert, oft ohne zu wissen, was dort vorher eigentlich genau war.


    Kurz: Die Reko des Pellerhauses würde den Wiederaufbau der Altstadt als Ganzes deutlich nach vorne bringen und wesentlich befriedigender machen.

  • Um mal zu illustrieren wo wir bei der Aufstockung des ESW-Gebäudes am Hans-Sachs-Platz angefangen haben:


    esw_hsplatzv14ckyb.jpg


    esw_hsplatzv2jykzc.jpg

    Quelle: Evangelisches Siedlungswerk, Vorlage beim Baukunstbeirat der Stadt Nürnberg, 12.05.2016


    Diese ersten Entwürfe fanden wohl zunächst Zustimmung bei den Juroren und der Stadt, das Bild hat sich erst gewendet als die Altstadtfreunde auf die Schwächen der Entwürfe hingewiesen hatten. Allen voran dieser vollkommen unnötige Kontrast zwischen den bestehenden Bauteilen des 1950'er Jahre-Hauses und den neu gebauten Teilen. Es brauchte also wieder einmal den Widerspruch u.a. der Altstadtfreunde, um die Damen und Herren Architekten zur Vernunft zu bringen.


    Und das zeigt ganz deutlich wo wir in Nürnberg stehen: Nichteinmal das nach dem Krieg geleistete findet gestalterische Wertschätzung und Anerkennung, sondern soll regelmäßig durch modernistische An-, Um- und Aufbauten erkennbar in die Zukunft transferiert werden. Das Ergebnis freilich wäre ein unappetitlicher Architektursalat.

    Deshalb finde ich ist es wichtig, auch der Nachkriegsarchitektur eine gewisse Anerkennung entgegen zu bringen, denn schnell ist es schlecht geredet, und Architekten und Verwaltung träumen dann von etwas ganz neuem, einem Glasturm, einem Hubschrauberlandeplatz, einen begrünten Hochhaus oder sonstwas (alles schon mal dagewesen!). Das Gefüge der Nürnberger Altstadtarchitektur ist nach meinem dafürhalten extrem fragil, da die 1950'er auch so wenig sympathisch sind.