• 1. Welche Kommune in Deutschland hat private Besitzer dazu angehalten, zerstörte Gebäude zu rekonstruieren? Mir wäre keine bekannt.

    Meistens war es das Gegenteil: Die Kommunen haben alles dafür getan, dass eben nicht rekonstruiert wurde. Die Ideologen haben die Auflockerung der Städte begrüßt und wollten sich bewusst von der alten, europäischen Stadt abgrenzen, ja, sie mutwillig zerstören.


    Dabei muss man sich die Absurdität und den Aufwand klarmachen: Eigentlich wäre es doch naheliegend gewesen, die Städte unter Respektierung des alten Straßengrundrisses und der alten Parzellen wiederaufzubauen. Denn dies hätte eine Nutzung der nicht oder nur teilzerstörten Häuser sowie auch der durchaus noch vorhandenen Infrastruktur, beispielsweise von Wasserleitungen, ermöglicht. Auch wäre es rechtlich am einfachsten gewesen, weil die alte Eigentümerstruktur beibehalten worden wäre.


    Stattdessen hat man unter großem Planungsaufwand Parzellen verändert und zusammengelegt und teilweise ganze Straßen verlegt, was Enteignungen, den Bau neuer Infrastruktur und den Abriss von teilweise nur leicht oder gar nicht beschädigten Häusern erforderlich machte.


    Es gibt Beispiele, wo die Stadtverwaltung privaten Eigentümern geradezu verboten hat zu rekonstruieren, und ihnen Auflagen gemacht hat, die dazu gedacht waren, den Wiederaufbau eben gerade nicht historisch getreu durchzusetzen.


    Ich glaube auch nicht, um konkret auf Nürnberg zurückzukommen, dass die östliche Sebalder Altstadt in ihrer unvergleichlichen Banalität ein Zufallsprodukt ist, oder Ausdruck des zufällig gleichen Willens vieler verschiedener Eigentümer. Nein, hier wollte man ein Exempel statuieren und hat von oben herab durchgesetzt, wie die Häuser wiederaufzubauen sind, eben in dieser spießigen Banalität in Form einer vorstädtischen Mietskasernensiedlung, wie wir sie heute kennen.

  • Meistens war es das Gegenteil: Die Kommunen haben alles dafür getan, dass eben nicht rekonstruiert wurde. Die Ideologen haben die Auflockerung der Städte begrüßt und wollten sich bewusst von der alten, europäischen Stadt abgrenzen, ja, sie mutwillig zerstören.

    Das mag schon sein, allerdings wollten auch die vormaligen Bewohner häufig nicht mehr in die Strukturen der alten Häuser zurück. Das Interesse am Bau von Mietshäusern in der Altstadt ließ auch in den 1960er Jahren deutlich nach (die Vorstädte wurden dank Auto und Wirtschaftsaufschwung attraktiver) und evtl. wollte man durch Zugeständnisse an Investoren etwas nachhelfen.


    Es wurde hier schon erwähnt, aber auch ich kenne die Geschichten von älteren Nürnbergern. Gut kann ich mich an ein langes Gespräch mit einer alten Frau erinnern, die die Bombardierungen der Altstadt miterlebt hat und die damals etwa Anfang 20 war.
    Eine meiner Fragen: War es nach dem Krieg nicht furchtbar, das ganze alte Stadtbild verloren zu haben? Ihre Antwort: Nein, den heute sei doch alles noch viel schöner als damals. Es gäbe mehr Licht, viel grün, es wäre sauberer, es gäbe mehr Platz und weniger Ungeziefer. Das Leben wäre so viel komfortabler in den neuen Häusern...
    Das war die Sicht einer Frau die sich nicht für Architektur interessiert hat, sondern lediglich die Lebensqualität vor der Zerstörung mit der des Wiederaufbaus verglich.


    Das soll nun hier nicht verstanden werden als Plädoyer für oder gegen Qualitäten des Wiederaufbaus, sondern nur die Sicht von Menschen darstellen, die diese Zeit erlebt und geprägt haben.


    Bezüglich der räumlichen Eingrenzung in Nürnberg für Rekos, Vorschlag Rothenstein:
    Ja, das ist sicher einer der vielversprechendsten Teile. Politisch wäre da auch so manches drin wenn man gewisse Themen geschickt verknüpfen würde. Zum Beispiel die Erlaubnis zur Bebauung von Garagenhöfen mit Wohnungen bei Einhaltung von strengen Regeln bezüglich Straßenfassaden...


    d.

  • Was den Wiederaufbau der Sebalder Steppe angeht, so hat der Stadtrat diesen natürlich stark beeinflusst. So gab es die Vorgabe seitens des Stadtrates, keine traditionellen Steildächer zu bauen, sondern ahistorisch flache Satteldächer mit einer Neigung von 43°. Ich bin mir sicher, dass es noch zahlreiche andere Vorgaben gab, um zu verhindern, dass die Altstadt traditionsgetreu wieder aufgebaut werden konnte.


    Das Ergebnis, das wir heute sehen, ist gewollt. Es ist kein Produkt des Zufalls, ja, nicht einmal ein Produkt der Not. Es ist Ausfluss einer Ideologie, Ausfluss des Willens, sich bewusst von der traditionellen Stadt abzugrenzen.


    In Rothenburg ob der Tauber muss es genau anders herum gelaufen sein. Die Stadt war zwar weniger schwer als Nürnberg zerstört, trotzdem gab es östlich des Marktplatzes ein großes Gebiet, das fast komplett vernichtet war. Heute merkt man davon an vielen Stellen nichts mehr, wenn man nicht Fachkenntnisse besitzt.

  • Welche Kommune in Deutschland hat private Besitzer dazu angehalten, zerstörte Gebäude zu rekonstruieren? Mir wäre keine bekannt.

    Das von Rothenstein schon erwähnte Rothenburg. Ebenso beispielsweise Freudenstadt, wo allerdings die Bewohner selbst das teilweise gegen den Willen der Lokalpolitiker durchgesetzt haben. Es ist also keineswegs so, dass es die Bewohner gewesen wären, die den Verzicht auf die Rekonstruktion der Altstädte gewollt hätten. In der Regel war es umgekehrt: die Bürger wollten es und die Politik hat sie daran gehindert. So ja auch beispielsweise in Frankfurt.


    Ich glaube auch nicht, um konkret auf Nürnberg zurückzukommen, dass die östliche Sebalder Altstadt in ihrer unvergleichlichen Banalität ein Zufallsprodukt ist, oder Ausdruck des zufällig gleichen Willens vieler verschiedener Eigentümer. Nein, hier wollte man ein Exempel statuieren und hat von oben herab durchgesetzt, wie die Häuser wiederaufzubauen sind, eben in dieser spießigen Banalität in Form einer vorstädtischen Mietskasernensiedlung, wie wir sie heute kennen.

    Wichtiger Punkt. Franka erzählte mir heute, dass es in Nürnberg einige Vorort-Siedlungen aus der NS-Zeit gibt, die genau nach denselben Gestaltungsprinzipien errichtet wurden wie der Wiederaufbau in der Sebalder Steppe und auch mehr oder weniger genauso aussehen. Das war genauso von Schmeißner und Konsorten gewollt, die damit direkt an ihre Bautätigkeit unter den Nazis anknüpften.


    Was den Wiederaufbau der Sebalder Steppe angeht, so hat der Stadtrat diesen natürlich stark beeinflusst. So gab es die Vorgabe seitens des Stadtrates, keine traditionellen Steildächer zu bauen, sondern ahistorisch flache Satteldächer mit einer Neigung von 43°. Ich bin mir sicher, dass es noch zahlreiche andere Vorgaben gab, um zu verhindern, dass die Altstadt traditionsgetreu wieder aufgebaut werden konnte.

    Vermutlich ist das so: es hätten ja simpelste Vorgaben genügt, um eine Rekonstruktion der Altstadt zu bewirken: Einhaltung der Parzellengrenzen, der Kubaturen und der Dachneigungen, keine Außenbalkons etc. Also alles Sachen, wie man sie heute in jeder beliebigen 08/15-Gestaltungssatzung findet und weit davon entfernt, einen dramatischen Eingriff ins Eigentumsrecht darzustellen.
    Man hat ja offenbar in Nürnberg (wie überall in D!) auch Vorgaben gemacht: nur halt Anti-Reko-Vorgaben! Das ist alles nicht das Ergebnis des individuellen Wollens der Bürger, sondern von Vorgaben von oben,

  • Ich hab gar kein Problem damit zu sagen, das waren alles Ideologen und die haben es verbockt. Wenn das aber so ist, dann folgt daraus eigentlich nur eine Erkenntnis: Haltet euch fern von Ideologen (Z.B. von Modernisten- oder Rekofundis) und entwickelt städtebaulich Lösungen für konkrete Probleme.


    In Nürnberg hieße das, das die Stadtplanung in spezifischen Quartieren frühzeitig mit Besitzern von Immobilien auslotet, was hier langfristig geschehen soll und ggf. möglich ist. Häuser die ich hier konkret nennen möchte:


    Weinmarkt 9-11 (Berufsgenossenschaft Holz und Metall) und angrenzende Bebauung in der Karlstraße
    Der Bau stört hier immens die ansonsten ziemlich intakte Stadtbild-Situation, birgt hohes entwicklerisches Potenzial da hier auch die einfache Chance bestünde, den Weinmarkt über eine leicht zu verbergende Tiefgarage für Anwohner zu erschließen (Gelände fallt nach Süden ab), das Quartier so von Stellplätzen zu befreien und durch maßstabsgerechte Bebauung die Ensemblewirkung zur Sebalduskirche wieder herzustellen
    https://goo.gl/maps/BV9szj7Wtb92


    Eckgebäude Karlstraße / Schustergasse
    Seit Jahren wird hier nicht mehr investiert, das Gebäude verkommt mehr und mehr. Ein wirtschaftliche Sanierung ist sicher nicht mehr möglich. Beispielhaft für eine Reihe von Häusern aus den 1950er Jahre, die mittelfristig ersetzt werden (müssen)....
    https://goo.gl/maps/TMX2gjw9fq42


    "Goldenes Posthorn", Glöckleinsgasse 2 (direkt am Sebalder Platz)
    Nimmt exakt die Kubatur der Vorkriegsbaus auf, wird aber in seinem heutigen Erscheinungsbild der umliegenden Bebauung am Platz überhaupt nicht gerecht. Hier wäre eine Reko goldwert.
    https://goo.gl/maps/4KEqBrxKLFS2


    Albrecht-Dürer-Platz 3
    Hier würden schon hochwertige, geteilte Fenster und eine optimierte Gaubensituation viel bewirken, dann wäre der prominent stehende Bau schon sehr viel besser. Wirkt auf mich als wäre der Sockel vom Vorkriegsbau...
    https://goo.gl/maps/JEStZMLscyo


    Der gesamte östliche Abschluss Albrecht-Dürer-Platz (Nr. 6-10)
    Sehr bescheidene Häuser die heutigen Erwartungen weder in Ausstattung noch in Ästhetik genügen. Realistischerweise wäre das was für eine historisierende Neubebauung bei der Flächen besser genutzt werden, attraktivere Grundrisse entstehen und die Nutzungsmischung erhalten bleibt, sofern die Häuser "eins" bilden mit der westlichen Bebauung in der Unteren Krämergasse, diese mitentwickeln
    https://goo.gl/maps/YZLHhwziFE62


    Bergstraße 20
    Fürchterlicher Bau dessen Rückseite auch noch die Obere Schmiedgasse ziemlich verschandelt. Bitte in Anlehnung an Vorkriegssituation neu bebbauen.
    https://goo.gl/maps/fQ35Y8WZNGH2


    Obere Schmidgasse 1
    Total unangemessene Situation die in dieser Toplage nichts zu Suchen hat. Bitte in Anlehnung an Vorkriegssituation und unter Ausnutzung der Lagegunst sowie der Platzverhältnisse altstadtgerecht neu bebauen, ggf. unter Einbeziehung von Nachbargebäuden zur Burgstraße deren wirtschaftliche Sanierung ggf. nicht mehr sinnvoll erscheint.
    https://goo.gl/maps/5iMLAsyqex52


    d.

  • Also ich bin selbst - obwohl "Auswärtiger"- Mitglied der Altstadtfreunde und mag Nürnberg und bin von daher natürlich nicht ganz neutral. Klar fehlen hier ein paar wichtige Rekonstruktionen, aber insgesamt ist die Stadt wirklich nicht schlecht und der Wiederaufbau als eines der besseren Beispiele anzusehen! Ich denke wir sehen die ganze Sache zu sehr aus unserem Blickwinkel.... Tatsache ist nun mal, dass ein Großteil der Leute eben nicht zum Bildungsbürgertum gehört, denen ist die Architektur fast egal... Traurig aber wahr... Letztes Jahr bekam ich zum Geburtstag eine Reise nach Fürth und Erlangen geschenkt, wo ich seit über zwanzig Jahren nicht war. Die beiden Nachbarstädte - obwohl nicht im Krieg zerstört- sind derart heruntergekommen und kaputt saniert (Einscheiben-Verglasung, miese Schaufenster, Sat-Schüsseln, Nachkriegsabbrüche, Leerstand etc.) dass ich/meine Freundin echt froh waren das Nürnberg in der Nähe war und wir wieder viel Zeit dort verbrachten. Was sollen die Leute vermissen, wenn sie es nicht besser kennen.... Traurig aber wahr.... Ich glaube es wird in den nächsten Jahren leider eher noch schlechter....

  • Also ich bin selbst - obwohl "Auswärtiger"- Mitglied der Altstadtfreunde und mag Nürnberg und bin von daher natürlich nicht ganz neutral. Klar fehlen hier ein paar wichtige Rekonstruktionen, aber insgesamt ist die Stadt wirklich nicht schlecht und der Wiederaufbau als eines der besseren Beispiele anzusehen!

    Was konkret findest du denn am Wiederaufbau Nürnbergs besser als in anderen Städten? Was ist an der Stadt insgesamt nicht schlecht, städtebaulich und architektonisch gesehen?


    Mich wundern solche Aussagen immer wieder, und ich möchte verstehen, wie man dazu kommt. Ich empfinde Nürnberg als eine der banalsten, hässlichsten Städte in Deutschland in dieser Größenordnung. Nürnberg spielt meiner Meinung nach in einer Liga mit den Ruhrgebietsstädten, wenn man neben der Altstadt im billigsten Wiederaufbaustil noch die heruntergekommenen, verdreckten Viertel um die Altstadt herum berücksichtigt.

  • @ Rothenstein:

    • Zähle doch mal auf welche Städte "in dieser Größenordnung" (also offenbar nicht das von dir stets erwähnte Rothenburg o.d.T oder eben Freudenstadt) aus deiner Sicht "besser" sind und weshalb genau?
    • Oder erkläre doch mal konkret was du verändern würdest?
    • Und welche "verdreckten Viertel" um die Altstadt meinst du?

    d.

  • Dexter, Du sprichst hier gerade den Wiederaufbau von Rothenburg an, ich war erst letzte Woche wieder da, so gut finde ich den nicht.


    Ich empfehle hierzu das zweibändige Werk vom Verein von Alt-Rothenburg, mit Vorher-Nacher-Bildern zu fast jedem Haus. Phantasiefachwerkhäuser (Gerlach-Schmiede etc.) sind auch nicht jedermanns Ding...


    Also ich komme viel rum, fahr mal nach Pforzheim, Bremerhaven, Ludwigshafen, Essen, Bochum, Duisburg, Dortmund, Offenbach...


    Als - relativ- gelungen würde ich zum Beispiel - neben Nürnberg- den Wiederaufbau in Donauwörth, Münster und Freudenstadt, Freiburg betrachten.


    In Nürnberg gefällt mir die - weitgehende- Wiederherstellung der Strassenführung, relative Kleinteiligkeit, Wiederherstellung der Dachlandschaften, architektonisch äußerst wertvolle Einzeldenkmale, relativ intakter Einzelhandel/Gastronomieszene.

  • Götzenhainer: Findest du am östlichen Sebald wirklich irgendwas gelungen. Ich finde ganz im Ernst manche Ecken des Wiederaufbaus in Bochum oder Essen gelungener.


    Und Gastronomie und Gewerbestruktur haben mit ästhetischer Qualität nun gar nichts zu tun.

  • Man muss die Stadt aber als Gesamtheit betrachten... Klar ist der Wiederaufbau in Teilen grottenschlecht, im ganzen gesehen schlägt die Stadt aber ihre unzerstörten Nachbarn/andere Städte um Längen (heisst trotzdem nicht dass ich mit allem zufrieden bin!).


    Ich kenne - neben dem Essener Münster- in beiden genannten Städten keine Bauten/Ensembles von herausragender Qualität...


    Und die ästhetische Qualität hängt sehr wohl davon ab ob ich an zugenagelten Schaufenstern, Dönerläden mit Plastikbestuhlung und 1-Euro-Läden entlang flaniere...


    Übrigens ist der Wiederaufbau der 50iger Jahre oft im Nachhinein verschandelt worden, siehe zum Beispiel Fenster der Kugel-Apotheke etc. (hierzu gibt es einen interessanten Artikel in den Altstadt
    Berichten)...

  • In der Gesamtheit sieht Nürnberg bei allen Fehlern schon deutlich besser und heimeliger aus als die meisten anderen vergleichbar großen und zerstörten Städte. Ärgerlich ist, daß einfache Verbesserungsmöglichkeiten nicht ergriffen werden.
    Freilich darf auch ein jeder Nürnberg als die häßlichste deutsche Stadt empfinden. Ihm muß dabei nur klar sein, daß er eine absolute Minderheitenmeinung vertritt.

  • Aber wenn man weiß, wie die nürnberger Altstadt vor 1945 genau ausgesehen hat, gehört Nürnberg schließlich doch zum Schlimmsten, was die BRD so zu bieten hat. Dies zusammen mit Braunschweig und Hildesheim (naja, dort wurde zumindest der Marktplatz völlig wiederaufgebaut!), und auch in Frankfurt/Main wurde immer noch zu wenig rekonstruiert!

  • @ Rothenstein:

    • Zähle doch mal auf welche Städte "in dieser Größenordnung" (also offenbar nicht das von dir stets erwähnte Rothenburg o.d.T oder eben Freudenstadt) aus deiner Sicht "besser" sind und weshalb genau?
    • Oder erkläre doch mal konkret was du verändern würdest?
    • Und welche "verdreckten Viertel" um die Altstadt meinst du?

    d.

    In vielen deutschen Städten gibt es noch historische Platzanlagen und Ansichten, die entweder ganz oder teilweise erhalten bzw. rekonstruiert worden sind.


    Dresden hat seine innerste, höfische Altstadt zu großen Teilen rekonstruiert; die Elbsilhouette, aber auch ganze Plätze wie der Theaterplatz sind wunderschön und ohne modernistische Zutaten, die einem alles versalzen, genießbar. Dazu kommen natürlich die unvergleichlichen Villenviertel, die kaum zerstört wurden und Dresden immer noch umgeben. Das Problem ist das Fehlen der bürgerlichen Altstadt, und der Ring von Plattenbauten um die höfische Altstadt.


    Leipzig wollen wir mal gar nicht vergleichen. Hier ist noch so viel erhalten, dass sich ein Vergleich mit dem hässlichen gerupften Entlein verbietet.


    In Stuttgart wird es schwieriger. Aber auch der Schillerplatz ist ganz weitgehend, mit einer kleinen Ausnahme, eine Augenweide, die es so in Nürnberg nicht gibt. Mal ganz abgesehen davon, dass auch der Schlossplatz in Stuttgart trotz der teilweise modernen Bebauung eine gute Figur macht.


    Ähnliches gilt für Bremen, das seinen Marktplatz als gute Stube hat, trotz einiger moderner Einsprengsel, die aber nicht so spießig und banal daherkommen wie in Nürnberg.


    In Frankfurt gibt es den Römerberg, der zwar nicht frei von Bausünden ist, aber durchaus wieder mit seiner Ostzeile Wirkung entfaltet. Und nun gibt es dazu als intimes Pendant ja auch wieder den Hühnermarkt!


    Nürnberg kann da nicht mithalten. Der Hauptmarkt ist vollkommen unwürdig und verhunzt, und selbst bei kleineren Plätzen, an denen viele Häuser gut erhalten waren, hat man es geschafft, die Atmosphäre durch moderne Einsprengsel zu zerstören, siehe Unschlittplatz, Platz am Tiergärtnertor oder Albrecht-Dürer-Platz. Die Partien an der Pegnitz sind entstellt durch spießige, grobschlächtige Fünfzigerjahre-Bauten und unmaßstäbliche spätere Bauten, zu denen sich ja jetzt auch noch das Augustinerareal gesellen wird. Was für ein Armutszeugnis.

  • Im übrigen will ich gar nicht verhehlen, dass mein Urteil auch emotional geprägt ist. Es ist einfach furchtbar bitter, wenn man weiß, wie Nürnberg früher ausgesehen haben muss, wenn also gewisse Erwartungen trotz aller Zerstörungen vorhanden sind, und man dann damit in die real existierende Stadt kommt. Deswegen polarisiert Nürnberg hinsichtlich seines Wiederaufbaues und seines heutigen Stadtbildes wie wohl wenige andere Städte.


    Von Duisburg, Essen und Dortmund erwartet man nichts anderes. Leider kann sich Nürnberg, und im übrigen auch Köln, heute eher mit diesen dreien messen als mit, sagen wir: Lyon oder Bologna, oder den meisten anderen europäischen Städten von historischer Bedeutung. Die wenigen, beziehungslos herumstehenden Kirchen und sonstige historische Restbestände wirken entwürdigt und deplaziert in einem Meer von Belanglosigkeiten, Geschmacklosigkeiten und Hässlichkeiten.


    Und trotzdem ist man es in Nürnberg, wie auch in Köln, zufrieden. Man meint, noch einmal davongekommen zu sein, und entwickelt deswegen auch keinerlei Ehrgeiz, das eigene Stadtbild zu verbessern. Dabei muss doch jedem, der das jeweilige Stadtbild in seiner Entwicklung kennt, einleuchten, dass Nürnberg wie auch Köln ein hässliches Entlein ist, das man nicht ernsthaft in eine klassische Tour europäischer Städte von Rang und Namen aufnehmen würde.

  • Wer Nürnbergs Innenstadt in seiner Gesamtheit unter Frankfurt a.M. oder gar Stuttgart stellt, der disqualifiziert sich für weitere Ausführungen.

  • Wer Nürnbergs Innenstadt in seiner Gesamtheit unter Frankfurt a.M. oder gar Stuttgart stellt, der disqualifiziert sich für weitere Ausführungen.

    In Frankfurt wurde aber ein kleines fleckchen Altstadt wiederaufgebaut! In Nuernberg ist nur ein Bisschen stehengeblieben (Weissgerbergasse, Fuell, Unschlittplatz, Tiergaertnertor, Kraemersgasse). Bez. Stuttgart duerftest du aber Recht haben...

  • Der Vergleich mit Köln ist mir auch in den Kopf gekommen, als ich die Beiträge von @Götzenhainer und @Eduard auf der letzten Seite gelesen habe. In Köln ist es, wie auch von @Rothenstein geschrieben, ähnlich: Verglichen mit dem Vorkriegszustand (wobei Nürnberg da vermutlich mehr zu bieten hatte als Köln) ist der heutige Zustand äußerst bedauerlich, die Empfindung in der Bürgerschaft sind aber viel positiver, in Köln ist der Stolz auf die eigene Stadt sogar noch größer, obwohl sie architektonisch an vielen Stellen erschreckend aussieht.
    Ich denke, wir müssen hier irgendwann auch differenziert an die Sache herangehen und mit markigen Sprüchen vorsichtig sein. Ich zum Beispiel bin gebürtiger Kölner und für mich ist die Stadt einfach etwas besonderes, deswegen bin ich auch im letzten Jahr wieder dorthin gezogen. Studiert habe ich in Wiesbaden, was architektonisch natürlich weitaus mehr Vorkriegsbebauung aufweist und an vielen Stellen völlig unzerstört daherkommt. Dort bleiben wollte ich trotzdem nicht, das hat ja auch etwas mit Heimat- und Zugehörigkeitsgefühlen zu tun.


    Wenn mir jetzt jemand sagt "Köln ist die hässlichste Stadt Deutschlands", "Wie kann man da nur wohnen", "So einen katastrophalen Wiederaufbau hat es in keiner anderen Stadt gegeben", dann fühle ich mich irgendwo angegriffen und einem Nürnberger, Dresdener oder Frankfurter, usw. wird es da nicht anders gehen, wenn man das über seine Stadt sagt. Schließlich haben alle diese Städte trotzdem noch großartige Bauten und Ensembles erhalten oder wiederaufgebaut. Natürlich ist das verglichen mit dem Vorkriegszustand verschwindend wenig und wenn man die Vorkriegsbilder sieht, schlägt man die Hände über dem Kopf zusammen und doch: Kein Bewohner, der sich trotz allem in einer Stadt beheimatet fühlt, denkt jeden Tag "ich wohne in der hässlichsten Stadt Deutschlands, hier ist es ja so hässlich, ich werde ganz depressiv davon wie furchtbar alles aussieht". In jeder Stadt gibt es ja auch positive Dinge und Architektur ist eben auch nicht alles, auch wenn wir uns hier natürlich sehr stark auf die Architektur fokussieren und das vielleicht nicht ganz wahrhaben wollen.


    Ich möchte daher für zwei Dinge plädieren:
    1. Vergleiche wie "Stadt X ist ja noch hässlicher als Stadt Y", "Stadt Y hat ja wenigstens das und das gemacht, aber in Stadt Z war der Wiederaufbau ja eine einzige Katastrophe" bringen überhaupt nichts. Jede Stadt hat innerhalb der Zerstörung ihr eigenes Schicksal erlebt, und andere Entscheidungen für den Wiederaufbau getroffen. Mit den meisten Wiederaufbauleistungen ist hier niemand zufrieden, aber Vergleiche zwischen Städten werden immer wahnsinnig schnell unsachlich und hitzig, weil doch viele lokalpatriotische Gefühle verletzt werden. Wir sind ja hier, weil wir unsere Städte lieben und deswegen verschönern möchten. Niemand lässt sich da von anderen gerne sagen, die eigene Stadt sei ja im Vergleich besonders hässlich.


    2. Damit kommen wir auch zum zweiten Punkt: Die Fokussierung auf das Negative und die Hässlichkeit wird bei vielen Bürgern zu einer Abwehr- und Trotzhaltung führen, wie von mir eben beschrieben: Man fühlt sich angegriffen, verweist auf die schönen Bauten der Stadt, die anderen positiven Aspekte abseits der Architektur und sagt "Also soo schlimm ist es jetzt auch nicht". So wird man nur wenige normale Menschen für Rekonstruktionsprojekte begeistern können.


    Was wir machen müssen ist, positiv an die Sache heranzugehen: Mit Bildern von der Vorkriegssituation verdeutlichen, dass sich die Stadt an dieser Stelle verschönern ließe. Man muss den Leuten ja nicht aufs Auge drücken, dass man die Stadt heute hässlich findet. Es reicht, eine Verbesserung vorzuschlagen. Und dass die Verbesserung tatsächlich eine Verbesserung wäre, zeigt man am besten anhand von historischen Fotos und nicht mit markigen Sprüchen, wie hässlich heute doch alles sei und wie katastrophal der Wiederaufbau verlaufen sei. Eine Verbesserung lässt offen, ob man den heutigen Zustand katastrophal oder lediglich banal findet und so verletzt man auch niemanden.


    Die beste Werbung für unsere Vorhaben sind sowieso Fotos, Zeichnungen, Pläne, Visualisierungen und Videos, und nicht historische Abhandlungen darüber, wer in den 50er Jahren was im Wiederaufbau verbockt hat.


    Also: Lasst uns positiv und zukunftsgerichtet an die Sache herangehen und die Menschen für unsere Vorhaben nicht mit der Hässlichkeit des Heute, sondern mit der potenziellen Schönheit des Morgen begeistern!