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  • Ich gehe 2 Gedankengänge nach.
    Was wenn Nürnberg anderst,mit wichtigen Bürgerhäusern und den heutigen Gebäude wiederaufgebaut worden wäre?
    Würden wir noch immer kritik üben an den heutigen Block Gebäuden,hätten aber Pellerhaus,Höfe an der Tucherstraße,Veit Stoß Haus,Moritzkapelle,Haus an der Eckgasse...



    Und der zweite und villeicht wichtigere Gang.
    Nehmen wir an man baut die Fassaden um,das würde doch Mieten erhöhen.
    Ich weiß nicht wer da wohnt,kenne auch die Mietkosten von Nürnberg nicht.
    Aber der Besitzer würde den Umbau der Fassade z.t doch auf die Miete umlegen?


    Was wäre wichtiger?
    Ein toller Straßenbild aber teure Wohnung die sich wenige Leisten können?

  • Nehmen wir an man baut die Fassaden um,das würde doch Mieten erhöhen.

    Nicht zwangsläufig, wenn die Umbauten durch eine Stiftung oder die Stadt finanziert oder zumindest subventioniert würden.
    Aber auch abgesehen davon entscheiden über Miethöhen in erster Linie Angebot und Nachfrage, die Lage, die Ausstattung der Wohnungen etc. Fassadenverbesserungen fallen da kaum ins Gewicht.

  • @Philon, jetzt zu meiner Theorie warum Nürnberg nicht wiederaufgebaut wurde bzw. nicht so, wie Du es Dir gewünscht hättest. Ganz einfach: Weil die Altstadt schon längst vor dem Krieg aus der Mode war.
    Der Baureferent hat in der Podiumsdiskussion in einem Nebensatz erwähnt, dass seine Großmutter, die wohl in der Nähe wohnte, nie etwas über das verlorene Pellerhaus erzählte. Meine niederbayrische Großmutter, die in den 30iger Jahren in die Nähe von Nürnberg zog, hat mir ebenfalls nie etwas vom Pellerhaus erzählt bzw. über die verlorene Altstadt allgemein. Sie hat sich über viele Dinge aufgeregt, die damals passiert waren, aber nicht über die zerstörte Baukunst.
    Lassen wir uns nicht von den damaligen Propagandafilmen (am Hauptmarkt) täuschen. Die Sebalder Altstadt war kein Ort der Massenaufläufe und des Fortschritts, deswegen mussten extra Plätze gebaut werden. (Und das war nicht kleinteilig und schon gar kein Fachwerk).
    Dann wurde Nürnberg zerstört, der Wiederaufbau erfolgte teilweise auf dem gleichen Grundriss, vielleicht war dies die schnellste und einfachste Lösung Wohnraum zu schaffen? Die ganz großen Profanbauten wurden aufgebaut, das reichte wohl. Auf alle Fälle hatten die Verantwortlichen nicht das Bewusstsein, was verloren gegangen ist. Deswegen erfreut man sich an der 50er-Jahre-Altstadt bis heute. Wobei ich die Fünziger Jahre-Bauten mit Kusshand annehmen würde, im Gegensatz was jetzt gerade gebaut wird. Da fehlen mir oft die Worte. Und das ist kein deutsches Problem, sonder ein Globales.
    Ich frage mich immer, wann war der Cut in den Köpfen? Ich finde und finde keine Lösung für dieses Problem!

  • Ganz einfach: Weil die Altstadt schon längst vor dem Krieg aus der Mode war.

    Ja, das ist sicherlich ein wichtiger Punkt. Ich habe das ja schon einmal angerissen, aber ich denke nach wie vor, dass die Generation der zwischen ungefähr 1890 und 1920 Geborenen eine durch alle politischen Lager hindurch radikal "modernistische" und zugleich radikal "politisierte" war. Wenn man sich die Äußerungen von Protagonisten dieser Generation anschaut, dann findet man darin immer wieder drei Konstanten:


    1. Eine enorme Faszination für und/oder ein Entsetzen vor der Entfesselung der modernen Technik (siehe den italienischen Futurismus). Was für uns heute normal ist, war für diese Generation neu und zugleich ebenso spektakulär wie furchterregend.


    2. Eine totale politische, gesellschaftliche und ökonomische Verunsicherung. Das Gefühl, die Welt sei völlig aus den Fugen geraten und man müsse dem irgendwie durch radikale Antworten gerecht werden.


    3. Der stets präsente Gedanke, man stehe mitten in einem Kampf auf Leben und Tod und könne in diesem nur bestehen, wenn man äußerste Härte gegen sich und andere zeige. Jedenfalls könne man sich keine "Sentimentalitäten" - eben z.B. Anhänglichkeit an eine historische Altstadt - leisten, müsse "alte Zöpfe radikal abschneiden".


    Wie gesagt: das findet man in dieser Generation, zu der auch Schmeißner und nahezu alle Wiederaufbauverantwortlichen in Deutschland gehörten, praktisch in allen politischen Lager, von ganz links bis ganz rechts, von den Nazis bis zu den Kommunisten, vom Bauhaus bis zum Heimatstil. Das sind alles natürlich nicht die besten Voraussetzungen für die Rekonstruktion zerstörter Städte. Ich denke, da sind wir heute wirklich klüger, oder jedenfalls abgewogener und "normaler" (im Vergleich zu diesem permanenten Denken in den Kategorien eines Ausnahmezustands).


    Die Sebalder Altstadt war kein Ort der Massenaufläufe und des Fortschritts, deswegen mussten extra Plätze gebaut werden. (Und das war nicht kleinteilig und schon gar kein Fachwerk).

    Ich denke auch, dass man die NS-Ideologie in dem Zusammenhang nicht unterschätzen darf (Schmeißner war ja auch NSDAP-Mitglied, wenngleich wohl eher "Mitläufer"). Der NS war ja in seinem Kern eine anti-historische und anti-nationale Ideologie. Sein Bezugspunkt war nicht die Nation mit ihrer konkreten, reichen Kunst- und Kulturgeschichte, sondern eine herbeiphantasierte, abstrakte, im Grunde völlig ahistorisch gedachte "arische Rasse". Daraus erklärt sich sicher auch mit die Gleichgültigkeit gegenüber historischen Gebäuden und Stadtbildern.
    Verbinde das mit dem technokratischen Denken jener Generation, dann hast du die Erklärung für den fehlenden Wiederaufbau. Speer steht fast exemplarisch für all das.

  • Man sollte es aber auch nicht so pauschalisieren und über einen Kamm scheren: gewiss gab es vor dem Krieg Tendenzen zur "Modernisierung" bzw Rationalisierung (Ernst Neufert, ein Bauhäusler war sogar später in der "Gottbegnadetenliste" der wichtigsten Architekten).


    ABER, es wurde eben auch nicht überall und zu jedem Anlass gleich gebaut: es gab verschiedensten Architekturrichtung in den 1930er Jahre, gar nicht so "gleichgeschaltet" wie man das heute immer propagiert: zum einen eben die Rationalisten wie das Bauhaus, die zwar für die normalen "Zivilbauten" verpönt waren, aber bei den Industriebauten (wie zum Bsp das VW Werk in Wolfsburg, das war rein auf die Funktion erbaut, komplett "schnörkellos").


    Dann gab es die monumentalen Neoklassizisten wie zt Speer: die waren für die repräsentativen Bauten zuständig, indem man sich an Vorbilder des alten Roms orientierte(die vielen Triumphbögen für die künftige Welthauptstadt "Germania", die öffentlichen Bauten, die teilweise sehr den römischen Veranstaltungsgebäuden wie dem Kolosseum (die Kongresshalle Nürnberg), oder auch einfach den römischen Platzanlagen mit Forum siehe wiederum die Neuplanung Berlins.


    Und schließlich gab es auch die Traditionalisten: die haben eher die Aufträge bei kleineren Projekten bekommen wie zb die Göbbels Villa am Baggersee. Das waren dann die Untergruppe der gemäßigten, die eher den schlichten Heimatstil wollten mit wenig Schnörkel. Sie sahen sich als "Zwischenoption" zwischen dem schmucklosen Bauhaus und dem aus ihrer Sicht zu extrem üppig geratenen Spätgründerzeitstil (zb Kaiserpalast Dresden). Und die zweite Gruppe bei den Traditionalisten waren dann die Architekten, die wirklich mit alten Bauformen gearbeitet haben, also praktisch einen "Neohistorismus" übernommen haben. Hier war zb die Fachwerkarchitektur vorallem in ländlichen Gebieten für Neubauten vorherrschend wie es zb die Rathäuser von Mengerschied, Wüschheim und Ober-Hilbersheim. Vorallem letzteres schaut wirklich sehr authentisch aus, wie ein fränkisches Fachwerkwinzerhaus aus der Renaissancezeit! Auch das neue Rathaus von Münsingen ist in dieser Bauweise und eines der größeren Fachwerkgebäude dieser Zeit. Diese Richtung wird auch als "Heimatschutzstil" bezeichnet und auch andere regionale Stil wie der zb der norddeutsche mit Backstein gab es oder auch mit Schieferdach!


    Und selbst in der aktuellen Literatur über die Architektur des NS findest du solche Aussagen: zb in der Buchbeschreibung von "Deutsche Architekten im Elsass 1940-1944" von Wolfgang Voigt, 2012 im Ernst Wasmuth Verlag erschienen (sehr lesenswert übrigens!):

    Die eingelieferten Arbeiten waren alles andere als homogene Entwürfe. Sie spiegeln die unterschiedliche Haltung der Architekten zum NS-Regime, vor allem aber die Rivalitäten und Positionskämpfe verschiedener Schulen der Architektur in Deutschland, die unter der Oberfläche mit Nachdruck geführt wurden.

    Leider aber da hast du recht, haben sich nach 1945 die "moderaten Traditionalisten" mit dem typischen 1950er Jahre Architekturstil durchgesetzt. Es hätte besser kommen können, wenn wirkliche Traditionalisten die Bauleitung übernommen hätten, aber auch viel schlimmer, zb wenn die puren Bauhäusler das Sagen gehabt hätten...

  • Leider aber da hast du recht, haben sich nach 1945 die "moderaten Traditionalisten" mit dem typischen 1950er Jahre Architekturstil durchgesetzt.

    Ja, das war der Punkt, auf den ich hinauswollte.
    Vielen Dank für die sachkundigen weiteren Erläuterungen. So differenziert wie du es dargelegt hast, war mir das alles bislang nicht klar gewesen. Ich hatte da eher vage Vorstellungen. Freilich scheint es mir auch nach deinen Ausführungen so, dass die "wirklichen Traditionalisten" in der NS-Zeit gegenüber den "monumentalen Neoklassizisten" und den "moderaten Traditionalisten" marginalisiert waren und ähnlich wie die Bauhaus-Leute nur in Nischen arbeiten konnten.


    Schmeißner gehört dagegen offenkundig in die Linie der "moderaten Traditionalisten", zudem mit gewissen Bauhaus-und Neoklassizismus-Sympathien (bei ihm kommt das alles irgendwo zusammen). Aber leider nicht zu den "wirklichen Traditionalisten", die z.B. den Wiederaufbau des Prinzipalmarktes in Münster oder den von Freudenstadt realisiert haben.


    Das müsste man alles mal architekturgeschichtlich aufarbeiten.

  • Der NS war zudem auch noch anti-christlich und antijüdisch.
    Aus diesem Grund ist auch eine "Gottbegnadetenliste" ein absoluter Widerspruch.

  • Es gibt einige Fälle, bei denen der Nachkriegsbau tatsächlich die Kubatur, die Proportionen und den Parzellengrundriß des Vorkriegsbaus aufgreift.

    Um Mut zu machen, ist hier mal so ein Beispiel:
    https://www.google.com/maps/@4…7TDWWw!2e0!7i13312!8i6656


    Vorkriegssituation:



    (Quelle: Marburger Bilindex)


    Selbst da stimmen bei den Nachkriegsbauten die Geschoßhöhen nicht wirklich, das Haus links ist breiter als es sein sollte und das Haus rechts sollte eigentlich höher sein als das Eckhaus. Aber im Prinzip passen zumindest Kubatur und Parzellengrundriß so ungefähr.


    Aber wie gesagt: Das ist in Nürnberg, vor allem in St. Sebald die absolute Ausnahme.

  • Ansonsten ist die gesamte "Sebalder Steppe" heute ein einziges städtebauliches und ästhetisches Desaster wie es in Bochum oder Pforzheim nicht übler sein könnte.
    Das Luftbild hier zeigt, wie extrem die Vereinheitlichung der Geschoßhöhen und das Ignorieren der alten Parzellengrundrisse ist:
    https://www.google.com/maps/@4….02h,44.98t/data=!3m1!1e3


    Da würde wirklich nur Flächenabriß und Neubau als Rekonstruktion helfen.

  • Entschuldigt, wenn ich mich hier einfach einmische. Ich habe die Stränge über Nürnberg erst jetzt richtig entdeckt. Die Stadt liegt mir seit dem 13. Lebensjahr am Herzen; das war 1954, als ich zusammen mit einem Freund 180 km weit mit dem Fahrrad nach Nürnberg gefahren bin, weil ich in einem Vorkriegs-Buch meines Vaters Bilder der unzerstörten Altstadt gesehen hatte - ein Schock!


    Zum Wiederaufbau: Ich erinnere mich eigentlich noch sehr genau, dass es im Nürnberger Stadtrat, das wird wohl schon in den Fünfzigern gewesen sein, eine Kampfabstimmung gegeben hat über drei Anträge:


    1. die Altstadt wird nach verkehrstechnischen Notwendigkeiten auf völlig neuem Grundriss geplant - nur die Burg und die großen Kirchen und einige markante Gebäude werden wieder aufgebaut.


    2. die Altstadt wird auf dem alten Stadtgrundriss Haus für Haus rekonstruiert.


    3. die Altstadt wird auf dem alten Stadtgrundriss bis auf Burg, Kirchen und einige markante Gebäude weitgehend neu gebaut.


    Der dritte Vorschlag wurde angenommen - mit nur einer Stimme Mehrheit, so meine ich mich zu erinnern. Ob die eine Stimme Mehrheit gegenüber Antrag 1 oder 2 erfolgte, kann ich nicht mehr mit Sicherheit sagen. Meine aber es sei tatsächlich 2, also der rekonstruierende Wiederaufbau gewesen. Wie ich von diesem Vorgang Kenntnis erhalten habe und wann, weiß ich nicht mehr, auch nicht die Reihenfolge der Anträge.


    Sollte diese Abstimmung hier schon bekannt sein, tut es mir leid.


    Jedenfalls, so denke ich, wäre die Verwirklichung des 2. Antrags von ungeheuerer Bedeutung für die Planung des Wiederaufbaus in Deutschland gewesen. Und die nahe Möglichkeit einer Gesamtrekonstruktion wie in Warschau oder Danzig verschlägt mir heute noch den Atem.

    Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,

    Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘,

    Und verstehe die Freiheit,


    Aufzubrechen, wohin er will.


    Hölderlin

    Edited once, last by Bentele ().

  • Der dritte Vorschlag wurde angenommen - mit nur einer Stimme Mehrheit, so meine ich mich zu erinnern. Ob die eine Stimme Mehrheit gegenüber Antrag 1 oder 2 erfolgte, kann ich nicht mehr mit Sicherheit sagen. Meine aber es sei tatsächlich 2, also der rekonstruierende Wiederaufbau gewesen.

    Dem müsste man tatsächlich einmal nachforschen. Wenn es so gewesen wäre, dann wäre es ja doppelt und dreifach tragisch - und ein guter Grund, den Fehler von damals endlich zu korrigieren!

  • Die Wunderburggasse ist tatsächlich ein Beispiel für ein Problem, dass sich wohl erst noch richtig entfalten wird. Die Niedrige Bebauung ruft geradezu dazu auf, neues und höher zu bauen. Leider ist das, was heute gebaut wird noch wesentlich weniger altstadtgerecht als das, was nach dem Krieg oft gebaut wurde. D.h. die Gasse wird von irgendwann kommenden Neubauten kaum aufgewertet werden, wenn die Erdgeschosszonen aus Funktionsräumen bestehen mit Mülltonnen, Stellplätzen und Fahrradräumen. Dann wird die Gasse zu einem Unort, unwirtlich, grau, funktional - zum davonlaufen.


    Dem kann man nur schwer beikommen. Ein Schlüssel wäre aber die Pellerhausreko, die sagt "seht her, Schluss mit Provisorien, schluss mit Beliebigkeit, schluss mit Altstadtunverträglichkeit, die Altstadt soll wieder eine der schönsten in Europa werden".

  • Der NS war zudem auch noch anti-christlich und antijüdisch.
    Aus diesem Grund ist auch eine "Gottbegnadetenliste" ein absoluter Widerspruch.

    Auch das ist zu pauschal. Hitler war zeitlebens Mitglied der katholischen Kirche und beschwor in seinen Reden oft den "Herrgott".

    bis zum Heimatstil. Das sind alles natürlich nicht die besten Voraussetzungen für die Rekonstruktion zerstörter Städte

    Die Vertreter des Heimatschutzstils haben sich eigentlich durchaus mit der traditionellen Bauweise und dem historischen Bauerbe beschäftigt. "Fachwerkliebhaber" hat das aber schon gut dargelegt.

    Ein besonders drastisches Beispiel für das Versagen des Nürnberger Wiederaufbaus, die Wunderburggasse vor dem Krieg

    Wie "nothor" richtig bemerkt, ist die heutige Situation angesichts der historischen nicht akzeptabel. Es wäre auch vermittelbar, abzureißen und zu rekonstruieren, da hier - ähnlich wie übrigens beim Toplerhaus - ein Zuwachs an Geschossen und Wohnfläche entstünde. Die Gefahr ist hier allerdings weniger der Denkmalschutz als die modernistische Architektur- und Planungs-Szene, die statt dessen irgendwelche beliebigen oder (noch schlimmer) "mutigen" Styroporfassaden-Blöcke hinbauen würde. Da muss man fast über den Status Quo erfreut sein und hoffen, dass die Neugestaltung in eine bessere Zeit fällt.

  • Mit entscheidend für die Bürger, ob der Wiederaufbau der Altstadt funktional/altstadtgerecht (wie ausgeführt) oder als aufwändige Rekonstruktion mit modernen Wohnungsgrundrissen erfolgen sollte, dürfte gewesen sein, dass man bei der ersten Variante schneller den dringend benötigten Wohnraum zurückerlangte, und auch mehr Wohnkomfort erhielt:


    vorher unbelichtete, unbelüftete Treppenhäuser, auf die zudem meist auch die im Innern liegende Küche folgte - nachher belüftete Treppenhäuser und Wohnungen mit belichteten Küchen,
    vorher vereinzelt Dach- und Hofterassen - nachher für jede Wohnung ein eigener Balkon,
    vorher schmale und verschachtelte Grundrisse - nachher grosszügige Familienwohnungen auf einer Geschossebene, vorher schmale, dunkle Lichthöfe - nachher grosszügige, gartenähnliche Innenhöfe.


    Das sind alles Kriterien, die bei einer rekonstruierten Altstadt schwieriger zu erreichen gewesen wären. Für die Hausbesitzer und künftigen Bewohner kann man sich vorstellen, zu was sich diese entschlossen haben. Ich habe hierzu die Statpläne vor/nach 1945 x-mal verglichen, und dabei immer wieder einen Blick auf die Google-Flugaufnahmen geworfen und versucht, mich in die damalige Situation hinein zu versetzen.


    Was mir auch noch auffällt, ist das beinah durchgängige Fehlen vom Burgsandstein an den Fassaden. Vereinzelt gibt es markante Eckgebäude, wo man zu Plattenverkleidungen aus diesem Stein gegriffen hat. Aber genau diese Sandsteinfassaden hatten doch das Wesentliche an der alten Altstadt ausgemacht. Innert kurzer Zeit so viel Sandstein anschaffen zu können, dürfte ein Ding der Unmöglichkeit gewesen sein. Ich habe mich schon ein paar mal gefragt, woher der in grossen Mengen benötigte Sandstein nur schon für die Rekonstruktion der Burg und gesamten Stadtmauer kam. Da mussten ganz sicher auch wiederaufbaufähige Ruinen herhalten und als Materiallieferant dienen.

  • Ich denke, es hilft auch nichts, immer noch verpassten Chancen der 50er Jahre hinterher zu trauern. Es geht um die Gestaltung der Zukunft, und diesbezüglich könnte in Nürnberg einiges zum besseren verändert werden. Wille und Möglichkeiten vorausgesetzt.

  • Der wichtigste Grund, an dem eine Rekonstruktion in Nürnberg scheitert, ist der mangelnde Wille - insbesondere bei der herrschenden Politikerkaste, die sich hier sehr gut eingerichtet hat, aber auch bei den Einwohnern von Nürnberg.


    Natürlich gibt es viele andere Faktoren. Da ist zum einen das Geld, denn Nürnberg gehört zu den ärmeren Städten zumindest in Süddeutschland. Des weiteren haben sich die Besitzverhältnisse in der Altstadt stark verändert; so existieren viele Parzellen nicht mehr so, wie sie früher bestanden haben, sondern erstrecken sich über alte Parzellenbegrenzungen hinweg. Es gibt auch rechtliche Hemmnisse, nicht nur von Seiten der Denkmalpflege, sondern auch was rechtliche Bestimmungen für Neubauten (Brandschutz, Dämmung etc.) angeht - und rekonstruierte Altbauten wären eben zunächst einmal Neubauten. Schließlich haben sich die Anforderungen an Häuser verändert; so wünschen viele Bewohner z.B. Balkone, bodentiefe Fenster, Aufzüge, Tiefgaragen und andere Dinge, die nur schwer mit Rekonstruktionen vereinbar sind. Was Handelsketten oder Firmen wünschen, sind Kaufhäuser, die sie über ganz Deutschland hinweg ähnlich und kostengünstig und mit großen Verkaufsflächen planen können, oder moderne Bürogebäude mit großzügigen, offenen Etagen, die in Pittsburg, Peking oder Nürnberg am besten gleich aussehen.


    Die Gesellschaft hat sich verändert, und die gebaute Welt ist Ausdruck dieser Gesellschaft. Früher gab es einen Bedarf für beeindruckende, reich geschmückte Bürgerhäuser im Stadtkern, denn die Nürnberger Bürger wollten repräsentieren. Es gab eine große soziale Kontrolle und verbindliche Regeln, die in der Stadt galten, u.a. dafür, wie lokal zu bauen war. Heute bauen reiche Bürger lieber ein Haus im Grünen, weit draußen und möglichst sichtgeschützt. Und während Handwerker und Kleinunternehmer früher in der Stadt ihre Werkstatt hatten, haben sie diese heute in locker bebauten Gewerbegebieten, die rein funktional ausgerichtet sind.


    Wozu soll also eine rekonstruierte Altstadt dienen?


    Denkbar wären Wohnungen, aber eben nur für Leute, die es sich leisten können und in einer dicht bebauten Altstadt wohnen möchten, teilweise in verwinkelten, nicht immer lichtdurchfluteten Wohnungen, die auch nicht immer nach modernen, funktionalen Gesichtspunkten geplant ist. Allerdings ist die heutige Nürnberger Altstadt eher kein bevorzugtes Wohngebiet; das Bürgertum wohnt in den nördlichen oder östlichen Außenbezirken oder gleich ganz außerhalb der Stadt.


    Denkbar wären auch kleine Läden und Geschäfte, Restaurants, Kaffeehäuser - wenn man davon ausgeht, dass sich all dies durch einen gesteigerten Tourismus lohnen würde. Allerdings ist dazu zu sagen, dass auch schon jetzt immer mehr Touristen nach Nürnberg kommen (warum auch immer, vielleicht halten die ja wirklich die Fünfzigerjahre-Notbauten für originale mittelalterliche Bauten); so gab es im Jahr 2018 ein Rekordergebnis von 3,6 Millionen Übernachtungen und 2 Millionen touristischer Ankünfte. Und viele wollen gar nicht, dass es noch mehr Touristen gibt.


    https://www.infranken.de/regio…htungen;art170470,4069597


    Ich bin der Meinung, dass wir ungeachtet der anderen Faktoren, und auch ungeachtet eines unmittelbaren Nutzens, unsere Altstädte rekonstruieren müssen. Allerdings gehöre ich damit einer verschwindenden Minderheit an.


    Die meisten sind zufrieden, wie es ist, oder haben andere Probleme. Gerade in Nürnberg ist man überzeugt, dass der Wiederaufbau vorbildlich war. Woran man das festmacht, ist mir vollkommen schleierhaft: Weite Teile wurden in Vorstadt-Bebauung errichtet, die so überhaupt nichts Altstadt-Typisches hat; und es gibt viele hässliche Ecken, die chaotisch geplant sind und Hinterhof-Atmosphäre atmen. Aber: Der Glaube, es gut gemacht zu haben, überwiegt bei denen, die sich damit politisch befassen; selbst hier im Forum hört man ja diese Meinung, wenn auch abgemildert.


    Ich habe auch nie das Gefühl gehabt, dass die Nürnberger ihre Altstadt vermissen; dies ist ganz anders in Dresden, wo es neben der traurigen Realität immer noch eine Idee von der Schönheit der unzerstörten Stadt gegeben hat, und ein Verlangen danach, diese Schönheit wenigsten zu einem kleinen Teil wiederzuerlangen. In Nürnberg gibt es so etwas kaum.


    Mit Willen könnte man viel erreichen. Allein, ich sehe diesen Willen in dieser Stadt nicht, und ich sehe auch nicht, dass solch ein Wille entsteht.

  • Ich habe mich auch schon oft gefragt, wie man am besten strategisch vorgehen sollte - strategisch nicht im Hinblick auf die politische Strategie, sondern im Hinblick auf die Häuser, Straßen und Plätze, die in Nürnberg im Fokus von Rekonstruktionsbemühungen stehen sollten.


    Es gibt da wohl grundsätzlich zwei Herangehensweisen:


    Zum einen kann man sich auf einzelne entstehende Notwendigkeiten oder Gelegenheiten fokussieren. Im Prinzip haben so die Altstadtfreunde immer gearbeitet. Eine Notwendigkeit ist es, wenn einem alten Haus der Verfall droht - dann schreitet man ein, unabhängig davon, wo in der Altstadt sich dieses Haus befindet. Eine Gelegenheit ist es, wenn man meint, es könne sich die Möglichkeit zur Rekonstruktion ergeben. Beispiele für dieses Vorgehen sind die Renovierung des Hauses Hintere Ledergasse 43; hier haben die Altstadtfreunde Vorbildliches geleistet. Ein anderes Beispiel ist das Pellerhaus. Bei beiden Beispielen überwiegt das Interesse an einem einzelnen Haus; es ist nicht zu erwarten, dass hier jeweils ein Ensemble entsteht.


    So befindet sich das Haus Hintere Ledergasse 43 in keiner bevorzugten Gegend, sondern unmittelbar eingezwängt zwischen einem Kaufhaus und einem Parkhaus in einer eher heruntergekommenen Ecke:
    http://www.nordbayern.de/regio…in-nurnberg-auf-1.8018433
    Auch das Pellerhaus ist eingezwängt zwischen Hässlichkeiten; wenn es wieder aufgebaut wird, wird es eine Insel in einem Meer von Banalitäten sein.


    Zum anderen kann man eben auf ein bestimmtes Areal fokussieren. Wenn man dafür zugrundelegt, wie viel Aufwand notwendig wäre, ein Viertel komplett zu rekonstruieren, und wie beeindruckend und interessant dieses Viertel wäre, dann ergibt sich das in Nürnberg weitgehend selbst: Es würde sich dann ohne Zweifel um die nordwestliche Sebalder Altstadt handeln.


    Hier, im westlichen Burgviertel gibt es anteilig noch am meisten Häuser, die das Inferno überlebt haben. Hier ist auch die Parzellenstruktur noch am ehesten erhalten. Hier wäre mit vertretbarem Aufwand etwas zu erreichen, was sonst in Nürnberg unmöglich wäre: Einige Straßenzüge komplett so wiederherzustellen, wie sie einst waren. Außerdem kommt hinzu, dass dieses Viertel ohnehin mehr als andere durch Touristen geprägt ist, und einige bedeutende Bauten enthält oder von ihnen flankiert wird, die kein Tourist auslassen würde: Burg, Platz am Tiergärtnertor, Albrecht-Dürer-Haus, Piltatushaus, Sebalduskirche, Fembohaus und Altes Rathaus.


    Hier, und nur hier, könnte man eine unvergleichliche Ensemblewirkung erreichen, die dann möglicherweise ausstrahlen könnte. Das Gebiet könnte man in etwa begrenzen durch Burg und Stadtmauer im Norden und Westen, sowie durch die Burgstraße im Osten, und im Süden durch Sebalduskirche, Weinmarkt und Weißgerbergasse bis zum Hallertor.



    Quelle: OpenStreetMap, eigene Bearbeitung


    Erweiterungen, oder sollen wir sagen: Brückenköpfe, würden sich dann logisch daraus ergeben.

  • 1. Welche Kommune in Deutschland hat private Besitzer dazu angehalten, zerstörte Gebäude zu rekonstruieren? Mir wäre keine bekannt.


    Die in städtischem oder staatlichem Besitz befindlichen Gebäude in Nürnberg wurden ja weitestgehend bereits nach dem Krieg rekonstruiert. Ich vermute auch, das der Anteil des städtischen Haushalts in Nürnberg für Ausgaben des Erhalts altstädtischer Bauten (man denke nur an die laufenden Ausgaben für die Stadtmauer, die hier interessanterweise nie erwähnt wird) weitaus größer ist als z.B. der in FFM, Stuttgart oder Dresden.


    2. Weshalb ist die Ausgangslage in Nürnberg so anders als in Dresden?


    In Dresden herrscht seit 1945 das Grundgefühl des historischen Abstiegs und der "ungerechten Bestrafung". Und makroökonomisch wie auch politisch ist da aus heutiger Sicht auch einiges dran. Noch dazu war die Altstadt über Jahrzehnte tlw. gar nicht bebaut, bzw. wurde im Stile der "neuen Zeit" bewusst total überformt, der Sozialismus setzte schließlich auf den historischen Bruch mit dem Überkommenen. In der Stadtmitte klaffte so über Jahrzehnte eine offene Wunde. Für viele Dresdner ging die Nachkriegszeit erst mit dem Wiederaufbau der Frauenkirche und der Wiederrichtung des Neumarkts so halbwegs zu Ende.


    In Nürnberg herrschte nach 1945 das Gefühl des "mit einem blauen Auge davon gekommenen", insb. durch die Präsenz der US Army und der Nürnberger Prozesse. Anders als in Dresden gerieten die zügig errichten Neubauten schon aus damaliger Sicht sehr sehr konservativ (man Vergleiche mit FFM), eben "altstadtgerecht" und die historischen Leitbauten waren schon in den 1960er Jahren wieder errichtet. So gelang es, eine gewisse Kontinuität bei gleichzeitiger zukunftsorientierter Entwicklung zu suggerieren. Für den Nürnberger war die Nachkriegszeit daher eher eine Phase des insgesamt geglückten Wiederaufstiegs, ein Zeit auf die man heute (zu Recht) Stolz ist. Auch die Nürnberger können mit den drögen Fassaden aus den 1950ern nicht viel Anfangen, auch nicht mit den darin befindlichen Wohnungen. Die meisten werden aber zustimmen, das die damals Handelnden die Weichen beim Wiederaufbau richtig gestellt haben.
    Wer nun in Nürnberg rekonstruieren will, muss genau hier ansetzen und eine positiv wahrgenommene Geschichte auf Höhe der heutigen Zeit weiter erzählen. Daher geht der Blick bei Reko-Debatten wohl eher Richtung FFM als nach Dresden. Motto ist da weniger: "Wie werden wir wieder das was wir mal waren" (Dresden) als eher "wie können wir unsere Stadt attraktiv UND im historischen Kontext weiter entwickeln" (FFM)...


    Wenn in Nürnberg im Stadtbild heute rekonstruiert werden soll (ich persönlich würde das ein oder andere Projekt dazu sehr begrüßen), dann liegen die Aufgaben vor allem in privater Hand. Geld dazu wäre sicherlich vorhanden, den anders als bei den klammen Kommunen gibt es in Mittelfranken heute sehr viel Privatvermögen (auch ein Gegensatz zu Dresden, da ist es eher umgekehrt).


    d.