• Um mal zu illustrieren wo wir bei der Aufstockung des ESW-Gebäudes am Hans-Sachs-Platz angefangen haben:


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    Quelle: Evangelisches Siedlungswerk, Vorlage beim Baukunstbeirat der Stadt Nürnberg, 12.05.2016


    Diese ersten Entwürfe fanden wohl zunächst Zustimmung bei den Juroren und der Stadt, das Bild hat sich erst gewendet als die Altstadtfreunde auf die Schwächen der Entwürfe hingewiesen hatten. Allen voran dieser vollkommen unnötige Kontrast zwischen den bestehenden Bauteilen des 1950'er Jahre-Hauses und den neu gebauten Teilen. Es brauchte also wieder einmal den Widerspruch u.a. der Altstadtfreunde, um die Damen und Herren Architekten zur Vernunft zu bringen.


    Und das zeigt ganz deutlich wo wir in Nürnberg stehen: Nichteinmal das nach dem Krieg geleistete findet gestalterische Wertschätzung und Anerkennung, sondern soll regelmäßig durch modernistische An-, Um- und Aufbauten erkennbar in die Zukunft transferiert werden. Das Ergebnis freilich wäre ein unappetitlicher Architektursalat.

    Deshalb finde ich ist es wichtig, auch der Nachkriegsarchitektur eine gewisse Anerkennung entgegen zu bringen, denn schnell ist es schlecht geredet, und Architekten und Verwaltung träumen dann von etwas ganz neuem, einem Glasturm, einem Hubschrauberlandeplatz, einen begrünten Hochhaus oder sonstwas (alles schon mal dagewesen!). Das Gefüge der Nürnberger Altstadtarchitektur ist nach meinem dafürhalten extrem fragil, da die 1950'er auch so wenig sympathisch sind.

  • Die Kritik mag auch daher rühren, dass die Rekonstruktionsbemühungen der Nachkriegszeit einige wesentliche Architekturikonen links liegen ließen. Toplerhaus, Pellerhaus etc. fehlen halt heute immernoch. Gerade beim Pellerhaus, das ja im Nachkriegsbau weiterlebt, bleibt dieser Schmerz und diese Sehnucht erhalten, und wird vor Ort augenscheinlich. Und jeder wird durch diesen eigentlich unnötigen Kontrast aus brutaler 50'er-Jahre Überformung und erhaltenen Resten des Originals dazu gezwungen sich zu entscheiden. Und da kann der Wiederaufbau halt oft nicht punkten. Ich glaube das wird oft auf jedes klitzekleine Wohnhaus in der Altstadt projiziert, oft ohne zu wissen, was dort vorher eigentlich genau war.


    Kurz: Die Reko des Pellerhauses würde den Wiederaufbau der Altstadt als Ganzes deutlich nach vorne bringen und wesentlich befriedigender machen.

    Wie gesagt, ich verstehe die Kritik, ich habe mir viele Galerien hier angeschaut, ich habe die Sebalder Steppe gesehen und erkenne den Mangel an einem einzigen halbwegs geschlossenen Ensemble. Trotzdem wundert mich diese Schärfe, diese Absolutheit im Urteil, auch hier weiter oben wieder "mit Abstand am schlechtesten wiederaufgebaut", "verloren", usw usf.... wirklich zahlreiche absolut vernichtende Urteile, die selbst, wenn man sie cum grano salis als Äußerung der Enttäuschung wertet, irgendwie zumindest in dieser Dichte und scheinbaren Einigkeit übers Ziel hinausgeschossen wirken.


    Von mir wird man in den Strängen zu Bremen auch mal die eine oder emotionale Übertreibung finden, wenn ich mich wieder ärgere, was Krieg und v.a. der Wiederaufbau noch alles zerstört haben, das ist klar. Ich möchte auch Bremens kunsthistorischen Wert gar nicht mit dem Nürnbergs gleichsetzen, weiß sehr wohl, dass dort im Prinzip eine Art Florenz untergegangen ist und in Bremen nur ein bescheideneres Lübeck. Trotzdem wundert mich diese Schärfe in den Urteilen, schon fast seit ich hier mitlese scheint hier ein Konsens zu herrschen, dass Nürnberg das Schlimmste ist, was Deutschland zu bieten hat und überhaupt alles kaputt, am besten gleich abreißen.


    Und das kontrastiert eben dann doch mit der Realität ganz gewaltig, zumindest für den interessierten Laien, der sich an einem schönen Tag ein wenig ohne Plan hat treiben lassen in der Altstadt.

  • Trotzdem wundert mich diese Schärfe, diese Absolutheit im Urteil, auch hier weiter oben wieder "mit Abstand am schlechtesten wiederaufgebaut", "verloren", usw usf.... wirklich zahlreiche absolut vernichtende Urteile...

    Das kann man nur psychologisch erklären glaube ich, da die Liste an sachlichen Argumenten endlich ist, und hier auch regelmäßig wiederholt wird.

    Psychologisch mag es auch eine Rolle spielen, dass der Wiederaufbau Nürnbergs im Grunde ein Bescheidener ist. Bescheiden darin, dass man eben nicht alle Ikonen wieder aufgebaut hat, sondern nur die Großbauten. Und Bescheiden auch in der Qualität der 50'er-Jahre Wohnhäuser. Sie protzen keineswegs mit großformatiger Kunst am Bau, abenteuerlichen Flugdächern oder spacigen Schaufensterfronten. Abgesehen von der Bayerischen Staatsbank am Lorenzer Platz sind alle schönen 50'er-Jahre-Gebäude außerhalb der Altstadt zu finden. Der Wiederaufbau der Altstadt ist dagegen in den Dimensionen eher provinziell und in der Gestaltung durchweg konservativ.

    Aber nun kommts, das Nürnberger Selbstverständnis sieht genau darin etwas ganz großartiges, und schleudert das einem oft auch noch ungefragt entgegen. Dass der Wiederaufbau großartig geworden ist wissen selbst jene, die noch nie hier waren. Deswegen ist wohl unter den Architekturliebhabern die Anbandelung mit der heutigen Altstadt besonders schwierig.

  • Sehr interessant und informativ, danke!


    Ich muss jetzt aber von meiner Seite aus etwas Enttäuschendes beitragen: Für mich macht es keinen Unterschied, ob nun jener ältere Entwurf gebaut worden wäre oder der, der nun eben dort steht. Es ist, wie wenn man Gäste empfängt, und der Kaffeetisch auf einer blütenweißen Tischdecke angerichtet ist - ob da nun an zentraler, gut sichtbarer Stelle ein brauner oder schwarzer Fleck drauf wäre, wäre mir egal: Das Tischtuch müsste auf jeden Fall weg.


    Ich finde sogar, dass es einige Städte besser machen als Nürnberg, indem sie gute moderne Architektur zulassen. Das ist zwar nicht meine erste Wahl - ich würde fast immer rekonstruieren - aber immer noch besser, als diese spießige, piefige Fünzigerjahre-Wiederaufbau-Billigarchitektur, die nicht Fisch noch Fleisch ist. Angepasste Architektur kann auch ihren Platz haben; sie muss aber Mindestanforderungen erfüllen, um als Lückenbüßer und Platzhalter fungieren zu können.


    So verstehe ich also deinen Standpunkt, teile ihn aber nicht. Wahrscheinlich liegt es auch an der Perspektive: Gehe ich aus von einem Nürnberg, das ich in einem Atemzug mit Florenz oder Bologna nennen möchte, oder geht es mir einfach um eine halbwegs lebenswerte Stadt ohne historischen, internationalen, städtebaulichen, künstlerischen Anspruch? Bin ich also zufrieden, wenn Nürnberg so aussieht wie eine einfache Vorstadt mit renovierten Mietskasernen? Genau so sieht Nürnberg nämlich östlich vom Hauptmarkt, also im östlichen Sebald, aus.


    Ästhetisch macht es für mich keinen Unterschied, ob man das Gebäude so gelassen hätte, wie es war, ob man es aufgestockt hätte, wie ursprünglich geplant, ob es nun so aufgestockt ist, wie ich es weiter oben fotografiert habe, oder ob man dort einen Glaskubus hingesetzt hätte.


    Das einzige Argument, was zählen könnte, ist, dass das Gebäude in der jetzigen Form weiterhin als Platzhalter fungieren kann, während solche Entwicklungen wie auf dem Augustinerareal die Stadt auf sehr lange Sicht beeinträchtigen werden. Allerdings ist das eine Haltung, die ich noch eher vor 20 Jahren eingenommen habe; inzwischen frage ich mich, wie alt ich wohl werden muss, um die zahlreichen Platzhalter ersetzt zu sehen, und ob ich es wohl jemals erleben werde. Vielleicht belügt man sich damit auch selbst, um es sich erträglicher zu machen.


    Im Grunde ist Nürnberg für uns, die wir jetzt leben, verloren, und ob die gesellschaftliche Entwicklung wirklich dahin geht, dass man in hundert Jahren mehr rekonstruiert, wage ich zu bezweifeln. Das heißt nicht, dass man in Nürnberg nicht leben könnte; schließlich kann man auch in Pforzheim oder Gelsenkirchen leben. Auch dort werden manche Leute noch die vielbeschworenen "schönen Ecken" finden! Kunsthistorisch ist solch ein Nürnberg aber ohne Bedeutung, und ästhetisch ein Schlag ins Gesicht.

  • Hm, du vergisst einen wichtigen Punkt! Das Gebäude wurde nicht aus gestalterischen Gründen aufgestockt, sondern weil es für die Eigentümergesellschaft ein Wirtschaftsgut ist, ein Vermögen darstellt, das entwickelt werden sollte. Und das betrifft alle Gebäude in der Altstadt, wie überall. Da es zumindest in Nürnberg keine straffen Rahmenbedingungen für Gestaltungen gibt - es fehlt eine Gestaltungssatzung, der Ensembleschutz ist wenig effektiv und unter Denkmalschutz stehen nur beschämend wenige Gebäude - ist diesem Entwicklungsdrang leider zu wenig entgegen zu setzen, existieren zu wenige Leitplanken. Aus ästhetischer Sicht ist deine Beurteilung sicherlich weitgehend umfassend, aber was, wenn man das Gebäude nur als Immobilienwert betrachtet, welches ein Potenzial darstellt innerhalb eines Bebauungsplanes? Das ist was ich meinte als ich schrieb "es wurde keine Sekunde über eine Rekonstruktion nachgedacht". Wozu auch, das wäre eine Abwertung des Grundstücks gewesen, eine Verringerung der verwertbaren Geschossfläche, ein Verschenken von Förderungen usw. Man muss grundsätzlich davon ausgehen dass die Mehrheit der Hauseigentümer in der Altstadt darüber nachdenken, wie sie ihr Grundstück möglichst hoch, möglichst dicht und möglichst modern (z.B. wegen energetischer Förderung) bebauen können. Wenn dann trotzdem etwas 50'er Jahre-mäßiges herauskommt ist das ein Gewinn für das Altstadtgefühl. Ich erinnere nur an die Stadtbibliothek, die mein persönlicher städtebaulicher Alptraum geworden ist, da ich ihr Entstehen mitbekommen habe und mich das erst zu diesem Thema und zu den Altstadtfreunden gebracht hat.


    Wenn du also die 1950'er Gebäude als Platzhalter beschreibst musst du wissen, dass 99,9% davon einst durch etwas moderneres ersetzt werden, was noch weniger altstadtkonform sein wird (Standardschuhschachtel), und maximal 0,1% von einer Reko ersetzt werden wird.

  • Was provoziert als ehemalige Bewohner ist halt die selbstverliebtheit der Stadt. Wie oft wurde mich die Schönheit der Stadt gelobt. Mustergultige Wiederaufbau! Mittelalterliche Grundriss! Wunderschöne Altstadt. Uberall wird die Schönheit von manche Burger so hochgelobt dass man ganz verwirrt wird. Wo liegt diese Stadt die die alle so beschwören!


    Leuten aus Rom und Bologna sind da deutlich kritischer mit sein Stadt - hier hat die Politiker alles richtich gemacht oder macht es halt noch besser. Zum Krönung gab es bei McDonalds am Hauptmarkt alte Bilder von Nurnberg aber eine wirkliche Intresse fur alte Nurnberg war sogar Hamburgerkunden schwer zu erkennen. Dresden wollen wieder etwas werden! Nurnberg war einmal was!


    Diese extreme Unterschied zwischen Ist-zustand und Selbstbild ist halt in Nurnberg brutal. Man wird halt ein Florenz verkauft aber ich als ehemalige Bewohner sieht etwas wie Braunschweig -wo in Braunschweig die Tranditionsinseln ein bisschen hubscher sind und die Grunderzeitvertiel noch besser erhalten sind.

  • Rothenstein, abwegige Vergleiche Nürnbergs mit Pforzheim und Co. tragen nicht unbedingt zu einer sachlichen Einordnung bei. Es gibt in der Nürnberger Altstadt schon noch viele angenehme Areale (v. a. im Westen). Zu kritisieren ist sicherlich, daß es zu wenige (überwiegend) geschlossene Altstadtflächen gibt. Einen dermaßen großen, teilweise (!) historisch durchzogenen Bereich wie in der westlichen Altstadt findet man in der BRD selten.


    Wie gestern schon geschrieben: Wer in der östlichen Sebald steht, erwartet "Altstadt", da 1. innerhalb der Stadtmauern und 2. da die überwiegend kleinteilige Bebauung erahnen läßt, wie es aussehen könnte.

    In anderen Städten sind weite Flächen der ehemaligen Altstadt als solche überhaupt nicht mehr zu erkennen, deswegen vermisst man dort wahrscheinlich auch weniger.


    Mit größter Wahrscheinlichkeit wird niemand von uns erleben, daß in bundesdeutschen Städten in großer Zahl einzelne Gebäude herausgerissen und rekonstruiert werden. Es wird - leider - immer nur um Leuchtturmprojekte gehen.

    Konkret habe ich den Eindruck, auch wenn ich schon länger nicht mehr in Nürnberg war, daß man durch das immer weitere Hinausdrängen des Autoverkehrs aus dem Innenbereich der Stadtmauer auf einem richtigen Weg ist. Vieles in der östlichen Sebald sieht auch deswegen so unerbaulich aus, weil es mit (billig geflicktem) Asphalt durchzogen ist. Natürlich hat dies keine Auswirkung auf die Fassaden, aber die Rückeroberung des innerstädtischen Raumes, das Aufbrechen der asphaltierten Flächen und Parkplätze (Außengastronomie, Günflächen etc.) tragen ebenfalls zu einer lebenswerteren Stadt bei.

  • Was provoziert als ehemalige Bewohner ist halt die selbstverliebtheit der Stadt. Wie oft wurde mich die Schönheit der Stadt gelobt. Mustergultige Wiederaufbau! Mittelalterliche Grundriss! Wunderschöne Altstadt. Uberall wird die Schönheit von manche Burger so hochgelobt dass man ganz verwirrt wird. Wo liegt diese Stadt die die alle so beschwören!

    Ich denke, das ist ein wichtiger Punkt, um zu verstehen, warum Nürnberg hier so viel Kritik auf sich zieht. Diese provinzielle Selbstverliebtheit vieler Nürnberger und ihre Wirtschaftswunder-Nostalgie, die die große Geschichte und Architektur dieser Stadt geradezu aggressiv leugnet.

    Wenn man sein Auto nach einem Unfall zur Reparatur in die Werkstatt gibt und es mit fast genauso viel Beulen und Lackschäden zurückbekommt wie vorher, dann ist man auch eher auf eine Werkstatt sauer, die einem weismachen will, das Auto wäre wieder so schön und toll wie vorher als auf eine Werkstatt, die einem eingesteht, dass sie Mist gebaut hat.


    Hinzukommt, dass eben diese ungerechtfertigte Selbstverliebtheit, dieses ständige lächerliche Schönreden des Nachkriegsschrotts, der heute die Nürnberg Altstadt prägt, jede Verbesserung unmöglich macht. Das regt mich schon seit mehr als einem Jahrzehnt auf, seit ich zum ersten Mal in Franken gelebt habe.


    Man darf auch nie vergessen, dass die Architektur der 50'er Jahre eine bewußte Abkehr vom mittelalterlichen Nürnberg und seinen Gestaltungsprinzipien war. Das ist nicht einfach so passiert, sondern wurde von Heinz Schmeißner und Wilhelm Schlegtendal, die ja schon von den Nazis als Architekten des Nürnberger Wiederaufbaus vorgesehen worden waren, von oben verordnet.

    Siehe z.B. Schmeißners Verbot in der Altstadt beim Wiederaufbau gotische Dachneigungen zu bauen. Das macht einen halt noch wütender, wenn man zugleich weiß, dass es in Nürnberg in den ersten Nachkriegsjahren auch durchaus Bestrebungen zu einer echten Rekonstruktion der Altstadt gab.

  • Das interessante ist das auch Rekonstruktion und Wiederaufbau für mich emotional anders wirksam werden.

    Wenn ich an Wiederaufbau denke, denke ich an die gestalterische Unzulänglichkeit der heutigen Sebalder Steppe mit all seinen recht einfachen Wohnhäusern, breiteren Straßen und zusammengefassten Grundstücken, den immer rechtwinkligen Fassaden und Fenstern, die heute alle mit Kunststoffrollläden versehen sind, das insgesamt eher fades Stadtbild abgibt.

    Bei Rekonstruktionen aber, und die hat es zur selben Zeit auch zahlreich gegeben z.B. rund um die Sebalduskirche oder unterhalb der Burg kommt keinerlei Unwohlsein auf. Das ist alles so selbstverständlich, authentisch und überzeugend.


    Den Vergleich mit dem Auto mag ich auch gerne, niemand würde auf die Idee kommen bei einer Reparatur eines Autos einen aktuellen Außenspiegel anzubauen anstatt einen originalgetreuen. Mit dem Argument, die neueren Außenspiegel blenden weniger oder bieten bessere Übersicht oder so. Quatsch, da ist es selbstverständlich dass es immer Originalteile sein müssen. Bei Sanierung und Wiederherstellung wertvoller Architektur allerdings muss darum jedesmal gekämpft werden.

  • Das macht einen halt noch wütender, wenn man zugleich weiß, dass es in Nürnberg in den ersten Nachkriegsjahren auch durchaus Bestrebungen zu einer echten Rekonstruktion der Altstadt gab.

    Ich habe das Folgende schon einmal in einem Nürnberger Strang gefragt.


    Ich meine mich zu erinnern, dass ich wohl in den Fünfzigern mit großem Interesse in der Zeitung zeitnah gelesen habe, dass im Nürnberger Rat drei Vorschläge zum Aufbau der Altstadt vorgelegt worden seien:


    Eine autogerechte Stadt bei völlig neuer Verkehrsführung unter gänzlichem Verzicht auf alle historischen Grundrisse. Dies wäre der Tod der Altstadt gewesen, wurde in dem Bericht kommentiert, ich sehe das heute noch vor mir.


    Nach dem zweiten Vorschlag sollte auf den alten Grundrissen die gesamte Altstadt rekonstruiert werden, Haus für Haus.


    Der dritte Vorschlag: Wiederaufbau unter Erhaltung der noch vorhandenen Bausubstanz, Wiederaufbau oder Rekonstruktion wichtiger historischer Höhepunkte wie des Rathauses, der Burg und der Kirchen, ansonsten weitgehende Bebauung mit Wohnhäusern auf den alten Straßen-Grundrissen, die mit Satteldächern an die zerstörte Bebauung und ihre Dachlandschaft erinnerten.


    Ich meine mich zu erinnern, dass der erste Vorschlag mit großer Mehrheit abgelehnt worden ist, die Entscheidung aber dann mit nur einer oder zwei Stimmen Mehrheit zugunsten des dritten gefallen sei.


    Das liegt wohl etwa sechzig oder siebzig Jahre zurück. Darüber müsste in den Nürnberger Archiven ja etwas zu finden sein. Weiß jemand etwas?


    Kaum auszumalen, was die Annahme des zweiten Vorschlags für den Wiederaufbau in Deutschland generell bedeutet hätte. Ganz abgesehen davon, dass uns die Altstadt von Nürnberg wiedergeschenkt worden wäre wie die in Danzig oder Breslau.


    Zur Bewertung der heutigen Altstadt: Es hätte schlimmer kommen können. Die positive Beurteilung vieler, darunter auch von mir, hängt vielleicht damit zusammen, dass es grandiose Durchblicke zur Burg oder anderen markanten Punkten gibt, die durchaus noch den Eindruck der Stadt vor der Zerstörung erwecken können. Ich war einmal zu Gast in einer hochgelegenen Wohnung in der Nähe der Katharinenkirchen-Ruine, aber oberhalb - der Ausblick war so unglaublich grandios, dass ich mich kaum lösen konnte. Auch der Blick vom Vorplatz der Lorenzkirche zur Burg lässt mir jedesmal das Herz höher schlagen. Dazu kommen Plätze wie der Unschlittplatz oder Inseln wie unter der Burg, Partien an der Pegnitz, die Befestigung usw,


    Dennoch, ihr habt alle recht: Es gibt in Nürnberg noch sehr viel zu tun. Das Pellerhaus und das Toplerhaus wären zwei Highlights, nach denen sich jede Stadt der Welt die Finger lecken könnte. Und das wäre erst ein Anfang.


    Ich wäre heilfroh, wenn endlich wenigstens das Pellerhaus vollendet würde.


    Dennoch - ich liebe diese Stadt!

    Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,

    Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern‘,

    Und verstehe die Freiheit,


    Aufzubrechen, wohin er will.


    Hölderlin

  • Was mich am meisten Schockiert , ist der Unwille der Stadtoberen zur Verbesserung , und das obwohl es viele Menschen und auch Pläne(Pellerhaus) gibt , die dies verwirklichen könnten …. das macht es Doppelt Schlimm.

  • Mich erschrecken die vielen einheimischen Stimmen, die Nürnbergs Identität ablehnen und unbedingt eine neue wollen. Dieses despektierliche "Bratwurst- und Butzenscheiben"-Gerede finde ich unerträglich. Die zerrissene Haltung der Stadtoberen, die einerseits mit den historischen Motiven Werbung machen, aber andererseits eine Weiterentwicklung durch sinnvolle und gezielte Rekonstruktionen kategorisch blockieren, ist da nur symptomatisch.

  • ... niemand würde auf die Idee kommen bei einer Reparatur eines Autos einen aktuellen Außenspiegel anzubauen anstatt einen originalgetreuen. (...)

    Das ist ein sehr guter Vergleich. Ich meine mich auch zu erinnern, daß es schon moderne Architekten gab, die sich vehement gewehrt haben, als die von ihnen entworfenen Häuser umgebaut werden sollten. Wegen des Urheberrechts, oder so.


    Komischerweise wird bei historischen Bauten ganz oft darauf gepfiffen, was sich der damalige Architekt für Gedanken gemacht hat. Da wird umgebaut und verändert, ohne mit der Wimper zu zucken, und was das Zeug hält. - Urheberrecht abgelaufen.


    Dabei sollte schon allein aus Respekt vor dem Erschaffer, der Ursprungsgedanke gewahrt und wiederhergestellt werden.

  • Guten Abend

    Ich hätte ein paar Fragen

    Wie konnte es passieren, dass in den 60er und 70ein die beiden noch erhalten Häuser der sieben Zeilen abgebrochen wurden?

    Warum wurde nur eines wieder mit Fachwerk aufgebaut und in wie weit entspricht dieses dem Vorgängerbau?

    Und wieso haben die anderen Häuser teilweise nicht einmal ein Krüppelwalmdach? Oder waren die sieben Zeilen auch früher mit unterschiedlichen Dächern ausgestattet?

    Vielen Dank euch

  • Teilweise kann ich deine Fragen schon beantworten. Du solltest aber für die auswärtigen Leser und Nicht-Kenner von Nürnberg zuerst schon ein paar Angaben zu den Häusern machen, mindestens mal ein Google-Bild:

    Google Maps.


    Weitere Bilder: Wikimedia Commons


    fm618533a.jpg

    Die nördlichen vier Zeilen von 1489 von Südosten her vor 1933 (Quelle: Bildindex.de).


    Es ist eine Tragödie, was mit diesen Häusern passiert ist. Aber schön der Reihe nach:


    Bei den "Sieben Zeilen" handelt es sich um sieben hintereinander stehende Häuserzeilen à drei Häuser, die in den Stadtgraben der vorletzten Stadtmauer gebaut wurden. Die ersten fünf Reihen entstanden 1489 in Fachwerk. Die beiden Kopfbauten wiesen jeweils einen Halbwalm mit Windloch auf. 1524 wurden in einer zweiten Etappe die beiden südlichen Zeilen errichtet. Auch ihre Kopfbauten wiesen Halbwalmdächer auf, aber ohne Windloch. So entstanden die "Sieben Zeilen" in ihrem äusseren Erscheinungsbild praktisch identisch, aber mit unterschiedlichen Fachwerktypen und Konstruktionsdetails der Dachstühle (1489 angeblattete Bänder und stärker auskragender Halbwalm mit Windloch; 1524 eingezapfte K-Streben und weniger auskragender Halbwalm ohne Windloch).


    Auf der Schadenskarte von 1945 sind die nördlichen sechs Zeilen als Totalschaden verzeichnet; ob sie damals gänzlich abgebrochen wurden, weiss ich nicht. Ihr Wiederaufbau erfolgte 1966 bis 1973 im typischen Nürnberger Wiederaufbaustil mit muralen Fassaden und Einzelfenstern mit Sprossenkreuz. Zwei der sechs Zeilen erhielten nur reine Satteldächer ohne Halbwalme, weil auch die entsprechenden, zerstörten Vorgängerbauten keine Halbwalme besessen hatten (vermutlich waren ursprünglich aber solche auch vorhanden). Von der südlichsten Zeile wurde das mittlere Haus als Totalschaden und die beiden Kopfbauten als schwer beschädigt eingestuft. Von diesem Zustand - das Mittlere abgebrochen und die beiden Kopfbauten einigermassen wieder instandgestellt - gibt es Fotos. Auch im "Bürgerhaus" findet sich eine solche Aufnahme:

    Wilhelm Schwemmer: Das Bürgerhaus in Nürnberg, Verlag Ernst Wasmuth, Tübingen 1972.

    Der Autor geht auf die Häuser ziemlich detailliert ein und veröffentlichte auch Grundrisse (die, so weit ich mich erinnere, durch Architekturstudenten aufgenommen wurden).


    1973 ging es nun an den Kragen dieser letzten zwei Glieder, deren Abbruch nicht unumstritten war. Deshalb hat die südlichste "Zeile" heute vorgeblendete Fachwerkfassaden. In den Nürnberger Altstadtberichten sollte dazu was zu finden sein. Infolge dieses Abbruches kam es dann zur Gründung der Altstadtfreunde Nürnbergs. Ich glaube, dass dies der letzte skandalöse Abbruch in der Altstadt war, bevor auch Häuser am Unschlittplatz das gleiche Schicksal bei einem Haar ereilen sollte.


    Meines Wissens haben die Sieben Zeilen noch keine eingehende Würdigung erfahren; in der Fachliteratur werden sie aber oft am Rande erwähnt.


    Wie konnte es passieren, dass in den 60er und 70ein die beiden noch erhalten Häuser der sieben Zeilen abgebrochen wurden?

    Warum wurde nur eines wieder mit Fachwerk aufgebaut und in wie weit entspricht dieses dem Vorgängerbau?"

    Die Fragestellung ist aber nicht ganz korrekt und bedarf zuerst einer Präzisierung:

    Von den insgesamt 21 Hauseinheiten (7 Zeilen à 3 Häuser) überdauerten nur die beiden Kopfbauten der südlichsten Zeile. Diese beiden Bauten und die Baulücke dazwischen wurden 1973 mit einer neuen "Zeile" mit vorgeblendeten Fachwerkfassaden ersetzt. Es wurde also nicht nur eines der beiden erhaltenen Häuser mit Fachwerk wiederaufgebaut, sondern die ganze südliche "Zeile" (es ist leider nur noch ein Gebäude mit einem Hauseingang. Während die 1966 errichteten Zeilen wenigstens noch aus Einzelbauten bestehen, weicht gerade die "am historischsten überkommene Zeile" von diesem Schema ab). Das für die beiden Zeilen von 1524 nachgewiesene K-Strebenfachwerk wurde 1973 übernommen; vom Fachwerkbild und den Konstruktionsdetails her hat es aber mit dem ursprünglichen Fachwerk wenig gemein.


    Und wieso haben die anderen Häuser teilweise nicht einmal ein Krüppelwalmdach? Oder waren die sieben Zeilen auch früher mit unterschiedlichen Dächern ausgestattet?

    Die Unterschiede habe ich oben bereits erwähnt.


    Weiterführende Literatur:

    - https://de.wikipedia.org/wiki/Sieben_Zeilen

    - http://www.nuernberginfos.de/s…rnberg/sieben-zeilen.html

    - https://www.altstadtfreunde-nu…2a12c4e7530f265ef05b3be4c (Artikel über das Alter der Halbwalmdächer in Nürnberg)

    - https://baukultur-forum.bz/forum/index.php?thread/8510-nürnberg-fachwerkbauten/&postID=133178#post133178 (Artikel von mir über die Halbwalmdächer in Nürnberg)

  • Vielen Dank für diese sehr ausführliche und schöne Antwort. Wirklich interessant und tragisch zu gleich. Ich hatte kein Bild eingestellt, weil ich dachte die Häuser wären allgemein bekannt und das in diesem Teil sowieso vor allem Nürnberger sind , in Zukunft werde ich bei derartigen Fragen von mir Bilder hinzufügen:). Und ich meinte nicht, dass im allgemeinen nur 1 Haus wiederaufgebaut wurde , sondern nur eines mit Fachwerkfassade.

  • Eine Rekonstruktion der gesamten oder weitgehenden Nürnberger Altstadt wäre damals, in der Nachkriegszeit wohl kaum zu schaffen gewesen. Möglich wäre eher eine vergleichsweise blutleere Variante wie Donauwörth oder Rothenburg, die immerhin den etlichen erhaltenen Kirchen, Türmen und Bürgerhäusern eine sinnvolle Einbettung verschafft hätte, während heute alles Erhaltene beinahe ein Ärgernis darstellt, zumal es dem Beschauer den ungeheuren Verlust ringsum schmerzlich vor Augen führt. Dazu hätte man nicht alle sichergestellten Steine der Ruinen Häuser in der östlichen Sebalder Altstadt verschütten müssen, eine Aktion, die ungemein bösartige Züge aufweist. Mit diesen Steinen hätten sich x-Straßen einigermaßen authentisch gestalten lassen, zumal das Nürnberger Bürgerhaus zu einem beträchtlichen Teil aus schlichten traufseitigen Fassaden bestand.

    Dass stattdessen ein Wiederaufbau im Stile des "gemäßigten Modernismus" erfolgen musste, erscheint keineswegs zwingend, muss jedoch als so etwas wie ein worst case angesehen werden. Den optimistischen Unterton Benteles:


    Es hätte schlimmer kommen können. Die positive Beurteilung vieler, darunter auch von mir, hängt vielleicht damit zusammen, dass es grandiose Durchblicke zur Burg oder anderen markanten Punkten gibt, die durchaus noch den Eindruck der Stadt vor der Zerstörung erwecken können. Ich war einmal zu Gast in einer hochgelegenen Wohnung in der Nähe der Katharinenkirchen-Ruine, aber oberhalb - der Ausblick war so unglaublich grandios, dass ich mich kaum lösen konnte. Auch der Blick vom Vorplatz der Lorenzkirche zur Burg lässt mir jedesmal das Herz höher schlagen. Dazu kommen Plätze wie der Unschlittplatz oder Inseln wie unter der Burg, Partien an der Pegnitz, die Befestigung usw,

    kann ich überhaupt nicht teilen, ja ich halte sie verfehlt und sogar insofern für schädlich, als sie zu sehr Rosen streuen und den wahren Sachverhalt vernebeln. In vielen Facetten ist das genaue Gegenteil der Fall. Der Unschlittplatz ist an einer Seite total verhunzt, was eigentlich auf alle "Inseln" zutrifft. Auf den Würfel neben dem Dürerhaus braucht man ja nicht extra hinzuweisen. Weioßgerbergasse ... nur ja den Blick gesenkt halten, nicht zu weit schauen. Dafür dass nur ja kein altstädtischer Zusammenhang mit dem Sebalder Platz hergestellt wird, sorgen besonders brutale und plumpe Bauten am Weinmarkt...

    Es gibt keine noch so kleine Zelle, die ungestört erhalten geblieben ist oder wiederhergestellt wurde*, was die Stadt extrem von Braunschweig, Hildesheim, Ulm uva unterscheidet. Diese ach so großartigen Durchblicke oder Ausblicke können mir auch gestohlen bleiben, denn sie sind alle durch irgendeine Scheußlichkeit, auf die man es in dieser Stadt angelegt zu haben scheint, verunstaltet oder nur aus ganz speziellen, gekünstelten Perspektiven möglich. Überhaupt will es scheinen, dass der Wiederaufbau von Städten wie Nürnberg oder Würzburg auf die ästhetischen Bedürfnisse von Schwalben und nicht von Fußgängern angelegt gewesen ist.

    Auch das ist unrichtig:

    Ganz abgesehen davon, dass uns die Altstadt von Nürnberg wiedergeschenkt worden wäre wie die in Danzig oder Breslau.

    Beide erwähnte Oststädte haben keine eigentliche Altstadt mehr, sondern nur noch bestimmte Ensembles (dies allerdings in zugegeben größerem Umfang, zB was Breslau betrifft, den gesamten Ring incl. Vorkriegsverhunzung und den anschließenden Salzmarkt, bzw die kleinstädtische Dominsel. Der Rest der Altstadt ist so mies wie im Westen, dh bestenfalls Stückwerk. Danzig ist anders gelagert, aber auch keinesfalls geschlossen rekonstruiert). Immerhin sind das Zustände, von denen man in Nürnberg träumen könnte, und die, vor allem um Burgviertel, sehr wohl im Bereich des Möglichen gelegen, jedoch verabsäumt worden sind.


    *

    sicher auch eine Folge der besonders gehässigen Zerstörungswut. So wurde das am 2.1.verschont gebliebene Burgviertel bei nachfolgenden Angriffen gezielt zerstört. Es will irgendwie scheinen, dass sich diese Systematik auf die Wiederaufbauenden fortgepflanzt hat.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.