Nürnberg

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      Philon schrieb:

      Zudem liegt ein wesentliches Moment der früheren Kleinteiligkeit, wenn nicht das wesentliche Moment, in den unterschiedlichen Gebäudehöhen.
      Genau das ist das Hauptproblem. Mann kann nicht einfach an diesen überdimensionierten Wohnblöcken irgendwelche historisierenden Verzierungen drankleben mit Erker und fertig ist... Nein, das sieht einfach nur lächerlich und total stilunsicher aus. Außerdem werden wir dadurch das "Disneyland"-Argument der Modernisten vollständig bestätigen, da es letztendlich nur noch in einen oberflächlichen Fassadismus ausartet...
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      Zählt denn für euch irgendwie der Plan, die Nürnberger Altstadt als Wohnort attraktiv und zügig wieder zu bebauen (ich vermeide mal den Begriff "Wiederaufbau"), damit sie gesellschaftlich lebendig und vielfältig bleibt? Wäre die Alternative nicht gewesen 1.) einige Areale durch Enthusiasten, die der Krieg womöglich auch irgendwie nicht irritiert hatte, wiederaufbauen zu lassen, indem sie sich viel Zeit nehmen irgend ein Bürgerhaus zu rekonstruieren. Erstmal egal welches Bürgerhaus, irgendwie waren sie abseits der Landmarken ja doch alle sehr ähnlich und untereinander nicht unbedingt herausragend, sondern nur als Ensemble. Und auch egal was da jetzt mit den Eigentumsverhältnissen genau war. Und auch erstnmal egal, wie lange soetwas in der Nachkriegszeit wohl gedauert haben mag. Und 2.) den Rest überwiegend durch Unternehmen, Stadt und Investoren in modernem Zeitgeschmack, gerne etwas zu groß, zu hoch, zu flach, zu breit, ohne Dach und mit Straßentunnel neu zu bebauen? Was wäre das für eine Altstadt geworden?

      Wie gesagt, ich versuche mich in die 1950'er hineinzuversetzen und zu überlegen, was damals wohl gegolten haben kann.

      In meinen täglichen Fahrten stelle ich natürlich auch fest, dass der Wiederaufbau innerhalb der Altstadt sich von den Fassaden her nicht von den Nachkriegsneubauten in den zerstörten Vorstadtbereichen unterscheidet. Wenn die Wiederaufbau-Lückenfüller ein Gründerzeitensemble nicht zufriedenstellend heilen konnten, dann klappt das wohl in der Altstadt erst recht nicht.
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      Damit man mich nicht falsch versteht: Fassadenverbesserungen könnten in Einzelfällen tatsächlich etwas bewirken. Es gibt einige Fälle, bei denen der Nachkriegsbau tatsächlich die Kubatur, die Proportionen und den Parzellengrundriß des Vorkriegsbaus aufgreift.

      Da ließe sich schon mit Sprossenfenstern, Fenstergewänden, Umbauten des Erdgeschosses, dem Aufsetzen von Dacherkern und Sandsteinverkleidungen einiges bewirken. Das wären tatsächlich Fassadenrekos so ähnlich wie beim Berliner Schloss, bei dem die rekonstruierte Fassade einen Beton-Rohbau ummantelt.

      Aber es sind insgesamt leider weniger Fälle als man als Außenstehender denken mag (daher auch meine Frage an erbse, ob er das alles überhaupt aus eigener Anschauung kennt).

      Es wäre aber wirklich einmal eine verdienstvolle Aufgabe für einen jungen Architekten oder Bauhistoriker, einmal zu katalogisieren, welche Nachkriegsbauten in Nürnberg Kubatur, Proportionen und Parzellengrundriß der Vorkriegsbauten aufgreifen. Auf der Basis könnte man dann vielleicht ein Konzept für den Umbau dieser Bauten entwickeln.

      Wenn man das dann um Vollrekonstruktionen einiger Leitbauten wie des Toplerhauses oder des Grolandhauses ergänzen würde und bei Flächenabrißen von Betonmonstern wie in St. Lorenz und zwischen Hauptmarkt und Heiliggeist-Spital konsequent Rekos à la Dom-Römer-Areal einfordern würde, dann könnte man im Prinzip vielleicht 30% des alten Nürnberg wiedererstehen lassen.

      Dazu müsste man in Nürnberg aber auch endlich von der absurden Wahnvorstellung wegkommen, der Wiederaufbau Nürnbergs sei gelungen.
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      Das größte Problem ist, dass die Altstadt überhaupt zerstört worden ist. Sehr vieles dürfte dabei unwiederbringlich verloren gegangen sein. Aber dennoch hätte man aus Nürnberg immer noch mehr machen können, und müssen! Sebald-Ost, das einst schönste Altstadtviertel Deutschlands, ist ja heute nur noch ein einziges Trauerspiel, Satteldächer hin oder her...
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      nothor schrieb:

      1.) einige Areale durch Enthusiasten, die der Krieg womöglich auch irgendwie nicht irritiert hatte, wiederaufbauen zu lassen, indem sie sich viel Zeit nehmen irgend ein Bürgerhaus zu rekonstruieren [...]
      Und 2.) den Rest überwiegend durch Unternehmen, Stadt und Investoren in modernem Zeitgeschmack, gerne etwas zu groß, zu hoch, zu flach, zu breit, ohne Dach und mit Straßentunnel neu zu bebauen?
      Und warum hätte man nicht alles im Sinn von (1.) wiederaufbauen können? In St. Malo, Warschau und Danzig nach dem 2. Weltkrieg und Ypern, Arras etc. nach dem 1. Weltkrieg ging das doch auch.

      Ich sehe nicht wirklich, dass es so viel aufwendiger gewesen wäre, zumindest die alten Kubaturen, Proportionen und Grundrisse beim Wiederaufbau beizubehalten im Vergleich zu dem, was dann stattdessen gemacht wurde. Der Mehraufwand wäre minimalst bis gar nicht vorhanden gewesen.
      Zumal ja viele Vorkriegsbauten wirklich eher einfache Sandstein-Fassaden hatten. Die Fertigstellung mit Dacherkern, Gauben usw. hätte man ja späteren Generationen überlassen können.

      Der Punkt ist einfach, dass Schmeißner das nicht wollte, weil er in der Architekturideologie seiner Zeit verhaftet war. Und damit meine ich nicht einmal die radikale Bauhaus- und Le Corbusier-Moderne, sondern auch die "gemäßigte Moderne" der Münchner Schule oder von Speer und Konsorten.
      Wir sollten bei aller Kritik am Bauhaus nicht vergessen, dass es auch eine "gemäßigte Moderne" gab, die aber ebenso radikal Anti-Reko war und vielleicht noch öfter als die "radikale Moderne" den mißlungenen Wiederaufbau der deutschen Städte zu verantworten hat.
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      Ich gebs auf, ich weiß nicht wieso man es nicht so gemacht hat wie in Ypern, Warschau oder Danzig. Vielleicht weil Nürnberg nicht die Hauptstadt eines befreiten Nationalstaats war. Oder weil die Wohnungsnot groß und die verfügbaren Flächen wenige waren. Oder weil Nürnberg als Ort der Nürnberger Prozesse nicht den Eindruck eines "Weiter so" erwecken wollte. Oder weil die tausenden Häuser vielleicht doch einfach zu viele waren, oder weil es die Eigentümer der Grundstücke nicht wollten, konnte man doch nun was neues drauf bauen.
      Keine Ahnung, ich glaube ich wäre damals nicht gern der Baureferent der Stadt gewesen. Dagegen stelle ich mir das Durchdrücken einer Reko heutzutage viel einfacher vor. Ehrlich.
      Wahrscheinlich wundere ich mich deshalb so über die Pellerhausdiskussion, die eigentlich keine Frage sein dürfte.
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      Ich gehe 2 Gedankengänge nach.
      Was wenn Nürnberg anderst,mit wichtigen Bürgerhäusern und den heutigen Gebäude wiederaufgebaut worden wäre?
      Würden wir noch immer kritik üben an den heutigen Block Gebäuden,hätten aber Pellerhaus,Höfe an der Tucherstraße,Veit Stoß Haus,Moritzkapelle,Haus an der Eckgasse...


      Und der zweite und villeicht wichtigere Gang.
      Nehmen wir an man baut die Fassaden um,das würde doch Mieten erhöhen.
      Ich weiß nicht wer da wohnt,kenne auch die Mietkosten von Nürnberg nicht.
      Aber der Besitzer würde den Umbau der Fassade z.t doch auf die Miete umlegen?

      Was wäre wichtiger?
      Ein toller Straßenbild aber teure Wohnung die sich wenige Leisten können?
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      Fuldataler schrieb:

      Nehmen wir an man baut die Fassaden um,das würde doch Mieten erhöhen.
      Nicht zwangsläufig, wenn die Umbauten durch eine Stiftung oder die Stadt finanziert oder zumindest subventioniert würden.
      Aber auch abgesehen davon entscheiden über Miethöhen in erster Linie Angebot und Nachfrage, die Lage, die Ausstattung der Wohnungen etc. Fassadenverbesserungen fallen da kaum ins Gewicht.
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      @Philon, jetzt zu meiner Theorie warum Nürnberg nicht wiederaufgebaut wurde bzw. nicht so, wie Du es Dir gewünscht hättest. Ganz einfach: Weil die Altstadt schon längst vor dem Krieg aus der Mode war.
      Der Baureferent hat in der Podiumsdiskussion in einem Nebensatz erwähnt, dass seine Großmutter, die wohl in der Nähe wohnte, nie etwas über das verlorene Pellerhaus erzählte. Meine niederbayrische Großmutter, die in den 30iger Jahren in die Nähe von Nürnberg zog, hat mir ebenfalls nie etwas vom Pellerhaus erzählt bzw. über die verlorene Altstadt allgemein. Sie hat sich über viele Dinge aufgeregt, die damals passiert waren, aber nicht über die zerstörte Baukunst.
      Lassen wir uns nicht von den damaligen Propagandafilmen (am Hauptmarkt) täuschen. Die Sebalder Altstadt war kein Ort der Massenaufläufe und des Fortschritts, deswegen mussten extra Plätze gebaut werden. (Und das war nicht kleinteilig und schon gar kein Fachwerk).
      Dann wurde Nürnberg zerstört, der Wiederaufbau erfolgte teilweise auf dem gleichen Grundriss, vielleicht war dies die schnellste und einfachste Lösung Wohnraum zu schaffen? Die ganz großen Profanbauten wurden aufgebaut, das reichte wohl. Auf alle Fälle hatten die Verantwortlichen nicht das Bewusstsein, was verloren gegangen ist. Deswegen erfreut man sich an der 50er-Jahre-Altstadt bis heute. Wobei ich die Fünziger Jahre-Bauten mit Kusshand annehmen würde, im Gegensatz was jetzt gerade gebaut wird. Da fehlen mir oft die Worte. Und das ist kein deutsches Problem, sonder ein Globales.
      Ich frage mich immer, wann war der Cut in den Köpfen? Ich finde und finde keine Lösung für dieses Problem!
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      Franka schrieb:

      Ganz einfach: Weil die Altstadt schon längst vor dem Krieg aus der Mode war.
      Ja, das ist sicherlich ein wichtiger Punkt. Ich habe das ja schon einmal angerissen, aber ich denke nach wie vor, dass die Generation der zwischen ungefähr 1890 und 1920 Geborenen eine durch alle politischen Lager hindurch radikal "modernistische" und zugleich radikal "politisierte" war. Wenn man sich die Äußerungen von Protagonisten dieser Generation anschaut, dann findet man darin immer wieder drei Konstanten:

      1. Eine enorme Faszination für und/oder ein Entsetzen vor der Entfesselung der modernen Technik (siehe den italienischen Futurismus). Was für uns heute normal ist, war für diese Generation neu und zugleich ebenso spektakulär wie furchterregend.

      2. Eine totale politische, gesellschaftliche und ökonomische Verunsicherung. Das Gefühl, die Welt sei völlig aus den Fugen geraten und man müsse dem irgendwie durch radikale Antworten gerecht werden.

      3. Der stets präsente Gedanke, man stehe mitten in einem Kampf auf Leben und Tod und könne in diesem nur bestehen, wenn man äußerste Härte gegen sich und andere zeige. Jedenfalls könne man sich keine "Sentimentalitäten" - eben z.B. Anhänglichkeit an eine historische Altstadt - leisten, müsse "alte Zöpfe radikal abschneiden".

      Wie gesagt: das findet man in dieser Generation, zu der auch Schmeißner und nahezu alle Wiederaufbauverantwortlichen in Deutschland gehörten, praktisch in allen politischen Lager, von ganz links bis ganz rechts, von den Nazis bis zu den Kommunisten, vom Bauhaus bis zum Heimatstil. Das sind alles natürlich nicht die besten Voraussetzungen für die Rekonstruktion zerstörter Städte. Ich denke, da sind wir heute wirklich klüger, oder jedenfalls abgewogener und "normaler" (im Vergleich zu diesem permanenten Denken in den Kategorien eines Ausnahmezustands).

      Franka schrieb:

      Die Sebalder Altstadt war kein Ort der Massenaufläufe und des Fortschritts, deswegen mussten extra Plätze gebaut werden. (Und das war nicht kleinteilig und schon gar kein Fachwerk).
      Ich denke auch, dass man die NS-Ideologie in dem Zusammenhang nicht unterschätzen darf (Schmeißner war ja auch NSDAP-Mitglied, wenngleich wohl eher "Mitläufer"). Der NS war ja in seinem Kern eine anti-historische und anti-nationale Ideologie. Sein Bezugspunkt war nicht die Nation mit ihrer konkreten, reichen Kunst- und Kulturgeschichte, sondern eine herbeiphantasierte, abstrakte, im Grunde völlig ahistorisch gedachte "arische Rasse". Daraus erklärt sich sicher auch mit die Gleichgültigkeit gegenüber historischen Gebäuden und Stadtbildern.
      Verbinde das mit dem technokratischen Denken jener Generation, dann hast du die Erklärung für den fehlenden Wiederaufbau. Speer steht fast exemplarisch für all das.
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      Man sollte es aber auch nicht so pauschalisieren und über einen Kamm scheren: gewiss gab es vor dem Krieg Tendenzen zur "Modernisierung" bzw Rationalisierung (Ernst Neufert, ein Bauhäusler war sogar später in der "Gottbegnadetenliste" der wichtigsten Architekten).

      ABER, es wurde eben auch nicht überall und zu jedem Anlass gleich gebaut: es gab verschiedensten Architekturrichtung in den 1930er Jahre, gar nicht so "gleichgeschaltet" wie man das heute immer propagiert: zum einen eben die Rationalisten wie das Bauhaus, die zwar für die normalen "Zivilbauten" verpönt waren, aber bei den Industriebauten (wie zum Bsp das VW Werk in Wolfsburg, das war rein auf die Funktion erbaut, komplett "schnörkellos").

      Dann gab es die monumentalen Neoklassizisten wie zt Speer: die waren für die repräsentativen Bauten zuständig, indem man sich an Vorbilder des alten Roms orientierte(die vielen Triumphbögen für die künftige Welthauptstadt "Germania", die öffentlichen Bauten, die teilweise sehr den römischen Veranstaltungsgebäuden wie dem Kolosseum (die Kongresshalle Nürnberg), oder auch einfach den römischen Platzanlagen mit Forum siehe wiederum die Neuplanung Berlins.

      Und schließlich gab es auch die Traditionalisten: die haben eher die Aufträge bei kleineren Projekten bekommen wie zb die Göbbels Villa am Baggersee. Das waren dann die Untergruppe der gemäßigten, die eher den schlichten Heimatstil wollten mit wenig Schnörkel. Sie sahen sich als "Zwischenoption" zwischen dem schmucklosen Bauhaus und dem aus ihrer Sicht zu extrem üppig geratenen Spätgründerzeitstil (zb Kaiserpalast Dresden). Und die zweite Gruppe bei den Traditionalisten waren dann die Architekten, die wirklich mit alten Bauformen gearbeitet haben, also praktisch einen "Neohistorismus" übernommen haben. Hier war zb die Fachwerkarchitektur vorallem in ländlichen Gebieten für Neubauten vorherrschend wie es zb die Rathäuser von Mengerschied, Wüschheim und Ober-Hilbersheim. Vorallem letzteres schaut wirklich sehr authentisch aus, wie ein fränkisches Fachwerkwinzerhaus aus der Renaissancezeit! Auch das neue Rathaus von Münsingen ist in dieser Bauweise und eines der größeren Fachwerkgebäude dieser Zeit. Diese Richtung wird auch als "Heimatschutzstil" bezeichnet und auch andere regionale Stil wie der zb der norddeutsche mit Backstein gab es oder auch mit Schieferdach!

      Und selbst in der aktuellen Literatur über die Architektur des NS findest du solche Aussagen: zb in der Buchbeschreibung von "Deutsche Architekten im Elsass 1940-1944" von Wolfgang Voigt, 2012 im Ernst Wasmuth Verlag erschienen (sehr lesenswert übrigens!):

      Wolfgang Voigt schrieb:

      Die eingelieferten Arbeiten waren alles andere als homogene Entwürfe. Sie spiegeln die unterschiedliche Haltung der Architekten zum NS-Regime, vor allem aber die Rivalitäten und Positionskämpfe verschiedener Schulen der Architektur in Deutschland, die unter der Oberfläche mit Nachdruck geführt wurden.
      Leider aber da hast du recht, haben sich nach 1945 die "moderaten Traditionalisten" mit dem typischen 1950er Jahre Architekturstil durchgesetzt. Es hätte besser kommen können, wenn wirkliche Traditionalisten die Bauleitung übernommen hätten, aber auch viel schlimmer, zb wenn die puren Bauhäusler das Sagen gehabt hätten...
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      Fachwerkliebhaber schrieb:

      Leider aber da hast du recht, haben sich nach 1945 die "moderaten Traditionalisten" mit dem typischen 1950er Jahre Architekturstil durchgesetzt.
      Ja, das war der Punkt, auf den ich hinauswollte.
      Vielen Dank für die sachkundigen weiteren Erläuterungen. So differenziert wie du es dargelegt hast, war mir das alles bislang nicht klar gewesen. Ich hatte da eher vage Vorstellungen. Freilich scheint es mir auch nach deinen Ausführungen so, dass die "wirklichen Traditionalisten" in der NS-Zeit gegenüber den "monumentalen Neoklassizisten" und den "moderaten Traditionalisten" marginalisiert waren und ähnlich wie die Bauhaus-Leute nur in Nischen arbeiten konnten.

      Schmeißner gehört dagegen offenkundig in die Linie der "moderaten Traditionalisten", zudem mit gewissen Bauhaus-und Neoklassizismus-Sympathien (bei ihm kommt das alles irgendwo zusammen). Aber leider nicht zu den "wirklichen Traditionalisten", die z.B. den Wiederaufbau des Prinzipalmarktes in Münster oder den von Freudenstadt realisiert haben.

      Das müsste man alles mal architekturgeschichtlich aufarbeiten.
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      Philon schrieb:

      Es gibt einige Fälle, bei denen der Nachkriegsbau tatsächlich die Kubatur, die Proportionen und den Parzellengrundriß des Vorkriegsbaus aufgreift.
      Um Mut zu machen, ist hier mal so ein Beispiel:
      google.com/maps/@49.4545933,11…7TDWWw!2e0!7i13312!8i6656

      Vorkriegssituation:


      (Quelle: Marburger Bilindex)

      Selbst da stimmen bei den Nachkriegsbauten die Geschoßhöhen nicht wirklich, das Haus links ist breiter als es sein sollte und das Haus rechts sollte eigentlich höher sein als das Eckhaus. Aber im Prinzip passen zumindest Kubatur und Parzellengrundriß so ungefähr.

      Aber wie gesagt: Das ist in Nürnberg, vor allem in St. Sebald die absolute Ausnahme.
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      Ansonsten ist die gesamte "Sebalder Steppe" heute ein einziges städtebauliches und ästhetisches Desaster wie es in Bochum oder Pforzheim nicht übler sein könnte.
      Das Luftbild hier zeigt, wie extrem die Vereinheitlichung der Geschoßhöhen und das Ignorieren der alten Parzellengrundrisse ist:
      google.com/maps/@49.4548036,11….02h,44.98t/data=!3m1!1e3

      Da würde wirklich nur Flächenabriß und Neubau als Rekonstruktion helfen.
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      Entschuldigt, wenn ich mich hier einfach einmische. Ich habe die Stränge über Nürnberg erst jetzt richtig entdeckt. Die Stadt liegt mir seit dem 13. Lebensjahr am Herzen; das war 1954, als ich zusammen mit einem Freund 180 km weit mit dem Fahrrad nach Nürnberg gefahren bin, weil ich in einem Vorkriegs-Buch meines Vaters Bilder der unzerstörten Altstadt gesehen hatte - ein Schock!

      Zum Wiederaufbau: Ich erinnere mich eigentlich noch sehr genau, dass es im Nürnberger Stadtrat, das wird wohl schon in den Fünfzigern gewesen sein, eine Kampfabstimmung gegeben hat über drei Anträge:

      1. die Altstadt wird nach verkehrstechnischen Notwendigkeiten auf völlig neuem Grundriss geplant - nur die Burg und die großen Kirchen und einige markante Gebäude werden wieder aufgebaut.

      2. die Altstadt wird auf dem alten Stadtgrundriss Haus für Haus rekonstruiert.

      3. die Altstadt wird auf dem alten Stadtgrundriss bis auf Burg, Kirchen und einige markante Gebäude weitgehend neu gebaut.

      Der dritte Vorschlag wurde angenommen - mit nur einer Stimme Mehrheit, so meine ich mich zu erinnern. Ob die eine Stimme Mehrheit gegenüber Antrag 1 oder 2 erfolgte, kann ich nicht mehr mit Sicherheit sagen. Meine aber es sei tatsächlich 2, also der rekonstruierende Wiederaufbau gewesen. Wie ich von diesem Vorgang Kenntnis erhalten habe und wann, weiß ich nicht mehr, auch nicht die Reihenfolge der Anträge.

      Sollte diese Abstimmung hier schon bekannt sein, tut es mir leid.

      Jedenfalls, so denke ich, wäre die Verwirklichung des 2. Antrags von ungeheuerer Bedeutung für die Planung des Wiederaufbaus in Deutschland gewesen. Und die nahe Möglichkeit einer Gesamtrekonstruktion wie in Warschau oder Danzig verschlägt mir heute noch den Atem.

      Dieser Beitrag wurde bereits 1 mal editiert, zuletzt von Bentele ()

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      Bentele schrieb:

      Der dritte Vorschlag wurde angenommen - mit nur einer Stimme Mehrheit, so meine ich mich zu erinnern. Ob die eine Stimme Mehrheit gegenüber Antrag 1 oder 2 erfolgte, kann ich nicht mehr mit Sicherheit sagen. Meine aber es sei tatsächlich 2, also der rekonstruierende Wiederaufbau gewesen.
      Dem müsste man tatsächlich einmal nachforschen. Wenn es so gewesen wäre, dann wäre es ja doppelt und dreifach tragisch - und ein guter Grund, den Fehler von damals endlich zu korrigieren!
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      Die Wunderburggasse ist tatsächlich ein Beispiel für ein Problem, dass sich wohl erst noch richtig entfalten wird. Die Niedrige Bebauung ruft geradezu dazu auf, neues und höher zu bauen. Leider ist das, was heute gebaut wird noch wesentlich weniger altstadtgerecht als das, was nach dem Krieg oft gebaut wurde. D.h. die Gasse wird von irgendwann kommenden Neubauten kaum aufgewertet werden, wenn die Erdgeschosszonen aus Funktionsräumen bestehen mit Mülltonnen, Stellplätzen und Fahrradräumen. Dann wird die Gasse zu einem Unort, unwirtlich, grau, funktional - zum davonlaufen.

      Dem kann man nur schwer beikommen. Ein Schlüssel wäre aber die Pellerhausreko, die sagt "seht her, Schluss mit Provisorien, schluss mit Beliebigkeit, schluss mit Altstadtunverträglichkeit, die Altstadt soll wieder eine der schönsten in Europa werden".
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      Goldstein schrieb:

      Der NS war zudem auch noch anti-christlich und antijüdisch.
      Aus diesem Grund ist auch eine "Gottbegnadetenliste" ein absoluter Widerspruch.
      Auch das ist zu pauschal. Hitler war zeitlebens Mitglied der katholischen Kirche und beschwor in seinen Reden oft den "Herrgott".

      Philon schrieb:

      bis zum Heimatstil. Das sind alles natürlich nicht die besten Voraussetzungen für die Rekonstruktion zerstörter Städte
      Die Vertreter des Heimatschutzstils haben sich eigentlich durchaus mit der traditionellen Bauweise und dem historischen Bauerbe beschäftigt. "Fachwerkliebhaber" hat das aber schon gut dargelegt.

      Philon schrieb:

      Ein besonders drastisches Beispiel für das Versagen des Nürnberger Wiederaufbaus, die Wunderburggasse vor dem Krieg
      Wie "nothor" richtig bemerkt, ist die heutige Situation angesichts der historischen nicht akzeptabel. Es wäre auch vermittelbar, abzureißen und zu rekonstruieren, da hier - ähnlich wie übrigens beim Toplerhaus - ein Zuwachs an Geschossen und Wohnfläche entstünde. Die Gefahr ist hier allerdings weniger der Denkmalschutz als die modernistische Architektur- und Planungs-Szene, die statt dessen irgendwelche beliebigen oder (noch schlimmer) "mutigen" Styroporfassaden-Blöcke hinbauen würde. Da muss man fast über den Status Quo erfreut sein und hoffen, dass die Neugestaltung in eine bessere Zeit fällt.