• Bei ist in der Schmerzliste Nürnberg ganz oben. Warum, das beschreibt Bostonian in seinem letzten Absatz ganz gut.


    In Magdeburg ist der Verlustschmerz auch sehr groß, aber als ich die Stadt das erste mal sah, so vor ca. 15 Jahren, und der Vergleich zu heute, da scheint man genau zu wissen was die bestehenden Perlen sind, und niemand stellt sie infrage, es findet aktzuell Stadtreparatur statt, indem man die üblen Plattenbauten am Breiten Weg entfernt. Magdeburg scheint sich da eher an Frankfurt zu orientieren als an Potsdam, aber das ist ok. Historische Inseln bewahren, sie stilvoll, aber modern einrahmen und an sonsten hochwertig bauen.


    In Nürnberg dagegen habe ich seit ich hier lebe schmerzhafte Abrisse miterleben müssen (z.B. Milchhof, Güterbahnhof, Hauptpost), und verfolge aktuell unsägliche Diskussionen um z.B. das Pellerhaus, wo doch vollkommen klar ist was hier zu passieren hat! Ebenso die schreckliche Sanierung des Luitpoldhauses zur Stadtbibliothek. Man geht hier oft tatsächlich in die falsche Richtung, das tut weh, weil das Zerstörungswerk, dass durch den 2. WK begonnen wurde, immernoch im Gange scheint. Der sicherlich gelungene Wiederaufbau wirkt da wie eine Episode, und nicht wie ein Leitprinzip.

  • Ein Beispiel zum Wiederaufbau um 1950: Die Spitalapotheke an der Museumsbrücke und die andern 'Brückenköpfe':


    Zuerst eine 'Postkartenansicht', wie sie jedermann kennt. Es geht hier nicht um den Wiederaufbau des über die Pegnitz gebauten Heilig-Geist-Spitals, sondern um das Gebäude ganz links und den links ausserhalb des Bildes liegenden Kopfbau der Spitalapotheke.


    1024px-Heilig-Geist-Spital_abends.jpg

    Heilig-Geist-Spital. Quelle: wikimedia commons, by Thomas Wolf (CC BY-SA 3.0 DE).


    Wie alt schätzt ihr das Gebäude links? Falsch :wink: , es war ursprünglich ein Gründerzeitbau von etwa 1870. Das Heilig-Geist-Spital wurde von den Bomben schwer getroffen, wurde aber am Äussern originalgetreu wiederaufgebaut. Der Gründerzeitbau hatte etwas mehr Glück, denn von ihm scheinen auch die Decken erhalten geblieben zu sein. Dieser Link zeigt ein Ruinenbild (am linken Bildrand, noch mit einem zusätzlichen Geschoss) und auch einen Stich mit der im 19. Jahrhundert abgebrochenen Vorgängerbebauung. Beim Wiederaufbau wurde das oberste Geschoss trotz Wohnungsnot nicht mehr wiederhergestellt, sondern ganz abgebrochen und ein Steildach aufgesetzt, sowie die Fassade leicht vereinfacht. Entstanden ist doch ein gefälliges Gebäude im typischen Nürnberger Stil.


    (Sogar historische Dachziegel wurden wiederverwendet, und nicht einfach als Auffüllmaterial für hochwassersicherere Pegnitz-Ufer missbraucht!!!)


    Nun möchte ich aber auf den Kopfbau an der Museumsbrücke, die Spitalapotheke, zu sprechen kommen. Er folgt gleich links im Bild oben. Ich weiss nicht, wie weit der Vorgängerbau zerstört war; gemäss der detaillierten Schadenskarte 1945 wies jedes Gebäude im Quartier schwere Schäden auf. Jedenfalls entstand hier Mitte der 1950er-Jahre ein zweigiebliger Neubau. Über den ganzen Vorgang, wie es dazu gekommen ist, gibt es in 'Nürnberger Altstadtberichte, Band 20 (1995)' einen eingehenden Beitrag von Erich Mulzer. Ob aufgrund der zentralen Lage an der Museumsbrücke und der Nähe zum Heilig-Geist-Spital ein Wettbewerb ausgeschrieben wurde, weiss ich nicht mehr (ich habe den Artikel vor ein paar Jahren gelesen). Jedenfalls musste das Projekt mehrmals nachgebessert werden, bis die Baubewilligung erteilt wurde.


    Das neue Gebäude kurz nach der Bauvollendung, wie es sich heute noch präsentiert:



    Ak Museumsbrücke Spitalapotheke um 1950

    Reklamekarte der Spital-Apotheke zum heiligen Geist kurz nach Bauvollendung.


    Von misslungenem Wiederaufbau würde ich hier nicht sprechen. Eine Rekonstruktion des Gründerzeitbaus wäre meiner Meinung nach nicht das Richtige gewesen, weil zu hoch, zu mietskasernenhaft und bis auf die beiden Erker zu fremde Architektur - ein Bruch. Die Seitenfassade zur Pegnitz hin zeigte ein mit Sichtbacksteinen ausgemauertes Fachwerk. Die strassenseitige Fassade mit den Eingängen schmückten zwei Nürnberger-Chörlein, sonst aber eine mit sandsteinernen Architekturelementen versehene Sichtbacksteinfassade. Nur schon aufgrund der mangelhaften Dokumentation der im 19. Jahrhundert abgebrochenen Vorgängerbebauung (siehe Link im ersten Abschnitt) wäre auch deren Rekonstruktion nicht in Frage gekommen. Blieb also nur noch eine Neuschöpfung (was mit dem Nachbarhaus durch rigorose Umgestaltung ja auch gemacht wurde).


    Auch wenn dieses Gebäude von der Architektur her nicht jedermann gefällt, so ist es städtebaulich richtig gesetzt worden. Es hat zudem von der Grundstruktur her das Potential für eine architektonische Verbesserung oder Veränderung. Tabula rasa ist hier sicher nicht vonnöten.


    Rechts daneben sieht man auch den 'Gründerzeitbau', dessen oberstes Geschoss abgetragen wurde. Wenn man mit den folgenden Bildern vergleicht, erkennt man an der charakteristischen Fensterachsenverteilung (2-3-2), dass hier tatsächlich noch das alte Gebäude drin steckt:



    Ak Heilig-Geist-Spital I

    Ungelaufene Ansichtskarte um 1930. Neue photographische Gesellschaft A. G. Steglitz 1904.



    Ak Museumsbrücke Hochwasser I

    Die Museumsbrücke anlässlich des Hochwassers am 5. Februar 1909


    Nun betrachten wir die Nachbarbebauung. Die Luft anhalten und dieses Panoramabild im Uhrzeigersinn betrachten:

    https://goo.gl/maps/RzvZCBmpSUzxV8iP6

    - über die Pegnitz hinweg die HypoVereinsbank. Späte 50er-Jahre?

    - diagonal gegenüber ein Geschäftshaus anstelle des kürzlich hier genannten Viatishauses, das aussieht wie eine Kaserne in Waschbetonoptik. 1960?

    - über die Strasse hinweg ein langgestreckter eintöniger - aber trotzdem sorgfältig gestalteter - Neubau. Anfang 50er-Jahre?

    - nun zurückdrehen zwischen HypoVereinsbank und Geschäftshaus und heranzoomen. Vor wenigen Jahren passierte dann dieser Neubau in einfältigster Architektur, wie man sie seit zehn Jahren auffallend oft von Konstanz bis nach Berlin findet.


    Fazit:

    Ohne jetzt hier Beispiele zu nennen, stelle ich während meiner Beschäftigung mit Nürnberg an diversen Orten in der Altstadt fest, dass in den Planungen ab 1945 bis in die frühen 50er-Jahre irgendwie Herzblut für einen angemessenen Wiederaufbau der Altstadt vorhanden war. Gleichzeitig begannen ja sehr viele rekonstruktive Wiederaufbauten historischer Denkmäler wie Kaiserburg, Kirchen, Stadtbefestigung und profaner Grossbauten. Ich frage mich aber, was dann gegen Ende der 50er-Jahre geschah, als plötzlich viele Grossbauten wie Banken, Bürobauten etc. rücksichtslos hineingepfercht wurden. Kamen da nicht andere Kräfte ins Spiel? Hat hier wirklich die Stadtplanung versagt? War es wirtschaftlicher Aufschwung, der Druck gegen die angemessenen Planungen nun ausübte. Oder gab es personelle Wechsel in Stadtplanung und Politik? Fragen über Fragen, deren Beantwortung mich mehr interessieren würde als pauschale Verurteilung des Wiederaufbaus.


    Die Orte, wo sorgfältig neu gebaut, wiederaufgebaut und rekonstruiert wurde, verteilen sich in Nürnberg auf die Fläche von einem ganzen Quadratkilometer - und nicht nur auf ein kleines historisches Stadtzentrum mit Kirche und Markt wie in vielen anderen Städten Deutschlands noch heutzutage.


    Nordöstlich des Heilig-Geist-Spitals passierte dann das:

    https://upload.wikimedia.org/w…g_Heilig-Geist-Spital.jpg


    Der Begriff "Verlustschmerz", wie er in den vorangehenden Beiträgen genannt und diskutiert wurde, ist für mich neu. Aber er hat es wirklich in sich. Die allgegenwärtigen Bausünden in der ganzen Altstadt können schon beelendend sein - anders als in andern ehemaligen grossen Altstädten, wo in den Aussenbereichen überhaupt nichts Historisches mehr vorhanden ist.

  • Nürnberg kann noch gerettet werden wenn der richtige Weg zur Stadtreparatur eingeschlagen würde.
    Dass könnte auch in Berlin Kreuzberg (Friedrichstadt) und Schöneberg gemacht werden.....Gilt m.M.n. auch für die Innenstädten von Stuttgart, Frankfurt, Chemnitz und Nürnberg. Für Berlin empfehle ich Masterpläne pro zehn Jahren pro stadtbezirk.
    In Berlin soll historisches Bewusstsein kultiviert werden mit Riesengrossen Zeichnungen wie wunderschön es vor dem Krieg war, zum Beispiel am Winterfeldtplatz und Belle Alliance Platz. Natürlich können dann nachträglich andere Pläzte wieder wunderbar schön bebaut werden wie Viktoria Luise Platz und Prager Platz.


    Aber Köln, die ehemalige Gründerzeitbezirken in Hamburg und Dresden und die Innenstadt von Magdeburg und Kassel sind zu weitgehend verarscht und zerstört worden, dass sogar massiven Reparaturmasnahmen fast nichts mehr bewirken können um die einstige Pracht zurückzuholen.


    Die kleinere Städten mit Schaden können viel von Elbing, Insterburg lernen wie sie wieder schön gebaut und geheult werden können: Halberstadt, Heilbronn und Pforzheim.

  • Klassiker,ich denke Nürnberg steht im gegensatz zu den anderen Städten die Sie benennen ganz gut da.Natürlich ist es wünschenswert das es noch so einige Fassadenrekos in Nürnberg geben müsste.

    ZB am Egidienplatz,Rathausplatz und Punktuell an bestimmten Zentralen Stellen der Hist.Innenstadt.Aber das es eine Rekoeuphorie in Nürnberg sowie anderen Städten mal geben wird glaube ich nicht.Ich glaube,ob nun Voll oder Teilrekos bleiben auch zukünftig die Ausnahmen.Wir werden auf viele Wunschrekos verzichten müssen,aber an den Rekos die sich doch durchsetzen werden, sollten ,können wir uns erfreuen.:smile:

  • Mit einem Anbau von Erkern und einem Wiederaufbau des Pellerhauses wäre doch so viel gewonnen mit verhältnismässig wenigem Aufwand.

    Ich habe anfangs auch gedacht, in Nürnberg wäre mit "wenig Aufwand" viel zu erreichen, aber das stimmt nur für einige Teile der Altstadt.

    In der "Sebalder Steppe" ist mit wenig Aufwand gar nichts zu erreichen. Da sieht der Wiederaufbau nicht viel anders aus als in Kassel oder Bochum. Der Grundriß wurde da nur sehr grob vereinfacht und oft gar nicht eingehalten; die Häuser sind in der Regel traufständig statt giebelständig; die Dachneigungen stimmen überhaupt; Parzellen wurden sehr häufig zusammengelegt, was die frühere Kleinteiligkeit konterkarierte. Da lässt sich mit wenig Aufwand gar nichts machen. Da hilft nur Abriß und Rekonstruktion.

    Oder wie wollt ihr daran was mit "wenig Aufwand" verbessern?:
    https://www.google.com/maps/@4…bfov%3D100!7i13312!8i6656


    Oder daran:

    https://www.google.com/maps/@4…yhLjuQ!2e0!7i13312!8i6656


    Oder daran:
    https://www.google.com/maps/@4…-ro-0-fo100!7i7776!8i3888


    Oder daran:

    https://www.google.com/maps/@4…bfov%3D100!7i13312!8i6656



    Und so sieht es im Bereich der "Sebalder Steppe" überall aus. Ich habe die vier Beispiele völlig willkürlich herausgegriffen. Ich habe manchmal den Eindruck, dass diejenigen, die den Wiederaufbau Nürnbergs für im Großen und Ganzen gelungen halten, einfach nur bestimmte Ecken der Altstadt kennen oder im Blick haben, in erster Linie das Burgviertel. Das ist aber für den Nürnberger Wiederaufbau eher die Ausnahme als die Regel.
    Im eigentlichen Kern der früheren Nürnberg Altstadt, da wo die wichtigsten und prachtvollsten Patrizierhäuser standen, nämlich im östlichen St. Sebald, ist der Wiederaufbau eine schlichte Katastrophe und teilweise noch deutlich schlimmer als in Frankfurt, Kassel oder Bochum.

  • Also ich freue mich zumindest über den Wiederaufbau der Winklerstraße 24, Savoyisches Kreuz. Zwar ging das Haus leider nicht an die Altstadtfreunde, aber die äußerliche Rekonstruktion ist ja wohl eine Vorgabe der Stadt. Ich frage mich nur, wann es da endlich losgeht. Hoffentlich dauert das jetzt nicht wieder mehrere Jahre.


    Ärgerlich finde ich die Materialwahl beim Augustinerhof. Das gesamte Bauwerk gefällt mir schon nicht. Aber man hätte wenigstens das für Nürnberg typische Material verwenden sollen, das die Farbe der Burg wiedergibt. Doch dieses Grau ist sicher ein gewollter Kontrast, auf den so viele Modernisten stehen.

  • Von misslungenem Wiederaufbau würde ich hier nicht sprechen.

    Wenn man derartigen Minimalismus schätzt, dann ist das heutige Nürnberg natürlich ein Mekka an feiner Architektur. Und solange das weithin, überhaupt in ästhetisierenden Foren wie diesem als "schön" oder auch nur erträglich gefunden wird, kann einfach nichts Rechtes gedeihen.


    Ich habe anfangs auch gedacht, in Nürnberg wäre mit "wenig Aufwand" viel zu erreichen, aber das stimmt nur für einige Teile der Altstadt.

    In der "Sebalder Steppe" ist mit wenig Aufwand gar nichts zu erreichen.

    Jeglicher Verbesserungsansatz sollte wohl eher nicht in der Steppe beginnen. Dass die Steppe so aussieht, wie es heute der Fall ist, ist dem Wiederaufbau noch am wenigsten anzulasten, hin ist hin, und aus diesem Bereich wäre auch unter größter Mühe nur so etwas wie ein müder Abklatsch entstanden.

    Schlimmer ist, dass der Wiederaufbau auch in den potentiellen Hoffnungsgebieten idR nicht besser war. Auch im Burgviertel oder um St. Sebald ginge ohne viel Abrisse eigentlich nichts. Was soll man mit Nord- und Ostseite des A. Dürerplatzes tun? Ja, die Minimalisten werden aufjaulen, das ist ja eh ganz wunderschön, fast richtig gotisch. Und das Schlimme ist, dass das in der Tat es noch zum "Besseren" zählt.

    Ein wichtiger erster - rein "konstruktiver" Schritt wäre - es tut mir leid: die Reko der Moritzkapelle. Sie fehlt wirklich bitter im einstigen gotischen Stadtbild, gerade an dieser Stelle, wo wirklich noch recht viel steht. Das würde auch die etlichen unzureichenden Fassaden neben dem Schürstabhaus etwas in den Hintergrund rücken und erträglicher machen.

    Ich weiß um den Realitätssinn dieses Vorschlags in Zeiten der Bratwurstphobie.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • In der "Sebalder Steppe" ist mit wenig Aufwand gar nichts zu erreichen. Da sieht der Wiederaufbau nicht viel anders aus als in Kassel oder Bochum. Der Grundriß wurde da nur sehr grob vereinfacht und oft gar nicht eingehalten; die Häuser sind in der Regel traufständig statt giebelständig; die Dachneigungen stimmen überhaupt; Parzellen wurden sehr häufig zusammengelegt, was die frühere Kleinteiligkeit konterkarierte. Da lässt sich mit wenig Aufwand gar nichts machen. Da hilft nur Abriß und Rekonstruktion.

    "oft gar nicht eingehalten" (aus dem Zitat)

    Ich hatte mal zu einem andern Thema vor Jahren einen Überlagerungsplan eines Teils der Steppe erstellt. Man sieht, dass der historische Strassenverlauf beim Wiederaufbau sogar in der zu 100 % zerstörten Steppe grösstenteils übernommen worden war. Teilweise wurden die Baulinien leicht zurückversetzt, unregelmässige Fassadenfluchten begradigt und schmale Gassen zugunsten grösserer Innenhöfe nicht mehr wiederhergestellt. Ein einziger kompletter neuer Strassenverlauf: die Martin-Treu-Strasse, die aber anstelle der einstigen Prechtelsgasse teilweise schon vorgegeben war. Nicht einmal die s-förmige Verschwenkung der Judengasse wurde aufgegeben. Sogar die gestaffelte Häuserflucht an der Südseite wurde wieder hergestellt.


    nbg-steppe-ueberlagerung

    Bildgrundlage: Google maps und Stadtplan 1944.


    Ist ein Vergleich mit Stadtgrundrissen anderer gleich stark zerstörter Altstädte statthaft? Steht Frankfurt beispielsweise besser da? Dresden?? Auch bezüglich des Grundrisses steht sogar die Steppe besser da als viele andere Städte!


    Es steht jedermann frei, irgendwo ein Wohnhaus in der Steppe zu erwerben und dann anstelle seiner die (jenachdem ein, zwei oder gar drei) dort bis 1945 gestandenen Bauten zu rekonstruieren. Sogar die jetzigen Parzellengrenzen (Haustrennwände) stimmen grossteils noch überein. Ohne einen Nachbar zu beeinträchtigen, wäre es also möglich, hier nach und nach Einzelhäuser zu rekonstruieren. Der Wiederaufbau Nürnbergs nach 1945 hat dies ermöglicht. In Frankfurt war und ist dies weiterhin nicht möglich, ohne dass grossflächige Abrisse vorher getätigt wurden oder getätigt werden müssen. Kassel? Bochum? Potsdam? Dresden? Dort sieht es genau gleich schlecht aus.


    Wiederstand von vorerst einzelnen Rekonstruktionen käme sicher von der heutigen Stadtverwaltung und ideologisch verbrähmten Personen. Schliesslich würde so ein Vorhaben nur schon daran scheitern, dass die Stadt wohl nicht einmal einen halben Meter Trottoirfläche für eine ursprüngliche Fassadenflucht hergäbe, nur um eine Rekonstruktion zu verhindern. Hier könnte also der so oft als total misslungen betitelte Wiederaufbau nach '45 Nürnbergs nichts dafür!



    "ist mit wenig Aufwand gar nichts zu erreichen" (aus dem Zitat)

    Ja, denn nur mit Fenstersprossen in neuen Fenstern und Anbringung von Fensterläden (die in Nürnberg eh grösstenteils ahistorisch sind!) wäre es nicht getan. Die Anbringung einer Aussenwärmedämmung ist auch nicht das Wahre. Eine Innendämmung kommt nicht in Betracht, weil die Betonböden bis aussen an die Fassaden reichen und somit starke Kältebrücken darstellen. Oft sind auch die Treppenhäuser strassenseitig mit halbgeschossig verteilten Fenstern versehen und auch ganze Fassaden mit Balkonen. Letztere beide müssten auch aufgegeben werden. Bliebe also nur noch der Rohbau übrig, aber immerhin. Vor diesen müsste nach Anbringung einer Wärmedämmung eine zweite Mauerschale (Sandsteinquader oder verputzter Backstein) vorgemauert werden, damit eine wertige Fassade entstünde.


    Unter "wenig Aufwand" verstehe ich aber, dass dank dem Nürnberger Wiederaufbau keine Tabula rasa gemacht werden müsste, sondern Haus um Haus bereits heute rekonstruiert werden könnte.



    Oder daran:

    https://www.google.com/maps/@4…bfov%3D100!7i13312!8i6656

    [...] Ich habe die vier Beispiele völlig willkürlich herausgegriffen.

    Anstelle des Parkhauses könnte sofort mit dem Wiederaufbau des gesamten Häuserblocks zwischen Platnersgasse und Dötschmannsplatz begonnen werden:


    mi02567f08a.jpgBildquelle: bildindex.de mi02567f08.


    Neun Häuser, gegen Süden sieben Fassaden, gegen Norden sechs. Keine Strasse müsste dazu verlegt werden, nichts anderes stünde im Weg. Der Wiederaufbau '45 hat die Grundlage dazu geschaffen. (Das Eck-Fachwerkhaus ist im Überlagerungsplan links als oranges Rechteck eingetragen.)



    Für künftige Diskussionen über den Wiederaufbau '45 sollte klarer unterschieden werden in Stadtplanung und architektonischer Gestaltung. Erstere hat meiner Meinung nach bessere Grundlagen für die Genesung der nürnberger Altstadt geschaffen als in vielen andern Orten; für letztere habe ich auch nicht viel übrig, aber sie war vor 70 Jahren der Not geschuldet und sollte jetzt ihren Dienst erfüllt haben, um Schönerem Platz zu machen.

  • Tatsächlich gehörte die Bratwurst zu meinen ersten Nürnberger Eindrücken. An einem kalten nebligen Tag, als ich das erstemal in Nürnberg war, stand ich vor St. Lorenz und roch die Bratwurst von einem Stand. Ich war damals Jugendlicher, also ohne Erwerb und mit meinen Eltern, die für derartige Nahrung nix übrig hatten. Der Bratwurstduft passte gut zu St. Lorenz und zum Nassauerhaus und hat dem mich entsetzenden modernistischen Umfeld ein bisschen etwas von altem Flair wiedergegeben. Zumindest hatte ich das so empfunden.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Unter "wenig Aufwand" verstehe ich aber, dass dank dem Nürnberger Wiederaufbau keine Tabula rasa gemacht werden müsste, sondern Haus um Haus bereits heute rekonstruiert werden könnte.

    Genauso ist das. Und trifft bei den meisten schwer zerstörten Städten nicht zu. Ähnliches könnte man allerdings auch für Würzburg sagen.

  • Diese Annahme ist doch ziemlich realitätsfremd. Und was würde es helfen, wenn EIN Haus rekonstruiert werden würde - soferne es nicht ein Glanzlicht wie das Pellerhaus wäre? (Um mehr zu rekonstruieren, müsste man eben auch wieder mehr niederreißen). Die Praxis lehrt, dass nichts einem diese Bezeichnung verdienenden Wiederaufbau so wenig förderlich ist wie hohe Bebauungsdichte, womöglich noch auf altem Grundriss. Je schütterer und ahistorischer die neue Struktur, desto höhere Chancen auf eine Wiedererstehung des Alten. Siehe FFM Dom-Römer, siehe DD, siehe Potsdam, siehe jetzt offenbar auch Magdeburg.

    De facto wird der schlechte N.er Wiederaufbau festgemeißelt sein bis in alle Ewigkeit. Aber Hauptsache, der Grundriss stimmt.

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Danke Riegel für deinen letzten Beitrag. Du hast die Situation in Nürnberg genau so zusammengefasst wie ich sie auch beurteile.

    Nürnberg hat beste Voraussetzungen für einen „Austausch durch Rekonstruktion“, es scheitert in dieser Stadt bislang nur am fehlenden Willen, aber gewiss nicht an der städtebaulichen Grundlage.

    Natürlich spreche ich ursus nicht das Recht ab, es entschieden anders zu sehen. Wir werden uns da wahrscheinlich nicht einig werden, das ist aber auch nicht notwendig. Ich bin gegen Diskussionen, an deren Ende immer der Konsens stehen muss.

    In dubio pro reko

  • In diesem Punkt geht es ausnahmsweise um keine ästhetische Bewertung. Ich sage nur: Austausch durch Reko wird nicht funktionieren und würde wenn überhaupt unbefriedigendes Flickwerk ergeben.* Hingegen haben wir etliche Beispiele für "flächige" Neugestaltung.

    *ev könnte man den Hildesheimer Marktplatz als Gegenthese annehmen? Aber dort scheint letztlich auch so etwas wie ein gestalterischer Gesamtwille obwaltet zu haben?

    Augustinus (354-430) - Zweiundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
    14. Buch 9. Kapitel
    Der Staat oder die Genossenschaft der nicht gottgemäß, sondern nach dem Menschen wandelnden Gottlosen dagegen, die eben infolge der Verehrung einer falschen und der Verachtung der wahren Gottheit Menschenlehren anhangen oder Lehren der Dämonen, er wird von den bezeichneten verkehrten Gemütserregungen geschüttelt wie von Fieberschauern und Stürmen.

  • Austausch durch Reko wird nicht funktionieren

    contra

    etliche Beispiele für "flächige" Neugestaltung.


    Auch wenn das erste für Jahrzehnte ein Flickwerk ergibt (3'000 Häuser umfasste die Altstadt vor 1945), ist mir ein langsames Weiterwachsen eines wiederum seit 70 Jahren gewachsenen Organismus' lieber als Grossinvestoren, die bei einer flächigen Neugestaltung und Kündigungswelle von Mietern zum Zuge kämen. Zwei Untergeschosse mit Tiefgarage und Technikräumen wären die Folge, weiterhin zusammengefasste Häuser hinter drei Fassaden, kostenoptimierte Fassaden bezüglich Dämmung und Aussenhaut, erzwungene modernistische Brüche via erzwungene Architekturwettbewerbe, gestalterische Freiheit in den Höfen aus 'wohnygienischen Gründen'... kennen wir doch. Das Meiste von dem würde Nürnberg automatisch erspart durch ein langsames Weiterwachsen in Sachen Rekonstruktion.


    Der Hildesheimer Marktplatz - wahrlich ein Paradebeispiel bezüglich der Bauweise. Für mehr Kenntnis bezüglich Vorgeschichte, Bauzeit und Bauherrschaften muss ich mich aber einlesen.

  • Ich für meinen Teil sehe das auch wie Ursus:

    Jeglicher Verbesserungsansatz sollte wohl eher nicht in der Steppe beginnen.

    Ein einzelnes rekonstruiertes Haus an der Martin-Treu-Straße, oder in der Tucherstraße vergrößert nur den Schmerz. Denn man muss ja erstmal da hin kommen an all den Nachkriegsfassaden entlang, um dann dieses traurige Überbleibsel zu betrachten, die Scheuklappen aufgesetzt und ausblenden, was drumherum steht, um dann auch zur Kenntnis nehmen zu müssen dass es kein glücklicher Umstand dafür sorgte, dass dieses einzelne Haus überlebt hat sondern dass es jemand wieder aufgebaut hat. Um dann direkt die Frage zu stellen, wenn schon rekonstruiert, wieso dann dieses unbedeutende Handwerkerhaus im Nirgendwo, warum nicht Pellerhaus, Toplerhaus, Moritzkapelle oder eine andere Berühmtheit.


    Ich würde die Steppe eher pflegen und aus ihr das machen, als was sie immer dargestellt wird: Feinster Wiederaufbau der 50'er Jahre, d.h. Fassadendämmungen runter, originalgetreue Fenster, Plastefenster und Plastetüren raus, die richtigen Farben, Sgraffitos wieder dran und es v.a. verkehrstechnisch beruhigen.


    Und die aufwändigen Rekovorhaben müssen sich so wie in den 50'ern kurz angegangen auf die Bauwerke von Rang konzentrieren. Es ergäbe ein weit befriedigenderes Bild der Stadt, wenn man die Magnete wiederfindet, und in der Umgebung passende Substanz vorhanden ist, wie rund ums Dürerhaus oder am Wolfschen Rathaus. Das versöhnt, das passt auch. Genau deswegen ist die Pellerhausreko so wichtig, weil sie den bereits in den späten 1950'ern verlassenen Weg des Wiederaufbaus wieder einschlagen würde. Der Wiederaufbau der Altstadt wurde weder vollständig umgesetzt, noch konsequent verfolgt. Als um 2012 die Stadtbibliothek im aktuellen Schuhschachtelstil aus einem wiederaufbaufähigen Gründerzeithaus durch eine "Sanierung" entstand, war mir klar geworden, dass die Baukultur der Stadt Nürnberg nicht nur an weiterem Wiederaufbau kein Interesse mehr hat, sondern auch an der Pflege des Erreichten wenig Interesse besteht. Der Wiederaufbau war nur eine Episode, die schnell und bis heute anderen Prämissen gewichen ist.