Berlin-Kreuzberg

  • Dein zapeln macht die Doppelmoral der taz auch nicht weg.


    Da nun offensichtlich ist, dass die von Dir zitierte Beschreibung mit dem Neubau des taz-Redaktionsgebäudes nichts zu tun hat, gehe ich davon aus, dass damit die Doppelmoral der taz nun doch "weg" ist. In der Tat hat das aber nicht mein "Zappeln" verursacht, sondern die Macht der Fakten. Trotzdem - danke für Deinen Beitrag, er war sehr erhellend!

  • Ich weiß zwar nicht, was das taz-Gebäude mit dem Berliner Schloss zu tun, aber immerhin geht es hier um Architektur. Gehen wir den Fakten nach! UrPotsdamer hat schon gut vorgelegt.


    Das 2018 eröffnete Redaktionsgebäude der taz wird in der Bauwelt vorgestellt. Mit Bilderstrecke. Wer sich auskennt, sieht sofort, dass es sich nicht um einen Bau des russischen Konstruktivismus handelt. Die Schweizer Architekten haben sich laut Bauwelt vom russischen Ingenieur Wladimir Schuchow inspirieren lassen. Genannt wird sein Schabolowka-Radioturm in Moskau. (Ich habe die beiden guten deutschsprachigen Wikipedia-Artikel verlinkt.) Die Schuchow-Reminiszenz bezieht sich auf die Stahlfachwerkkonstruktion der Fassade.


    Stichwort: Leningrader Prawda. 1924 plante die Leningrader Zeitung "Leningradskaja Prawda" einen Neubau für ihr Korrespondentenbüro in Moskau. UrPotsdamer hatte das Zitat als architekturgeschichtliche Reminiszenz schon richtig eingeordnet. Ich habe hier einen russischen Nachweis. Der russische Text sagt im Wesentlichen das, was UrPotsdamer zitiert hat. Der Bau sollte tatsächlich nur auf einem winzigen Grundstück von 6 x 6 m errichtet werden. Unter dem Text folgt eine Reihe mit fünf Abbildungen der Entwürfe. Das Projekt wurde nie verwirklicht. Es ist aber wie einige andere Entwürfe des frühen sowjetischen Konstruktivismus in die Geschichte der Avantgarde eingegangen. Die Bezugnahme zum taz-Neubau dürfte auf der damals geplanten kühnen Stapelung der Funktionsräume beruhen. Laut Bauwelt ist das Zentrum des taz-Neubaus eine Treppenskulptur als vertikale Fußgängerzone. Weiter unten auf der russischen Seite sind übrigens Bauten des russischen Konstruktivismus in Moskau abgebildet. Man sieht: Stilistisch unterscheiden sie sich vom taz-Gebäude.


    Zu dem Foto, das Bohnenstange gezeigt hat: Eine Hausfassade mit der Aufschrift "Prawda". Wer sich auskennt, sieht, dass dies kein Bau des sowjetischen Kontruktivismus ist. Ähnlichkeiten zum taz-Gebäude bestehen auch keine. Ich habe anhand der Bildkennung das Originalfoto bei alamy aufgerufen. Die dortige Bildbeschriftung "Moskau, Prawda" hilft bei der Identifizierung des Gebäudes nicht wirklich weiter. Abgebildet ist nicht das berühmte Redaktionsgebäude der Prawda, das ein Bau des Konstruktivismus ist.


    Ich konnte das Gebäude ermitteln: hier der Nachweis (unten auf der Seite zwei Fotos des Hauses). Unter der Adresse uliza Prawdy 24 befindet sich ein ganzer Gebäudekomplex, nicht nur das berühmte Redaktionsgebäude der Prawda. Das abgebildete Gebäude ist Haus 4, Verwaltungsgebäude der Prawda, erbaut 1980.


    Das Bild hat also nichts mit dem zu tun, was Bohnenstange geschrieben hat. Und der taz-Neubau ist keine Rekonstruktion und keine Umsetzung sowjetischer Architektur. Es geht lediglich um konzeptionelle Überlegungen. Nicht weit vom taz-Gebäude steht ja der Springer-Neubau von Rem Koolhaas. Den hatten wir im Forum bereits behandelt (hier klicken). Er zeigt ja eine ganz andere Architektursprache als das taz-Haus.


    Bohnenstange hat den Mund ganz schön voll genommen. Es wäre besser gewesen, sich ernsthaft mit Architektur zu befassen. Wir sind ein Forum für Architektur und nicht für platte politische Propaganda ohne Rücksicht auf Fakten.

  • Ausgezeichnete Recherche, Rastrelli. So muss man den alternativen Fakten begegnen. Was zählt, ist letztlich das harte Faktum - auch in der Beurteilung von Architektur. Gerade wenn es darum geht, Politik und Gesellschaft von Rekonstruktionen zu überzeugen, muss ein seriöser Auftritt ganz oben auf der Liste stehen.

    Kunsthistoriker, Webdesigner und Blogger

    Hat die Website für Stadtbild Deutschland erstellt und war eine Zeit lang als Webmaster für Forum und Website verantwortlich.

  • Die Diskussion wurde in den Kreuzberg-Faden verschoben, weil das taz-Redaktionsgebäude dort steht. Das hat schon seine Richtigkeit.

    Bohnenstange Entschuldigung angenommen. Auch ich bitte um Entschuldigung, falls ich Dich im Eifer des Gefechts zu hart angegangen sein sollte.

  • Weiß jemand etwas von der Sanierung des Gebäudes Wilmstraße/Carl-Herz-Ufer?

    Hier zwei Bilder in Google Earth.

  • Das Gebäude wirkt wie eine Mischung von 20er Jahre-Gewerbebau und Postmoderne. Und das ganze wird garniert mit Fassadengrün, weil das gerade ein Zeitgeist-Thema ist und sich gut bei Politik und Käufern macht. Zumindest so lange, bis sich Fassadenschäden zeigen oder die Ameisen in die Küche krabbeln.

    Weh tut dieser Bau sicher nicht. Er hat Sprossenfenster, hält die Traufhöhe ein. Das ist vorbildlich. Und er hat eine angenehme Farbe (Sandstein?). Aber überzeugen tut er mich irgendwie auch nicht.

  • Heute fuhr ich nach Kreuzberg, um den Ort zu suchen, an dem am 23. September 1846 der Planet Neptun entdeckt wurde. Dank einer 2019 aufgestellten Gedenktafel des Bezirksamts Friedrichshain-Kreuzbergs konnte ich den teils von einer ehemaligen Blumengroßmarkthalle bedeckten Fundamentumriss der von 1835 bis 1913 dort befindlichen, nach Plänen von Schinkel erbauten Berliner Sternwarte finden.

    Die beeindruckende Geschichte der Entdeckung des 8. Planeten durch Johann Gottfried Galle nach den Berechnungen des französischen Astronomen Urbain LeVerrier wird in Kurzform im verlinkten Wikipedia-Artikel beschrieben und ist ein durchaus frühes, schönes Beispiel übernationaler wissenschaftlicher Kooperation. Der Berliner Sternwarte stand damals ein neues, leistungsfähiges Refraktor-Teleskop zur Verfügung, und sie besaß eine noch unpublizierte präzise Sternkarte für den fraglichen Himmelsabschnitt.


    Fundamentumriss im Pflaster, Stele für den Preußischen Normalhöhenpunkt (exakt 37 m über dem Meeresspiegel), Gedenktafel und Blumengroßmarkthalle am Ende des Enckestraße:


    Berliner Sternwarte 10.4.21


    Gedenktafel:


    Berliner Sternwarte 10.4.21


    Kolorierter Stahlstich der Königlichen Sternwarte von Ernst Grünewald nach einer Zeichnung von Leoillot, 1835:


    Berliner Sternwarte 10.4.21


    1913/14 wurde der Schinkel-Bau abgebrochen, da die Sternwarte im Verlauf des 19. Jahrhunderts von der Stadt umbaut worden war, ungestörte Himmelsbeobachtungen dadurch kaum noch möglich. Das Observatorium zog nach Potsdam-Babelsberg.


    Blick Richtung Nord in die Enckestraße, im Vordergrund die Erinnerungsstele für den Normalhöhenpunkt 1879:


    Berliner Sternwarte 10.4.21


    Baulich finden sich in der im Krieg heftig zerstörten Umgebung heute Kraut und Rüben, wenngleich einzelne Bauten durchaus ihre Qualitäten haben mögen:


    Berliner Sternwarte 10.4.21


    Berliner Sternwarte 10.4.21


    Der schlanke Turm ist ein Bau der IBA 1987:


    Berliner Sternwarte 10.4.21


    Direkt benachbart der Besselpark:


    Berliner Sternwarte 10.4.21

    Eingestellte Bilder sind, falls nicht anders angegeben, von mir

  • Ganz schauderhafte Gegend. Außer dem Altbau des Jüdischen Museums ist hier ja wirklich nichts mehr zu holen. Trotzdem vielen Dank für die Bilderserie mit tollen Informationen!