Tübingen (Galerie)

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    • Tübingen (Galerie)

      Als Neuling verfolge ich nun seit 'ner Weile mit großem Interesse die Diskussionen in diesem Forum. Dachte schon' ich wäre der Einizge auf der Welt, der auf Rekos und eher traditionelle Architektursprache steht. Nun, da hat man es im architektonisch reichlich verhunzten Großraum Stuttgart natürlich ziemlich schwer. Ein Lichtblick: Tübingen. Die Stadt beeindruckt vor allem als stätdtebauliches Ensemble, eher weniger durch sensationelle, kunsthistorisch herausragende Einzelbauwerke.
      Und Tübingen verbreitet - mehr als Heidelberg - den romantischen alterümlichen Charme einer alten Studentenstadt.
      Hier ein paar Eindrücke(aufgenommen gestern am 29.07.2006):

      Superromantisch und beeindruckend ist das Panorama der Altstadt von der Neckarinsel aus gesehen:









      Die gute Stube der Stadt, der Marktplatz mit dem Rathaus:





      In den Hauptgassen der Altstadt verputztes und unverputztes Fachwerk bis zum Abwinken:







      Rund um die Stiftskirche:





      Das evangelische Stift:





      In der ganzen Stadt finden sich altehrwürdige Unigebäude:




      Am liebsten mag ich die engen, steilen, verwinkelten, manchmal fast mediterranen Gassen mit vielen schönen Ein- und Ausblicken:




























      Hie und da durchziehen Kanäle die Stadt:




      Blick von der Neckarbrücke zu den Verbindungshäusern:



      Altstadtblick von der Burg aus (ich will keine Illusionen zerstören, aber es gibt von dort aus natürlich auch genügend Neubau- und Gewerbegebiete zu sehen, irgendwann ist mal Schluss mit romantisch :)


      Und zum Abschluss noch ein paar romantische Blicke auf die Burg:




      Alles in allem hat Tübingen eine der charmantesten, altertümlichsten Innenstädte, die ich in Süddeutschland kenne, natürlich findet man dort leider auch immer wieder solche, in Westdeutschland offenbar unvermeidlichen ästhetischen Grausamkeiten (fehlende Sprossen und Fensterläden, Riffelglastüren, Rauhputz etc.)...



      ...allerdings fällt mir auf, dass in letzter Zeit sehr viel saniert wird und bei der Restaurierung solche Zumutungen behoben werden. Es wird in aller Regel denkmalgerecht saniert und modernistische Auf- und Anbauten unterlassen.
      Generell gibt es in der Tübinger Altstadt keine groben Bausünden (es sind wie gesagt eher die kleinen störenden nicht-denkmalgerechten Details). Die modernen "Architekturjuwelen" finden sich zum Glück am Rande der Altstadt bzw. außerhalb.

      Richtig schlimm finde ich nur, dass seit der Modernisierung des Rathauses in den 60er oder 70er Jahren das Rathaus auf Pfeilern aus Sichtbeton steht, nicht wirklich entstellend, aber sehr unschön. Hier sollte doch eine ansehnlichere Lösung möglich sein:

    • Hallo Klingentor,
      für mich ist Tübingen eine der schönsten Städte in Deutschland, danke für die Fotos. Einer der ganz, ganz wenigen Wermutstropfen: die Betonarkaden an dem herrlichen Rathaus (auf deinem Foto charmant verdeckt). Ist das eigentlich ein Thema, hier mal den Vorkriegszustand zu rekonstruieren? Weiß jemand etwas über den diesbezüglichen Dokumentationsstand?
    • Herzlich willkommen, klingentor.
      Tübingen ist defintiv sehenswert. Ich hätte gerne noch viel mehr Bilder davon. :)
      Das große Glück Tübingens ist es, dass die Altstadt im 2. WK völlig verschont wurde. Deshlab sind die zahlreichen Bausünden (z.B. Uni) zum Glück eher außerhalb und stören das harmonische Bild nicht so sehr.
      Eine der vorzüglichsten Eigenschaften von Gebäuden ist historische Tiefe.
      Die Quelle aller Geschichte ist Tradition. (Schiller)
      Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten.
    • "BautzenFan" schrieb:

      Hallo Klingentor,
      für mich ist Tübingen eine der schönsten Städte in Deutschland, danke für die Fotos. Einer der ganz, ganz wenigen Wermutstropfen: die Betonarkaden an dem herrlichen Rathaus (auf deinem Foto charmant verdeckt). Ist das eigentlich ein Thema, hier mal den Vorkriegszustand zu rekonstruieren? Weiß jemand etwas über den diesbezüglichen Dokumentationsstand?


      Über Rekonstruktionspläne der Säulen ist mir nichts bekannt.
      Soviel ich weiss, wurden die mittelalterlichen Pfeiler aus Holz bereits bei der Renovierung im 19. Jahrhundert durch Sandsteinsäulen ersetzt (wer weiss hier mehr darüber?) Also die Wiederherstellung dieses Zustand dürfte doch wohl nicht so aufwändig sein.
    • Wow, diese Bildergalerie! Ist auf Anhieb zu einem meiner Favoriten geworden! Ich war vor ein paar Jahren in dieser Stadt, als ich in den Raum Stuttgart fuhr, um die totale Sonnenfinsternis zu erleben. Stuttgart hat sich damals zu einem riesigen Stadtfest gerüstet, welches ja komplet ins Wasser fiel, aber zum Glück befand ich mich in Bad Urach (Umgebung Stuttgart), wo man dieses Spektakel vollends erleben konnte. Urach ist ja eine kleine Stadt, in welcher sehr viel Fachwerk freigelegt worden ist; im Verhältnis zum gesamten Baubestand sicher die Hälfte.

      Auf dem Heimweg besuchte ich Tübingen, und war überwältigt von dieser Stadt. Damals fiel mir aber schon auf, dass sehr wenig Fachwerke freigelegt waren. Wenn ich so deine Bilder betrachte, sind es auch heute noch keine 5%. Man kann nur erahnen, welches Potential in dieser Stadt immer noch schlummert! Ich bin sicher, dass Tübingen Rothenburg ob der Tauber den Rang ablaufen könnte; Rothenburg gilt ja im Tourismus als die Fachwerkstadt Süddeutschlands schlechthin.

      Besonders angetan hat es mir folgendes Bild:


      Bild: klingentor

      Bei diesem Gebäude handelt es sich sicher um eine ehemalige Kirche oder Kapelle, welche möglicherweise in der Reformation profaniert worden ist und in der Folge nebst einem massiven Geschoss ein Fachwerkgeschoss aufgestockt erhielt. Deutlich erkennt man noch den oktogonalen Chor mit seinen Strebepfeilern. Die Fenster des Fachwerkteils sind allerdings im 19. Jahrhundert vergrössert worden, als das Fachwerk unter einem Verputz verschwand.

      Ein bermerkenswertes Haus habe ich in deiner Galerie vermisst. Es handelt sich um ein Fachwerkwohnhaus, dessen Putzfelder und Holzbalken im selben hellen Beigeton gestrichen sind, sodass man nur das Balkenrelief sieht. Ich fand diese Art von Restaurierung insofern interessant, da damit ein Bauzustand dokumentiert ist, als man im späten 18./frühen 19. Jahrhundert begann, Fachwerke lediglich mit einer Kalktünche "zum Verschwinden zu bringen". Das Zudecken mit einem Verputz war dann eine Weiterentwicklung. Vielleicht begibst Du dich wieder mal auf eine Phototour dorthin...

      Gedanken zur Betonarkade des Rathauses: Hände weg von einer Zerstörung dieses Betondenkmals!!! Ist doch auch ein Stück Baudokumentation aus einer Zeit, als man versuchte, historisierende filigrane Bauformen in Beton nachzuempfinden... :gg: :gg: :gg:
    • Ahhh! Die Galerie wurde erweitert... :)

      Grundsätzlich ist nichts dagegen zu sagen, wenn die Stützen am Rathaus irgendwie anders sind. Allerdings sieht Sichtbeton nunmal, zumindest in dieser billigen Ausführung, sehr schäbig aus. Der Kontrast zum Aufwändigen, Lebhahften und Edlen darüber ist einfach viel zu groß.
      Ich wäre stark dafür, die Stützen mit edlem Naturstein, mit edlen Gußeisenhüllen oder wenigstens mit Putz+Bemalung dem Rest des Hauses anzugleichen.
      Eine der vorzüglichsten Eigenschaften von Gebäuden ist historische Tiefe.
      Die Quelle aller Geschichte ist Tradition. (Schiller)
      Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten.
    • "Riegel" schrieb:

      Wow, diese Bildergalerie! Ist auf Anhieb zu einem meiner Favoriten geworden! Ich war vor ein paar Jahren in dieser Stadt, als ich in den Raum Stuttgart fuhr, um die totale Sonnenfinsternis zu erleben. Stuttgart hat sich damals zu einem riesigen Stadtfest gerüstet, welches ja komplet ins Wasser fiel, aber zum Glück befand ich mich in Bad Urach (Umgebung Stuttgart), wo man dieses Spektakel vollends erleben konnte. Urach ist ja eine kleine Stadt, in welcher sehr viel Fachwerk freigelegt worden ist; im Verhältnis zum gesamten Baubestand sicher die Hälfte.



      Zur Freilegung von Fachwerk: Ich denke hier gilt es auch zu berücksichtigen, aus welcher Epoche die jeweiligen Gebäude stammen. Meins Wissens waren viele Fachwerkgebäude ab dem 18. Jhdt. nicht mehr als Sichtfachwerk gedacht (Zeitgeschmack, Brandschutz etc.) . Ich bin zwar kein Denkmalsschutzdogmatiker, aber man sollte Fachwerk deshalb nicht um jeden Preis freilegen.

      Rothenburg o.T. scheint mir im Kern keine Fachwerkstadt par excellence zu sein. Viele Steinhäuser, eher weniger Fachwerk.
    • Bei diesem Gebäude handelt es sich sicher um eine ehemalige Kirche oder Kapelle, welche möglicherweise in der Reformation profaniert worden ist und in der Folge nebst einem massiven Geschoss ein Fachwerkgeschoss aufgestockt erhielt. Deutlich erkennt man noch den oktogonalen Chor mit seinen Strebepfeilern. Die Fenster des Fachwerkteils sind allerdings im 19. Jahrhundert vergrössert worden, als das Fachwerk unter einem Verputz verschwand.


      Gut gesehen, Riegel!
      Es handelt sich um das berühmte Evangelische Stift, das so illustre Schüler wie Johannes Kepler, Eduard Mörike, Wilhelm Hauff, Gustav Schwab und nicht zu vergessen G.W.F. Hegel, Friedrich Schelling und Hölderlin hatte (die drei letzten sogar zur selben Zeit und angeblich im selben Zimmer).
      Zitat Nietzsche dazu: "Man hat nur das Wort „Tübinger Stift“ auszusprechen, um zu begreifen, was die deutsche Philosophie im Grunde ist, – eine hinterlistige Theologie."

      Der Gebäudekomplex ist ein in der Reformation profaniertes Augustinerchorherren-Kloster; die Ansicht zeigt wohl in der Tat die ehemalige Klosterkapelle.
    • "Riegel" schrieb:

      Gedanken zur Betonarkade des Rathauses: Hände weg von einer Zerstörung dieses Betondenkmals!!! Ist doch auch ein Stück Baudokumentation aus einer Zeit, als man versuchte, historisierende filigrane Bauformen in Beton nachzuempfinden... :gg: :gg: :gg:

      Es hat mich nicht in Ruhe gelassen!

      Im Marburger Bildindex gibt's einiges an Material zum Rathaus, insbesondere zur Erdgeschosszone. Nebst einigen Jahrzahlen zur Baugeschichte ist dort die Rede von Erneuerungsarbeiten 1876, wobei die Entstehung der Fassadenmalerei mit 1872 angegeben wird. Offenbar zogen sich damalige Renovationsmassnahmen über mehrere Jahre hinweg.

      Ich beginne mal mit einer Photographie, welche den Zustand vor dem letzten Umbau der 60er/70er Jahre zeigt:
      Anstelle der heutigen filigranen Betonpfeiler bestanden breite, gemauerte Pfeiler, welche durch gerade Stürze miteinander verbunden waren. Es bestand also bereits damals eine Arkade mit sechs korbbogenähnlichen Öffnungen. Die geraden Stürze verraten jedoch, dass bereits damals mit Eisenträger gearbeitet worden ist (wobei ich Holzbalken nicht ausschliessen möchte). Der Gebäudesockel erschien sehr gedrungen; das Rathaus schien förmlich im Boden zu versinken. Diesen optischen Effekt könnte eine nachträgliche (18. Jh.?) Fenstervergrösserung im 1. Obergschoss mitverursacht haben, indem die Fenstersimse beträchtlich tiefer gesetzt wurden:


      Quelle: http://www.bildindex.de">www.bildindex.de



      Eine ältere Photographie, wohl kurz nach den Umbaumassnahmen der 1870er Jahre entstanden, zeigt den selben Zustand, nur dass hier die Arkaden mit Türen verschlossen waren:


      Quelle: http://www.bildindex.de">www.bildindex.de



      Interessant ist das dritte Bild: es zeigt den Zustand vor den Umbaumassnahmen und der Anbringung der heutigen Dekorationsmalerei in den 1870er Jahren. Stellenweise liegt das Fachwerk im 1. Obergeschoss frei; es scheint, als ob das Fachwerk mittels aufgenagelten Tonplättchen und darüber einem Verputz zugedeckt ist. Wahrscheinlich wurde hier im Vorfeld der Umbaumassnahmen eine Partie freigelegt, um die Statik der Fassade beurteilen zu können. Leider kann ich nicht erkennen, ob diese Aufnahme eine stark verwitterte frühere Fassadenmalerei zeigt. Aber ich meine, einmal gelesen zu haben, dass das Fachwerk bereits im 17. Jahrhundert zugunsten einer Renaissançemalerei zugedeckt worden ist. Anstelle der linken beiden Arkaden- resp. Türöffnungen bestanden geschlossene Wandpartien mit Fenstern:


      Quelle: http://www.bildindex.de">www.bildindex.de

      Interessant ist nun, dass man die Balkenköpfe der Erdgeschossdecke erkennen kann, welche beträchtlich höher als die Stürze der Arkadenöffnungen liegen. Ich kann mir vorstellen, dass ursprünglich eine offene Erdgeschosshalle mit kräftigen Eichenständern und angeblatteten Kopfbänder bestand, ähnlich der Rathäuser in Michelstadt und in Bad Urach, typisch für die Rathäuser im süddeutschen Gebiet. In diesem Zustand wirkte der Gebäudesockel weit weniger gedrungen, da der Sturz um einiges höher lag. Insofern finde ich den heutigen Zustand mit Beton bemerkenswert, da er dem (vermuteten) ursprünglichen Zustand am nächsten kommt. Die abgeschrägten Ecken der Arkaden zeichnen den Verlauf der Kopfbänder nach. Wahrscheinlich hatten die Tübinger seit Jahrhunderten mit der Statik ihres Rathauses zu kämpfen, und somit dürfte eine Rekonstruktion der Sockelzone mit den ursprünglichen Materialien einiges Kopfzerbrechen bereiten!

      Zum Vergleich:
      Rathaus Michelstadt
      Rathaus Bad Urach

      @klingentor
      Zur Freilegung von Fachwerk: da gehe ich mit Dir völlig einig! Ich habe mich in dieser Hinsicht bereits in Threads zu Nürnberg und Frankfurt geäussert. Ich habe eh vor, mal einen Faden mit dem Thema "Restaurierung/Rekonstruktion von Fachwerk" zu eröffnen. Auch betreffend Rothenburg gebe ich Dir recht: ich hätte besser geschrieben "... gilt in Tourismuskreisen als die mittelalterlichste Stadt..."

      @Philon
      Vielen Dank für die zusätzliche Ausführung!
    • "Riegel" schrieb:

      Wahrscheinlich hatten die Tübinger seit Jahrhunderten mit der Statik ihres Rathauses zu kämpfen, und somit dürfte eine Rekonstruktion der Sockelzone mit den ursprünglichen Materialien einiges Kopfzerbrechen bereiten!


      Vielen Dank für die Ausführungen. Sehr interessant. Eine originalgtreue Reko erscheint mir auch schwierig. Dennoch wäre es wünschenswert, wenn man zumindest mal Überlegungen hinsichtlich ästhetisch befriedigenderen Lösungen anstellen würde.
    • "BautzenFan" schrieb:

      Zitat klingentor:
      Eine originalgtreue Reko erscheint mir auch schwierig. Dennoch wäre es wünschenswert, wenn man zumindest mal Überlegungen hinsichtlich ästhetisch befriedigenderen Lösungen anstellen würde.

      klingentor:
      ganz meine Meinung.

      Riegel:
      Vielen Dank für die sehr ausführlichen Informationen.


      Eigentlich müsste man doch meinen, dass das jedem auffällt, dass das nicht passt - aber da wundert man sich ja manchmal... ;)
      Eine der vorzüglichsten Eigenschaften von Gebäuden ist historische Tiefe.
      Die Quelle aller Geschichte ist Tradition. (Schiller)
      Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten.
    • "Antiquitus" schrieb:


      Eigentlich müsste man doch meinen, dass das jedem auffällt, dass das nicht passt - aber da wundert man sich ja manchmal... ;)


      Es fällt wahrscheinlich auch vielen auf, nur haben sich die meisten damit abgefunden bzw. sind zu feige wider das Gerede vom "spannenden Kontrast zwischen Altem und Neuem" zu argumentieren.
      Und dann die Kosten, die Sachzwänge und überhaupt...
    • Die Fotos der Tübinger Altstadt sind wunderschön! Der Blick über den Neckar zur Altstadt, außerdem noch mit dem Hölderlinturm, gehört sicher zum schönsten, was Deutschland zu bieten hat.

      Auch wenn die meisten Häuser erst später entstanden sein dürften, wirkt das verwinkelte Stadtbild doch noch stark mittelalterlich und man staunt, wie wohltuend und menschlich ein solches Stadtbild aus dem "finsteren Mittelalter" wirkt. Gerade die vielen Unregelmäßigkeiten und Besonderheiten wie z. B. die schmalen Durchgänge, die von der Moderne systematisch als unzweckmäßig wegrationalisiert wurden, machen diese Stadt so angenehm.

      Die Sichtbeton-Pfeiler am Rathaus passen dagegen wie die Faust aufs Auge! Die Fassade wird am stärksten durch die Malereien des 19. Jahrhunderts geprägt. Die damalige Erdgeschosslösung könnte daher wieder ergänzt werden.

      Auch ich würde mich über noch mehr Sichtfachwerk in der Altstadt freuen!
    • @Riegel

      Danke erst mal für die Chronologie.
      Sich näher mit der Baugeschichte eines
      Gebäudes zu beschäftigen, ergibt neue
      Eindrücke und Bewertungen der Situation.

      Du schreibst:
      Ich beginne mal mit einer Photographie, welche den Zustand vor dem letzten Umbau der 60er/70er Jahre zeigt:
      Anstelle der heutigen filigranen Betonpfeiler bestanden breite, gemauerte Pfeiler, welche durch gerade Stürze miteinander verbunden waren. Es bestand also bereits damals eine Arkade mit sechs korbbogenähnlichen Öffnungen. Die geraden Stürze verraten jedoch, dass bereits damals mit Eisenträger gearbeitet worden ist (wobei ich Holzbalken nicht ausschliessen möchte). Der Gebäudesockel erschien sehr gedrungen; das Rathaus schien förmlich im Boden zu versinken. Diesen optischen Effekt könnte eine nachträgliche (18. Jh.?) Fenstervergrösserung im 1. Obergschoss mitverursacht haben, indem die Fenstersimse beträchtlich tiefer gesetzt wurden:



      und weiter:
      Interessant ist nun, dass man die Balkenköpfe der Erdgeschossdecke erkennen kann, welche beträchtlich höher als die Stürze der Arkadenöffnungen liegen. Ich kann mir vorstellen, dass ursprünglich eine offene Erdgeschosshalle mit kräftigen Eichenständern und angeblatteten Kopfbänder bestand, ähnlich der Rathäuser in Michelstadt und in Bad Urach, typisch für die Rathäuser im süddeutschen Gebiet. In diesem Zustand wirkte der Gebäudesockel weit weniger gedrungen, da der Sturz um einiges höher lag. Insofern finde ich den heutigen Zustand mit Beton bemerkenswert, da er dem (vermuteten) ursprünglichen Zustand am nächsten kommt. Die abgeschrägten Ecken der Arkaden zeichnen den Verlauf der Kopfbänder nach. Wahrscheinlich hatten die Tübinger seit Jahrhunderten mit der Statik ihres Rathauses zu kämpfen, und somit dürfte eine Rekonstruktion der Sockelzone mit den ursprünglichen Materialien einiges Kopfzerbrechen bereiten!




      Ist ein filigraner Zustand oder eine Rekonstruktion der Sockelzone
      angesichts der verputzten Fassade überhaupt sinnvoll?


      Ich meine nein und halte damit auch die derzeitige Betonpfeiler als
      vermeintliche Neuinterpretation früherer Eichenholzständer für falsch.
      Mit der Umgestaltung zur Putzfassade, die den Charakter des
      Sichtfachwerks beseitigte und stattdessen einen Massivbau mit
      Fassadenbemalung repräsentiert, war es folglich nur logisch aus
      gestalterischen Gründen auch der Sockelzone einen massiven
      Charakter zu verleihen.

      Ich teile deinen Eindruck nicht, dass damit das Gebäude “im Boden zu
      versinken“ drohte...ganz im Gegenteil, sie gab den Obergeschossen
      durch ihre zusätzliche, horizontale Gliederung eine stabile Basis.
      Die ist mit dem erneuten „Aufbrechen“ zugunsten der Betonpfeiler
      zerstört worden.

      Dadurch scheinen die Obergeschosse, wie bei ausgeräumten
      Erdgeschossen gängiger Ladenzonen, zu schweben und man
      hat das Gefühl, dass die Pfeiler unter der Last zusammenbrechen
      müßten, was sie natürlich nicht tun... dennoch, das Ganze bekommt
      einen empfindungsgemäß unstabilen Charakter, wie es vom "Neuen
      Bauen" bekanntermaßen gewünscht ist, aber einer traditionelle Ge-
      staltung zum Nachteil gereicht.

      Dieser Eindruck kann bei den Beispielen aus Michelstadt und Bad Urach
      so nicht entstehen, weil wir es hier tatsächlich noch mit Sichtfachwerk
      zu tun haben...die Konstruktion der Halle bildet mit den Obergeschossen
      eine gestalterische und konstruktive Einheit.
      Im Falle Tübingen ist das nicht (mehr) gegeben. Konsequenterweise
      müßte man hierzu die Fassade ihres Putzes und der Bemalung berauben
      und die Fachwerkkonstruktion freilegen...und nur vielleicht würden die
      Betonpfeiler dann mit dem Fachwerkobergeschossen eine filigranen
      Einheit ergeben...

      Schließlich kann dies aber in niemandem's Sinne sein, oder doch?

      Ich würde deshalb eine massivere Ergeschosszone mit den ursprünglichen
      Korbbögen und evtl. Rustika aus gestalterischen Gründen vorziehen,
      weil eine Bewertung der Fassade aus konstruktiver Sicht durch die
      Verkleidung und den massiven Charakter der Obergeschosse bereits
      hinfällig ist.


      Jeder, der sich die
      Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.

      www.archicultura.ch

    • "Stefan" schrieb:

      Ist ein filigraner Zustand oder eine Rekonstruktion der Sockelzone
      angesichts der verputzten Fassade überhaupt sinnvoll?

      ...
      Ich teile deinen Eindruck nicht, dass damit das Gebäude “im Boden zu
      versinken“ drohte...ganz im Gegenteil, sie gab den Obergeschossen
      durch ihre zusätzliche, horizontale Gliederung eine stabile Basis.
      Die ist mit dem erneuten „Aufbrechen“ zugunsten der Betonpfeiler
      zerstört worden.

      Ich habe mich wahrscheinlich zu ungenau ausgedrückt, und deshalb hast Du mich falsch verstanden. Ich schrieb:
      Der Gebäudesockel erschien sehr gedrungen; das Rathaus schien förmlich im Boden zu versinken. Diesen optischen Effekt könnte eine nachträgliche (18. Jh.?) Fenstervergrösserung im 1. Obergeschoss mit verursacht haben, indem die Fenstersimse beträchtlich tiefer gesetzt wurden.

      Mit dieser Feststellung zielte ich auf die optisch niedrige Höhe des Erdgeschosses im Verhältnis zur Höhe des 1. Obergeschosses (resp. zur gesamten Gebäudehöhe) ab. Diese beiden sind ja durch ein Gurtgesims voneinander getrennt (wie die restlichen Obergeschosse auch), aber das Gurtgesims befindet sich nicht wie im Normalfall auf der effektiven Höhe der Erdgeschossdecke, sondern sitzt zu tief! Deshalb meine Bemerkung zu den auf der 3. Photographie sichtbaren Balkenköpfen und den nachträglich tiefer gesetzten Fensterbrüstungen im 1. Obergeschoss. Wegen diesen zu tief liegenden Fensterbrüstungen musste auch das Gurtgesimse tiefer gesetzt werden (ca. 40 cm), und deshalb ist die Fassade schon seit über einem Jahrhundert aus dem Gleichgewicht geraten!

      Wollte man diesem optischen Mangel Abhilfe schaffen, müssten als erstes die Fenstersimse des 1. Obergeschosses wieder höher gesetzt werden (so wie sie wahrscheinlich zum Zeitpunkt der Erbauung des Rathauses im 15. Jahrhundert bestanden) und folglich auch das Gurtgesims auf die tatsächliche Höhe der Geschossdecke. Dadurch gewänne das Erdgeschoss optisch wieder an Höhe, und erschiene fortan nicht mehr so gedrungen. Dies wiederum hätte zur Folge, dass die Fassadenmalerei angepasst, und ein allenfalls noch vorhandener historischer Innenausbau (Wandtäferung?) ebenfalls verändert werden müssten! Also Zerstörung von historischer Bausubstanz! Aus diesem Grunde ist ja die moderne Denkmalpflege sehr zurückhaltend, wenn es um Rekonstruktionen bei bestehenden historischen Bauwerken geht.

      Ich gehe mit Dir einig, dass das Erdgeschoss im heutigen Zustand mit dünnen Betonpfeilern wie auch bei einer Rekonstruktion mit schlanken Holzpfeilern optisch im Boden versinkt (zu konzentrierte Kraftbündelung!). Haben wir damit nicht wohl das Hauptproblem bei der letzten Sanierung angesprochen? Wahrscheinlich befriedigte damals der Zustand des 19. Jahrhunderts mit den niedrigen, gedrungenen Erdgeschossöffnungen nicht mehr, und man suchte nach einer neuen Lösung. Aus unserer heutigen Sicht ist diese jedoch misslungen. Ich würde bei einer künftigen Sanierung auch eher wieder zu massiven Mauerpfeilern tendieren, evt. unter minimaler Absenkung des Platzes im Bereich der linken Gebäudehälfte.

      Diese Ausführungen mögen jetzt für den einen oder andern APH-Leser als spitzfindig erscheinen, aber ich möchte damit lediglich mal ein Problembeispiel darstellen, wie es sich oft bei Teilrekonstruktionen von historischen Bauwerken bietet.
    • @riegel

      du schreibst:
      "Ich gehe mit Dir einig, dass das Erdgeschoss im heutigen Zustand mit dünnen Betonpfeilern wie auch bei einer Rekonstruktion mit schlanken Holzpfeilern optisch im Boden versinkt Wahrscheinlich befriedigte damals der Zustand des 19. Jahrhunderts mit den niedrigen, gedrungenen Erdgeschossöffnungen nicht mehr, und man suchte nach einer neuen Lösung. Aus unserer heutigen Sicht ist diese jedoch misslungen. Ich würde bei einer künftigen Sanierung auch eher wieder zu massiven Mauerpfeilern tendieren, evt. unter minimaler Absenkung des Platzes im Bereich der linken Gebäudehälfte.

      Diese Ausführungen mögen jetzt für den einen oder andern APH-Leser als spitzfindig erscheinen, aber ich möchte damit lediglich mal ein Problembeispiel darstellen, wie es sich oft bei Teilrekonstruktionen von historischen Bauwerken bietet."


      ob die maßnahme der 60er/70er jahre des 20.jahrhunderts ausschließlich
      aus heutiger sicht mißlungen erscheint, könnte nur anhand weiterer
      entwürfe von damals zur umgestaltung der erdgeschosszone beurteilt
      werden. ich kann nur vermute, meine aber, dass man sich damals wie
      heute zu wenig um die gesamtgestaltung gedanken machte und lediglich
      den teilaspekt aus konstruktiv-modernistischer sicht herausstellte...
      sonst hätte man sicher damals auch nach einer gestalterisch
      verträglicheren lösung gesucht, statt mit sichtbetonpfeilern zu agieren.

      deine beschreibung hinsichtlich der umgestaltung des 1.obergeschoss,
      die zur drückung des erdgeschosses beitrug, war für mich eingängig und
      gut geklärt. allein eine massivere erdgeschosszone würde diesen eindruck
      noch unterstreichen, wie ich es auffasste, mochte ich so nicht stehen
      lassen. die umgestaltung des erdgeschoss muß demnach nicht erst mit
      der verkleidung der obergeschosse als notwendige maßnahme erschienen
      sein, sondern bereits früher, mit der herabsetzung der fenster und des
      gesims im 1.obergeschoss. mit der massiveren erdgeschosszone wurde
      der gedrungene charakter bereits entschärft. erst die vermeintllich
      historische öffnung und neuinterpretation im 20.jahrhundert verschärfte
      die optische störung erneut, welche wiederum auf die veränderung des
      1.obergeschoss zurückzuführen ist.

      in deiner einschätzung im letzten absatz gehen wir konform....die
      leichte niveauabsenkung wäre visuell ob ihrer wirkung zu untersuchen.
      finde den aspekt interessant und die diskussion hier sinnvoll.

      im grunde geht es dabei nicht so sehr um
      eine (teil-)rekonstruktion, sondern um die
      frage der gestaltung an sich. ob sich die moderne
      denkmalpflege schwer tut mit (teil-)rekonstruktionen,
      ist bei dieser thematik deshalb auch weniger die frage,
      scheint sie angesichts des eingriffs doch auch hier maßgeblich
      ideologisch motiviert. die punkte, die angesprochen wurden
      und zu einer verbesserung der gesamtfassade beitragen könnten
      würde zudem nicht von der denkmalpflege geführt...leider.


      Jeder, der sich die
      Fähigkeit erhält Schönes zu erkennen, wird nie alt werden.

      www.archicultura.ch

    • Ich bin nicht der Ansicht, dass man hier rekonstruieren muss.
      Gerade in Städten wie Tübingen, wo die historische Bebauung in der Innenstadt nahezu vollständig ist, kann sich ein zeitgenössischer Architekt durchaus mit einer neuen Lösung versuchen.
      Nur: es muss gut aussehen und passen. Dadurch fallen alle spinnerten Glas-Stahl-Plastik-Lösungen weg. Davon abgesehen, sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Auch dass neoklassizistische Architekturbüros wie die Patzschkes sich versuchen, könnte ich mir gut vorstellen.
      Eine der vorzüglichsten Eigenschaften von Gebäuden ist historische Tiefe.
      Die Quelle aller Geschichte ist Tradition. (Schiller)
      Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten.
    • "Antiquitus" schrieb:

      Ich bin nicht der Ansicht, dass man hier rekonstruieren muss.
      Gerade in Städten wie Tübingen, wo die historische Bebauung in der Innenstadt nahezu vollständig ist, kann sich ein zeitgenössischer Architekt durchaus mit einer neuen Lösung versuchen.
      Nur: es muss gut aussehen und passen. Dadurch fallen alle spinnerten Glas-Stahl-Plastik-Lösungen weg. Davon abgesehen, sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Auch dass neoklassizistische Architekturbüros wie die Patzschkes sich versuchen, könnte ich mir gut vorstellen.


      Sehe ich auch so. Es ist wichtig dass wir nicht dogmatisch werden. Wenn wir dogmatischer wird, dann werden genau so wie der neo-modernisten....