Ehemalige Villa Staudt - Tiergartenstraße

  • Ist vielleicht jetzt ein wenig off topic aber ich habe gestern aus langeweile im Bildindex rumgestöbert und bin dabei auf einen, meiner Meinung nach, sensationellen Jugendstilbau gestossen.
    Er existiert zwar nach allergröster Wahrscheinlichkeit nicht mehr aber für diejenigen unter euch die ihn noch nicht gesehen haben.






  • Sowas geniales hab ich noch nie gesehen... :schockiert:


    Wie konnte man sowas abreißen? Selbst wenn es sehr wahrscheinlich stark von Bomben getroffen wurde. Schweinerei...

  • Ja, leider, leider, hatte Berlin noch Einiges dieses Kalibers, das nicht mehr da ist - und bestimmt auch nicht mehr kommt.

    Eine der vorzüglichsten Eigenschaften von Gebäuden ist historische Tiefe.
    Die Quelle aller Geschichte ist Tradition. (Schiller)
    Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten.

  • Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, das Haus ist nicht englischen Bomben, sondern deutschen Spitzhacken zum Opfer gefallen. Das Gebiet um die Matthaeikirche wurde schon vor den Bombenangriffen groesstenteils geraeumt, um Platz fuer die geplante Nord-Sued-Achse zu schaffen.

  • Dieses Gebäude verkörpert den Jugendstil in seiner ganzen Pracht und Vielfalt. Das zu erkennen dürfte doch selbst für diese dilettantische Generation erkennbar gewesen sein, die für den Weltkrieg und den hässlichen Wiederaufbau der deutschen Städte verantwortlich war. Was waren das nur für Idioten, die so etwas zerstören konnten? Hatten die denn gar keinen Respekt vor den Leistungen unserer Vorfahren?

    Der Tiefpunkt der Baukultur wurde in den 60er und 70er Jahren des 20sten Jahrhunderts erreicht...

  • Vielleicht gibt's noch Pläne und falls du mal zu Geld kommen solltest, kannst du es ja nachbauen... :)

    Eine der vorzüglichsten Eigenschaften von Gebäuden ist historische Tiefe.
    Die Quelle aller Geschichte ist Tradition. (Schiller)
    Eine Stadt muss ihren Bürgern gefallen, nicht den Architekten.

  • JimPanse: Ein tolles Fundstück von Dir, herzlichen Dank (auch noch zweieinhalb Jahre danach)! :)
    Eine Recherche meinerseits zum Haus Staudt ergab die folgenden, hochinteressanten weiterführenden Informationen:


    Zur Familiengeschichte des Eigentümers des Hauses, Wilhelm Staudt (hier geht es um eine weitere Villa der Familie in Heringsdorf/Usedom):

    Quelle: berlin.de


    Im folgenden weitere Ansichten des von Otto Rieth erbauten Hauses Staudt in Berlin-Tiergarten:








    Schließlich die detaillierte Besprechung des neuerrichten Hauses in der "Berliner Architekturwelt":


    Quote

    An der Ecke der Thiergarten- und Regentenstrasse geht ein palastartiger Neubau seiner Vollendung entgegen, der , nach den Plänen von Otto Rieth errichtet, durch seine trotz des ungünstigen Bauplatzes höchst wirksame künstlerische Konzeption, durch die Ausführung in echtem Material von prächtiger Farbenwirkung und durch den ungewöhnlich reichen bildnerischen Schmuck allgemeine Aufmerksamkeit erregt. Was der Architekt in seinem bekannten baukünstlerischen Phantasieen bisher nur auf dem Papier zur Anschauung gebracht hat, hat er hier zum ersten Male, freilich noch in einem durch den Zweck bedingten, beschränkten Massstabe in die Wirklichkeit übertragen können. Indem wir uns eine ausführliche Würdigung des Baues vorbehalten, dessen Ausführung nach Rieths Plänen im Auftrage des Grosskaufmanns Staudt durch den auch beim Dombau beteiligten Regierungsbaumeister Schmidt erfolgt ist und zu dessen äusserer und innere Ausstattung hervorragende künstlerische Kräfte herangezogen worden sind, begnügen wir uns jetzt, den Rundbau an der Kreuzung der beiden Strassen wiederzugeben. An der Kapitälen der vier Säulen, die diesen Bauteil gliedern, sind die Kraft, das Erwachen, der Fleiss und das Licht symbolisch dargestellt, und auf den Säulen stehen vier weibliche Gestalten, die den Handel, die Schiffahrt, die Industrie und die Landwirtschaft versinnlichen. Der bildnerische Schmuck der Fassaden ist nach den Angaben Rieths von den Bildhauern Vogel und Widemann ausgeführt worden.[...]
    aus: BERLINER ARCHITEKTURWELT 11/1900


    [...] Innerhalb des von Rieth festgestellten architektonischen Rahmens haben sich die Künstler in der Erfindung wie in der Ausführung der Bildwerke frei bewegt. Den Hauptantheil haben August Vogel und Wilhelm Widemann, die bewährten Mitarbeiter am Reichstagsbau gehabt. An dem Rundbau sind der Löwe auf der Attika, die Figuren der Schiffahrt und der Industrie vor den Pfeilern des zweiten Stockwerks, die Säulenkapitäle nebst dem sich zwischen ihnen ziehende Friese und der Schmuck des Portals von Vogel, die krönenden Aufsätze der Eckpfeiler, die Reliefs unter dem Dachgesims mit der Maske des Oceanus in der Mitte und die Figuren des Ackerbaues und des Handels von Widemann erfunden und ausgeführt worden. Die Wandflächen zwischen den Fenstern des Hauptgeschosses der langgestreckten Front an der Regentenstraße sind mit sechs Reliefs geschmückt, von denen die beiden äussersten das Leben (Widemann) und den Tod (Vogel) durch schlanke Frauengestalten von edler Bildung symbolisieren. Die Darstellungen zwischen ihnen schildern in antikisierender, etwas an den strengen Geist der italienischen Frührenaissance anklingender Auffassung Krieg und Sieg mit den Gestalten von Bismarck und Moltke, deren Profilköpfe ungemein charakteristisch aus der Fläche des Sandsteins herausgearbeitet sind, beide von Vogel, dann den Handel und zuletzt in einer Gruppe Kunst und Wissenschaft, beide von Widemann. In den Füllungen über den Fenstern sind schwebende Siegesgöttinen und Sinnbilder der heissen und kalten Zone dargestellt worden. Ausser Vogel und Widemann war noch Ludwig Manzel an dem Schmuck der Facade beteiligt; von ihm rühren die Gestalten Europas und Amerikas an den Eckrisalit an der Regentenstrasse her. Das Bildwerk an der Brunnenrückwand im Hofe hat Vogel nach dem Entwurfe Rieths ausgeführt. Der kolossale Frauenkopf ist ein Sinnbild der Sprea, deren Kinder als kleine glotzäugige Wasserungeheuer unter ihr zum Vorschein kommen.
    aus: BERLINER ARCHITEKTURWELT 04/1901


    P.S. An die, wo sich im Südwesten auskennen: Otto Rieth war der Architekt des Galateabrunnens in Stuttgart.
    http://de.wikipedia.org/wiki/Galateabrunnen_(Stuttgart)

    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Nach über 10 Jahren eine Ergänzung.


    Eine bereits z. T. oben zu sehende Detailansicht der üppigen PrinzRegentenstraßen-Seite des Hauses in (für hier natürlich zu relativierender) besserer Qualität.



    Bezügl. der oben zu sehenden Inschriften 'Argentinien' und 'Uruguay' ein kurzer Wikipedia-Auszug:
    " Wilhelm Staudt aus Hellenthal (1853–1906) lebte seit 1877 in Buenos Aires und hatte es als Unternehmer im Handel von Leder, Wolle und Stoffen zu beträchtlichem Wohlstand gebracht und 1885 in Berlin Elisabeth Albrecht (1858–1948) geheiratet. Das 1887 gegründete Unternehmen Staudt & Co. besaß Niederlassungen in Buenos Aires und Berlin. Staudts Vater vertrat die Republik Uruguay als Konsul in Berlin."

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    Edited 2 times, last by Mantikor ().

  • Fürwahr nein, sicher war ich mir des unbewussten Verschreibers nicht.


    Also, Tiergartenstraße N°9/Regentenstraße N°1 lautete die Adresse.


    Ich habe mir noch einmal die Mühe gemacht, weitere Ansichten zu finden und wurde tatsächlich auch bezüglich einer Gesamtaufnahme fündig:


    LInks die Regentenstraße, rechts die Tiergartenstraße.


    Diese Einfahrt befand sich dann an der linken Seite des Hauses, wie auch schon oben links im Bild zu erahnen:

    Weitere Informationen, Ansichten (auch Innenaufnahmen) in der Deutschen Bauzeitung 1902, Ausgabe 12 (N°97).

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    (Immanuel Kant)

  • Einige Bilder des Inneren sowie Bilder des von den Nazis ebenfalls später zum Abriss vorgesehenen dann aber bereits im Krieg beschädigten Palais Thiele-Winkler.
    Die Sandsteinfriese des Palais Thiele-Winkler wurden abgebaut und lagerten bis in die 70er Jahre in den Katakomben das Nationaldenkmals am Kreuzberg. Ob sie heute noch dort existieren, ist mir nicht bekannt aber sicher eine Anfrage beim Berliner Senat wert. Ein Wiederaufbau - evtl. transloziert - wäre daher durchaus möglich, Investoren wären sicherlich zu finden.