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Ehemalige Villa Staudt - Tiergartenstraße

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    • Ehemalige Villa Staudt - Tiergartenstraße

      Ist vielleicht jetzt ein wenig off topic aber ich habe gestern aus langeweile im Bildindex rumgestöbert und bin dabei auf einen, meiner Meinung nach, sensationellen Jugendstilbau gestossen.
      Er existiert zwar nach allergröster Wahrscheinlichkeit nicht mehr aber für diejenigen unter euch die ihn noch nicht gesehen haben.





    • Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, das Haus ist nicht englischen Bomben, sondern deutschen Spitzhacken zum Opfer gefallen. Das Gebiet um die Matthaeikirche wurde schon vor den Bombenangriffen groesstenteils geraeumt, um Platz fuer die geplante Nord-Sued-Achse zu schaffen.
    • Dieses Gebäude verkörpert den Jugendstil in seiner ganzen Pracht und Vielfalt. Das zu erkennen dürfte doch selbst für diese dilettantische Generation erkennbar gewesen sein, die für den Weltkrieg und den hässlichen Wiederaufbau der deutschen Städte verantwortlich war. Was waren das nur für Idioten, die so etwas zerstören konnten? Hatten die denn gar keinen Respekt vor den Leistungen unserer Vorfahren?
      Der Tiefpunkt der Baukultur wurde in den 60er und 70er Jahren des 20sten Jahrhunderts erreicht...
    • Re: Ehemalige Villa Staudt - Tiergartenstraße

      @JimPanse: Ein tolles Fundstück von Dir, herzlichen Dank (auch noch zweieinhalb Jahre danach)! :)
      Eine Recherche meinerseits zum Haus Staudt ergab die folgenden, hochinteressanten weiterführenden Informationen:

      Zur Familiengeschichte des Eigentümers des Hauses, Wilhelm Staudt (hier geht es um eine weitere Villa der Familie in Heringsdorf/Usedom):
      Die Geschichte Wilhelm Staudts mutet wie die eines typischen "Emporkömmlings" der Gründerjahre an. Dabei war der Beginn nicht eben verheißungsvoll.
      Nach dem Konkurs seines Vaters, der einen Gasthof betrieben hatte, blieb dem 24jährigen Wilhelm wie seinem Bruder nichts anderes übrig, als auszuwandern, "um der Schande zu entgehen". Sie landeten 1877 nach sechswöchiger Schiffspassage in Buenos Aires.
      Wilhelm Staudt fand eine Anstellung als "Kommis" bei einem deutschen Handelshaus und bewies schon zwei Jahre später den Einfallsreichtum, der ihn zum Millionär werden ließ. Er entwickelte ein System von Kürzeln, das die Kabel-Kommunikation zwischen den Kontinenten erheblich verbilligte. 1882 brachte er zusammen mit einem Partner bei Julius Springer in Berlin den ersten "Commerziellen Telegraphenschlüssel" heraus, der sich als ein großer Erfolg erwies. Das vom Verlag gezahlte Honorar war freilich bescheiden. Dennoch verstand es Staudt, damit ein weiteres ausgefallenes Geschäft zu starten. Mit Popelinestoffen, die er in Südfrankreich erwarb, ließ er in Buenos Aires Pyjamajacken ohne Hosen anfertigen, die zu einer besonders beliebten Freizeitbekleidung in heißen Sommertagen wurden.
      Mit dem so verdienten Geld kaufte Wilhelm Staudt Wolle und Häute, die er nach Europa verschickte. Damit begann der unaufhaltsame Aufstieg eines Handelsunternehmens, das er seit 1887 als "Staudt & Co., Im- und Export Geschäft" mit Sitz in Berlin und in Buenos Aires eintragen ließ und das bereits damals über ein Barkapital von einer Mill. Mark verfügte.

      1895 heiratete Wilhelm Staudt in Berlin Elisabeth Albrecht, Tochter eines Industriellen, vielleicht aber auch bloß eines Metzgers aus Berlin NO, die offensichtlich außerordentlich schön war und die stattliche Länge von 1,83 m aufzuweisen hatte. Frau Konsul liebte Pferde. Wenn sie sich, die den besten Stallmeister Deutschlands, Paul Rösler, engagiert hatte, in ihren in Paris oder London bestellten Landauern und Kaleschen im Tiergarten sehen ließ, sprach ganz Berlin davon.

      Das Glück der Familie fand vorläufig ein jähes Ende, als Wilhelm Staudt 1906 infolge einer verschleppten Blinddarmentzündung noch nicht 54jährig starb. Offensichtlich ebenso beherzt wie ihr Gatte entschloss sich Witwe Staudt, die Unternehmungen, die sich mittlerweile auch auf Bankgeschäfte erstreckten und in vierzehn Filialen im In- und Ausland getätigt wurden, fortzuführen. Dabei erwies sie sich als außerordentlich erfolgreich.
      Sensationell waren auch die gesellschaftlichen Auftritte der Familie. Tochter Mercedes, die übrigens in Heringsdorf geboren wurde, vom Vater ein Vermögen von 3,3 Mill. Mark erbte und wohl ebenso schön wie ihre Mutter war, erzielte 1908 mit ihrem Vierergespann den ersten Preis beim Berliner Blumenkorso. Und die ganze Stadt war entzückt, als deren Schwester Auguste-Viktoria sich mit Rittmeister Wilhelm von Kummer verlobte, der bei den 2. Garde-Ulanen stand und als einer der bekanntesten deutschen Turnierreiter galt. Bei der Hochzeit, die 1908 in der Tiergartenstraße gefeiert wurde, geruhte Seine Majestät allergnädigst teilzunehmen, war doch der Bräutigam sein Patenkind.

      Ebenso spektakulär - und von allerhand Klatsch begleitet - waren die Teevisiten Seiner Majestät im "Haus Miramar" (so hieß die Villa früher) in den Jahren 1909 bis 1912. Offenbar waren diese Abstecher feste Bestandteile im Programm des Kaisers während der Kieler Wochen. 1912, so bezeugt es Lyonel Feininger, der auch diese "schöne Villa" zeichnete, lockte die Anwesenheit des Kaisers "eine unerträgliche Menschenmenge" an die Promenade, und über der Villa flatterte "die Kaiserliche Standarte bis ½ 7 Uhr."
      Quelle: berlin.de

      Im folgenden weitere Ansichten des von Otto Rieth erbauten Hauses Staudt in Berlin-Tiergarten:












      Schließlich die detaillierte Besprechung des neuerrichten Hauses in der "Berliner Architekturwelt":

      An der Ecke der Thiergarten- und Regentenstrasse geht ein palastartiger Neubau seiner Vollendung entgegen, der , nach den Plänen von Otto Rieth errichtet, durch seine trotz des ungünstigen Bauplatzes höchst wirksame künstlerische Konzeption, durch die Ausführung in echtem Material von prächtiger Farbenwirkung und durch den ungewöhnlich reichen bildnerischen Schmuck allgemeine Aufmerksamkeit erregt. Was der Architekt in seinem bekannten baukünstlerischen Phantasieen bisher nur auf dem Papier zur Anschauung gebracht hat, hat er hier zum ersten Male, freilich noch in einem durch den Zweck bedingten, beschränkten Massstabe in die Wirklichkeit übertragen können. Indem wir uns eine ausführliche Würdigung des Baues vorbehalten, dessen Ausführung nach Rieths Plänen im Auftrage des Grosskaufmanns Staudt durch den auch beim Dombau beteiligten Regierungsbaumeister Schmidt erfolgt ist und zu dessen äusserer und innere Ausstattung hervorragende künstlerische Kräfte herangezogen worden sind, begnügen wir uns jetzt, den Rundbau an der Kreuzung der beiden Strassen wiederzugeben. An der Kapitälen der vier Säulen, die diesen Bauteil gliedern, sind die Kraft, das Erwachen, der Fleiss und das Licht symbolisch dargestellt, und auf den Säulen stehen vier weibliche Gestalten, die den Handel, die Schiffahrt, die Industrie und die Landwirtschaft versinnlichen. Der bildnerische Schmuck der Fassaden ist nach den Angaben Rieths von den Bildhauern Vogel und Widemann ausgeführt worden.[...]
      aus: BERLINER ARCHITEKTURWELT 11/1900

      [...] Innerhalb des von Rieth festgestellten architektonischen Rahmens haben sich die Künstler in der Erfindung wie in der Ausführung der Bildwerke frei bewegt. Den Hauptantheil haben August Vogel und Wilhelm Widemann, die bewährten Mitarbeiter am Reichstagsbau gehabt. An dem Rundbau sind der Löwe auf der Attika, die Figuren der Schiffahrt und der Industrie vor den Pfeilern des zweiten Stockwerks, die Säulenkapitäle nebst dem sich zwischen ihnen ziehende Friese und der Schmuck des Portals von Vogel, die krönenden Aufsätze der Eckpfeiler, die Reliefs unter dem Dachgesims mit der Maske des Oceanus in der Mitte und die Figuren des Ackerbaues und des Handels von Widemann erfunden und ausgeführt worden. Die Wandflächen zwischen den Fenstern des Hauptgeschosses der langgestreckten Front an der Regentenstraße sind mit sechs Reliefs geschmückt, von denen die beiden äussersten das Leben (Widemann) und den Tod (Vogel) durch schlanke Frauengestalten von edler Bildung symbolisieren. Die Darstellungen zwischen ihnen schildern in antikisierender, etwas an den strengen Geist der italienischen Frührenaissance anklingender Auffassung Krieg und Sieg mit den Gestalten von Bismarck und Moltke, deren Profilköpfe ungemein charakteristisch aus der Fläche des Sandsteins herausgearbeitet sind, beide von Vogel, dann den Handel und zuletzt in einer Gruppe Kunst und Wissenschaft, beide von Widemann. In den Füllungen über den Fenstern sind schwebende Siegesgöttinen und Sinnbilder der heissen und kalten Zone dargestellt worden. Ausser Vogel und Widemann war noch Ludwig Manzel an dem Schmuck der Facade beteiligt; von ihm rühren die Gestalten Europas und Amerikas an den Eckrisalit an der Regentenstrasse her. Das Bildwerk an der Brunnenrückwand im Hofe hat Vogel nach dem Entwurfe Rieths ausgeführt. Der kolossale Frauenkopf ist ein Sinnbild der Sprea, deren Kinder als kleine glotzäugige Wasserungeheuer unter ihr zum Vorschein kommen.
      aus: BERLINER ARCHITEKTURWELT 04/1901


      P.S. An die, wo sich im Südwesten auskennen: Otto Rieth war der Architekt des Galateabrunnens in Stuttgart.
      de.wikipedia.org/wiki/Galateabrunnen_(Stuttgart)
      Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
      (Immanuel Kant)
    • Nach über 10 Jahren eine Ergänzung.

      Eine bereits z. T. oben zu sehende Detailansicht der üppigen PrinzRegentenstraßen-Seite des Hauses in (für hier natürlich zu relativierender) besserer Qualität.



      Bezügl. der oben zu sehenden Inschriften 'Argentinien' und 'Uruguay' ein kurzer Wikipedia-Auszug:
      " Wilhelm Staudt aus Hellenthal (1853–1906) lebte seit 1877 in Buenos Aires und hatte es als Unternehmer im Handel von Leder, Wolle und Stoffen zu beträchtlichem Wohlstand gebracht und 1885 in Berlin Elisabeth Albrecht (1858–1948) geheiratet. Das 1887 gegründete Unternehmen Staudt & Co. besaß Niederlassungen in Buenos Aires und Berlin. Staudts Vater vertrat die Republik Uruguay als Konsul in Berlin."
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      The post was edited 2 times, last by Mantikor ().

    • Fürwahr nein, sicher war ich mir des unbewussten Verschreibers nicht.

      Also, Tiergartenstraße N°9/Regentenstraße N°1 lautete die Adresse.

      Ich habe mir noch einmal die Mühe gemacht, weitere Ansichten zu finden und wurde tatsächlich auch bezüglich einer Gesamtaufnahme fündig:

      LInks die Regentenstraße, rechts die Tiergartenstraße.

      Diese Einfahrt befand sich dann an der linken Seite des Hauses, wie auch schon oben links im Bild zu erahnen:

      Weitere Informationen, Ansichten (auch Innenaufnahmen) in der Deutschen Bauzeitung 1902, Ausgabe 12 (N°97).
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    • Einige Bilder des Inneren sowie Bilder des von den Nazis ebenfalls später zum Abriss vorgesehenen dann aber bereits im Krieg beschädigten Palais Thiele-Winkler.
      Die Sandsteinfriese des Palais Thiele-Winkler wurden abgebaut und lagerten bis in die 70er Jahre in den Katakomben das Nationaldenkmals am Kreuzberg. Ob sie heute noch dort existieren, ist mir nicht bekannt aber sicher eine Anfrage beim Berliner Senat wert. Ein Wiederaufbau - evtl. transloziert - wäre daher durchaus möglich, Investoren wären sicherlich zu finden.