Umgang mit DDR-Architektur

  • So macht das natürlich auch Spaß, East. Ich kann Deine Argumente durchaus nachvollziehen, glaube aber, dass es im Westen gar nicht groß anders aussieht in Bezug auf das ästhetische Empfinden bzw. sogar noch schlimmer um dieses bestellt ist, obwohl man die junge Bundesrepublik doch wohl hoffentlich nicht als "linkes System" bezeichnen wird.


    In Bezug auf Dein Bild mit den Kindern: Natürlich wird ihr Empfinden maßgeblich durch das Erlebte inkl. 3D-Filme beeinflusst, aber hätte man nicht dieselben Argumente schon für unsere Jugend, die zumindest mit Zeichentrick und Fernsehen aufwuchs, wiederum ganz anders als unsere Eltern, machen können? Und diese, die immerhin Radio und Comics kannten wiederum vollkommen "degeneriert" im Vergleich zu ihren Eltern? Will man also um eines gefühlt verlorenen Gefühls für Ästhetik willen zurück zum Struwwelpeter und Hänschen im Blaubeerwald?


    Die grundsätzliche Fortschrittskepsis ist außerdem wiederum gar nichts "Rechtes", es hadern im Gegenteil extrem viele "Linke" ebenfalls mit der Gegenwart und der Veränderungsgeschwindigkeit unserer Zeit, diese bringen ihr Unbehagen nur durch andere Themen zum Ausdruck, also eher Umwelt- und Verteilungsthemen denn Migration. Und wieder kommen wir hier zu dem Ergebnis, dass "rechts" und "links" als Denkschablonen vollkommen ungeeignet sind, um die heutige Welt und ihre Milieus zu beschreiben, es gibt rechte Ökos und linke Konservative, es gibt gerade im Osten "Rechte", die eigentlich eher eine linke Gesellschaftsutopie minus Immigration herbeisehnen, während dieselben "Rechten" im Westen eher eine Wirtschaftspolitik à la FDP auf Speed bevorzugen mit einer klaren Reduktion staatlicher Leistungen.


    Und wieder komme ich nur zu einem Schluss: It's complicated.

  • Zurück zu menschengemachter und liebevoll gestalteter Kunst wäre auch ein Ansatz. Das muss nicht Struwwelpeter sein. Comics sind im Übrigen seit Jahrzehnten eine Kunstform, die handwerkliches Können erfordert und keinen leistungsstarken Prozessor- aber sei‘s drum.


    Ihre Beispiele fokussieren sich sehr auf momentane Entwicklungen, denen man sich situativ anpasst- und keine Grundhaltung der Welt gegenüber.


    Die Pole rechts und links werden immer Gültigkeit haben- diese Debatte darum, dass dies „überlebte“ Deutungsmuster sind, findet man so auch nur in Deutschland.


    Rechts: eine gewisse Misanthropie, Pessimismus, und auf die Kunst bezogen: Ästhetizismus.


    Links: Philanthropie, Optimismus und ein größeres Augenmerk auf ethische Fragen (denen sie eine universale Bindekraft zusprechen, die sie -objektiv betrachtet- nicht haben), als auf ästhetische.


    Alles natürlich in verschiedenen Nuancen.


    Dies sind die Grundpfeiler, aus denen die jeweilige politische Präferenz folgt, also ob man sich selbst links oder rechts zuordnet. Die Schattierungen, die Sie ansprachen, können durchaus hinzukommen, aber im Kern sind es die obigen Punkte, die den entscheidenden Unterschied ausmachen.


    Die Fortschrittsskepsis der Linken fokussiert sich immer noch auf ein künftiges „besser“, und auch dies in rein ökonomischen (und nicht kulturellen) Belangen. Sie gehen hierbei von der Möglichkeit eines Endzustands aus, in dem Gerechtigkeit und Gleichheit herrschen- letzteres negieren die Rechten, ersteres anerkennen sie als Möglichkeit nicht an.


    Die der Rechten verneint hingegen jeglichen Utopismus und eine Veränderung zum „Besseren“ (das sie nicht definieren können) hin.


    Rechte Ökos- die Problematisierung der Umwelt ist ursprünglich auch ein rechtes Gebiet, der Umweltschutz hat seine Ursprünge in der Försterei.


    Links und Konservativ ist kein Widerspruch, da der linke Spirit die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts prägte und sie dadurch „konservativ“ (im Sinne von rückwärtsgewandt, die gute alte Zeit in den 60ern) sein können.


    Dass rechts und links immer noch Gültigkeit haben, erkennt man auch daran, dass bei diesen Wörtern eine automatische Zuordnung zu real existierenden Menschen vollzogen wird. Jeder weiß, was ein „Rechter“ und was ein „Linker“ ist, aufgrund eigener Beobachtung und Erfahrung. Dass hier manche aufheulen, wenn Kritik an einer Strömung laut wird, zeigt ebenfalls, dass genau gewusst wird, wer und was damit gemeint ist. Wir reden also nicht über abstrakte Konstruktionen, sondern mit Leben gefüllte Pole des politischen Spektrums (rechtsnational, rechtsliberal, rechtskonservativ etc. sind Abstufungen. So wie linksprogressiv, linksliberal und linksgrün). Die Grundpfeiler, auf denen sich ihr Denken und ihre Weltinterpretation stützt, bleiben sich gleich. Wir können auch zu Tode differenzieren und bei jedem persönlich an die Haustüre klopfen und uns ein Bild von jedem Einzelnen machen- was aber einer (sehr sinnlosen) Lebensaufgabe gleichkäme. Daher bevorzuge ich es, real existierende und die Gesellschaft prägende Strömungen zu benennen und nicht Millionen Einzelne.

  • Aber vielleicht mal zurück zu "Stahlbauers" Frage, die sich auf den Kulturpalast, aber auch manche Gebäude in Potsdam bezog:

    Heute setzen sich junge Menschen für den Erhalt von Ostgebäuden ein. Da bleibt die Frage: Warum?

    Hat es etwas mit Verklärung der DDR zu tun? Mit einer Distanz zum westlichen (Investoren-)Kapitalismus, dessen Renditebestrebungen und "Gentrifizierungstendenzen" man durch das in ihrer Sichtweise größte mögliche Contra (z.B. den Plattenblock) entgegen treten will? Die DDR-Platte als das bessere, sozialere Leben?


    Ich selbst erinnere mich an einen ehemaligen Bekannten aus Berlin, bei dem ich "Hausverbot" erhielt, weil ich die tolle DDR mit der NS-Zeit verglichen hatte. (Da steckt natürlich auch eine Psycho-Sache dahinter) Er wollte tendenziell den "Palast der Republik" erhalten, wie übrigens sein gesamter Bekanntenkreis. Gewohnt wurde allerdings in der gründerzeitlichen Altbau-Wohnung.

  • Aber ich verbitte mir, dass traditionelle Architektur nur von konservativen bis Rechtspopulisten als ihr ""Baby" beansprucht wird. Nebenbei - fragt mal persönlich traditionellen Architekten wie einen Nöfer oder Kollhoff nach deren politischen Standpunkten. Einige hier würden sich wundern..;

    Sie scheinen gar nicht zu merken, dass Sie genau das tun, was Sie anderen vorwerfen. Man kann nämlich ihren Rundumschlag gegen alle "Rechtspopulisten" (d.h. jeder Regierungskritiker) so auffassen, dass Sie damit jeden meinen der nicht "Links" ist. Aber das macht nichts, wie oft schon wurde ich in die braune Ecke geschoben, nur weil ich den Neumarkt schöner finde als die kommunistische Betonwüste. Wissen Sie, man stumpft angesichts dieser (nicht besonders intelligenten) Keulen irgendwann ab und gähnt nur noch. Übrigens hat schöne Architektur mit dem spalterischen links-rechts Schema überhaupt nichts zu tun, aber auch das haben Sie nicht begriffen.


    Vor allem aber ist es sehr gewagt, nun die neo-Linken als die Hüter der Tradition darzustellen. So schmerzhaft es auch für sie sein muss, die ganze Reko- und Traditionswelle die Deutschland erfasst hat, ist nun mal das Werk der "bösen Rechtspopulisten", und es ist kurios dass Sie ausgerechnet jemanden wie Kolhoff als "Beweis" für Ihre Behauptung anführen. Denn dann scheinen Sie nicht zu wissen,dass man genau diesen (m.E. grossartigen) Kolhoff nämlich genau dieser "Rechtslastigkeit" beschuldigte. Er wurde gar als "Faschist" d.h. als Rechts beschimpft, nur weil er klassizistische Säulen baute.


    In der Neustadt als Soziologiestudent zu wohnen, von den Eltern in Bielefeld oder Stuttgart monatlich einen Scheck zu bekommen und ab und zu ein bischen über die moderne Architektur zu schimpfen (was ich übrigens von "Linken" fast noch nie hörte), das reicht nicht, lieber Herr Mahler. Die ganzen hervorragenden Projekte wie Frauenkirche, Neumarkt (GHND!) oder Berliner Schloss wurden von Linken niemals unterstützt sondern sogar eisern bekämpft! Insofern ist, mit Verlaub, ihre Behauptung Unsinn und schlicht unwahr. Die ganzen Mode-Linken in der Neustadt haben dazu nichts, aber auch gar nichts beigetragen. Ausser uns gelegentlich als "Puppenstubenbastler", "rückwärtsgewandt" oder "Heimattümler" zu etikettieren.


    Die ganzen SPD-Regierten Länder haben Rekonstruktionen blockiert wo sie nur konnten, der Frankfurter OB Rudi Arndt (SPD) wollte die sogar von Kaiser Wilhelm II bewunderte Frankfurter Oper (die zufällilgerweise seit gestern mein Profil ziert) sprengen, was ihm den Spitznamen Dynamit-Rudi einbrachte. Über die Ultra-Linken wie Ulbricht und seine Bande, die den ganzen Postplatz und andere hervorragende Ensembles auf dem Gewissen haben, müssen wir wohl erst gar nicht reden. Also ausgerehnet nun die Linken, die Tradition und Rekos HASSEN, als die Hüter der Tradition dazurstellen, ist absurd hoch zehn, lieber Herr Mahler.


    Und im Übrigen verbitte ich mir, von Ihnen als "Rechtspopulist" bezeichnet zu werden, nur weil ich gegen den inhumanen Zeitgeist und gegen den Strom schwimme.

    "Die Modernisten sollten sich endlich eingestehen, dass sich die Qualität einer Stadt konventioneller Architektur verdankt" - (H. Kollhoff).

  • Rechts: eine gewisse Misanthropie, Pessimismus, und auf die Kunst bezogen: Ästhetizismus.


    Links: Philanthropie, Optimismus und ein größeres Augenmerk auf ethische Fragen (denen sie eine universale Bindekraft zusprechen, die sie -objektiv betrachtet- nicht haben), als auf ästhetische.

    Der Relativismus mag zwar ursprünglich von rechten Denkern wie Friedrich Nietzsche oder Oswald Spengler ersonnen worden sein, wurde aber im Frankreich der Nachkriegszeit von linken Intellektuellen vereinnahmt und ist seitdem unter dem Namen "Dekonstruktion" fester Bestandteil ihrer Ideologie. Aber links ist eben einfach nicht gleich links. Ein Linksliberaler wird die westliche Zivilisation mit ihren freiheitlichen Werten als das objektiv überlegene Kultursystem ansehen, ein linker Kulturrelativist hingegen betrachtet schon eine solche Einstellung als rassistisch. Die Annahme einer objektiven Moral ist doch geradezu ein Grundpfeiler abendländisch-christlichen Denkens, wie ist das denn dann einzuordnen? Hier sehen wir wieder, wie wenig treffsicher das Schema rechts - links doch ist. Im Endeffekt hat der religiöse Konservative, der in der Welt eine göttliche Ordnung verwirklicht sieht, doch recht wenig mit dem revolutionären Faschisten gemein, der das Leben in darwinistischer Manier als gnadenlosen Kampf begreift - aber beide Positionen werden unter dem Oberbegriff "rechts" subsumiert. Was ist denn die Gemeinsamkeit zwischen dem wirtschaftsliberalen CSUler, der die freie Marktwirtschaft vertritt, und dem antikapitalistischen NPDler, der das westliche System rundum ablehnt? Wo ist denn die Schnittmenge zwischen dem transatlantischen Konservativen à la Adenauer und dem Antiwestler, der das Heil im Anschluss Deutschlands an Russland, China oder die arabische Welt sieht? Aber alle beschriebenen, doch so divergenten Typen fasst man gemeinhin unter dem Begriff "Rechte" zusammen. Das könnte man nun genauso für die linke Seite durchexerzieren, die nicht weniger divers ist. Gut, in einem Punkt muss ich dir zustimmen. Rechten Ideologien liegt oft ein Pessimismus zugrunde, ein Zweifeln an der Natur des Menschen, während linke Denker an die Möglichkeit einer Utopie glauben. Rechte neigen eher zu Vorsicht und lehnen gesellschaftliche Experimente, deren Ausgang nicht feststeht, ab. Sie präferieren es, ein funktionierendes System auch mit seinen Fehlern zu akzeptieren, anstatt im Versuch, diese Fehler zu beheben, den Bestand des Systems an sich zu gefährden. Doch auch selbst hier trifft es nicht hunderprozentig zu: Waren die Faschisten und Nationalsozialisten denn nicht auch in gewissen Aspekten progressistisch? Die Nazis beschränkten eben den Optimismus, den Linke der gesamten Menschheit entgegenbringen, nur auf die begrenzte Gruppe der "Arier", Deutschen, (nicht-slavischen) Weißen. Also, das Schema "rechts" - "links" ist höchst zweifelhaft und ungenau. Deshalb ist es wichtig, zu differenzieren, gerade auch in Bezug auf die Architektur (die hier ja eigentlich das Thema sein sollte).


    Ich stimme grundsätzlich zu, dass konservative Menschen eher dazu neigen, historische Architektur wertzuschätzen. Das ist aber eine Tendenz, keine Determination. Auch kommen die Angriffe auf die Rekonstruktionsbewegung ausschließlich von linker Seite, das ist unbestritten. Dennoch darf man es sich nicht so einfach machen, alle Linken (ich benutze diese Begriffe der Einfachheit halber weiter) per se zu Feinden zu erklären. Ich habe schon häufig erlebt, dass typische Hipster sich über einen hässlichen Neubau echauffierten. Einer meiner besten Kumpels ist ziemlich links, in einer Diskussion stellte er sogar einmal schöne Architektur als zutiefst linkes Anliegen dar: Schließlich stünde die hässliche Investorenarchitektur ja für den Turbokapitalismus, dem man jegliche Menschlichkeit opfere. Das ist wirklich kein Einzelfall. Klar, wie gesagt, statistisch gesehen mag es unter den Konservativen mehr Rekonstruktionsbefürworter geben, aber auch viele Linke betrachten Architektur oft erstaunlich unideologisch. Macht es euch also bitte nicht so einfach. Ich sehe mich zwischen den Stühlen, ich kann grundsätzlich beide Sichtweisen nachvollziehen. Aber rein aus strategischer Erwägung heraus sollte sich die Rekonstruktionsbewegung nicht von vornherein potentielle Verbündete vergraulen.

  • Ich bin doch einigermaßen erstaunt, wie es einige Leute immer wieder schaffen, ihr Rechts-Links-Schema zwanghaft in jedem Themenstrang unterzubringen. Mich nervt es!!!

  • Huch - bin ich jetzt im Thema "DDR-Bauten" gelandet? ....- Schnell weg hier!
    :schockiert::schockiert::--):blink:

    "Die Modernisten sollten sich endlich eingestehen, dass sich die Qualität einer Stadt konventioneller Architektur verdankt" - (H. Kollhoff).

  • Hat es etwas mit Verklärung der DDR zu tun? Mit einer Distanz zum westlichen (Investoren-)Kapitalismus, dessen Renditebestrebungen und "Gentrifizierungstendenzen" man durch das in ihrer Sichtweise größte mögliche Contra (z.B. den Plattenblock) entgegen treten will? Die DDR-Platte als das bessere, sozialere Leben?

    Ich denke, dass wir da auf dem Holzweg sind, wenn wir uns unbedingt an Ideologie und Politik abarbeiten. Ich glaube, dass die Gründe tiefer liegen und eher im Emotinalen denn im Rationalen zu suchen sind. Es ist schlichtweg der Verlust von Heimat, so ästhetisch minderwertig die DDR-Gebäude im Einzelnen auch sein mögen. Selbst mich hat es schon traurig gestimmt, wenn in meiner Heimatstadt total hässliche Nachkriegsklötze verschwanden - eben weil ich Erinnerungen mit ihnen verband, weil sie Teil meines Lebens geworden waren. In Ostdeutschland kommt noch, wie schon beschrieben, dieses Gefühl hinzu, auf der Verliererseite zu stehen und der eigenen Vergangenheit beraubt zu werden. Das führt dann zu einer irrationalen Anhänglichkeit allem gegenüber, das irgendwie mit DDR und Sozialismus zu tun hat, ohne dass man sich per se politisch mit dem System identifiziert. Das ist nicht einmal eine Sache von rechts oder links, in Ostdeutschland kokettiert ja selbst die AFD damit, ich erinnere an das Wahlplakat mit der Aufschrift "Ernst Thälmann würde AFD wählen". Ich kann es selbst nicht beurteilen, aber mein Kumpel, der in Dresden studiert, erzählte mir schon, dass viele Jugendliche dort total stolz auf ihr ostdeutsches Erbe seien, gar nicht einmal aus politischer Überzeugung, sondern eben mehr aus einer Art Trotz heraus. Vielleicht erscheinen die Verteidiger des DDR-Erbes auch gerade deshalb oft ziemlich verbissen, weil die seelischen Beweggründe für ihr Engagement emotionaler Natur sind und dementsprechend auch für rationale Erwägungen eher unzugänglich bleiben. Ich will das gar nicht bewerten, grundsätzlich kann man es sogar nachvollziehen.


    Aber mir fällt dieses Argument vom "Ostcharakter" oder wahlweise vom "Bauerbe der DDR" auf, das immer mal in der Diskussion auftaucht. Das ist interessant, denn es gibt kein Pendant dazu im Westen. Als z.B. das Technische Rathaus in Frankfurt abgerissen wurde, gab es womöglich eine verschwindend geringe Zahl unter modernistischen Architekturtheoretikern und Journalisten, die das bedauerten, aber selbst von diesen wäre niemand auf die Idee gekommen, den brutalistischen Bau als wichtig für den "Westcharakter" oder als Element des "Bauerbes der ehemaligen West-BRD" zu verkaufen.

    Das stimmt so aber nicht. Da muss man im genannten Beispiel Frankfurt nur auf die Paulskirche schauen, deren jetzige (mediokre) Innengestaltung ja eben damit gerechtfertigt wird, dass sie ein wichtiges Zeugnis für die frühe Wiederaufbauzeit der Bundesrepublik sei. Es gibt auch in der BRD eine Nostalgie für die 50er und 60er Jahre, für die Wirtschaftswunderzeit und ihre Zeugnisse. Aber dieses Argument, da hast du wohl recht, wird im Westen seltener gebraucht.

  • Die Architektur der Wiederaufbau-Zeit wird mittlerweile im Westen durchaus gewürdigt, obwohl das ja im deutlichen Widerspruch zur gesellschaftspolitischen Abwertung dieser Jahre seitens der 68er- und Post-68er-Generation steht. Aber, diese Würdigung betrifft vor allem eine bestimmte Schicht von Kunsthistorikern, Denkmalpflegern und Kreativschaffenden, die ein Faible für Nierentische und tropfenförmige Garderoben-Spiegel bei ihrer Wohnungseinrichtung haben. Und, das wollte ich nur zum Ausdruck bringen, selbst die Paulskirche wird nicht deshalb als erhaltenswert betrachtet, weil sie für irgendetwas spezifisch "westdeutsches" stehe. Am ehesten findet man das noch bei den ganz spezifisch westdeutschen Geschichtsstätten, z.B. dem Adenauerhaus in Rhöndorf (hier) oder dem Theodor-Heuss-Haus in Stuttgart (hier). Aber das lässt sich mit dieser doch viel weiter gehenden "Ostalgie" in den östlichen Bundesländern nicht vergleichen.

  • Bei der Wiedervereinigung wurde eine kleinere "Gruppe" von einer größeren mehr oder weniger geschluckt (das klingt jetzt negativer als ich es meine) und das ruft eben Trotzreaktionen hervor. Das mag zwar ein schlechter Vergleich sein, aber bei diesem "Zwist" zwischen Badensern und Schwaben sind mir bisher eher erstere als die treibende Kraft aufgefallen. Die Schwaben haben in Baden-Württemberg die Hauptstadt bekommen und scheinen auch ansonsten zu dominieren, dementsprechend halten die Badenser eine besondere Betonung ihrer eigenen Identität dieser empfundenen Übermacht entgegen. Denselben Mechanismus können wir in Ostdeutschland beobachten. Das Ganze mag also eine Reaktion auf die Hegemonie des Westens sein und da man, im Gegensatz zu den BRDlern, in der Nostalgie wohl schlecht auf die politische Geschichte zurückgreifen kann, müssen eben Dinge wie die Architektur oder die Alltagskultur (Broiler etc.) dafür herhalten. Es ist ja auch verständlich, dass man es bedauert, wenn die Welt, in der man aufgewachsen ist, mehr und mehr verschwindet und ersetzt wird (und damit meine ich natürlich nicht die Politik, sondern die Kultur). Apropos Jugendkultur, es gibt zum Beispiel auch den ziemlich erfolgreichen Rapper "Finch Asozial", der sich hauptsächlich mit dem Image eines assozialen Plattenbau-Ostdeutschen profiliert. Es wäre hingegen undenkbar, als westdeutscher Musiker seine ganze Identität auf das "Wessitum" aufzubauen.

  • Ich möchte noch anmerken, dass -der Definition von East folgend- "Rechte" durch ihre grundsätzlich etwas misanthropere Ader eben auch seltener Städter sind. Und genau hier geht ein weiterer Riss durch die Gesellschaft, der schwelende Konflikt Land/Kleinstadt - Großstadt. Es ist kein Wunder, dass in den Speckgürteln der Städte mit ihren größeren Grundstücken und mehr Platz eher konservative Parteien gewählt werden, während in den Städten traditionell linker, progressiver gewählt wird, ursprünglich auch aufgrund einer starken sozialdemokratischen Arbeiterschicht, mittlerweile auch durch die sich gerade in den dicht bebauten Altbauvierteln sammelnden Akademiker.


    Diejenigen, die mit dem Lärm, den Konflikten und der Enge der Stadt hadern, verlassen diese wesentlich niedrigschwelliger für das Freiheitsgefühl des Suburbanen, das Grillenkönnen, die Doppelgarage, das "Untersichsein".


    Trotzdem, und damit schließe ich und möchte Suebicus Recht geben und East_Clintwood widersprechen, ist das klassische rechts-links-Schema ungeeignet, um die heutige Realität darzustellen, es müsste mindestens noch um die Dimension konservativ-liberal erweitert werden, um der Realität wenigstens etwas näher zu kommen. Damit kann man dann auch die überraschend großen Schnittmengen bei Inhalt und Milieu etwa von AfD und Linkspartei im Osten erklären, die sich nach der gängigen Theorie eigentlich abstoßen müssten. Sie sind aber beide (sozial)konservativ und hegen ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber Veränderungen, derer es in ihren Leben natürlich schon viele gegeben hat. Mit vielen klassisch konservativen Themen des westdeutschen Diskurses aber (Religion, aber auch Themen wie Abtreibung, Kindertagesstätten oder die weibliche Erwerbsbeteiligung, alles permanente Reizthemen für den westdeutschen Wertkonservativen) können diese Menschen gar nichts anfangen, sie sind weder religiös, noch sehen sie irgendein Problem in Abtreibungen oder "Fremdbetreuung", stehen in diesen Punkten also klar "links" der CDU.

  • Stahlbauer hat ja angemerkt, dass es direkt nach der Wende in Ostdeutschland noch breite Unterstützung für den Abriss von DDR-Architektur gegenben habe. Dies kann man vielleicht im Kontext der allgemeinen Aufbruchsstimmung der damaligen Zeit verstehen, ehe dann mit abflauender Euphorie und der Ernüchterung über die neuen Realitäten ein Geisteswandel in Bezug auf die Architektur stattfand. Aber selbst heutzutage sind diese Jünger der DDR-Architektur wohl nur eine laute Minderheit, sie repräsentieren sicherlich keineswegs die Mehrheit der Ostdeutschen.


    Heinzer, volle Zustimmung! Selbst die sozialistischen Regime waren ja nicht rein links, sondern hin und wieder kann man auch (zumindest aus heutiger Sicht) eher rechts erscheinende Elemente erkennen. Stalin war zum Beispiel in sozialen Fragen wie Homosexualität oder Abtreibung ziemlich konservativ, er hat die liberalen Reformen Lenins teilweise wieder rückgängig gemacht. Die frühe DDR versuchte auch, den deutschen Nationalismus für ihre Zwecke einzuspannen, Walter Ulbricht bezog sich in seinen Reden und Schriften ständig positiv auf Begriffe wie "deutsches Vaterland" oder "deutsche Nation". Dies mag auch nur bedingt zur kommunistischen Vorstellung vom vereinigten Weltproletariat passen.

  • Bei der Wiedervereinigung wurde eine kleinere "Gruppe" von einer größeren mehr oder weniger geschluckt (das klingt jetzt negativer als ich es meine) und das ruft eben Trotzreaktionen hervor. Das mag zwar ein schlechter Vergleich sein, aber bei diesem "Zwist" zwischen Badensern und Schwaben sind mir bisher eher erstere als die treibende Kraft aufgefallen. Die Schwaben haben in Baden-Württemberg die Hauptstadt bekommen und scheinen auch ansonsten zu dominieren, dementsprechend halten die Badenser eine besondere Betonung ihrer eigenen Identität dieser empfundenen Übermacht entgegen. Denselben Mechanismus können wir in Ostdeutschland beobachten. Das Ganze mag also eine Reaktion auf die Hegemonie des Westens sein und da man, im Gegensatz zu den BRDlern, in der Nostalgie wohl schlecht auf die politische Geschichte zurückgreifen kann, müssen eben Dinge wie die Architektur oder die Alltagskultur (Broiler etc.) dafür herhalten. Es ist ja auch verständlich, dass man es bedauert, wenn die Welt, in der man aufgewachsen ist, mehr und mehr verschwindet und ersetzt wird (und damit meine ich natürlich nicht die Politik, sondern die Kultur). Apropos Jugendkultur, es gibt zum Beispiel auch den ziemlich erfolgreichen Rapper "Finch Asozial", der sich hauptsächlich mit dem Image eines assozialen Plattenbau-Ostdeutschen profiliert. Es wäre hingegen undenkbar, als westdeutscher Musiker seine ganze Identität auf das "Wessitum" aufzubauen.


    Ein sehr interessanter Vergleich für den man exemplarisch Freiburg i.B. und Stuttgart als Bestätigung dieser These anführen kann. Der Zerstörungsgrad war ähnlich, die städtebaulichen Schlüsse, die man daraus zog, könnten jedoch unterschiedlicher nicht sein.


    Womöglich ließe sich dieses Argument des ‚Machtgefälles‘ auch auf Potsdam übertragen, das im Schatten Berlins steht und daher eine architektonische und identitätsbezogene Antithese zur ‚Weltstadt‘ bilden möchte.

  • Trotzdem, und damit schließe ich und möchte Suebicus Recht geben und East_Clintwood widersprechen, ist das klassische rechts-links-Schema ungeeignet, um die heutige Realität darzustellen, es müsste mindestens noch um die Dimension konservativ-liberal erweitert werden, um der Realität wenigstens etwas näher zu kommen.

    Zum Thema "Links"/"Rechts" habe ich hier, etwas geschrieben, das zur Erhellung der Problematik beitragen könnte: Populismus-Vorwurf in der Architektur


    Will sagen: die Kategorien "rechts" und "links" greifen durchaus noch, sofern man sie nur in ihrer historischen Entwicklung betrachtet. Die Verwirrungen rühren oft nur daher, dass verschiedene Diskutanten sich im Gebrauch der Begriffe auf verschiedene historische Entwicklungsstadien beziehen.

  • Ich glaube nun nicht, dass sich das Empfinden der Badenser, im eigenen Bundesland zu kurz zu kommen, tatsächlich auf die doch vorbildliche (und das sage ich als Schwabe ) Gestaltung ihrer Städte auswirkt. Ich wollte damit nur verdeutlichen, dass marginalisierte Gruppen (oder solche, die sich dafür halten) dazu neigen, in einer Trotzreaktion ihre eigene Identität besonders herauszustellen. Ich empfinde es jedenfalls so, dass Badenser viel eher dazu geneigt sind, ihre Eigentümlichkeiten zu betonen, als die Schwaben. Hätten nun die Badenser das politische Übergewicht im Bundesland, wäre es wohl genau umgekehrt. Wie gesagt, in der Anfangszeit mag es in Ostdeutschland breite Unterstützung dafür gegeben haben, sich von den Relikten der DDR zu trennen, schließlich war der Schrecken viel näher und jegliche Zweifel wurden vom allgemeinen Aufbruchsgeist der Zeit übertont. Nach einigen Jahren setzte jedoch angesichts der politischen Zustände eine Ernüchterung ein, viele Ostdeutsche fühlten sich übergangen und die glorreichen Träume hatten sich nicht in Wirklichkeit verwandelt. Da kann dann vielleicht aus Trotz eine Gegenbewegung entstanden sein, die sich die Erhaltung des DDR-Erbes auf die Fahnen schrieb, um der empfundenen Geringschätzung etwas entgegenzusetzen. Da man sich nun, wie ich schon geschrieben habe, bei der Konstruktion einer eigenen Gruppenidentität nicht auf die (negative) politische Vergangenheit berufen konnte und wollte, fokussierte man sich stattdessen auf die ostdeutschen Eigentümlichkeiten wie Relikte von DDR-Alltagskultur oder auch Bauwerke. Aber es handelt sich hierbei, wie schon geschrieben, wahrscheinlich um eine laute Minderheit, schließlich liegen mit Potsdam und Dresden zwei Zentren der Rekonstruktionsbewegung in Ostdeutschand.

  • Wenn es um Erhalt oder Abriss der (Ost-)moderne geht können Linke auf einmal sehr konservativ und Konservative auf einmal sehr progressiv sein.

  • Vielleicht kann man es mit dem kleinen Kind vergleichen, das besonders laut auftritt, um sich gegenüber seinem älteren Bruder zu behaupten. Es ist ein Aufplustern aus Angst, übersehen zu werden. Um einmal einen weiteren kontroversen Vergleich zu bringen: Mir scheint, dass die heutige Beziehung zwischen Deutschland und Österreich von einer ähnlichen Dynamik geprägt ist. Deutsche und Österreicher sind sich aufgrund von Geschichte, Kultur und Sprache einfach ziemlich nahe, das kann man nicht leugnen. Bis in das 20. Jahrhundert hinein haben sich die Österreicher auch selbstverständlich als Angehörige einer deutschen Nation gefühlt. Tatsächlich ist es so, dass Deutschland über das politisch größere Gewicht verfügt und ich will auch nicht abstreiten, dass wir "Piefkes" uns manchmal dementsprechend gegenüber den Österreichern verhalten haben (und immer noch verhalten). Es ist eine Situation, in der ein Geschwisterteil das andere an Einfluss und Bedeutung total überwiegt und es dieses auch spüren lässt. In einer Reaktion hierauf leugnen die Österreicher das Offensichtliche, betonen übermäßig ihre Eigenheiten aus einer Angst heraus, ansonsten international lediglich als eine Art Anhängsel Deutschlands wahrgenommen zu werden. (An alle Österreicher hier: Ich meine das überhaupt nicht böse, ich mag euer Land total gerne. Seht es einmal so, ihr habt immerhin die bei weitem schönere Hauptstadt )

  • Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich wollte nicht behaupten, dass Österreicher Deutsche seien oder dergleichen. Es ging mir um diese spezielle Dynamik der Beziehung, die mich doch auch an die zwischen den Schwaben und Badensern erinnert. Jedenfalls hört man von den Österreichern häufiger Klagen über die "Piefkes" als umgekehrt.


    Wie dem auch sei, ich glaube, dass der Überbetonung der DDR-Architektur ein ähnlicher seelischer Mechanismus zugrunde liegt, eine Art Aufbegehren gegenüber dem größeren, dominierenden Bruder.

  • Ich denke schon, dass es eine der "Ostalgie" vergleichbare "Westalgie" gibt:


    Vor allem im ehemaligen Westberlin.


    Niemals wäre es möglich, die vergurkte Ruine der Gedächtniskirche nebst "Puderdose und Lippenstift" anzutasten und stattdessen die Gedächtniskirche an dieser Stelle vollständig zu rekonstruieren. Und bitte komme mir keiner, dass dieses Panoptikum als Mahnmal gegen den Krieg bestand haben müsse - Mahnmal gegen den Krieg war die Ruine der Frauenkirche in Dresden auch, und sie konnte trotzdem wieder aufgebaut werden.


    Auch habe ich den Eindruck, dass Westberlin-Errungenschaften wie Sozialpalast, Kottbusser-Tor-Bebauung, das olle ICC und nicht zuletzt die Stilllegung der westberliner Straßenbahn noch immer als unverrückbare Zeichen westlichen Fortschritts bestehen bleiben müssen.

  • Um Missverständnisse zu vermeiden: Ich wollte nicht behaupten, dass Österreicher Deutsche seien oder dergleichen.

    Schade (und deshalb kein "gefällt mir" :zungeorange::lachentuerkis: ). Für mich sind Österreicher Deutsche, und zwar von mir ganz besonders ins Herz geschlossene, wenn auch solche eines anderen Staates. San Marinesen sind für mich auch Italiener. Kulturell betrachtet. Ich war immer ein Freund einer neuen Konföderation zwischen Österreich und der BRD. Schau mal, Wien würde unsere Hauptstadt, der Bundespräsident würde in der Hofburg residieren, und das schreckliche Kanzleramt (samt sonstiger maroder Bundesbauten) in Berlin könnte endlich zugunsten schöner Architektur abgerissen werden. :zwinkern: