Werden wir das schöne Bauen noch erleben?

  • Das Dilemma jedoch sei, dass die Zunft der Architekten genau die Bauten begeistert prämiert....

    ..... die ausgezeichnet wurde für ihre klaren Formen, in denen die Feuerwehrleute allerdings wegen der "mönchischen Kargheit" krank wurden."

    Dieses "klare Linien" lese ich auch regelmäßig in der Lokalpresse als nachgeplapperte Huldigung für uninspirierte Gestaltung in Neubaprojekten. Ich kanns nicht mehr hören oder genau beschreiben, wie schlecht mir dadurch wird und wie sich in mir Mitleid mit all den jubelnden Beteiligten wächst, die anscheinend den Bezug zu sich selbst verloren haben.

  • Und prompt kommt die "Antwort" aus der anderen Richtung:


    "Nach der Berichterstattung über einen wenig schmeichelhaften Vortrag zur zeitgenössischen Bauweise kommt viel Zustimmung der Leser. Doch jetzt äußern sich der Vorsitzende des Forums Baukultur und ein Architekt."

    https://www.nw.de/lokal/bielef…ekten-halten-dagegen.html


    "Bielefeld. Nach dem überwältigenden Zuspruch zur Kritik an der Architektur der heutigen Zeit durch Hanno Rauterberg, der an der Uni einen Vortrag hielt, regt sich nun Widerspruch aus Fachkreisen. Architekt Michael Pappert und Michael Zirbel, Vorsitzender des Forums Baukultur OWL, bewerten die Lage ganz anders.

    „Allzu populistisch", findet Zirbel die Kritik. Rauterberg hatte den zeitgenössischen Architekten Fantasielosigkeit, einen Mangel an sozialer Kompetenz und Idealismus sowie Effekthascherei vorgeworfen. „So wie der Zeit-Redakteur das darstellt, ist das Architekturgeschehen eben nicht. Überwiegend werden die Einfamilienhausgebiete immer noch nach dem Gemütlichkeitsschema gebaut – und eben nicht mit tiefen Fenstern und Flachdächern. Im Gegenteil, es wäre schön, wenn mehr von der so platt kritisierten Architektur in Deutschland entstünde", schreibt Zirbel.Nicht die moderne Architektur sei das Problem, sondern eine „Architektur mit Klinker, geschottertem Vorgarten, falschen Sprossenfenstern und zentral gesetzter Dachgaube im Fledermausstil"."


    "Stattdessen wirft er dem Referenten vor, sich „baukulturelles Denken, das der Gemütlichkeit zwischen Schöner Wohnen und den Baumarktangeboten verhaftet ist", zu bedienen. An dieser Stelle würde der Zeit-Redakteur jedoch protestieren und sagen, dass er das so nie gesagt und gemeint habe. Tatsächlich hat er kein Plädoyer für diese Art Baukultur gehalten. Zirbel wünscht sich mehr moderne Architektur in Bielefeld, „eine Stadt, die das mehr als nötig hat – mehr von qualitätvoller, selbstbewusster und nach vorne weisender Architektur", sagt er."


    "Auch Architekt Michalel Pappert ist keinesfalls einverstanden mit der Kritik an seiner Zunft. Stattdessen berichtet er über den im Vortrag zitierten Stararchitekten Frank O. Gehry, der gesagt hatte, dass 98 Prozent der heutigen Bauten „Scheiße" seien, dass „ausgerechnet dieser Darling des internationalen Architekturjetset 2014 in Spanien, anlässlich einer Architektur-Preisverleihung, in der Pressekonferenz einen Journalisten beschimpft, weil dieser ihn mit kritischen Fragen konfrontiert hatte, die seine Bauten, zum Beispiel sein jüngst in Paris eröffnetes Louis-Vuitton-Museum, Show-Architektur nennen – was ja das Wesen seiner Bauten ziemlich treffend beschreibt", so Pappert."


    "Ein Gehry habe sich weder jemals in die Niederungen der Energie-Einsparverordnung begeben oder versucht, Grundrisse im geförderten Wohnungsbau zu entwerfen, noch auf die Nachhaltigkeit seiner Materialwahl geachtet, schreibt der Bielefelder Architekt. „Ihm ist es auch egal, ob er für saudische Scheichs, in fragwürdigen politischen Systemen oder Marc Zuckerberg baut – sein Honorar ist genauso wenig diskutabel wie seine Baukosten."Pappert schreibt weiter, dass er sich noch gut an die Marta-Einweihung 2005 mit Jan Hoet und Gehry auf dem roten Sofa in Herford erinnere, „wo bei meiner Frage nach Kosten und Honorar nur gönnerhaft gegrinst wurde. Immerhin haben damals die mehr als 30 Millionen Euro Baukosten nicht nur den Bürgermeister Gabriel sein Job gekostet.""


    "Für einen wirklich fachlichen Diskus zur Gestaltungsqualität empfiehlt Pappert, stattdessen frei nach Kollege Niklas Maak „nach den strukturellen ökonomischen Bedingungen zu fragen, die dazu führen, dass Städte und Vorstädte so aussehen, wie sie aussehen. Welche Lobbys und Machtinteressen bilden sich in den Bauformen ab? Wie kommt es, dass neue Stadtviertel entstehen, für die nachher niemand verantwortlich sein will?""


    Bericht aus der Neuen Westfälischen Zeitung vom 12.11.2021, Autor ist Ansgar Mönter



  • Lieber Architekt Michael Pappert und Michael Zirbel, das hier wäre (nach)gefragt und auf jeden Fall das Gegenteil von hässlich - "Schauet und lernet alle davon: Das ist das Haus das für Euch hingegeben wird! Nehmet und lernt alle davon: Das ist das Haus des neuen und ewigen Bundes!" :lehrer::


    https://www.ralfschmitz.com/berlin/eisenzahn-1/

    „Dekoration ist der wichtigste Teil der Architektur“ (Sir William Scott)

  • Zusammenfassung der ,,Gegenargumente", besser wohl Thesen:

    - Viel zu viele bauen ohne Architekt und damit nicht modern, sogar anspruchslos

    - Gemütlichkeit ist keine erstrebenswerte Eigenschaft, sondern populistisch, ja kleingeistig

    - Nur noch mehr moderne Architektur bringt einer Stadt Vorteile, alles andere ist Rückschritt


    - Schmähung Gehrys, weil er es gewagt hat Kritik am System zu äußern mit erwartbaren Argumenten:

    #Angriff auf Person, der sich scheinbar im Ton gereift und kritikunfähig elitär und korrumpiert ist

    #Angriff auf seine Arbeiten, die Show-Architektur, ressourcenverschwenderisch sind, mangelnde Kostenkontrolle aufweisen und fragwürde Auftraggeber im Hintergrund haben

    -> Also sprich lieber Abarbeiten am Kritiker als an dessen Kritik

    - Einzige zwei Sachargumente: Wirtschaftliche Bedingungen erlauben nur eine moderne, schlechte Architektur, schlechten Städtebau

    - Nebulöse Machtinteressen stehen hinter der kritikwürdigen neuen Architektur

  • Zusammenfassung der ,,Gegenargumente", besser wohl Thesen:

    ...

    - Gemütlichkeit ist keine erstrebenswerte Eigenschaft, sondern populistisch, ja kleingeistig

    ...

    -

    Natürlich. Schließlich ist ja die Eigenschaft "gemütlich" (mit Ausnahme des holländischen "hüggelig") nur in der deutschen Sprache zu finden und damit automatisch deutschnational rechts. Es muss unterdrückt werden, denn es ist ein schweres Hindernis bei der Realisierung des linken Weges zum Sozialismus. Zufriedenheit, durch schöne Architektur oder schönes Wohnumfeld , macht die Bürger träge und schlecht motivierbar zum Kampf.

    Nur tägliches Konfrontation mit Hässlichkeit, grauen Fassaden, sterilen Wohnungseinrichtungen, schafft die erforderliche Unzufriedenheit, die sich sehr leicht politisch missbrauchen lässt.

    Daraus kann abgeleitet werden, dass die schöne Architektur erst wieder nach dem Erreichen des revolutionären Ziels zu erwarten wäre, wenn Gemütlichkeit und Zufriedenheit sich nicht mehr hemmend auf den Lauf der Geschichte auswirken können.

    (Für Westdeutsche ohne sozialistische Vorbildung ist das wohl völlig unbegreiflich)

  • Ein großartiges Gespräch mit dem Schweden Michael Diamant über traditionelle Architektur und „die Dummheit der Modernisten“ (auf Englisch, es gibt eine halbwegs passable automatische Übersetzung der Untertitel):


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    Michael Diamant ist Gründer der facebook Seite New Traditional Architecture.


    Der Youtube Kanal, der das Gespräch ausgerichtet hat "Cave of Apelles" ist generell recht interessant. Es geht um Philosophie, Kunst und eben Architektur.

  • Interessanterweise hat das bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts universell gültige Prinzip, dass sich auch die höchsten Anforderungen an Funktionalität und Komfort letztlich der äußeren Schönheit unterzuordnen haben, beim Autobau bis heute überlebt, nicht jedoch in der Architektur. Bei den Automarken des gehobenen Segments bestimmt die stimmige Eleganz der äußeren Form letztlich die Kaufentscheidung. Neubauten dagegen dürfen nach außen hin hässlich sein, den betrachtenden Passanten seelischen Schmerz zufügen, Hauptsache sie bieten den gewünschten Wohnkomfort und verfügen über eine gute Lage:




    Berlin-Mitte, Flottwellstraße

    Eingestellte Bilder sind, falls nicht anders angegeben, von mir

  • eine gute Lage

    Diese definiert sich aber zum Teil auch durch ein attraktives, schönes Wohnumfeld. Insofern tragen diese Blocks bereits durch ihren Bau dazu bei, die Lage zu verschlechtern, als sich selbst im Wert zu mindern.

  • Die Betrachtung zeitgenössischer Architektur führt einen immer wieder zu der ernüchternden Erkenntnis, dass ein ungeschickt angebrachtes Treppenhaus eine ganze Fassade versauen kann.


    Es fängt eigentlich ganz respektabel an:



    Nagelneu:



    Dann der ernüchternde Moment:



    Muss man dazu noch viele Erklärungen abgeben? Ja, es ist praktisch, ein Treppenhaus so schön belichtet genau da hinzusetzen, wo die Wohnungsgrundrisse dies nahelegen.


    Gut gedämmt:


    Eingestellte Bilder sind, falls nicht anders angegeben, von mir

  • Bei den Automarken des gehobenen Segments bestimmt die stimmige Eleganz der äußeren Form letztlich die Kaufentscheidung. Neubauten dagegen dürfen nach außen hin hässlich sein

    Das scheint leider auch immer weniger zu gelten, wenn man sich manche "Premium"-Autos heutzutage so anschaut.
    Immer mehr wirre Linien, schwülstige Formen, Hauptsache groß, auffällig und verrückt scheint die Devise.
    Vielleicht auch der aktuellen Logik der sozialen Medien folgend: Hauptsache Aufmerksamkeit für mehr als 3 Sekunden.
    Hier ein interessantes YouTube-Video dazu. (YT Desing Theory: Why Modern Car Designs Are So Visually Complex)


    Und gleichzeitig gibt es wie in der Architektur auch den Gegentrend. Der neue Mercedes SL ist mit seinem auf Eleganz und Schlichtheit getrimmten Retro-Äußeren wohl ein ganz gutes Beispiel, im Vergleich mit den seltsamen BMW-Experimenten der jüngsten Zeit.

    Insofern habe ich Hoffnung für Automobil- und Architekturgestaltung: irgendwann kommt immer der Punkt, an dem das Pendel zu weit in Richtung Hässlichkeit geschwungen ist. Und elegante, zeitlos schöne Formen wieder in Mode kommen.

  • Gert Scobel hat sich in seiner aktuellen Sendung mit der Zukunft beschäftigt und sich hierbei zu einem bedeutenden Teil mit dem Wohnen und dem Städtebau der Zukunft mit seinen Gästen auseinandergesetzt. Hier der Beitrag an entsprechender Stelle:

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    Bemerkenswert ist meiner Meinung nach eine bestimmte Botschaft, sodenn ich sie richtig interpretiere: Es wird an einem Punkt davon gesprochen, dass Untersuchungen klar darauf hinweisen, dass die ,,Porosität" der Gebäude wichtige Effekte für eine funktionierende Stadt bringen. Hier wird Porosität jedoch nicht, wie ich es sonst gehört habe als einfache Speicherwirkung von Wasser auf Flachdächern und Grünflächen verstanden. Es geht anscheinend um strukturreiche Oberflächen (Vertiefungen), die, Zitat, die Städte irgendwie kühlen. Ich mag es in meinem Verständnis umdeuten, aber heißt das nicht exakt das, was die traditionelle Baukunst sowieso macht, nämlich überkragende und auskragende Strukturen in Fassaden, Tiefen und Höhen usw., die Schatten spenden?


    Entdeckt hier gerade die Stadtplanung und die Bautechnik alte Methoden neu?

  • Allerdings sind die dekonstruktiven und Spiegel-modernistischen Beispiele aus Rotterdam gruselig hässlich.

  • "Porosität" ist ein Schlagwort, das ich in letzter Zeit öfter mal aus Baufachkreisen höre.

    Meist meint man damit wohl eher den Aspekt der Stadtplanung, urbane Permeabilität. Weniger fachlich: dass ein Stadtraum gut durchlässig und begehbar ist, dass z.B. zwischen Neubauten Gassen und Höfe geschaffen werden, Passagen, Nischen, viele Räume die mit Leben gefüllt werden können. Auch Mischnutzungen, die sich überlagern.


    Lars Krückeberg von GRAFT Architekten sprach darüber z.B. neulich im Bezug auf das Projekt Bricks in Berlin.
    Und ich sehe darin einige gute Ansätze für New Urbanism und lebendigere Neubauquartiere. Zugleich ist hier natürlich auch viel Bestand dabei. Die parametrische Backstein-Fassade des Neubaus an der Hauptstraße mit seinen eingestanzten Guckkästen überzeugt mich auch nicht, trotz einiger netter Ideen. Die Rückseite und Höfe sind besser.

  • erbse Danke für diesen Einblick und die Erklärung des Begriffs. Zu schade, dass damit nicht die Fassaden selbst gemeint sind, aber wie Du sagst, schon mal nicht die komplett falsche Richtung. Oft wird das halt recht ungünstig dann umgesetzt, indem man zwar formal ,,Begegnungsräume" schafft, die aber aus unterschiedlichen Gründen sogar in der Mehrzahl der Fälle gar nicht nicht so angenommen werden. Das kann dann wie ein Feigenblatt wirken.