Berlin-Mitte - Schinkelplatz und Umfeld

  • Ich find' s weniger schlimm als erwartet. Man muss ja bedenken, dass viele Stadthäuser auch recht schlicht in den Fassaden waren, bevor die Opulenz der Gründerzeit Berlin so radikal veränderte. Insofern könnte man das als eine Rückbesinnung auf vor-historistische Zeiten betrachten. Die Neubauten sind zumindest um eine - wenn auch sehr strenge - Ästhetik bemüht.


    Wenn ich mich über etwas aufrege, dann über solche geschmacklosen Ungetüme wie das Ding Am Zirkus, das als „yoo Berlin“ vermarktet wird. Sowas gehört verboten.

    In dubio pro reko

  • Im DAF-Forum sind inzwischen auch Bilder der abgerüsteten Steidle-Fassade zu sehen, für mich eine negative Offenbarung. Eine langweilige, nichtssagende Ornament-Angst-Psychosen-Fassade ist als Pendant zum Schloss entstanden. Eine Hälfte weiß, die andere grau, ach wie kreativ. Da ist selbst der Staab-Bau im Endeffekt noch besser gelungen.
    Angesichts der Schlichtheit Steidle-Kiste kommen mir dabei Assoziationen an das Wohnhaus von Erich Honecker in Wandlitz (Bild). ;(

  • Danke für den Link zu den Bildern im DAF. Das größte Manko ist, dass man von der Straße aus die immerhin vorhandenen, aber viel zu flachen Walmdächer nicht sieht. Dadurch laufen die Fassaden oben ins Leere, wirken wie abgeschnitten und das ganze wird deswegen sehr kastenförmig. Wenigstens ein kräftigeres Gesims am oberen Abschluss hätte es schon sein dürfen, um das Problem abzumildern.

    Lûbeke, aller Stêden schône, van rîken Êren dragestu de Krône. (Johann Broling, Lübecker Kaufmann und Ratsherr, um 1450)

  • Wenn ich die Bilder sehe, habe ich sofort, dank der Fenster, sofort an ein Gefängnis denken. Die Fenster wirken wie Gitter. :daumenunten:

  • ich muß so ca. sechs Jahre alt gewesen sein, da zeigte mir mein Großvater ein Photo vom Schinkelplatz, das Ende der 20er Jahre aufgenommen worden sein muß. Er arbeitete dort bis zum Konkurs der Darmstädter Nationalbank in der Hauptgeschäftsstelle und saß bei schönem Wetter in den Mittagspausen auf der halbrunden Steinbank, die jetzt wieder da steht.
    Schrecklich, was statt des ehrwürdigen Bankhauses heute dort platziert wurde.
    Wie sehr unterscheidet sich die Atmosphäre von damals von der heutigen. Der Zuckerbäcker-Stil der DarmNatBank korrespondierte gut mit dem Eosanderportal des Schlosses und das Nationaldenkmal füllte würdig, was heute nur eine Brache ist.
    Leider ist dieses Photo verschollen. Ich würde es gerne hier einstellen!

    Der Wind gedreht
    Albtraum verweht
    Zum Schluss jetzt das Glück
    Das Schloss kommt zurück!

  • Quote from Königsbau

    Ich find' s weniger schlimm als erwartet. Man muss ja bedenken, dass viele Stadthäuser auch recht schlicht in den Fassaden waren, bevor die Opulenz der Gründerzeit Berlin so radikal veränderte. (...)


    Das ist wohl korrekt. Trotzdem tröstet mich diese Tatsache nicht über einen solchen Anblick hinweg. Die Fassaden waren damals schlicht. Aber die Häuser waren wenigstens unterschiedlich hoch/breit und hatten ein angenehmes Satteldach, oder Giebel. Diese drei gleichförmigen Klötze finde ich einfach nur schrecklich. Wenigstens mit verschiedenen Höhen, hätte man das etwas auflockern können.

  • Vielleicht mag ja jemand Fotos liefern, ob es aus der Nähe etwas besser wirkt?

    Bis heute Abend wirkt es zumindest m. E. noch nicht besser.
    Ich kann die primitiven Kisten allesamt nicht leiden, stimme aber zu, dass der Staab-Bau noch der erträglichste ist.





    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Wenn die beiden Steidle-Kisten wenigstens nicht so billig in der Ausführung wären. :/ Ein wertiger Naturstein und wertigere Fenster und Brüstungen hätten da wenigstens noch etwas rausgeholt. Aber der schnöde Putz auf Dämmung und die Baumarktfenster...?
    Vorher war übrigens zumindest geplant mehr Baubronze einzusetzen, so z.B. im ersten Stockwerk:



    Ob wenigstens die Schaufenster und Portale wertig werden...?

  • Nee, soweit ich mich von den Baubildern her erinnern kann ist es kein "schnöder Putz auf Dämmung", sondern klassischer Hohlziegelbau mit entsprechender Stärke!

  • Kennt eigentlich irgend jemand einen vernünftigen Grund, warum man in Deutschland seit vielen Jahrzehnten keine Abschlußgesimse mehr baut? ?(


    Diese haben doch nicht nur einen ästhetischen Zweck, sondern durchaus auch einen praktischen Nutzen, indem sie nämlich die Fassaden ein Stück weit gegen Verschmutzung und Verwitterung schützen.


    Es ist schon mehrmals erwähnt worden und meiner Meinung nach ist es auch genau so: man muss auf diese Kisten nur ein schönes Gesims aus Naturstein und ein vernünftiges Satteldach bauen und plötzlich wird aus dem Knasttrakt etwas Akzeptables.

  • Dieser Tatbestand zählt zu den Geheimnissen und Unbegreiflichkeiten "moderner" Baugesinnung. Auf der gleichen Linie liegt die Gepflogenheit heutiger Gestalter, Dachüberstände so weit urückzunehmen, wie nur eben bautechnisch noch machbar. Solche Häuser strahlen Kälte, Kargheit, Entbehrung aus, da die finanziellen Mittel offensichtlich gerade ausreichten, um die Umfassungsmauern eines Hauses abzudecken, aber nicht mehr, um das Haus durch ordentliche Dachüberstände vor Witterungseinflüssen zu schützen. Welche verquere, gegen das Leben gerichtete Gesinnung ist es, die sich in solcher rational nicht nachvollziehbarer Baupraxis ausspricht?

  • Das zeigt insbesondere, dass die Idee des Funktionalismus eben ein -ismus ist. D.h. da wo er noch bestimmend ist, soll es vor allem funktional aussehen. Die Funktion muss dann halt gelegentlich zurücktreten ...

  • Der Neubau Werderscher Markt/Oberwallstraße ist vollständig disarmiert worden.




    Und am Schinkelplatz wurde ein wenig aufgeräumt und man kann die grau-weiße Pracht vollends genießen.


    Schön ist das, was ohne Begriff allgemein gefällt.
    (Immanuel Kant)

  • Genau das Wort "steril" hatte ich auch im Kopf, als ich mir die ganzen Neubauten in weiß und hellgrau ansah... Frostig, unnahbar und steril und das einzig wirklich ästhetische Bauwerk am Werderschen Markt ist höchstwahrscheinlich die Friedrichswerdersche Kirche. Jedoch darf sie nun ihre Schönheit nicht mehr zeigen, so komplett dichtgebaut wie sie jetzt ist. Man nimmt der Kirche regelrecht die Luft zum Atmen vor lauter "Weißer Riese"-Waschmittel-Sterilität... :kopfschuetteln:


    Ja, ich bin auch für die Anpflanzung von hohen grünen Bäumen, die die ganze Sterilität abzumildern vermögen. Leider würde das aber noch einige Jahre dauern, bis ihre Kronen dafür hoch genug sind.

  • Daher:Bitte abreißen und den Ursprungszustand wieder herstellen... 8o



    Die vorgründerzeitliche Bebauung war meiner Meinung nach sehr viel schöner und passander als die fetten Gründerzeitpaläste. Hier die vornehme und stilsichere klassizistische Bebauung des Platzes: